Romanzero

Part 3

Chapter 3 3,574 words Public domain Markdown

Mancher hat schon viel gegeben, Aber jener hat der Welt Eine ganze Welt geschenket, Und sie heißt Amerika.

Nicht befreien konnt er uns Aus dem öden Erdenkerker, Doch er wußt ihn zu erweitern Und die Kette zu verlängern.

Dankbar huldigt ihm die Menschheit, Die nicht bloß europamüde, Sondern Afrikas und Asiens Endlich gleichfalls müde worden - -

Einer nur, ein einzger Held, Gab uns mehr und gab uns Beßres Als Kolumbus, das ist jener, Der uns einen Gott gegeben.

Sein Herr Vater, der hieß Amram, Seine Mutter hieß Jochebeth, Und er selber, Moses heißt er, Und er ist mein bester Heros.

Doch, mein Pegasus, du weilest Viel zu lang bei dem Kolumbus - Wisse, unser heutger Flugritt Gilt dem gringern Mann, dem Cortez.

Breite aus den bunten Fittig, Flügelroß! und trage mich Nach der Neuwelt schönem Lande, Welches Mexiko geheißen.

Trage mich nach jener Burg, Die der König Montezuma Gastlich seinen spanschen Gästen Angewiesen zur Behausung.

Doch nicht Obdach bloß und Atzung, In verschwenderischer Fülle, Gab der Fürst den fremden Strolchen - Auch Geschenke reich und prächtig,

Kostbarkeiten kluggedrechselt, Von massivem Gold, Juwelen, Zeugten glänzend von der Huld Und der Großmut des Monarchen.

Dieser unzivilisierte, Abergläubisch blinde Heide Glaubte noch an Treu und Ehre Und an Heiligkeit des Gastrechts.

Er willfahrte dem Gesuche, Beizuwohnen einem Feste, Das in ihrer Burg die Spanier Ihm zu Ehren geben wollten -

Und mit seinem Hofgesinde, Arglos, huldreich, kam der König In das spanische Quartier, Wo Fanfaren ihn begrüßten.

Wie das Festspiel war betitelt, Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht: »Spansche Treue!« doch der Autor Nannt sich Don Fernando Cortez.

Dieser gab das Stichwort - plötzlich Ward der König überfallen, Und man band ihn und behielt ihn In der Burg als eine Geisel.

Aber Montezuma starb, Und da war der Damm gebrochen, Der die kecken Abenteurer Schützte vor dem Zorn des Volkes.

Schrecklich jetzt begann die Brandung - Wie ein wild empörtes Meer Tosten, rasten immer näher Die erzürnten Menschenwellen.

Tapfer schlugen zwar die Spanier Jeden Sturm zurück. Doch täglich Ward berennt die Burg aufs neue, Und ermüdend war das Kampfspiel.

Nach dem Tod des Königs stockte Auch der Lebensmittel Zufuhr; Kürzer wurden die Rationen, Die Gesichter wurden länger.

Und mit langen Angesichtern Sahn sich an Hispaniens Söhne, Und sie seufzten und sie dachten An die traute Christenheimat,

An das teure Vaterland, Wo die frommen Glocken läuten Und am Herde friedlich brodelt Eine Ollea-Potrida,

Dick verschmoret mit Garbanzos, Unter welchen, schalkhaft duftend, Auch wohl kichernd, sich verbergen Die geliebten Knoblauchwürstchen.

Einen Kriegsrat hielt der Feldherr, Und der Rückzug ward beschlossen; In der nächsten Tagesfrühe Soll das Heer die Stadt verlassen.

Leicht gelangs hineinzukommen Einst durch List dem klugen Cortez, Doch die Rückkehr nach dem Festland Bot fatale Schwierigkeiten.

Mexiko, die Inselstadt, Liegt in einem großen See, Inder Mitte, flutumrauscht: Eine stolze Wasserfestung,

Mit dem Uferland verkehrend Nur durch Schiffe, Flöße, Brücken, Die auf Riesenpfählen ruhen; Kleine Inseln bilden Furten.

