Romanzero

Part 1

Chapter 1 3,723 words Public domain Markdown

Heinrich Heine

ROMANZERO

Gedichte

(Erstdruck 1851)

Erstes Buch Historien

Wenn man an dir Verrat geübt, Sei du um so treuer; Und ist deine Seele zu Tode betrübt, So greife zur Leier.

Die Saiten klingen! Ein Heldenlied, Voll Flammen und Gluten! Da schmilzt der Zorn, und dein Gemüt Wird süß verbluten.

Rhampsenit

Als der König Rhampsenit Eintrat in die goldne Halle Seiner Tochter, lachte diese, Lachten ihre Zofen alle.

Auch die Schwarzen, die Eunuchen, Stimmten lachend ein, es lachten Selbst die Mumien, selbst die Sphinxe, Daß sie schier zu bersten dachten.

Die Prinzessin sprach: Ich glaubte Schon den Schatzdieb zu erfassen, Der hat aber einen toten Arm in meiner Hand gelassen.

Jetzt begreif ich, wie der Schatzdieb Dringt in deine Schatzhauskammern Und die Schätze dir entwendet, Trotz den Schlössern, Riegeln, Klammern.

Einen Zauberschlüssel hat er, Der erschließet allerorten Jede Türe, widerstehen Können nicht die stärksten Pforten.

Ich bin keine starke Pforte Und ich hab nicht widerstanden, Schätzehütend diese Nacht Kam ein Schätzlein mir abhanden.

So sprach lachend die Prinzessin Und sie tänzelt im Gemache, Und die Zofen und Eunuchen Hoben wieder ihre Lache.

An demselben Tag ganz Memphis Lachte, selbst die Krokodile Reckten lachend ihre Häupter Aus dem schlammig gelben Nile,

Als sie Trommelschlag vernahmen Und sie hörten an dem Ufer Folgendes Reskript verlesen Von dem Kanzelei-Ausrufer:

Rhampsenit von Gottes Gnaden König zu und in Ägypten, Wir entbieten Gruß und Freundschaft Unsern Vielgetreun und Liebden.

In der Nacht vom dritten zu dem Vierten Junius des Jahres Dreizehnhundertvierundzwanzig Vor Christi Geburt, da war es,

Daß ein Dieb aus unserm Schatzhaus Eine Menge von Juwelen Uns entwendet; es gelang ihm Uns auch später zu bestehlen.

Zur Ermittelung des Täters Ließen schlafen wir die Tochter Bei den Schätzen - doch auch jene Zu bestehlen schlau vermocht er.

Um zu steuern solchem Diebstahl Und zu gleicher Zeit dem Diebe Unsre Sympathie zu zeigen, Unsre Ehrfurcht, unsre Liebe,

Wollen wir ihm zur Gemahlin Unsre einzge Tochter geben Und ihn auch als Thronnachfolger In den Fürstenstand erheben.

Sintemal uns die Adresse Unsres Eidams noch zur Stunde Unbekannt, soll dies Reskript ihm Bringen Unsrer Gnade Kunde.

So geschehn den dritten Jenner Dreizehnhundert zwanzig sechs Vor Christi Geburt. - Signieret Von Uns: Rhampsenitus Rex.

Rhampsenit hat Wort gehalten, Nahm den Dieb zum Schwiegersohne, Und nach seinem Tode erbte Auch der Dieb Ägyptens Krone.

Er regierte wie die Andern, Schützte Handel und Talente; Wenig, heißt es, ward gestohlen Unter seinem Regimente.

Der weiße Elefant

Der König von Siam, Mahawasant, Beherrscht das halbe Indienland, Zwölf Könge, der große Mogul sogar, Sind seinem Szepter tributar.

Alljährlich mit Trommeln,"Posauneo und Falnen Ziehen nach Siam die Zinskarawanen; Viel tausend Kamele, hochberuckte, Schleppen die kostbarsten Landesprodukte.

Sieht er die schwerbepackten Kamele, So schmunzelt heimlich des Königs Seele; Öffentlich freilich pflegt er zu jammern, Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern.

