Romeo und Julia

Chapter 2

Chapter 24,002 wordsPublic domain

MERCUTIO] Sie ist der Feenwelt Entbinderin. Sie kommt, nicht größer als der Edelstein Am Zeigefinger eines Aldermanns, Und fährt mit 'nem Gespann von Sonnenstäubchen Den Schlafenden quer auf der Nase hin. Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen, Des Wagens Deck aus eines Heupferds Flügeln, Aus feinem Spinngewebe das Geschirr, Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl; Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff, Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mücke Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn, Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen, Das in des Mädchens müßgem Finger nistet. Die Kutsch ist eine hohle Haselnuß, Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm Zurechtgemacht, die seit uralten Zeiten Der Feen Wagner sind. In diesem Staat Trabt sie dann Nacht für Nacht; befährt das Hirn Verliebter, und sie träumen dann von Liebe, Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen, Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich, Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen; Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese, Weil ihren Odem Näscherei verdarb. Bald trabt sie über eines Hofmanns Nase, Dann wittert er im Traum sich Ämter aus, Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt, Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann; Bald fährt sie über des Soldaten Nacken, Der träumt sofort von Niedersäbeln, träumt Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern, Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk; Nun trommelts ihm ins Ohr: da fährt er auf Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete Und schläft von neuem. Eben diese Mab Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht Und flicht in struppges Haar die Weichselzöpfe, Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten. Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt, Die auf dem Rücken ruhn, und die sie lehrt, Als Weiber einst die Männer zu ertragen. Dies ist sie--

ROMEO Still, o still, Mercutio! Du sprichst von einem Nichts.

MERCUTIO Wohl wahr, ich rede Von Träumen, Kindern eines müßgen Hirns, Von nichts als eitler Phantasie erzeugt, Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht Und flüchtger wechselt als der Wind, der bald Um die erfrorne Brust des Nordens buhlt Und, schnell erzürnt, hinweg von dannen schnaubend, Die Stirn zum taubeträuften Süden kehrt.

BENVOLIO Der Wind, von dem Ihr sprecht, entführt uns selbst. Man hat gespeist; wir kamen schon zu spät.

ROMEO Zu früh, befürcht ich; denn mein Herz erbangt Und ahnet ein Verhängnis, welches, noch Verborgen in den Sternen, heute nacht Bei dieser Lustbarkeit den furchtbarn Zeitlauf Beginnen und das Ziel des lästgen Lebens, Das meine Brust verschließt, mir kürzen wird Durch einen schnöd verwirkten frühen Tod. Doch er, der mir zur Fahrt das Steuer lenkt, Richt auch mein Segel!--Auf, ihr lustgen Freunde!

BENVOLIO Rührt Trommeln!

(Alle ab.)

FÜNFTE SZENE

(Ein Saal in Capulets Hause)

(Musikanten warten. Diener kommen.)

ERSTER DIENER Wo ist Schmorpfanne, daß er nicht abräumen hilft? Der wird Teller wechseln, Teller scheuern!

ZWEITER DIENER Wenn die gute Lebensart in eines oder zweier Menschen Händen sein soll, die noch obendrein ungewaschen sind: 's ist ein unsaubrer Handel.

ERSTER DIENER Die Klappstühle fort! Rückt den Schenktisch beiseit! Seht nach dem Silberzeuge! Kamerad, heb mir ein Stück Marzipan auf, und wo du mich liebhast, sag dem Pförtner, daß er Suse Mühlstein und Lene hereinläßt. Anton! Schmorpfanne!

(Andre Diener kommen.)

ZWEITER DIENER Hier, Bursch, wir sind parat.

ERSTER DIENER Im großen Saale verlangt man euch, vermißt man euch, sucht man euch.

ZWEITER DIENER Wir können nicht zugleich hier und dort sein.--Lustig, Kerle, haltet euch brav; wer am längsten lebt, kriegt den ganzen Bettel.

(Sie ziehen sich in den Hintergrund zurück. Capulet etc. [und die Seinen] mit den Gästen und Masken [und Dienerschaft].)

