Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 11
»Das klingt lustig!« Alette streckte der Freundin die Hand hin, und da vergaß Trinle den Lärm draußen in der Freude, die Kameradin wiederzusehen.
Ein Viertelstündchen war ihnen beiden nur vergönnt, da mußte sich Trinle arg sputen, um nur ein Hundertstel von allem, was sie auf dem Herzen hatte, herauszuschwätzen. Die Viertelstunde tat einen Hopser -- aus war sie. Beim Abschied aber konnten doch beide sagen: »Morgen.« Am nächsten Tag hieß es dann: »Und morgen bringe ich Gundele mit.« Und Gundel kam, und die Buben alle, Kasperle zuerst; der wollte gar nicht wieder fort. Gundel war schüchtern, aber gegen Mathes und Peter war sie fast geschwätzig. So etwas! Die Sternbübles taten den Mund nicht auf, aber am nächsten Tage kamen sie doch wieder, sogar eine halbe Stunde zu früh. Da wanderten sie vor der Rose auf und ab und unterhielten sich mit Herrn Häferlein genau so, als wären sie nie die schlimmen, gefürchteten Sternbübles gewesen.
Herr Häferlein war auch wirklich sehr nett; der tat keine Frage nach den Zeugnissen, wie es damit und mit dem Versetztsein bestellt sei. Das war gut, denn daran hatten die beiden Schelme gesehen, daß einer nicht im Handumdrehen auf den ersten Platz im Leben kommt. Die Mutter hatte doch ein wenig geseufzt über die Zeugnisse, aber dann dachte sie an den Tag, da sie ihre Buben im Krankenhaus gefunden, und sie fragte mild: »Wird's besser werden das nächste Mal?«
»Ja,« sagten die Bübles schnell ganz fest und ehrlich, und Gundel sagte auch ja; sie sagte es für die Brüder mit, und da lächelte die Mutter froh: »Ich glaub's schon,« erwiderte sie, »wenn Gundele es auch sagt, wird es schon werden.«
Freilich trauerten die Sternbübles doch trotz ihrer guten Fleißvorsätze jedem Ferientag nach. Wieder einer vorbei, wie schnell das ging! Unglaublich, welche Eile die Uhren in Ferienzeiten haben; es fällt ihnen gar nicht ein, einmal ein bißchen still zu stehen und sich zu besinnen: heute ist's gerade so schön, da wollen wir einmal langsamer unser Ticktack schlagen.
Nur Alette Amhag fand, die Uhren gingen im Schneckengang. Ihr dehnten sich die Stunden, und wenn sie die Freunde draußen auf der Löwengasse jauchzen hörte, dann seufzte sie und dachte: Ach, wär ich dabei! Sie mußte noch immer viele Stunden im Bett liegen, und die Zeit für Besuche war karg bemessen. »Sie sind alle sehr nett, aber für Krankenbesuche nicht recht geeignet,« sagte Frau Tippelmann. Trotzdem tat es ihr selbst bitter leid, als sie hörte, am ersten Osterfeiertag wollten sie allesamt über Land fahren, die aus der Linde und die aus dem Stern. »Niemand bleibt bei mir,« klagte Alette, als Trinle ihr dies am Ostersonnabend erzählte.
Die Grills wollten zu einem Onkel Pfarrer, der auf einem Dorf, zwei Stunden von Breitenwert entfernt, wohnte, und die Sternkinder waren auch von einer Landmuhme eingeladen worden. Draußen lockte und lachte die Sonne auch gar zu fröhlich, und überall hatte der Frühling schon seine holde Arbeit begonnen.
Wer wollte da daheim bleiben? Die Löwengasse war ja hübsch, aber draußen, ja draußen war es doch schöner im Frühlingssonnenschein und im ersten frischen Grün.
