Part 5
Doch wieder zurück in die Scheide fallen Die Schwerter der Engel. Das nächtliche Grauen Verschwindet, es glätten sich wieder die Brauen Des Schläfers, und seine Lippen lallen:
O Sulamith! das Reich ist mein Erbe, Die Lande sind mir untertänig, Bin über Juda und Israel König - Doch liebst du mich nicht, so welk ich und sterbe.
XI. Verlorene Wünsche
Von der Gleichheit der Gemütsart Wechselseitig angezogen, Waren wir einander immer Mehr als uns bewußt gewogen.
Beide ehrlich und bescheiden, Konnten wir uns leicht verstehen; Worte waren überflüssig, Brauchten uns nur anzusehen.
O wie sehnlich wünscht ich immer, Daß ich bei dir bleiben könnte Als der tapfre Waffenbruder Eines dolce far niente.
Ja, mein liebster Wunsch war immer, Daß ich immer bei dir bliebe! Alles was dir wohlgefiele, Alles tät ich dir zu Liebe.
Würde essen was dir schmeckte Und die Schüssel gleich entfernen, Die dir nicht behagt. Ich würde Auch Zigarren rauchen lernen.
Manche polnische Geschichte, Die dein Lachen immer weckte, Wollt ich wieder dir erzählen In Judäas Dialekte.
Ja, ich wollte zu dir kommen, Nicht mehr in der Fremde schwärmen - An dem Herde deines Glückes Wollt ich meine Kniee wärmen. - -
Goldne Wünsche! Seifenblasen! Sie zerrinnen wie mein Leben - Ach, ich liege jetzt am Boden, Kann mich nimmermehr erheben.
Und Ade! sie sind zerronnen, Goldne Wünsche, süßes Hoffen! Ach, zu tödlich war der Faustschlag, Der mich just ins Herz getroffen.
XII. Gedächtnisfeier
Keine Messe wird man singen, Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen.
Doch vielleicht an solchem Tage, Wenn das Wetter schön und milde, Geht spazieren auf Montmartre Mit Paulinen Frau Mathilde.
Mit dem Kranz von Immortellen Kommt sie mir das Grab zu schmücken, Und sie seufzet: Pauvre homme! Feuchte Wehmut in den Blicken.
Leider wohn ich viel zu hoch, Und ich habe meiner Süßen Keinen Stuhl hier anzubieten; Ach! sie schwankt mit müden Füßen.
Süßes, dickes Kind, du darfst Nicht zu Fuß nach Hause gehen; An dem Barrieregitter Siehst du die Fiaker stehen.
XIII. Wiedersehen
Die Geißblattlaube - Ein Sommerabend - Wir saßen wieder wie ehmals am Fenster - Der Mond ging auf, belebend und labend - Wir aber waren wie zwei Gespenster.
Zwölf Jahre schwanden, seitdem wir beisammen Zum letzten Male hier gesessen; Die zärtlichen Gluten, die großen Flammen, Sie waren erloschen unterdessen.
Einsilbig saß ich. Die Plaudertasche, Das Weib hingegen schürte beständig Herum in der alten Liebesasche. Jedoch kein Fünkchen ward wieder lebendig.
Und sie erzählte: wie sie die bösen Gedanken bekämpft, eine lange Geschichte, Wie wackelig schon ihre Tugend gewesen - Ich machte dazu ein dummes Gesichte.
Als ich nach Hause ritt, da liefen Die Bäume vorbei in der Mondenhelle, Wie Geister. Wehmütige Stimmen riefen - Doch ich und die Toten, wir ritten schnelle.
XIV. Frau Sorge
In meines Glückes Sonnenglanz, Da gaukelte fröhlich der Mückentanz. Die lieben Freunde liebten mich Und teilten mit mir brüderlich Wohl meinen besten Braten Und meinen letzten Dukaten.
Das Glück ist fort, der Beutel leer, Und hab auch keine Freunde mehr; Erloschen ist der Sonnenglanz, Zerstoben ist der Mückentanz, Die Freunde, so wie die Mücke, Verschwinden mit dem Glücke.
