Part 4
Ihm zur Seite, freudewedelnd, Sprang sein Liebling, Allan hieß er, Eine Bestie stolzer Rasse, Deren Heimat die Sierra.
Trotz der ungeheuern Größe War er wie ein Reh gelenkig, Nobel war des Kopfes Bildung, Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.
Schneeweiß und so weich wie Seide Flockten lang herab die Haare; Mit Rubinen inkrustieret War das breite goldne Halsband.
Dieses Halsband, sagt man, barg Einen Talisman der Treue; Niemals wich er von der Seite Seines Herrn, der treue Hund.
O der schauerlichen Treue! Mir erbebet das Gemüte, Denk ich dran, wie sie sich hier Offenbart vor unsern Augen.
O des schreckenvollen Tages! Hier in diesem Saale war es, Und wie heute saß ich hier An der königlichen Tafel.
An dem obern Tafelende, Dort, wo heute Don Henrico Fröhlich bechert mit der Blume Kastilianscher Ritterschaft -
Jenes Tags saß dort Don Pedro Finster stumm, und neben ihm, Strahlend stolz wie eine Göttin, Saß Maria de Padilla.
Hier am untern End der Tafel, Wo wir heut die Dame sehen, Deren große Linnenkrause Wie ein weißer Teller aussieht -
Während ihr vergilbt Gesichtchen Mit dem säuerlichen Lächeln Der Zitrone gleichet, welche Auf besagtem Teller ruht:
Hier am untern End der Tafel War ein leerer Platz geblieben; Eines Gasts von hohem Range Schien der goldne Stuhl zu harren.
Don Fredrego war der Gast, Dem der goldne Stuhl bestimmt war - Doch er kam nicht -ach, wir wissen Jetzt den Grund der Zögerung.
Ach, zur selben Stunde wurde Sie vollbracht, die dunkle Untat, Und der arglos junge Held Wurde von Don Pedros Schergen
Hinterlistig überfallen Und gebunden fortgeschleppt In ein ödes Schloßgewölbe, Nur von Fackelschein beleuchtet.
Dorten standen Henkersknechte, Dorten stand der rote Meister, Der, gestützt auf seinem Richtbeil, Mit schwermütger Miene sprach:
Jetzt, Großmeister von San Jago, Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten, Eine Viertelstunde sei Euch bewilligt zum Gebete.
Don Fredrego kniete nieder, Betete mit frommer Ruhe, Sprach sodann: ich hab vollendet, Und empfing den Todesstreich.
In demselben Augenblicke, Als der Kopf zu Boden rollte, Sprang drauf zu der treue Allan, Welcher unbemerkt gefolgt war.
Er erfaßte, mit den Zähnen, Bei dem Lockenhaar das Haupt, Und mit dieser teuern Beute Schoß er zauberschnell von dannen.
Jammer und Geschrei erscholl Überall auf seinem Wege, Durch die Gänge und Gemächer, Treppen auf und Treppen ab.
Seit dem Gastmahl des Belsazar Gab es keine Tischgesellschaft, Welche so verstöret aussah Wie die unsre in dem Saale,
Als das Ungetüm hereinsprang Mit dem Haupte Don Fredregos, Das er mit den Zähnen schleppte An den träufend blutgen Haaren.
Auf den leer gebliebnen Stuhl, Welcher seinem Herrn bestimmt war, Sprang der Hund und, wie ein Kläger, Hielt er uns das Haupt entgegen.
Ach, es war das wohlbekannte Heldenantlitz, aber blässer, Aber ernster, durch den Tod, Und umringelt gar entsetzlich
Von der Fülle schwarzer Locken, Die sich bäumten wie der wilde Schlangenkopfputz der Meduse, Auch wie dieser schreckversteinernd.
Ja, wir waren wie versteinert, Sahn uns an mit starrer Miene, Und gelähmt war jede Zunge Von der Angst und Etikette.
