Part 3
Zwei Tage darauf erschien er vor dem Papst, ein wenig über sein Anliegen verlegen.
Seine Heiligkeit empfing ihn mit den Worten:
»Vor allem erwarte ich, daß Sie mir eine Begnadigung unterbreiten. Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann muß gerettet werden!«
Als der Polizeipräsident sah, daß der Papst dasselbe wollte wie er, machte er allerlei Einwände. Schließlich setzte er aber eine Verfügung auf, die der Papst ganz gegen seine Gewohnheit _motu proprio_ unterzeichnete.
Vanina glaubte zwar an die Möglichkeit, die Begnadigung ihres Geliebten zu erreichen, aber sie befürchtete, man könne ihn vergiften. Schon am Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate Cari ein paar Pakete Zwiebäcke und die Warnung, die Gefängniskost nicht mehr anzurühren.
Nunmehr erfuhr Vanina, daß die gefangenen Karbonari wieder nach dem Kastell San Leo überführt werden sollten. Sofort faßte sie den Entschluß, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu sehen. Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an, wo sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, daß Missirilli um Mitternacht in der Gefängniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja, wenn Missirilli damit einverstanden wäre, sich Arme und Beine in Ketten legen zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den Hintergrund der Kapelle zurückzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen außer Sehweite zu lassen. Hören konnte er da nichts von dem, was mit Missirilli gesprochen werden würde.
Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden sollte. Ganz früh am Morgen schloß sie sich in der Gefängniskapelle ein. Sie litt tausend Qualen. Immer wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe groß genug sei, um ihr zu verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen denunziert, aber ihm selbst hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal, wenn die Vernunft in ihres Herzens Kämpfen die Oberhand gewann, war sie voller Hoffnung, er würde einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu fliehen. Wenn sie auch Böses getan hatte, so war es doch aus Übermaß von Liebe geschehen.
Als es vier Uhr schlug, hörte Vanina von weitem auf dem Straßenpflaster die Hufschläge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren, auf denen die Gefangenen befördert wurden.
Auf dem kleinen Platze vor dem Gefängnis machte der Zug halt. Vanina beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, daß er sich nicht rühren konnte.
»Er ist wenigstens noch am Leben,« sagte sich Vanina, Tränen in den Augen. »Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft.«
Der Abend war grauenhaft. Die düstere Kapelle ward nur beleuchtet durch eine hochhängende Altarlampe, an der man mit dem Öl sparte. Vaninas Augen irrten über die Grabmäler etlicher Grandseigneurs des Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren. Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Längst waren alle Geräusche verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grübeleien versunken.
Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises Geräusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte ein paar Schritte machen, sank aber halb ohnmächtig an die Balustrade des Altars. Im nämlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei nebelhafte Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehört hatte. Es war der Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu umwickelt.
Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in Vaninas Nähe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tür zurück. Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den Hals. Sie drückte ihn an sich, aber sie spürte nichts als seine kalten harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem Schmerze darüber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen war so eisig, daß Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle ihre Übeltaten.
Schließlich begann er zu sprechen:
»Liebe Vanina, ich bedaure, daß du dich in mich verliebt hast. Vergeblich suche ich an mir nach Vorzügen, durch die ich deine Liebe verdient hätte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir die Illusionen, die uns einstmals in die Irre geführt haben! Ich darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglück, das meine Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, daß ich mich dauernd im Zustande der Todsünde befunden habe. Es fällt mir schwer, das alles vom Standpunkte der nüchternen Vernunft zu beurteilen. Warum ward ich in jener verhängnisvollen Nacht in Forli nicht ebenso verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich hätte eine andre Leidenschaft als die Befreiung Italiens?«
Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen, Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus als früher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre älter geworden. Sie schob diese Veränderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar in der Gefangenschaft erfahren hatte. In Tränen ausbrechend, sagte sie:
»Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu behandeln!«
In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft für die Befreiung Italiens gesellt. Allmählich begriff Vanina, daß die erstaunliche Veränderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm, rein innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter körperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr Schmerz sei ungeheuer, so fühlte sie ihn jetzt ins Maßlose wachsen.
Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein wenig bewegt begann er von neuem:
»Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das gewesen! Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es im Kerker, sei es bei neuen Versuchen für Italiens Freiheit!«
Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein Wort hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort:
»Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfüllung gar nicht schwer wäre: wo gäbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, daß du nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen!«
Soweit das ihm seine Ketten gestatteten, machte er eine Bewegung und reichte Vanina die Finger.
