Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder

Part 15

Chapter 153,755 wordsPublic domain

»Gesetzt, Du und ich, Kolbi, trennten uns auf einige Zeit; Du gingest dahin, ich dorthin und wir sähen einander auch gar nicht mehr, so würdest Du doch, wenn Du nach einiger Zeit hierher zurückkehrtest und die Hütte gänzlich vollendet fändest, bei Dir sagen: »die hat William fertig gemacht;« so würdest Du sagen, wenn Du mich auch gar nicht mehr sähest.«

»Ja, das würde ich; denn wer sonst sollte sie gemacht haben?« war Kolbis Antwort.

-- »Sieh,« fuhr William fort, »eben so hat sich der liebe Gott in früherer Zeit den Menschen offenbaret, damit sie an sein Dasein glauben und ihn anbeten sollten; jetzt, wo sie das thun, redet er nicht mehr zu ihnen, sondern offenbart sich ihnen nur noch durch seine Werke. Er ist es, der die Welt geschaffen hat und erhält; der die Sonne, den Mond, die Sterne, das Meer, die Erde machte, der sie mit Menschen und Thieren bevölkerte, der Regen und Sonnenschein, Sturm und Gewitter giebt, der die Keime in der Erde sich entwickeln, die Pflanzen wachsen und gedeihen, die Frucht reifen läßt, damit sich seine Geschöpfe davon nähren, daran erfreuen. Er kann, was er will, denn er ist _allmächtig_; er will immer nur das Beste seiner Geschöpfe, denn er ist _allgütig_, er lenkt Alles zum Besten, denn er ist _allweise_, das heißt, er besitzt mehr Verstand und Einsicht, als alle seine übrigen Geschöpfe zusammen; er sieht und hört Alles, denn er ist _allgegenwärtig_.«

-- »Höre William,« versetzte Kolbi nach einer ziemlich langen Pause, während welcher er ernstlich nachgedacht zu haben schien, »höre, ich will deinen Gott, von dem du so viel Gutes sagst, auch lieb haben, noch lieber, als den guten Geist, von dem die Zauberer erzählen.«

»Thue das, mein Kolbi,« antwortete ihm William, indem er ihm die Hand reichte, »und wenn du willst, lehre ich dich beten zu unserm guten Gott im Himmel; das Gebet, der Dank seiner Menschen sind ihm angenehm.«

-- »Ach!« versetzte der arme Kolbi mit einem tiefen Seufzer, »wie werde ich das lernen können? bin ich doch dumm!«

-- »Du bist keineswegs dumm, sondern nur unwissend,« antwortete ihm William; »dumm ist nur Der, _der nichts lernen kann_, unwissend aber, welcher wohl lernen könnte, bisher aber noch nichts gelernt hat.«

-- »Es wäre ein großes Glück, wenn ich nicht dumm wäre und noch beten -- sagtest du nicht so? -- lernen könnte,« erwiederte Kolbi.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten die Freunde ein sehr angenehmes Stündchen. Sie ließen sich dabei die Melone vortrefflich schmecken, von der William, ein guter Haushälter, die Kerne sorgfältig sammelte, um sie demnächst der lieben Erde wieder anzuvertrauen, damit sie neue Früchte trüge. Er trocknete sie, indem er sie auf ein großes Blatt legte, an der Sonne und steckte dann hie und da einen Kern in die Erde. Als sie emporkeimten, sah Kolbi nicht mehr mit Gleichgültigkeit auf die jungen Pflänzchen, sondern freute sich ihrer, wie früher William.

Die überflüssigen Kerne -- Ihr werdet wissen, welch' eine Menge eine einzige Melone hat, und unsre Colonisten hatten davon mehr als hundert -- blieben auch nicht unbenutzt. Der schöne zahme Papagei naschte nicht nur sehr gern von der duftigen Frucht, sondern fast lieber noch von den Kernen, die süßlich und sehr wohlschmeckend sind. Man gewann also ein sehr gutes und reichliches Futter für das liebe Thierchen und hatte nicht mehr nöthig, es mühsam zu suchen, was man früher gezwungen gewesen war zu thun.