Nur Maria de Padilla Brach das allgemeine Schweigen; Händeringend, laut aufschluchzend, Jammerte sie ahndungsvoll:
»Heißen wird es jetzt, ich hätte Angestiftet solche Mordtat, Und der Groll trifft meine Kinder, Meine schuldlos armen Kinder!«
Don Diego unterbrach hier Seine Rede, denn wir sahen, Daß die Tafel aufgehoben Und der Hof den Saal verlassen.
Höfisch fein von Sitten, gab Mir der Ritter das Geleite, Und wir wandelten selbander Durch das alte Gotenschloß.
Indem Kreuzgang, welcher leitet Nach des Königs Hundeställen, Die durch Knurren und Gekläffe Schon von fernher sich verkündgen,
Dorten sah ich, in der Wand Eingemauert und nach außen Fest mit Eisenwerk vergattert, Eine Zelle wie ein Käfig.
Menschliche Gestalten zwo Saßen drin, zwei junge Knaben; Angefesselt bei den Beinen, Hockten sie auf fauler Streu.
Kaum zwölfjährig schien der Eine, Wenig älter war der Andre; Die Gesichter schön und edel, Aber fahl und welk von Siechtum.
Waren ganz zerlumpt, fast nackend, Und die magern Leibchen trugen Wunde Spuren der Mißhandlung; Beide schüttelte das Fieber.
Aus der Tiefe ihres Elends Schauten sie zu mir empor, Wie mit weißen Geisteraugen, Daß ich schier darob erschrocken.
Wer sind diese Jammerbilder? Rief ich aus, indem ich hastig Don Diegos Hand ergriff, Die gezittert, wie ich fühlte.
Don Diego schien verlegen, Sah sich um, ob Niemand lausche, Seufzte tief und sprach am Ende, Heitern Weltmannston erkünstelnd:
Dieses sind zwei Königskinder, Früh verwaiset, König Pedro Hieß der Vater, und die Mutter War Maria de Padilla.
Nach der großen Schlacht bei Narvas, Wo Henrico Transtamare Seinen Bruder, König Pedro, Von der großen Last der Krone
Und zugleich von jener größern Last, die Leben heißt, befreite: Da traf auch die Bruderskinder Don Henricos Siegergroßmut.
Hat sich ihrer angenommen, Wie es einem Oheim ziemet, Und im eignen Schlosse gab er Ihnen freie Kost und Wohnung.
Enge freilich ist das Stübchen, Das er ihnen angewiesen, Doch im Sommer ist es kühlig, Und nicht gar zu kalt im Winter.
Ihre Speis ist Roggenbrot, Das so schmackhaft ist, als hätt es Göttin Ceres selbst gebacken Für ihr liebes Proserpinchen.
Manchmal schickt er ihnen auch Eine Kumpe mit Garbanzos, Und die Jungen merken dann, Daß es Sonntag ist in Spanien.
Doch nicht immer ist es Sonntag, Und nicht immer gibts Garbanzos, Und der Oberkoppelmeister Regaliert sie mit der Peitsche.
Denn der Oberkoppelmeister, Der die Ställe mit der Meute Sowie auch den Neffenkäfig Unter seiner Aufsicht hat,
Ist der unglückselge Gatte Jener sauren Zitronella Mit der weißen Tellerkrause, Die wir heut bei Tisch bewundert,
Und sie keift so frech, daß oft Ihr Gemahl zur Peitsche greift - Und hierher eilt und die Hunde Und die armen Knaben züchtigt.
Doch der König hat mißbilligt Solch Verfahren und befahl, Daß man künftig seine Neffen Nicht behandle wie die Hunde.
Keiner fremden Mietlingsfaust Wird er ferner anvertrauen Ihre Zucht, die er hinfüro Eigenhändig leiten will.
Don Diego stockte plötzlich, Denn der Seneschall des Schlosses Kam zu uns und frug uns Höflich: ob wir wohlgespeist? - -
Der Ex-Lebendige
Brutus, wo ist dein Cassius, Der Wächter, der nächtliche Rufer, Der einst mit dir, im Seelenerguß, Gewandelt am Seineufer?
Ihr schautet manchmal in die Höh, Wo die dunklen Wolken jagen - Viel dunklere Wolke war die Idee, Die Ihr im Herzen getragen.