Alettes Klage ging Trinle Grill freilich sehr zu Herzen, und sie erzählte Gundel davon, just als die von ihrer Freude sprach, daß sie zur Landmuhme fahren dürfte. Gundel wurde still, Alettes Einsamkeit nahm ihr die rechte Freude, und sie sagte endlich, fast wie frohes Hoffen klang es: »Vielleicht regnet's gar am Ostertag.«
Es regnete aber nicht. Die Sonne schien schon am Samstag, als wollte sie allen zurufen: »Rüstet euch, rüstet euch, morgen gibt's Feiertagswetter!« Und dann gab es einen köstlichen Morgen, und in der Linde und im Silbernen Stern purzelten die Kinder beinahe vor lauter Eilfertigkeit aus den Betten, nur Gundel Hinz nicht. Die blieb daheim, sie hatte ihre Mutter darum gebeten, und die hatte es erlaubt. Den Bübles war es nicht ganz recht, aber als sie hörten, Gundel blieb, um Alette zu besuchen, da stimmten sie zu. Sie versprachen der Schwester Frühlingsblumen und Festtagskuchen, versprachen der Mutter allergrößte Bravheit und zogen dann genau so selig in die Frühlingsherrlichkeit hinaus wie die Lindenkinder. Alette Amhag hörte wieder das Jubeln und Jauchzen auf der Löwengasse, und sie wurde darüber traurig. Nicht einmal die schönen Ostereier, die ihr Laura aufbaute, konnten sie recht trösten; der Tag lag gar zu lang und einsam vor ihr.
Doch als draußen die Kirchenglocken wieder sangen und auf der Löwengasse die Stimmen der heimkehrenden Kirchengänger ertönten, klopfte es an Alettes Tür. Gundel kam, der Kranken zu Trost und Freude.
An diesem Tage gewann sich Hinkegundel eine zweite Freundin, und für die beiden Mädeles wurde es ein schöner, fröhlicher Feiertag. Gundels Traum wurde zur Wahrheit; sie konnte der wirklichen Alette Amhag Geschichten erzählen, feine, liebe Märchen, und Alette, die noch wenig Märchen kannte, lauschte so still und zufrieden, daß Frau Tippelmann sagte: »Gundel kann kommen, sooft sie mag; die paßt gut an ein Krankenbett. Wie gut, daß sie daheimgeblieben ist.«
Am nächsten Morgen standen schöne Frühlingsblumen an Alettes Bett; die Ausflügler hatten ihre kranke Freundin nicht vergessen. Sie kamen auch, erzählten, es wäre wunderschön gewesen, und Alette bekam die allergrößte Lust, bald, bald im Frühlingssonnenschein spazierenzugehen. Selbst Laura sagte: »Wenn man die Kinder reden hört, meint man, eine schönere Gegend als die Breitenwerter gibt's in der ganzen Welt nicht. Herr Häferlein tut auch, als hätte hier mindestens das Paradies gelegen.«
Ein paar Tage später aber schimpfte jemand laut und vernehmlich über das häßliche Breitenwert, seine krummen Gäßlein und seine Menschen, die allzu neugierig und vorwitzig wären. Frau van Bachhoven war es. Sie kam auf einmal -- eins, zwei, drei -- ganz unerwartet schnell angereist. Sie wollte Alette holen. Das gab eine Aufregung in der Rose und drüben in der Linde, und als die Nachricht in den Silbernen Stern gelangte, stürzten die Bübles auf die Straße, als müßten sie Alette Amhag wieder aus Wassersnot befreien.
Am heftigsten aber erschrak Alette Amhag selbst. Als die die tiefe, etwas rollende Stimme Frau van Bachhovens hörte, wurde sie totenbleich, und diesmal lief Frau Tippelmann, um Herrn Häferlein nach dem Arzt zu schicken. Der sollte kommen und helfen. Inzwischen gab es einen bösen Auftritt zwischen der Dame und Fräulein Laura. Frau van Bachhoven machte Laura die allerbittersten Vorwürfe, meinte, die sei schuld, daß Alette noch hier sei, und verlangte, sie solle sofort die Sachen packen.
»Ich darf nicht, Frau Tippelmann erlaubt das nicht,« rief Laura, die sich gar nicht mehr zu helfen wußte.
