Römische Geschichte — Buch 3

Part 6

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Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht bloss die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung oder Erlaeuterung der weniger bekannten mythologischen Namen: der Symplegaden, des Kolcherlandes, der Argo. Eigentliche Missverstaendnisse des Originals aber sind bei Ennius selten. ^25 Ohne Zweifel mit Recht galt den Alten als Selbstcharakteristik des Dichters die Stelle im siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den Vertrauten zu sich ruft, mit welchem er gern und Oftmals Tisch und Gespraech und seiner Geschaefte Eroertrung Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen Dingen, Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat; Welchem das Gross' und das Klein' und den Scherz auch er mitteilen Durft' und alles zugleich, was gut und was uebel man redet, Schuetten ihm aus, wenn er mocht', und anvertrauen ihm sorglos; Welcher geteilt mit ihm viel Freud' im Hause und draussen; Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder aus Bosheit Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben, Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens, Redend zur richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich, Im Verkehre bequem und bewandert verschollener Dinge, Denn ihn lehrten die Jahre die Sitten der Zeit und der Vorzeit, Von vielfaeltigen Sachen der Goetter und Menschen Gesetz auch, Und ein Gespraech zu berichten verstand er sowie zu verschweigen. In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben multarum rerum leges divumque hominumque. ^26 Vgl. 2, 393. Aus der Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph. Aul. 956), dass er ein Mann sei, Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt Im besten Fall; und trifft er's nicht, es geht ihm hin. hat der lateinische Uebersetzer folgende Diatribe gegen die Horoskopsteller gemacht: Sterneguckerzeichen sucht er auf am Himmel, passt, ob wo Jovis Zieg' oder Krebs ihm aufgeh' oder einer Bestie Licht. Nicht vor seine Fuesse schaut man und durchforscht den Himmelsraum. ^27 Im 'Telephus' heisst es: Palam mutire plebeis piaculum est. Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort. ^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren der Bearbeitung des Euripideischen 'Phoenix' an: Doch dem Mann mit Mute maechtig ziemt's zu wirken in der Welt Und den Schuldigen zu laden tapfer vor den Richterstuhl. Das ist Freiheit, wo im Busen rein und fest wem schlaegt das Herz; Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt die frevelhafte Tat. In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten Gedichte einverleibten 'Scipio' standen die malerischen Zeilen: -- munduscaeli vastus constitit silentio; Et Neptunus saevus undis asperis pausam dedit, Sol equis iter repressit ungulis volantibus, Constitere amnes perennes, arbores vento vacant. [Iovis winkt';] es ging ein Schweigen durch des Himmels weiten Raum. Rasten hiess die Meereswogen streng die grollenden Neptun, Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck der Sonnengott, Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht der Wind. Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie der Dichter seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine Ausfuehrung der Worte, die in der urspruenglich wohl Sophokleischen Tragoedie 'Hektors Loesung' ein dem Kampfe zwischen Hephaestos und dem Skamander Zuschauender spricht: Constitit Credo Scamander, arbores vento vacant. Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der Wind. und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her. ^29 So heisst es im 'Phoenix': - - stultust, qui cupita cupiens cupienter cupit. Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt, und es ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111). ---------------------------------------------------- Der geistreiche Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu fahren; das griechische Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum der launischen Nation. Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss gleich Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische Trauerspiele fuer die roemische Buehne, sondern er versuchte auch ein ernstes Nationalschauspiel (fabula praetextata) selbstaendig zu schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen hier nicht im Weg; er brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der gleichzeitigen Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart sind seine 'Erziehung des Romulus und Remus' oder der 'Wolf', worin der Koenig Amulius von Alba auftrat, und sein 'Clastidium', worin der Sieg des Marcellus ueber die Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem Vorgang hat auch Ennius in der 'Ambrakia' die Belagerung der Stadt durch seinen Goenner Nobilior 565 (189; 2, 273) nach eigener Anschauung geschildert. Die Zahl dieser Nationalschauspiele blieb indes gering und die Gattung verschwand rasch wieder vom Theater; die duerftige Sage und die farblose Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen Sagenkreis nicht auf die Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt der Stuecke haben wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention im ganzen in Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen Literatur wenige Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung eines roemischen Nationalschauspiels war. Nur die griechischen Tragoedien der aeltesten, den Goettern noch sich naeher fuehlenden Zeit, nur Dichter wie Phrynichos und Aeschylos hatten den Mut gehabt, die von ihnen miterlebten und mitverrichteten Grosstaten neben denen der Sagenzeit auf die Buehne zu bringen; und wenn irgendwo es uns lebendig entgegentritt, was die Punischen Kriege waren und wie sie wirkten; so ist es hier, wo ein Dichter, der wie Aeschylos die Schlachten, die er sang, selber geschlagen, die Koenige und Konsuln Roms auf diejenige Buehne fuehrte, auf der man bis dahin einzig Goetter und Heroen zu sehen gewohnt war. Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius buergerte die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation vertrat, die Vorlesung neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom wenigstens insofern ein, als er dieselben in seiner Schule vortrug. Da die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht geradezu nach Brot ging, ward dieser Zweig derselben nicht so wie die Buehnendichtung von der Ungunst der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das Ende dieser Epoche sind auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in dieser Art als Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit der szenischen sich abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der Buehnendichtung eine untergeordnete Rolle gespielt, wie es denn auch ein eigentliches dichterisches Lesepublikum in dieser Zeit nur noch in sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor allem schwach vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie. Die religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit allerdings bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert halten, sowie die monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche das saturnische Mass das stehende blieb, gehoerten kaum der eigentlichen Literatur an. Soweit ueberhaupt in dieser die kleinere Poesie erscheint, tritt sie in der Regel und schon bei Naevius unter dem Namen der Satura auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem alten, seit Livius durch das griechische Drama von der Buehne verdraengten handlungslosen Buehnengedicht zukam, nun aber in der rezitativen Poesie einigermassen unseren "vermischten