Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder

Part 16

Chapter 163,730 wordsPublic domain

Der Spaziergang, den beide machten, brachte sie einander noch näher. William empfand gegen diesen liebenswürdigen und gelehrten Mann zugleich die innigste Zuneigung und Ehrfurcht, und der offene William gefiel auch ihm ganz besonders. Erst nach mehreren Stunden kehrte man zur Hütte zurück, wo man eben beschäftigt war, die Jagdbeute Kolbis zum Braten vorzubereiten. Diese bestand in mehreren wilden Tauben und einem jungen Kängeruh, das er zu erlegen glücklich genug gewesen war. Man rupfte und sengte die Tauben und zog dem Kängeruh das schöne, sammtweiche Fell ab; man zersägte und zerhieb die Bretter, die einen Theil des Daches der Hütte gebildet hatten und machte ein mächtiges Feuer an, um die Speisen daran zu braten. Allen lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an den sie erwartenden leckern Genuß dachten; aber allgemein war auch die Klage: »Hätten wir doch nur daran gedacht, Salz und Schüsseln mit vom Schiffe bringen zu lassen!« Denn Fleisch ohne Salz zu essen, verstanden sie noch nicht, wie unser William, der sich Jahre lang ohne dieses nothwendigste aller Gewürze hatte behelfen müssen.

Groß war daher ihre Freude, als die vom Schiffe Zurückkehrenden, mit ihrem Kapitain an der Spitze, sorgsamer als sie gewesen waren und sowohl an Salz, als an Gefäße zum Kochen und Braten gedacht hatten. Ein fröhliches Hurrah! begrüßte sie, als sie das mitgebrachte von der Schleife packten und es neben dem Feuer aufstellten. Jetzt erst konnte ein leckerer Braten gemacht, konnten die Pataten in einem großen Kessel, den man über dem Feuer aufhing, in Salz und Wasser gehörig gekocht werden.

Der Reichthum, den die Insel an Wildbret und Geflügel darbot, bestimmte den Kapitain der Brigg »Rurik,« sich für ein längeres Verweilen auf derselben zu erklären, da die Mannschaft des Schiffes sowohl durch den in der letzten Zeit eingetretenen Wassermangel, als durch den beständigen Genuß des gesalzenen Fleisches etwas gelitten hatte. Es waren mehrere Krankheitsfälle an Bord vorgekommen, und der Schiffsarzt hatte einen Wechsel der Nahrungsmittel für die Mannschaft gewünscht.

Auch Adalbert von Chamisso war mit dem längern Verweilen auf der Insel sehr zufrieden, da er eine Menge ihm bis dahin unbekannter Pflanzen darauf fand, die er sorgfältig trocknete und in sein Herbarium (oder seine Kräutersammlung) legte. Er war vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht auf den Beinen; oft begleitete ihn der Schiffsarzt, der sich auch sehr für die Pflanzenkunde interessirte, öfterer aber noch unser William, für den er eine besondere Neigung gefaßt zu haben schien, und der ihm von seinem Aufenthalte auf der Insel so viel zu erzählen wußte.

Allen erging es auf derselben sehr wohl, zumal da man in dem herrlichen Bache eine Art von Brunnenkresse gefunden hatte, die für die am Scorbut leidenden Kranken eine wahre Wohlthat war, indem sie sie von dieser lästigen Krankheit schnell wieder herstellte. Allein die bisher so wenig von William und Kolbi belästigte Thierwelt hatte es seit der Landung der russischen Mannschaft sehr schlimm. Man stellte Allem, was nur irgend genießbar war, beharrlich nach: die wilden Tauben waren nicht mehr in den höchsten Gipfeln der Bäume sicher; der Koango nicht mehr in seiner Höhle; die sonst so wenig scheuen Kängeruh's wurden von allen Seiten umstellt und mit Pulver und Blei getödtet. Alle Augenblicke erschallte der Knall einer Flinte, denn auch die an Bord befindlichen Naturforscher stellten den kleineren Thieren nach, um sie ausstopfen und ihren Sammlungen hinzufügen zu können! kurz, der Krieg zwischen Menschen und Thieren war ausgebrochen, die letzteren aber sehr im Nachtheile, da sie kein Vertheidigungsmittel hatten und völlig wehrlos niedergeschossen wurden.

