Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Part 10

Chapter 103,777 wordsPublic domain

»Es kommt jemand,« wiederholte Trinle verlegen. Was sollte der Jemand von ihrem Geheule denken! Aber sie ließ Gundel nicht los. »Komm mit in unser Haus,« tuschelte sie und zog die andere so geheimnisvoll in den Hausflur der Linde hinein, als hätten sie mitsammen ein Streichle ausgeführt nach dem Muster der Sternbübles.

Im dämmerstillen Flur der Linde, in dem es mehr denn je nach Bauchwehtröpfles roch, standen sie erst ein paar Herzschläge lang stumm nebeneinander. Ihre Tränen versiegten langsam, ein paarmal schluchzten sie noch auf, aber dann überkam Trinle auf einmal eine herzhafte Lachlust. Sie kicherte und kicherte; das steckte an wie vorher die Tränen, Gundel lachte auch. Dann sanken sie sich lachend in die Arme, und ein Weilchen prusteten, kicherten und quiekten sie vor Vergnügen, und darüber schwand ihnen die letzte Scheu vor einander.

»Wer schwätzt hier nur so sehr?« sagte ein paar Minuten später Herr Baldan. Er öffnete die Türe seines Arbeitszimmers, steckte den Kopf heraus und sah Trinle und Gundel auf der untersten Treppenstufe sitzen. »Na ja, unser Trinle hat seine Freundin mitgebracht, konnt' mir's denken,« brummte er und klappte die Türe wieder zu.

Die beiden Mädel ließen sich nicht stören, mochte Herr Baldan denken, was er wollte, es kümmerte sie nicht. Sie schwatzten und schwatzten, sie hatten sich ganze Bände voll zu erzählen, von Trinles Reise und Alettes Unfall. Den mußte Gundel genau beschreiben, und dabei sagte sie wieder und wieder: »Unsere Bübles sind jetzt so brav.«

Trinle hegte keinen Zweifel mehr, und gutherzig gelobte sie, ihren Brüdern von der Bravheit der Sternbübles zu erzählen. »Eigentlich ist's dumm,« rief sie, »wir könnten alle so gut auf dem Gäßle spielen und dann bei uns.«

»Und bei uns,« flüsterte Gundel, »da gibt's so arg viel Platz.«

»Ha, fein! Erzähl mal, wie ist's bei euch?«

Da mußte Gundel erzählen, und Trinle fragte und fragte. Die Zeit verging, die beiden spürten keinen Hunger, merkten nicht, wie sich Minute zu Minute reihte, und schraken dann heftig auf, als in der Linde die Tischglocke ertönte.

O je, schon Essenszeit! Und Trinle hatte ihre Bücher noch nicht fortgelegt, noch nicht ihr Haar gekämmt und ihre Hände gewaschen. Da mußte es einen schnellen Abschied geben. »Leb wohl, leb wohl, auf Wiedersehen!«

»Ja, auf Wiedersehen, morgen!«

»Nein, heute auf dem Gäßle!«

Gundel hinkte eilig zum Hause hinaus. Trinle raste die Treppe hinauf, husch, husch! die Hände gewaschen, und husch, husch! wieder hinab ins Speisezimmer.

Sie war die Letzte, die kam, und die Mutter sah sie fragend an: »So in Eile? Mit wem hast du denn so lange im Hausflur gesessen?«

»Mit -- mit meiner Freundin.« Trinle wurde rot. Was würden die Brüder sagen zu dieser Freundschaft! Aber sie überwand ihre Verlegenheit und sagte rasch: »Mit Hinkegundele -- die ist jetzt meine Freundin.«

»Hallo, die Schwester von den Sternbübles, eine feine Freundschaft!«

»Ruhe bei Tisch!« Der Vater sah die Buben strafend an. »Was soll dies Geschrei, schämt euch doch!«

Veit und Steffen wollten sich verteidigen, und sie begannen bitterböse auf die Sternbübles zu schelten. Mit deren Schwester dürfte Trinle nicht verkehren.

