Röschen, Jaköble und andere kleine Leute
Part 18
Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte: »Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts, und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.
Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei, der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein ganz anderer.«
* * * * *
Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte, so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen, wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die Langeweile nicht mehr bannen.
Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen wollte, so konnte man jetzt deutlich merken, daß der liebe Gott da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.
Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe, als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub' doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin, die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös, wie man immer tut.«
Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn anzunehmen.
Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,« hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der Pfarrer in Ruhe gelassen.
Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,« sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.
Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her, und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist nichts für so ein Junges.«
Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und so zog sie denn mit ihrem Bett und der bemalten Holzkiste, in der ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das Häuschen des Geißlipp ein.
Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren, was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir die Hosen zerrissen.«
Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein liebevolles Herz, und das war mehr wert.
Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte ihn ebenfalls belobt.
Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich nicht verlassen vorkommen, wenn auch das Annele fort war, das konnte man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.
Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen. »Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er überhaupt durfte.
Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich glaub' dir alles.«
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Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah, der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld oder schafften in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.
In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge. Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim, und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub' kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr zu Hause.
Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein tüchtiger Mann aus ihm werde, an dem man sich wohl freuen konnte. Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß es mit Lust und Liebe getan war.
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Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte, auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm. Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt dahinten.
Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht, das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube stand, ein Stück Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder ein.
Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.
»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen, wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins träumen lassen.
Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am andern Morgen brachte?
Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich doch ihrer, wenn sie wohl gerät.
~Von Anna Schieber= sind ferner erschienen~:
=Annegret.= Eine Kindergeschichte mit Bildern von ~Elisabeth Sauer~. Gebunden Grundpreis M. --.60.
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=Sonnenhunger.= Geschichten von der Schattenseite. Gebunden Grundpreis M. 2.--.
Ein köstliches Buch, allerdings nicht von glücklichem Genießen, sondern vom Entbehren erzählend. Es könnte wohl manchem Herzen einen Wink geben, wie man auch an der Schattenseite des Lebens guten Mutes bleiben kann. Einige Erzählungen sind ergreifend in ihrer echten Lebenswahrheit.
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