Höchst seltsam war die Wirkung anzusehen, die der erste Flintenschuß, den Kolbi in seinem Leben vernahm, auf den armen Wilden machte. Zwar hatte er die von der Schiffsmannschaft mitgebrachten Flinten gesehen und sie sogar, neugierig wie er von Natur war, in die Hand genommen und sie von allen Seiten betrachtet; er war auch gegenwärtig gewesen, als man sie mit Pulver und Blei lud und hatte jede Bewegung der sie Ladenden mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgt; allein was nun aus dem »_Dinge_« -- Ding nannte er Alles, was er noch nicht kannte -- werden solle, das wußte er nicht. Zufällig war es der Arzt, mit dem er auf seine Einladung ausgegangen war, welcher den ersten Schuß that, den er in seinem Leben hörte. Dieser hatte hoch in dem Wipfel eines Eucalyptus einen sehr schönen Papagey erblickt und wünschte ihn für seine Sammlung zu haben. Kolbi sah, wie er »_das Ding_« von der Schulter nahm, hörte das kleine Geräusch, welches durch das Aufspannen des Hahns verursacht wurde, sah, wie der Arzt anlegte und zielte und erwartete zwar mit Neugierde, aber auch mit Ruhe, was nun kommen würde. Da -- o wie ward ihm! -- da knallte es plötzlich dicht neben ihm los, und zugleich mit dem gutgetroffenen Papagey stürzte der Arme zur Erde.

Der Arzt war über die doppelte Wirkung, die sein Schuß gehabt hatte, sehr erschrocken; er warf das Gewehr weg und kniete neben Kolbi nieder, der mit festgeschlossenen Augen dalag und mit Händen und Füßen zappelte, als wäre er selbst von dem tödtlichen Blei getroffen worden.

Vergebens redete der Arzt ihm zu, ohne alle Furcht zu sein, indem ihm weder Schaden zugefügt worden sei noch werden solle; er antwortete ihm nicht, sondern zappelte mit seinen Extremitäten fort und ächzte mit noch immer geschlossenen Augen wie ein Sterbender.

Erst nach langem Zureden gelang es dem selbst durch den Vorfall erschrockenen Arzte, ihn einigermaßen zu beruhigen und ihn dahin zu bringen, daß er sich vom Boden erhob; dazu konnte er ihn aber nicht bewegen, daß er ihn noch ferner auf seiner Streiferei begleitete; Kolbi ergriff die Flucht, so wie er auf seinen Beinen stand, und lief zu William, um diesem unter Thränen sein Unglück zu klagen und ihn zu bitten, mit ihm die Flucht zu ergreifen; denn, sagte er, er wolle keinen Verkehr mehr mit den »_Donner-Leuten_« haben.

Es wurde selbst William sehr schwer, ihn nur einigermaßen zu beruhigen, und ihn von der Flucht abzuhalten; dazu aber konnte er ihn nicht wieder bringen, nochmals ein Gewehr in die Hand zu nehmen; denn darin säße der böse Geist, behauptete er.

Endlich, nachdem man sich beinahe acht Tage auf der Insel aufgehalten und ihr, auf den Wunsch Chamisso's, den Namen _Rosmarien-Insel_ gegeben hatte, -- so nannte er sie nach einer theuren Freundin, welche Rosa-Maria hieß und ihm auch bereits in die Ewigkeit gefolgt ist -- schickte man sich an, sie zu verlassen und auf's neue mit dem »Rurik« die hohe See zu suchen.