CAPULET Willkommen, meine Herrn! Wenn Eure Füße Kein Leichdorn plagt. Ihr Damen, flink ans Werk! He, he. Ihr schönen Fraun, wer von Euch allen Schlägts nun wohl ab zu tanzen? Ziert sich eine, Ich wette, die hat Hühneraugen. Nun, Hab ichs Euch nah gelegt? Ihr Herrn, willkommen! Ich weiß die Zeit, da ich 'ne Larve trug Und einer Schönen eine Weis' ins Ohr Zu flüstern wußte, die ihr wohlgefiel. Das ist vorbei, vorbei! Willkommen, Herren! Kommt, Musikanten, spielt! Macht Platz da, Platz! Ihr Mädchen, frisch gesprungen!

(Musik und Tanz. [--Zu den Dienern:])

Mehr Licht, ihr Burschen, und beiseit die Tische! Das Feuer weg! Das Zimmer ist zu heiß.-- Ha, recht gelegen kommt der unverhoffte Spaß. Na, setzt Euch, setzt Euch, Vetter Capulet! Wir beide sind ja übers Tanzen hin. Wie lang ists jetzo, seit wir uns zuletzt In Larven steckten?

ZWEITER CAPULET Dreißig Jahr, mein Seel.

CAPULET Wie, Schatz? So lang noch nicht, so lang noch nicht. Denn seit der Hochzeit des Lucentio Ists etwa fünfundzwanzig Jahr, sobald Wir Pfingsten haben; und da tanzten wir.

ZWEITER CAPULET 's ist mehr, 's ist mehr! Sein Sohn ist älter, Herr, Sein Sohn ist dreißig.

CAPULET Sagt mir das doch nicht! Sein Sohn war noch nicht mündig vor zwei Jahren.

ROMEO (zu einem Diener aus seinem Gefolge.) Wer ist das Fräulein, welche dort den Ritter Mit ihrer Hand beehrt?

DER DIENER Ich weiß nicht, Herr.

ROMEO Oh, sie nur lehrt die Kerzen, hell zu glühn! Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin, So hängt der Holden Schönheit an den Wangen Der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen. Sie stellt sich unter den Gespielen dar Als weiße Taub in einer Krähenschar. Schließt sich der Tanz, so nah ich ihr: ein Drücken Der zarten Hand soll meine Hand beglücken. Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht! Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.

TYBALT Nach seiner Stimm ist dies ein Montague. (Zu einem Diener.) Hol meinen Degen, Bursch!--Was? Wagt der Schurk, Vermummt in eine Fratze, herzukommen Zu Hohn und Schimpfe gegen unser Fest? Fürwahr, bei meines Stammes Ruhm und Adel, Wer tot ihn schlüg, verdiente keinen Tadel!

CAPULET Was habt Ihr, Vetter? Welch ein Sturm? Wozu?

TYBALT Seht, Oheim, der da ist ein Montague! Der Schurke drängt sich unter Eure Gäste Und macht sich einen Spott an diesem Feste.

CAPULET Ist es der junge Romeo?

TYBALT Der Schurke Romeo!

CAPULET Seid ruhig, Herzensvetter! Laßt ihn gehn! Er hält sich wie ein wackrer Edelmann; Und in der Tat, Verona preiset ihn Als einen sittgen, tugendsamen Jüngling. Ich möchte nicht für alles Gut der Stadt In meinem Haus ihm einen Unglimpf tun. Drum seid geduldig; merket nicht auf ihn. Das ist mein Will, und wenn du diesen ehrst, So zeig dich freundlich, streif die Runzeln weg, Die übel sich bei einem Feste ziemen.

TYBALT Kommt solch ein Schurk als Gast, so stehn sie wohl. Ich leid ihn nicht.

CAPULET Er soll gelitten werden, Er soll!--Herr Junge, hört Er das? Nur zu! Wer ist hier Herr? Er oder ich? Nur zu! So, will Er ihn nicht leiden?--Helf mir Gott!-- Will Hader unter meinen Gästen stiften? Will sich als starken Mann hier wichtig machen?

TYBALT Ists nicht 'ne Schande, Oheim?

CAPULET Zu! Nur zu! Ihr seid ein kecker Bursch. Ei, seht mir doch! Der Streich mag Euch gereun; ich weiß schon was. Ihr macht mirs bunt! Ja, das käm eben recht!-- Brav, Herzenskinder!--Geht, vorwitzig seid Ihr! Seid ruhig, sonst--Mehr Licht, mehr Licht, zum Kuckuck!-- Will ich zur Ruh Euch bringen!--Lustig, Kinder!