Noch bevor die Sonne aufging, Setzten sich in Marsch die Spanier; Keine Trommel ward gerühret, Kein Trompeter blies Reveille.

Wollten ihre Wirte nicht Aus dem süßen Schlafe wecken - (Hunderttausend Indianer Lagerten in Mexiko).

Doch der Spanier machte diesmal Ohne seinen Wirt die Rechnung; Noch frühzeitger aufgestanden Waren heut die Mexikaner.

Auf den Brücken, auf den Flößen, Auf den Furten harrten sie, Um den Abschiedstrunk alldorten Ihren Gästen zu kredenzen.

Auf den Brücken, Flößen, Furten, Hei! da gabs ein toll Gelage! Rot in Strömen floß das Blut, Und die kecken Zecher rangen -

Rangen Leib an Leib gepreßt, Und wir sehn auf mancher nackten Indianerbrust den Abdruck Spanscher Rüstungsarabesken.

Ein Erdrosseln wars, ein Würgen, Ein Gemetzel, das sich langsam, Schaurig langsam, weiter wälzte, Über Brücken, Flöße, Furten.

Die Indianer sangen, brüllten, Doch die Spanier fochten schweigend; Mußten Schritt für Schritt erobern Einen Boden für die Flucht.

In gedrängten Engpaßkämpfen Boten gringen Vorteil heute Alteuropas strenge Kriegskunst, Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.

Viele Spanier waren gleichfalls Schwer bepackt mit jenem Golde, Das sie jüngst erpreßt, erbeutet - Ach, die gelbe Sündenlast

Lähmte, hemmte sie im Kampfe, Und das teuflische Metall Ward nicht bloß der armen Seele, Sondern auch dem Leib verderblich.

Mittlerweile ward der See Ganz bedeckt von Kähnen, Barken; Schützen saßen drin und schossen Nach den Brücken, Flößen, Furten.

Trafen freilich im Getümmel Viele ihrer eignen Brüder, Doch sie trafen auch gar manchen Hochvortrefflichen Hidalgo.

Auf der dritten Brücke fiel Junker Gaston, der an jenem Tag die Fahne trug, worauf Konterfeit die heilge Jungfrau.

Dieses Bildnis selber trafen Die Geschosse der Indianer; Sechs Geschosse blieben stecken Just im Herzen - blanke Pfeile,

Ähnlich jenen güldnen Schwertern, Die der Mater dolorosa Schmerzenreiche Brust durchbohren Bei Karfreitagsprozessionen.

Sterbend übergab Don Gaston Seine Fahne dem Gonzalvo, Der zu Tod getroffen gleichfalls Bald dahinsank. - Jetzt ergriff

Cortez selbst das teure Banner, Er, der Feldherr, und er trug es Hoch zu Roß bis gegen Abend, Wo die Schlacht ein Ende nahm.

Hundertsechzig Spanier fanden Ihren Tod an jenem Tage; Über achtzig fielen lebend In die Hände der Indianer.

Schwer verwundet wurden viele, Die erst später unterlagen. Schier ein Dutzend Pferde wurde Teils getötet, teils erbeutet.

Gegen Abend erst erreichten Cortez und sein Heer das sichre Uferland, ein Seegestade, Karg bepflanzt mit Trauerweiden.

II

Nach des Kampfes Schreckenstag Kommt die Spuknacht des Triumphes; Hunderttausend Freudenlampen Lodern auf in Mexiko.

Hunderttausend Freudenlampen, Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer Werfen grell ihr Tageslicht Auf Paläste, Götterhallen,

Gildenhäuser und zumal Auf den Tempel Vitzliputzlis, Götzenburg von rotem Backstein, Seltsam mahnend an ägyptisch,

Babylonisch und assyrisch Kolossalen Bauwerk-Monstren, Die wir schauen auf den Bildern Unsers Britten Henri Martin.

