Röschen, Jaköble und andere kleine Leute
Part 7
»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran einschlief.
Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:
»Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden Und in der Hut des treusten Hirten stehn! Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden, Als unverrückt dem Lamme nachzugehn. Was alle Welt nicht geben kann, Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«
Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand hing, und als die Mutter den zweiten Vers anfing, begleitete er sie mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:
»Hier findet es die angenehmsten Auen, Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt, Kein Auge kann die Gnade überschauen, Die es allhier in reicher Fülle schmeckt, Hier wird ein Leben mitgeteilt, Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«
Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt. Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht, Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.
»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«
* * * * *
Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen. Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten, im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten Sachen setzen. »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst überlassen.
Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch manchmal mit den Eltern.
Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten mußte.
Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden Streitenden nur: »Seid doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie zwar still, aber nicht vergnügt.
Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.
Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen. Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen. Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren. Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus, mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen Büchern in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt, im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu machen.
Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.
Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann auch zurück.
»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie heute. Es ist schauderhaft langweilig!«
»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,« sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen Geschwistern sprechen.
»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich. »Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«
»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich, wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem der reinste Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du ja so eine große Freundschaft.«
Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er, »der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein Tugendbold!«
Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr vollkommen vorkam.
Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.
Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du, Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle, die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich wollte, es wäre bei uns auch so.«
»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor. »Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so etwas.«
Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch etwas anderes erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen. Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die Augen und fing an, sich auszudenken -- was, wußte er am andern Morgen selbst nicht mehr.
* * * * *
Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab, so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde, wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«
Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen. Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau Hofrätin fiel immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen, wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles versprochen hatte.
Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns ist. Ich wollte nur --« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat ein.
»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«
Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag doch, daß ich mitdarf!«
»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«
»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind. Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«
Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas. Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.
* * * * *
Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur fragen?«
Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem selbst.
Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen. Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen, die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt, aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.
Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war, und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend beraten, wie es dieses Jahr werden würde.
Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche Leute damit anzustecken.
Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.
Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie nur im Wege.
Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der vergnügten Schar.
»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?« fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.
»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.
»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu verschenken, so ist man reich.«
»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«
Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man viel oder wenig herzugeben habe.
»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein, denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett geschafft wurde.
Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar gewesen war.
»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich. »Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an unser Verschenkbäumchen zu machen.«
Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht hat.«
* * * * *
Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos- und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein, dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der Kinder. Heute dachte niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends, nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.
* * * * *
Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet. Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn Erich krank zu Bette lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen, alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So, nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst wußten sie es nicht recht.
Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht, ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.
Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein. Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein, wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück, denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.
Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.
Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser Sorgenzeit.
Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte ein großes Mitleid auf.