Doch diese Schatzkammern sind so weit, So groß und voller Herrlichkeit; Hier überflügelt der Wirklichkeit Pracht Die Märchen von Tausend und Eine Nacht.

»Die Burg des Indra« heißt die Halle, Wo aufgestellt die Götter alle, Bildsäulen von Gold, fein ziselieret, Mit Edelsteinen inkrustieret.

Sind an der Zahl wohl dreißig Tausend, Figuren abenteuerlich grausend, Mischlinge von Menschen- und Tiergeschöpfen, Mit vielen Händen und vielen Köpfen.

Im »Purpursaale« sieht man verwundert Korallenbäume dreizehnhundert, Wie Palmen groß, seltsamer Gestalt, Geschnörkelt die Äste, ein roter Wald.

Das Estrich ist vom reinsten Kristalle Und widerspiegelt die Bäume alle. Fasanen vom buntesten Glanzgefieder Gehn gravitätisch dort auf und nieder.

Der Lieblingsaffe des Mahawasant Trägt an dem Hals ein seidenes Band, Dran hängt der Schlüssel, welcher erschleußt Die Halle, die man den Schlafsaal heißt.

Die Edelsteine vom höchsten Wert Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd Hochaufgeschüttet; man findet dabei Diamanten so groß wie ein Hühnerei.

Auf grauen, mit Perlen gefüllten Säcken Pflegt hier der König sich hinzustrecken; Der Affe legt sich zum Monarchen, Und beide schlafen ein und schnarchen.

Das Kostbarste aber von allen Schätzen Des Königs, sein Glück, sein Seelenergötzen, Die Lust und der Stolz von Mahawasant, Das ist sein weißer Elefant.

Als Wohnung für diesen erhabenen Gast Ließ bauen der König den schönsten Palast; Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen, Von lotosknäufigen Säulen getragen.

Am Tore stehen dreihundert Trabanten Als Ehrenwache des Elefanten, Und knieend, mit gekrümmtem Rucken, Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken.

Man bringt auf einer güldnen Schüssel Die leckersten Bissen für seinen Rüssel; Er schlürft aus silbernen Eimern den Wein, Gewürzt mit den süßesten Spezerein.

Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen, Man schmückt sein Haupt mit Blumenkränzen; Als Fußdecke dienen dem edlen Tier Die kostbarsten Schals aus Kaschimir.

Das glücklichste Leben ist ihm beschieden, Doch Niemand auf Erden ist zufrieden. Das edle Tier, man weiß nicht wie, Versinkt in tiefe Melancholie.

Der weiße Melancholikus Steht traurig mitten im Überfluß. Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern, Jedoch die klügsten Versuche scheitern.

Vergebens kommen mit Springen und Singen Die Bajaderen; vergebens erklingen Die Zinken und Pauken der Musikanten, Doch nichts erlustigt den Elefanten.

Da täglich sich der Zustand verschlimmert, Wird Mahawasantes Herz bekümmert; Er läßt vor seines Thrones Stufen Den klügsten Astrologen rufen.

»Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen«, Herrscht er ihn an, »kannst du mir nicht sagen, Was meinem Elefanten fehle, Warum so verdüstert seine Seele?«

Doch jener wirft sich dreimal zur Erde, Und endlich spricht er mit ernster Gebärde: »O König, ich will dir die Wahrheit verkünden, Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.

»Es lebt im Norden ein schönes Weib Von hohem Wuchs und weißem Leib, Dein Elefant ist herrlich, unleugbar, Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.

»Mit ihr verglichen, erscheint er nur Ein weißes Mäuschen. Es mahnt die Statur An Bimha, die Riesin, im Ramajana, Und an der Epheser große Diana.

»Wie sich die Gliedermassen wölben Zum schönsten Bau! Es tragen dieselben Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster Von blendend weißem Alabaster.

»Das ist Gott Amors kolossale Domkirche, der Liebe Kathedrale; Als Lampe brennt im Tabernakel Ein Herz, das ohne Falsch und Makel.