William und Kolbi, die man natürlich mitnahm, packten von ihren wenigen Sachen ein, was sie nur konnten, denn jetzt, wo sie für immer von ihrer lieben Insel scheiden sollten, hatte Alles, was sie dort besaßen, einen doppelten Werth für sie. Besonders trug William Sorge dafür, in die Kiste des Schiffszimmermanns Alles zu legen, was noch von den darin enthaltenen Sachen vorhanden war. Er hatte die Absicht, wo möglich das Fehlende in Hamburg zu ersetzen und das Ganze dann den Erben seines verstorbenen Freundes zuzustellen; daß diese in seiner Vaterstadt lebten, wußte er und hoffte so, sie auffinden und ihnen ihr rechtmäßiges Erbthum zustellen zu können. Wie werth und theuer mußte nicht für diese Leute jedes Stück sein, das der arme Steffen einst besessen hatte.

Kaum werdet Ihr es glauben können, und doch war dem so: William vermochte sich nicht ohne heißen Schmerz von seiner geliebten Insel zu trennen, obschon ihn das Wiedersehen der über alles geliebten Mutter, der theuren Heimath bevorstand. Hatte er doch auf der Insel manchen guten Tag, manche herzerhebende Stunde im Umgange mit seinem geliebten Kolbi verlebt; hatte er doch auf ihr Nahrung und Obdach gefunden und seine körperlichen und geistigen Kräfte üben und erkennen gelernt; der Gedanke an dieses Alles erfüllte ihn zugleich mit Wehmuth und Dankbarkeit.

Am letzten Abende, als die Insel früh am andern Morgen verlassen werden sollte, ergriff er die Hand seines Kolbi, um allein mit diesem noch einen langen Spaziergang zu machen. Es war bereits kühl geworden und sie konnten also rasch fortwandern. Himmel und Erde waren gleich schön: die untergehende Sonne spiegelte sich im Meere ab; die Luft führte ihnen balsamische Düfte zu; die Gipfel der hohen Eucalypten waren noch mit dem Golde der scheidenden Sonne bestreut; die Vögel sangen ihr Abendlied in den Wipfeln; der Bach murmelte so traut; die hohen Gräser bewegten sich leise im sanften Abendwinde und es war eine Stille und Feier in der Natur, die ihre Herzen unaussprechlich rührte.

Lange standen beide Hand in Hand auf der Spitze des Hügels, an dessen Abhange ihr Häuschen lag, das jetzt nur noch eine unförmliche Steinmasse mehr war, und schauten auf dasselbe mit von Thränen feuchten Blicken hinab. Dann gingen sie in den Garten, und zugleich mit Wehmuth und Liebe betrachteten sie die Pflanzen, die so fröhlich darin wuchsen und von nun an ihre Pflege entbehren würden. Auch Kolbi war sehr still und augenscheinlich bewegt; was er in diesem Augenblick empfand, vermochte er nicht auszudrücken; aber auch in seinem dunklen Auge glänzte eine Thräne.

Williams Gefühle wallten endlich in einem Dankgebete über; er sank auf seine Kniee nieder und dankte Gott aus der Fülle seines Herzens für alles Gute, was er von seiner Gnade empfangen hatte. Dann reichte er Kolbi die Hand, und Beide setzten schweigend ihre Wanderung fort, von der sie erst mit Anbruch der Nacht zurückkehrten.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Früh am andern Morgen ging es an Bord des »Ruriks,« an den man bereits am vorhergehenden Tage alle gesammelten Lebensmittel geschafft hatte.

William und Kolbi waren die letztern in dem Zuge, der sich unter fröhlichem Geplauder, unter Scherzen und Lachen dem Strande näherte. Da, als man bereits eine gute Strecke von der Hütte entfernt war, hörten unsere beiden Freunde plötzlich das ihnen so wohlbekannte: »Gieb Futter, Gieb Futter!«

»O, mein Gott!« rief William, den Arm Kolbis loslassend und einige Schritte zurückgehend, »bald hätten wir unsern guten Freund hier vergessen! Wie würde mich das betrübt haben!«

Es dauerte keine Minute, so saß der schöne Lori ihm auf der Schulter; denn da er ihn nie neckte, wie Kolbi aus Muthwillen zuweilen that, hatte der Papagei eine ganz besondere Vorliebe für ihn gefaßt.

