Romeo und Julia

Chapter 4

Chapter 43,955 wordsPublic domain

ROMEO Um meinetwillen wurde dieser Ritter, Dem Prinzen nah verwandt, mein eigner Freund, Verwundet auf den Tod; mein Ruf befleckt Durch Tybalts Lästerungen, Tybalts, der Seit einer Stunde mir verschwägert war. O süße Julia, deine Schönheit hat So weibisch mich gemacht; sie hat den Stahl Der Tapferkeit in meiner Brust erweicht.

(Benvolio kommt zurück.)

BENVOLIO O Romeo, der wackre Freund ist tot, Sein edler Geist schwang in die Wolken sich, Der allzu früh der Erde Staub verschmäht.

ROMEO Nichts kann den Unstern dieses Tages wenden; Er hebt das Weh an, andre müssens enden.

(Tybalt kommt zurück.)

BENVOLIO Da kommt der grimmige Tybalt wieder her.

ROMEO Am Leben! Siegreich! Und mein Freund erschlagen! Nun flieh gen Himmel, schonungsreiche Milde! Entflammte Wut, sei meine Führerin!

(Tybalt kommt zurück.)

Nun, Tybalt, nimm den Schurken wieder, den du Mir eben gabst! Der Geist Mercutios Schwebt nah noch über unsern Häuptern hin Und harrt, daß deiner sich ihm zugeselle. Du oder ich! sonst folgen wir ihm beide.

TYBALT Elendes Kind, hier hieltest du's mit ihm Und sollst mit ihm von hinnen.

ROMEO Dies entscheide!

(Sie fechten; Tybalt fällt.)

BENVOLIO Flieh, Romeo, die Bürger sind in Wehr Und Tybalt tot. Steh so versteinert nicht! Flieh, flieh, der Prinz verdammt zum Tode dich, Wenn sie dich greifen. Fort, nur fort mit dir!

ROMEO Weh mir, ich Narr des Glücks!

BENVOLIO Was weilst du noch?

(Romeo ab. Bürger treten auf.)

EIN BÜRGER Wo lief er hin, der den Mercutio totschlug? Der Mörder Tybalts? Hat ihn wer gesehn?

BENVOLIO Da liegt der Tybalt.

EIN BÜRGER Auf, Herr, geht mit mir! Gehorcht! Ich mahn Euch von des Fürsten wegen.

(Der Prinz mit Gefolge, Montague, Capulet, ihre Gemahlinnen und andre.)

PRINZ Wer durfte freventlich hier Streit erregen?

BENVOLIO O edler Fürst, ich kann verkünden recht Nach seinem Hergang dies unselige Gefecht. Der deinen wackren Freund Mercutio Erschlagen, liegt hier tot, entleibt vom Romeo.

GRÄFIN CAPULET Mein Vetter! Tybalt! Meines Bruders Kind! O Fürst! O mein Gemahl! O seht, noch rinnt Das teure Blut! Mein Fürst, bei Ehr und Huld, Im Blut der Montagues tilg ihre Schuld!-- O Vetter, Vetter!

PRINZ Benvolio, sprich, wer hat den Streit erregt?

BENVOLIO Der tot hier liegt, von Romeo erlegt. Viel gute Worte gab ihm Romeo, Hieß ihn bedenken, wie gering der Anlaß, Wie sehr zu fürchten Euer höchster Zorn. Dies alles, vorgebracht mit sanftem Ton, Gelaßnem Blick, bescheidner Stellung, konnte Nicht Tybalts ungezähmte Wut entwaffnen. Dem Frieden taub, berennt mit scharfem Stahl Er die entschloßne Brust Mercutios; Der kehrt gleich rasch ihm Spitze gegen Spitze Und wehrt mit Kämpfertrotz mit einer Hand Den kalten Tod ab, schickt ihn mit der andern Dem Gegner wieder, des Behendigkeit Zurück ihn schleudert. Romeo ruft laut: Halt, Freunde, auseinander! Und geschwinder Als seine Zunge schlägt sein rüstger Arm, Dazwischen stürzend, beider Mordstahl nieder. Recht unter diesem Arm traf des Mercutio Leben Ein falscher Stoß vom Tybalt. Der entfloh, Kam aber gleich zum Romeo zurück, Der eben erst der Rache Raum gegeben. Nun fallen sie mit Blitzeseil sich an, Denn eh ich ziehen konnt, um sie zu trennen, War der beherzte Tybalt umgebracht. Er fiel, und Romeo, bestürzt, entwich. Ich rede wahr, sonst führt zum Tode mich.

