Chapter 5
CAPULET Die Luft sprüht Tau beim Sonnenuntergang, Doch bei dem Untergange meines Neffen, Da gießt der Regen recht. Was? Eine Traufe, Mädchen? Stets in Tränen? Stets Regenschauer? In so kleinem Körper Spielst du auf einmal See und Wind und Kahn, Denn deine Augen ebben stets und fluten Von Tränen wie die See; dein Körper ist der Kahn, Der diese salzge Flut befährt; die Seufzer Sind Winde, die, mit deinen Tränen tobend, Wie die mit ihnen, wenn nicht Stille plötzlich Erfolgt, den hin und her geworfnen Körper Zertrümmern werden.--Nun, wie steht es, Frau? Hast du ihr unsern Ratschluß hinterbracht?
GRÄFIN CAPULET Ja, doch sie will es nicht, sie dankt Euch sehr. Wär doch die Törin ihrem Grab vermählt!
CAPULET Sacht, rede deutlich, rede deutlich, Frau! Was? Will sie nicht? Weiß sie uns keinen Dank? Ist sie nicht stolz? Schätzt sie sich nicht beglückt, Daß wir solch einen würdgen Herrn vermocht, Trotz ihrem Unwert, ihr Gemahl zu sein?
JULIA Nicht stolz darauf, doch dankbar, daß Ihrs tatet. Stolz kann ich nie auf das sein, was ich hasse, Doch dankbar selbst für Haß, gemeint wie Liebe.
CAPULET Ei seht mir, seht mir! Kramst du Weisheit aus? Stolz--und ich dank Euch--ner Schleife hin. Pfui, du bleichsüchtges Ding, du lose Dirne! Du Talggesicht!
GRÄFIN CAPULET O pfui! Seid Ihr von Sinnen?
JULIA Ich fleh Euch auf den Knien, mein guter Vater, Hört mit Geduld ein einzig Wort nur an!
CAPULET Geh mir zum Henker, widerspenstge Dirne! Ich sage dirs: zur Kirch auf Donnerstag, Sonst komm mir niemals wieder vors Gesicht. Sprich nicht! Erwidre nicht! Gib keine Antwort! Die Finger jucken mir. O Weib, wir glaubten Uns kaum genug gesegnet, weil uns Gott Dies eine Kind nur sandte; doch nun seh ich, Dies eine war um eines schon zuviel, Und nur ein Fluch ward uns in ihr beschert. Du Hexe!
WÄRTERIN Gott im Himmel segne sie! Eur Gnaden tun nicht wohl, sie so zu schelten.
CAPULET Warum, Frau Weisheit? Haltet Euern Mund, Prophetin! Schnattert mit Gevatterinnen!
WÄRTERIN Ich sage keine Schelmstück!
CAPULET Geht mit Gott!
WÄRTERIN Darf man nicht sprechen?
CAPULET Still doch, altes Waschmaul! Spart Eure Predigt zum Gevatterschmaus; Hier brauchen wir sie nicht.
GRÄFIN CAPULET Ihr seid zu hitzig!
CAPULET Gotts Sakrament, es macht mich toll! Bei Tag, Bei Nacht, spät, früh, allein und in Gesellschaft, Zu Hause, draußen, wachend und im Schlaf, War meine Sorge stets, sie zu vermählen. Nun, da ich einen Herrn ihr ausgemittelt, Von fürstlicher Verwandtschaft, schönen Gütern, Jung, edel auferzogen, ausstaffiert, Wie man wohl sagt, mit ritterlichen Gaben, Kurz, wie man einen Mann sich wünschen möchte, Und dann ein albern, winselndes Geschöpf, Ein weinerliches Püppchen da zu haben, Die, wenn ihr Glück erscheint, zur Antwort gibt: Heiraten will ich nicht, ich kann nicht lieben, Ich bin zu jung, ich bitt, entschuldigt mich.-- Gut, willst du nicht, du sollst entschuldigt sein; Gras', wo du willst, du sollst bei mir nicht hausen. Sieh zu! Bedenk! Ich pflege nicht zu spaßen. Der Donnerstag ist nah: die Hand aufs Herz! Und bist du mein, so soll mein Freund dich haben; Wo nicht, geh, bettle, hungre, stirb am Wege! Denn nie, bei meiner Seel, erkenn ich dich, Und nichts, was mein, soll dir zugute kommen. Bedenk dich! Glaub, ich halte, was ich schwur!