Der Bau der Hütte rückte indeß vorwärts und da man jetzt Zeit hatte, an Alles zu denken, wurde im Hintergrunde derselben sogar ein Feuerherd angelegt, den man zwar nicht immer, wohl aber während eines heftigen Regens benutzen wollte. Man hatte nämlich während der Regentage große Mühe gehabt, die Hütte vor dem Verbrennen zu beschützen, da man gezwungen gewesen war, das Feuer in derselben anzumachen, weil der draußen fallende heftige Regen es ausgelöscht haben würde. Dazu gesellte sich noch ein höchst heftiger Rauch, dem man keinen Abzug geben konnte, weil man die Thüre nicht immer öffnen durfte. Diesen großen Unbequemlichkeiten sollte jetzt durch den Bau eines Heerdes und Schlotfanges abgeholfen werden. Die Sache war nicht eben leicht, aber William probirte so lange, bis sie gieng, und an Ausdauer übertrafen ihn Wenige. Zwar mußte er, um den Schlotfang bilden zu können, einige von seinen Brettern hergeben; allein die Sache war zu wichtig und so durfte er nicht anstehen, sie in's Werk zu richten. In allem Andern vertraute er Gott und hoffte mit Zuversicht auf seinen Beistand.

Endlich war die Hütte so weit, daß nur noch das Dach fehlte, aber um dieses stand es übel: die übrig gebliebenen Bretter reichten kaum zur Hälfte aus und an eine Thür war vollends nicht zu denken. Doch war letztere durchaus nothwendig, schon der giftigen Schlangen wegen, die ihnen unfehlbar nächtliche Besuche abstatten würden, wenn sie die Hütte nicht wohl verwahrten; hatten sie doch schon in der Erdhöhle des Koala Mühe genug, sich dieser feindlichen Gäste zu erwehren.

Die Sachen standen also ziemlich trostlos; man verlor jedoch den Muth nicht und beschloß, die ganze Insel, immer am Meeresstrande hingehend, zu umkreisen, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Planken von dem gestrandeten Schiffe zu entdecken, auf dem William hergekommen, oder auch von einem andern, das von demselben unglücklichen Schicksale betroffen worden war.

Zu dieser Reise, obgleich die Insel nicht groß war, bedurfte es doch einiger Vorbereitungen, weil man nicht sicher sein konnte, überall Lebensmittel zu finden. Man mußte daher einige Vorräthe mit sich nehmen und ersah zu diesem ein paar Melonen, so wie eine Portion Pataten aus, die man in einem linnenen Quersacke mit sich nahm. Nachdem man Alles wohl bedacht und beschafft hatte, trat man in Gottes Namen die Wanderung an.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Fröhlich und wohlgemuth, theils unter heitern, theils unter belehrenden Gesprächen, wanderten unsere Freunde fort. William, der das herzlichste Verlangen trug, seinen geliebten Kolbi mit dem erhabenen Wesen näher bekannt zu machen, auf das er sein vollstes, innigstes Vertrauen setzte, zu dem er sich in Freud' und Leid immer zuerst wandte, redete seinem Begleiter auf diesem Wege viel von Gott, und zu seiner Freude fand er jetzt schon ein offeneres Ohr für die Wahrheiten der Religion bei demselben, als er früher gefunden haben würde. Nach und nach entsagte Kolbi seinen abergläubischen Vorstellungen und wandte sein Herz dem einigen wahren Gott zu. William, dem das eine unaussprechliche Freude machte, versäumte keine sich ihm darbietende Gelegenheit, ihn auf die Wunder der Natur und zugleich auf die erhabenen Eigenschaften Gottes aufmerksam zu machen, und da er zwar nicht gelehrt, aber eindringlich und aus innerster Ueberzeugung sprach, fanden seine Worte Eingang bei seinem Freunde.