GRÄFIN CAPULET Er ist verwandt mit Montagues Geschlecht, Aus Freundschaft spricht er falsch, verletzt das Recht. Die Fehd erhoben sie zu ganzen Horden, Und alle konnten nur ein Leben morden. Ich fleh um Recht; Fürst, weise mich nicht ab: Gib Romeo, was er dem Tybalt gab!

PRINZ Er hat Mercutio, ihn Romeo erschlagen; Wer soll die Schuld des teuren Blutes tragen?

GRÄFIN MONTAGUE Fürst, nicht mein Sohn, der Freund Mercutios; Was dem Gesetz doch heimfiel, nahm er bloß: Das Leben Tybalts.

PRINZ Weil er das verbrochen, Sei über ihn sofort der Bann gesprochen. Mich selber trifft der Ausbruch eurer Wut, Um euren Zwiespalt fließt mein eignes Blut; Allein ich will dafür so streng euch büßen, Daß mein Verlust euch ewig soll verdrießen. Taub bin ich jeglicher Beschönigung, Kein Flehn, kein Weinen kauft Begnadigung; Drum spart sie. Romeo flieh schnell von hinnen! Greift man ihn, soll er nicht dem Tod entrinnen. Tragt diese Leiche weg! Vernehmt mein Wort! Wenn Gnade Mörder schont, verübt sie Mord!

(Alle ab.)

ZWEITE SZENE

(Ein Zimmer in Capulets Hause)

(Julia tritt auf.)

JULIA Hinab, du flammenhufiges Gespann, Zu Phöbus' Wohnung! Solch ein Wagenlenker Wie Phaethon jagt' euch gen Westen wohl Und brächte schnell die wolkige Nacht herauf. Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht, Du Liebespflegerin, damit das Auge Der Neubegier sich schließ und Romeo Mir unbelauscht in diese Arme schlüpfe. Verliebten gnügt zu der geheimen Weihe Das Licht der eignen Schönheit, oder wenn Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht. Komm, ernste Nacht, du züchtig stille Frau, Ganz angetan mit Schwarz, und lehre mich Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blüte Zum Pfände setzt, gewinnend zu verlieren! Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir Das wilde Blut, das in den Wangen flattert, Bis scheue Liebe kühner wird und nichts Als Unschuld sieht in innger Liebe Tun. Komm, Nacht! Komm, Romeo, du Tag in Nacht, Denn du wirst ruhn auf Fittichen der Nacht Wie frischer Schnee auf eines Raben Rücken. Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gib Mir meinen Romeo! Und stirbt er einst, Nimm ihn, zerteil in kleine Sterne ihn: Er wird des Himmels Antlitz so verschönen, Daß alle Welt sich in die Nacht verliebt Und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt.-- Ich habe Lieb erworben wie ein Haus, Und durfte noch nicht einziehn; bin verkauft, Doch noch nicht übergeben. Dieser Tag Währt so verdrießlich lang mir wie die Nacht Vor einem Fest dem ungeduldgen Kinde, Das noch sein neues Kleid nicht tragen durfte.

(Die Wärterin mit einer Strickleiter.)

Da kommt die Amme ja, die bringt Bericht, Und jede Zunge, die nur Romeo Beim Namen nennt, spricht so beredt wie Engel.

(Die Amme tritt auf mit einer Strickleiter.)

Nun, Amme? Sag, was gibts, was hast du da? Die Stricke, die dich Romeo hieß holen?

WÄRTERIN Ja, ja, die Stricke!

(Sie wirft sie auf die Erde.)

JULIA Weh mir! Was gibts? Was ringst du so die Hände?

WÄRTERIN Daß Gott erbarm! Er ist tot, er ist tot, er ist tot! Wir sind verloren, Fräulein, sind verloren! O weh uns! Er ist hin! Ermordet! Tot!

JULIA So neidisch kann der Himmel sein?

WÄRTERIN Ja, das kann Romeo; der Himmel nicht. O Romeo, wer hätt es je gedacht? O Romeo, Romeo!