»Wenn du dem, der dir lieb und wert war, Gehör schenkst, so sei vernünftig und heirate irgendeinen angesehenen Mann, den dir dein Vater wählen wird! Mach ihm kein peinliches Geständnis! Aber ebensowenig versuche, mich wiederzusehen! Seien wir fortan einander fremd! Du hast dem Wohle des Vaterlandes eine beträchtliche Summe gespendet. Wird es je von seinen Tyrannen befreit, so wird dir dieses Geld aus dem Nationalgut getreulich wiedererstattet.«
Vanina war trostlos. Während Pietro so sprach, hatten seine Augen nur einmal aufgeleuchtet: bei dem Worte =Vaterland=.
Schließlich brach der Stolz der jungen Römerin durch. Sie hatte sich mit einem Päckchen Diamanten und etlichen kleinen Feilen versehen. Dies bot sie Missirilli an, ohne ihm etwas zu erwidern.
»Ich nehme es an,« sagte der Karbonaro, »denn das erheischt meine Pflicht. Ich muß zu entkommen suchen. Aber ich werde dich nie wiedersehen. Das schwöre ich dir angesichts deiner neuen Wohltat! Lebe wohl, Vanina! Versprich mir, niemals an mich zu schreiben und keinen Versuch zu machen, mich wiederzusehen! Laß mich ganz dem Vaterlande! Ich bin für dich gestorben. Lebe wohl!«
»Nein!« rief Vanina in Raserei. »Du sollst erfahren, was ich getan, aus Liebe zu dir!«
Nun erzählte sie ihm alle ihre Handlungen von dem Augenblick ab, da Missirilli das Schloß von San Nicolo verlassen hatte, um sich dem Legaten zu stellen. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sagte sie:
»Aber alles das ist noch nichts. Aus Liebe zu dir hab ich noch mehr getan!«
Jetzt erzählte sie ihm ihren Verrat.
»Bestie du!« schrie Missirilli voller Empörung. Er stürzte auf sie los, um sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wäre ihm auch gelungen, wäre nicht der Kerkermeister bei seinem ersten Aufschrei herbeigeeilt. Er packte den Wütenden.
»Bestie! Dir will ich nichts zu danken haben! Da!«
Er warf ihr die Feilen und die Edelsteine, so gut er konnte, vor die Füße.
Sodann ward er rasch abgeführt.
Vanina blieb besinnungslos zurück. Dann kehrte sie heim nach Rom. Kurz darauf vermeldeten die Zeitungen ihre Heirat mit Livio Savelli.
Die Fürstin von Campobasso
Es war im Jahre 1726, also zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, in Rom. Der Nepotismus trieb seine übelsten Blüten. Aber zu keiner Zeit war der römische Hof glänzender gewesen. Benedikt der Dreizehnte aus dem Hause Orsini regierte, oder vielmehr sein Neffe, der Fürst von Campobasso, der im Namen des Papstes alle Geschäfte führte, die großen wie die kleinen. Von überallher strömten die Fremden in die ewige Stadt. Italienische Nobili und spanische Granden, damals noch im Überflusse des Goldes der Neuen Welt, kamen in Scharen. Jeder Reiche und jeder Machthaber stand über den Gesetzen. Galanterie und Prunk waren offenkundig die einzigen Betätigungen im Gewimmel der Fremden und der Einheimischen.
Die beiden Nichten des Papstes, die Gräfin Orsini und die Fürstin von Campobasso, teilten sich in die Macht ihres Onkels und in die Huldigungen des Hofes. Die Schönheit beider Frauen wäre aufgefallen, selbst wenn sie der Hefe des Volkes angehört hätten. Die Orsini, wie man in Rom familiär zu sagen pflegte, war heiter und lebenslustig, die Campobasso verträumt und fromm. Aber gerade diese zarte Seele war der wildesten Leidenschaft fähig. Ohne erklärte Feindinnen zu sein, wiewohl sie sich tagtäglich beim Papste trafen und sich oft besuchten, waren die beiden Damen Nebenbuhlerinnen in allem, in ihrer Schönheit, ihrem Ansehen, ihrem Reichtum.