An meinem Bett in der Winternacht Als Wärterin die Sorge wacht. Sie trägt eine weiße Unterjack, Ein schwarzes Mützchen, und schnupft Tabak. Die Dose knarrt so gräßlich, Die Alte nickt so häßlich.
Mir träumt manchmal, gekommen sei Zurück das Glück und der junge Mai Und die Freundschaft und der Mückenschwarm - Da knarrt die Dose - daß Gott erbarm, Es platzt die Seifenblase - Die Alte schneuzt die Nase.
XV. An die Engel
Das ist der böse Thanatos, Er kommt auf einem fahlen Roß, Ich hör den Hufschlag, hör den Trab, Der dunkle Reiter holt mich ab - Er reißt mich fort, Mathilden soll ich lassen, O, den Gedanken kann mein Herz nicht fassen!
Sie war mir Weib und Kind zugleich, Und geh ich in das Schattenreich, Wird Witwe sie und Waise sein! Ich laß in dieser Welt allein Das Weib, das Kind, das, trauend meinem Mute, Sorglos und treu an meinem Herzen ruhte.
Ihr Engel in den Himmelshöhn, Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn: Beschützt, wenn ich im öden Grab, Das Weib, das ich geliebet hab; Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde, Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.
Bei allen Tränen, die ihr je Geweint um unser Menschenweh, Beim Wort, das nur der Priester kennt Und niemals ohne Schauder nennt, Bei eurer eignen Schönheit, Huld und Milde, Beschwör ich euch, ihr Engel, schützt Mathilde.
XVI. Im Oktober 1849
Gelegt hat sich der starke Wind, Und wieder stille wirds daheime; Germania, das große Kind, Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume.
Wir treiben jetzt Familienglück - Was höher lockt, das ist vom Übel - Die Friedensschwalbe kehrt zurück, Die einst genistet in des Hauses Giebel.
Gemütlich ruhen Wald und Fluß, Von sanftem Mondlicht übergossen; Nur manchmal knallts - Ist das ein Schuß? - Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.
Vielleicht mit Waffen in der Hand Hat man den Tollkopf angetroffen (Nicht jeder hat so viel Verstand Wie Flaccus, der so kühn davongeloffen).
Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht, Ein Feuerwerk zur Goethefeier! - Die Sontag, die dem Grab entsteigt, Begrüßt Raketenlärm - die alte Leier.
Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz, Er lebt, er liegt nicht blutgerötet Auf einem Schlachtfeld Ungarlands; Kein Russe, noch Kroat hat ihn getötet.
Es fiel der Freiheit letzte Schanz, Und Ungarn blutet sich zu Tode - Doch unversehrt blieb Ritter Franz, Sein Säbel auch - er liegt in der Kommode.
Er lebt, der Franz, und wird als Greis Vom Ungarkriege Wunderdinge Erzählen in der Enkel Kreis - »So lag ich und so führt ich meine Klinge!«
Wenn ich den Namen Ungarn hör, Wird mir das deutsche Wams zu enge, Es braust darunter wie ein Meer, Mir ist als grüßten mich Trompetenklänge!
Es klirrt mir wieder im Gemüt Die Heldensage, längst verklungen, Das eisern wilde Kämpenlied - Das Lied vom Untergang der Nibelungen.
Es ist dasselbe Heldenlos, Es sind dieselben alten Mären, Die Namen sind verändert bloß, Doch sinds dieselben »Helden lobebären«.
Es ist dasselbe Schicksal auch - Wie stolz und frei die Fahnen fliegen, Es muß der Held, nach altem Brauch, Den tierisch rohen Mächten unterliegen.
Und diesmal hat der Ochse gar Mit Bären einen Bund geschlossen - Du fällst; doch tröste dich, Magyar, Wir Andre haben schlimmre Schmach genossen.
Anständige Bestien sind es doch, Die ganz honett dich überwunden; Doch wir geraten in das Joch Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.
Das heult und bellt und grunzt -ich kann Ertragen kaum den Duft der Sieger. Doch still, Poet, das greift dich an - Du bist so krank, und schweigen wäre klüger.
