Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 12
»Es ist net wahr, net wahr, net wahr!« kreischten die Sternbübles.
»Na, so ein paar widerhaarige Buben sind mir noch gar nicht vorgekommen,« rief Frau Tippelmann. Sie ärgerte sich und lachte dabei, und da sie sah, daß die Sternbübles durch Worte nicht zu überzeugen waren, stand sie auf und holte ein paar kleine Bilder herbei, die sie den Kindern vorlegte. »Da seht ihr's,« sagte sie. »Da sind Männer mit Zöpfles drauf; seht, das hier ist sogar ein Offizier, und der hat auch einen Zopf. Na, glaubt ihr es nun?«
Ein paar Herzschläge lang starrten die Sternbübles stumm auf die Bilder nieder. Wirklich, da hingen den feinen Herren kleine steife Zöpfe herunter, und keiner sah darob sehr verwundert drein. Die Bübles sahen sich an, sahen wieder die Bilder an, sie hörten aber auch das schadenfrohe Lachen der andern, und der alte bitterböse Sternbüblestrotz wachte wieder in ihnen auf. Mathes rief als erster: »Die Bildles, die sind net wahr, die -- die -- sind aus -- Märchenbüchern.«
»Jawohl, aus Märchenbüchern sind se,« schrie Peter nach, »sie sind net wahr.«
»Was, meine Bilder sind net wahr?« rief Frau Tippelmann verdutzt. »Mein eigener Urgroßvater soll net wahr sein? Nun schlägt's aber dreizehn!«
Die Lindenkinder waren nur einen Augenblick sprachlos, dann tobten sie los wie zur Zeit der schlimmsten Feindschaft mit den Sternbübles, und die blieben die Antworten nicht schuldig. Worte flogen hin und her wie Schneebälle. Frau Tippelmann schalt, Laura lachte, Gundel weinte, Alette weinte mit, und alle miteinander überhörten den Klingelton unten, hörten nicht, daß die neue Küchenmagd Selma mit jemand sprach, bis sich die Türe auftat und dieser Jemand ins Zimmer kam. »Potzwetter, nennt man das eine Krankenstube?«
Da war es nun plötzlich still, und tief erschrocken schauten alle auf den Arzt. Frau Tippelmann aber seufzte schwer, fast schuldbewußt; es war ihr beinahe, als hätte sie den Lärm selbst verursacht. Ordentlich bedrückt sagte sie: »Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor, mit diesen Sternbübles ist es ein Kreuz.«
»Was haben sie denn getan?«
Alle auf einmal wollten Antwort geben, diesmal aber gelang es Frau Tippelmann, sie zur Ruhe zu bringen; sie rief streng: »Schweigt, ich erzähle!«
Und dann erzählte sie halb lachend, halb ärgerlich die Zopfgeschichte, und der gute Doktor machte ein Gesicht dazu, als könnte er das Lachen nicht mehr recht am Ausreißen hindern. »So ist's!« sagte er und sah die Sternbübles von oben bis unten an. »Hm, ihr glaubt also nicht an die Zöpfles?«
»Noi,« beharrten die Bübles trotzig und gekränkt, »das ist net wahr!«
»So, hm! Na, seht einmal an! Wer ist denn das hier, der euch allen vor der Nase hängt, und an dem ihr alle vorbeigesehen habt, obgleich man an dem in der Weltgeschichte wirklich nicht vorbeisehen kann?«
Der Doktor nahm ein Bild von der Wand, hielt es Mathes und Peter vor die Augen und fragte: »Wer ist das?«
»Der alte Fritz!« Die Lindenkinder riefen es zuerst, und dann schrieen sie alle zusammen: »Er hat ein Zöpfle!«
»Na ja, freilich, der alte Fritz hat ein Zöpfle getragen, und was er, der große Held, getan hat, werden die andern Männer wohl auch getan haben. Glaubt ihr das nun, ihr Ungläubigen?«