»Komm,« sagte William, das glänzende Gefieder des schönen Thieres sanft streichelnd, »komm, Lori, Du sollst mit mir und, wenn Gott mir meine geliebte Mutter erhalten hat, ihr zur Freude, mir aber zur Erinnerung an dieses rettende Eiland dienen; denn nie werde ich deine Stimme vernehmen, ohne an Alles erinnert zu werden, was ich hier erlebte.«

Der Vogel sah ihn mit seinen klugen Augen so verständig an, als verstünde er seine Worte, und auf dem Wege zum Strande hörte er nicht auf, zu plaudern und zu pfeifen, denn auch das Letztere hatte er von seinen Erziehern gelernt.

Der Wind war günstig; das Schiff lichtete, sowie alle am Bord waren, die Anker; die Segel schwellten und der majestätische »Rurik« setzte sich in Bewegung. Es dauerte nicht lange, so hatte man die geliebte Insel aus dem Gesichte verloren.

Immer frisch ging es vorwärts, denn der »Rurik« war auf der Heimreise begriffen. Der Wind blieb lange günstig; man lief in der Nacht vom 30. auf den 31. März in die _Tafelbai_, beim _Vorgebirge der guten Hoffnung_, ein und verweilte daselbst acht Tage, was unserm William Gelegenheit gab, den Besitzer des Constantia-Weinbergs, seinen guten Holländer, wieder aufzusuchen, und ihm zugleich seinen auf der Reise und durch den erlittenen Schiffbruch erworbenen Freund Kolbi vorzustellen.

Dieser treffliche Mann war so erfreut über das Wiedersehen Williams und hörte seiner interessanten Erzählung mit so großem Interesse zu, daß sich unser Freund ganz wie zu Hause bei ihm fühlte. Als es endlich an's Scheiden ging, umarmte der gute Holländer William fast unter Thränen der Rührung und drückte ihm ein Päckchen mit den Worten in die Hand:

-- »Nimm das zum Geschenke von mir und möge es dir Segen bringen, mein Sohn! Wenn es dir in deiner Vaterstadt wohl ergeht, dann gedenke auch zuweilen meiner!«

Er wandte sich jetzt mit nassem Auge von den beiden Freunden ab und ging; auch William, minder sein Kolbi, war tief gerührt.

Die fernere Reise war, bis auf einige wenige stürmische Tage, sehr vom Glück begünstigt und ich wüßte Euch, meine Geliebten, nicht eben viel Neues davon zu erzählen. Nur des Umstandes muß ich noch erwähnen, daß der »_Rurik_« bei der Insel _St. Helena_ vor Anker ging und man also Gelegenheit hatte, den größesten Mann des Jahrhunderts und einer der größesten aller Zeiten, auf dieser durch ihn so berühmt und bekannt gewordenen Insel zu sehen. Ich brauche Euch wohl kaum noch den Namen _Napoleon Bonaparte_ zu nennen; denn Ihr werdet wissen, daß dieser als Gefangener auf der Insel St. Helena schmachtete und daselbst auch sein thatenreiches Leben endete. Freilich sah unser William den großen Mann nur flüchtig auf einem Spazierritte, den er in Begleitung der ihn bewachenden Officiere machte; aber die Erinnerung an diese Begegnung blieb ihm für den Rest seines Lebens eine höchst angenehme.

Endlich lief der »_Rurik_«, nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt, am 16. Juni des Jahres 1818 in den Hafen von Portsmuth in England ein, und schon am 18. gingen William und Kolbi in Begleitung ihres Freundes und Beschützers, Adalbert von Chamisso, an das Land. Hier trennte dieser sich von Beiden, nachdem er großmüthig die Ueberfahrt für sie auf einem eben nach Hamburg unter Segel gehenden Paquetboote bezahlt hatte. Der Abschied war sehr schmerzlich; denn sowohl William als Kolbi hatten ihren Beschützer von Herzen lieb gewonnen. Er versprach ihnen aber, falls er nach Hamburg kommen sollte, sie aufzusuchen, und hat auch hierin Wort gehalten.