XVII. Böses Geträume
Im Traume war ich wieder jung und munter - Es war das Landhaus hoch am Bergesrand, Wettlaufend lief ich dort den Pfad hinunter, Wettlaufend mit Ottiljen Hand in Hand.
Wie das Persönchen fein formiert! Die süßen Meergrünen Augen zwinkern nixenhaft. Sie steht so fest auf ihren kleinen Füßen, Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft.
Der Ton der Stimme ist so treu und innig, Man glaubt zu schaun bis in der Seele Grund; Und alles was sie spricht ist klug und sinnig; Wie eine Rosenknospe ist der Mund.
Es ist nicht Liebesweh, was mich beschleichet, Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand; - Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichet, Und heimlich bebend küß ich ihre Hand.
Ich glaub, am Ende brach ich eine Lilje, Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei: Heirate mich und sei mein Weib, Ottilje, Damit ich fromm wie du und glücklich sei.
Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer, Denn ich erwachte jählings - und ich war Wieder ein Kranker, der im Krankenzimmer Trostlos daniederliegt seit manchem Jahr. - -
XVIII. Sie erlischt
Der Vorhang fällt, das Stück ist aus, Und Herrn und Damen gehn nach Haus. Ob ihnen auch das Stück gefallen? Ich glaub, ich hörte Beifall schallen. Ein hochverehrtes Publikum Beklatschte dankbar seinen Dichter. Jetzt aber ist das Haus so stumm, Und sind verschwunden Lust und Lichter. Doch horch! ein schollernd schnöder Klang Ertönt unfern der öden Bühne; - Vielleicht daß eine Saite sprang An einer alten Violine. Verdrießlich rascheln im Parterr Etwelche Ratten hin und her, Und Alles riecht nach ranzgem Öle. Die letzte Lampe ächzt und zischt Verzweiflungsvoll, und sie erlischt. Das arme Licht war meine Seele.
XIX. Vermächtnis
Nun mein Leben geht zu End, Mach ich auch mein Testament; Christlich will ich drin bedenken Meine Feinde mit Geschenken.
Diese würdgen, tugendfesten Widersacher sollen erben All mein Siechtum und Verderben, Meine sämtlichen Gebresten.
Ich vermach euch die Koliken, Die den Bauch wie Zangen zwicken, Harnbeschwerden, die perfiden Preußischen Hämorrhoiden.
Meine Krämpfe sollt ihr haben, Speichelfluß und Gliederzucken, Knochendarre in dem Rucken, Lauter schöne Gottesgaben.
Kodizill zu dem Vermächtnis: In Vergessenheit versenken Soll der Herr eur Angedenken, Er vertilge eur Gedächtnis.
XX. Enfant perdu
Verlorener Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfe ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.
Ich wachte Tag und Nacht - Ich konnt nicht schlafen, Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).
In jenen Nächten hat Langweil ergriffen Mich oft, auch Furcht - (nur Narren fürchten nichts) - Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen Die frechen Reime eines Spottgedichts.
Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, Und nahte irgend ein verdächtger Gauch, So schoß ich gut und jagt ihm eine warme, Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.
Mitunter freilich mocht es sich ereignen, Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schießen wußte - ach, ich kanns nicht leugnen - Die Wunden klaffen - es verströmt mein Blut.
Ein Posten ist vakant! - Die Wunden klaffen - Der Eine fällt, die Andern rücken nach - Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen - Nur mein Herze brach.
Drittes Buch Hebräische Melodien
O laß nicht ohne Lebensgenuß Dein Leben verfließen! Und bist du sicher vor dem Schuß, So laß sie nur schießen.
Fliegt dir das Glück vorbei einmal, So faß es am Zipfel. Auch rat ich dir, baue dein Hüttchen im Tal Und nicht auf dem Gipfel.
Prinzessin Sabbath
In Arabiens Märchenbuche Sehen wir verwünschte Prinzen, Die zu Zeiten ihre schöne Urgestalt zurückgewinnen:
Das behaarte Ungeheuer Ist ein Königsohn geworden; Schmuckreich glänzend angekleidet, Auch verliebt die Flöte blasend.