Gedichten" entspricht und gleich diesen nicht eigentlich eine positive Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern nur Gedichte nicht epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem, meist subjektivem Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter noch zu erwaehnendem 'Gedicht von den Sitten', welches vermutlich, anknuepfend an die aelteren Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie, in saturnischen Versen geschrieben war, gehoeren hierher besonders die kleineren Gedichte des Ennius, welche der auf diesem Gebiet sehr fruchtbare Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils abgesondert veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der vaterlaendischen Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des religioesen Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von Gela, eines Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen dem Leben und dem Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von Sittenspruechen, parodische und epigrammatische Kleinigkeiten - geringe Sachen, aber bezeichnend wie fuer die Mannigfaltigkeit so auch fuer die didaktisch-neologische Tendenz des Dichters, der auf diesem Gebiete, wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am freiesten gehen liess. ---------------------------------------- ^30 Ausser Cato werden noch aus dieser Zeit zwei "Konsulare und Poeten" genannt (Suet. vita Ter. 4): Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und Marcus Popillius, Konsul 581 (173). Doch bleibt es dahingestellt, ob sie ihre Gedichte auch publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres zweifelhaft sein. ---------------------------------------- Groessere dichterische wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche in Anspruch, die Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es Naevius, der dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der gleichzeitigen Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig war und namentlich den Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so schlecht und recht, wie die Dinge waren, ohne irgend etwas als unpoetisch zu verschmaehen und ohne irgendwie, namentlich in der Schilderung der geschichtlichen Zeit, auf poetische Hebung oder gar Verzierungen auszugehen, durchaus in der gegenwaertigen Zeit berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen Nationalversmass heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit wesentlich dasselbe, was von dem Nationalschauspiel desselben Dichters gesagt ward. Die epische Poesie der Griechen bewegt sich wie die tragische voellig und wesentlich in der heroischen Zeit; es war ein durchaus neuer und wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert grossartiger Gedanke, mit dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu durchleuchten. Mag immerhin in der Ausfuehrung die Naevische Chronik nicht viel mehr gewesen sein als die in mancher Hinsicht verwandten mittelalterlichen Reimchroniken, so hatte doch sicher mit gutem Grund der Dichter sein ganz besonderes Wohlgefallen an diesem seinem Werke. Es war nichts Kleines in einer Zeit, wo es eine historische Literatur ausser den offiziellen Aufzeichnungen noch schlechterdings nicht gab, seinen Landsleuten ueber die Taten der Zeit und der Vorzeit einen zusammenhaengenden Bericht gedichtet und daneben die grossartigsten Momente daraus ihnen dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben. ------------------------------------------------------- ^31 Den Ton werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der Dido: Freundlich und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas Von Troia schied. spaeter: Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig Amulius, dankt den Goettern - aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist: Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner, Das wuerde Schmach dem Volk sein - jeglichem Geschlechte. bezueglich auf die Landung in Malta im Jahre 498 (256): Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar die Insel Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte. endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte: Bedungen wird es auch durch - Gaben des Lutatius Zu suehnen; er bedingt noch, - dass sie viel Gefangne Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln geben. -------------------------------------------------------- Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen Gegensatz des nationalen und des antinationalen Dichters nur um so greller hervortreten. Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine neue Form; Ennius fuegte oder zwaengte denselben in die Formen des hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den saturnischen Vers, die aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit ringende Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend angeht, wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die Bestattung der bei Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung des Patroklos geschildert wird und in der Kappe des mit den Istriern fechtenden Kriegstribuns Marcus Livius Stolo kein anderer steckt als der Homerische Aias - nicht einmal die Homerische Anrufung der Muse wird dem Leser erlassen. Die epische Maschinerie ist vollstaendig im Gange; nach der Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht Juno in vollem Goetterrat den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach erlangter ehefraeulicher Einwilligung den endlichen Sieg ueber die Karthager. Auch die neologische und hellenistische Tendenz ihres Verfassers verleugnen die 'Jahrbuecher' keineswegs. Schon die bloss dekorative Verwendung der Goetterwelt traegt diesen Stempel. In dem merkwuerdigen Traumgesicht, womit das Gedicht sich einfuehrt, wird auf gut pythagoreisch berichtet, dass die jetzt im Quintus Ennius wohnhafte Seele vor diesem in Horneros und noch frueher in einem Pfau sesshaft gewesen sei, und alsdann auf gut naturphilosophisch das Wesen der Dinge und das Verhaeltnis des Koerpers zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst die Wahl des Stoffes dient den gleichen Zwecken - haben doch die hellenischen Literaten aller Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe fuer ihre griechisch- kosmopolitischen Tendenzen eben in der Zurechtmachung der roemischen Geschichte gefunden. Ennius betont es, dass man die Roemer Griechen ja immer genannt und Graier sie pflege zu heissen. Der poetische Wert der vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den frueheren Bemerkungen ueber die Vorzuege und Maengel des Dichters im allgemeinen leicht abzumessen. Dass durch den Aufschwung, den die grosse Zeit der Punischen Kriege dem italischen Volksgefuehl gab, auch dieser lebhaft mitempfindende Poet sich gehoben fuehlte und er nicht bloss die Homerische Einfachheit oft gluecklich traf, sondern auch noch oefter die roemische Feierlichkeit und Ehrenhaftigkeit aus seinen Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso natuerlich wie die Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die notwendig sehr lose und gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem Dichter moeglich war, einem sonst verschollenen Helden und Patron zuliebe ein eigenes Buch nachtraeglich einzufuegen. Im ganzen aber waren die 'Jahrbuecher' ohne Frage Ennius' verfehltestes Werk. Der Plan, eine 'Ilias' zu machen, kritisiert sich selbst. Ennius ist es gewesen, welcher mit diesem Gedicht zum erstenmal jenen Wechselbalg von Epos und Geschichte in die Literatur eingefuehrt hat, der von da an bis auf den heutigen Tag als Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben vermag, in ihr umgeht. Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt. Ennius gab sich mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer als Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr noch von der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der roemischen Poesie erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den Ennius, sagt noch der feine Quintilian, wollen wir verehren wie einen altersgrauen heiligen Hain, dessen maechtige tausendjaehrige Eichen mehr ehrwuerdig als schoen sind; und wer darueber sich wundern sollte, der moege an verwandte Erscheinungen, an den Erfolg der Aeneide, der Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige poetische Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische offizielle Parallelisierung der Homerischen 'Ilias' und der Ennianischen 'Jahrbuecher' so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin und den Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht stattgefunden. Bei dem stofflichen Interesse des Gedichts besonders fuer die aristokratischen Kreise und dem grossen Formtalent des Dichters blieben die 'Jahrbuecher' das aelteste roemische Originalgedicht, welches den spaeteren gebildeten Generationen lesenswert und lesbar erschien; und so ist es wunderlicherweise gekommen, dass in diesem durchaus antinationalen Epos eines halbgriechischen Literaten die spaetere Zeit das rechte roemische Mustergedicht verehrt hat. Nicht viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener Weise entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser sowohl die kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die Buehne vor der Zeit eine roemische Poesie grosszogen, als auch die kuenstliche Hemmung, worauf namentlich die roemische Komoedie in der strengen und beschraenkten Buehnenzensur traf. Es war ferner diese schriftstellerische Taetigkeit nicht durch den dem "Baenkelsaenger" anhaftenden Makel von vornherein bei der guten Gesellschaft in den Bann getan. Darum ist denn auch die prosaische Schriftstellerei zwar bei weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die gleichzeitige poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die Poesie fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint, so ist umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht senatorischer Norne und sind es durchaus die Kreise der hoechsten Aristokratie, gewesene Konsuln und Zensoren, die Fabier, die Gracchen, die Scipionen, von denen diese Literatur ausgeht. Dass die konservative und nationale Tendenz sich besser mit dieser Prosaschriftstellerei vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat auch hier, und namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und Form maechtig, ja uebermaechtig eingewirkt. Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs gehoerten zu den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von Haus aus auf jede Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass trotz der weit ueber die Grenzen Italiens ausgedehnten Macht der roemischen Gemeinde und trotz der stetigen Beruehrung der vornehmen roemischen Gesellschaft mit den literarisch so fruchtbaren Griechen dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das Beduerfnis sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen. Als nun aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die roemische Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an einem fertigen Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren erforderlich, um beide zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese Schwierigkeiten gewissermassen umgangen dadurch, dass man die Landesgeschichte entweder in der Muttersprache, aber in Versen, oder in Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen Chroniken des Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581 173) ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden. Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen Geschichtsbuecher des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines waehrend des Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes aus vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius Scipio (+ um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die fertigen griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie schon das weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende stoffliche Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und Professorenschriftstellerei eine aristokratische Literatur in franzoesischer Sprache stand und die Gleim und Ramler deutsche Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem Schluss dieser Epoche publizierte 'Ursprungsgeschichten' zugleich das aelteste lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende prosaische Werk der roemischen Literatur sind ^33. ----------------------------------------------- ^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43) ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus der Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch lateinische Annalen aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es dahingestellt bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren Annalisten Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142) obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen des Acilius und des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben hat. Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius, beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben und ein Machwerk aus augustischer Zeit. ^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der frueheren Buecher der 'Ursprungsgeschichten' faellt nicht vor, aber wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114). ----------------------------------------------- Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl aber im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs pragmatische Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr oder minder geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen saemtlich, die Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit des Schreibers, obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in den Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert war, und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird zugleich Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber dafuer die roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze Lavinium, sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte Metropole Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein, und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter erst dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes die Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen Ursprung Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden Tendenz Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und so wurde dies die stereotype und bald die offizielle Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde. ----------------------------------------------- ^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es hervor, dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine Geschichte pragmatisch zu schreiben. ----------------------------------------------- Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht gekuemmert, so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte vorwiegend aus einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in der uns zugekommenen duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander traete, welcherlei Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten Chronisten zu Gebote gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen hinzugetan haben. Die aus Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen aeltesten Annalisten wohl noch fremd gewesen und eine unmittelbare Entlehnung griechischen Stoffes in diesem Abschnitt nicht nachweisbar. Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei dem Griechenfeind Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus Griechenland eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger. --------------------------------------------------- ^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, eine Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten der Herodotischen Erzaehlung von Kyros' Jugend geschlagen. --------------------------------- Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und lose geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber versiegte die Sage ganz, und es war nicht bloss schwierig, sondern wohl geradezu unmoeglich, aus den Beamtenverzeichnissen und den ihnen angehaengten duerftigen Vermerken eine irgendwie zusammenhaengende und lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten empfanden dies die Dichter. Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich auf den Krieg um Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner achtzehn Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in den allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch schreibenden Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen eigentuemlichen Weg schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie er selber sagt, "zu berichten, was auf der Tafel im Hause des Oberpriesters steht: wie oft der Weizen teuer gewesen und wann Mond und Sonne sich verfinstert haetten"; und so bestimmte er denn das zweite und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die Berichte ueber die Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren Eintritt in die roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den Fesseln der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe gehoeren, dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge "abschnittsweise" erzaehlte. Diese in einem roemischen Werke auffallende Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden griff teils in die oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher gegen das hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte. Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und eingehend behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, Fabius den zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens dreizehn von den achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten, wahrscheinlich anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den letzten zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im ganzen aber beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder Mitteilungen von Augenzeugen, teils einer auf dem andern. Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang dazu begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato eroeffnet - denn aus der frueheren Zeit besass man nichts als einige, meistenteils wohl erst in spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an das Licht gezogene Leichenreden, wie zum Beispiel diejenige, die der alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als Greis seinem im besten Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und taetigen oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils in seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige Nachtraege dazu, bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon gegeben. Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln durfte; schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die roemischen, sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und dass Cato den Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt fleissig las, ist bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- und Spruchsammlung absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere fuer sich zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen. Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine harmlose Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder Schriftsteller noch Leser nahmen an inneren oder aeusseren Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius der Zweite, obwohl bei dem Tode seines Vaters schon erwachsen und neununddreissig Jahre nach demselben zur Regierung gelangend, besteigt nichtsdestoweniger noch als Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein Menschenalter vor Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre 262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348 406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche festgestellten - roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre vor die Einweihung des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den gallischen Brand und das letztere, auch in griechischen Geschichtswerken erwaehnte Ereignis nach diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388 v. Chr. (Ol. 98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8, 1. Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436; nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter Finanzmann hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf den Widerspruch aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht vorgeschlagen zu haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis der albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her. Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit Karthago von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu verlangen; eine bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der naive Patriotismus nicht von selber eine solche einschliesst, ist den Vaetern der roemischen Geschichte doch nicht nachgewiesen worden. Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige Unterricht hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die Kenntnis des Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den Roemern in der innigen Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer allgemeineren Bildung auf und regte sich das Bestreben, nicht gerade diese griechische Bildung unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber doch nach ihr die roemische einigermassen zu modifizieren. ------------------------------------------- ^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder "lesen und die Rechte und Gesetze kennen lehren"; und dasselbe zeigt Plut. Cato mai. 20. ------------------------------------------- Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft uebertrug sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische Taetigkeit begann ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen Schriftstellerei. Schon um 520 (234) scheint ein Schreiblehrer Spurius Carvilius das lateinische Alphabet reguliert und dem ausserhalb desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des entbehrlich gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben ihre schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten neben der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius hat, auch hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die volksmaessigen Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch in Rom sich so gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen. --------------------------------------- ^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod invat, Ceres davon quod gerit fruges. ---------------------------------------- Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen Lebens, als dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; der echte Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische "ewig reden lernen und niemals reden koennen" die ganze Schale seines zornigen Spottes aus. Die griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung der lehrhaften und vor allem der tragischen Poesie einen gewissen Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten Apprehension betrachtet. Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer und einen als Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie geneigten Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius aussprechen: Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie; Gut ist's von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm. Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur Redekunst, die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen werden als die roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das roemische Caput mortuum der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die naechsten Quellen Catos waren fuer das Sittengedicht neben der selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen Vaetersitte vermutlich die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch die Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von den Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner, "an die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen" ^38. ----------------------------------------------------- ^38 Rem tene, verba sequentur. ----------------------------------------------------- Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219) der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache wuerdig war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung und daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war. Die Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um dieses eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben. Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. Mit der Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im Jahre 491 (263) fing die griechische Stunde (/o/ra, hora) auch bei den Roemern an gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man in Rom eine fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius Acilius Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch ein Gesetz zu steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach Ermessen Schaltmonate einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen Zweck verfehlte, ja uebel aerger machte, so lag die Ursache davon wohl weniger in dem Unverstand als in der Gewissenlosigkeit der roemischen Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior (Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der selbst als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, wurde deshalb von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und des Scharfsinnes angestaunt. Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in den hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz unberuecksichtigt geblieben sein. Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging noch wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in der Belehrung der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser muendlichen Unterweisung schon sich ein traditioneller Regelstamm und auch schriftstellerische Taetigkeit mangelt nicht ganz. Wichtiger als Catos kuerzer Abriss wurde fuer die Rechtswissenschaft das von Sextus Aelius Paetus, genannt der "Schlaue" (catus), welcher der erste praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560 194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte "dreiteilige Buch", das heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an. Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen Saetzen darlegen sollten, was ein "tuechtiger Mann" (vir bonus) als Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig und nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert. Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann, welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt, teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar Praktische, aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und schlicht zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei wohl benutzt, aber nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne brauchbare Erfahrungssaetze zu gewinnen - "die griechischen Buecher muss man einsehen, aber nicht durchstudieren", lautet einer von Catos Weidspruechen. So entstanden jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, die freilich mit der griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch den griechischen Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer alle Zeiten massgebend geworden sind. So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden: Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt Der Quiriten hartem Volke sich die Mus' im Kriegsgewand. Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn Trauerspiele in etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse mit oskischen Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der griechischen Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen. Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch verstattet ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker erscheinen mag, bleibt dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms erkennen will, von einzigem Wert als das Spiegelbild des inneren Geisteslebens Italiens in dem waffenklirrenden und zukunftsvollen sechsten Jahrhundert, in welchem die italische Entwicklung abschloss und das Land anfing einzutreten in die allgemeinere der antiken Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige Zwiespaeltigkeit, die ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation durchdringt und die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit der hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen. Die roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche Orangerie neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich erfreuen, aber nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an. Womoeglich noch entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei in der fremden Sprache gilt dies von derjenigen in der Muttersprache der Latiner; zu einem sehr grossen Teil ist dieselbe gar nicht das Werk von Roemern, sondern von Fremdlingen, von Halbgriechen, Kelten, bald auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich angeeignet hatten - unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum traten, ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann, sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium waere. Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius nennt sich mit Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht bloss auslaendisch, sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln behaftet, welche da sich einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern und der grosse Haufe das Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie die Komoedie durch die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen Schriftsteller zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren, und dass, waehrend die griechische erst nach dem Abbluehen der volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie nur am toten Koerper experimentierte, in Latium Begruendung der Grammatik und Grundlegung der Literatur, fast wie bei den heutigen Heidenmissionen, von Haus aus Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man diese hellenistische Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge fasst, jene handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos, so fuehlt man sich versucht sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser Epoche zu rechnen. --------------------------------------- ^39 Vgl. 2, 445: Enni poeta salve, qui mortalibus Versus propinas flammeos medullitus. Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen po/e/t/e/s statt poi/e/t/e/s - wie epo/e/sen den attischen Toepfern gelaeufig war - ist charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den Verfasser epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, welcher in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 M.). ----------------------------------------- Dennoch wuerde ein solches Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr einseitig gerecht sein. Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass diese gemachte Literatur in einer Nation emporkam, die nicht bloss keine volkstuemliche Dichtkunst besass, sondern auch nie mehr zu einer solchen gelangen konnte. In dem Altertum, welchem die moderne Poesie des Individuums fremd ist, faellt die schoepferisch poetische Taetigkeit wesentlich in die unbegreifliche Zeit des Werdebangens und der Werdelust der Nation; unbeschadet der Groesse der griechischen Epiker und Tragiker darf man es aussprechen, dass ihr Dichten wesentlich bestand in der Redaktion der uralten Erzaehlungen von menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese Grundlage der antiken Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die Goetterwelt gestaltlos und die Sage nichtig blieb, konnten auch die goldenen Aepfel der Poesie freiwillig nicht gedeihen. Hierzu kommt ein Zweites und Wichtigeres. Die innerliche geistige Entwicklung wie die aeusserliche staatliche Entfaltung Italiens waren gleichmaessig auf einem Punkte angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die auf dem Ausschluss aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende roemische Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich abzuwehren. Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und denationalisierenden, aber fuer die notwendige geistige Ausgleichung der Nationen unerlaesslichen Propaganda des Hellenismus in Italien beruht die geschichtliche und selbst die dichterische Berechtigung der roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus ihrer Werkstatt nicht ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen, aber sie hat den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon rein aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer eine gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige Abgeschlossenheit in sich, die zu den wesentlichsten Eigentuemlichkeiten zum Beispiel des Shakespeareschen Dramas gehoert, ist der antiken Dichtung fremd; wem der griechische Sagenkreis nicht bekannt ist, der wird fuer jede Rhapsodie wie fuer jede Tragoedie den Hintergrund und oft selbst das gemeine Verstaendnis vermissen. Wenn dem roemischen Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen Lustspiele zeigen, die Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen gelaeufig und von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen bekannt waren ^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch die Buehne ins Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der hellenischen Dichtung wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit tiefer noch wirkte, worauf schon die geistreichsten Literatoren des Altertums mit Recht den Ton gelegt haben, die Einbuergerung griechischer Dichtersprache und griechischer Masse in Latium. Wenn "das besiegte Griechenland den rauhen Sieger durch die Kunst ueberwand", so geschah dies zunaechst dadurch, dass dem ungefuegen lateinischen Idiom eine gebildete und gehobene Dichtersprache abgewonnen ward, dass anstatt der eintoenigen und gehackten Saturnier der Senar floss und der Hexameter rauschte, dass die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden Anapaeste, die kunstvoll verschlungenen lyrischen Rhythmen das lateinische Ohr in der Muttersprache trafen. Die Dichtersprache ist der Schluessel zu der idealen Welt der Poesie, das Dichtmass der Schluessel zu der poetischen Empfindung; wem das beredte Beiwort stumm und das lebendige Gleichnis tot ist, wem die Takte der Daktylen und Jamben nicht innerlich erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst gedichtet. Man sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl sich von selber verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von der Natur in die Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen sie guenstigen Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig angeregten latinischen Nation bedurften sie auch aeusserlicher Pflege. Man sage auch nicht, dass bei der weitverbreiteten Kenntnis der griechischen Sprache deren Literatur fuer das empfaengliche roemische Publikum ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber, den die Sprache ueber den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und Rhythmus nur Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten, sondern einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser Zeit gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging, den Euripideischen Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter entweder in verstorbene Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen, ueberhaupt dem denationalisierten Hellas ein denationalisiertes Latium an die Seite zu setzen und alle rein und scharf entwickelten Volkstuemlichkeiten in den problematischen Begriff der allgemeinen Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz erfreulich oder widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes aber, ihre historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte aus laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar nimmermehr sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit gewissermassen sich rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein Missverhaeltnis zwischen dem geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt und der verhaeltnismaessig vollendeten Form, aber die eigentliche Bedeutung dieser Poesie war auch eben formeller und vor allen Dingen sprachlicher und metrischer Art. Es war nicht schoen, dass die Poesie in Rom vorwiegend in den Haenden von Schulmeistern und Auslaendern und vorwiegend Uebersetzung oder Nachdichtung war; aber wenn die Poesie zunaechst nur eine Bruecke von Latium nach Hellas schlagen sollte, so waren Livius und Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in Rom und die Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es war noch weniger schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe auf die verschliffensten und geringhaltigsten Originale warf; aber in diesem Sinne war es zweckgemaess. Niemand wird die Euripideische Poesie der Homerischen an die Seite stellen wollen; aber geschichtlich betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso die Bibel des kosmopolitischen Hellenismus wie die 'Ilias' und die 'Odyssee' diejenige des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die Vertreter dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen Literaturkreis einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige Gefuehl der beschraenkten poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter bewogen haben, sich vorzugsweise an Euripides und Menander zu halten und den Sophokles und gar den Aristophanes beiseite liegen zu lassen; denn waehrend die Poesie wesentlich national und schwer zu verpflanzen ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die Euripideische wie die Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus kosmopolitisch. Immer verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die roemischen Poeten des sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische Tagesliteratur oder den sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern lediglich in der aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt, wie unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe man auch denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen Versuendigungen an dem Evangelium, welche das nichts weniger als reinliche Missionsgeschaeft mit zwingender Notwendigkeit begleiten; und sie werden geschichtlich und selbst aesthetisch einigermassen aufgewogen durch den von dem Propagandatum ebenso unzertrennlichen Glaubenseifer. Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als Ennius getan; aber wenn es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was, als wie geglaubt wird, so kann auch den roemischen Dichtern des sechsten Jahrhunderts Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden. Ein frisches und maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen Weltliteratur, eine heilige Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde Land zu verpflanzen, durchdrangen die gesamte Poesie des sechsten Jahrhunderts und flossen in eigentuemlicher Weise zusammen mit dem durchaus gehobenen Geiste dieser grossen Zeit. Der spaetere gelaeuterte Hellenismus sah auf die poetischen Leistungen derselben mit einer gewissen Verachtung herab; eher vielleicht haette er zu den Dichtern hinaufsehen moegen, die bei aller Unvollkommenheit doch in einem innerlicheren Verhaeltnis zu der griechischen Poesie standen und der echten Dichtkunst naeher kamen als ihre hoeher gebildeten Nachfahren. In der verwegenen Nacheiferung, in den klingenden Rhythmen, selbst in dem maechtigen Dichterstolz der Poeten dieser Zeit ist mehr als in irgendeiner anderen Epoche der roemischen Literatur eine imponierende Grandiositaet, und auch wer ueber die Schwaechen dieser Poesie sich nicht taeuscht, darf das stolze Wort auf sie anwenden, mit dem sie selber sich gefeiert hat, dass sie den Sterblichen das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust. ----------------------------------------------------- ^40 Aus dem troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst untergeordnete Figuren vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305), Autolykos (Bacch. 275), Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten Umrissen muessen ferner zum Beispiel die thebanische und die Argonautensage, die Geschichten von Bellerophon (Bacch. 810), Pentheus (Merc. 467), Prokne und Philomele (Rud. 604), Sappho und Phaon (Mil. 1247) bekannt gewesen sein. ----------------------------------------------------- Wie die hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich tendenzioes ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die gleichzeitige nationale Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und nichts weniger wollte, als die latinische Nationalitaet durch Schoepfung einer lateinisch redenden, aber in Form und Geist hellenischen Poesie vernichten, so musste eben der beste und reinste Teil der latinischen Nation mit dem Hellenismus selbst die entsprechende Literatur gleichfalls von sich werfen und in Acht und Bann tun. Man stand zu Catos Zeit in Rom der griechischen Literatur gegenueber ungefaehr wie in der Zeit der Caesaren dem Christentum: Freigelassene und Fremde bildeten den Kern der poetischen wie spaeter den Kern der christlichen Gemeinde; der Adel der Nation und vor allem die Regierung sahen in der Poesie wie im Christentum lediglich feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben Ursachen sind Plautus und Ennius von der roemischen Aristokratie zum Gesindel gestellt und die Apostel und Bischoefe von der roemischen Regierung hingerichtet worden. Natuerlich war es auch hier vor allem Cato, der die Heimat gegen die Fremde mit Lebhaftigkeit vertrat. Die griechischen Literaten und Aerzte sind ihm der gefaehrlichste Abschaum des grundverdorbenen Griechenvolks ^41, und mit unaussprechlicher Verachtung werden die roemischen Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man hat ihn und seine Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt und allerdings sind die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten bezeichnet von der ihm eigenen schroffen Borniertheit; bei genauerer Erwaegung indes wird man nicht bloss im einzelnen ihm wesentlich Recht geben, sondern auch anerkennen muessen, dass die nationale Opposition auf diesem Boden mehr als irgendwo sonst ueber die Unzulaenglichkeit der bloss ablehnenden Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn sein juengerer Zeitgenosse Aulus Postumius Albinus, der durch sein widerliches Hellenisieren den Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel schon griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der Vorrede zu seinem Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit verteidigte, dass er ein geborener Roemer sei, war da die Frage nicht voellig an ihrem Orte, ob er rechtskraeftig verurteilt worden sei, Dinge zu treiben, .die er nicht verstehe? oder waren etwa die Gewerbe des fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um Brot und Protektion singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter, als sie es jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior vorzuruecken, dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen die roemischen Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und auch den Cato selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner kuenftigen Grosstaten mit sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache die Griechen, die er in Rom und Athen kennenlernte, ein unverbesserlich elendes Gesindel zu schelten? Diese Opposition gegen die Bildung der Zeit und den Tageshellenismus war wohl berechtigt; einer Opposition aber gegen die Bildung und das Hellenentum ueberhaupt hat Cato keineswegs sich schuldig gemacht. Vielmehr ist es das hoechste Lob der Nationalpartei, dass auch sie mit grosser Klarheit die Notwendigkeit begriff, eine lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die Anregungen des Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer Absicht nach die lateinische Schriftstellerei nicht nach der griechischen abgeklatscht und der roemischen Volkstuemlichkeit aufgezwaengt, sondern unter griechischer Befruchtung der italischen Nationalitaet gemaess entwickelt werden. Mit einem genialen Instinkt, der weniger von der Einsicht der einzelnen als von dem Schwung der Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man, dass fuer Rom bei dem gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung der einzige Stoff zur Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der Geschichte lag. Rom war, was Griechenland nicht war, ein Staat; und auf dieser gewaltigen Empfindung beruht sowohl der kuehne Versuch, den Naevius machte, mittels der Geschichte zu einem roemischen Epos und einem roemischen Schauspiel zu gelangen, als auch die Schoepfung der lateinischen Prosa durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter und Heroen der Sage durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem Unterfangen der Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel zu stuermen; ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein antikes Drama, und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und verstaendiger ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar verloren der Gegenpartei, obwohl sein Versuch, nach dem Muster der aelteren roemischen, des appischen Sitten- und des Ackerbaugedichts eine didaktische Poesie in nationalem Versmass zu erschaffen, wenn nicht dem Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und achtungswert bleibt. Einen guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er hat denn auch die ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt, eine prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein Publikum zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit in seiner Zeit ziemlich alleinstand. So entstanden seine 