Ja, das sind dieselben breiten Rampentreppen, also breit, Daß dort auf und nieder wallen Viele tausend Mexikaner,

Während auf den Stufen lagern Rottenweis die wilden Krieger, Welche lustig bankettieren, Hochberauscht von Sieg und Palmwein.

Diese Rampentreppen leiten, Wie ein Zickzack, nach der Plattform, Einem balustradenartgen Ungeheuern Tempeldach.

Dort auf seinem Thronaltar Sitzt der große Vitzliputzli, Mexikos blutdürstger Kriegsgott. Ist ein böses Ungestüm,

Doch sein Äußres ist so putzig, So verschnörkelt und so kindisch, Daß er trotz des innern Grausens Dennoch unsre Lachlust kitzelt -

Und bei seinem Anblick denken Wir zu gleicher Zeit etwa An den blassen Tod von Basel Und an Brüssels Mannke-Piß.

An des Gottes Seite stehen Rechts die Laien, links die Pfaffen; Im Ornat von bunten Federn Spreizt sich heut die Klerisei.

Auf des Altars Marmorstufen Hockt ein hundertjährig Männlein, Ohne Haar an Kinn und Schädel; Trägt ein scharlach Kamisölchen.

Dieses ist der Opferpriester, Und er wetzet seine Messer, Wetzt sie lächelnd, und er schielet Manchmal nach dem Gott hinauf.

Vitzliputzli scheint den Blick Seines Dieners zu verstehen, Zwinkert mit den Augenwimpern Und bewegt sogar die Lippen.

Auf des Altars Stufen kauern Auch die Tempelmusici, Paukenschläger, Kuhhornbläser - Ein Gerassel und Getute -

Ein Gerassel und Getute, Und es stimmet ein des Chores Mexikanisches Tedeum - Ein Miaulen wie von Katzen -

Ein Miaulen wie von Katzen, Doch von jener großen Sorte, Welche Tigerkatzen heißen Und statt Mäuse Menschen fressen!

Wenn der Nachtwind diese Töne Hinwirft nach dem Seegestade, Wird den Spaniern, die dort lagern, Katzenjämmerlich zu Mute.

Traurig unter Trauerweiden, Stehen diese dort noch immer Und sie starren nach der Stadt, Die im dunkeln Seegewässer

Widerspiegelt, schier verhöhnend, Alle Flammen ihrer Freude - Stehen dort wie im Parterre Eines großen Schauspielhauses,

Und des Vitzliputzli-Tempels Helle Plattform ist die Bühne, Wo zur Siegesfeier jetzt Ein Mysterium tragiert wird.

»Menschenopfer« heißt das Stück. Uralt ist der Stoff, die Fabel; In der christlichen Behandlung Ist das Schauspiel nicht so gräßlich.

Denn dem Blute wurde Rotwein, Und dem Leichnam, welcher vorkam, Wurde eine harmlos dünne Mehlbreispeis transsubstituieret -

Diesmal aber, bei den Wilden, War der Spaß sehr roh und ernsthaft Aufgefaßt: man speiste Fleisch, Und das Blut war Menschenblut.

Diesmal war es gar das Vollblut Von Altchristen, das sich nie, Nie vermischt hat mit dem Blute Der Moresken und der Juden.

Freu dich, Vitzliputzli, freu dich, Heute gibt es Spanierblut, Und am warmen Dufte wirst du Gierig laben deine Nase.

Heute werden dir geschlachtet Achtzig Spanier, stolze Braten Für die Tafel deiner Priester, Die sich an dem Fleisch erquicken.

Denn der Priester ist ein Mensch, Und der Mensch, der arme Fresser, Kann nicht bloß vom Riechen leben Und vom Dufte, wie die Götter.

Horch! die Todespauke dröhnt schon, Und es kreischt das böse Kuhhorn! Sie verkünden, daß heraufsteigt Jetzt der Zug der Sterbemänner.