»Die Frau hat nichts zu erlauben, sie ist eine Dienerin, damit fertig!« schrie Frau van Bachhoven geärgert. Nun gerade, weil alle nicht wollten, sollte Alette zu ihr kommen. Sie war es so gewohnt, um ihres Reichtums willen jeden Wunsch erfüllt zu sehen, daß dieser unerhörte Widerstand sie heftig reizte. Alette Amhag erschien ihr wie ein Spielzeug; sie wollte sie haben um jeden Preis. Sie schrie Frau Tippelmann zornig an, als die kam, sie zu begrüßen: »Sofort wird eingepackt, das Kind kommt mit mir; da gibt es keinen Widerspruch.«
»Den gibt es doch,« sagte Frau Tippelmann ganz ruhig. Sie war an Alettes Lehnstuhl getreten, in dem die Kleine in der Sonne saß, und streichelte sanft das weinende Kind. »Du bleibst hier, Alette Amhag.«
Frau van Bachhoven rollte ihre Augen ganz fürchterlich, und Laura kroch entsetzt in einen Winkel. Lieber Himmel, dachte sie, Frau Tippelmann weiß gar nicht, wie böse die Dame werden kann, und schließlich müssen wir ihr doch gehorchen und mitreisen, da ist nichts zu machen.
»Was erdreisten Sie sich?« rief Frau van Bachhoven. »Sie sind eine Dienerin und haben zu gehorchen, verstanden?«
»Mit Verlaub, das habe ich nicht!« Frau Tippelmanns Stimme klang ganz ruhig. »Ich bin eine Amhag wie das Kind hier. Mein Vater selig und Herrn Amhags Großvater waren Brüder; ich bin also Alettes Großtante. Ihr Vater hat mir damals geschrieben, ich möchte für sein Kind sorgen; das tue ich. Erst habe ich gemeint, Alette wollte nicht hierbleiben, nun ich aber weiß, daß Alette hier glücklich ist, lasse ich sie nicht fort, bis ihr Vater es anders bestimmt.«
»Sie -- eine -- Verwandte?« Frau van Bachhoven sah die in ein ganz einfaches blaues Hauskleid gekleidete alte Frau von oben bis unten verächtlich an. Sie lachte höhnisch: »Wer Ihnen das glaubt!«
»Das ist schon wahr, ganz gewiß wahr, meine Gnädige,« sagte da von der Türe her der alte freundliche Doktor. »Frau Tippelmann ist eine Amhag und des Kindes leibhaftige Großtante. Und die Reise darf sie nicht einmal erlauben, denn die erlaube ich auch nicht. Das Kind ist noch krank und darf nicht in der Welt herumgeschleppt werden, damit basta! Gelt, kleine Alette, du willst noch bei uns bleiben?«
Alette gab keine Antwort. Die hielt Frau Tippelmanns Hand fest umschlungen und sah mit strahlenden Augen zu der alten Frau auf. »Meine Großtante,« flüsterte sie, »meine Großtante!«
»Ja, Kind, die bin ich. Und deinen Großvater habe ich noch gekannt. Ich war damals ein kleines, dummes Mädele, als er die Heimat verließ. Aber ich sehe ihn noch heute hinten im Garten an der alten Linde lehnen. Er hat geweint, als sollte ihm das Herz brechen, daß er fort mußte aus einer lieben Heimat. Ich habe dann manchmal gedacht, er ist wohl nie wieder gekommen, weil er den neuen Abschied gefürchtet hat, denn Breitenwert und das alte Rosenhaus war ihm der liebste Ort der Welt. Die Heimat ist eben die Heimat.«
Frau van Bachhoven war ganz still geworden. Sie begriff nicht, wie jemand an einer so kleinen Stadt, an einem alten Hause so hängen konnte. Es war ihr, als spräche die alte Frau da eine ganz fremde Sprache. Doch merkwürdigerweise schien Alette Amhag, dieses Kind, das sie zum Zeitvertreib gern bei sich haben wollte, die fremde Sprache zu verstehen. Auch Laura, das törichte Mädchen, sah ganz so aus, als hätte Frau Tippelmann etwas Wunderschönes gesagt.
»Das ist das dumme deutsche Gemüt!« rief die reiche Dame endlich ärgerlich. »Was ist an einem solchen alten Haus? Alette, besinne dich, ich will dich mit nach Paris nehmen und dann in die Schweiz, da ist es doch schöner als hier.«
»Ich will hierbleiben bei -- meiner Großtante,« sagte Alette leise.
