Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Part 2
Wie armselig nahm sich dagegen der Keller der Frau Robinson aus! Auch sah Keiner mehr auf denselben nieder, sondern die Blicke aller Vorübergehenden wendeten sich auf das großartige Etablissement in dem schönen Hause; Alles strömte dahin, während der Keller fast gänzlich verödete.
Dies war ein furchtbarer Schlag für die Vielgeprüfte und hätte sie nicht Gott im Herzen gehabt, nicht ihm vertraut, so würde sie diesem neuen Unglücke vielleicht erlegen sein. Sie aber wandte Herz und Auge zum Himmel empor und sagte: »Herr, in Deine Hände lege ich mein Geschick: Du wirst wissen, wozu mir diese neue Prüfung nütz ist und Dein Kind nicht allzusehr prüfen. Dein heiliger Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden. Amen!«
Trotz dieses frommen, unerschütterlichen Vertrauens zu ihrem himmlischen Vater trat ihr aber doch eine Thräne in das Auge, wenn sie an die Zukunft ihres lieben Williams dachte. Denn die Zeit war nahe, wo er zu einem Meister in die Lehre gethan werden mußte und dazu war vor allen Dingen Geld erforderlich. Woher aber dieses nehmen, da der Erwerb so schmal geworden, daß man an manchen Tagen sich kaum an trockenem Brode satt essen konnte? Wenn man den Keller hätte verlassen und in einem andern Theile der Stadt eine andere Wohnung miethen können, so wäre vielleicht noch alles gut gegangen; allein das konnte man nicht, da man, in der Furcht, vielleicht von dem Hauswirthe in der Miethe aufgetrieben zu werden, den Keller auf Contract, das heißt, auf mehrere Jahre gemiethet hatte. Man mußte also bleiben, wo man war und seinem völligen Ruin entgegensehen.
So standen die Sachen, als der Fruchthändler, welcher das große Haus gemiethet hatte, zur nicht geringen Verwunderung der Frau Robinson an einem Morgen zu ihr eintrat und sie fragte; ob sie geneigt sei, seinem Geschäfte vorzustehen? wofür er ihr eine billige Vergütung geben, auch die Miethe für den Keller auf sich nehmen wolle.
Zu dieser Anfrage wurde er durch den Umstand veranlaßt, daß er entdeckt hatte, wie der von ihm eingesetzte Gehülfe ihn um bedeutende Summen betrogen. Er mußte ihn also aus dem Dienste jagen und sich nach einer redlichen, auch mit dem Geschäfte vertrauten Person umsehen. Man schlug ihm dazu Frau Robinson vor, deren Charakter man ihm sehr rühmte, und da sie überdieß diese Art von Handel kannte, stand er nicht an, auf sie zu reflectiren.
Ein solcher Vorschlag war nicht zu verachten; allein der hinkende Bote kam nach: Herr _Berger_ -- so hieß der große Fruchthändler -- forderte von Frau Robinson, daß sie sich schon jetzt von ihrem Sohne trennen und ihn in die Lehre geben solle, obgleich er noch nicht das gehörige Alter und die erforderlichen Körperkräfte erlangt hatte. »Denn,« sagte er, »so ein Bürschchen kann leicht in Verführung gerathen und könnte es mir eben so mit ihm ergehen, wie mit meinem früheren Gehülfen, der mein Geld verthat und mich in großen Verlust brachte.«
Vergebens betheuerte ihm Frau Robinson, daß er dergleichen von ihrem William nicht zu befürchten habe: er blieb bei seiner Meinung und seinen Ansichten und verließ sie mit den Worten:
»Ueberlegen Sie meinen Vorschlag: ich lasse Ihnen bis Morgen Mittag Zeit. Gehen Sie dann nicht auf denselben ein, so muß ich mich nach einer andern Hülfe umsehen.«
»Mutter,« nahm William das Wort, »liebe Mutter, Du solltest den Vorschlag des Herrn Berger nur annehmen, und Dir keine unnöthige Sorge um mich machen.«