Achtzig Spanier, schmählich nackend, Ihre Hände auf dem Rücken Festgebunden, schleppt und schleift man Hoch hinauf die Tempeltreppe.

Vor dem Vitzliputzli-Bilde Zwingt man sie das Knie zu beugen Und zu tanzen Possentänze, Und man zwingt sie durch Torturen,

Die so grausam und entsetzlich, Daß der Angstschrei der Gequälten Überheulet das gesamte Kannibalen-Charivari. -

Armes Publikum am See! Cortez und die Kriegsgefährten Sie vernahmen und erkannten Ihrer Freunde Angstrufstimmen -

Auf der Bühne, grellbeleuchtet, Sahen sie auch ganz genau Die Gestalten und die Mienen - Sahn das Messer, sahn das Blut -

Und sie nahmen ab die Helme Von den Häuptern, knieten nieder, Stimmten an den Psalm der Toten, Und sie sangen: De profundis!

Unter jenen, welche starben, War auch Raimond de Mendoza, Sohn der schönen Abbatissin, Cortez' erste Jugendliebe.

Als er auf der Brust des Jünglings Jenes Medaillon gewahrte, Das der Mutter Bildnis einschloß, Weinte Cortez helle Tränen -

Doch er wischt' sie ab vom Auge Mit dem harten Büffelhandschuh, Seufzte tief und sang im Chore Mit den Andern: miserere!

III

Blasser schimmern schon die Sterne, Und die Morgennebel steigen Aus der Seeflut, wie Gespenster, Mit hinschleppend weißen Laken.

Fest und Lichter sind erloschen Auf dem Dach des Götzentempels, Wo am blutgetränkten Estrich Schnarchend liegen Pfaff und Laie.

Nur die rote Jacke wacht. Bei dem Schein der letzten Lampe, Süßlich grinsend, grimmig schäkernd, Spricht der Priester zu dem Gotte:

»Vitzliputzli, Putzlivitzli, Liebstes Göttchen Vitzliputzli! Hast dich heute amüsieret, Hast gerochen Wohlgerüche!

»Heute gab es Spanierblut - O, das dampfte so apptitlich, Und dein feines Leckernäschen Sog den Duft ein, wollustglänzend.

»Morgen opfern wir die Pferde, Wiehernd edle Ungetüme, Die des Windes Geister zeugten, Buhlschaft treibend mit der Seekuh.

»Willst du artig sein, so schlacht ich Dir auch meine beiden Enkel, Hübsche Bübchen, süßes Blut, Meines Alters einzge Freude.

»Aber artig mußt du sein, Mußt uns neue Siege schenken - Laß uns siegen, liebes Göttchen, Putzlivitzli, Vitzliputzli!

»O verderbe unsre Feinde, Diese Fremden, die aus fernen Und noch unentdeckten Ländern Zu uns kamen übers Weltmeer -

»Warum ließen sie die Heimat? Trieb sie Hunger oder Blutschuld? Bleib im Land und nähr dich redlich, Ist ein sinnig altes Sprüchwort.

»Was ist ihr Begehr? Sie stecken Unser Gold in ihre Taschen, Und sie wollen, daß wir droben Einst im Himmel glücklich werden!

»Anfangs glaubten wir, sie wären Wesen von der höchsten Gattung, Sonnensöhne, die unsterblich Und bewehrt mit Blitz und Donner.

»Aber Menschen sind sie, tötbar Wie wir Andre, und mein Messer Hat erprobet heute Nacht Ihre Menschensterblichkeit.

»Menschen sind sie und nicht schöner Als wir Andre, manche drunter Sind so häßlich wie die Affen; Wie bei diesen sind behaart

»Die Gesichter, und es heißt, Manche trügen in den Hosen Auch verborgne Affenschwänze - Wer kein Aff, braucht keine Hosen.

»Auch moralisch häßlich sind sie, Wissen nichts von Pietät, Und es heißt, daß sie sogar Ihre eignen Götter fräßen!