Doch die Zauberfrist zerrinnt, Und wir schauen plötzlich wieder Seine königliche Hoheit In ein Ungetüm verzottelt.
Einen Prinzen solchen Schicksals Singt mein Lied. Er ist geheißen Israel. Ihn hat verwandelt Hexenspruch in einen Hund.
Hund mit hündischen Gedanken, Kötert er die ganze Woche Durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben zum Gespötte.
Aber jeden Freitag Abend, In der Dämmrungstunde, plötzlich Weicht der Zauber, und der Hund Wird aufs Neu ein menschlich Wesen.
Mensch mit menschlichen Gefühlen, Mit erhobnem Haupt und Herzen, Festlich, reinlich schier gekleidet, Tritt er in des Vaters Halle.
»Sei gegrüßt, geliebte Halle Meines königlichen Vaters! Zelte Jakobs, eure heilgen Eingangspfosten küßt mein Mund!«
Durch das Haus geheimnisvoll Zieht ein Wispern und ein Weben, Und der unsichtbare Hausherr Atmet schaurig in der Stille.
Stille! Nur der Seneschall (Vulgo Synagogendiener) Springt geschäftig auf und nieder, Um die Lampen anzuzünden.
Trostverheißend goldne Lichter, Wie sie glänzen, wie sie glimmern! Stolz aufflackern auch die Kerzen Auf der Brüstung des Almemors.
Vor dem Schreine, der die Thora Aufbewahret und verhängt ist Mit der kostbar seidnen Decke, Die von Edelsteinen funkelt -
Dort an seinem Betpultständer Steht schon der Gemeindesänger; Schmuckes Männchen, das sein schwarzes Mäntelchen kokett geachselt.
Um die weiße Hand zu zeigen, Haspelt er am Halse, seltsam An die Schläf den Zeigefinger, An die Kehl den Daumen drückend.
Trällert vor sich hin ganz leise, Bis er endlich lautaufjubelnd Seine Stimm erhebt und singt: Lecho Daudi likras Kalle!
Lecho Daudi likras Kalle - Komm, Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht!
Dieses hübsche Hochzeitkarmen Ist gedichtet von dem großen, Hochberühmten Minnesinger Don Jehuda ben Halevy.
In dem Liede wird gefeiert Die Vermählung Israels Mit der Frau Prinzessin Sabbath, Die man nennt die stille Fürstin.
Perl und Blume aller Schönheit Ist die Fürstin. Schöner war Nicht die Königin von Saba, Salomonis Busenfreundin,
Die, ein Blaustrumpf Äthiopiens, Durch Esprit brillieren wollte, Und mit ihren klugen Rätseln Auf die Länge fatigant ward.
Die Prinzessin Sabbath, welche Ja die personifizierte Ruhe ist, verabscheut alle Geisteskämpfe und Debatten.
Gleich fatal ist ihr die trampelnd Deklamierende Passion, Jenes Pathos, das mit flatternd Aufgelöstem Haar einherstürmt.
Sittsam birgt die stille Fürstin In der Haube ihre Zöpfe; Blickt so sanft wie die Gazelle, Blüht so schlank wie eine Addas.
Sie erlaubt dem Liebsten alles, Ausgenommen Tabakrauchen - »Liebster! Rauchen ist verboten, Weil es heute Sabbath ist.
»Dafür aber heute Mittag Soll dir dampfen, zum Ersatz, Ein Gericht, das wahrhaft göttlich - Heute sollst du Schalet essen!«
Schalet, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium! Also klänge Schillers Hochlied, Hätt er Schalet je gekostet.
Schalet ist die Himmelspeise, Die der liebe Herrgott selber Einst den Moses kochen lehrte Auf dem Berge Sinai,
Wo der Allerhöchste gleichfalls All die guten Glaubenslehren Und die heilgen zehn Gebote Wetterleuchtend offenbarte.
Schalet ist des wahren Gottes Koscheres Ambrosia, Wonnebrot des Paradieses, Und mit solcher Kost verglichen
Ist nur eitel Teufelsdreck Das Ambrosia der falschen Heidengötter Griechenlands, Die verkappte Teufel waren.