»Und Sie, Laura?« Frau van Bachhoven sah Laura forschend an. Die knickste verlegen, einmal, zweimal. Freilich, Breitenwert war ein rechtes Nest, die Rose immerhin ein einfaches Haus, aber da war Alette, die Löwengasse, die Kinder, Herr Häferlein, der gute Nachbar, in dessen Laden sie immer an ihre glückliche Kindheit denken mußte; sie atmete tief und sagte dann schnell: »Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau, dann möchte ich schon hier bei Alette bleiben, bis ihr Vater kommt.«
»Meinetwegen,« brummte die Dame. »Hier scheinen alle verhext zu sein.« Sie stockte und sah sich in dem großen Zimmer um, an dessen Fenster Frühlingsblumen blühten, und das so einfach, so hell und freundlich aussah. »Vielleicht würde ich es auch noch, wenn ich hierbliebe.«
Da trat Frau Tippelmann rasch vor und bat: »Ein paar Stunden sollten Sie doch bleiben, gnädige Frau. Alette ist Ihnen doch dankbar, daß Sie gekommen sind.«
Je, wenn Frau Tippelmann glaubt, Frau van Bachhoven, der kein Hotel gut genug ist, würde hierbleiben, dachte wieder Laura, na, da irrt sie sich aber!
Doch diesmal irrte sich Laura. Die reiche Dame blieb wirklich bis zum Nachmittag als Gast in der Rose. Nun erst merkte Alette Amhag, daß die gefürchtete Frau im Grunde sehr gutherzig war, und sie verlor ihre Scheu vor ihr. Sie erzählte ihr selbst von ihrem Sturz ins Wasser, und wie die Sternbübles sie gerettet hatten. Da verlangte Frau van Bachhoven die zu sehen, und die andern Kinder auch, und Laura mußte laufen, um sie alle in die Rose zu holen.
Sie kamen an, verlegen und schrecklich neugierig dazu. Die Sternbübles glühten wie zwei Himbeeräpfel, als sie erzählen sollten, wie es gewesen war, als sie Alette gerettet hatten. Sie stießen sich an, blinkerten sich zu, und Peter sagte zu Mathes: »Sag's du!« Aber Mathes wieder tuschelte: »Du sollst es sagen.« Endlich besann sich Mathes auf seine Ältestenwürde und begann: »Alette ist gelaufen wie'n Häsle.«
»Und wir hintennach,« schrie Peter.
»Dann kam das Flüßle und das Brückle,« fuhr Mathes fort, »und da -- und da -- und da plumpste sie rein.«
»Wir haben sie rausgefischt,« ergänzte Peter wieder.
»So war's,« rief Mathes. »So war's,« schrie Peter, und beide sahen sich stolz ob dieser ausführlichen Erzählung an.
Frau van Bachhoven lachte. Dabei zeigte sie ihre weißen Zähne und rollte ihre großen dunkeln Augen, und das gefiel den Bübles so, daß sie auch in ein jauchzendes Gelächter ausbrachen. »Die gefallen mir,« rief die Dame, »die möchte ich haben.«
Aber auch die Sternbübles wollten vom Mitreisen nichts wissen. Der Silberne Stern und die Löwengasse gefielen ihnen vorläufig noch besser als die weite Welt draußen. Sehr gefiel es ihnen dagegen, als Frau van Bachhoven ihnen allerlei sehr schöne Dinge schenkte. Eigentlich sollten zwar all das kostbare Spielzeug, die feinen Zuckersachen und Früchte für Alette sein, doch die teilte gern mit den Freunden, ja sie gab sogar die beiden Staatspuppen an Trinle und Gundel, und so wurde schließlich für alle der Besuch, über den sie zuerst so erschrocken waren, eine große Freude.