Brutus, wo ist dein Cassius? Er denkt nicht mehr ans Morden! Es heißt, er sei am Neckarfluß Tyrannenvorleser geworden.
Doch Brutus erwidert: Du bist ein Tor, Kurzsichtig wie alle Poeten - Mein Cassius liest dem Tyrannen vor, Jedoch um ihn zu töten.
Er liest ihm Gedichte von Matzerath - Ein Dolch ist jede Zeile! Der arme Tyrann, früh oder spat Stirbt er vor Langeweile.
Der Ex-Nachtwächter
Mißgelaunt, sagt man, verließ er Stuttgart an dem Neckarstrand, Und zu München an der Isar Ward er Schauspielintendant.
Das ist eine schöne Gegend Ebenfalls, es schäumet hier, Geist- und phantasieerregend, Holder Bock, das beste Bier.
Doch der arme Intendante, Heißt es, gehet dort herum Melancholisch wie ein Dante, Wie Lord Byron gloomy, stumm.
Ihn ergötzen nicht Komödien, Nicht das schlechteste Gedicht, Selbst die traurigsten Tragödien Liest er - doch er lächelt nicht.
Manche Schöne möcht erheitern Dieses gramumflorte Herz, Doch die Liebesblicke scheitern An dem Panzer, der von Erz.
Nannerl mit dem Riegelhäubchen Girrt ihn an so muntern Sinns - Geh ins Kloster, armes Täubchen, Spricht er wie ein Dänenprinz.
Seine Freunde sind vergebens Zu erlustgen ihn bemüht, Singen: Freue dich des Lebens, Weil dir noch dein Lämpchen glüht!
Kann dich nichts zum Frohsinn reizen Hier in dieser hübschen Stadt, Die an amüsanten Käuzen Wahrlich keinen Mangel hat?
Zwar hat sie in jüngsten Tagen Eingebüßt so manchen Mann, Manchen trefflichen Choragen, Den man schwer entbehren kann.
Wär der Maßmann nur geblieben! Dieser hätte wohl am End Jeden Trübsinn dir vertrieben Durch sein Burzelbaumtalent.
Schelling, der ist unersetzlich! Ein Verlust vom höchsten Wert! War als Philosoph ergötzlich Und als Mime hochgeehrt.
Daß der Gründer der Walhalla Fortging und zurücke ließ Seine Manuskripte alle, Gleichfalls ein Verlust war dies!
Mit Corneljus ging verloren Auch des Meisters Jüngerschaft; Hat das Haar sich abgeschoren, Und im Haar war ihre Kraft.
Denn der kluge Meister legte Einen Zauber in das Haar, Drin sich sichtbar oft bewegte Etwas das lebendig war.
Tot ist Görres, die Hyäne. Ob des heiligen Offiz Umsturz quoll ihm einst die Träne Aus des Auges rotem Schlitz.
Dieses Raubtier hat ein Sühnchen Hinterlassen, doch es ist Nur ein giftiges Kaninchen, Welches Nonnenfürzchen frißt.
Apropos! Der erzinfame Pfaffe Dollingerius - Das ist ungefähr sein Name - Lebt er noch am Isarfluß?
Dieser bleibt mir unvergeßlich! Bei dem reinen Sonnenlicht! Niemals schaut ich solch ein häßlich Armesünderangesicht.
Wie es heißt, ist er gekommen Auf die Welt gar wundersam, Hat den Afterweg genommen, Zu der Mutter Schreck und Scham.
Sah ihn am Karfreitag wallen In dem Zug der Prozession, Von den dunkeln Männern allen Wohl die dunkelste Person.
Ja, Monacho Monachorum Ist in unsrer Zeit der Sitz Der Virorum obscurorum, Die verherrlicht Huttens Witz.
Wie du zuckst beim Namen Hutten! Ex-Nachtwächter, wache auf! Hier die Pritsche, dort die Kutten, Und wie ehmals schlage drauf!.
Geißle ihre Rücken blutig, Wie einst tat der Ullerich; Dieser schlug so rittermutig, Jene heulten fürchterlich.