Ja, nun glaubten sie es schon; wenn der alte Fritz ein Zöpfle hatte, dann freilich! Die Sternbübles sahen ganz verdattert drein, und die Lindenkinder taten soeben ihre Münder sperrangelweit auf, um in ein riesenhaftes Jubelgeschrei auszubrechen, als der Doktor schnell rief: »Nun aber raus, allesamt, eine Krankenstube ist keine Lärmstube, wer schreien will, mag es draußen tun, obgleich es für das Löwengäßle angenehmer wäre, ihr ginget fein stille heim.«
»Das werden sie ganz und gar nicht tun,« brummelte Frau Tippelmann, »die schon sicher nicht. Ich bin aber froh, daß sie gehen; so bald gibt es nicht wieder Besuch hier, das sage ich.«
»Und die Geschichte?« rief da plötzlich Alette in einem so jämmerlichen Tone, daß es selbst den bockbeinigen Sternbübles an das Herz ging. Die taten jeder einen kellertiefen Seufzer und schauten drein, als wären Heim und Stube, Schulferien, das Löwengäßle, das Nachtessen und sonst etwas weggeschwommen. »Die Geschichte bleibt nun unerzählt,« sagte Frau Tippelmann streng. »Wer sich über ein Zöpfle net beruhigen kann, der braucht keine Geschichten zu hören.«
Es war merkwürdig, Alette kannte ihre Tante doch erst seit kurzer Zeit, aber schon wußte sie, hinter der Strenge lauerte das Lachen, und ihr eben noch so betrübtes Gesicht hellte sich auf. Sie rief rasch: »Morgen erzählst du, bitte, bitte!«
»Nein, morgen gewiß nicht.«
»Dann übermorgen.«
»Na, vielleicht, -- wollen mal sehen, aber nun Abschied!«
Der war kurz, denn Frau Tippelmann schob die Gäste einfach zur Türe hinaus, der Doktor half, Laura auch, und so kamen die Kinder der Löwengasse so geschwind hinaus wie noch nie. Auf einmal standen sie auf dem Gäßle, die herbe Frühlingsluft umwehte sie, kühlte ihre heißen Stirnen und dämpfte auch ihre Streitlust. Für die Ruhe auf dem Gäßle war das recht gut.
»Übermorgen erzählt sie uns,« sagten sie zueinander.
»Vielleicht.« Gundel war zaghaft, aber die andern überstimmten sie: »Nicht vielleicht, sondern gewiß. Um das Zöpfle wird sie net lang böse sein, um ein dummes Zöpfle.«
»Ein Zöpfle ist was Feines,« schrie Mathes plötzlich; »hurra, der alte Fritz hat auch eins getragen, hurra!« Und dann liefen sie heim, denn über das Löwengäßle sanken immer tiefer die Dämmerschatten, und die Abendbrotzeit war herangekommen. Nach dem Abendessen kam das Zubettgehen, und dabei geschah es, daß sich die Sternbübles gegenseitig ansahen, jäh verstummten und sich dann beide an die kugelrunden, glattgeschorenen Köpfe faßten und riefen:
»Wir kriegen nie ein Zöpfle -- schade!«
Und sie seufzten tief und stiegen nachdenklich in ihre Betten. Peter aber träumte in der Nacht von einem dicken, schwarzen Chinesenzopf. Doch den hatte nicht er, sondern Herr Baldan; der ging damit im Löwengäßle spazieren, schwenkte ihn hin und her und rief immer: »Platz da für mein Zöpfle, das hat mir der alte Fritz geschenkt.« O, der glückliche Herr Baldan!
Fünfzehntes Kapitel.
Hoher Besuch.
Frau Tippelmann erzählt eine Geschichte von Sternbübles, und die lebendigen Sternbübles haben viel dreinzureden, und Fräulein Laura sagt, wenn von einem Herzog geredet wird, müsse es schneller gehen. Es kommt aber alles zu einem guten Ende, und die Sternwirtin weiß zuletzt nicht, von welchen Sternbübles ihre Kinder eigentlich erzählen.