(Ab.)
JULIA Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken, Das in die Tiefe meines Jammers schaut? O süße Mutter, stoß mich doch nicht weg! Nur einen Monat, eine Woche Frist! Wo nicht, bereite mir das Hochzeitsbette In jener düstern Gruft, wo Tybalt liegt!
GRÄFIN CAPULET Sprich nicht zu mir, ich sage nicht ein Wort. Tu, was du willst, denn ich bin mit dir fertig.
(Ab.)
JULIA O Gott! Wie ist dem vorzubeugen, Amme? Mein Gatt auf Erden, meine Treu im Himmel-- Wie soll die Treu zur Erde wiederkehren, Wenn sie der Gatte nicht, der Erd entweichend, Vom Himmel sendet? Tröste, rate, hilf! Weh, weh mir, daß der Himmel solche Tücken An einem sanften Wesen übt wie mir! Was sagst du? Hast du kein erfreuend Wort, Kein Wort des Trostes?
WÄRTERIN Meiner Seel, hier ists: Er ist verbannt, und tausend gegen eins, Daß er sich nimmer wieder her getraut, Euch anzusprechen; oder tät ers doch, So müßt es schlechterdings verstohlen sein. Nun, weil denn so die Sachen stehn, so denk ich, Das beste wär, daß Ihr den Grafen nähmt. Ach, er ist solch ein allerliebster Herr! Ein Lump ist Romeo nur gegen ihn. Ein Adlersauge, Fräulein, ist so grell, So schön, so feurig nicht, wie Paris seins. Ich will verwünscht sein, ist die zweite Heirat Nicht wahres Glück für Euch; weit vorzuziehn Ist sie der ersten. Oder wär sie's nicht? Der erste Mann ist tot, so gut als tot; Denn lebt er schon, habt Ihr doch nichts von ihm.
JULIA Sprichst du von Herzen?
WÄRTERIN Und von ganzer Seele, Sonst möge Gott mich strafen!
JULIA Amen!
WÄRTERIN Was?
JULIA Nun ja, du hast mich wunderbar getröstet. Geh, sag der Mutter, weil ich meinen Vater Erzürnt, so woll ich nach Lorenzos Zelle, Zu beichten und Vergebung zu empfangen.
WÄRTERIN Gewiß, das will ich; Ihr tut weislich dran.
(Ab.)
JULIA O alter Erzfeind, höllischer Versucher! Ists ärgre Sünde, so zum Meineid mich Verleiten, oder meinen Gatten schmähn Mit eben dieser Zunge, die zuvor Viel tausendmal ihn ohne Maß und Ziel Gepriesen hat?-- Seht, wie sie fröhlich aus der Beichte kommt!
(Julia tritt auf.)
CAPULET Nun, Starrkopf? Sag, wo bist herumgeschwärmt?
JULIA Wo ich gelernt, die Sünde zu bereun Hartnäckgen Ungehorsams gegen Euch Und Eur Gebot, und wo der heilge Mann Mir auferlegt, vor Euch mich hinzuwerfen, Vergebung zu erflehn.--Vergebt, ich bitt Euch! Von nun an will ich stets Euch folgsam sein.
CAPULET Schickt nach dem Grafen, geht und sagt ihm dies. Gleich morgen früh will ich dies Band geknüpft sehn.
JULIA Ich traf den jungen Grafen bei Lorenzo, Und alle Huld und Lieb erwies ich ihm, So das Gesetz der Zucht nicht übertritt.
CAPULET Nun wohl, das freut mich, das ist gut.--Steh auf! So ist es recht.--Laßt mich den Grafen sehn. Potztausend, geht, sag ich, und holt ihn her!-- So wahr Gott lebt, der würdge fromme Pater, Von unsrer ganzen Stadt verdient er Dank.