Speist der Prinz von solcher Speise, Glänzt sein Auge wie verkläret, Und er knöpfet auf die Weste, Und er spricht mit selgem Lächeln:
»Hör ich nicht den Jordan rauschen? Sind das nicht die Brüßelbrunnen In dem Palmental von Beth-El, Wo gelagert die Kamele?
»Hör ich nicht die Herdenglöckchen? Sind das nicht die fetten Hämmel, Die vom Gileathgebirge Abendlich der Hirt herabtreibt?«
Doch der schöne Tag verflittert; Wie mit langen Schattenbeinen Kommt geschritten der Verwünschung Böse Stund - Es seufzt der Prinz.
Ist ihm doch als griffen eiskalt Hexenfinger in sein Herze. Schon durchrieseln ihn die Schauer Hündischer Metamorphose.
Die Prinzessin reicht dem Prinzen Ihre güldne Nardenbüchse. Langsam riecht er - Will sich laben Noch einmal an Wohlgerüchen.
Es kredenzet die Prinzessin Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen - Hastig trinkt er, und im Becher Bleiben wen'ge Tropfen nur.
Er besprengt damit den Tisch, Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht, Und er tunkt es in die Nässe, Daß es knistert und erlischt.
Jehuda ben Halevy
I
Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergäß ich Jemals dein, Jerusalem -«
Wort und Weise, unaufhörlich Schwirren sie mir heut im Kopfe, Und mir ist als hört ich Stimmen, Psalmodierend, Männerstimmen -
Manchmal kommen auch zum Vorschein Bärte, schattig lange Bärte - Traumgestalten, wer von euch Ist Jehuda ben Halevy?
Doch sie huschen rasch vorüber; Die Gespenster scheuen furchtsam Der Lebendgen plumpen Zuspruch - Aber ihn hab ich erkannt -
Ich erkannt ihn an der bleichen Und gedankenstolzen Stirne, An der Augen süßer Starrheit - Sahn mich an so schmerzlich forschend -
Doch zumeist erkannt ich ihn An dem rätselhaften Lächeln Jener schön gereimten Lippen, Die man nur bei Dichtern findet.
Jahre kommen und verfließen. Seit Jehuda ben Halevy Ward geboren, sind verflossen Siebenhundert funfzig Jahre -
Hat zuerst das Licht erblickt Zu Toledo in Kastilien, Und es hat der goldne Tajo Ihm sein Wiegenlied gelullet.
Für Entwicklung seines Geistes Sorgte früh der strenge Vater, Der den Unterricht begann Mit dem Gottesbuch, der Thora.
Diese las er mit dem Sohne In dem Urtext, dessen schöne, Hieroglyphisch pittoreske, Altchaldäische Quadratschrift
Herstammt aus dem Kindesalter Unsrer Welt, und auch deswegen Jedem kindlichen Gemüte So vertraut entgegenlacht.
Diesen echten alten Text Rezitierte auch der Knabe In der uralt hergebrachten Singsangweise, Tropp geheißen -
Und er gurgelte gar lieblich Jene fetten Gutturalen, Und er schlug dabei den Triller, Den Schalscheleth, wie ein Vogel.
Auch den Targum Onkelos, Der geschrieben ist in jenem Plattjudäischen Idiom, Das wir Aramäisch nennen
Und zur Sprache der Propheten Sich verhalten mag etwa Wie das Schwäbische zum Deutschen - Dieses Gelbveiglein-Hebräisch
Lernte gleichfalls früh der Knabe, Und es kam ihm solche Kenntnis Bald darauf sehr gut zu Statten Bei dem Studium des Talmuds.
Ja, frühzeitig hat der Vater Ihn geleitet zu dem Talmud, Und da hat er ihm erschlossen Die Halacha, diese große
Fechterschule, wo die besten Dialektischen Athleten Babylons und Pumpedithas Ihre Kämpferspiele trieben.
Lernen konnte hier der Knabe Alle Künste der Polemik; Seine Meisterschaft bezeugte Späterhin das Buch Cosari.