Die Gräfin Orsini war weniger schön, aber sie war verführerisch, leichtlebig, tatenlustig, intrigant. Sie hatte Liebhaber, aber ihr Herz blieb ewig frei. Keiner herrschte länger denn einen Tag. Ihr Glück bestand darin, zweihundert Menschen in ihren Sälen zu empfangen und unter ihnen als Königin zu erscheinen. Arg spottete sie ihrer Kusine, der Campobasso. Diese hatte die Ausdauer gehabt, sich drei Jahre lang allerorts mit einem spanischen Granden zu zeigen, bis sie ihm zu guter Letzt sagen ließ, er möge Rom binnen vierundzwanzig Stunden verlassen, wenn ihm sein Leben lieb sei. »Seit dieser Großtat«, scherzte die Orsini, »hat meine erhabene Kusine das Lachen ganz verlernt. Das ist nun schon etliche Monate her. Zweifellos geht die Ärmste an Mißmut oder Liebessehnsucht langsam zugrunde. Und ihr Gatte, dieser Schlaukopf, verfehlt nicht, Seiner Heiligkeit, unserm Onkel, diese Gemütsöde als das Ideal frommen In-sich-gehens zu preisen. Ich denke, eines schönen Tages unternimmt die fromme Büßerin eine Wallfahrt nach Hispania.«
Die Campobasso war indessen himmelweit davon entfernt, sich nach ihrem spanischen Herzog zu sehnen. Sie hatte sich während seiner Regierungszeit zu Tode gelangweilt. Hätte sie Verlangen nach ihm gefühlt, so hätte sie ihn einfach wieder holen lassen. Sie gehörte zu den in Rom nicht raren Menschenkindern, die in der Alltäglichkeit wie in der Leidenschaft immerdar natürlich und naiv sind. Obgleich kaum dreiundzwanzig Jahre alt und in der vollen Blüte ihrer Schönheit, war sie in der Tat fanatisch fromm. Es geschah, daß sie vor ihrem Onkel auf die Knie sank und seinen päpstlichen Segen erflehte. Man weiß sattsam genug, daß der gute Benedikt der Dreizehnte von jedweder Gewissenslast, mit Ausnahme von zwei oder drei Todsünden, auch ohne Beichte absolvierte. Er weinte vor Rührung. »Stehe auf, liebe Nichte!« sprach er. »Du bedarfst meines Segens nicht. In den Augen des Herrn stehst du höher als ich.«
Hierin täuschte sich Seine Heiligkeit trotz aller Unfehlbarkeit. Und mit ihm ganz Rom. Die Campobasso war toll verliebt. Ihr neuer Liebhaber liebte sie ebenso leidenschaftlich wie sie ihn. Aber trotzdem war sie tief unglücklich.
Seit mehreren Monaten sah sie bei sich fast täglich den Attaché Chevalier von Senecé, einen Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, des damaligen Gesandten Ludwigs des Fünfzehnten in Rom.
Der junge Senecé war als Sohn einer Favoritin des Regenten Philipp von Orleans der Empfänger ausgesuchter Ehren. Er war kaum zweiundzwanzig Jahre alt und schon längst Oberst. In seinem Wesen hatte er etwelche dandyhafte Angewohnheiten, aber er war nicht anmaßend. Heiterkeit, nimmermüde Vergnügungssucht, Unbesonnenheit, Schneid und Gutmütigkeit waren die Haupteigenschaften seines eigenartigen Charakters, und man konnte zum Lobe seiner Nation sagen, daß er ein vollauf mustergültiger Vertreter von ihr war. Gerade das typisch Gallische hatte die Fürstin vom ersten Augenblick an bestochen. »Ich traue dir nicht über den Weg,« sagte sie einmal zu ihm. »Du bist Franzose. Und eines erkläre ich dir im voraus: An dem Tage, wo Rom erfährt, daß ich dich manchmal heimlich bei mir habe, weiß ich, daß du mich verraten hast. Dann ist meine Liebe aus.«
Sie hatte mit der Liebe gespielt und war dabei der wildesten Leidenschaft verfallen. Auch Senecé hatte sie geliebt, wie bereits gesagt, aber das Einvernehmen beider währte bereits acht Monate, und in der Zeit, da sich die Liebe einer Italienerin verdoppelt, stirbt die eines Franzosen. Die Eitelkeit tröstete den Chevalier ein wenig in seiner Langenweile. Bereits hatte er zwei oder drei Porträts der Fürstin nach Paris gesandt. Übrigens war er von Jugend auf in jeder Hinsicht ein begnadetes Glückskind, so daß er seine sorglose Natur selbst in Dingen der Eitelkeit nicht verleugnete, die doch sonst die Herzen seiner Landsleute nicht in Ruhe läßt.
Senecé hatte für den Charakter seiner Geliebten nicht das geringste Verständnis. Infolgedessen kam ihm ihre Bizarrerie bisweilen spaßig vor. Sehr oft, ganz besonders am Festtage der Heiligen Balbina, deren Namen sie trug, hatte er die Herzenskämpfe und Gewissensbisse dieser aufrichtig frommen Schwärmerin zu beschwichtigen. Bei aller Liebe und Leidenschaft hatte sie, gerade wie eine Frau aus dem Volke, ihren Glauben nicht vergessen. Der Chevalier hatte diese Regung nur mit Gewalt besiegt und mußte sie so immer von neuem besiegen.