»Was redest Du mein Kind?« versetzte die Mutter, »bist Du doch mein Ein und mein Alles, und lebe ich nur noch für Dich!«
»O, ich weiß, welche große Liebe Du mir schenkst,« versetzte William gerührt; »aber ich dächte, daß ich doch vielleicht schon einen Meister fände, der mich zu sich nähme, obschon ich noch nicht das gehörige Alter habe. Ich würde in diesem Falle ein Jahr länger Lehrbursche sein müssen und das wollte ich gerne, wenn ich Dich nur einer so schweren Sorge überhoben sähe. Erlaubst Du mir,« fügte er schmeichelnd hinzu, »erlaubst Du, liebes Mütterchen, mir, zu dem Meister Brandt zu gehen, und ihn zu fragen, ob er mich schon jetzt zu sich nehmen und mich in seinem Handwerke unterrichten wolle? Ich denke, daß er es thun werde, da er gut und freundlich ist und mir versprochen hat, daß er mein Lehrherr werden wolle.«
Die Mutter machte noch einige Einwendungen gegen diesen Vorschlag, dann aber willigte sie, den dringenden Bitten Williams nachgebend, endlich doch ein und der gute Knabe sprang die Gasse hinunter, um sich zum Tischlermeister Brandt zu begeben, der nicht weit von ihnen wohnte.
Er fand den Meister, einen freundlichen und geschickten Mann, in seiner Werkstatt beschäftigt. Als er unsern William eintreten sah, ließ er die fleißige und kunstfertige Hand, die den Hobel führte, einen Augenblick ruhen, um sie ihm zur Bewillkommung entgegen zu strecken.
»Nun,« sagte er, »da bist Du wieder, um zuzusehen? Es gefällt mir an Dir, daß Du schon jetzt eine so große Neigung für Dein künftiges Geschäft hast und in Deinen Mußestunden meiner Arbeit zusiehst. Aus Dir wird, so hoffe ich zu Gott, einmal ein tüchtiger Mann in unserm Fache werden und ich freue mich schon auf die Zeit, wo Du zu mir ins Haus und in die Lehre treten wirst.«
»Lieber Meister,« antwortete ihm William etwas schüchtern, wie man es allemal zu sein pflegt, wenn man eine Bitte vorzutragen hat, von deren Gewährung viel für uns abhängt. »Lieber Meister Brandt, sollte es nicht möglich sein, daß Ihr mich schon jetzt gleich, wo möglich schon Morgen, zu Euch in die Lehre nähmet?«
»Wenn das von mir abhinge,« versetzte der wackere Mann freundlich, »so nähme ich Dich lieber heute als morgen um so mehr, da ich so eben einen Lehrburschen habe fortschicken müssen, der träge, unlustig zur Arbeit, verlogen und mit so vielen andern Fehlern behaftet war, daß ich ihn nicht bei mir behalten konnte, schon meiner Kinder wegen, die er mir vielleicht mit verdorben haben würde. Ich muß mich daher nach einem andern Lehrburschen umsehen und«.....
»Der werde _ich_ sein? nicht wahr?« unterbrach ihn William mit freudig bewegter Stimme.
»Der würdest Du unfehlbar sein,« versetzte der Meister, »wenn Du zwei Jahre älter und schon confirmirt wärest.«
»O, confirmirt könnte ich ja später werden,« sagte William, »und was mein Alter anbetrifft, so könnte es Euch, lieber Meister, wohl gleichgültig sein, wenn ich nur die erforderlichen Kräfte und Fähigkeiten besäße; ich gelobe Euch aber, daß ich durch Fleiß und Aufmerksamkeit ersetzen will, was mir noch an Jahren abgeht.«
»Weßhalb wünschest Du denn aber, sofort bei mir einzutreten?« forschte der Meister; »Du hast Dich doch nicht etwa gar mit Deiner braven Mutter erzürnt und wünschest deßhalb, sie auf der Stelle zu verlassen?«
»Gott bewahre!« rief William, dem bei dieser Aeußerung des Meisters das Blut in die Wangen stieg, und nun erzählte er dem guten Manne mit seiner gewohnten Offenheit, wie die Sachen standen und was es eigentlich war, das ihn zu dem Wunsche bewog, die geliebte Mutter schon jetzt zu verlassen.