TYBALT Mir kämpft Geduld aus Zwang mit willger Wut Im Innern und empört mein siedend Blut. Ich gehe.--Hand ist frommer Waller Kuß.

ROMEO Haben nicht Heilge Lippen wie die Waller?

JULIA Ja, doch Gebet ist die Bestimmung aller.

ROMEO O so vergönne, teure Heilge nun, Daß auch die Lippen wie die Hände tun. Voll Inbrunst beten sie zu dir: erhöre, Daß Glaube nicht sich in Verzweiflung kehre!

JULIA Du weißt, ein Heilger pflegt sich nicht zu regen, Auch wenn er eine Bitte zugesteht.

ROMEO So reg dich, Holde, nicht, wie Heilge pflegen, Derweil mein Mund dir nimmt, was er erfleht.

(Er küßt sie.)

Nun hat dein Mund ihn aller Sünd entbunden.

JULIA So hat mein Mund zum Lohn Sünd für die Gunst?

ROMEO Zum Lohn die Sünd? O Vorwurf, süß erfunden! Gebt sie zurück!

(Küßt sie wieder.)

JULIA Ihr küßt recht nach der Kunst.

WÄRTERIN (tritt heran.) Mama will Euch ein Wörtchen sagen, Fräulein.

ROMEO Wer ist des Fräuleins Mutter?

WÄRTERIN Ei nun, Junker, Das ist die gnädge Frau vom Hause hier, Gar eine wackre Frau und klug und ehrsam. Die Tochter, die Ihr spracht, hab ich gesäugt. Ich sag Euch, wer ihr' habhaft werden kann, Ist wohl gebettet.

ROMEO Sie eine Capulet? O teurer Preis! Mein Leben Ist meinem Feind als Schuld dahingegeben!

BENVOLIO Fort, laßt uns gehn; die Lust ist bald dahin.

ROMEO Ach, leider wohl! Das ängstet meinen Sinn.

CAPULET Nein, liebe Herrn, denkt noch ans Weggehn nicht! Ein kleines, schlichtes Mahl ist schon bereitet.-- Muß es denn sein? Nun wohl, ich dank Euch allen; Ich dank Euch, edle Herren: Gute Nacht!-- Mehr Fackeln her!--Kommt nun, bringt mich zu Bett.

(Zum zweiten Capulet.)

Wahrhaftig, es wird spät, ich will zur Ruh.

(Alle ab, außer Julia und Wärterin.)

JULIA Komm zu mir, Amme; wer ist dort der Herr?

WÄRTERIN Tiberios, des alten, Sohn und Erbe.

JULIA Wer ists, der eben aus der Türe geht?

WÄRTERIN Das, denk ich, ist der junge [Marcellin] Petruchio.

JULIA Wer folgt ihm da, der gar nicht tanzen wollte?

WÄRTERIN Ich weiß nicht.

JULIA Geh, frage, wie er heißt!--Ist er vermählt, So ist das Grab zum Brautbett mir erwählt.

WÄRTERIN (kommt zurück.) Sein Nam ist Romeo, ein Montague Und Eures großen Feindes einzger Sohn.

JULIA So einzge Lieb aus großem Haß entbrannt! Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt. O Wunderwerk: ich fühle mich getrieben, Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.

WÄRTERIN Wieso, wieso?

JULIA Es ist ein Reim, den ich von einem Tänzer Soeben lernte.

(Man ruft drinnen: Julia!)

WÄRTERIN Gleich, wir kommen ja! Kommt, laßt uns gehn; kein Fremder ist mehr da.

(Ab.)

(Der Chorus tritt auf.)

CHORUS Die alte Liebe stirbt in ihm dahin, Und junge Zuneigung beerbt sie da; Die Schöne, nach der schmachtend stand sein Sinn, Scheint nicht mehr schön nun neben Julia. Er wird geliebt und liebt nun auch zum Schluß, Ein Zauberblick kann beiderseits nicht fehln, Doch scheint als Feind sie, der ers klagen muß, Und seiner Falle Köder muß sie stehln. Als Feind gesehn, darf er nicht zu ihr her, Zu schwörn, wie wirs sonst bei Verliebten sehn; Auch sie liebt ihn, doch kann noch weniger Zum neu geliebten irgendwohin gehn: Doch Zeit schafft Rat, Verlangen leiht die Kraft Und lindert Leid durch süße Leidenschaft.