Der Erasmus mußte lachen So gewaltig ob dem Spaß, Daß ihm platzte in dem Rachen Sein Geschwür und er genas.
Auf der Ebersburg desgleichen Lachte Sickingen wie toll, Und in allen deutschen Reichen Das Gelächter widerscholl.
Alte lachten wie die Jungen - Eine einzge Lache nur War ganz Wittenberg, sie sungen Gaudeamus igitur!
Freilich, klopft man faule Kutten, Fängt man Flöh im Überfluß, Und es mußte sich der Hutten Manchmal kratzen vor Verdruß.
Aber alea est jacta! War des Ritters Schlachtgeschrei, Und er knickte und er knackte Pulices und Klerisei.
Ex-Nachtwächter, Stundenrufer, Fühlst du nicht dein Herz erglühn? Rege dich am Isarufer, Schüttle ab den kranken Spleen.
Deine langen Fortschrittsbeine, Heb sie auf zu neuem Lauf - Kutten grobe, Kutten feine, Sind es Kutten, schlage drauf!
Jener aber seufzt, und seine Hände ringend er versetzt: Meine langen Fortschrittsbeine Sind europamüde jetzt.
Meine Hühneraugen jücken, Habe deutsche enge Schuh, Und wo mich die Schuhe drücken, Weiß ich wohl - laß mich in Ruh!
Plateniden
Iliaden, Odysseen Kündigst du uns prahlend an, Und wir wollen in dir sehen Deutscher Zukunft größten Mann.
Eine große Tat in Worten, Die du einst zu tun gedenkst! - O, ich kenne solche Sorten Geistger Schuldenmacher längst.
Hier ist Rhodus, komm und zeige Deine Kunst, hier wird getanzt! Oder trolle dich und schweige, Wenn du heut nicht tanzen kannst.
Wahre Prinzen aus Genieland Zahlen bar was sie verzehrt, Schiller, Goethe, Lessing, Wieland Haben nie Kredit begehrt.
Wollten keine Ovationen Von dem Publiko auf Pump, Keine Vorschuß-Lorbeerkronen, Rühmten sich nicht keck und plump.
Tot ist längst der alte Junker, Doch sein Same lebt noch heut - O, ich kenne das Geflunker Künftiger Unsterblichkeit.
Das sind Platens echte Kinder, Echtes Platenidenblut - Meine teuern Hallermünder, O, ich kenn euch gar zu gut!
Mythologie
Ja, Europa ist erlegen - Wer kann Ochsen widerstehen? Wir verzeihen auch Danäen - Sie erlag dem goldnen Regen!
Semele ließ sich verführen - Denn sie dachte: eine Wolke, Ideale Himmelswolke, Kann uns nicht kompromittieren.
Aber tief muß uns empören Was wir von der Leda lesen - Welche Gans bist du gewesen, Daß ein Schwan dich konnt betören!
In Mathildens Stammbuch
Hier, auf gewalzten Lumpen, soll ich Mit einer Spule von der Gans Hinkritzeln ernsthaft halb, halb drollig, Versifizierten Firlefanz -
Ich, der gewohnt mich auszusprechen Auf deinem schönen Rosenmund, Mit Küssen, die wie Flammen brechen Hervor aus tiefstem Herzensgrund!
O Modewut! Ist man ein Dichter, Quält uns die eigne Frau zuletzt, Bis man, wie andre Sangeslichter, Ihr einen Reim ins Album setzt.
An die Jungen
Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirren Durch goldne Äpfel in deinem Lauf! Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren, Doch halten sie nicht den Helden auf.
Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen, Ein Alexander erbeutet die Welt! Kein langes Besinnen! Die Königinnen Erwarten schon knieend den Sieger im Zelt.
Wir wagen, wir werben! besteigen als Erben Des alten Darius Bett und Thron. O süßes Verderben! o blühendes Sterben! Berauschter Triumphtod zu Babylon!
Der Ungläubige
Du wirst in meinen Armen ruhn! Von Wonnen sonder Schranken Erbebt und schwillt mein ganzes Herz Bei diesem Zaubergedanken.