Wie schlug William das Herz, als er nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt und nach einer Abwesenheit von fast vier Jahren, die Thürme seiner Vaterstadt und endlich den mit Schiffen angefüllten Hafen derselben wieder erblickte!

Tausend Fragen drängten sich ihm auf, worunter die: ob er seine geliebte Mutter auch noch wieder finden würde? ob der Gram um ihn sie nicht vielleicht gar getödtet habe? sein Herz zu ängstlichen Schlägen bewegte.

Endlich konnte er aus der leichten Barke an's Land springen; Kolbi folgte ihm. Dieser, dem Alles neu war, wollte jeden Augenblick stehen bleiben und bald über Dieses, bald über Jenes Auskunft von ihm haben; allein er war nicht im Stande, ihm die gewünschten Erklärungen zu geben, sondern eilte rastlos vorwärts, bis er bei der niedern Wohnung anlangte, in der er seine Mutter verlassen hatte.

Eine ihm völlig fremde Frau stand vor der Kellertreppe, und fast athemlos vor banger Furcht fragte er nach seiner Mutter. Die Frau, welche erst vor Kurzem eingezogen war, wußte ihm keine Auskunft zu geben, und schon wollte sich Verzweiflung seiner Seele bemächtigen -- denn er glaubte die gute Mutter todt -- als sich die Thür des dem Keller gegenüberliegenden Hauses öffnete und ein ihm gleich auf den ersten Blick wohlbekanntes Gesicht aus derselben neugierig auf Kolbi schaute; dieser erregte durch sein ungewöhnliches Aeußere natürlich die Aufmerksamkeit aller ihnen Begegnenden.

-- »Fritz! Fritz!« rief William mit lauter Stimme und stürzte auf seinen Jugendgespielen und Schulgenossen zu.

Dieser erkannte ihn nicht sogleich. William war seit ihrer Trennung um vier Jahre älter geworden und von der südlichen Sonne so gebräunt, daß er weit eher einem Mulatten, als einem Europäer ähnlich sah.

-- »Erkennst du mich denn nicht mehr, Fritz?« fragte ihn William mit traurigem Tone; »erkennst du deinen Freund William Robinson nicht mehr?« fügte er hinzu.

-- »Mein Gott! Du!« rief dieser jetzt, indem er ihm in die Arme stürzte. »Du lebst, William? Wie wird sich deine Mutter freuen, die dich als todt beweinte!«

-- »So lebt sie doch noch?« rief William, und ein Strom von Freudenthränen schoß ihm über die Wangen. »O Gott, mein guter gnädiger Gott, wie danke ich Dir!« sagte er, die Hände zum Himmel emporstreckend. Viel hätte nicht gefehlt, so wäre er auf der offenen Gasse auf seine Kniee niedergesunken, um seinem himmlischen Vater für die ihm erzeigte große Gnade zu danken.

-- »O, führe mich zu meiner Mutter!« rief er dann, die beiden Hände seines Jugendfreundes erfassend, »führe mich auf der Stelle zu ihr: mein Herz droht vor Sehnsucht nach der Geliebten zu zerspringen!«

-- »Gemach, mein Freund,« antwortete ihm der besonnene Freund; »Du darfst so unerwartet nicht zu ihr eintreten: Die Ueberraschung könnte sie vielleicht gar tödten. Tritt erst in unser Haus und warte, bis ich zurückkomme. Sie wohnt da drüben, in dem großen Fruchtlager; ich gehe zu ihr, um sie vorsichtig auf die Freude vorzubereiten, die ihrer harrt; denn sonst könnte leicht aus dem Glück ein Unglück entstehen.«

William fand das, was Fritz sagte, vernünftig und trat mit seinem Kolbi in das Haus, während Fritz zu der Frau Robinson hinübersprang, um sie vorzubereiten. Er machte seine Sache sehr geschickt. Erst sagte er ihr, daß man glaube, das schöne Schiff, die »_Hoffnung_«, sei doch nicht untergegangen, wie man so lange gewähnt; dann ging er weiter und immer weiter und endlich trat er mit der vollen, glücklichen Wahrheit hervor. Trotz der gebrauchten Vorsicht war die zärtliche Mutter doch fast einer Ohnmacht nahe, als er ihr die Versicherung gab, daß ihr William lebe und nur wenige Schritte von ihr entfernt, in seinem Hause sei. Als sie sich einigermaßen von ihrem freudigen Schrecken erholt hatte, ließ sie sich nicht länger halten; sie stürzte fort, dem Hause von Fritzens Eltern zu und lag, halb todt vor Uebermaaß an Freude, in den Armen des so lange als todt beweinten Sohnes.