Dies Hindernis war das erste, das dem mit allen Gaben des Zufalls überschütteten jungen Mann in seinem Leben begegnete. Es war der Anlaß, daß er der Fürstin gegenüber zärtlich und aufmerksam blieb. Von Zeit zu Zeit hielt er es für seine Pflicht, sie zu lieben.
Er hatte in Rom nur einen Vertrauten. Das war sein Gesandter, der Herzog von Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso, der er alles erzählte, ein paarmal Dienste leistete. Nicht zu vergessen: die Wichtigkeit, die er dadurch in den Augen des Gesandten gewann, schmeichelte ihm ungemein.
Die Campobasso war auch hierin so ganz anders als Senecé. Die gesellschaftlichen Vorzüge des Geliebten machten gar keinen Eindruck auf sie. Geliebt oder nicht geliebt werden war ihr ein und alles. »Ich opfre ihm auf ewig mein Seelenheil,« dachte sie oft bei sich. »Er ist ein Ausländer. Ein Ketzer. Er kann mir derlei Opfer gar nicht entgelten.« Aber wenn dann der Chevalier erschien, in seinem Frohsinn, der so entzückend und so ungezwungen war, dann staunte sie wie vor einem Wunder und ließ sich so gern bezaubern. Bei seinem Anblicke vergaß sie alles, was sie sich vorgenommen hatte ihm zu sagen, und alle ihre düsteren Gedanken waren verflogen. Das war für sie ein Zustand, den ihre erdenferne Seele noch nie erlebt hatte. Er dauerte weiter, wenn Senecé längst von ihr wieder fort war. Schließlich ward sie sich klar, daß sie ohne den Geliebten nicht denken, nicht leben konnte.
Die Mode, die in Rom zwei Jahrhunderte hindurch die Spanier bevorzugt hatte, begann sich schon damals den Franzosen zuzuwenden. Man fing an, ihren Charakter zu verstehen, der Freude und Glück überall hinträgt, wo er sich zeigt. Diesen Charakter gab es einstmals nur in Frankreich. Seit der großen Revolution von 1789 ist er nirgends mehr zu finden. Denn ein so beständiger Frohsinn gedeiht nur bei Sorglosigkeit. Heutzutage gibt es in Frankreich für niemanden mehr eine sichere Laufbahn und ruhige Lebensentwicklung, nicht einmal mehr für das Genie, das so seltene. Zwischen den Angehörigen der Kaste Senecés und dem Reste der Nation herrscht Kriegszustand. Auch in Rom war es damals bei weitem anders als in unsren Tagen. Im Jahre 1726 ahnte man nichts von dem allen, was sich daselbst zwei Menschenalter später zutragen sollte, als das Volk, von etlichen Pfaffen bestochen, den Jakobiner Basseville umbrachte, der die Hauptstadt der Christenheit angeblich zivilisieren wollte.
Dem Chevalier gegenüber hatte die Campobasso, was ihr noch nie widerfahren, die Vernunft verloren. Dinge, die der gesunde Menschenverstand nicht billigt, hatten sie himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt gemacht. Nachdem Senecé einmal die Religiosität ihres strengen ehrlichen Herzens besiegt hatte, also etwas, was ihr hehrer und höher gewesen als die irdische Vernunft -- seitdem war ihre Liebe lodernde Leidenschaft geworden.
Die Fürstin hatte einem Monsignore Ferraterra ihr Wohlwollen geschenkt und sich vorgenommen, ihn emporzubringen. Ihr ward ganz seltsam zumute, als Ferraterra ihr eines Tages vermeldete, Senecé ginge nicht nur auffällig viel zur Orsini, sondern er wäre auch daran schuld, daß die Gräfin ihrem offiziellen Liebhaber, einem berühmten Sänger, den Laufpaß gegeben hatte.
Es war an dem Abend, da die Campobasso diese schicksalsschwere Nachricht erhalten hatte.
Regungslos saß sie im Erdgeschoß ihres Palastes in einem riesigen Lehnstuhl von vergoldetem Leder. Neben ihr, auf einem Tischchen mit schwarzer Marmorplatte, stand ein mächtiger zweiarmiger Leuchter auf hohem Fuß, ein Meisterwerk von Benvenuto Cellini. Das Licht der dicken Kerzen durchhellte das weite Gemach und ließ Einzelheiten aus der Finsternis hervortreten. An den Wänden hingen Gemälde, vom Alter gedunkelt; denn die Zeit der großen Meister war längst vorüber.