Du wirst in meinen Armen ruhn! Ich spiele mit den schönen Goldlocken! Dein holdes Köpfchen wird An meine Schulter lehnen.
Du wirst in meinen Armen ruhn! Der Traum will Wahrheit werden, Ich soll des Himmels höchste Lust Hier schon genießen auf Erden.
O, heilger Thomas! Ich glaub es kaum! Ich zweifle bis zur Stunde, Wo ich den Finger legen kann In meines Glückes Wunde.
K.-Jammer
Diese graue Wolkenschar Stieg aus einem Meer von Freuden; Heute muß ich dafür leiden, Daß ich gestern glücklich war.
Ach, in Wermut hat verkehrt Sich der Nektar! Ach, wie quälend Katzenjammer, Hundeelend Herz und Magen mir beschwert!
Zum Hausfrieden
Viele Weiber, viele Flöhe, Viele Flöhe, vieles Jucken - Tun sie heimlich dir ein Wehe, Darfst du dennoch dich nicht mucken.
Denn sie rächen, schelmisch lächelnd, Sich zur Nachtzeit - Willst du drücken Sie ans Herze, lieberöchelnd, Ach, da drehn sie dir den Rücken.
Jetzt wohin?
Jetzt wohin? Der dumme Fuß Will mich gern nach Deutschland tragen; Doch es schüttelt klug das Haupt Mein Verstand und scheint zu sagen:
Zwar beendigt ist der Krieg, Doch die Kriegsgerichte blieben, Und es heißt, du habest einst Viel Erschießliches geschrieben.
Das ist wahr, unangenehm Wär mir das Erschossenwerden. Bin kein Held, es fehlen mir Die pathetischen Gebärden.
Gern würd ich nach England gehn, Wären dort nicht Kohlendämpfe Und Engländer - schon ihr Duft Gibt Erbrechen mir und Krämpfe.
Manchmal kommt mir in den Sinn Nach Amerika zu segeln, Nach dem großen Freiheitstall, Der bewohnt von Gleichheitsflegeln -
Doch es ängstet mich ein Land, Wo die Menschen Tabak käuen, Wo sie ohne König kegeln, Wo sie ohne Spucknapf speien.
Rußland, dieses schöne Reich, Würde mir vielleicht behagen, Doch im Winter könnte ich Dort die Knute nicht ertragen.
Traurig schau ich in die Höh, Wo viel tausend Sterne nicken - Aber meinen eignen Stern Kann ich nirgends dort erblicken.
Hat im güldnen Labyrinth Sich vielleicht verirrt am Himmel, Wie ich selber mich verirrt In dem irdischen Getümmel. -
Altes Lied
Du bist gestorben und weißt es nicht, Erloschen ist dein Augenlicht, Erblichen ist dein rotes Mündchen, Und du bist tot, mein totes Kindchen.
In einer schaurigen Sommernacht Hab ich dich selber zu Grabe gebracht; Klaglieder die Nachtigallen sangen, Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen.
Der Zug, der zog den Wald vorbei, Dort widerhallt die Litanei; Die Tannen, in Trauermänteln vermummt, Sie haben Totengebete gebrummt.
Am Weidensee vorüber gings, Die Elfen tanzten inmitten des Rings; Sie blieben plötzlich stehn und schienen Uns anzuschaun mit Beileidsmienen.
Und als wir kamen zu deinem Grab, Da stieg der Mond vom Himmel herab. Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Stöhnen, Und in der Ferne die Glocken tönen.
Solidität
Liebe sprach zum Gott der Lieder, Sie verlange Sicherheiten, Ehe sie sich ganz ergebe, Denn es wären schlechte Zeiten.
Lachend gab der Gott zur Antwort: Ja, die Zeiten sich verändern, Und du sprichst jetzt wie ein alter Wuchrer, welcher leiht auf Pfändern.
Ach, ich hab nur eine Leier, Doch sie ist von gutem Golde. Wieviel Küsse willst du borgen Mir darauf, o meine Holde?
Alte Rose
Eine Rosenknospe war Sie, für die mein Herze glühte; Doch sie wuchs, und wunderbar Schoß sie auf in voller Blüte.