»Die Dichter jagen vergebens nach Bildern, Um ihre weiße Haut zu schildern; Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel, - O diese Weiße ist implacable!

»Des Himalaya Gipfelschnee Erscheint aschgrau in ihrer Näh; Die Lilje, die ihre Hand erfaßt, Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast.

»Gräfin Bianka ist der Name Von dieser großen weißen Dame; Sie wohnt zu Paris im Frankenland, Und diese liebt der Elefant.

»Durch wunderbare Wahlverwandtschaft, Im Traume machte er ihre Bekanntschaft, Und träumend in sein Herze stahl Sich dieses hohe Ideal.

»Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund, Und er, der vormals so froh und gesund, Er ist ein vierfüßiger Werther geworden, Und träumt von einer Lotte im Norden.

»Geheimnisvolle Sympathie! Er sah sie nie und denkt an sie. Er trampelt oft im Mondschein umher Und seufzet: wenn ich ein Vöglein wär!

»In Siam ist nur der Leib, die Gedanken Sind bei Bianka im Lande der Franken; Doch diese Trennung von Leib und Seele Schwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.

»Die leckersten Braten widern ihn an, Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian, Er hüstelt schon, er magert ab, Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab.

»Willst du ihn retten, erhalten sein Leben, Der Säugetierwelt ihn wiedergeben, O König, so schicke den hohen Kranken Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.

»Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit Der Anblick der schönen Frau erfreut, Die seiner Träume Urbild gewesen, Dann wird er von seinem Trübsinn genesen.

»Wo seiner Schönen Augen strahlen, Da schwinden seiner Seele Qualen; Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten, Die hier sich eingenistet hatten;

»Und ihre Stimme, wie'n Zauberlied, Löst sie den Zwiespalt in seinem Gemüt; Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren, Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren.

»Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so süß Am Seinestrand, in der Stadt Paris! Wie wird sich dorten zivilisieren Dein Elefant und amüsieren!

»Vor allem aber, o König, lasse Ihm reichlich füllen die Reisekasse, Und gib ihm einen Kreditbrief mit Auf Rothschild frères in der rue Lafitte.

»Ja, einen Kreditbrief von einer Million Dukaten etwa; - der Herr Baron Von Rothschild sagt von ihm alsdann: Der Elefant ist ein braver Mann!«

So sprach der Astrolog, und wieder Warf er sich dreimal zur Erde nieder. Der König entließ ihn mit reichen Geschenken, Und streckte sich aus, um nachzudenken.

Er dachte hin, er dachte her; Das Denken wird den Königen schwer. Sein Affe sich zu ihm niedersetzt, Und beide schlafen ein zuletzt.

Was er beschlossen, das kann ich erzählen Erst später; die indischen Mall'posten fehlen. Die letzte, welche uns zugekommen, Die hat den Weg über Suez genommen.

Schelm von Bergen

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein wird Mummenschanz gehalten; Da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik, Da tanzen die bunten Gestalten.

Da tanzt die schöne Herzogin, Sie lacht laut auf beständig; Ihr Tänzer ist ein schlanker Fant, Gar höfisch und behendig.

Er trägt eine Maske von schwarzem Samt, Daraus gar freudig blicket Ein Auge, wie ein blanker Dolch, Halb aus der Scheide gezücket.

Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar, Wenn jene vorüberwalzen. Der Drickes und die Marizzebill Grüßen mit Schnarren und Schnalzen.

Und die Trompeten schmettern drein, Der närrische Brummbaß brummet, Bis endlich der Tanz ein Ende nimmt Und die Musik verstummet.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Ich muß nach Hause gehen -« Die Herzogin lacht: Ich laß dich nicht fort, Bevor ich dein Antlitz gesehen.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Mein Anblick bringt Schrecken und Grauen -« Die Herzogin lacht: Ich fürchte mich nicht, Ich will dein Antlitz schauen.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Der Nacht und dem Tode gehör ich -« Die Herzogin lacht: Ich lasse dich nicht, Dein Antlitz zu schauen begehr ich.

Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm Wort, Das Weib nicht zähmen kunnt er; Sie riß zuletzt ihm mit Gewalt Die Maske vom Antlitz herunter.

Das ist der Scharfrichter von Bergen! so schreit Entsetzt die Menge im Saale Und weichet scheusam - die Herzogin Stürzt fort zu ihrem Gemahle.

Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach Der Gattin auf der Stelle. Er zog sein blankes Schwert und sprach: Knie vor mir nieder, Geselle!

Mit diesem Schwertschlag mach ich dich Jetzt ehrlich und ritterzünftig, Und weil du ein Schelm, so nenne dich Herr Schelm von Bergen künftig.

So ward der Henker ein Edelmann Und Ahnherr der Schelme von Bergen. Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein. Jetzt schläft es in steinernen Särgen.

Valkyren

Unten Schlacht. Doch oben schossen Durch die Luft auf Wolkenrossen Drei Valkyren, und es klang Schilderklirrend ihr Gesang:

Fürsten hadern, Völker streiten, Jeder will die Macht erbeuten; Herrschaft ist das höchste Gut, Höchste Tugend ist der Mut.

Heisa! vor dem Tod beschützen Keine stolzen Eisenmützen, Und das Heldenblut zerrinnt Und der schlechtre Mann gewinnt.

Lorbeerkränze, Siegesbogen! Morgen kommt er eingezogen, Der den Bessern überwand Und gewonnen Leut und Land.

Bürgermeister und Senator Holen ein den Triumphator, Tragen ihm die Schlüssel vor, Und der Zug geht durch das Tor.

Hei! da böllerts von den Wällen, Zinken und Trompeten gellen, Glockenklang erfüllt die Luft, Und der Pöbel Vivat! ruft.

Lächelnd stehen auf Balkonen Schöne Fraun, und Blumenkronen Werfen sie dem Sieger zu. Dieser grüßt mit stolzer Ruh.

Schlachtfeld bei Hastings

Der Abt von Waltham seufzte tief, Als er die Kunde vernommen, Daß König Harold elendiglich Bei Hastings umgekommen.

Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt, Die schickt' er aus als Boten, Sie sollten suchen die Leiche Harolds Bei Hastings unter den Toten.

Die Mönche gingen traurig fort Und kehrten traurig zurücke: »Hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram, Wir sind verlassen vom Glücke.

»Gefallen ist der beßre Mann, Es siegte der Bankert, der schlechte, Gewappnete Diebe verteilen das Land Und machen den Freiling zum Knechte.

»Der lausigste Lump aus der Normandie Wird Lord auf der Insel der Britten; Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kam Mit goldnen Sporen geritten.

»Weh dem, der jetzt ein Sachse ist! Ihr Sachsenheilige droben Im Himmelreich, nehmt euch in Acht, Ihr seid der Schmach nicht enthoben.

»Jetzt wissen wir, was bedeutet hat Der große Komet, der heuer Blutrot am nächtlichen Himmel ritt Auf einem Besen von Feuer.

»Bei Hastings in Erfüllung ging Des Unsterns böses Zeichen, Wir waren auf dem Schlachtfeld dort Und suchten unter den Leichen.

»Wir suchten hin, wir suchten her, Bis alle Hoffnung verschwunden Den Leichnam des toten Königs Harold, Wir haben ihn nicht gefunden.«

Asgod und Ailrik sprachen also; Der Abt rang jammernd die Hände, Versank in tiefe Nachdenklichkeit Und sprach mit Seufzen am Ende:

»Zu Grendelfield am Bardenstein, Just in des Waldes Mitte, Da wohnet Edith Schwanenhals In einer dürftgen Hütte.

»Man hieß sie Edith Schwanenhals, Weil wie der Hals der Schwäne Ihr Nacken war; der König Harold, Er liebte die junge Schöne.

»Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt, Und endlich verlassen, vergessen. Die Zeit verfließt; wohl sechzehn Jahr Verflossen unterdessen.