Am frohesten aber war doch Alette. Nun brauchte sie nicht mehr heimlich zu befürchten, daß Frau van Bachhoven sie holte. Die war fort, und sie durfte bei ihrer Großtante bleiben, bis ihr Vater sie holen kam. Auch Laura war nun ganz zufrieden, auch sie sagte vergnügt: »Ja ja, ein Weilchen bleibe ich schon noch gern in der Löwengasse. Aber das muß ich doch sagen, Frau Tippelmann, recht war es nicht, daß Sie sich nicht gleich als Alettes Tante zu erkennen gegeben haben, es wäre manches anders gewesen.«
»So ist's im Leben,« antwortete Frau Tippelmann schelmisch, »wenn mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr.«
»O je, schon wieder ein Sprichwort!« rief Laura lachend. »So viele habe ich ja nicht in der Schule gelernt; hier werde ich noch gelehrt wie ein Professor.«
»Hm,« sagte Frau Tippelmann schmunzelnd, »es heißt aber: Je mehr einer lernt, desto mehr sieht er ein, wie wenig er kann. Doch nun muß unser Kind zu Bette gehen. Draußen auf dem Löwengäßle ist's schon ganz dunkel, und mir scheint, der Sandmann spaziert schon herein.«
Vierzehntes Kapitel.
Der Zöpflesstreit.
Alette möchte eine Geschichte hören, Laura will erzählen, Frau Tippelmann will erzählen, aber die Sternbuben zeigen sich als sehr ungläubig, und schließlich wird aus der Geschichte keine Geschichte, und die Kinder kommen so geschwind wie noch nie aus dem Rosenhaus auf das Löwengäßle hinaus.
Wenn einer krank liegt, hat er viel Zeit zum Sinnen und Denken. Das sind dann oft wunderreiche Tage, namentlich wenn die Krankheit schon an der Türe steht und sagt: »Nun mach ich mich wieder davon; ich habe dich genug geplagt, du armes Menschlein.« Man sieht die böse Krankheit gehen, ist noch matt, aber fühlt es doch jeden Tag: ich werde gesund. Und das Stilleliegen und Stilleseinmüssen tut dann so wohl, und der Kranke, der sonst in aller Unruhe seines Lebens nicht Zeit zum Nachdenken hat, kann dann einmal im eigenen Herzen spazierengehen und sich darin umsehen. Es tut gut dieses Spazierengehen in seinem Herzen. Da findet der Mensch manchmal Winkel, die er selbst nicht recht kennt, und erstaunt wohl über all die unguten Dinge, die da aufgestapelt liegen. In einer Ecke liegt da ein Häuflein Neid und Eifersucht, in der andern ein Bündelchen Hochmut und ein Reis Überheblichkeit schießt daneben empor. Ein anderer sieht bei solchem Umschauen die Eitelkeit protzig im Winkel sitzen, er blickt der Lüge in die falschen Augen, und dem oder jenem fällt allerlei ein, was er über liebe Menschen Häßliches gesagt hat. Doch wer erst die schlimme Unordnung sieht, der findet wohl auch die Kraft aufzuräumen. In den Tagen des langsamen Besserwerdens ist die Seele des Menschen oft wie ein Gärtlein im Lenz. Liebliche Blumen blühen empor, köstlicher Same keimt, und der Mensch selbst hat Zeit, fein säuberlich das Unkraut zu jäten.
Es läßt sich aber auch gut träumen von vergangenen Tagen in der Zeit der Genesung, auch an heitere Stunden der Zukunft denkt der Mensch da gern.