JULIA Kommt, Amme, wollt Ihr mit mir auf mein Zimmer? Mir helfen Putz erlesen, wie Ihr glaubt, Daß mir geziemt, ihn morgen anzulegen?
GRÄFIN CAPULET Nein, nicht vor Donnerstag; es hat noch Zeit.
CAPULET Geh mit ihr, Amme, morgen gehts zur Kirche.
(Julia und die Wärterin ab.)
GRÄFIN CAPULET Die Zeit wird kurz zu unsrer Anstalt fallen; Es ist fast Nacht.
CAPULET Blitz! Ich will frisch mich rühren, Und alles soll schon gehn, Frau, dafür steh ich. Geh du zu Julien, hilf an ihrem Putz. Ich gehe nicht zu Bett; laß mich gewähren, Ich will die Hausfrau diesmal machen.--Heda!-- Kein Mensch zur Hand?--Gut, ich will selber gehn Zum Grafen Paris, um ihn anzutreiben Auf morgen früh; mein Herz ist mächtig leicht, Seit dies verkehrte Mädchen sich besonnen.
(Capulet und die Gräfin ab.)
DRITTE SZENE
(Juliens Kammer)
(Julia und die Wärterin.)
JULIA Ja, dieser Anzug ist der beste.--Doch Ich bitt dich, liebe Amme, laß mich nun Für diese Nacht allein; denn viel Gebete Tun not mir, um den Himmel zu bewegen, Daß er auf meinen Zustand gnädig lächle, Der, wie du weißt, verderbt und sündlich ist.
(Gräfin Capulet kommt.)
GRÄFIN CAPULET Seid ihr geschäftig? Braucht ihr meine Hülfe?
JULIA Nein, gnädge Mutter, wir erwählten schon Zur Tracht für morgen alles Zubehör. Gefällt es Euch, so laßt mich jetzt allein Und laßt zu Nacht die Amme mit Euch wachen, Denn sicher habt Ihr alle Hände voll Bei dieser eilgen Anstalt.
GRÄFIN CAPULET Gute Nacht! Geh nun zu Bett und ruh; du hast es nötig.
(Gräfin Capulet und die Wärterin ab.)
JULIA Lebt wohl!--Gott weiß, wann wir uns wiedersehn. Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern, Der fast die Lebenswärm erstarren macht. Ich will zurück sie rufen mir zum Trost. Amme!--Doch was soll sie hier? Mein düstres Spiel muß ich allein vollenden. Komm du, mein Kelch!-- Doch wie, wenn dieser Trank nun gar nichts wirkte, Wird man dem Grafen mit Gewalt mich geben? Nein, nein! Dies solls verwehren. Lieg du hier!--
(Sie legt einen Dolch neben sich.)
Wie? Wär es Gift, das mir mit schlauer Kunst Der Mönch bereitet, mir den Tod zu bringen, Auf daß ihn diese Heirat nicht entehre, Weil er zuvor mich Romeo vermählt? So, fürcht ich, ists!--Doch dünkt mich, kanns nicht sein, Denn er ward stets ein frommer Mann erfunden. Ich will nicht Raum so bösem Argwohn geben. Wie aber, wenn ich, in die Gruft gelegt, Erwache vor der Zeit, da Romeo Mich zu erlösen kommt? Furchtbarer Fall! Werd ich dann nicht in dem Gewölb ersticken, Des giftger Mund nie reine Lüfte einhaucht, Und so erwürgt da liegen, wann er kommt? Und leb ich auch, könnt es nicht leicht geschehn, Daß mich das grause Bild von Tod und Nacht Zusammen mit den Schrecken jenes Ortes Dort im Gewölb in alter Katakombe, Wo die Gebeine aller meiner Ahnen Seit vielen hundert Jahren aufgehäuft, Wo frisch beerdigt erst der blutge Tybalt Im Leichentuch verwest; wo, wie man sagt, In mitternächtger Stunde Geister hausen-- Weh, weh!--könnt es nicht leicht geschehn, daß ich, Zu früh erwachend--und nun ekler Dunst, Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt, Das Sterbliche, die's hören, sinnlos macht-- Oh, wach ich auf, werd ich nicht rasend werden, Umringt von all den greuelvollen Schrecken, Und toll mit meiner Väter Gliedern spielen? Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren? Und in der Wut mit irgendeines Ahnherrn Gebein zerschlagen mein zerrüttet Hirn? O da! Mich dünkt, ich sehe Tybalts Geist! Er späht nach Romeo, der seinen Leib Auf einen Degen spießte.--Tybalt, halt!-- Ich komme, Romeo! Dies trink ich dir!