'Ursprungsgeschichten', seine aufgezeichneten Staatsreden, seine fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom nationalen Geiste getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie sind nichts weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur freilich in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes ist den griechischen "Gruendungsgeschichten" (ktiseis) entlehnt. Dasselbe gilt von seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates verspottet, aber vom Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht. Seine 'Enzyklopaedie' ist wesentlich das Resultat seines Studiums der griechischen Literatur. Von allem, was der ruehrige und patriotische Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher und nichts seinem Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er fand zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der wissenschaftlichen Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen, in ihrer Art wohl der griechischen Logographie vergleichbaren 'Ursprungsgeschichten' auch kein Herodot und Thukydides gefolgt ist, so ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt, dass die literarische Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie mit der Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll sei. ------------------------------------------------ ^41 "Von diesen Griechen", heisst es bei ihm, "werde ich an seinem Orte sagen, mein Sohn Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung gebracht habe; und will es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre Schriften einzusehen, nicht sie durchzustudieren. Es ist eine grundverdorbene und unregierliche Rasse - glaube mir, das ist wahr wie ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung herbringt, so wird es alles verderben und ganz besonders, wenn es seine Aerzte hierher schickt. Sie haben sich verschworen, alle Barbaren umzubringen mit Arzeneiung, aber sie lassen sich dafuer noch bezahlen, damit man ihnen vertraue und sie uns leicht zugrunde richten moegen. Auch uns nennen sie Barbaren, ja schimpfen uns mit dem noch gemeineren Namen der Opiker. Auf die Heilkuenstler also lege ich dir Acht und Bann." Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der im Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz unverfaenglich ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste Weise dazu gekommen waren, die Italiker mit demselben zu bezeichnen. ----------------------------------------------- Werfen wir schliesslich noch einen Blick auf den Stand der bauenden und bildenden Kuenste, so macht, was die ersten anlangt, der beginnende Luxus sich weniger in dem oeffentlichen als im Privatbauwesen bemerklich. Erst gegen den Schluss dieser Periode, namentlich mit der Catonischen Zensur (570 184) faengt man in jenem an, neben der gemeinen Notdurft auch die gemeine Bequemlichkeit ins Auge zu fassen, die aus den Wasserleitungen gespeisten Bassins (lacus) mit Stein auszulegen (570 184), Saeulengaenge aufzufuehren (575, 580 179, 174) und vor allem die attischen Gerichts- und Geschaeftshallen, die sogenannten Basiliken nach Rom zu uebertragen. Das erste dieser etwa unseren heutigen Basaren entsprechende Gebaeude, die porcische oder Silberschmiedhalle, wurde von Cato im Jahre 570 (184) neben dem Rathaus errichtet, woran dann rasch andere sich anschlossen, bis allmaehlich an den Langseiten des Marktes die Privatlaeden durch diese glaenzenden saeulengetragenen Hallen ersetzt waren. Tiefer aber griff in das taegliche Leben die Umwandlung des Hausbaues ein, welche spaetestens in diese Epoche gesetzt werden muss: es schieden sich allmaehlich Wohnsaal (atrium), Hof (cavum aedium), Garten und Gartenhallen (peristylium), der Raum zur Aufbewahrung der Papiere (tablinum), Kapelle, Kueche, Schlafzimmer; und in der inneren Einrichtung fing die Saeule an sowohl im Hofe wie im Wohnsaal zur Stuetzung der offenen Decke und auch fuer die Gartenhallen verwandt zu werden - wobei wohl ueberall griechische Muster kopiert oder doch benutzt wurden. Doch blieb das Baumaterial einfach; "unsere Vorfahren", sagt Varro, "wohnten in Haeusern aus Backsteinen und legten nur, um die Feuchtigkeit abzuwehren, ein maessiges Quaderfundament". Von roemischer Plastik begegnet kaum eine andere Spur als etwa die Wachsbossierung der Ahnenbilder. Etwas oefter ist von Malerei und Malern die Rede: Manius Valerius liess den Sieg ueber die Karthager und Hieron, den er im Jahre 491 (263) vor Messana erfochten, auf der Seitenwand des Rathauses abschildern - die ersten historischen Fresken in Rom, denn viele gleichartige folgten und die im Gebiet der bildenden Kunst das sind, was nicht viel spaeter das Nationalepos und das Nationalschauspiel im Gebiet der Poesie wurden. Es werden als Maler genannt, ein gewisser Theodotos, der, wie Naevius spottete, verschanzt, in Decken sitzend, drinnen im heiligen Raum die scherzenden Laren malte mit dem Ochsenschwanz. Marcus Pacuvius von Brundisium, welcher in dem Herkulestempel auf dem Rindermarkt malte - derselbe, der im hoeheren Alter als Bearbeiter griechischer Tragoedien sich einen Namen gemacht hat; der Kleinasiate Marcus Plautius Lyco, dem fuer seine schoenen Malereien im Junotempel zu Ardea diese Gemeinde ihr Buergerrecht verlieh ^42. Aber es tritt doch eben darin sehr deutlich hervor, dass die Kunstuebung in Rom nicht bloss ueberhaupt untergeordnet und mehr Handwerk als Kunst war, sondern dass sie auch, wahrscheinlich noch ausschliesslicher als die Poesie, den Griechen und Halbgriechen anheimfiel. ------------------------------------------------------ ^42 Plautius gehoert in diese oder in den Anfang der folgenden Periode, da die Beischrift bei seinen Bildern (Plin. nat. 35, 10, 115) als hexametrisch nicht fueglich aelter sein kann als Ennius und die Schenkung des ardeatischen Buergerrechts notwendig vor dem Bundesgenossenkrieg stattgefunden haben muss, durch den Ardea seine Selbstaendigkeit verlor. ------------------------------------------------------- Dagegen zeigen sich in den vornehmen Kreisen die ersten Spuren des spaeteren dilettantischen und Sammlerinteresses. Man bewunderte schon die Pracht der korinthischen und athenischen Tempel und sah die altmodischen Tonbilder auf den roemischen Tempeldaechern mit Geringschaetzung an; selbst ein Mann wie Lucius Paullus, eher Catos Gesinnungsgenosse als Scipios, betrachtete und beurteilte den Zeus des Pheidias mit Kennerblick. Mit dem Wegfuehren der Kunstschaetze aus den eroberten griechischen Staedten machte in groesserem Massstab den ersten Anfang Marcus Marcellus nach der Einnahme von Syrakus (542 212); und obwohl dies bei den Maennern alter Zucht scharfen Tadel fand und zum Beispiel der alte strenge Quintus Maximus nach der Einnahme von Tarent (545 209) die Bildsaeulen der Tempel nicht anzuruehren, sondern den Tarentinern ihre erzuernten Goetter zu lassen gebot, so wurden doch dergleichen Tempelpluenderungen immer haeufiger. Namentlich durch Titus Flamininus (560 194) und Marcus Fulvius Nobilior (567 187), zwei Hauptvertreter des roemischen Hellenismus, sowie durch Lucius Paullus (587 167) fuellten sich die oeffentlichen Gebaeude Roms mit den Meisterwerken des griechischen Meissels. Auch hier ging den Roemern die Ahnung auf, dass das Kunstinteresse so gut wie das poetische einen wesentlichen Teil der hellenischen Bildung, das heisst der modernen Zivilisation ausmache; allein waehrend die Aneignung der griechischen Poesie ohne eine gewisse poetische Taetigkeit unmoeglich war, schien hier das blosse Beschauen und Herbeischaffen auszureichen, und darum ist eine eigene Literatur in Rom auf kuenstlichem Wege gestaltet, zur Entwicklung einer eigenen Kunst aber nicht einmal ein Versuch gemacht worden.