_Welche Feder_ wäre wohl im Stande, dieses Wiedersehen zu schildern? Die meine ist zu schwach dazu und ich muß es Euch, meine Geliebten, überlassen, Euch selbst alle die nun folgenden rührenden Scenen auszumalen.

Als der erste Sturm der Empfindung sich in Etwas gelegt hatte, ergriff William die Hand seines Kolbi und führte ihn mit den Worten zu seiner Mutter:

-- »Umarme auch ihn und nenne ihn deinen zweiten Sohn, denn er ist mein liebster Freund, mein Bruder und nach dir mir der liebste auf der Welt.«

-- »Ja, er soll auch mein Sohn sein,« versetzte die Mutter und umarmte bei diesen Worten den tiefgerührten Kolbi, der die Mutter seines Williams auch schon lieb gewonnen hatte.

Dann ging's an's Erzählen und Ihr könnt Euch vorstellen, wie interessant der Frau Robinson jedes Wort war, das ihr geliebter Sohn zu ihr redete. Fast bis um Mitternacht dauerten die Mittheilungen Williams, und selbst da konnte man noch nicht einschlafen.

Etwa zehn Jahre nach diesen glücklichen Vorfällen sprach man sehr viel in der Stadt von dem reichen Kaufmann Herrn William Robinson, von dem man behauptete, daß ihm alle seine Speculationen über Erwartung glückten. Als Compagnon war ein Eingeborener Australiens, der die heilige Taufe erhalten und den Namen _Williams_ in derselben angenommen hatte, in die Handlung aufgenommen worden und er zeichnete sich durch Geschicklichkeit und Fleiß eben so sehr aus, als durch sein liebreiches Wesen und seine Wohlthätigkeit.

Die Sache hing so zusammen:

Als William einige Tage nach seiner Rückkehr seine Sachen vom Bord des Paquetboots geholt hatte -- auch den Lori vergaß er nicht -- fiel ihm das Päckchen in die Hände, das der gute Holländer am Vorgebirge der guten Hoffnung ihm beim Abschiede in die Hand gedrückt hatte, und das bis dahin uneröffnet geblieben war. Jetzt öffnete er es und fand, zu seiner nicht geringen Ueberraschung, eine Rolle blanker Louis'dors, fünfzig an der Zahl, darin. Zitternd vor Freude brachte er der Mutter seinen Schatz und erzählte ihr zugleich, wie er dazu gekommen.

-- »Das Geld,« sagte die fromme und verständige Mutter, »mußt Du im Handel anlegen: es wird dir Segen bringen, da du es durch deine Rechtschaffenheit erwarbst. Meine Lage in diesem Hause ist zwar nicht glänzend, aber Herr Berger behandelt mich anständig und hat Vertrauen zu mir; so kann ich es schon noch eine Weile bei ihm aushalten; segnet aber Gott deine Geschäfte, dann ziehe ich zu dir.«

Und Gott segnete das Geschäft des guten, redlichen Williams. Schon nach einem Jahre hatte sich sein kleines Kapital verdoppelt, und, wie schon angedeutet worden, nach etwa zehn Jahren war er ein reicher, reicher Mann, hatte ein großes Haus, eine liebenswürdige tugendhafte Frau und ein Häuflein hoffnungsvoller Kinder.

Die Mutter und sein Kolbi, der indeß von geschickten Lehrern unterrichtet worden war, wohnten bei ihm und letzterer war sogar sein Compagnon geworden.