»Begebt euch, Brüder, zu diesem Weib Und laßt sie mit euch gehen Zurück nach Hastings, der Blick des Weibs Wird dort den König erspähen.

»Nach Waltham-Abtei hierher alsdann Sollt ihr die Leiche bringen, Damit wir christlich bestatten den Leib Und für die Seele singen.«

Um Mitternacht gelangten schon Die Boten zur Hütte im Walde: »Erwache, Edith Schwanenhals, Und folge uns alsbalde.

»Der Herzog der Normannen hat Den Sieg davongetragen, Und auf dem Feld bei Hastings liegt Der König Harold erschlagen.

»Kommt mit nach Hastings, wir suchen dort Den Leichnam unter den Toten, Und bringen ihn nach Waltham-Abtei, Wie uns der Abt geboten.«

Kein Wort sprach Edith Schwanenhals, Sie schürzte sich geschwinde Und folgte den Mönchen; ihr greisendes Haar Das flatterte wild im Winde.

Es folgte barfuß das arme Weib Durch Sümpfe und Baumgestrüppe. Bei Tagesanbruch gewahrten sie schon Zu Hastings die kreidige Klippe.

Der Nebel, der das Schlachtfeld bedeckt Als wie ein weißes Lailich, Zerfloß allmählig; es flatterten auf Die Dohlen und krächzten abscheulich.

Viel tausend Leichen lagen dort Erbärmlich auf blutiger Erde, Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt, Daneben die Äser der Pferde.

Es wadete Edith Schwanenhals Im Blute mit nackten Füßen; Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug Die forschenden Blicke schießen.

Sie suchte hin, sie suchte her, Oft mußte sie mühsam verscheuchen Die fraßbegierige Rabenschar; Die Mönche hinter ihr keuchen.

Sie suchte schon den ganzen Tag, Es ward schon Abend - plötzlich Bricht aus der Brust des armen Weibs Ein geller Schrei, entsetzlich.

Gefunden hat Edith Schwanenhals Des toten Königs Leiche. Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht, Sie küßte das Antlitz, das bleiche.

Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund, Sie hielt ihn fest umschlossen; Sie küßte auf des Königs Brust Die Wunde blutumflossen.

Auf seiner Schulter erblickt sie auch - Und sie bedeckt sie mit Küssen - Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust, Die sie einst hinein gebissen.

Die Mönche konnten mittlerweil Baumstämme zusammenfugen; Das war die Bahre, worauf sie alsdann Den toten König trugen.

Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei, Daß man ihn dort begrübe; Es folgte Edith Schwanenhals Der Leiche ihrer Liebe.

Sie sang die Totenlitanein In kindisch frommer Weise; Das klang so schauerlich in der Nacht - Die Mönche beteten leise. -

Karl I.

Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt Trübsinnig allein der König; Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds Und wiegt und singt eintönig:

Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Es blöken im Stalle die Schafe - Du trägst das Zeichen an der Stirn Und lächelst so furchtbar im Schlafe.

Eiapopeia, das Kätzchen ist tot - Du trägst auf der Stirne das Zeichen - Du wirst ein Mann und schwingst das Beil, Schon zittern im Walde die Eichen.

Der alte Köhlerglaube verschwand, Es glauben die Köhlerkinder - Eiapopeia - nicht mehr an Gott, Und an den König noch minder.

Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh - Wir müssen zu Schanden werden - Eiapopeia - im Himmel der Gott Und ich, der König auf Erden.

Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank, Und täglich wird es kränker - Eiapopeia - du Köhlerkind, Ich weiß es, du bist mein Henker.

Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied - Eiapopeia - die greisen Haarlocken schneidest du ab zuvor - Im Nacken klirrt mir das Eisen.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Du hast das Reich erworben, Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab - Das Kätzchen ist gestorben.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Es blöken im Stalle die Schafe. Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh - Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!

Maria Antoinette

Wie heiter im Tuilerienschloß Blinken die Spiegelfenster, Und dennoch dort am hellen Tag Gehn um die alten Gespenster.