Brandt hörte ihm mit theilnehmender Aufmerksamkeit zu, dann, als er geendet hatte, reichte er ihm die Hand und sagte mit gerührter Stimme:
»Wie glücklich würde ich sein, wenn ich Deinen Wunsch gewähren könnte; das kann ich aber leider nicht. Wir Handwerker haben unsere eigenen Gesetze und die verbieten es uns, einen Knaben, der noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat und noch nicht confirmirt ist, in die Lehre zu nehmen. So leid es mir also auch thut, so muß ich Dir Deine Bitte abschlagen.«
Das war nun für unsern William ein trostloser Bescheid. Er war mit der größesten Hoffnung hergekommen, da er der Güte Brandt's fest vertraute, und hoffnungslos sollte er jetzt von ihm scheiden. Der Gedanke, was jetzt aus seiner guten Mutter werden solle, preßte ihm bittere Thränen aus, deren Strom Meister Brandt vergebens zu hemmen bemüht war.
In dem Augenblick, wo diese am heftigsten flossen, öffnete sich die Thür der Werkstatt und ein Mann von mittleren Jahren, von untersetzter, kräftiger Gestalt, mit einem von der Sonne gebräunten Gesichte, trat zu den Beiden ein. Seine Kleidung war sehr fein und ganz neu, hing ihm aber ziemlich weit auf dem Leibe; er hatte einen weißlichen Kastorhut auf dem Kopfe; um den Hals war ein buntes, seidenes Tuch geknüpft, dessen Zipfel weit auf die Brust herabfielen; er trug sehr weite Hosen von blauem Tuche, eine lange, goldene Uhrkette mit einem halben Dutzend goldener Uhrschlüssel und Pettschaften daran und aus der Tasche seines Rockes guckte ein hochrothes, seidenes Schnupftuch hervor. Unser William erkannte auf den ersten Blick einen Schiffskapitain in diesem Manne und im Andenken an seinen lieben, verschollenen Vater schlug sein Herz mächtig beim Anblick desselben.
Da er sich, als die Thüre sich öffnete, nach dem Eintretenden umgesehen hatte, blickte dieser ihm in das von Thränen überströmte Gesicht und mit seemännischer Freundlichkeit auf ihn zugehend, sagte er:
»Was ist denn dem Jüngelchen, daß es so weint?«
William erröthete über und über bei dieser Frage des fremden Mannes und Kapitain _Hansen_ -- dies war sein Name -- der es bemerkte, fuhr fort:
»Du brauchst Dich vor mir Deiner Thränen nicht zu schämen, Kleiner; freilich wenn Du ein großer Kerl wärest und flenntest dann, so würd' ich 'ne schlechte Idee von Dir bekommen. Sag' mir lieber, was Dir ist, vielleicht kann ich Dir helfen.«
»Das arme Kind ist übel daran,« nahm jetzt Meister Brandt das Wort, und nun erzählte er dem Kapitain, wie die Sachen standen. Dieser hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtbarer Theilnahme zu; dann, als er geendet hatte, nahm er das Wort und sagte:
»Dem armen Jungen und seiner Mutter würde leicht zu helfen sein, wenn beide keine Abneigung gegen das Seeleben hätten.«
»Die habe ich gewiß nicht,« antwortete ihm William, »waren doch mein Vater und Großvater eben so gut Schiffscapitaine, als, wie ich glaube, der Herr es sind.«
»So? Dein Vater und Großvater waren Seeleute?« fragte Kapitain Hansen überrascht. »Wie hießen sie, mein Jüngelchen?«
»Mein Großvater hieß Elliot und mein Vater Arthur Robinson,« versetzte William, schon etwas dreister.