Oft, wenn die Freunde in traulichen Gesprächen ihrer Vergangenheit und wunderbaren Lebensschicksale gedachten, sagte William:

-- »Erinnerst du dich noch, Kolbi« so nannte er ihn noch immer, wenn sie allein waren -- »was ich dir bei Gelegenheit der Zerstörung unserer Hütte durch die Feinde deines Stammes sagte: daß Gott es oft dann am besten mit uns meint, wenn er uns Trübsal sendet?«

-- »Wohl erinnere ich mich deiner Worte,« versetzte Kolbi, »und habe derselben sehr oft gedenken müssen. Hätten die Feinde unsere Hütte nicht zerstört, so würden wir vielleicht nicht an den Strand gegangen sein, um Bretter zu suchen: der »_Rurik_« wäre wahrscheinlich an der Insel vorübergesegelt, ohne sie zu besuchen, und wir säßen jetzt wohl noch auf derselben. Gelobt sei Gott, der gnädige, allweise Gott, der seine Menschen segnet, indem er sie zu prüfen scheint.«

In der Verlagshandlung von #J. Engelmann# in _Heidelberg_ sind auch folgende

Unterhaltungs- und Jugendschriften etc.

erschienen, und in allen _Buchhandlungen_ zu den beigesetzten Preisen zu haben.

#Beck#, =Dr.= (Schuldirektor in Neuwied), Geschichten, Sagen und Naturgemälde des Rheins, aus dem Munde deutscher, besonders rheinischer Dichter. Ein Erinnerungsbuch für Fremde und Einheimische sowie auch für Gedächtniß- und Vortragsübungen in und außer der Schule. Mit der Ansicht von Rheinstein. 12. Brosch. 2 fl. od. 1 Thlr. 8 gr.

Der Herausgeber dieser eben so vollständigen als zweckmäßigen Sammlung hat sich nicht blos auf die _Geschichte_ beschränkt, sondern auch, woran das Rheinland so reich ist, seine _Sagen_ berücksichtigt, und endlich dem weitgepriesenen Rheinwein zu Ehren, eine Reihe Rheinweinlieder beigefügt.

#Engelmann#, =Dr.= #J. B.#, Gebete und Erweckungen zum Gebet. Ein Andachtsbuch für Familien. Mit einem Kupfer. In allegorischem Umschlage. geb. 1 fl. 24 kr. od. 22 gr.

Dieser herrliche Kranz ist aus den schönsten Blumen, welche die Muse der Religion und des Gefühls spendet, gewunden -- aus den erwähltesten, die ihre geweihte Sänger: _Klopstock_, _Cramer_, _Gellert_, _Caroline_, _Rudolphi_, _Herder_, _Novalis_, _Jacobi_, _Krummacher_, _Seume_, _Haller_, _Kosegarten_, _Pfeffel_, _Julie_, _Veillodter_, _Bürger_, _Hölty_, _Matthisson_ und mehrere, auf den Altar des Heiligen, Guten und Wahren niederlegen. -- In den Betrachtungen über Gott, Jesus, Tod und Unsterblichkeit, in den Trostgesängen bei den Gräbern unserer Lieben, in den Morgen- und Abendliedern, und andern vermischten Inhalts, wird das fromme Gemüth Erhebung zur Andacht, Beruhigung im Leiden und Kraft zum heitern Fortschreiten auf der Prüfungsbahn dieses Lebens finden -- und so wird dieses Buch jedem Familienkreise und jedem Einzelnen, der ein solches zu haben wünscht, ein willkommener Begleiter sein.

#Geib, Karl#, die Volkssagen der Rheinlande. In Romanzen und Balladen. Mit 22 Kupfern. 8. 1. Band 1828. In schönem Einbande 3 fl. oder 2 Thlr.

Deren 2. Band. In Romanzen, Balladen und poetischen Erzählungen. Mit 21 Kupfern 1836. Geschmackvoller Einband in Catton-Taffent. 3 fl. od. 2 Thlr.

Jeder Band wird besonders gegeben. Beide Bände _zusammen genommen_ kosten 5 fl. 24 kr. oder 3 Thlr. 12 gr.