([Sie trinkt und] wirft sich auf das Bett.)
VIERTE SZENE
(Ein Saal in Capulets Hause)
(Gräfin Capulet und die Wärterin.)
GRÄFIN CAPULET Da, nehmt die Schlüssel, holt noch mehr Gewürz!
WÄRTERIN Sie wollen Quitten und Orangen haben Für ihre Bäckerei.
(Capulet kommt.)
CAPULET Auf, rührt euch, frisch! Schon kräht der zweite Hahn, Die Morgenglocke läutet; 's ist drei Uhr. Sieh nach dem Backwerk, Frau Angelika, Spar nichts daran!
WÄRTERIN Topfgucker! Geht nur, geht! Macht Euch zu Bett! Ja, Ihr seid morgen krank, Wenn Ihr die ganze Nacht nicht schlaf!
CAPULET Kein bißchen! Was! Ich hab um Kleiners wohl Die Nächte durchgewacht und war nie krank.
GRÄFIN CAPULET Ja, ja! Ihr wart ein feiner Vogelsteller Zu Eurer Zeit! Nun aber will ich Euch Vor solchem Wachen schon bewachen.
(Gräfin und Wärterin ab.)
CAPULET O Ehestand, o Wehestand! Nun, Kerle!
(Diener mit Bratspießen, Scheiten und Körben treten auf.)
Was bringt ihr da!
(Diener mit Bratspießen, Scheiten und Körben gehn über die Bühne.)
ERSTER DIENER 's ist für den Koch, Herr; was, das weiß ich nicht.
CAPULET Macht zu, macht zu!
(Erster Diener ab.)
Hol trockne Klötze, Bursch! Ruf Petern, denn der weiß es, wo sie sind.
ZWEITER DIENER Braucht Ihr 'nen Klotz, Herr, bin ich selber da Und hab nicht nötig, Petern anzugehn.
(Ab.)
CAPULET Blitz! Gut gesagt! Ein lustger Teufel! ha, Du sollst das Haupt der Klötze sein.--Wahrhaftig, 's ist Tag; der Graf wird mit Musik gleich kommen. Das woll er, sagt' er ja; ich hör ihn schon.
(Musik hinter der Szene.)
Frau! Wärterin! He, sag ich, Wärterin!
(Die Wärterin kommt.)
Weckt Julien auf! Geht, putzt sie mir heraus! Ich geh indes und plaudre mit dem Grafen. Eilt Euch, macht fort! Der Bräutgam ist schon da. Fort, sag ich Euch.
(Beide ab.)
FÜNFTE SZENE
(Juliens Kammer)
(Julia auf dem Bett. Die Wärterin kommt.)
WÄRTERIN Fräulein!--Nun, Fräulein! Julia!--Nun, das schläft! He, Lamm! He, Fräulein! Pfui, Langschläferin! Mein Schätzchen, sag ich! Süßes Herz! Mein Bräutchen! Was, nicht ein Laut? Ihr nehmt Eur Teil voraus, Schlaft für 'ne Woche; denn ich steh dafür, Auf nächste Nacht hat seine Ruh Graf Paris Daran gesetzt, daß wenig Ruh Ihr habt! Behüt der Herr sie! Wie gesund sie schläft! Ich muß sie aber wecken.--Fräulein! Fräulein! Laßt Euch den Grafen nur im Bett ertappen, Der wird Euch schon ermuntern; meint Ihr nicht?-- Was, schon in vollen Kleidern? Und so wieder Sich hingelegt? Ich muß durchaus Euch wecken. He, Fräulein! Fräulein! Fräulein!-- Daß Gott, daß Gott! Zu Hülfe! Sie ist tot! Ach, liebe Zeit! Daß ich je ward geboren! Bringt Weingeist, he! He, gnädger Herr! Frau Gräfin!