JULIA Welch Teufel bist du, daß du so mich folterst? Die grause Hölle nur brüllt solche Qual. Hat Romeo sich selbst ermordet? Sprich! Und sagt du "Ja", vergiftet dieser Laut Mehr als des Basilisks todbringend "Aug". Ich bin nicht "ich", wenns gibt ein solches "Ja", Dies Auge zu, das dich zwingt zu dem "Ja".

{Ein Wortspiel mit den Wörtern "aye" (ja), "I" (ich) und "eye" (Auge), die alle gleich ausgesprochen werden.}

Ist er entleibt, sag ja, wo nicht, sag nein! Ein kurzer Laut entscheidet Wonn und Pein.

WÄRTERIN Ich sah die Wunde, meine Augen sahn sie --Behüte Gott!--auf seiner tapfern Brust; Die blutge Leiche, jämmerlich und blutig, Bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut besudelt, Ganz starres Blut--de wieder! Pulsschlag, hemme dich! Ein Sarg empfange Romeo und mich!

WÄRTERIN O Tybalt, Tybalt! O mein bester Freund! Leutselger Tybalt, wohlgesinnter Herr! So mußt ich leben, um dich tot zu sehn?

JULIA Was für ein Sturm tobt so von jeder Seite? Ist Romeo erschlagen? Tybalt tot? Mein teurer Vetter? Teuerster Gemahl? Dann töne nur des Weltgerichts Posaune! Wer lebt noch, wenn dahin die beiden sind?

WÄRTERIN Dahin ist Tybalt, Romeo verbannt; Verbannt ist Romeo, der ihn erschlug.

JULIA Gott! Seine Hand, vergoß sie Tybalts Blut?

WÄRTERIN Sie tats, sie tats! O weh uns, weh, sie tats!

JULIA O Schlangenherz, von Blumen überdeckt! Wohnt' in so schöner Höhl ein Drache je? Holdselger Wütrich! Engelgleicher Unhold! Ergrimmte Taube! Lamm mit Wolfesgier! Verworfne Art in göttlichster Gestalt! Das rechte Gegenteil des, was mit Recht Du scheinest: ein verdammter Heiliger, Ein ehrenwerter Schurke!--O Natur! Was hattest du zu schaffen in der Hölle, Als du des holden Leibes Paradies Zum Lustsitz einem Teufel übergabst? War je ein Buch, so arger Dinge voll, So schön gebunden? Oh, daß Falschheit doch Solch herrlichen Palast bewohnen kann!

WÄRTERIN Kein Glaube, keine Treu noch Redlichkeit Ist unter Männern mehr. Sie sind meineidig, Falsch sind sie, lauter Schelme, lauter Heuchler!-- Wo ist mein Diener? Gebt mir Aquavit! Die Not, die Angst, der Jammer macht mich alt. Zu Schanden werde Romeo!

JULIA Die Zunge Erkranke dir für einen solchen Wunsch! Er war zur Schande nicht geboren; Schande Weilt mit Beschämung nur auf seiner Stirn. Sie ist ein Thron, wo man die Ehre mag Als Allbeherrscherin der Erde krönen. O wie unmenschlich war ich, ihn zu schelten!

WÄRTERIN Von Eures Vetters Mörder sprecht Ihr Gutes?

JULIA Soll ich von meinem Gatten Übles reden? Ach, armer Gatte! Welche Zunge wird Wohl deinem Namen Liebes tun, wenn ich, Dein Weib von wenig Stunden, ihn zerrissen? Doch, Arger, was erschlugst du meinen Vetter? Der Arge wollte den Gemahl erschlagen. Zurück zu eurem Quell, verkehrte Tränen! Dem Schmerz gebühret eurer Tropfen Zoll, Ihr bringt aus Irrtum ihn der Freude dar. Mein Gatte lebt, den Tybalt fast getötet, Und tot ist Tybalt, der ihn töten wollte. Dies alles ist ja Trost: was wein ich denn? Ich hört ein schlimmres Wort als Tybalts Tod, Das mich erwürgte; ich vergäß es gern! Doch ach, es drückt auf mein Gedächtnis schwer Wie Freveltaten auf des Sünders Seele. Tybalt ist tot und Romeo verbannt! O dies "Verbannt", dies eine Wort "Verbannt" Erschlug zehntausend Tybalts. Tybalts Tod War gnug des Wehes, hätt es da geendet! Und liebt das Leid Gefährten, reiht durchaus An andre Leiden sich, warum denn folgte Auf ihre Botschaft: tot ist Tybalt, nicht: Dein Vater, deine Mutter, oder beide? Das hätte sanftre Klage wohl erregt. Allein dies Wort: verbannt ist Romeo, Aus jenes Todes Hinterhalt gesprochen, Bringt Vater, Mutter, Tybalt, Romeo Und Julien um! Verbannt ist Romeo! Nicht Maß noch Ziel kennt dieses Wortes Tod, Und keine Zung erschöpfet meine Not.-- Wo mag mein Vater, meine Mutter sein?