Doch der Himmel gießt herunter Zwei verschiedne Sorten Lichtes: Grelles Tageslicht der Sonne Und das mildre Mondlicht - Also,
Also leuchtet auch der Talmud Zwiefach, und man teilt ihn ein In Halacha und Hagada. Erstre nannt ich eine Fechtschul -
Letztre aber, die Hagada, Will ich einen Garten nennen, Einen Garten, hochphantastisch Und vergleichbar jenem andern,
Welcher ebenfalls dem Boden Babylons entsprossen weiland - Garten der Semiramis, Achtes Wunderwerk der Welt.
Königin Semiramis, Die als Kind erzogen worden Von den Vögeln, und gar manche Vögeltümlichkeit bewahrte,
Wollte nicht auf platter Erde Promenieren wie wir andern Säugetiere, und sie pflanzte Einen Garten in der Luft -
Hoch auf kolossalen Säulen Prangten Palmen und Zypressen, Goldorangen, Blumenbeete, Marmorbilder, auch Springbrunnen,
Alles klug und fest verbunden Durch unzählge Hängebrücken, Die wie Schlingepflanzen aussahn Und worauf sich Vögel wiegten -
Große, bunte, ernste Vögel, Tiefe Denker, die nicht singen, Während sie umflattert kleines Zeisigvolk, das lustig trillert -
Alle atmen ein, beseligt, Einen reinen Balsamduft, Welcher unvermischt mit schnödem Erdendunst und Mißgeruche.
Die Hagada ist ein Garten Solcher Luftkindgrillenart, Und der junge Talmudschüler, Wenn sein Herze war bestäubet
Und betäubet vom Gezänke Der Halacha, vom Dispute Über das fatale Ei, Das ein Huhn gelegt am Festtag,
Oder über eine Frage Gleicher Importanz - der Knabe Floh alsdann sich zu erfrischen In die blühende Hagada,
Wo die schönen alten Sagen, Engelmärchen und Legenden, Stille Märtyrerhistorien, Festgesänge, Weisheitsprüche,
Auch Hyperbeln, gar possierlich, Alles aber glaubenskräftig, Glaubensglühend - O, das glänzte, Quoll und sproß so überschwenglich -
Und des Knaben edles Herze Ward ergriffen von der wilden, Abenteuerlichen Süße, Von der wundersamen Schmerzlust
Und den fabelhaften Schauern Jener seligen Geheimwelt, Jener großen Offenbarung, Die wir nennen Poesie.
Auch die Kunst der Poesie, Heitres Wissen, holdes Können, Welches wir die Dichtkunst heißen, Tat sich auf dem Sinn des Knaben.
Und Jehuda ben Halevy Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter, Sondern auch der Dichtkunst Meister, Sondern auch ein großer Dichter.
Ja, er ward ein großer Dichter, Stern und Fackel seiner Zeit, Seines Volkes Licht und Leuchte, Eine wunderbare, große
Feuersäule des Gesanges, Die der Schmerzenskarawane Israels vorangezogen In der Wüste des Exils.
Rein und wahrhaft, sonder Makel War sein Lied, wie seine Seele - Als der Schöpfer sie erschaffen, Diese Seele, selbstzufrieden
Küßte er die schöne Seele, Und des Kusses holder Nachklang Bebt in jedem Lied des Dichters, Das geweiht durch diese Gnade.
Wie im Leben, so im Dichten Ist das höchste Gut die Gnade - Wer sie hat, der kann nicht sündgen Nicht in Versen, noch in Prosa.
Solchen Dichter von der Gnade Gottes nennen wir Genie: Unverantwortlicher König Des Gedankenreiches ist er.
Nur dem Gotte steht er Rede, Nicht dem Volke - In der Kunst, Wie im Leben, kann das Volk Töten uns, doch niemals richten. -
II
Bei den Wassern Babels saßen Wir und weinten, unsre Harfen Lehnten an den Trauerweiden - Kennst du noch das alte Lied?
Kennst du noch die alte Weise, Die im Anfang so elegisch Greint und sumset, wie ein Kessel, Welcher auf dem Herde kocht?