(Geht ab.)

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Ein offner Platz, der an Capulets Garten stößt)

(Romeo tritt auf.)

ROMEO Kann ich von hinnen, da mein Herz hier bleibt? Geh, frostge Erde, suche deine Sonne!

(Er ersteigt die Mauer und springt hinunter. Benvolio und Mercutio treten auf.)

BENVOLIO He, Romeo, he, Vetter!

MERCUTIO Er ist klug Und hat, mein Seel, sich heim ins Bett gestohlen.

BENVOLIO Er lief hieher und sprang die Gartenmauer Hinüber. Ruf ihn, Freund Mercutio!

MERCUTIO Ja, auch beschwören will ich. Romeo! Was? Grillen! Toller! Leidenschaft! Verliebter! Erscheine du, gestaltet wie ein Seufzer; Sprich nur ein Reimchen, so genügt mirs schon; Ein Ach nur jammre, paare Lieb und Triebe; Gib der Gevattrin Venus ein gut Wort, Schimpf eins auf ihren blinden Sohn und Erben, Held Amor, der so flink gezielt, als König Kophetua das Bettlermädchen liebte. Er höret nicht, er regt sich nicht, er rührt sich nicht. Der Aff ist tot; ich muß ihn wohl beschwören. Nun wohl: Bei Rosalindens hellem Auge, Bei ihrer Purpurlipp und hohen Stirn, Bei ihrem zarten Fuß, dem schlanken Bein, Den üppgen Hüften und der Region, Die ihnen nahe liegt, beschwör ich dich, Daß du in eigner Bildung uns erscheinest.

BENVOLIO Wenn er dich hört, so wird er zornig werden.

MERCUTIO Hierüber kann ers nicht; er hätte Grund, Bannt ich hinauf in seiner Dame Kreis Ihm einen Geist von seltsam eigner Art Und ließe den da stehn, bis sie den Trotz Gezähmt und nieder ihn beschworen hätte. Das wär Beschimpfung! Meine Anrufung Ist gut und ehrlich; mit der Liebsten Namen Beschwör ich ihn, bloß um ihn aufzurichten.

BENVOLIO Komm! Er verbarg sich unter jenen Bäumen Und pflegt des Umgangs mit der feuchten Nacht. Die Lieb ist blind, das Dunkel ist ihr recht.

MERCUTIO Ist Liebe blind, so zielt sie freilich schlecht. Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt Und wünscht, sein Liebchen wär die reife Frucht Und fiel ihm in den Schoß. Doch, gute Nacht, Freund Romeo! Ich will ins Federbett; Das Feldbett ist zum Schlafen mir zu kalt. Komm, gehn wir?

BENVOLIO Ja, es ist vergeblich, ihn Zu suchen, der nicht will gefunden sein.

(Beide ab.)

ZWEITE SZENE

(Capulets Garten)

(Romeo kommt.)

ROMEO Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.

(Julia erscheint oben an einem Fenster.)

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort? Es ist der Ost, und Julia die Sonne!-- Geh auf, du holde Sonn! Ertöte Lunen, Die neidisch ist und schon vor Grame bleich, Daß du viel schöner bist, obwohl ihr dienend. O da sie neidisch ist, so dien ihr nicht! Nur Toren gehn in ihrer blassen, kranken Vestalentracht einher; wirf du sie ab! Sie ist es, meine Göttin, meine Liebe! O wüßte sie, daß sie es ist!-- Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das? Ihr Auge redt, ich will ihm Antwort geben.-- Ich bin zu kühn, es redet nicht zu mir. Ein Paar der schönsten Stern am ganzen Himmel Wird ausgesandt und bittet Juliens Augen, In ihren Kreisen unterdes zu funkeln. Doch wären ihre Augen dort, die Sterne In ihrem Antlitz? Würde nicht der Glanz Von ihren Wangen jene so beschämen Wie Sonnenlicht die Lampe? Würd ihr Aug Aus luftgen Höhn sich nicht so hell ergießen, Daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen? O wie sie auf die Hand die Wange lehnt! Wär ich der Handschuh doch auf dieser Hand Und küßte diese Wange!