WÄRTERIN Bei Tybalts Leiche heulen sie und schrein. Wollt Ihr zu ihnen gehn? Ich bring Euch hin.

JULIA So waschen sie die Wunden ihm mit Tränen? Ich spare meine für ein bängres Sehnen. Nimm diese Seile auf.--Ach, armer Strick, Getäuscht wie ich! Wer bringt ihn uns zurück? Zum Steg der Liebe knüpft' er deine Bande, Ich aber sterb als Braut im Witwenstande. Komm, Amme, komm! Ich will ins Brautbett! Fort! Nicht Romeo, den Tod umarm ich dort.

WÄRTERIN Geht nur ins Schlafgemach! Zum Troste find ich Euch Romeo: ich weiß wohl, wo er steckt. Hört, Romeo soll Euch zur Nacht erfreuen; Ich geh zu ihm; beim Pater wartet er.

JULIA O such ihn auf! Gib diesen Ring dem Treuen; Bescheid aufs letzte Lebewohl ihn her!

(Beide ab.)

DRITTE SZENE

(Bruder Lorenzos Zelle)

(Lorenzo und Romeo kommen.] Bruder Lorenzo tritt auf.)

LORENZO Komm, Romeo! Hervor, du Mann der Furcht! Bekümmernis hängt sich mit Lieb an dich, Und mit dem Mißgeschick bist du vermählt.

(Romeo tritt auf.)

ROMEO Vater, was gibts? Wie heißt des Prinzen Spruch? Wie heißt der Kummer, der sich zu mir drängt Und noch mir fremd ist?

LORENZO Zu vertraut, mein Sohn, Bist du mit solchen widrigen Gefährten. Ich bring dir Nachricht von des Prinzen Spruch.

ROMEO Und hat sein Spruch mir nicht den Stab gebrochen?

LORENZO Ein mildres Urteil floß von seinen Lippen: Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung.

ROMEO Verbannung? Sei barmherzig! Sage: Tod! Verbannung trägt der Schrecken mehr im Blick, Weit mehr als Tod!--O sage nicht Verbannung!

LORENZO Hier aus Verona bist du nur verbannt; Sei ruhig, denn die Welt ist groß und weit.

ROMEO Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern; Nur Fegefeuer, Qual, die Hölle selbst. Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt, Und solcher Bann ist Tod. Drum gibst du ihm Den falschen Namen.--Nennst du Tod Verbannung, Enthauptest du mit goldnem Beile mich Und lächelst zu dem Streich, der mich ermordet.

LORENZO O schwere Sünd, o undankbarer Trotz! Dein Fehltritt heißt nach unsrer Satzung Tod; Doch dir zulieb hat sie der gütge Fürst Beiseit gestoßen und Verbannung nur Statt jenes schwarzen Wortes ausgesprochen. Und diese teure Gnad erkennst du nicht?

ROMEO Nein, Folter; Gnade nicht! Hier ist der Himmel, Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze Und kleine Maus, das schlechteste Geschöpf, Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz sehn; Doch Romeo darf nicht. Mehr Würdigkeit, Mehr Ansehn, mehr gefällge Sitte lebt In Fliegen als in Romeo. Sie dürfen Das Wunderwerk der weißen Hand berühren Und Himmelswonne rauben ihren Lippen, Die sittsam in Vestalenunschuld stets Erröten, gleich als wäre Sünd ihr Kuß. Dies dürfen Fliegen tun, ich muß entfliehn; Sie sind ein freies Volk, ich bin verbannt. Und sagst du noch, Verbannung sei nicht Tod? So hattest du kein Gift gemischt, kein Messer Geschärft, kein schmählich Mittel schnellen Todes, Als dies "Verbannt", zu töten mich? Verbannt! O Mönch! Verdammte sprechen in der Hölle Dies Wort mit Heulen aus; hast du das Herz, Da du ein heilger Mann, ein Beichtiger bist, Ein Sündenlöser, mein erklärter Freund, Mich zu zermalmen mit dem Wort Verbannung?