»So, wo steht das?« Frau Grill legte ihre Hand auf Trinles Mund, die glühend rot vor Zorn, hitzig auffahren wollte. »Streit bei Tisch gibt es nicht. Frau Tippelmann würde sagen: Wem das Essen soll gedeihn, der muß guter Dinge sein. Und auf die Sternbübles sollt ihr nicht schelten. Die haben sich brav benommen, haben Alette Amhag gerettet, und jeder sagt es, seitdem wären sie sehr nett.« »So ist's,« rief Herr Baldan, »ich glaub's jetzt auch, aus den Sternbübles wird noch etwas.«

Den Sternbübles hätten eigentlich die Ohren klingen müssen, so laut ertönte ihr Lob in der Linde. Nicht allein Herr Baldan, auch der andere Gehilfe wußte allerlei Gutes von ihnen zu sagen, sehr zum Ärger von Veit und Steffen. Die grollten und schmollten, und nach Tisch gab es am Räuberschlößle zwischen den Geschwistern einen bitterbösen Streit. Es kam, was selten genug geschah bei den Grills, Trinle trennte sich im Zorn von den Brüdern; sie lief weinend auf die Löwengasse, statt wie sonst mit den Brüdern zu spielen. Auf der Gasse fand sie Gundel, und da wurde gleich die neue Freundschaft erprobt, denn Gundel mußte trösten und beruhigen, und sie tat das sehr linde und sacht, und Trinles Zorn legte sich auch bald. Bei ihr ging es geschwinde obenhinaus, aber sie war dann auch wieder schnell zum Frieden bereit. Gundel nun war immer friedlich gesinnt, und so redeten sie beide bald davon, daß sie ihre Brüder miteinander versöhnen und Frieden auf der Gasse stiften wollten. Es sollte nicht mehr Feindschaft sein zwischen der Linde und dem Silbernen Stern, sie, Trinle und Gundel, wollten als ein paar rechte Friedensengel die Versöhnung zustande bringen.

Zwölftes Kapitel.

Eine schwierige Versöhnung.

Trinle und Gundel denken sich wundersame Erlebnisse aus und müssen schließlich Hösles flicken. Trine läuft auf die Löwengasse, und die Sternbuben finden das Räuberschlößle fein und reden von den römischen Kaisern. Frau Tippelmann erzählt Alette, was geschehen ist. Laura rennt zu Herrn Häferlein, Herr Häferlein holt den Arzt, aber Alette Amhag lacht und will in die Schule gehen.

Lieber Himmel ja, ist das eine schwere Sache, Friedensengel zu sein! Gundel und Trinle merkten das bald. Vier widerborstige Buben zu versöhnen, ist nicht leicht, zumal wenn die Buben, wie Veit und Steffen, nicht einmal anhören, was die Schwester zu sagen hat. »Entweder du läßt von Hinkegundele, oder mit uns ist's aus!« erklärten sie, als Trinle ganz gespickt mit guten Versöhnungsgedanken heimkam.

Kasperle nahm der Schwester Partei, denn Trinles Tränen rührten sein weiches kleines Herz. Und Trinle weinte und weinte, als müsse sie der Frühjahrsüberschwemmung neues Wasser zuführen. Zum Abendessen erschien sie mit so dick verweinten Augen, daß die Mutter erschrak. »Ja, Trinle, was fehlt dir denn, was hat's denn gegeben?«

Nun verpetzt sie uns, dachten die Buben, aber Trinle tat das nicht. Nur ihre kaum versiegten Tränen flossen aufs neue, und Frau Grill, die merkte, hier stimmt etwas nicht, fragte nicht weiter. Sie sah nur Veit und Steffen forschend an, und die senkten verlegen die Köpfe. Trinle tat ihnen ja selbst leid, aber warum schloß sie auch mit Hinkegundele Freundschaft, das mußte bestraft werden! Sie verschliefen auch über Nacht ihren Groll nicht und rannten am nächsten Morgen der Schwester davon. Zum ersten Male mußte Trinle allein den Schulweg machen, ohne die Brüder. Kummerschwer trat sie den Weg an, und auf der Löwengasse traf sie Gundele, die auch allein ging. Die Sternbübles hatten wieder einmal vergessen, daß sie mit der Schwester gehen wollten. Gundel war zu sehr daran gewöhnt, um sich besonders zu grämen, und sie tröstete auch Trinle in ihrem Leid. Trinle Grill trug ihr Herz auf der Zunge; sie verriet, warum Veit und Steffen ihr davongelaufen waren, aber gleich darauf tat ihr ihr vorschnelles Wort leid, denn Gundel seufzte schwer. Leise, traurig bat sie: »Laß mich lieber allein; um meinetwillen sollst du net mit den Buben in Unfrieden sein.«