JULIA Weh mir!

ROMEO Horch! Sie spricht. O sprich noch einmal, holder Engel! Denn über meinem Haupt erscheinest du Der Nacht so glorreich, wie ein Flügelbote Des Himmels dem erstaunten, über sich Gekehrten Aug der Menschensöhne, die Sich rücklings werfen, um ihm nachzuschaun, Wenn er dahin fährt auf den trägen Wolken Und auf der Luft gewölbtem Busen schwebt.

JULIA O Romeo! Warum denn Romeo? Verleugne deinen Vater, deinen Namen! Willst du das nicht, schwör dich zu meinem Liebsten, Und ich bin länger keine Capulet!

ROMEO (für sich.) Hör ich noch länger, oder soll ich reden?

JULIA Dein Nam ist nur mein Feind. Du bliebst du selbst, Und wärst du auch kein Montague. Was ist Denn Montague? Es ist nicht Hand, nicht Fuß, Nicht Arm noch Antlitz, noch ein andrer Teil Von einem Menschen. Sei ein andrer Name! Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, Wie es auch hieße, würde lieblich duften; So Romeo, wenn er auch anders hieße, Er würde doch den köstlichen Gehalt Bewahren, welcher sein ist ohne Titel. O Romeo, leg deinen Namen ab, Und für den Namen, der dein Selbst nicht ist, Nimm meines ganz!

ROMEO (indem er näher hinzutritt.) Ich nehme dich beim Wort. Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft Und will hinfort nicht Romeo mehr sein.

JULIA Wer bist du, der du, von der Nacht beschirmt, Dich drängst in meines Herzens Rat?

ROMEO Mit Namen Weiß ich dir nicht zu sagen, wer ich bin. Mein eigner Name, teure Heilge, wird, Weil er dein Feind ist, von mir selbst gehaßt; Hätt ich ihn schriftlich, so zerriss' ich ihn.

JULIA Mein Ohr trank keine hundert Worte noch Von diesen Lippen, doch es kennt den Ton. Bist du nicht Romeo, ein Montague?

ROMEO Nein, Holde; keines, wenn dir eins mißfällt.

JULIA Wie kamst du her? O sag mir, und warum? Die Gartenmaur ist hoch, schwer zu erklimmen; Die Stätt ist Tod--bedenk nur, wer du bist--, Wenn einer meiner Vettern dich hier findet.

ROMEO Der Liebe leichte Schwingen trugen mich, Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren; Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann, Drum hielten deine Vettern mich nicht auf.

JULIA Wenn sie dich sehn, sie werden dich ermorden.

ROMEO Ach, deine Augen drohn mir mehr Gefahr Als zwanzig ihrer Schwerter; blick du freundlich, So bin ich gegen ihren Haß gestählt.

JULIA Ich wollt um alles nicht, daß sie dich sähn.

ROMEO Vor ihnen hüllt mich Nacht in ihren Mantel. Liebst du mich nicht, so laß sie nur mich finden; Durch ihren Haß zu sterben wär mir besser Als ohne deine Liebe Lebensfrist.

JULIA Wer zeigte dir den Weg zu diesem Ort?

ROMEO Die Liebe, die zuerst mich forschen hieß; Sie lieh mir Rat, ich lieh ihr meine Augen. Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fern Wie Ufer, von dem fernsten Meer bespült, Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.

JULIA Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht, Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen Um das, was du vorhin mich sagen hörtest. Gern hielt ich streng auf Sitte, möchte gern Verleugnen, was ich sprach; doch weg mit Form! Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirsts bejahn, Und will dem Worte traun; doch wenn du schwörst, So kannst du treulos werden; wie sie sagen, Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten. O holder Romeo, wenn du mich liebst: Sags ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sei Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken, Will widerspenstig sein und Nein dir sagen, So du dann werben willst; sonst nicht um alles. Gewiß, mein Montague, ich bin zu herzlich, Du könntest denken, ich sei leichten Sinns. Ich glaube, Mann, ich werde treuer sein Als sie, die fremd zu tun geschickter sind. Auch ich, bekenn ich, hätte fremd getan, Wär ich von dir, eh ichs gewahrte, nicht Belauscht in Liebesklagen. Drum vergib! Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe, Die so die stille Nacht verraten hat.