LORENZO Du kindisch blöder Mann, hör doch ein Wort!

ROMEO O du willst wieder von Verbannung sprechen!

LORENZO Ich will dir eine Wehr dagegen leihn, Der Trübsal süße Milch, Philosophie, Um dich zu trösten, bist du gleich verbannt.

ROMEO Und noch verbannt? Hängt die Philosophie! Kann sie nicht schaffen eine Julia, Aufheben eines Fürsten Urteilspruch, Verpflanzen eine Stadt, so hilft sie nicht, So taugt sie nicht, so rede länger nicht!

LORENZO Nun seh ich wohl. Wahnsinnige sind taub.

ROMEO Wärs anders möglich? Sind doch Weise blind.

LORENZO Laß über deinen Fall mit dir mich rechten!

ROMEO Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden. Wärst du so jung wie ich und Julia dein, Vermählt seit einer Stund, erschlagen Tybalt, Wie ich von Lieb entglüht, wie ich verbannt, Dann möchtest du nur reden, möchtest nur Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen Wie ich und so dein künftges Grab dir messen.

([Er wirft sich an den Boden.] Man klopft draußen.)

LORENZO Steh auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund!

ROMEO O nein, wo nicht des bangen Stöhnens Hauch Gleich Nebeln mich vor Späheraugen schirmt.

(Man klopft.)

LORENZO Horch, wie man klopft!--Wer da?--Fort, Romeo! Man wird dich fangen.--Wartet doch ein Weilchen!-- Steh auf

(Man klopft.)

und rett ins Lesezimmer dich!--

(Man klopft.)

Ja, ja! im Augenblick!--Gerechter Gott, Was für ein starrer Sinn!--ehn und dich zurückzurufen Mit zwanzighunderttausendmal mehr Freude, Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehst. Geh, Wärterin, voraus, grüß mir dein Fräulein; Heiß sie das ganze Haus zu Bette treiben, Wohin der schwere Gram von selbst sie treibt; Denn Romeo soll kommen.

WÄRTERIN O je, ich blieb hier gern die ganze Nacht Und hörte gute Lehr. Da sieht man doch, Was die Gelahrtheit ist!--Nun, gnädger Herr, Ich will dem Fräulein sagen, daß Ihr kommt.

ROMEO Tu das und sag der Holden, daß sie sich Bereite, mich zu schelten.

WÄRTERIN Gnädger Herr, Hier ist ein Ring, den sie für Euch mir gab. Eilt Euch, macht fort, sonst wird es gar zu spät.

(Ab.)

ROMEO Wie ist mein Mut nun wieder neu belebt!

LORENZO Geh! Gute Nacht! Und hieran hängt dein Los: Entweder geh, bevor man Wachen stellt, Wo nicht, verkleidet in der Frühe fort. Verweil in Mantua; ich forsch indessen Nach deinem Diener, und er meldet dir Von Zeit zu Zeit ein jedes gute Glück, Das hier begegnet. Gib mir deine Hand! Es ist schon spät. Fahr wohl denn! Gute Nacht!

ROMEO Mich rufen Freuden über alle Freuden, Sonst wärs ein Leid, von dir so schnell zu scheiden. Leb wohl!

(Beide ab.)

VIERTE SZENE

(Ein Zimmer in Capulets Hause)

(Capulet, Gräfin Capulet, Paris.)

CAPULET Es ist so schlimm ergangen, Graf, daß wir Nicht Zeit gehabt, die Tochter anzumahnen. Denn seht, sie liebte herzlich ihren Vetter. Das tat ich auch; nun, einmal stirbt man doch.-- Es ist schon spät, sie kommt nicht mehr herunter, Ich sag Euch, wärs nicht der Gesellschaft wegen, Seit einer Stunde läg ich schon im Bett.

PARIS So trübe Zeit gewährt nicht Zeit zum Frein; Gräfin, schlaft wohl, empfehlt mich Eurer Tochter!

GRÄFIN CAPULET Ich tu's und forsche morgen früh sie aus. Heut nacht verschloß sie sich mit ihrem Gram.