»Nein, ich laß dich net,« rief Trinle rasch, »das wäre feige.« Sie nahm Gundels Arm, und alle zwei gingen sie einträchtig zur Schule. Unterwegs berieten sie, wie sie die Buben versöhnen sollten. Sie schmiedeten allerlei wundersame Pläne und dachten sich schöne Reden aus, die sie halten wollten, und so langten sie sehr lieb und versöhnlich gestimmt in der Schule an.

Aber Friedensengel sein ist nicht leicht. Die Bübles setzten alle miteinander ihre dicksten Köpfe auf, sie wollten nicht. Die Grillschen sagten, die Sternbübles taugen doch nichts, und die wieder redeten denen aus der Linde nach: »Sie sind eingebildet und hochmütig.« Die beiden Schwestern hatten ihre liebe Not, aber wie es manchmal so geht, der gemeinsame Kummer brachte sie noch näher zusammen, und je trotziger die Buben wurden, je fester schlossen sie Freundschaft miteinander.

Zwei Tage in Unfrieden und Hader waren vergangen, und wo auch immer sich die Lindenbuben und die Sternbübles trafen, fuhren sie aufeinander los wie zornige kleine Hähne. Nur vor der Rose nahmen sie sich in acht, denn Alette Amhag lag noch immer sehr krank, und noch immer sahen die Kinder scheu zu den verhüllten Fenstern hinauf: Würde Alette nicht bald gesund sein?

Trinle und Gundel hatten sich immer neue seltsame, wunderbare Ereignisse ausgesonnen, die zur Versöhnung führen könnten; an zerrissene Bubenhosen hatten sie nicht gedacht. Aber wie es so kommt! »Kleine Ursachen -- große Wirkungen,« pflegte Frau Tippelmann in solchen Fällen zu sagen. Gundel war bei Trinle, das erste Mal in Trinles Stübchen, um der Freundin Besitztümer zu bewundern, da tat sich die Türe auf, und Kasperle erschien. Er setzte eine geheimnisvolle Miene auf und sagte: »Trinle, sollst mal geschwind zum Räuberschlößle kommen.«

»Was soll ich da?«

»Sollst kommen -- und dein Nähtäschele mitbringen.«

»Mein Nähtäschele? Die Buben haben sich wohl was zerrissen?« rief Trinle ahnungsvoll.

Kasperle nickte betrübt, und er antwortete so geheimnisvoll, als handle es sich um eine Staatsangelegenheit: »Die Hösles haben sie zerrissen!«

»Beide,« schrie Trinle, »und die guten?«

»Beide!« Kasperle seufzte schwer. »Sie sind im Räuberschlößle vom Turm gefallen.«

»O je!« Trinle kreischte entsetzt, das war eine schlimme Sache. Veit und Steffen hatten, das wußte sie, ihre guten Anzüge an, weil sie nachher ihren Lehrer besuchen sollten. Die Mutter war nicht daheim, und mit Berta, des Hauses Stütze, war in diesen Tagen nicht gut reden, die dachte nur an das große Frühlingsscheuerfest, das nächstens beginnen sollte.

»Gute Hösles kann ich net flicken,« klagte Trinle, »das gerät mir net.«

»Darf ich helfen?« fragte da Gundel sanft. Sie konnte das Hösleflicken besonders gut; ihre Brüder sorgten für die rechte Übung.

»Ja, hilf du,« rief Trinle froh. Daran, daß Gundel eigentlich mit Veit und Steffen nicht gerade auf dem Fuß des Hösleflickens stand, dachte sie nicht. Sie vergaß auch im Eifer, den Brüdern zu helfen, den eigenen Groll und packte ihr Nähtäschele zusammen, tat hinein, was nur irgend gebraucht wurde, und zog mit Gundel und Kasperle nach dem Räuberschlößle.