Ein paar Tage lang tat sich die Rosentüre allemal nur ein Schlitzchen weit auf, wenn eins der Nachbarskinder klingelte, und jedesmal hieß es: »Alette geht es gut, Alette läßt grüßen, aber Besuch darf nicht zu ihr.« Nur Gundele durfte einmal hinein, und als sie zaghaft an Alettes Bett trat, da lachte die ihr froh entgegen. »Ein paar Tage sollt ihr nicht kommen, aber nachher erzählt Tante Tippelmann doch die Geschichte, und denke dir nur, Gundele, Sternbübles kommen darin vor, richtige Sternbübles, die sind aber schon über hundert Jahre alt.«
Als Gundele aus der Rose zurückkam, schlenderten die Grillschen Buben just mit ihren Brüdern zusammen das Gäßle hinab. Gundel lief ihnen nach und erzählte das Gehörte.
Eine Geschichte von Sternbübles, die, wer weiß wann, gelebt hatten, ja die vielleicht mit Zöpfles einhergegangen waren, wollte Frau Tippelmann erzählen. Mathes und Peter wußten nicht recht, ob sie sich freuen oder ob sie sich ärgern sollten. »So was gibt's gar net,« rief Mathes patzig und rannte davon. Es fiel ihm nämlich ein, es könnte ganz gut sein, die Mutter zu fragen; vielleicht wußte die etwas, vielleicht erzählte sie es ihm, und vielleicht konnte er dann sagen: »Pah, die Geschichte kenn' ich schon!« Ach, vielleicht!
Die Sternwirtin hatte wieder einmal alle Hände voll zu tun, als Mathes in die Küche stürmte und seine Frage tat. Sie konnte sich auch auf keine wichtige und sonderbare Geschichte besinnen und sagte: »Wenn ich Gemüse schmore und einen Braten begießen muß, kann ich nicht Geschichten erzählen. Jedes zu seiner Zeit; eine Geschichte verträgt sich höchstens mit einem Strickstrumpf oder einer Flickerei. Bübles hat's aber, Gott sei Dank, immer im Stern gegeben, und unnütz sind sie sicher alleweil gewesen, weil das nun mal in den Bübles liegt. Paßt nur gut auf, wenn Frau Tippelmann erzählt, damit ihr merkt, wie ihr es nicht machen sollt.«
Das war nun eine magere Auskunft für die neugierigen Ungedulde, und es war gut, daß sich Frau Tippelmann schon am nächsten Tage bereit erklärte, die Geschichte zu erzählen. Und obgleich es eigentlich kein Geschichtenwetter war, denn die Sonne schmunzelte wie eine alte, gute Tante, und der Wind sang süße, sanfte Lieder, kamen die Zuhörer doch sehr pünktlich und vergnügt in der Rose an. Sie wollten leise gehen und trappsten die Treppe hinauf, daß der alle Stufen weh taten; sie knarrte und ächzte unwirsch, aber oben rief Alette vergnügt: »Sie kommen.«
Frau Tippelmann saß schon am Bett der Nichte, und als die Gäste versammelt waren, sagte sie gleich: »Wer aber heute nicht richtig zuhört, sondern dazwischen schwätzt, der soll es gleich sagen, der muß hinaus.«
Die alte Frau sah ernsthaft über ihre Brille hinweg von einem zum andern, prüfte namentlich die Gesichter der Sternbübles und fragte: »Na, wer geht lieber vorher?«
»Ich -- -- --«
»Also, dann hinaus!«
»Noi, ich möcht nur mein Schnupftüchle holen,« rief Peter kläglich, fast niedergeschmettert von Frau Tippelmanns vorwurfsvollem Blick.
»Es wird wieder nichts!« Trinle rief es klagend, »die Sternbübles stören wieder.«
»Noi, wir stören net.«
»Also, ich zähle jetzt bis drei, wer dann nicht still ist, muß hinaus. Eins -- zwei --«
Peter nieste so heftig, daß Fräulein Laura beinahe vom Stuhl fiel, aber da Mathes in seiner linken Hosentasche ein Schnupftüchle entdeckte und dem Bruder half, sagte Frau Tippelmann drei, und da war es wirklich still, und sie begann: »Der Silberne Stern ist schon seit etlichen hundert Jahren ein berühmtes Gasthaus, in dem schon manchmal fürstliche Gäste eingekehrt sind. Sternbübles, hebt eure Nasen net so in die Luft, ihr habt noch nichts dazu getan, den Silbernen Stern in guten Ruf zu bringen, im Gegenteil!«
Klapp, senkten die Sternbübles die Köpfe, und Frau Tippelmann fuhr fort: »Es war also um die Zeit, da noch, wie ihr nun wißt, die Männer Zöpfles trugen, als im Silbernen Stern ein sehr, sehr vornehmer Gast erwartet wurde.«
»Ein König!« schrieen die Sternbübles aufgeregt.