CAPULET Graf Paris, ich vermesse mich zu stehn Für meines Kindes Lieb; ich denke wohl, Sie wird von mir in allen Stücken sich Bedeuten lassen, ja ich zweifle nicht.-- Frau, geh noch zu ihr, eh du schlafen gehst, Tu meines Sohnes Paris Lieb ihr kund Und sag ihr, merk es wohl: auf nächsten Mittwoch! Still, was ist heute?

PARIS Montag, edler Herr.

CAPULET Montag? So, so! Gut, Mittwoch ist zu früh. Sei's Donnerstag!--Sag ihr: am Donnerstag Wird sie vermählt mit diesem edlen Grafen. Wollt Ihr bereit sein? Liebt Ihr diese Eil? Wir tuns im stillen ab: nur ein paar Freunde; Denn seht, weil Tybalt erst erschlagen ist, So dächte man, er läg uns nicht am Herzen, Als unser Blutsfreund, schwärmten wir zu viel. Drum laßt uns ein halb Dutzend Freunde laden Und damit gut. Wie dünkt Euch Donnerstag?

PARIS Mein Graf, ich wollte, Donnerstag wär morgen.

CAPULET Gut, geht nur heim! Sei's denn am Donnerstag.-- Geh, Frau, zu Julien, eh du schlafen gehst, Bereite sie auf diesen Hochzeittag.-- Lebt wohl, mein Graf!

(Paris ab.)

He! Licht auf meine Kammer! Nach meiner Weise ists so spät, daß wir Bald früh es nennen können. Gute Nacht!

([Capulet und die Gräfin ab.] Alle ab.)

FÜNFTE SZENE

(Eine offene Galerie vor Juliens Zimmer mit Blick auf den Garten)

(Romeo und Julia.)

JULIA Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

ROMEO Die Lerche wars, die Tagverkünderin, Nicht Philomele; sieh den neidschen Streif, Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt. Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt, Der muntre Tag erklimmt die dunstgen Höhn; Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

JULIA Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht, Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus, Dein Fackelträger diese Nacht zu sein, Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten. Drum bleibe noch; zu gehn ist noch nicht not.

ROMEO Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten! Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst. Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge, Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn. Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft. Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdrossen. Willkommen, Tod, hat Julia dich beschlossen!-- Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

JULIA Es tagt, es tagt! Auf, eile, fort von hier! Es ist die Lerche, die so heiser singt Und falsche Weisen, rauhen Mißton gurgelt. Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß; Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja. Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte Die Augen; möchte sie doch auch die Stimme! Die Stimm ists ja, die Arm aus Arm uns schreckt, Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt. Stets hell und heller wirds: wir müssen scheiden.

ROMEO Hell? Dunkler stets und dunkler unsre Leiden!

(Die Wärterin kommt herein.)

WÄRTERIN Fräulein!

JULIA Amme?

WÄRTERIN Die gnädge Gräfin kommt in Eure Kammer; Seid auf der Hut; schon regt man sich im Haus.

(Wärterin ab.)

JULIA (das Fenster öffnend.) Tag, schein herein, und Leben, flieh hinaus!

ROMEO Ich steig hinab; laß dich noch einmal küssen!

(Er steigt [aus dem Fenster] herab.)

JULIA (aus dem Fenster ihm nachsehend.) Freund! Gatte! Trauter! Bist du mir entrissen? Gib Nachricht jeden Tag, zu jeder Stunde; Schon die Minut enthält der Tage viel. Ach, so zu rechnen bin ich hoch in Jahren, Eh meinen Romeo ich wiederseh.

ROMEO (außerhalb.) Leb wohl! Kein Mittel laß ich aus den Händen, Um dir, du Liebe, meinen Gruß zu senden.

JULIA O denkst du, daß wir je uns wiedersehn?

ROMEO Ich zweifle nicht, und all dies Leiden dient In Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

JULIA O Gott, ich hab ein Unglück ahnend Herz, Mir deucht, ich säh dich, da du unten bist, Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe. Mein Auge trügt mich, oder du bist bleich.

ROMEO So, Liebe, scheinst du meinen Augen auch. Der Schmerz trinkt unser Blut. Leb wohl, leb wohl!

(Ab.)

JULIA O Glück, ein jeder nennt dich unbeständig; Wenn du es bist: was tust du mit dem Treuen? Sei unbeständig. Glück! Dann hältst du ihn Nicht lange, hoff ich, sendest ihn zurück.