Potzwetter, sah es da innen wüst aus! Herr Baldans lang vorausgesagter Einsturz war wirklich erfolgt. Die Turmtreppe war halb eingestürzt. Veit und Steffen saßen in ziemlich kläglicher Lage auf einem Trümmerhaufen, und wer sie nicht kannte, hätte sie gut und gern auf den ersten Blick für Räuberbuben halten können. »Hu,« kreischte Trinle, »wie seht ihr aus! Und die guten Sachen habt ihr an?«

»Sei froh, daß wir net was gebrochen haben,« brummte Veit. Er betrachtete tiefsinnig ein großes Dreieck auf seinem Knie. Steffen rieb sich den linken Arm; da klaffte ein Loch, und er fragte kleinlaut: »Hast du dein Nähtäschle mit?«

»Freilich,« rief Trinle, »und Gundele auch; Gundele hilft flicken.«

»Hm,« brummelten die Buben verlegen. Gundels Hilfe war ihnen nicht recht, sie sahen aber ein, daß zwei Flickerinnen schneller schaffen konnten, und eilig war es. Also taten sie, als wüßten sie nichts von einem Streit der letzten Tage, und Steffen zog als erster seine Jacke aus. Dabei stand er auf, und Trinle schrie erschrocken: »O je, hinten hast du aber ein Rißle, das schaff' ich nimmer!«

»So schlimm ist's noch nicht!« Steffen seufzte und tastete nach der verletzten Stelle. Da sagte Gundel tapfer: »Ich flick's schon, nur ausziehen mußt du die Hösles.«

Freilich, das mußte geschehen. Es war aber nicht gerade warm im Räuberschlößle, und sonst war es auch nicht angenehm, ohne Jacke und Hose dazustehen. Aber da wußte Trinle Rat. »Dort im Schränkle liegen die Gartendecken, nehmt die um,« riet sie, »und da im Eckle zieht ihr euch aus.«

Veit und Steffen sagten nicht »Unsinn« wie so manchmal bei der Schwester Ratschlägen; sie holten rasch die Decken heraus, und wenige Sekunden später lagen Hosen und Jacken vor den Mädels. Veit und Steffen aber saßen, in rotkarierte Decken gehüllt, auf einer alten Gartenbank. Sie schauten ziemlich kläglich drein, denn Trinle jammerte verzweifelt über die großen Löcher, an denen ihre Flickkunst zu scheitern drohte. Gundel sagte nichts; die ging tapfer an die Arbeit, und die Nadel flog so flink auf und ab, daß Trinle voll Bewunderung rief: »Du kannst es beinahe so gut wie Mutter!«

Gundel seufzte. »Ja, aber ein Stündele wird's dauern,« sagte sie bedrückt, »und -- -- --«

»Ha, ich weiß,« Trinle entsank gleich vor Schreck die Nadel, »du willst ja mit deinen Brüdern in die Bachmühle gehen!«

»Ja,« flüsterte Gundel, »die warten wohl schon auf dem Gäßle!«

Ein paar Augenblicke war es ganz still im Räuberschlößle. Veit und Steffen sahen ein, daß Gundel um ihrer Hösles willen nicht auf ihren Spaziergang verzichten konnte, sie ahnten aber dumpf, Trinle schaffe es nicht allein, und Trinle erkannte das selbst. Sie begann kläglich zu weinen: »Ich werde net fertig, wenn du gehst.«

Gundel überlegte. Sie wollte gern helfen, aber die Brüder so einfach im Stich lassen wollte sie auch nicht, und sie schlug schließlich vor: »Ich gehe aufs Gäßle und sag' es ihnen.«

»Nein, dann kommst du net wieder, ich -- ich sag's ihnen,« schrie Trinle ängstlich. »Kasperle geht mit.«

»Ja,« riefen Steffen und Veit, »sag du's!« Sie spürten es nämlich beide, Gundel verstand das Flicken besser als Trinle; die brachte in fünf Minuten so viel fertig wie die Schwester in einer Viertelstunde. Da war es schon besser, sie blieb.