(Grafin Capulet kommt.)
GRÄFIN CAPULET Was ist das für ein Lärm?
WÄRTERIN O Unglückstag!
GRÄFIN CAPULET Was gibts?
WÄRTERIN Seht, seht nur! O betrübter Tag!
GRÄFIN CAPULET O weh, o weh! Mein Kind, mein einzig Leben! Erwach, leb auf, ich sterbe sonst mit dir! O Hülfe, Hülfe! Ruft doch Hülfe!
(Capulet kommt.)
CAPULET Schämt euch! Bringt Julien her! Der Graf ist da.
WÄRTERIN Ach sie ist tot, verblichen, tot! O wehe!
GRÄFIN CAPULET O wehe, wehe, sie ist tot, tot, tot!
CAPULET Laßt mich sie sehn!--Gott helf uns! Sie ist kalt, Ihr Blut steht still, die Glieder sind ganz starr, Von diesen Lippen schied das Leben längst, Der Tod liegt auf ihr, wie ein Maienfrost Auf des Gefildes schönster Blume liegt. Fluch dieser Stund! Ich armer alter Mann!
WÄRTERIN O Unglückstag!
GRÄFIN CAPULET O jammervolle Stunde!
CAPULET Der Tod, der mir sie nahm, mir Klagen auszupressen, Er bindet meine Zung und macht sie stumm.
(Bruder Lorenzo, Graf Paris und Musikanten treten auf.)
LORENZO Kommt! Ist die Braut bereit zur Kirch zu gehn?
CAPULET Bereit zu gehn, um nie zurückzukehren.-- O Sohn, die Nacht vor deiner Hochzeit buhlte Der Tod mit deiner Braut. Sieh, wie sie liegt, Die Blume, die in seinem Arm verblühte. Mein Eidam ist der Tod, der Tod mein Erbe; Er freite meine Tochter. Ich will sterben, Ihm alles lassen; wer das Leben läßt, Der läßt dem Tode alles.
PARIS Hab ich nach dieses Morgens Licht geschmachtet, Und bietet es mir solchen Anblick dar?
GRÄFIN CAPULET Unseliger, verhaßter, schwarzer Tag! Der Stunden jammervollste, so die Zeit Seit ihrer langen Pilgerschaft gesehn. Nur eins, ein einzig armes, liebes Kind, Ein Wesen nur, mich dran zu freun, zu laben-- Und grausam riß es nun der Tod mir weg!
WÄRTERIN O Weh! O Jammer--Jammer--Sachen hier sehn gar erbärmlich aus.
(Ab.)
[ZWEITER] ERSTER MUSIKANT (zeigt auf sein Instrument.) Ja, meiner Treu, die Sachen hier könnten wohl besser aussehen, aber sie klingen doch gut.
{Im Original bezieht der Musiker den Ausspruch der Amme aufgrund der Doppeldeutigkeit des Wortes "case" (Sache, Kasten) auf den Kasten für sein Instrument: "Ja, bei meiner Treu, den Kasten kann man doch ausbessern."}
PETER O Musikanten, Musikanten, spielt: "Frisch auf, mein Herz! Frisch auf, mein Herz, und singe!" O spielt, wenn euch mein Leben lieb ist, spielt: "Frisch auf, mein Herz!"
ERSTER MUSIKANT Warum: "Frisch auf, mein Herz?"
PETER O Musikanten, weil mein Herz selber spielt: "Mein Herz voll Angst und Nöten." O spielt mir eine lustige Litanei, um mich aufzurichten.