GRÄFIN CAPULET (hinter der Szene.) He, Tochter, bist du auf?

JULIA Wer ruft mich? Ist es meine gnädge Mutter? Wacht sie so spät noch, oder schon so früh? Welch ungewohnter Anlaß bringt sie her?

(Gräfin Capulet kommt herein.)

GRÄFIN CAPULET Nun, Julia, wie gehts?

JULIA Mir ist nicht gut.

GRÄFIN CAPULET Noch immer weinend um des Vetters Tod? Willst du mit Tränen aus der Gruft ihn waschen? Und könntest du's, das rief' ihn nicht ins Leben; Drum laß das! Trauern zeugt von vieler Liebe, Doch zu viel trauern zeugt von wenig Witz.

JULIA Um einen Schlag, der so empfindlich traf, Erlaubt zu weinen mir!

GRÄFIN CAPULET So trifft er dich; Der Freund empfindet nichts, den du beweinst.

JULIA Doch ich empfind und muß den Freund beweinen.

GRÄFIN CAPULET Mein Kind, nicht seinen Tod so sehr beweinst du, Als daß der Schurke lebt, der ihn erschlug.

JULIA Was für ein Schurke?

GRÄFIN CAPULET Nun, der Romeo.

JULIA (beiseit.) Er und ein Schurk sind himmelweit entfernt.--

(Laut.)

Vergeb ihm Gott! Ich tu's von ganzem Herzen; Und dennoch kränkt kein Mann, wie er, mein Herz.

GRÄFIN CAPULET Ja freilich, weil der Meuchelmörder lebt.

JULIA Ja, wo ihn diese Hände nicht erreichen!-- O rächte niemand doch als ich den Vetter!

GRÄFIN CAPULET Wir wollen Rache nehmen, sorge nicht; Drum weine du nicht mehr. Ich send an jemand Zu Mantua, wo der Verlaufne lebt, Der soll ein kräftig Tränkchen ihm bereiten, Das bald ihn zum Gefährten Tybalts macht. Dann wirst du hoffentlich zufrieden sein.

JULIA Fürwahr, ich werde nie mit Romeo Zufrieden sein, erblick ich ihn nicht--tot--, Wenn so mein Herz um einen Blutsfreund leidet. Ach, fändet Ihr nur jemand, der ein Gift Ihm reichte, gnädge Frau; ich wollt es mischen, Daß Romeo, wenn ers genommen, bald In Ruhe schliefe.--Wie mein Herz es haßt, Ihn nennen hören--und nicht zu ihm können, Die Liebe, die ich zu dem Vetter trug, An dem, der ihn erschlagen hat, zu büßen!

GRÄFIN CAPULET Findst du das Mittel, find ich wohl den Mann. Doch bring ich jetzt dir frohe Zeitung, Mädchen.

JULIA In so bedrängter Zeit kommt Freude recht. Wie lautet sie, ich bitt Euch, gnädge Mutter?

GRÄFIN CAPULET Nun Kind, du hast 'nen aufmerksamen Vater: Um dich von deinem Trübsinn abzubringen, Ersann er dir ein plötzlich Freudenfest, Des ich so wenig mich versah wie du.

JULIA Ei, wie erwünscht! Was wär das, gnädge Mutter?

GRÄFIN CAPULET Ja, denk dir, Kind, am Donnerstag frühmorgens Soll der hochedle, wackre junge Herr, Graf Paris, in Sankt Peters Kirche dich Als frohe Braut an den Altar geleiten.

JULIA Nun, bei Sankt Peters Kirch und Petrus selbst, Er soll mich nicht als frohe Braut geleiten! Mich wundert diese Eil, daß ich vermählt Muß werden, eh mein Freier kommt zu werben. Ich bitt Euch, gnädge Frau, sagt meinem Vater Und Herrn, ich wollte noch mich nicht vermählen, Und wenn ichs tue, schwör ich: Romeo, Von dem Ihr wißt, ich haß ihn, soll es lieber Als Paris sein.--Fürwahr, das ist wohl Zeitung!

GRÄFIN CAPULET Da kommt dein Vater, sag du selbst ihm das, Sieh, wie er sichs von dir gefallen läßt.

(Capulet und die Wärterin kommen.)