»Das sind Namen, die zur See guten Klang halten,« nahm Hansen wieder das Wort. »Ich hörte oft von ihnen reden, sowohl in Europa, als in andern Welttheilen, und es freut mich, daß ich die Bekanntschaft des Sohnes und Enkels so braver Leute gemacht habe,« fügte er liebevoll hinzu. »Hoffentlich bist Du, mein Kind, nicht aus der Art geschlagen und wenn dem so sein sollte, würde es eine große Freude für mich sein, erst aus Dir eine tüchtige Theerjacke,[1] dann aber einen Capitain zu machen, wie es Deine Vorfahren waren. Hättest Du wohl Lust, mit mir auf die See zu gehen?«
[1]: In der seemännischen Sprache nennt man so die Matrosen.
William erröthete bei diesem Vorschlag über und über. Es war ihm bis jetzt noch gar nicht eingefallen, daß ein solcher Ausweg ihm übrig bliebe, um seine gute Mutter von der Sorge um ihn zu befreien und so überraschte er ihn um so mehr. Hansen, der sein Erröthen falsch deuten, sagte:
»Wenn Du Dich aber fürchtest, so bleib' lieber zu Hause: ein Seemann muß vor allen Dingen Muth in der Brust haben und sich vor Nichts fürchten.«
»O, ich fürchte mich vor dem Wasser gewiß nicht,« war die Antwort Williams, »und wenn meine gute Mutter nur wollte, wie ich will, so wäre der Handel bald geschlossen.«
»So befrage Deine Mutter,« versetzte der Capitain, »und bringe mir Morgen, zwischen acht und neun Uhr, Deine Antwort. Hier ist meine Adresse,« fügte er hinzu, indem er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche riß und seinen Namen und seine Wohnung darauf bemerkte. »Du mußt Dich aber schnell entschließen,« fuhr er fort; »mein Schiff liegt segelfertig und ich warte nur noch auf günstigen Wind, um den Hafen zu verlassen. Bringst Du mir Morgen früh bis neun Uhr keine Antwort, so suche ich mir einen andern Jungen, denn ich muß einen haben; Du aber würdest mir der liebste sein, da Du von so wackern Seeleuten abstammst.«
Der Capitain wandte sich jetzt an Meister Brandt, mit dem er von Geschäften zu sprechen hatte, und unser William, dem durch den Vorschlag Hansens eine neue Welt aufgegangen war, eilte mit schnellen Schritten nach seiner Wohnung zurück, um ihn der Mutter mitzutheilen.
Drittes Kapitel.
Als die Mutter ihn so eilig und mit vor Freude glühenden Wangen bei sich anlangen sah, glaubte sie schon, daß Meister Brandt auf den Wunsch Williams eingegangen sei und ihm versprochen habe, ihn schon jetzt zu sich in das Haus zu nehmen. Diese glückliche Täuschung währte aber nur wenige Augenblicke, indem William ihr die abschlägige Antwort des Tischlers, zugleich aber den Vorschlag Hansens, ihn mit auf die See nehmen zu wollen, mittheilte. Die gute Frau wurde todtenbleich vor Schrecken, als William sie dringend bat, ihm ihre Erlaubniß zur Mitreise nicht versagen zu wollen und nach einem kurzen Nachdenken erklärte sie mit Bestimmtheit, daß sie lieber Alles erdulden, als ihr Liebstes dem unsichern Elemente anvertrauen wolle.
»Ich habe,« sagte sie unter Thränen, »kein anderes Gut auf Erden, als Dich und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, würde völlig unerträglich für mich sein. Möge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im Wohlleben schwelgen.«
Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaßten und befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen, daß er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als möglich einen andern Kajütenwächter suchen möge.
Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und niedergedrückt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau, die ihm sagte, daß ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind sich gedreht habe.
»Da es möglich ist,« fügte die Frau Capitainin hinzu, »daß mein Mann noch heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst Deine Bestellung an ihn auszurichten.«
William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem großen Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der _Hoffnung_, wie das große, prächtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hieß.
Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lächelte er ihm freundlich zu und sagte:
»Nun, ich sehe, Du bist von ächtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein Glück auf dem schönen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, daß Du da bist; der Wind ist so günstig als möglich und in einer Stunde geht es vorwärts. Es würde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wärest.«
»Ach, lieber Herr Capitain,« versetzte William mit unsicherer, fast von Thränen erstickter Stimme, »ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu gehen, sondern um Ihnen zu sagen, daß meine Mutter mir mit Bestimmtheit die Erlaubniß verweigert hat, ein Seemann zu werden.«
»Ei, da mußt Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr über den Kopf nehmen,« antwortete ihm Hansen. »Die Mütter sind gar zaghafte, ängstliche Geschöpfe,« fügte er hinzu. »Mit der meinigen ging es mir nicht besser; die hätte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah, schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mußte sie sich schon trösten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache einmal nicht mehr zu ändern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir?« schloß er seine Rede, indem er William die Hand reichte.
»Ach, dürfte ich das doch, ohne eine Sünde zu begehen,« sagte der arme Knabe, dem die hellen Thränen über die Wangen flossen, »aber der liebe Gott würde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle Mutter durch solchen Ungehorsam betrübte; es könnte überdieß ihr Tod sein, wenn sie nicht wüßte, wo ich geblieben wäre.«
»Dafür dürfte leicht Rath geschafft werden,« versetzte der Capitain. »Meine Frau kehrt an's Land zurück und die könnte Deiner Mutter schon Bescheid sagen. Wo wohnt sie?«
William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem darauf, daß er mit der Frau Capitainin an's Land zurückkehren wolle.
»Du kannst Dir das noch ein Weilchen überlegen,« sagte Hansen nach einem kurzen Nachdenken: »das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch immer vor Dunkelwerden an's Land kommen können. Komm mit in die Kajüte und verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du überlegen, was Du zu thun hast.«
William, der wirklich mit sich selbst kämpfte, folgte dieser Einladung und Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm auch ein Gläschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet hatte, aber verschmähte. Hansen ließ darauf eine Flasche süßen Weins, Mallaga, bringen und drang William ein Gläschen davon auf; es mundete ihm, da der Wein sehr süß und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so feurigen Getränkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn schon wußte der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein Viertelstündchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem Sopha in der Kajüte des Capitains, daß die Welt hätte untergehen können, ohne daß er es bemerkt haben würde.
»Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen?« fragte die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden wendend, ihren Mann.
»Gewiß will ich das,« versetzte Hansen mit einem häßlichen Lachen; »kam er mir doch eben recht und ist mir völlig unentbehrlich. Du weißt, welche Mühe ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frühere, aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu verschaffen?«
»Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich ängstigen und grämen!« wandte die gute Frau ein. »Ich glaube, daß ich vor Angst stürbe, wenn mir das begegnete,« fügte sie hinzu; »Du solltest ihn wecken und mit mir an's Land gehen lassen!«
»Daß ich ein Narr wäre!« rief Hansen unwillig. »Wollte man auf Weibergeschwätz hören und auf Weiberthränen sehen, so würde man zu Nichts in der Welt kommen. Laß mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du in Gottesnamen allein an das Land zurück. In einer Stunde sind wir aus dem Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon über Nacht in See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch hier ein.«
Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wußte, daß man durch Vorstellungen nichts über seinen starren, bösen Sinn gewann, wandte ihr Auge seufzend von dem armen Schläfer ab und schickte sich an, das Schiff ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von ihrem Manne genommen hatte.
Die Sache war die, daß Capitain Hansen in dem Rufe eines bösen Mannes und argen Tyrannen stand, weßhalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajütenwächter zu finden, weil diese armen Unglücklichen, in seiner unmittelbaren Nähe lebend, es schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Männer waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.
Sobald er den armen William bei dem Tischlermeister erblickte, fuhr der Gedanke ihm durch den Kopf: das könnte wohl ein Schiffsjunge für dich sein, und er nahm die Miene großer Freundlichkeit gegen den armen Getäuschten an, um ihn desto sicherer ins Netz zu locken. Es war auch nicht an dem, daß er von dem Vater und Großvater William's etwas gehört hatte; da es ihm aber auf eine Lüge mehr oder minder nicht ankam, brachte er auch die vor, daß ihm der Name und Ruf derselben bekannt sei.