»O vertilge diese ruchlos Böse Brut, die Götterfresser - Vitzliputzli, Putzlivitzli, Laß uns siegen, Vitzliputzli!« -

Also sprach zum Gott der Priester, Und des Gottes Antwort tönt Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind, Welcher koset mit dem Seeschilf:

Rotjack, Rotjack, blutger Schlächter, Hast geschlachtet viele Tausend, Bohre jetzt das Opfermesser In den eignen alten Leib.

Aus dem aufgeschlitzten Leib Schlüpft alsdann hervor die Seele; Über Kiesel, über Wurzel Trippelt sie zum Laubfroschteiche.

Dorten hocket meine Muhme Rattenkönigin - sie wird sagen: »Guten Morgen, nackte Seele, Wie ergeht es meinem Neffen?

»Vitzliputzlelt er vergnügt In dem honigsüßen Goldlicht? Wedelt ihm das Glück die Fliegen Und die Sorgen von der Stirne?

»Oder kratzt ihn Katzlagara, Die verhaßte Unheilsgöttin Mit den schwarzen Eisenpfoten, Die in Otterngift getränket?«

Nackte Seele, gib zur Antwort: Vitzliputzli läßt dich grüßen, Und er wünscht dir Pestilenz In den Bauch, Vermaledeite!

Denn du rietest ihm zum Kriege, Und dein Rat, es war ein Abgrund - In Erfüllung geht die böse, Uralt böse Prophezeiung

Von des Reiches Untergang Durch die furchtbar bärtgen Männer, Die auf hölzernem Gevögel Hergeflogen aus dem Osten.

Auch ein altes Sprüchwort gibt es: Weiberwille, Gotteswille - Doppelt ist der Gotteswille, Wenn das Weib die Mutter Gottes.

Diese ist es, die mir zürnet, Sie, die stolze Himmelsfürstin, Eine Jungfrau sonder Makel, Zauberkundig, wundertätig.

Sie beschützt das Spaniervolk, Und wir müssen untergehen, Ich, der ärmste aller Götter, Und mein armes Mexiko.

Nach vollbrachtem Auftrag, Rotjack, Krieche deine nackte Seele In ein Sandloch - Schlafe wohl! Daß du nicht mein Unglück schauest!

Dieser Tempel stürzt zusammen, Und ich selber, ich versinke In dem Qualm - nur Rauch und Trümmer - Keiner wird mich wiedersehen.

Doch ich sterbe nicht; wir Götter Werden alt wie Papageien, Und wir mausern nur und wechseln Auch wie diese das Gefieder.

Nach der Heimat meiner Feinde, Die Europa ist geheißen, Will ich flüchten, dort beginn ich Eine neue Karriere.

Ich verteufle mich, der Gott Wird jetzund ein Gottseibeiuns; Als der Feinde böser Feind, Kann ich dorten wirken, schaffen.

Quälen will ich dort die Feinde, Mit Phantomen sie erschrecken - Vorgeschmack der Hölle, Schwefel Sollen sie beständig riechen.

Ihre Weisen, ihre Narren Will ich ködern und verlocken; Ihre Tugend will ich kitzeln, Bis sie lacht wie eine Metze.

Ja, ein Teufel will ich werden, Und als Kameraden grüß ich Satanas und Belial, Astaroth und Belzebub.

Dich zumal begrüß ich, Lilis, Sündenmutter, glatte Schlange! Lehr mich deine Grausamkeiten Und die schöne Kunst der Lüge!

Mein geliebtes Mexiko, Nimmermehr kann ich es retten, Aber rächen will ich furchtbar Mein geliebtes Mexiko.

Zweites Buch Lamentationen

Das Glück ist eine leichte Dirne, Und weilt nicht gern am selben Ort; Sie streicht das Haar dir von der Stirne Und küßt dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegenteile Dich liebefest ans Herz gedrückt; Sie sagt, sie habe keine Eile, Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Waldeinsamkeit

Ich hab in meinen Jugendtagen Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen; Die Blumen glänzten wunderbar, Ein Zauber in dem Kranze war.