ROMEO Ich schwöre, Fräulein, bei dem heilgen Mond, Der silbern dieser Bäume Wipfel säumt--Lieben sei!

ROMEO Wobei denn soll ich schwören?

JULIA Laß es ganz! Doch willst du, schwör bei deinem edlen Selbst, Dem Götterbilde meiner Anbetung; So will ich glauben.

ROMEO Wenn die Herzensliebe--

JULIA Gut, schwöre nicht! Obwohl ich dein mich freue, Freu ich mich nicht des Bundes dieser Nacht. Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich, Gleicht allzusehr dem Blitz, der nicht mehr ist, Noch eh man sagen kann: es blitzt.--Schlaf süß! Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe Der Liebe wohl zur schönen Blum entfalten, Bis wir das nächste Mal uns wiedersehn. Nun gute Nacht! So süße Ruh und Frieden, Als mir im Busen wohnt, sei dir beschieden.

ROMEO Ach, willst du lassen mich so ungetröstet?

JULIA Welch Tröstung kannst du diese Nacht begehren?

ROMEO Gib deinen treuen Liebesschwur für meinen!

JULIA Ich gab ihn dir, eh du darum gefleht; Und doch, ich wollt, er stünde noch zu geben.

ROMEO Wolltst du mir ihn entziehn? Wozu das, Liebe?

JULIA Um unverstellt ihn dir zurückzugeben. Allein ich wünsche, was ich habe, nur. So grenzenlos ist meine Huld, die Liebe So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe, Je mehr auch hab ich: beides ist unendlich. Ich hör im Haus Geräusch; leb wohl. Geliebter!

(Die Wärterin ruft hinter der Szene.)

Gleich, Amme! Holder Montague, sei treu! Wart einen Augenblick; ich komme wieder!

(Sie geht zurück.)

ROMEO O selge, selge Nacht! Nur fürcht ich, weil Mich Nacht umgibt, dies alles sei nur Traum, Zu schmeichelnd süß, um wirklich zu bestehn.

(Julia erscheint wieder am Fenster.)

JULIA Drei Worte, Romeo, dann gute Nacht! Wenn deine Liebe tugendsam gesinnt Vermählung wünscht, so laß mich morgen wissen Durch jemand, den ich zu dir senden will, Wo du und wann die Trauung willst vollziehn. Dann leg ich dir mein ganzes Glück zu Füßen Und folge durch die Welt dir, meinem Herrn.

(Die Wärterin hinter der Szene: Fräulein!)

Ich komme, gleich!--Doch meinst du es nicht gut, So bitt ich dich--

(Die Wärterin hinter der Szene: Fräulein!)

Im Augenblick, ich komme! --Hör auf zu werben, laß mich meinem Gram! Ich sende morgen früh.

ROMEO Beim ewgen Heil!

JULIA Nun tausend gute Nacht!

(Geht zurück.)

ROMEO Raubst du dein Licht ihr, wird sie bang durchwacht. Wie Knaben aus der Schul eilt Liebe hin zum Lieben, Wie Knaben an ihr Buch wird sie hinweggetrieben.

(Er entfernt sich langsam. Julia erscheint wieder am Fenster.)

JULIA St! Romeo, st! O eines Jägers Stimme, Den edlen Falken wieder herzulocken! Abhängigkeit ist heiser, wagt nicht laut Zu reden, sonst zersprengt ich Echos Kluft Und machte heisrer ihre luftge Kehle Als meine mit dem Namen Romeo.

ROMEO (umkehrend.) Mein Leben ists, das meinen Namen ruft. Wie silbersüß tönt bei der Nacht die Stimme Der Liebenden, gleich lieblicher Musik Dem Ohr des Lauschers!

JULIA Romeo!

ROMEO Mein Fräulein!

JULIA Um welche Stunde soll ich morgen schicken?

ROMEO Um neun.

JULIA Ich will nicht säumen; zwanzig Jahre Sinds bis dahin. Doch ich vergaß, warum Ich dich zurückgerufen.

ROMEO Laß hier mich stehn, derweil du dich bedenkst.

