Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Part 3
»Von welchem Berufe reden Sie, Madame?« fragte Frau Robinson erbleichend; »sollte mein William, der bisher der zärtlichste, gehorsamste und beste Sohn war, wider meinen ausdrücklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem Manne als Kajütenwächter verdungen haben?«
»Ich weiß nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,« versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; »nur so viel kann ich Ihnen sagen, daß ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.«
Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getäuscht hatte?
Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wäre, von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren Zustand nicht bemerkt hätte und ihr zur Hülfe gekommen wäre. Sie eilte auf die Schwankende zu, unterstützte sie mit ihren Armen und führte sie zum Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.
Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, daß sie nicht wußte, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie eingetreten war, zum nächsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der Frau Robinson untersucht hatte, erklärte er, daß die Krankheit nicht viel zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemühungen kam die Leidende bald wieder zu sich und ihr Gefühl machte sich in einem Strome von Thränen Luft.
Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es jetzt, wo sie die arme Mutter einer so großen Betrübniß hingegeben sah, doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hälfte hätte vermindern können; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit schmerzlich bewegter Stimme:
»Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe groß gemacht habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich für die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?«
Weniger betrübte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken, der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemüth und seinen Charakter fiel: und durch ein einziges Wort hätte Frau Hansen sie hierüber beruhigen können. Mußte sie aber nicht die schändliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich mit enthüllen? Dieser Gedanke verschloß ihr die Lippe und sie ließ die Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein großes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefühlvollen Frau.
Viertes Kapitel.
Indeß schwamm die _Hoffnung_, von einem frischen Ostwinde getrieben, majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt geworden war, bei einem solchen zu schlafen.
Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde, rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte, wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.
»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«
»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.
»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr, daß Du Dich an Bord der _Hoffnung_ und schon mitten im Meere befindest?«
Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.
»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?« rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain, ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so kranken Augen blind weinte.«
»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut ergehen.«
Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen that.
Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große Sünde sein.«
Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte sich ungefähr den Zusammenhang der Sache. Eine große Last war ihr vom Herzen genommen, als sie sich sagen mußte, daß ihr William an den ihr bereiteten Schmerzen gewiß unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrückt hatte. Ihre Thränen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hände ihres himmlischen Vaters.
Der Wind blieb indeß günstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe verließ und wehte jetzt so, daß man gar bald die hohe See und schon nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als nützlichen Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben. Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen =La Manche= nennen, wird von den Seeleuten für eine gefährliche gehalten, der vielen Klippen und Felsenriffe wegen, die an beiden Küsten, sowohl an der französischen als an der englischen angetroffen werden. Indeß mußte man es dem Capitain Hansen zum Ruhme nachsagen, daß er, wenn auch kein guter, gefühlvoller Mensch, doch ein tüchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter günstig blieben, hatte man bald den gefährlichen Kanal hinter sich und steuerte in den großen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflächen zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den großen Weltmeeren, deren man in der Geographie fünfe zählt, gibt man aber den Namen _Ocean_.
Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen »_neuen Robinson_« nicht blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein _Planiglobium_ zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben zu folgen. Es ist eine schöne Fähigkeit, stets das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu üben. Ihr werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurück zu unserm Robinson, der seinen, in England häufig vorkommenden Namen nicht vergebens führte, da das Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, ähnliche Begebenheiten zu erleben, wie der, den Vater Campe, zum Ergötzen so vieler Kinder, in seinem vielgelesenen Buche geschildert hat.
Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an, sich mit seinem Schicksale auszusöhnen, da er einsehen gelernt hatte, daß es ein unabänderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar böser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner Umgebung ausließ; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die frühern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft war. Hatte der Capitain einmal seine böse Laune -- und diese trat allemal ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht günstig waren, weßhalb die Matrosen ihn unter sich immer nur die _Wetterfahne_ nannten -- so ging William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen ihn. Er trat dann so leise auf, daß man ihn kaum hören konnte, und sah immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben zu errathen, bevor er noch nöthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur gutes Gedächtniß und die große Geschicklichkeit, welche er sich bei allen Handhabungen durch frühzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr zu statten. Er führte pünktlich die ihm ertheilten Befehle aus, ließ weder Teller, Tassen noch Gläser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es häufig gethan hatten, und hielt die Kajüte des Capitains so rein und ordentlich, daß auch nicht ein Stäubchen darin zu entdecken war. Er dachte, so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager aufsuchen und die ermüdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer Zärtlichkeit für ihn, und manche Thräne floß aus seinen Augen und benetzte sein hartes Kopfkissen von Seegras.
Es konnte nicht fehlen, daß ein Charakter, wie der unsers William, nicht eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemüth des Capitains ausüben mußte. Ohne daß dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte, liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der Mannschaft; Alle aber gönnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er gegen Jeden gut und gefällig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu mißbrauchte, die übrigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen begangene kleinere oder größere Versehen mitzutheilen.
Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach für William faßte, gab sich nicht blos dadurch kund, daß er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern Speißen, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch, daß er in vielen andern Dingen für ihn sorgte. So war unser neuer Robinson durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen können. Man kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung für den an strenge Reinlichkeit gewöhnten William sein mußte, und seine Noth wurde noch größer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke verbergen konnte, an der bald alle Knopflöcher ausgerissen waren, weil er sie täglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so ähnlich, wie _ein_ Ei dem andern; nur Gesicht und Hände konnte er rein halten und das that er.
Endlich bemerkte der Capitain seinen üblen Zustand und sagte:
»Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes anzuziehen?«
»Ach nein!« versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen Thränen über die Wangen.
Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, daß Jemand weinte, wollte schon auffahren, als er sich plötzlich besann und sagte:
»Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,« fügte er freundlicher hinzu, »dem soll abgeholfen werden und zwar gleich. Für's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und Franz, der, wie ich gehört habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen ist, um ein Seemann zu werden, -- woran er nach meinem Bedünken sehr gut that -- Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern Anzug machen, damit Du nicht länger wie eine Vogelscheuche unter uns umher gehst.«
Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so über eine neue Kleidung gefreut, als über diese; er kam sich so verändert darin vor, daß er sich einige Augenblicke mit Wohlgefallen in dem sonst sorgfältig mit den Blicken vermiedenen Spiegel betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er konnte es nicht genug befühlen und betrachten. So lernen wir erst durch die Erfahrung den hohen Werth mancher Güter kennen, die wir, eben weil sie uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie _dürften_ uns nicht fehlen, nicht gehörig zu schätzen wußten und sie ohne Dank gegen Gott und Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafür zu danken, daß sie stets für seine Kleidung und Wäsche eine so große Sorgfalt gehabt hatte; jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafür und Thränen der Rührung traten ihm dabei in die Augen.
Fünftes Kapitel.
Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem _Vorgebirge der guten Hoffnung_, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen, weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen wollten.
Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen, keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt, zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte. Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.
Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien, waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam, sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen, wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen Früchten.
»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt _Jakob_, ein bereits ziemlich alter Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, _Constanzia_ genannt und so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«
»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man bei demselben angelangt war.
»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu erhaschen gibt?« fügte er hinzu.
»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«
»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen, die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die Andern, welche sich schuldig fühlten -- sie hatten ja stehlen wollen -- ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch belauscht hatte, furchtlos an.
»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs -- denn er war es selbst -- »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig. Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir _Fußangeln_ aus Europa herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg. Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr Unglück gehen.«
Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel, den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande, auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an, weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand. Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen Manne machte.
Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.
Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.
Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die ihm mitgegebenen Trauben an sie.
»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden zurücklassen.«