»Schnabel halten -- ein Herzog war's, nicht mehr und nicht weniger. Aber auch ein Herzog kam nicht alle Tage nach Breitenwert, und unser gutes Städtchen stand beinahe auf dem Kopf vor Aufregung. Wie er wohl aussehen mochte, der Herzog? Viele Tage lang redeten die Breitenwerter nur von dem Herzog, und jeder sagte: Ich muß ihn aber sehen, ich ganz bestimmt! Ihr könnt euch denken, daß dies vor allem die Kinder sagten.«
»Die Mädeles.«
»Die Bübles.«
»Schnabel halten -- alle Mädeles und Bübles und Bübles und Mädeles waren neugieriger als sämtliche Elstern im deutschen Vaterland zusammen. Am allerneugierigsten aber waren die -- Sternbübles.«
»Noi, das ist net wahr, wir waren's net,« schrieen Mathes und Peter entrüstet.
»Dummhüte, ihr doch net! Eure Ururururgroßväter waren damals die Sternbübles. Auch zwei wie ihr, auch just in eurem Alter, und auch sie wurden im ganzen Städtle nur die »unnützen Sternbübles« genannt. Ja, seht nur nicht so bitterböse drein; es war schon so! Um diese Zeit gab es in der Linde ein einziges Mädele, das Gustele.«
»Und in der Rose?« fragte Alette eifrig.
»Da purzelten erst ein paar winzige Dreikäsehoch im Kinderzimmer herum, die zählten noch nicht mit, denn die durften noch nicht auf dem Gäßle spielen. Die Sternbübles und das Lindengustele nun waren die allerbesten Freunde; die stritten sich nicht und schmähten sich nicht, wie es später manchmal zwischen den Linden- und Sternkindern vorgekommen sein soll.«
»Aber jetzt net mehr,« schrieen die Grills und die drei aus dem Stern zugleich, »das war früher mal.«
»Freilich, freilich, das war einmal vor ewigen Zeiten, vor vier Wochen etwa!« Frau Tippelmann lachte, die Kinder lachten, nur Laura sah etwas brummig aus, als sie sagte: »Eine Geschichte, in der ein Herzog vorkommt, darf nicht so langsam erzählt werden; das muß geschwinder gehen. Kam denn der Herzog?«
»Ja, freilich, er kam. Vorher wurde aber im Silbernen Stern geputzt und gescheuert, als müßten Weihnachten, Ostern und Pfingsten gleich an einem Tage gefeiert werden. Das Fürstenstüble wurde gerichtet, in dem ein großmächtiges Himmelbett stand, dessen Dach von vergoldeten Engeln getragen wurde.«
»Das Bettle ist noch da,« schrieen die drei Sternkinder aufgeregt, »und die Mutter sagt, ein König hat drin geschlafen, doch, ein König, ein König!«
»Potzwetter, ihr sollt den Schnabel halten!« Frau Tippelmann sah ganz grimmig drein. »Was habe ich gesagt?« rief sie. »Wer nicht still ist, der muß hinaus, aber in der Geschichte, die ich erzähle, hat ein Herzog drin geschlafen, und nun Punktum und Streusand drauf! Vorläufig also war der Herzog noch nicht in Breitenwert eingetroffen, und die Sternbübles Jaköble und Josefle standen mit Gustele aus der Linde mitten im Fürstenzimmer und schauten sich die Herrlichkeiten an, das schöne Bett mit der grünen Seidendecke darüber, die Gustele ganz vorsichtig streichelte.«
»Durfte sie das?« Die Sternbübles hatten schon wieder einmal das Schweigegebot vergessen, und Frau Tippelmann runzelte die Stirn ob der neuen Unterbrechung. »Bewahre, sie durfte das natürlich nicht,« brummte sie. »Die Kinder hatten sich ganz heimlich in das Prachtzimmer geschlichen, in dem gerade der Malermeister Tänzer gewesen war, der den einen Engel noch einmal ein wenig überstrichen hatte. Der Herzog sollte an diesem Nachmittag kommen, und im Silbernen Stern lief alles in der größten Eile durcheinander. Zur Hilfe hatten sie auch