Romantische Lieder

Part 2

Chapter 21,434 wordsPublic domain

Wenn alle Nachbarn schlafen gangen Und alle Fenster dunkel sind, Bin ich noch wach mit heißen Wangen, Das heimatlose Königskind.

Dann schmück' ich mich mit Purpurträumen, Mit Gürtel, Krone und Geschmeid, Dann rauscht mit goldverbrämten Säumen Um meine Knie' das Königskleid.

Und meine Seele reckt sich mächtig In Lust und Sehnsucht, stark und bleich, Und schafft sich stumm und mitternächtig Ein mondbeglänztes Heimwehreich.

Ein Traum pocht an die Pforte mir.

Tritt ein, mein Gast! Ich bin allein Wie jedesmal, und bin bedürftig Dein.

-- Du?! Du, Elise? -- Grüß Dich, Kind! Wie lang, daß wir zur Plauderzeit Nicht mehr beisammen gewesen sind!

Ich ward gewohnt der Einsamkeit; Laß seh'n, ob ich noch plaudern kann -- Hör' an!

Weißt Du, weißt Du noch, Elise? Verglimmend hing die Sonne noch am Wald, Kein Mensch auf der Wiese! Ein Birnbaum breit und wohlgestalt Verbarg dem Himmel unsre Lust. Nur fern Vom Berge klomm empor ein früher Stern Ein naseweiser Abendwind Verstohlen aus der Hecke kroch Und lachte, lachte wie ein Kind. Weißt Du noch?

Ja, das war eine Flitterzeit, Alle Welt in Rosen! Du warst so lieb, Und kamst zur Nacht- und Tageszeit Über mich mit Kuß und Kosen, Hinterrücks wie ein Dieb -- Du warst so lieb!

Und nun, mein Blondchen, sag! An jenem heißen Sommertag -- Ich suchte Dich mit wildem Sinn Und lauschte lang und rief nach Dir -- Wo warst Du hin?

Nun sitzest Du wie sonst bei mir Und machst das Herz mir weich Und liederreich, Und siehst mich an und schmeichelst mir Wie damals unterm Birnenbaum . . .

War das auch nur -- ein Traum?

Sommerruhe.

Der Wind ruht in den Ästen Und schaukelt sich müde nur, Es klingt wie von fernen Festen Eines Liedes schwindende Spur.

Mein Glück ist schlafen gangen Und lachet nur halb im Traum Mit schönen, schmalen Wangen Und schönen Lippen kaum.

Meine Liebe legt sich nieder In meines Liedes Schoß Und dehnt ihre feinen Glieder Und machet die Augen groß.

Der Verse leichte Zügel Fallen mir aus der Hand, Mein Lied lenkt seine Flügel In ein grünes Schlummerland.

Eine rote Sonne liegt In des Teiches tiefen Fluten, Ein verirrter Falter fliegt Über Schilf und Weidenruten.

Alles, was mein Herz verlor, Jugendmut und Kinderfrieden, Schlummert hier im gelben Rohr Einsam, stumm, weltabgeschieden.

Wie ein breites Abendrot Liegt mein Leben und mein Leiden, Ruhig wie ein dunkles Boot Meine Träume drüber gleiten.

Über meinen wilden Sinn Ist ein Frieden ausgegossen; Was ich war und was ich bin, Ist in einen Traum zerflossen.

Komm mit!

Komm mit! Mußt Dich aber eilen -- Sieben lange Meilen Mach' ich mit jedem Schritt. Hinter Wald und Hügel Steht mein rotes Roß. Komm mit! Ich fasse die Zügel -- Komm mit in mein rotes Schloß. Dort wachsen blaue Bäume Mit goldenen Äpfeln dran, Dort träumen wir silberne Träume, Die kein Mensch sonst träumen kann. Dort schlummern selt'ne Genüsse, Die noch kein Mensch genoß, Unter Lorbeern purpurne Küsse -- -- Komm mit über Wald und Hügel! Halt fest! Ich fasse die Zügel, Und zitternd entführt Dich mein rotes Roß.

Angst.

Verglimmende Fackelbrände Vermooste Stufen und Wände -- Mein Traum ging schauernd durch's Haus, Und streckte die ängstlichen Hände Empor und löschte die Fackeln aus.

In's Haar den welken Kranz Gedrückt und noch im Aug' den Glanz Gefeierter Feste, stand ich schmal Mit herbem Mund und müd vom Tanz Allein und wie ein Geist im Saal.

Der Traum schritt mir vorüber, Er war so blaß wie ich, -- Ich hörte wohl, wie sein trüber Gang durch die Halle schlich. Und ich fürchtete mich.

Da stand der Traum und bog die Hand Nach mir. Die Hand war kalt und schwer. Und da er meine Rechte fand Erklang er schrill, und schrak, und schwand, Und war nicht mehr.

Die Halle scholl. In meinem Haar War noch der Kranz, In meinem Auge war Von gefeierten Festen ein Flackerglanz. Ich fürchtete mich -- es war so nacht! Da ward von Händen muttersacht Des Schlummers Pforte aufgemacht.

Mansarde.

Es war so warm. -- Die Ampel hing An der Decke meiner Mansarde. Du lasest aus einem Buche vor.

Ich war so krank. -- Ein Schmetterling Flog immer wieder zur Ampel empor. Es träumte mein Ohr und mein Auge starrte.

Es träumte mein Ohr den silbernen Laut Italienischer Terzinen. Mein Auge träumte: Es lehnt meine Braut Am Geländer, von Sonne beschienen, Und liest ^vita nuova^ mir vor.