[ZWEITER] ERSTER MUSIKANT Nichts da von Litanei! Es ist jetzt nicht Spielens Zeit.
PETER Ihr wollt es also nicht?
[MUSIKANTEN] ERSTER MUSIKANT Nein.
PETER Nun, so will ich es euch schon [eintränken] gründlich geben.
ERSTER MUSIKANT Was wollt Ihr uns [eintränken] geben?
PETER [Keinen Wein] Kein Geld, wahrhaftig; sondern Spott,--ich werde es euch geben, indem ich euch als Spielmänner beschimpfe.
ERSTER MUSIKANT Dann werde ich Euch eine Dienstboten-Kreatur nennen.
PETER Dann wird Euer Schädel den Dolch dieser Dienstboten-Kreatur zu spüren bekommen. Ich dulde solche Töne nicht: [ich will euch eure Instrumente um den Kopf schlagen.] Ich will euch befa-sol-laen. Das notiert euch!
ERSTER MUSIKANT Wenn Ihr uns befa-sol-laet, so notiert Ihr uns.
ZWEITER MUSIKANT Bitte steckt Euren Dolch ein und zieht Euren Witz hervor.
PETER Dann legt euch mit meinem Witz an! Ich werde euch mit eisernem Witz verbleuen und meinen eisernen Dolch einstecken.-- [Hört, spannt mir einmal eure Schafsköpfe wie die Schafsdärme an euren Geigen.] Antwortet verständlich: Wenn in der Leiden hartem Drang Das bange Herze will erliegen, Musik mit ihrem Silberklang--Warum "Silberklang"? warum "Musik mit ihrem Silberklang"? Was sagt Ihr, Hans Kolophonium?
ERSTER MUSIKANT Ei nun, Musje, weil Silber einen feinen Klang hat.
PETER Recht artig! Was sagt Ihr, Michel Hackebrett?
ZWEITER MUSIKANT Ich sage "Silberklang", weil Musik nur für Silber klingt.
PETER Auch recht artig! Was sagt Ihr, Jakob Gellohr?
DRITTER MUSIKANT Mein Seel, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
PETER Oh, ich bitt Euch um Vergebung! Ihr seid der Sänger, Ihr singt nur; so will ich es denn für Euch sagen. Es heißt "Musik mit ihrem Silberklang", weil solche Kerle wie Ihr kein Gold fürs Spielen kriegen! Musik mit ihrem Silberklang Weiß hülfreich ihnen obzusiegen.
(Geht [singend] ab.)
ERSTER MUSIKANT Was für ein Pestkerl ist das?
ZWEITER MUSIKANT Hol ihn der Henker! Kommt, wir wollen hier hineingehn, auf die Trauerleute warten und sehen, ob es nichts zu essen gibt.
(Alle ab.)
FÜNFTER AKT
ERSTE SZENE
(Mantua. Eine Straße)
(Romeo tritt auf.)
ROMEO Darf ich dem Schmeichelblick des Schlafes traun, So deuten meine Träum ein nahes Glück. Leicht auf dem Thron sitzt meiner Brust Gebieter; Mich hebt ein ungewohnter Geist mit frohen Gedanken diesen ganzen Tag empor. Mein Mädchen, träumt ich, kam und fand mich tot --Seltsamer Traum, der Tote denken läßt!-- Und hauchte mir solch Leben ein mit Küssen, Daß ich vom Tod erstand und Kaiser war. Ach Herz! Wie süß ist Liebe selbst begabt, Da schon so reich an Freud ihr Schatten ist!
(Balthasar tritt auf.)
Ha, Neues von Verona! Sag, wie stehts? Bringst du vom Pater keine Briefe mit? Was macht mein teures Weib? Wie lebt mein Vater? Ist meine Julie wohl? Das frag ich wieder, Denn nichts kann übel stehn, gehts ihr nur wohl.