den Meister Tänzer fortgeholt; er sollte den Willkommenspruch an der Haustüre annageln. In der Eile hatte er seine Leiter in dem Fürstenzimmer stehenlassen, und ich weiß nicht, wer es zuerst gesagt hat, das Jaköble oder das Josefle: ›Man müßte da mal hinaufsteigen,‹ getan haben es jedenfalls alle beide, und Gustele stieg auch hinauf, obgleich damals die Mädeles im allgemeinen nicht auf Leitern herumkletterten. Oben auf dem Betthimmel, neben den goldenen Engeln, die die seidenen Vorhänge in ihren Händchen hielten, ließ es sich ganz gut sitzen. Jaköble -- es kann auch Josefle gewesen sein -- rief: ›Ich bleib' hier, da sehe ich den Herzog ganz genau, da --‹
›Bst, es kommt jemand!‹ Gustele verkroch sich erschrocken in den Falten des Vorhanges, und auch die Buben suchten erschrocken Schutz, denn draußen kamen rasche, laute Schritte näher. Die Tür wurde aufgerissen, Christian, Meister Tänzers Geselle, sprang herein, rasch ergriff er die Leiter und, husch, war er zur Türe hinaus, und man hörte ihn draußen mit seiner Last geschwind die Treppe hinabpoltern. Einen Augenblick freuten sich die drei; die Bübles riefen stolz: ›Ha, er hat uns net gesehen!‹ Aber gleich darauf fiel es ihnen ein, es möchte ein schweres Ding sein, von dem Betthimmel herabzukommen. Und herunter mußten sie und unbemerkt und möglichst geschwind dazu. ›Springen,‹ riet Jaköble oder Josefle.
›Das kann ich net,‹ klagte Gustele.
›Hm!‹ Die Buben überlegten; leicht war es nicht, und einer von ihnen sagte endlich: ›Wir müssen runterklettern.‹
›Und wenn dabei was zerbricht oder das ganze Bettle umfällt?‹ Gustele zitterte vor Angst, und als sich die Buben die Sache recht beschauten, zitterten sie ein bißchen mit. So leicht wie hinauf kamen sie jedenfalls nicht hinab, und wie sie noch so redeten und beratschlagten, entstand auf dem Löwengäßle auf einmal ein ungeheurer Lärm, und zugleich polterten auch draußen auf dem Gang wieder Schritte. Trapp, trapp, ging es. Die Türe wurde aufgerissen, und eine Magd kam und raffte eiligst allerhand Werkzeug auf, das Meister Tänzer am Boden hatte liegen lassen. Der ersten nach stürzte eine zweite Magd in das Zimmer, die, husch, mit einem Staubtuche über Tische und Stühle wischte, aber da schrie auch schon eine dritte zur Türe herein: ›Schnell, schnell, eilt euch, huje, er ist schon auf der Treppe!‹
Die Mägde rannten hinaus, draußen gab es Gerappel und Gerumpel, mehrere Stimmen tönten durcheinander, dann ging wieder die Türe auf, und gefolgt von dem tief sich verneigenden Sternwirt, zwei Herren und etlichen Dienern, betrat ein großer, stattlicher Herr das Zimmer -- der Herzog.«
»O je!« kreischten Peter und Mathes entsetzt, »und alleweil sitzen die noch oben.«
»Ja, so war's,« sagte Frau Tippelmann, »die drei saßen noch oben auf dem Betthimmel, und es ist schon ein richtiges Wunder, daß sie nicht heruntergepurzelt sind, sondern noch so viel Verstand hatten, sich in den Falten der dicken Vorhänge zu verstecken. Zu ihrem Glück sah auch nicht gleich jemand nach oben. Der Herzog ging in das andere Zimmer hinein, blickte sich um und sagte zufrieden zu dem Sternwirt: ›Er hat ein recht stattliches Haus, ich denke, es wird mir bei ihm wohlergehen.‹
Der Sternwirt verneigte sich wieder und sagte, dies hoffe und wünsche er von Herzen. Der Herzog ging wieder in das Nebenzimmer, schaute auf die Gasse hinaus, und schließlich tat er einen Seufzer und sagte, er habe Hunger.
