Röschen, Jaköble und andere kleine Leute
Part 13
Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte sie doch nicht sehen, da mußte sie schon eine Ausnahme machen. »Bist du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch, die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.
Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen war.
Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört. Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund vorhanden, daß sie zum Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen, zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei, das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen, daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und dankbar sein muß.«
Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen, so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres zu bedenken als so ein armes Waisenkind.
Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut? Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du nicht tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor, daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«
»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«
Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.
Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt, darf einem nicht entleidet sein. Und es ist gewiß ein nettes Kindlein, du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«
Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das Kindlein noch nicht angesehen.
»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft, das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base zankt mich immer.«
»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal, morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander. Das gibt ein Vergnügen!«
In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch, der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort war.
So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.
Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen könne. Peterle saß am Boden und schrie aus Leibeskräften und der zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«
»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf, daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen, denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so viele Sorgen und viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder, und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus. Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß an und verzog das Mäulchen zum Lachen.
»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas bringen kann.«
Damit zog sie ab.
Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann zusammen.
Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du schon noch nach. Ich will dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen, daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück, wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.
Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar mit den Kleinen lustig lachen.
Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.
Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's Gott, tausendmal.«
Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend gewesen, trotzdem sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht mehr weh.
Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.
Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.
13. Augenblicklich.
»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!« Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else, die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören. Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken, also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?
Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern, und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur. Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten! Und nun hatte sie dieselbe gar auf die verkehrte Seite genäht vor Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam. Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm, ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein, »ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell, den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen. Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in den wenigen Stunden, die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte, alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte! So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes herausgegeben hatte.
Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.
Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen, zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter, nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.
Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben? Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten, Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!
Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn Alice wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.
So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.
In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man gesehen haben.
Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.
Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am Bettchen.«
»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«
»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich -- ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das gestatteten die Eltern nie.
Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten Teil hatte der Kleine geschluckt.