BALTHASAR Nun, ihr gehts wohl, und nichts kann übel stehn. Ihr Körper schläft in Capulets Begräbnis, Und ihr unsterblich Teil lebt bei den Engeln. Ich sah sie senken in der Väter Gruft Und ritt in Eil hieher, es Euch zu melden. O Herr, verzeiht die schlimme Botschaft mir, Weil Ihr dazu den Auftrag selbst mir gabt!
ROMEO Ist es denn so? Ich biet euch Trotz, ihr Sterne!-- Du kennst mein Haus, hol mir Papier und Tinte Und miete Pferde; ich will fort zu Nacht.
BALTHASAR Verzeiht, ich darf Euch so nicht lassen, Herr! Ihr seht so blaß und wild, und Eure Blicke Weissagen Unglück.
ROMEO Nicht doch, du betrügst dich. Laß mich und tu, was ich dich heiße tun. Hast du für mich vom Pater keine Briefe?
BALTHASAR Nein, bester Herr.
ROMEO Es tut nichts; mach dich auf Und miete Pferd', ich komme gleich nach Haus.
(Balthasar ab.)
Wohl, Julia, heute nacht ruh ich bei dir. Ich muß auf Mittel sinnen.--O wie schnell Drängt Unheil sich in der Verzweiflung Rat! Mir fällt ein Apotheker ein; er wohnt Hier irgendwo herum.--Ich sah ihn neulich, Zerlumpt, die Augenbrauen überhangend; Er suchte Kräuter aus; hohl war sein Blick, Ihn hatte herbes Elend ausgemergelt. Ein Schildpatt hing in seinem dürftgen Laden, Ein ausgestopftes Krokodil und Häute Von mißgestalten Fischen; auf dem Sims Ein bettelhafter Prunk von leeren Büchsen Und grüne Töpfe, Blasen, muffger Samen, Bindfaden-Endchen, alte Rosenkuchen, Das alles dünn verteilt, zur Schau zu dienen. Betrachtend diesen Mangel, sagt ich mir: Bedürfte jemand Gift hier, des Verkauf In Mantua sogleich zum Tode führt, Da lebt ein armer Schelm, ders ihm verkaufte. Oh, der Gedanke zielt' auf mein Bedürfnis, Und dieser dürftge Mann muß mirs verkaufen. Soviel ich mich entsinn, ist dies das Haus. Weils Festtag ist, schloß seinen Kram der Bettler. Hei Holla! Apotheker!
(Der Apotheker kommt heraus.)
APOTHEKER Wer ruft so laut?
ROMEO Mann, komm hieher!--erregt mir Schrecken.
(Entfernt sich.)
ROMEO O du verhaßter Schlund, du Bauch des Todes, Der du der Erde Köstlichstes verschlangst, So brech ich deine morschen Kiefer auf
(Er bricht die Tür des Grabmals auf.)
Und will, zum Trotz, noch mehr dich überfüllen.
(Er bricht die Tür des Gewölbes auf.)
PARIS Ha, der verbannte, stolze Montague, Der Juliens Vetter mordete; man glaubt, An diesem Grame starb das holde Wesen. Hier kommt er jetzt, um niederträchtgen Schimpf Den Leichen anzutun; ich will ihn greifen!
(Tritt hervor.)
Laß dein verruchtes Werk, du Montague! Wird Rache übern Tod hinaus verfolgt? Verdammter Bube, ich verhafte dich; Gehorch und folge mir, denn du mußt sterben.
ROMEO Fürwahr, das muß ich; darum kam ich her. Versuch nicht, guter Jüngling, den Verzweifelnden! Entflieh und laß mich; denke dieser Toten! Laß sie dich schrecken!--Ich beschwör dich, Jüngling, Lad auf mein Haupt nicht eine neue Sünde, Wenn du zur Wut mich reizest; geh, o geh, Bei Gott, ich liebe mehr dich wie mich selbst, Denn gegen mich gewaffnet komm ich her. Fort, eile, leb und nenn barmherzig ihn, Den Rasenden, der dir gebot zu fliehn!
PARIS Ich kümmre mich um dein Beschwören nicht Und greife dich als Missetäter hier.