Lange schon, jahrtausendlange Kochts in mir. Ein dunkles Wehe! Und die Zeit leckt meine Wunde, Wie der Hund die Schwären Hiobs.
Dank dir, Hund, für deinen Speichel - Doch das kann nur kühlend lindern - Heilen kann mich nur der Tod, Aber, ach, ich bin unsterblich!
Jahre kommen und vergehen - In dem Webstuhl läuft geschäftig Schnurrend hin und her die Spule - Was er webt, das weiß kein Weber.
Jahre kommen und vergehen, Menschentränen träufeln, rinnen Auf die Erde, und die Erde Saugt sie ein mit stiller Gier -
Tolle Sud! Der Deckel springt - Heil dem Manne, dessen Hand Deine junge Brut ergreifet Und zerschmettert an der Felswand.
Gott sei Dank! die Sud verdampfet In dem Kessel, der allmählig Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen, Mein westöstlich dunkler Spleen -
Auch mein Flügelrößlein wiehert Wieder heiter, scheint den bösen Nachtalp von sich abzuschütteln, Und die klugen Augen fragen:
Reiten wir zurück nach Spanien Zu dem kleinen Talmudisten, Der ein großer Dichter worden, Zu Jehuda ben Halevy?
Ja, er ward ein großer Dichter, Absoluter Traumweltsherrscher Mit der Geisterkönigskrone, Ein Poet von Gottes Gnade,
Der in heiligen Sirventen, Madrigalen und Terzinen, Kanzonetten und Ghaselen Ausgegossen alle Flammen
Seiner gottgeküßten Seele! Wahrlich ebenbürtig war Dieser Troubadour den besten Lautenschlägern der Provence,
Poitous und der Guienne, Roussillons und aller andern Süßen Pomeranzenlande Der galanten Christenheit.
Der galanten Christenheit Süße Pomeranzenlande! Wie sie duften, glänzen, klingen In dem Zwielicht der Erinnrung!
Schöne Nachtigallenwelt! Wo man statt des wahren Gottes Nur den falschen Gott der Liebe Und der Musen angebeten.
Clerici mit Rosenkränzen Auf der Glatze sangen Psalmen In der heitern Sprache d'oc; Und die Laien, edle Ritter,
Stolz auf hohen Rossen trabend, Spintisierten Vers und Reime Zur Verherrlichung der Dame, Der ihr Herze fröhlich diente.
Ohne Dame keine Minne, Und es war dem Minnesänger Unentbehrlich eine Dame, Wie dem Butterbrot die Butter.
Auch der Held, den wir besingen, Auch Jehuda ben Halevy Hatte seine Herzensdame; Doch sie war besondrer Art.
Sie war keine Laura, deren Augen, sterbliche Gestirne, In dem Dome am Karfreitag Den berühmten Brand gestiftet -
Sie war keine Chatelaine, Die im Blütenschmuck der Jugend Bei Turnieren präsidierte Und den Lorbeerkranz erteilte -
Keine Kußrechtskasuistin War sie, keine Doktrinärrin, Die im Spruchkollegium Eines Minnehofs dozierte -
Jene, die der Rabbi liebte, War ein traurig armes Liebchen, Der Zerstörung Jammerbildnis, Und sie hieß Jerusalem.
Schon in frühen Kindestagen War sie seine ganze Liebe; Sein Gemüte machte beben Schon das Wort Jerusalem.
Purpurflamme auf der Wange, Stand der Knabe, und er horchte, Wenn ein Pilger nach Toledo Kam aus fernem Morgenlande
Und erzählte: wie verödet Und verunreint jetzt die Stätte, Wo am Boden noch die Lichtspur Von dem Fuße der Propheten -
Wo die Luft noch balsamieret Von dem ewgen Odem Gottes - O des Jammeranblicks! rief Einst ein Pilger, dessen Bart
Silberweiß hinabfloß, während Sich das Barthaar an der Spitze Wieder schwärzte und es aussah, Als ob sich der Bart verjünge -
Ein gar wunderlicher Pilger Mocht es sein, die Augen lugten Wie aus tausendjährgem Trübsinn, Und er seufzt': »Jerusalem!