Ward die schönste Ros im Land, Und ich wollt die Rose brechen, Doch sie wußte mich pikant Mit den Dornen fortzustechen.
Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt Und verklatscht von Wind und Regen - Liebster Heinrich bin ich jetzt, Liebend kommt sie mir entgegen.
Heinrich hinten, Heinrich vorn, Klingt es jetzt mit süßen Tönen; Sticht mich jetzt etwa ein Dorn, Ist es an dem Kinn der Schönen.
Allzu hart die Borsten sind, Die des Kinnes Wärzchen zieren - Geh ins Kloster, liebes Kind, Oder lasse dich rasieren.
Auto-da-fé
Welke Veilchen, stäubge Locken, ein verblichen blaues Band, Halb zerrissene Billette, Längst vergeßner Herzenstand -
In die Flammen des Kamines Werf ich sie verdroßnen Blicks; Ängstlich knistern diese Trümmer Meines Glücks und Mißgeschicks.
Liebeschwüre, flatterhafte Falsche Eide, in den Schlot Fliegen sie hinauf - es kichert Unsichtbar der kleine Gott.
Bei den Flammen des Kamines Sitz ich träumend, und ich seh, Wie die Fünkchen in der Asche Still verglühn - Gut Nacht - Ade!
Lazarus
I. Weltlauf
Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen.
Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben - Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur die etwas haben.
II. Rückschau
Ich habe gerochen alle Gerüche In dieser holden Erdenküche; Was man genießen kann in der Welt, Das hab ich genossen wie je ein Held! Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen. Hab manche schöne Puppe besessen; Trug seidne Westen, den feinsten Frack, Mir klingelten auch Dukaten im Sack. Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß; Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß. Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks, Die Sonne grüßte goldigsten Blicks; Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn, Er duftete Träume mir ins Gehirn, Träume von Rosen und ewigem Mai - Es ward mir so selig zu Sinne dabei, So dämmersüchtig, so sterbefaul - Mir flogen gebratne Tauben ins Maul, Und Englein kamen, und aus den Taschen Sie zogen hervor Champagnerflaschen - Das waren Visionen, Seifenblasen - Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen, Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt, Und meine Seele ist tief beschämt. Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß Hab ich erkauft durch herben Verdruß; Ich ward getränkt mit Bitternissen Und grausam von den Wanzen gebissen; Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen, Ich mußte lügen, ich mußte borgen Bei reichen Buben und alten Vetteln - Ich glaube sogar, ich mußte betteln. Jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen, Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen. Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder, Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.
III. Auferstehung
Posaunenruf erfüllt die Luft, Und furchtbar schallt es wider; Die Toten steigen aus der Gruft, Und schütteln und rütteln die Glieder.
Was Beine hat, das trollt sich fort, Es wallen die weißen Gestalten Nach Josaphat, dem Sammelort, Dort wird Gericht gehalten.
Als Freigraf sitzet Christus dort In seiner Apostel Kreise. Sie sind die Schöppen, ihr Spruch und Wort Ist minniglich und weise.
Sie urteln nicht vermummten Gesichts; Die Maske läßt jeder fallen Am hellen Tage des jüngsten Gerichts, Wenn die Posaunen schallen.
Das ist zu Josaphat im Tal, Da stehn die geladenen Scharen, Und weil zu groß der Beklagten Zahl, Wird hier summarisch verfahren.
Das Böcklein zur Linken, zur Rechten das Schaf, Geschieden sind sie schnelle; Der Himmel dem Schäfchen fromm und brav, Dem geilen Bock die Hölle!
IV. Sterbende
Flogest aus nach Sonn und Glück, Nackt und schlecht kommst du zurück. Deutsche Treue, deutsche Hemde, Die verschleißt man in der Fremde.
Siehst sehr sterbebläßlich aus, Doch getrost, du bist zu Haus. Warm wie an dem Flackerherde Liegt man in der deutschen Erde.
Mancher leider wurde lahm Und nicht mehr nach Hause kam - Streckt verlangend aus die Arme, Daß der Herr sich sein erbarme!