Alette Amhag nun gehörte zu jenen, die still nachdenken können, und weil ihre Herzstübchen alle blank und heil waren, kein Unrat in den Winkeln lag, dachte sie viel an ihren fernen Vater, an die große Welt und das kleine Löwengäßle. Darum lag sie auch, als es ihr besser ging, mit frohen Augen im Bett, und Frau Tippelmann und Fräulein Laura sagten oft zueinander: »Unsere Alette pflegen, ist wirklich leicht; mit den Sternbübles wäre das wohl ein schlimmes Ding.« Ja, manchmal seufzte Frau Tippelmann ein wenig und meinte: »Es wäre gut, wenn Alette manchmal einen Wunsch hätte.«
Und eines Tages hatte Alette Amhag dann wirklich einen großen Wunsch; ihr fiel auf einmal der Großtante Geschichte ein, die ihr die noch nicht erzählt hatte. Ganz eilig rief Alette, nachdem ihr die unterschlagene Geschichte eingefallen war: »Laura, liebste Laura, hole doch die Tante, sie muß mir eine Geschichte erzählen.«
»Na, das kann ich doch auch!« sagte Laura etwas gekränkt. »Ich weiß alle möglichen Geschichten, eine von einem Jungen, der in den Krieg zog und dann auf einmal einen Grafen heiratete, weil er nämlich gar kein Junge, sondern ein wunderschönes Mädchen war, und dann noch eine von einer Frau, die so gerne Rosinen und Mandeln aß, daß sie schließlich träumte, sie wäre ein riesengroßer Kuchen geworden, und -- -- --«
»Nein, nein,« rief Alette lachend, »die Geschichten will ich nicht hören, Laura; ich will eine hören von damals, als noch meine Ururgroßeltern in der Löwengasse wohnten.«
»Ach, das werden gewiß recht langweilige Geschichten sein,« brummelte Laura; »aber meinetwegen, es gibt ja auch Menschen, die hören lieber Leierkasten spielen als Klavier, und ich mag lieber Blechmusik; so ist das nun einmal.« Nach dieser schönen Rede ging sie dann doch, um Frau Tippelmann zu holen. Nach einem Weilchen kam sie wieder und sagte betrübt. »Frau Tippelmann kann nicht erzählen.«
»Warum denn nicht?« fragte Alette erschrocken. »Sie hat es mir doch versprochen!«
»Ja freilich, und ein Versprechen muß man halten, das ist schon wahr, aber Frau Tippelmann kann das nun jetzt nicht tun, sie ist nämlich weggegangen.«
Da konnte sie freilich keine Geschichte erzählen. Alette sah das ein, doch weil sie nun gerade zuhörlustig war, ließ sie sich von Laura die merkwürdige Begebenheit berichten von der Dame, die so gerne Rosinen und Mandeln gegessen hatte. Laura erzählte sehr eifrig. Alette hörte nicht minder eifrig zu, und just als die sonderbare Dame dabei war, sich für einen schönen dicken Weihnachtskuchen zu halten, ging es tripp, trapp im Hausflur, und Laura und Alette purzelten beide aus der Geschichte in die Wirklichkeit zurück und riefen: »Die Sternbübles.«
Die waren es wirklich, aber sie kamen nicht allein; zwei Minuten später ging es wieder tripp, trapp, da kamen sie aus der Linde, und zuletzt tönte ein langsamer bedächtiger Schritt: Frau Tippelmann kehrte heim.
Laura berichtete von Alettes Wunsch, sie sagte: »Schade, daß nun gerade die Kinder gekommen sind, da wird es nichts aus der Geschichte werden.«
»Warum nicht?« erwiderte Frau Tippelmann. »Es ist besser, ich erzähle eine Geschichte, da sind die andern ruhig; die Sternbübles schreien heute ohnehin wieder, als wären sie Jahrmarktsausrufer. Davon wird unser Alettchen nur müde und matt; das stille Zuhören ist gesünder.«
Dieser Meinung waren die Gäste just an diesem Nachmittag nicht, am wenigsten die Sternbübles. So gern sie auch sonst Geschichten hörten, heute hatten sie selbst allerlei zu erzählen und zu fragen. Da war am Morgen einer Bauersfrau eine höchst sonderbare Sache zugestoßen; die hatte sich aus einem ganz unerfindlichen Grunde auf ihren eigenen Eierkorb gesetzt, was weder ihrem Rock noch den Eiern gut bekommen war. Die Sternbübles hatten schon Bauchschmerzen vor Lachen darüber bekommen, und sie brannten darauf, reden zu dürfen. Aber Frau Tippelmann fragte wenig danach, was sie wollten oder nicht; sie sagte einfach: »Ich erzähle, damit Punktum, Streusand drauf, und nun aufgepaßt!«
»Erst mal -- -- --« schrie Mathes.