JULIA Auf daß du stets hier weilst, werd ich vergessen, Bedenkend, wie mir deine Näh so lieb.

ROMEO Auf daß du stets vergessest, werd ich weilen, Vergessend, daß ich irgend sonst daheim.

JULIA Es tagt beinah, ich wollte nun, du gingst; Doch weiter nicht, als wie ein tändelnd Mädchen Ihr Vögelchen der Hand entschlüpfen läßt, Gleich einem Armen in der Banden Druck, Und dann zurück ihn zieht am seidnen Faden; So liebevoll mißgönnt sie ihm die Freiheit.

ROMEO War ich dein Vögelchen!

JULIA Ach wärst du's. Lieber! Doch hegt und pflegt ich dich gewiß zu Tod. Nun gute Nacht! So süß ist Trennungswehe, Ich rief wohl gute Nacht, bis ich den Morgen sähe.

(Sie geht zurück.)

ROMEO Schlaf wohn auf deinem Aug, Fried in der Brust! O wär ich Fried und Schlaf und ruht in solcher Lust! Ich will zur Zell des frommen Vaters gehen, Mein Glück ihm sagen und um Hülf ihn flehen.

(Ab.)

DRITTE SZENE

([Ein Klostergarten] Bruder Lorenzos Zelle)

(Bruder Lorenzo mit einem Körbchen.)

LORENZO Der Morgen lächelt froh der Nacht ins Angesicht Und säumet das Gewölk im Ost mit Streifen Licht. Die matte Finsternis flieht wankend, wie betrunken, Von Titans Pfad, besprüht von seiner Rosse Funken. Eh höher nun die Sonn ihr glühend Aug erhebt, Den Tau der Nacht verzehrt und neu die Welt belebt, Muß ich dies Körbchen hier voll Kraut und Blumen lesen, Voll Pflanzen giftger Art und diensam zum Genesen. Die Mutter der Natur, die Erd, ist auch ihr Grab, Und was ihr Schoß gebar, sinkt tot in ihn hinab, Und Kinder mannigfalt, so all ihr Schoß empfangen, Sehn wir, gesäugt von ihr, an ihren Brüsten hangen. An vielen Tugenden sind viele drunter reich, Ganz ohne Wert nicht eins, doch keins dem andern gleich. Oh, große Kräfte sinds, weiß man sie recht zu pflegen, Die Pflanzen, Kräuter, Stein in ihrem Innern hegen; Was nur auf Erden lebt, da ist auch nichts so schlecht, Daß es der Erde nicht besondern Nutzen brächt. Doch ist auch nichts so gut, das, diesem Ziel entwendet, Abtrünnig seiner Art, sich nicht durch Mißbrauch schändet. In Laster wandelt sich selbst Tugend, falsch geübt, Wie Ausführung auch wohl dem Laster Würde gibt. Die kleine Blume hier beherbergt giftge Säfte In ihrer zarten Hüll und milde Heilungskräfte! Sie labet den Geruch und dadurch jeden Sinn; Gekostet, dringt sie gleich zum Herzen tötend hin. Zwei Feinde lagern so im menschlichen Gemüte Sich immerdar im Kampf: verderbter Will und Güte, Und wo das Schlechtre herrscht mit siegender Gewalt, Dergleichen Pflanze frißt des Todes Wurm gar bald.

(Romeo tritt auf.)

ROMEO Mein Vater, guten Morgen!

LORENZO Sei der Herr gesegnet! Wes ist der frühe Gruß, der freundlich mir begegnet? Mein junger Sohn, es zeigt, daß wildes Blut dich plagt, Daß du dem Bett so früh schon Lebewohl gesagt. Die wache Sorge lauscht im Auge jedes Alten, Und Schlummer bettet nie sich da, wo Sorgen walten; Doch da wohnt goldner Schlaf, wo mit gesundem Blut Und grillenfreiem Hirn die frische Jugend ruht. Drum läßt mich sicherlich dein frühes Kommen wissen, Daß innre Unordnung vom Lager dich gerissen. Wie? Oder hätte gar mein Romeo die Nacht --Nun rat ichs besser--nicht im Bette hingebracht?

ROMEO So ists, ich wußte mir viel süßre Ruh zu finden.

LORENZO Verzeih die Sünde Gott! Warst du bei Rosalinden?