Der Fürstin gegenüber, fast zu ihren Füßen, auf einem niedrigen Ebenholzschemel, der mit massivem Goldzierat geschmückt war, hockte die rassige Gestalt des jungen Franzosen. Die Römerin schaute ihn an. Ununterbrochen. Seit er den Saal betreten, hatte sie noch kein Wort an ihn gerichtet. Sonst war sie ihm immer entgegengeeilt und ihm in die Arme geflogen.
Im Jahre 1726 war Paris bereits die Königin der Eleganz und des Schicks. Der Chevalier ließ sich von dort durch die Post regelmäßig allerlei kommen, was das schmucke Aussehen auch des feschesten Franzosen noch erhöht. Senecé hatte seine weltmännische Schulung durch die großen Mondänen am Hofe des Regenten und unter der Anleitung des berüchtigten Canillac, eines Roués am Hofe Philipps, empfangen. Aber trotz seiner bei einem Manne seines Ranges so natürlichen Sicherheit war er einigermaßen verlegen. Seine Miene verriet es deutlich. Er sah ihr ins Gesicht. Ihr schönes blondes Haar war nicht ganz in Ordnung. Ihre großen schwarzblauen Augen starrten ihn an. Aber er verstand nicht, was ihr düsterer Ausdruck besagte. Sann sie auf tödliche Rache? Oder war es nur der tiefe Ernst leidenschaftlicher Liebe?
»Also du liebst mich nicht mehr?« stieß sie endlich hervor.
Dieser Kriegserklärung folgte neues langes Schweigen.
Es fiel der Fürstin schwer, auf diesen verführerischen entzückenden Mann verzichten zu sollen. Wenn sie ihm keine Szene machte, war er stets bereit, ihr tausend Torheiten zu sagen. Des war sie überzeugt. Aber sie war viel zu stolz, als daß sie die Aussprache hinausgeschoben hätte. Eine gefallsüchtige Frau ist eifersüchtig aus Eigenliebe. Eine leichtlebige, weil sie das so gewohnt ist. Eine Frau jedoch, die wahrhaftig und leidenschaftlich liebt, hegt das Bewußtsein ihrer Rechte.
Die sonderbare Art ihres Blickes, die der römischen Leidenschaft eigentümlich ist, belustigte Senecé. Er sah in eine Tiefe voller Geheimnisse und Rätsel. Das war Seelennacktheit. Die Orsini besaß diesen Reiz nicht.
Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das Stillschweigen über die Maßen an. Da er in der Kunst, die geheime Innenwelt eines italienischen Herzens zu ergründen, so gar kein Meister war, fand er seine ruhige vernünftige Miene wieder und geriet in sein gewohntes Wohlbehagen. Das heißt: einen Kummer hatte er in diesem Augenblick doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem Nachbarhause in den tiefgelegenen Saal führte, in dem die Fürstin ihn empfing, war an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst gestern aus Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hängengeblieben. Das verdroß ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu.
Senecé bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor dem Sturm zu erkennen. »Um einen Auftritt zu vermeiden,« dachte er, »gehe ich ihren Vorwürfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede und Antwort zu stehen.« Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von Ärgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes:
»Wäre hier nicht eine günstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stücken auf. Damit ist schon der halbe Verdruß überstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht für die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schöneres gesehen als diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie läßt mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie die Nichte des Souveräns, an dessen Hof mich mein König und Herr gesandt hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen brünett sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht hörte, daß sie himmlisch schön sei, und das sagen Leute, deren Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten ahnen, daß sie mit dem glücklichen Besitzer so vieler Reize sprechen. Was die Macht anbelangt, die ein Mann über seine Geliebte haben soll, so brauche ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich es darauf ankommen lassen wollte, so genügt ein einzig Wort und ich entführe sie aus diesem Palaste mit seinen Goldmöbeln, weg von ihrem Onkel und all dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner Güter, in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich der Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlaßt mich zu dem festen Entschluß, sie lieber nicht zu fordern. Die Orsini ist lange nicht so hübsch. Wenn sie mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht ein bißchen mehr als den Kastraten Butafoco, den sie gestern in Gnaden entlassen hat, mir zu Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat Lebensart. Man kann bei ihr im Wagen vorfahren. Und eins weiß ich ganz bestimmt: eine Szene wird sie mir niemals machen. Dazu liebt sie mich viel zu wenig.«
Während des langen Schweigens hatte die Fürstin ihren starren Blick nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen.
»Ich sehe ihn zum letzten Male,« klagte sie bei sich. Und urplötzlich warf sie sich in seine Arme und drückte heiße Küsse auf seine Stirn und auf seine Augen, die längst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei ihr einstellte.