Die Ampel ging aus. Der Schmetterling Stieß surrend an die Gardinen. Mein Auge an Deinem Antlitz hing.

Du warst vom Monde beschienen Und warst so bleich. Deine Rechte sank Vom Simse zitternd. In Deinen Mienen Lag unser Leid. Mir drang an's Ohr Dein Stöhnen. Ich raffte mich halb empor, Und konnte nicht helfen. -- Ich war so krank.

»Ich habe den Fuß an jene Stelle des Lebens gesetzt, über welche keiner hinausgehen kann, der die Absicht hat, wiederzukehren.«

Dante.

Wendet die Blicke, Fragende, wendet Von mir das Haupt! Wo das Leben in lichte Geheimnisse endet, Dahin zu treten, Dort anzubeten Ward mir vom Liebesgotte erlaubt.

Wendet den Blick! Suchend tastet mein Herz Den verlorenen Pfaden nach. Wem aller Sinne Brücke zerbrach, Dem führet in's Leben niederwärts, Kein Weg zurück.

Frau Gertrud.

Frau Gertrud mir am Bette stand, Eine helle Theerose in der Hand, Eine helle Theerose im braunen Haar. Ihre Stimme wie ein Lächeln war Und floß so weh und wankte so -- Sie sang ihr altes ^Long ago^!

»Fern steht Dein graues Schloß am Meer, »Wie kamest Du nach Deutschland her? »Wie lang doch ist's, daß Deinen Sarg »In lauter Theerosen ich verbarg, »Und daß ich Dich vergessen hab'! »Wie kamst Du her aus Deinem Grab?«

Ich reicht' ihr fragend meine Hand Und lächelte, und griff -- die Wand, Dran weiß ein Flecken Mondes stund' . . . -- Fernher kam zart und liebeswund Ein schlanker, kranker Geigenstrich, Der schluchzend in der Nacht verblich.

Und floß so weh und wankte so -- -- ^Long, long ago^!

Frühsommernacht.

Der Himmel gewittert, Im Garten steht Eine Linde und zittert. Es ist schon spät.

Ein Wetterleuchten Beschaut sich bleich Mit großen, feuchten Augen im Teich.

Auf schwanken Stengeln Die Blumen steh'n, Hören Sensendengeln Herüberweh'n.

Der Himmel gewittert, Schwül geht ein Hauch. Mein Mädel zittert -- »Sag, spürst Du's auch?«

Levkoyen und Reseden.

Auf dem Tisch ein kleiner Strauß Von Levkoyen und Reseden Lockt mein Sinnen weit hinaus Aus der Stadt nach fernen Beeten.

Beeten, die voll Veilchen sind, Von Syringen überhangen; Und ein blondes Nachbarkind Kommt den Zaun entlang gegangen.

Nahe ist ein Brunnen laut, Tief in seinen Mauern schäumend, Und ein Flug im Bienenkraut. Sonst ist alles stumm und träumend.

Aller Friede, der mir fehlt, Den ich zwischen Städtemauern Früh verlor im Kampf um's Geld, Schlummert dort und macht mich trauern.

Im Scherz.

Meine Lieder stehen Vor Deiner Thür, Sie klopfen an und bücken sich: Öffnest Du mir?

Meine Lieder haben Einen seidenen Klang, Dem Rauschen Deines Kleides gleich Im Treppengang.

Meine Lieder tragen Ein Düften lind, Ganz wie in Deinem Lieblingsbeet Der Hyazinth.

Meine Lieder kleidet Ein schweres Rot, Das Deinem seid'nen Kleide gleich Knistert und loht.

Meine schönsten Lieder Gleichen ganz Dir. Sie steh'n an der Pforte und bücken sich: Öffnest Du mir?

Maria.

I.

So schön bist Du!

Ein Lieblingstraum, aus goldnen Nächten Vortretend, schlank, in ernster Ruh', Den Zauberschleier in der Rechten -- So schön bist Du!

Mein Blick erstaunt und muß sich senken, Mein Herz schließt alle Thore zu, Dem Wunder heimlich nachzudenken -- So schön bist Du!

II.

So ziehen Sterne --

So ziehen Sterne ihre Bahn, Unwandelbar und unverstanden! Wir winden uns in hundert Banden, Du steigst von Glanz zu Glanz hinan.

Dein Leben ist ein einzig Licht! Ich muß aus meinen Dunkelheiten Sehnsüchtige Arme nach Dir breiten, Du lächelst und verstehst mich nicht.

III.

Du aber.

Der Meister schwieg und that die Geige aus der Hand. Uns schlug das Herz! Du aber mußtest Die Hand ihm geben. Ob Du wußtest, Daß Ihr Glückskinder seid aus Einem Vaterland?

IV.

Ich fragte Dich.

Ich fragte Dich, warum Dein Auge gern In meinem Auge ruht, So wie ein reiner Himmelsstern In einer dunklen Flut.

Du sahest lang mich an, Wie man ein Kind mit Blicken mißt, Und sagtest freundlich dann: Ich bin Dir gut, weil Du so traurig bist.

V.

Wenn doch mein Leben --

Wenn doch mein Leben fürder geht Und manchmal noch aus reichen Ranken Ein reifes Lied mir niederweht, Ich hab's auch Dir zu danken.

Du weißt es nicht, denn ich begrub Dein Bild in meiner Nächte Schweigen. Und was mein Lied zu Tage hub, War schon zuvor Dein eigen.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 8]: ... Und ich darf sein, der ich vor Zeiten vor. ... ... Und ich darf sein, der ich vor Zeiten war. ...

[S. 31]: ... Aus Bogenfestern schauen ... ... Aus Bogenfenstern schauen ...