V. Lumpentum
Die reichen Leute, die gewinnt Man nur durch platte Schmeichelein - Das Geld ist platt, mein liebes Kind, Und will auch platt geschmeichelt sein.
Das Weihrauchfaß, das schwinge keck Vor jedem göttlich goldnen Kalb; Bet an im Staub, bet an im Dreck, Vor allem aber lob nicht halb.
Das Brot ist teuer dieses Jahr, Jedoch die schönsten Worte hat Man noch umsonst - Besinge gar Mäcenas' Hund, und friß dich satt!
VI. Erinnerung
Dem Einen die Perle, dem Andern die Truhe, O Wilhelm Wisetzki, du starbest so fruhe - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Der Balken brach, worauf er gekommen, Da ist er im Wasser umgekommen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Wir folgten der Leiche, dem lieblichen Knaben, Sie haben ihn unter Maiblumen begraben, - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Bist klug gewesen, du bist entronnen Den Stürmen, hast früh ein Obdach gewonnen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Bist früh entronnen, bist klug gewesen, Noch eh du erkranktest, bist du genesen - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
Seit langen Jahren, wie oft, o Kleiner, Mit Neid und Wehmut gedenk ich deiner - Doch die Katze, die Katz ist gerettet.
VII. Unvollkommenheit
Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt. Der Rose ist der Stachel beigesellt; Ich glaube gar, die lieben holden Engel Im Himmel droben sind nicht ohne Mängel.
Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein: Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein. Hätte Lucretia sich nicht erstochen, Sie wär vielleicht gekommen in die Wochen.
Häßliche Füße hat der stolze Pfau. Uns kann die amüsant geistreichste Frau Manchmal langweilen wie die Henriade Voltaires, sogar wie Klopstocks Messiade.
Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß, Wie Maßmann kein Latein - Der Marmorsteiß Der Venus von Canova ist zu glatte, Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte.
Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim, Wie Bienenstachel steckt im Honigseim. Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis, Und Alexander Dumas ist ein Metis.
Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt. Der beste Äpfelwein schmeckt nach der Tonne, Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne.
Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar Nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel bar. Du schaust mich an - du fragst mich, was dir fehle? Ein Busen, und im Busen eine Seele.
VIII. Fromme Warnung
Unsterbliche Seele, nimm dich in Acht, Daß du nicht Schaden leidest, Wenn du aus dem Irdischen scheidest; Es geht der Weg durch Tod und Nacht.
Am goldnen Tore der Hauptstadt des Lichts, Da stehen die Gottessoldaten; Sie fragen nach Werken und Taten, Nach Namen und Amt fragt man hier nichts.
Am Eingang läßt der Pilger zurück Die staubigen, drückenden Schuhe - Kehr ein, hier findest du Ruhe, Und weiche Pantoffeln und schöne Musik.
IX. Der Abgekühlte
Und ist man tot, so muß man lang Im Grabe liegen; ich bin bang, Ja, ich bin bang, das Auferstehen Wird nicht so schnell von Statten gehen.
Noch einmal, eh mein Lebenslicht Erlöschet, eh mein Herze bricht - Noch einmal möcht ich vor dem Sterben Um Frauenhuld beseligt werben.
Und eine Blonde müßt es sein, Mit Augen sanft wie Mondenschein - Denn schlecht bekommen mir am Ende Die wild brünetten Sonnenbrände.
Das junge Volk, voll Lebenskraft Will den Tumult der Leidenschaft, Das ist ein Rasen, Schwören, Poltern Und wechselseitges Seelenfoltern!
Unjung und nicht mehr ganz gesund, Wie ich es bin zu dieser Stund, Mögt ich noch einmal lieben, schwärmen Und glücklich sein - doch ohne Lärmen.
X. Salomo
Verstummt sind Pauken, Posaunen und Zinken. An Salomos Lager Wache halten Die schwertgegürteten Engelgestalten, Sechstausend zur Rechten, sechstausend zur Linken.
Sie schützen den König vor träumendem Leide, Und zieht er finster die Brauen zusammen, Da fahren sogleich die stählernen Flammen, Zwölftausend Schwerter, hervor aus der Scheide.