»Nachher,« sagte Frau Tippelmann ruhig; »also hört. Alette will eine Geschichte aus dem alten Amhaghaus; da gibt es natürlich viele, denn in einem rechten Familienhaus geschieht im Laufe der Zeit immer allerlei. Da gibt es lustige und ernsthafte Geschichten, seltsame, aufregende und auch rührende. Leider wissen die Menschen immer viel zu wenig Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Familien, und die Kinder sind jetzt auch schon so töricht, die denken, wenn es heißt, das ist aus deiner Urgroßmutter Leben eine Geschichte, »Ach, wie langweilig!« Weil unsere Alette glücklicherweise anders denkt, soll sie auch so viele Geschichten, als ich noch selbst weiß, aus dem alten Amhaghaus und dem Löwengäßle erfahren. Das Löwengäßle nun war immer ein schnurriges Sträßlein, in dem die wunderlichsten Dinge sich zutrugen, und von all den Geschichten ist mir besonders eine recht im Gedächtnis geblieben. Das war damals, als die Damen noch mit hochgetürmtem Haar einhergingen, weite Reifröcke trugen und jeder Mann ein Zöpfle hinten hängen hatte -- -- --«
»Hoho,« schrie Mathes dazwischen, »das ist net wahr, Zöpfles tragen Männer net!«
Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg lachend auf das empörte Büble. »So ein Dummköpfle, wie du auch bist!« brummelte sie. »Jetzt tragen Männer freilich keine Zöpfe mehr, aber damals, als die Geschichte spielte, trug jeder Mann seinen Zopf und -- -- --«
»Ich glaub's net,« trotzte Mathes auf, den Frau Tippelmanns Lachen und das Gekicher der Mädchen reizte, »noi, ich glaub's net!«
»Ich auch net,« redete Peter dem Bruder eifrig nach. »Zöpfles trägt kein Mann.«
»Doch einmal war es so,« riefen die Grills, und dabei schauten sie ein wenig mitleidig über diese Unwissenheit auf die Sternbübles herab. Diese gerieten erst recht in Eifer. Zum Überfluß fuhr sie nun auch noch Frau Tippelmann unwirsch an und gebot: »Haltet euren Schnabel, das Zwischenreden mag ich net leiden.« Da schrieen die Bübles lauter als vorher: »Wir glauben das mit den Zöpfles net; Männer tragen keine.«
»Seid doch stille -- -- --«
»Männer tragen keine, Männer tragen keine.«
»Nun hört doch einer diese dummen Buben an!« schalt Frau Tippelmann erzürnt. »Dabei ist euer eigener Ururgroßvater, der Sternwirt Jakob, der Mann gewesen, der am längsten ein Zöpfle in Breitenwert getragen hat. Den Zöpflewirt haben sie ihn genannt, mein Großvater hat mir noch von ihm erzählt. Fragt nur eure Mutter, die wird's schon wissen. Also nun weiter, damals trugen die Männer noch ihre Zöpfles und -- -- --«
»Noi, ich glaub's doch net, Männer sind net so dumm!« schrie Mathes, und dabei wurde er vor Zorn so rot wie ein Krebs im heißen Wasser.
»Ich glaub's auch net.« Peter ließ den Bruder nicht im Stich, dessen Glaube war sein Glaube, und Gundel flüsterte und ermahnte vergeblich, sie möchten doch stille sein; die Brüder blieben bei ihrem Widerspruch: »Männer tragen keine Zöpfles.«
»Taten sie doch, es ist wahr,« riefen die Grills, denen die Sache nun auch zu dumm wurde, »wir wissen's genau. Zu dumm, so etwas nicht zu wissen!«
»Wir glauben's doch net,« versicherten die Bübles grantig. »Pah, Zöpfles sind für Mädeles; Männer sind net so affig!«
»Pfui,« schrie Trinle Grill entrüstet, »seid ihr frech! Mädeles sind net affig, wenn sie Zöpfles tragen.« Und zum Zeichen, daß sie sehr stolz auf ihren dicken Zopf war, schwenke sie den wie einen Uhrpendel hin und her. »Zöpfle sind fein, und daß Männer sie getragen haben, weiß ich auch.«
»Wir auch!« wiederholten ihre Brüder noch einmal in kriegerischem Ton.