Der schöne Kranz gefiel wohl Allen, Doch der ihn trug hat Manchem mißfallen; Ich floh den gelben Menschenneid, Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.

Im Wald, im Wald! da konnt ich führen Ein freies Leben mit Geistern und Tieren; Feen und Hochwild von stolzem Geweih, Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.

Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis, Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis; Daß ich kein Jäger, wußte das Reh, Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.

Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren - Doch wie die übrigen Honoratioren Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr Ich darf es bekennen offenbar.

Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert! Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert! Ein bißchen stechend ist der Blick, Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.

Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel, Erzählten mir Hofgeschichten, zum Beispiel: Die skandalose Chronika Der Königin Titania.

Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen Hervor aus der Flut, mit ihrem langen Silberschleier und flatterndem Haar, Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.

Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen, Das war der famose Nixenreigen; Die Posituren, die Melodei, War klingende, springende Raserei.

Jedoch zu Zeiten waren sie minder Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder; Zu meinen Füßen lagerten sie, Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.

Trällerten, trillerten welsche Romanzen, Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen, Sangen auch wohl ein Lobgedicht Auf mich und mein nobeles Menschengesicht.

Sie unterbrachen manchmal das Gesinge Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge, Zum Beispiel: »Sag uns, zu welchem Behuf Der liebe Gott den Menschen schuf?

»Hat eine unsterbliche Seele ein Jeder Von euch? Ist diese Seele von Leder Oder von steifer Leinwand? Warum Sind eure Leute meistens so dumm?«

Was ich zur Antwort gab, verhehle Ich hier, doch meine unsterbliche Seele, Glaubt mirs, ward nie davon verletzt, Was eine kleine Nixe geschwätzt.

Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen; Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist Die, welche man Wichtelmännchen heißt.

Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig, Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig; Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt, Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.

Sie haben nämlich Entenfüße Und bilden sich ein, daß Niemand es wisse. Das ist eine tiefgeheime Wund, Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.

Ach Himmel! wir Alle, gleich jenen Zwergen, Wir haben ja Alle etwas zu verbergen; Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt, Wo unser Entenfüßchen steckt.

Niemals verkehrt ich mit Salamandern, Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.

Sind spindeldürre, von Kindeslänge, Höschen und Wämschen anliegend enge, Von Scharlachfarbe, goldgestickt; Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.

Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen, Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen; Ein jeder von ihnen bildet sich ein, Ein absoluter König zu sein.

Daß sie im Feuer nicht verbrennen, Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen; Jedoch der unentzündbare Wicht, Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.

Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen, Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen, Ein fingerlanges Greisengeschlecht; Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.

Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln, Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln; Doch da sie mir nur Gutes getan, So geht mich nichts ihr Ursprung an.

Sie lehrten mir kleine Hexereien, Feuer besprechen, Vögel beschreien, Auch pflücken in der Johannisnacht Das Kräutlein, das unsichtbar macht.

Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten, Sattellos auf dem Winde reiten, Auch Runensprüche, womit man ruft Die Toten hervor aus ihrer Gruft.

Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt, Wie man den Vogel Specht betört Und ihm die Springwurz abgewinnt, Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.

Die Worte, die man beim Schätzegraben Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben Mir alles expliziert - umsunst! Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.

Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen, Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen, Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß, Wovon ich die Revenüen genoß.

O, schöne Zeit! wo voller Geigen Der Himmel hing, wo Elfenreigen Und Nixentanz und Koboldscherz Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!

O, schöne Zeit! wo sich zu grünen Triumphespforten zu wölben schienen Die Bäume des Waldes - ich ging einher, Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!

Die schöne Zeit, sie ist verschlendert, Und Alles hat sich seitdem verändert, Und ach! mir ist der Kranz geraubt, Den ich getragen auf meinem Haupt.