ROMEO Willst du mich zwingen? Knabe, sieh dich vor!
(Sie fechten.)
PAGE Sie fechten! Gott, ich will die Wache rufen.
PARIS O ich bin hin!--
(Fällt.)
Hast du Erbarmen, öffne Die Gruft und lege mich zu Julien.
(Er stirbt.)
ROMEO Auf Ehr, ich wills.--Laßt sein Gesicht mich schaun. Mercutios edler Vetter ists, Graf Paris. Was sagte doch mein Diener, weil wir ritten, Als die bestürmte Seel es nicht vernahm? Ich glaube, Julia habe sich mit Paris Vermählen sollen: sagt' er mir nicht so? Wie, oder träumt ichs? Oder bild ichs mir Im Wahnsinn ein, weil er von Julien sprach? O gib mir deine Hand, du, so wie ich, Ins Buch des herben Unglücks eingezeichnet! Ich bette dich in eine stolze Gruft. Doch Gruft? Nein, helle Wölbung, Jungerschlagner! Denn hier liegt Julia: ihre Schönheit macht Dies Grab zur Feierhalle voll von Licht. Toter, lieg da, von totem Mann begraben!
(Er legt Paris in das Begräbnis.)
Wie oft sind Menschen, schon des Todes Raub, Noch fröhlich worden! Ihre Wärter nennens Den letzten Lebensblitz. Wohl mag nun dies Ein Blitz mir heißen.--O mein Herz! Mein Weib! Der Tod, der deines Odems Balsam sog, Hat über deine Schönheit nichts vermocht. Noch bist du nicht besiegt; der Schönheit Fahne Weht purpurn noch auf Lipp und Wange dir; Hier pflanzte nicht der Tod sein bleiches Banner.-- Liegst du da, Tybalt, in dem blutgen Tuch? O welchen größern Dienst kann ich dir tun, Als mit der Hand, die deine Jugend fällte, Des Jugend, der dein Feind war, zu zerreißen? Vergib mir, Vetter!--Liebe Julia, Warum bist du so schön noch? Soll ich glauben, Der körperlose Tod entbrenn in Lieb Und der verhaßte, hagre Unhold halte Als seine Buhle hier im Dunkeln dich? Aus Furcht davor will ich dich nie verlassen Und will aus diesem Palast dichter Nacht Nie wieder weichen. Hier, hier will ich bleiben Mit Würmern, so dir Dienerinnen sind. O hier bau ich die ewge Ruhstatt mir Und schüttle von dem lebensmüden Leibe Das Joch feindseliger Gestirne.--Augen, Blickt euer Letztes! Arme, nehmt die letzte Umarmung! Und, o Lippen, ihr, die Tore Des Odems, siegelt mit rechtmäßgem Kusse Den ewigen Vertrag dem Wuchrer Tod. Komm, bittrer Führer, widriger Gefährt, Verzweifelter Pilot! Nun treib auf einmal Dein sturmerkranktes Schiff in Felsenbrandung! Dies auf dein Wohl, wo du auch stranden magst! Dies meiner Lieben!--
(Er trinkt.)
O wackrer Apotheker, Dein Trank wirkt schnell.--Und so im Kusse sterb ich.
(Er stirbt, Bruder Lorenzo kommt vom andern Ende des Kirchhofes mit Laterne Brecheisen und Spaten.)
LORENZO Helf mir Sankt Franz! Wie oft sind über Gräber Nicht meine alten Füße heut gestolpert. Wer ist da? Wer ists, der noch so spät zu Toten geht?
{"Who is it that consorts, so late, the dead?" Dieser Vers findet sich in der Fassung des "Project Gutenberg Shakespeare Team's", fehlt aber in allen anderen mir bekannten Ausgaben.}
BALTHASAR Ein Freund, und einer, dem Ihr wohl bekannt.
LORENZO Gott segne dich! Sag mir, mein guter Freund, Welch eine Fackel ists, die dort ihr Licht Umsonst den Würmern leiht und blinden Schädeln? Mir scheint, sie brennt in Capulets Begräbnis.