»Ich geh!« Trinle sprang jäh auf; ihr war plötzlich etwas eingefallen, und sie nahm Kasperle bei der Hand, zog ihn mit hinaus und rannte eilig durch den Garten dem Hause zu, ohne auf Gundels und der Brüder Rufen zu achten.

Die Sternbübles warteten wirklich schon in der Löwengasse auf die Schwester, und sie waren höchst verwundert, als Trinle statt dieser auf sie zukam. Trinle hatte sich gedacht: Ich hol die Sternbübles schwipp schwapp hinein. Jetzt können Veit und Steffen net ausreißen, weil sie keine Hösles haben, und da versöhnen sie sich. Aber so schwipp schwapp ging das nicht; die Sternbübles wollten nicht. Die stellten sich ganz widerborstig vor Trinle hin und erklärten: »Nein, zu euch in die Linde kommen wir net, ihr seid zu wüst.«

Das war arg, und Trinle sah ein paar Herzschläge lang gar nicht wie ein Friedensengel aus, sondern viel eher wie ein kleiner Kriegsteufel. Sie schnappte nach Luft, wollte bitterböse Worte sagen, besann sich aber noch rechtzeitig und rief: »Wir sind doch net im Haus, wir sind im Räuberschlößle, und Gundel -- ja Gundel will euch was sagen!«

Im Räuberschlößle! Den Sternbübles blinkerten die Augen. Sie hatten schon viel von dem Grillschen Räuberschloß gehört, hätten es himmelgern längst gesehen, und nun sollten sie hinein, wurden sogar darum gebeten. Sollten sie da nein sagen? »Na ja,« brummelten sie endlich, »wenn Gundele will.« An ihren Nasenspitzen konnte man es ihnen freilich ansehen, daß sie selbst wollten, denn sie trabten höchst vergnügt neben Trinle und Kasperle durch das Haus in den Garten hinein. Und da war das Räuberschlößle und -- --

Die Überraschung war auf beiden Seiten groß. Die vier Buben starrten sich sprachlos an, und Trinle, das hinterlistige Trinle tat, als wäre alles in schönster Ordnung. Sie sagte zu Gundel: »Da sind die Bübles, sie warten, bis du fertig bist.«

Veit und Steffen hatten just gedacht: Wir werfen sie hinaus, da fielen ihnen die ungestopften Hosen ein. Ja, wenn sie die Brüder rauswarfen, dann ging auch Gundel, und dann -- -- --

»Wie fein du das machst!« rief Trinle schlau und voller Bewunderung. »Ich brächt's net in drei Stunden so gut fertig.«

Gundel flickte in tödlicher Verlegenheit, so schnell sie konnte. Die Anwesenheit der Brüder bedrückte sie. Wenn es nun Streit gab! Doch es gab keinen Streit. Mathes und Peter waren so entzückt von dem Räuberschlößle, das mit seiner eingepurzelten Treppe mehr als je einer Rumpelbude glich, daß sie beide sagten: »Hier ist's fein.«

Diese Bewunderung erfreute Veit und Steffen sehr, auch erzählten sie gern, wie die Treppe eingefallen war, sie beinahe herabgestürzt wären und eigentlich von rechtswegen jetzt halb tot daliegen müßten. Ein überstandenes Abenteuer zu erzählen, ist immer sehr vergnüglich, namentlich wenn zwei so mit Lust zuhören wie die Sternbübles. Denen wieder tat die Erkenntnis sehr wohl, daß die braven Lindenbuben sich auch einmal die Hösles zerrissen, auch dumme Streiche machten, und am meisten gefielen ihnen die umgehängten Tischdecken.

Mathes sagte: »Ich glaub', wie ihr haben die römischen Kaiser ausgesehen.«

Das war ein Wort. Darüber flog alle Feindschaft zum Fenster hinaus, denn allen vier Buben fiel ein, sie könnten einmal gut Römer spielen; das Räuberschlößle konnte das Kapitol sein, das verteidigt wurde. Trinle redete eifrig mit, Kasperle schrie, er wolle auch Römer sein, nur Gundel schwieg. Als sie aber aufatmend Veits Hösle fortlegte und sagte: »Die sind fertig,« riefen die Buben begeistert: »Gundele wird dann die Mutter der Gracchen.«