Der Kranz ist mir vom Haupt genommen, Ich weiß es nicht, wie es gekommen; Doch seit der schöne Kranz mir fehlt, Ist meine Seele wie entseelt.

Es glotzen mich an unheimlich blöde Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde, Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm. Ich gehe gebückt im Wald herum.

Im Walde sind die Elfen verschwunden, Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden; Im Dickicht ist das Reh versteckt, Das tränend seine Wunden leckt.

Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten. Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück, Doch ohne Kranz und ohne Glück.

Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar, Die erste Schönheit, die mir hold war? Der Eichenbaum, worin sie gehaust, Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.

Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe; Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe, Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein, Scheint tief in Kummer versunken zu sein.

Mitleidig tret ich zu ihr heran - Da fährt sie auf und schaut mich an, Und sie entflieht mit entsetzten Mienen, Als sei ihr ein Gespenst erschienen.

Spanische Atriden

Am Hubertustag des Jahres Dreizehnhundert drei und achtzig Gab der König uns ein Gastmahl Zu Segovia im Schlosse.

Hofgastmähler sind dieselben Überall, es gähnt dieselbe Souveräne Langeweile An der Tafel aller Fürsten.

Prunkgeschirr von Gold und Silber, Leckerbissen aller Zonen, Und derselbe Bleigeschmack, Mahnend an Lokustes Küche.

Auch derselbe seidne Pöbel, Buntgeputzt und vornehm nickend, Wie ein Beet von Tulipanen; Nur die Saucen sind verschieden.

Und das ist ein Wispern, Sumsen, Das wie Mohn den Sinn einschläfert, Bis Trompetenstöße wecken Aus der kauenden Betäubnis.

Neben mir, zum Glücke, saß Don Diego Albuquerque, Dem die Rede unterhaltsam Von den klugen Lippen floß.

Ganz vorzüglich gut erzählte Er die blutgen Hofgeschichten Aus den Tagen des Don Pedro, Den man »König Grausam« nannte.

Als ich frug, warum Don Pedro Seinen Bruder Don Fredrego Insgeheim enthaupten ließ, Sprach mein Tischgenosse seufzend:

Sennor! glaubt nicht was sie klimpern Auf den schlottrigen Gitarren, Bänkelsänger, Maultiertreiber, In Posaden, Kneipen, Schenken.

Glaubet nimmer, was sie faseln Von der Liebe Don Fredregos Und Don Pedros schöner Gattin, Donna Blanka von Bourbon.

Nicht der Eifersucht des Gatten, Nur der Mißgunst eines Neidharts Fiel als Opfer Don Fredrego, Calatravas Ordensmeister.

Das Verbrechen, das Don Pedro Nicht verzieh, das war sein Ruhm, Jener Ruhm, den Donna Fama Mit Entzücken ausposaunte.

Auch verzieh ihm nicht Don Pedro Seiner Seele Hochgefühle Und die Wohlgestalt des Leibes, Die ein Abbild solcher Seele.

Blühend blieb mir im Gedächtnis Diese schlanke Heldenblume; Nie vergeß ich dieses schöne Träumerische Jünglingsantlitz.

Das war eben jene Sorte, Die geliebt wird von den Feen, Und ein märchenhaft Geheimnis Sprach aus allen diesen Zügen.

Blaue Augen, deren Schmelz Blendend wie ein Edelstein, - Aber auch der stieren Härte Eines Edelsteins teilhaftig.

Seine Haare waren schwarz, Bläulichschwarz, von seltnem Glanze, Und in üppig schönen Locken Auf die Schulter niederfallend.

In der schönen Stadt Coimbra, Die er abgewann den Mohren, Sah ich ihn zum letzten Male Lebend - unglückselger Prinz!

Eben kam er vom Alkanzor, Durch die engen Straßen reitend; Manche junge Mohrin lauschte Hinterm Gitter ihres Fensters.

Seines Hauptes Helmbusch wehte Frei galant, jedoch des Mantels Strenges Calatrava-Kreuz Scheuchte jeden Buhlgedanken.