Dies war nun ein rechtes Glück für Gustele und die Bübles. Das Mahl für den Herzog war im Saal angerichtet, also begab er sich dahin; seine Begleiter folgten ihm, die Diener liefen auch hinaus, und ein paar Minuten später war es still und leer in den Zimmern. Die drei Schelme wären nun himmelgern von ihrem hohen Sitz heruntergeklettert, sie merkten aber bald, daß dies ein schwieriges Unternehmen war. Als Jaköble, es kann auch Josefle gewesen sein, am Bettpfosten herabrutschen wollte, wankte und schwankte das ganze Himmelbett, und Josefle, es kann auch Jaköble gewesen sein, hielt den Bruder angstvoll fest, denn der drohte herunterzupurzeln, ganz schrecklich sah es aus.
›Wir kommen net runter,‹ stöhnte Gustele.
›Und wenn uns der Herzog sieht, o je!‹ ächzte Josefle, es kann aber auch Jaköble gewesen sein, so hinterher kann man net wissen, welcher von den Bübles gerade gesprochen hat.«
»Noi, das kann man net,« redete Mathes dazwischen, aber Peter gab ihm einen Stoß und mahnte: »Sei still, sie müssen sonst so lange oben sitzen.«
»Ja freilich, lang genug mußten sie oben sitzen,« fuhr Frau Tippelmann fort, »das stimmt. Jedes Mal nämlich, wenn Jaköble oder Josefle das Heruntergerutsche versuchen wollten, wackelte das Bett, schwankte wie ein Schiff auf hoher See, und immer wieder blieben die Kinder erschrocken oben sitzen. Gerade sagte Josefle oder Jaköble wieder: ›Ich rutsch', halt doch,‹ als sich leise die Tür öffnete. Ein herzoglicher Diener trat ein; aber der benahm sich höchst seltsam, er sah sich scheu um, und die drei auf dem Himmelbettdach meinten schon, er habe sie gehört und habe nun Angst vor ihnen. Dabei hatten sie selbst eine Heidenangst vor dem Diener, und so fürchteten die oben und der Mann unten sich arg. Der Diener blickte ängstlich in alle Ecken, lauschte, dann sprang er hastig auf das Gepäck des Herzogs zu, das noch uneröffnet im Zimmer lag, und versuchte den einen Reisesack zu öffnen. Das gelang ihm nicht gleich, er zog darum hastig ein Messer aus der Tasche und schnitt ritsch, ratsch ein Loch in die Hülle.«
»Das ist frech,« brüllten Mathes und Peter, »das darf er nicht.«
Frau Tippelmann erwiderte darauf gar nichts, nur Laura brummte: »Der längste Tag im Jahr ist nicht lang genug, um den Sternbübles eine Geschichte zu erzählen. Also, was machte der Diener?«
»Der wühlte und kramte in dem Sack herum und zog schließlich ein Kästchen heraus, das er in seine Tasche steckte; dann zog er noch ein zweites größeres Kästchen hervor, damit ging er zum Ofen, öffnete das Ofenloch und warf den Kasten hinein. Dann huschte er eilig aus dem Zimmer.
Das Gustele sah auf dem Himmelbettdach das Jaköble an, das Jaköble sah das Josefle an, und allen dreien kam die Sache höchst unheimlich und seltsam vor; ein wahres Grauen beschlich sie.
Sie waren mit dem Verwundern noch nicht fertig, als sich schon wieder die Türe auftat und zwei andere Diener hereinkamen. Einer von ihnen war schon alt, ein würdiger, freundlicher Mann, den der andere fast wie den Herzog selbst behandelte. Der sah sich im Zimmer um, lobte die schöne, saubere Einrichtung, er trat auch an das Himmelbett heran --«
»Jetzt sieht er sie,« kreischte Peter.