Die hohe Ehre ließ Gundel tief erröten, und wenn möglich nahm sie sich noch eifriger Steffens Hösles an, denn Trinle erklärte: »Ich bring das Löchle net zu, es ist zu groß.«

Gundel aber brachte das Löchle zu, gerade noch zur rechten Zeit. Zwei Minuten blieben Veit und Steffen noch, um sich wieder aus römischen Kaisern in zwei Breitenwerter Schulbuben zu verwandeln. Dann aber war es die höchste Zeit; zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Im Davonrasen rief Veit nur noch: »Morgen spielen wir.«

»Ja, morgen,« schrieen die Sternbübles zurück.

»Kommt vorbei, wenn ihr in die Schule geht,« brüllte Steffen. Da schlug die Gartentüre hinter ihm zu, und Gundel, die Trinles Nähtäschele eingepackt hatte, sagte sanft: »Nun müssen wir uns aber eilen, sonst wird's zu spät.«

»Wir begleiten euch ein Stückle, Kasperle und ich,« sagte Trinle rasch, und dann wanderten sie alle fünf einträchtig die Löwengasse entlang. Dabei trafen sie Frau Tippelmann, die eben von Veit und Steffen beinahe umgerannt worden wäre. Als die Trinle, Kasperle und die Sternkinder so einträchtig daherkommen sah, blieb sie stehen und fragte erstaunt: »Je, ihr seid wohl jetzt gut miteinander?«

»Ja,« antwortete Trinle geschwind, »wir haben uns versöhnt.«

»Und deine Brüderles, warum sind die denn ausgerissen?«

»Ausgerissen sind die net, die machen nur einen Besuch.« Und geschwind erzählte Trinle die Geschichte von den zerrissenen Hösles, rühmte Gundels Flickkunst und schloß zufrieden: »Nun sind wir alle Freunde.«

»Ist recht,« sagte Frau Tippelmann, »vertragt euch miteinander. Haß und Streit bringen nur Leid. Ich will's Alette erzählen, vielleicht freut sie sich über eure Versöhnung.«

Die letzten Worte sagte Frau Tippelmann mit einem tiefen Seufzer, denn noch immer zeigte Alette keine Teilnahme für irgend etwas. Sie lag meist mit geschlossenen Augen da, nichts freute sie, und selten, ach, sehr selten sprach sie einmal. »Viele Grüße für Alette,« riefen die Kinder, »wir besuchen sie bald, sobald wir dürfen.« Dann rannten sie, so schnell Gundel vorwärts kam, weiter. Frau Tippelmann ging in das Haus und betrat innen Alettes Zimmer. Beim Anblick des blassen, stillen Kindes tat ihr das Herz wieder weh, und Laura sah ihr auch kummervoll entgegen. »Sie hat die ganze Zeit, während Sie fort waren, kein Wort gesprochen,« klagte sie traurig. »Wenn ich nur wüßte, was ihr Freude macht!«

Frau Tippelmann trat an Alettes Bett, beugte sich über die Kleine und erzählte der, so heiter sie es vermochte: »Die Sternbübles haben sich nun mit deinen Freunden aus der Linde ausgesöhnt; soll ich dir erzählen, wie das kam?«

»Ja,« flüsterte Alette und schlug die Augen auf, »wo sind sie denn?«

»Spazierengelaufen.« Frau Tippelmann rückte sich einen Stuhl zurecht und erzählte die Geschichte von den zerrissenen und wieder geflickten Hösles, und daß nun die Grills mit den Sternkindern Freundschaft geschlossen hätten. Und zum erstenmal lächelte Alette ein wenig, und als Frau Tippelmann schloß: »Sie wollen dich alle gern besuchen,« fragte sie rasch: »Dürfen sie?«

»Freilich, sobald du nur erst ein bißchen gesünder bist, dürfen sie kommen, sooft du sie haben willst!«

»Alle -- auch die Sternbübles?«

»Gewiß doch, alle, und die Sternbübles erst recht, und Gundele dazu, und wenn du erst wieder gesund bist, gehst du mit Trinle in die Schule.«

»In die Schule!« Alette richtete sich plötzlich auf, und ihre Augen strahlten. »Dann darf ich doch hier bleiben?« fragte sie atemlos.