Es spukt im Pavillon de Flor' Maria Antoinette; Sie hält dort Morgens ihr Lever Mit strenger Etikette.

Geputzte Hofdamen. Die meisten stehn, Auf Tabourets andre sitzen; Die Kleider von Atlas und Goldbrokat, Behängt mit Juwelen und Spitzen.

Die Taille ist schmal, der Reifrock bauscht, Darunter lauschen die netten Hochhackigen Füßchen so klug hervor - Ach, wenn sie nur Köpfe hätten!

Sie haben alle keinen Kopf, Der Königin selbst manquieret Der Kopf, und Ihro Majestät Ist deshalb nicht frisieret.

Ja, Sie, die mit turmhohem Toupet So stolz sich konnte gebaren, Die Tochter Maria Theresias, Die Enkelin deutscher Cäsaren,

Sie muß jetzt spuken ohne Frisur Und ohne Kopf, im Kreise Von unfrisierten Edelfraun, Die kopflos gleicherweise.

Das sind die Folgen der Revolution Und ihrer fatalen Doktrine; An Allem ist Schuld Jean Jacques Rousseau, Voltaire und die Guillotine.

Doch sonderbar! es dünkt mich schier, Als hätten die armen Geschöpfe Gar nicht bemerkt, wie tot sie sind Und daß sie verloren die Köpfe.

Ein leeres Gespreize, ganz wie sonst, Ein abgeschmacktes Scherwenzen - Possierlich sind und schauderhaft Die kopflosen Reverenzen.

Es knixt die erste Dame d'atour Und bringt ein Hemd von Linnen; Die zweite reicht es der Königin, Und beide knixen von hinnen.

Die dritte Dam und die vierte Dam Knixen und niederknieen Vor Ihrer Majestät, um Ihr Die Strümpfe anzuziehen.

Ein Ehrenfräulein kommt und knixt Und bringt das Morgenjäckchen; Ein andres Fräulein knixt und bringt Der Königin Unterröckchen.

Die Oberhofmeisterin steht dabei, Sie fächert die Brust, die weiße, Und in Ermanglung eines Kopfs Lächelt sie mit dem Steiße.

Wohl durch die verhängten Fenster wirft Die Sonne neugierige Blicke, Doch wie sie gewahrt den alten Spuk, Prallt sie erschrocken zurücke.

Pomare

I

Alle Liebesgötter jauchzen Mir im Herzen, und Fanfare Blasen sie und rufen: Heil! Heil der Königin Pomare!

Jene nicht von Otahaiti - Missionärisiert ist jene - Die ich meine, die ist wild, Eine ungezähmte Schöne.

Zweimal in der Woche zeigt sie Öffentlich sich ihrem Volke In dem Garten Mabill, tanzt Dort den Cancan, auch die Polke.

Majestät in jedem Schritte, Jede Beugung Huld und Gnade, Eine Fürstin jeder Zoll Von der Hüfte bis zur Wade -

Also tanzt sie - und es blasen Liebesgötter die Fanfare Mir im Herzen, rufen: Heil! Heil der Königin Pomare!

II

Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt! Wie jedes Glied sich zierlich biegt! Das ist ein Flattern und ein Schwingen, Um wahrlich aus der Haut zu springen.

Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd dreht Auf einem Fuß, und stille steht Am End mit ausgestreckten Armen, Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen!

Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das, Den einst die Tochter Herodias' Getanzt vor dem Judenkönig Herodes. Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes.

Sie tanzt mich rasend - ich werde toll - Sprich, Weib, was ich dir schenken soll? Du lächelst? Heda! Trabanten! Läufer! Man schlage ab das Haupt dem Täufer!

III

Gestern noch fürs liebe Brot Wälzte sie sich tief im Kot, Aber heute schon mit Vieren Fährt das stolze Weib spazieren.

In die seidnen Kissen drückt Sie das Lockenhaupt, und blickt Vornehm auf den großen Haufen Derer, die zu Fuße laufen.