Den eigentlichen Zweck ihrer Wanderung schienen unsre Beiden indeß verfehlen zu sollen. Wie sorgsam sie auch spähten, so erblickten sie doch am Meeresstrande nicht das Geringste, das ihnen zu ihrem Zwecke hätte dienen können. Es lagen zwar viele schöne bunte Muscheln und Steine genug am Ufer, allein auch nicht das kleinste Stückchen Holz, das ihnen zu ihrem Bau hätte dienen können.

Dies war ihnen natürlich sehr unangenehm; allein es entmuthigte William keineswegs, sondern er sann sogleich auf Abhülfe, die ja auch noch immer möglich war, da sie ihre Geräthschaften vor der Zerstörungswuth der Wilden gerettet hatten.

Am zweiten Morgen ihrer fruchtlosen Wanderung war es Kolbi, der zuerst erwachte und dem nahen Meere zueilte, um sich in der kühlen Fluth zu baden, wie es seine Gewohnheit in der Heimath gewesen war. Er hatte kaum seine wenige Bekleidung abgeworfen und schickte sich eben an, sich ins Wasser zu stürzen, als sein über das Meer hinstreifender scharfer Blick ein kleines dunkles Pünktchen am äußersten Rande des Horizontes entdeckte. Er starrte es einige Augenblicke an und bemerkte, daß es beweglich war. Jetzt weckte er William, um ihn auf die Erscheinung aufmerksam zu machen; denn er wußte mit Gewißheit, daß das schwarze Pünktchen am vorhergehenden Abende nicht an der Stelle gewesen war, und so erregte es mit Recht seine Aufmerksamkeit.

William, der durch Kolbi in einem lieblichen Traume gestört worden war, der ihn nach der geliebten Heimath, in das Haus seiner Mutter versetzte, war fast ein wenig unwillig, daß Kolbi ihn erweckt hatte, er rieb sich die noch schlaftrunkenen Augen und fragte, was es denn gäbe?

»Einen schwarzen Punkt gibt es da drüben, der gestern Abend vor unserm Einschlafen noch nicht da war,« antwortete ihm Kolbi; »komm nur und sieh selbst.«

Jetzt sprang William auf; denn er wußte noch von seiner Seereise her, was solche schwarze Punkte am äußersten Rande des Horizontes zu bedeuten hatten, und sein Herz schlug fast hörbar in der Brust.

»Wo siehst Du denn den Punkt?« fragte er, seine ganze Sehkraft, wiewohl vergeblich, anstrengend; denn sein Auge war, obschon sehr gut, doch nicht so scharf sehend, als das seines Freundes.

»Da! da!« war Kolbis Antwort, indem er mit der Hand nach der Gegend hinzeigte. »Siehst Du es denn nicht?«

»Ich sehe nichts, gar nichts!« antwortete ihm William; »Du hast Dich wohl getäuscht, Kolbi?«

»Gewiß nicht! Ich sehe es deutlich, ganz deutlich, und es bewegt sich!«

»O mein Gott!« rief William bei diesen Worten, und er wurde blaß vor Freude; »o mein Gott, wenn es ein Schiff wäre!«

»Es ist nur ein Punkt, sage ich Dir, und kein Schiff,« versetzte Kolbi, »wenn es ein Canot wäre, müßte es ja größer sein.«

»Aus großer Ferne gesehen, erscheinen die Dinge viel kleiner,« antwortete ihm William, der noch immer nach der ihm bezeichneten Gegend hinstarrte, aber leider nichts sehen konnte.

»Siehst Du denn den Punkt noch immer?« fragte er Kolbi nach einer ziemlich langen Pause, die zwischen den Freunden entstanden war.