»Freilich, solange du willst! Nur dein Vater darf dich holen, niemand sonst. Aber Kind, Herzenskind, um Gotteswillen, was hast du?«

Alette hatte mit einem Jubelschrei Frau Tippelmann umschlungen, und an dem Halse der alten treuen Frau weinte sie heiße, heiße Tränen.

»Das Kind wird kränker,« schluchzte Laura, »Herr Häferlein muß den Doktor holen.« Sie rannte hinaus, lief zu dem Nachbar hinüber, und der eilte wirklich, wie er ging und stand, und holte den Arzt herbei. Er traf ihn unterwegs, und der gute, freundliche Doktor, der nicht mehr so jung und etwas wohlbeleibt war, kam völlig außer Atem in der Löwengasse an, denn Herr Häferlein trieb unablässig zur Eile. Und zuletzt zerrte und zog Laura den Arzt noch die Treppe hinauf, daß der meinte, Alette Amhag sei nun wohl schon tot. Als er aber das Zimmer betrat, fand er die Kranke in Frau Tippelmanns Armen liegend, ein glückseliges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen.

»Sie wird gesund, nun gewiß,« rief Frau Tippelmann dem Arzt entgegen.

»Ja, das scheint mir auch so,« sagte der heiter. »Da hätte ich freilich langsamer gehen können. Herr Häferlein hat wohl gedacht, ich wäre ein Automobil geworden und könnte so flink rennen?«

Alette Amhag lachte ihr frohes Glöckchenlachen, über das sich Frau Tippelmann am ersten Tage so gefreut hatte, und der Doktor lachte herzhaft mit. »Na, mir ist die Rennerei schon recht; wer erst wieder lachen kann, der spaziert der Gesundheit entgegen. Aber nun fein brav sein, damit -- -- --«

»Ich Ostern in die Schule gehen kann,« flüsterte Alette. »Ach, ich freu' mich so!«

Dreizehntes Kapitel.

Was aus Frau Tippelmann wird.

Herr Häferlein fragt nicht nach den Zeugnissen. Die Sternbuben finden, die Uhren hätten es eilig, aber Alette Amhag meint, sie gingen im Schneckengang. Es ist Feiertagswetter, und Gundel erzählt Märchen. Jemand findet Breitenwert sehr häßlich. Herr Häferlein rennt noch einmal zum Doktor, und Frau von Bachhoven redet mit Frau Tippelmann; sie ärgert sich über das deutsche Gemüt, und die Sternbuben müssen erzählen, und schließlich sind alle froh über den Besuch.

»Jetzt wird unsere Alette bald gesund; heute hat sie geschlafen wie ein Murmeltier,« erzählte Laura am nächsten Tage Herrn Häferlein. »Nun werfe ich Ihnen keinen Stein mehr an das Fenster.«

»Ei, was das Steinwerfen anbelangt, das war nicht schlimm,« sagte der höfliche Kaufmann, »aber das Gesundwerden freut mich und sicher alle Leute in der Löwengasse!«

Damit sagte der gute Herr Häferlein nicht zu viel. Die ganze Löwengasse freute sich wirklich über Alette Amhags Genesung, am meisten aber Linde und Stern. Frau Grill ging jeden Tag in die Rose; die Sternwirtin schickte dies und das, und die Kinder stürzten wie Habichte auf Frau Tippelmann oder Laura zu, wenn sich eine von ihnen blicken ließ. »Wie geht's Alette? Steht sie bald auf? Dürfen wir sie bald besuchen?«

»Ja, bald, bald; sie freut sich schon auf euch!«

Es vergingen aber immer noch etliche Tage, ehe Trinle Grill als erste Besucherin das Krankenzimmer betreten durfte, just am ersten Ferientag dazu. Als Trinle eintrat in das Zimmer, dessen Fenster offen standen, um die Sonne, die heute wieder frühlingslustig schien, einzulassen, hörte sie lauten Lärm. Sie blieb erschrocken stehen und sah scheu nach dem Bett hin, in dem Alette noch blaß wie ein weißes Blümchen lag. »Die Bübles schreien so arg,« stammelte Trinle.