Trotz dem wäre ihm sein Vorhaben mißlungen und er hätte ohne Kajütenwächter absegeln müssen, wenn der Zufall den armen William nicht an Bord und in die Gewalt des bösen Mannes geführt hätte; so wie der Knabe aber das Verdeck betreten hatte, gelobte Hansen es sich, daß er nicht wieder von Bord solle, und wir haben gesehen, durch welches abscheuliche Mittel er seinen bösen Willen durchzusetzen wußte.
Während nun William im tiefsten Schlafe in der Kajüte des Capitains lag und die Hoffnung alle ihre Segel entfaltete, um den Hafen noch vor Anbruch der Nacht zu verlassen, stand Frau Robinson eine unbeschreibliche Angst um ihr armes Kind aus. Es dämmerte bereits und noch immer war William nicht wieder da. Der Weg bis zu den Vorsetzen, wo, wie sie wußte, Capitain Hansen seine Wohnung hatte, war zwar weit; aber trotz dem hätte der Knabe, wenn ihm kein Unfall zugestoßen, doch schon längst zurück sein müssen. Endlich wurde es völlig dunkel und das Geräusch in den Gassen nahm bereits ab; mit jeder dahinschwindenden Minute vermehrte sich die Angst der armen Frau und diese nahm endlich so sehr überhand, daß sie ihren Keller zuschloß und sich auf den Weg nach den Vorsetzen machte, wo sie sich nach der Wohnung des Capitains Hansen erkundigen wollte.
Obgleich sie so schnell ging, als es ihre Kräfte nur irgend erlaubten, war es ihr doch, als ob sie nicht von der Stelle käme. Endlich hatte sie die Vorsetzen erreicht und nach langem Fragen auch die gesuchte Wohnung gefunden. Bevor sie diese betrat, mußte sie erst einige Augenblicke an der Thüre stehen bleiben, um Athem und Muth zu schöpfen; denn was sollte wohl aus ihr werden, wenn man ihr auch hier keine Nachricht über ihren William ertheilen könnte?
Nach einigen Minuten der Erholung drückte sie den Thürklopfer nieder und trat in das Haus. Es war völlig dunkel auf der Flur und es herrschte eine Stille in der Wohnung, als wäre sie gänzlich unbewohnt. Erst als sie mehrere Male und mit immer lauterer Stimme »guten Abend!« gerufen hatte, öffnete sich im Hintergrunde der Flur eine Thür und eine noch ziemlich junge Frau trat, mit einem Lichte in der Hand, aus derselben ihr entgegen.
»Bin ich hier recht?« fragte Frau Robinson mit vor Angst und Beklemmung bebender Stimme; »ich suche den Herrn Schiffskapitain Hansen?«
»Wenn Sie den zu sprechen wünschen,« antwortete ihr die Frau, »so kommen Sie leider zu spät: mein Mann ist bereits seit einigen Stunden abgesegelt.«
»So habe ich die Ehre, seine Frau zu sprechen,« fragte die arme Mutter.
»Ihnen zu dienen,« war die Antwort; »aber treten Sie gütigst zu mir ein,« fügte die Capitainsfrau hinzu, indem sie die Stubenthür öffnete.
»Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, liebe Madame,« nahm Frau Robinson wieder das Wort; »einer armen Mutter, die schier vor Angst vergeht, werden Sie gewiß einige Nachsicht schenken. Ich suche meinen Sohn, den ich mit einem Auftrage an Ihren Mann schickte, und der, ganz wider seine Gewohnheit, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Mein Name ist Robinson; vielleicht hörten sie ihn von Ihrem Manne nennen, der so gütig sein wollte, meinen William mit sich zu nehmen, was ich aber nicht zugeben konnte.«
»Ach! Sie sind die Mutter des jungen Menschen?« antwortete ihr die Capitainin nicht ohne Verlegenheit. »Es freut mich,« fuhr sie nach einigem Zögern fort, denn ihr fiel die Lüge eben so schwer, als sie ihrem Manne leicht fiel, »es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß er sich in seiner neuen Lage ganz wohl befindet und wahrscheinlich vollkommen glücklich fühlt, da er seinen Beruf mit großer Liebe ergriffen hat.«