»Nein, er sah sie nicht,« erzählte Frau Tippelmann weiter, »er sah eben nicht in die Höhe, sondern sagte zu dem zweiten Diener: ›Wir wollen rasch auspacken, Philipp; diesen Sack hier zuerst, da sind wichtige Schriftstücke von unserm Herzog darin, die hat er mir besonders ans Herz gelegt.«
Philipp ging rasch ans Werk, und oben tuschelte das Jaköble -- es kann auch das Josefle gewesen sein -- alle Vorsicht vergessend: ›Jetzt finden sie das Loch.‹
Die beiden unten hörten aber das leise Flüstern nicht, denn sie fanden wirklich das ausgeschnittene Loch, und sie schrieen laut los. Der Alte riß zitternd das Gepäck auseinander, wühlte darin, suchte und stöhnte endlich: ›Fort, beraubt, die Papiere sind fort, die Juwelen sind fort! Mein Gott, was tun wir nun?‹
Philipp war schon an die Türe gestürzt, er riß sie auf und schrie laut in den Flur hinaus: ›Hilfe, Hilfe, Diebe, Diebe!‹
›Um Himmelswillen, Philipp, sei doch still!‹ jammerte der Alte, aber seine Warnung kam zu spät. Der Ruf hatte schrecklich das Haus durchgellt, Hausdiener und Mägde, Gäste und Wirtsleute, alle rannten herbei, selbst der Herzog kam. Der hatte das Rufen gehört, hatte gefragt, und der Sternwirt hatte ihm, an allen Gliedern zitternd, berichtet, sein Reisegepäck sei bestohlen worden. ›Gestohlen in meinem Haus!‹ jammerte er. ›Hochfürstliche Gnaden, Erbarmen, ich kann nichts dafür!‹
›Das werden wir sehen.‹ Der Herzog sah gar nicht mehr mild und freundlich aus, sondern bitterböse, als er das Zimmer betrat, und er fuhr den alten Diener zornig an: ›Erzähle Er, Friedrich, wie hat Er's gemerkt?‹
Der erzählte -- er konnte kaum sprechen vor Kummer --, alles habe er selbst bewacht beim Herauftragen, dann sei er nur mit den andern gegangen, um rasch etwas zu essen. In dieser Zeit müsse es geschehen sein; es könne wohl nur jemand aus dem Hause gewesen sein.
Ja, das sei sicher, riefen des Herzogs Begleiter und Diener, und alle sahen dabei den Sternwirt drohend an. ›Hat Er Diebe im Haus?‹
›Beileibe nicht! Noch nie ist so etwas hier vorgekommen, solange ich Wirt bin,‹ jammerte der. ›Fragt alle meine Leute, allergnädigster, durchlauchtigster Herr Herzog, niemand tut hier so etwas!‹
Der Herzog befahl nun, alle Leute sollten erscheinen, selbst die Köchin mußte den Braten brotzeln lassen. Zuallerletzt kam Michel, der älteste Hausknecht, der war nur widerwillig gekommen, weil er gemeint hatte, unten könne man nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Als er eintrat, deutete einer der Diener auf ihn und sagte: ›Den da sah ich vorhin die Treppe herabkommen, er sah sehr verlegen aus, vielleicht weil er so schwarz war; er mochte gerade einen Ofen ausgeräumt haben.‹
›Stiefel hatte ich geputzt,‹ brummte Michel unwirsch.
›Michel,‹ schrie der Sternwirt zornig, ›ist Er hier im Zimmer gewesen?‹
›Noi,‹ brummte Michel.
›Der Kerl sieht aus wie das leibhaftige schlechte Gewissen,‹ rief der Herzog. ›Gesteh Er's, Er hat gestohlen!‹
Michel erschrak. ›Bei meiner Seel' net!‹ jammerte er, ›ich war's net.‹
›Man müßte suchen,‹ murmelte der Diener, der ihn angeklagt hatte.
›Nehmt ihn fest. Der Büttel soll kommen, man soll seine Sachen durchsuchen,‹ befahl der Herzog finster.
›Ich war's net, bei meiner Seel', ich war's net!‹ schrie Michel verzweifelt und wehrte sich gegen zwei Diener, die ihn packen wollten.
›Noi, er war's net,‹ schrie es da plötzlich von der Höhe herab, ›Michele hat's Kästele net genommen.‹