»So deutlich, wie ich Dich sehe,« war die Antwort, »und der Punkt ist jetzt schon größer, als er in dem Augenblicke war, wo ich ihn zuerst sah.«

Wie pochte das Herz in Williams Brust bei diesen Worten! Wie strömten seine Gefühle über! Konnte er noch daran zweifeln, daß das, was sein schärfer sehender Freund sah, ein Schiff, vielleicht gar ein von Europa kommendes Schiff sei? So war vielleicht Rettung, Erlösung nahe! So sollten Leiden und Entbehrungen vielleicht ihr Ende bald finden! Thränen traten ihm, besonders bei dem Gedanken, seine über Alles theure Mutter, die geliebte Heimath wiedersehen zu sollen, in die Augen, und rollten in Strömen über seine Wangen. Kolbi, der ihn weinen sah, fragte theilnehmend:

»Du weinst? Hat Kolbi Dich betrübt, William? Was hat Kolbi Dir Böses gethan?«

»O nichts, nichts, Du guter, lieber Kolbi,« rief William, indem er den Freund umarmte; »Du hast mir im Gegentheil durch Deine Entdeckung eine unendlich große Freude gemacht. Das, was Du mit Deinem geübteren Auge bereits siehst und was ich noch nicht sehen kann, ist aller Wahrscheinlichkeit nach eines von den großen schwimmenden Gebäuden, von denen ich Dir so viel erzählt habe, und die wir Schiffe nennen. Auf einem solchen Schiffe bin ich hierhergekommen, wie Du schon weißt, und wenn es Gottes Wille wäre, mich zu erretten, so könnte das, was Du siehst, hier in der Nähe Anker werfen, die Mannschaft könnte ans Land kommen und mich mit sich nehmen, nach Europa, in die geliebte Heimath zurück.« --

»Und dann bliebe Kolbi hier allein zurück und stürbe aus Kummer über William?« fragte der Wilde traurig.

»Nicht doch! Wie könnte ich Dich wohl verlassen, Dich, meinen einzigen, meinen liebsten Freund auf der Welt?« war Williams Antwort. »Nein, Kolbi,« fügte er unter Thränen hinzu; »nein, ohne Dich ginge ich nicht! Aber meine weißen Brüder würden uns Beide mitnehmen; ich würde Dich in meine Vaterstadt Hamburg, in das Haus meiner Mutter führen, würde ihr sagen: da ist mein Freund, mein Bruder Kolbi; nimm ihn an zu Deinem Sohne und liebe ihn, wie Du mich liebst; und sie würde Dich eben so lieben, Kolbi, denn sie ist gut und liebevoll!«

Das Alles sprach er unter immer heftiger strömenden Thränen und Kolbi, der ihn nicht weinen sehen konnte, ohne mitzuweinen, weinte auch diesmal mit.

Eine Stunde und drüber verging indeß noch, bevor auch William den beweglichen schwarzen Punkt am Horizont unterscheiden konnte; so wie er ihn aber gesehen hatte, sank er auf seine Kniee nieder und sandte ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor; denn sein Herz zweifelte schon nicht mehr an der Rettung.

Der Morgen und selbst der noch übrige Rest des Tages verging den Freunden in einer Art von bänglicher Erwartung. William besonders war in tiefster Seele bewegt; Kolbi dagegen, seit er das Versprechen von seinem Freunde hatte, daß er ihn nicht allein auf der Insel zurücklassen wolle, weit ruhiger; letzterer konnte sogar von den mitgenommenen Speisen genießen, während William keinen Bissen über seine Lippen zu bringen vermochte, wie man gewöhnlich in einer so großen innern Bewegtheit nicht an Speise und Trank zu denken vermag.

Die Freunde hatten sich auf einer kleinen Erhöhung in der Nähe des Strandes niedergesetzt und schauten mit unverwandten Blicken auf das Meer hinaus. Der zu Anfang so kleine Punkt trat mit jeder Stunde deutlicher hervor und als es zu dämmern begann, konnte man bereits die Umrisse des Schiffs genau unterscheiden.

Was hätte William nicht darum gegeben, wenn die Natur diesmal zu seinen Gunsten ihre gewohnte Ordnung umgekehrt und es nicht hätte Nacht werden lassen? Aber ach! sie ging ihren gewohnten Gang fort und mit jedem Augenblick wurde es dunkler, bis endlich vollkommene Nacht auf den Gegenständen ruhte, und das Auge nichts mehr unterschied, als über sich den Himmel und die Sterne.