Wenn ich dich so fahren seh, Tut es mir im Herzen weh! Ach, es wird dich dieser Wagen Nach dem Hospitale tragen,

Wo der grausenhafte Tod Endlich endigt deine Not, Und der Carabin mit schmierig Plumper Hand und lernbegierig

Deinen schönen Leib zerfetzt, Anatomisch ihn zersetzt - Deine Rosse trifft nicht minder Einst zu Montfaucon der Schinder.

IV

Besser hat es sich gewendet, Das Geschick, das dich bedroht' - Gott sei Dank, du hast geendet, Gott sei Dank, und du bist tot.

In der Dachstub deiner armen Alten Mutter starbest du, Und sie schloß dir mit Erbarmen Deine schönen Augen zu.

Kaufte dir ein gutes Lailich, Einen Sarg, ein Grab sogar. Die Begräbnisfeier freilich Etwas kahl und ärmlich war.

Keinen Pfaffen hört' man singen, Keine Glocke klagte schwer; Hinter deiner Bahre gingen Nur dein Hund und dein Friseur.

»Ach, ich habe der Pomare«, Seufzte dieser, »oft gekämmt Ihr langen schwarzen Haare, Wenn sie vor mir saß im Hemd.«

Was den Hund betrifft, so rannt er Schon am Kirchhofstor davon, Und ein Unterkommen fand er Späterhin bei Ros' Pompon,

Ros' Pompon, der Provenzalin, Die den Namen Königin Dir mißgönnt und als Rivalin Dich verklatscht mit niederm Sinn.

Arme Königin des Spottes, Mit dem Diadem von Kot, Bist gerettet jetzt durch Gottes Ewge Güte, du bist tot.

Wie die Mutter, so der Vater Hat Barmherzigkeit geübt, Und ich glaube, dieses tat er, Weil auch du so viel geliebt.

Der Apollogott

I

Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut, Der Rhein vorüberrauschet; Wohl durch das Gitterfenster schaut Die junge Nonne und lauschet.

Da fährt ein Schifflein, märchenhaft Vom Abendrot beglänzet; Es ist bewimpelt von buntem Taft, Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

Ein schöner blondgelockter Fant Steht in des Schiffes Mitte; Sein goldgesticktes Purpurgewand Ist von antikem Schnitte.

Zu seinen Füßen liegen da Neun marmorschöne Weiber; Die hochgeschürzte Tunika Umschließt die schlanken Leiber.

Der Goldgelockte lieblich singt Und spielt dazu die Leier; Ins Herz der armen Nonne dringt Das Lied und brennt wie Feuer.

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmal Schlägt sie ein Kreuz, die Nonne; Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual, Nicht bannt es die bittre Wonne.

II

Ich bin der Gott der Musika, Verehrt in allen Landen; Mein Tempel hat in Gräcia, Auf Mont-Parnaß gestanden.

Auf Mont-Parnaß in Gräcia, Da hab ich oft gesessen Am holden Quell Kastalia, Im Schatten der Zypressen.

Vokalisierend saßen da Um mich herum die Töchter, Das sang und klang la-la, la-la! Geplauder und Gelächter.

Mitunter rief tra-ra, tra-ra! Ein Waldhorn aus dem Holze; Dort jagte Artemisia, Mein Schwesterlein, die Stolze.

Ich weiß es nicht, wie mir geschah: Ich brauchte nur zu nippen Vom Wasser der Kastalia, Da tönten meine Lippen.

Ich sang - und wie von selbst beinah Die Leier klang, berauschend; Mir war, als ob ich Daphne sah, Aus Lorbeerbüschen lauschend.

Ich sang - und wie Ambrosia Wohlrüche sich ergossen, Es war von einer Gloria Die ganze Welt umflossen.

Wohl tausend Jahr aus Gräcia Bin ich verbannt, vertrieben Doch ist mein Herz in Gräcia, In Gräcia geblieben.

III

In der Tracht der Beguinen, In dem Mantel mit der Kappe Von der gröbsten schwarzen Sersche, Ist vermummt die junge Nonne.