William konnte trotz dem, daß er nichts mehr zu sehen vermochte, kein Auge zuthun; Kolbi aber schlief, wie gewöhnlich und erwachte erst, als sein Freund ihn mit lautem, fröhlichem Zuruf erweckte. Die liebe Sonne war zwar noch nicht aufgegangen; aber schon zeigten sich ihre rosigen Boten, schöne, purpurrothe Wölkchen am östlichen Himmel und die Helligkeit verdrängte siegreich die Nacht, die bisher mit ihren Schleiern Meer und Erde bedeckt hatte.

Man sah jetzt ganz deutlich, etwa in der Entfernung einer deutschen Meile, das Schiff liegen; doch war es der Insel nicht näher gekommen; vermuthlich hatte es sich aus Vorsicht während der Nacht vor Anker gelegt, um nicht zwischen die Klippen und Felsenriffe zu gerathen, womit das Meer in der Nähe der Insel besät sein konnte. Kaum war es indeß völlig Tag geworden, so entfaltete es seine schneeweißen Segel wieder und schwamm zwar langsam, aber majestätisch heran.

William verwandte kein Auge mehr davon und folgte mit seinen Blicken jeder Bewegung des Schiffes. Es schien ihm indeß nothwendig, der Mannschaft desselben ein Signal zu geben, daß man Menschen, auf Rettung hoffende Menschen, auf der Insel finden würde, und so bat er Kolbi, mit dem Beile, das man mit auf die Wanderung genommen hatte, im nächsten Gehölze einige lange Aeste zu fällen und sie her zu bringen. Kolbi willfahrte ihm, ohne begreifen zu können, was er mit dem Begehrten wolle.

Als er mit seinen Aesten wieder bei William angelangt war, band dieser sie zusammen, so daß sie eine ziemlich lange Stange bildeten, und befestigte an der Spitze derselben sein weißes Hemd, das er inzwischen ausgezogen hatte. Beide steckten dann die improvisirte Fahne so tief in den Sand des Strandes ein, das sie fest und aufrecht stand. William wußte, daß man auf den Schiffen die Gewohnheit hat, sich fleißig mit dem Fernrohr nach allen Seiten umzuschauen, und gab sich so der Hoffnung hin, daß man auch sein Signal bald entdecken werde.

Dies geschah in der That; er bemerkte, daß eine große Bewegung auf dem Schiffe entstand und hoffte, obgleich er noch nichts genau zu unterscheiden vermochte, daß man ein Boot aussetzen und einige Mannschaft zur Insel senden würde.

Es dauerte auch nicht gar lange, so rief Kolbi:

»Ein Canot! Ein Canot!«

Bei diesem Rufe sank William betend auf seine Kniee nieder und sendete ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor: durfte er doch nun nicht mehr daran zweifeln, daß die Rettung nahe sei!

Zweiundwanzigstes Kapitel.

Nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden war das Boot der Insel bis auf einige Flintenschüsse nahe gekommen. William und Kolbi standen hart am Strande und streckten den Rettern flehend die Hände entgegen. Man winkte ihnen mit Mützen und Taschentüchern, man schien sie anzurufen; allein die Brandung des Meeres übertönte den Ruf der menschlichen Stimme.

»Kolbi,« sagte jetzt William, »wir Beide können schwimmen; komm, laß uns in das Meer stürzen und zu unsern Rettern hinüberschwimmen, die vielleicht durch die Furcht zurückgehalten werden, ihr leichtes Fahrzeug durch im Meere verborgene Klippen gefährdet zu wissen; ich glaube aber, daß man an dieser Stelle, trotz der heftigen Brandung, ohne Gefahr landen kann, und das wollen wir ihnen sagen.«

Kolbi war mit dem Vorschlage seines Freundes zufrieden; im Nu waren die Kleider abgeworfen und Beide sprangen beherzt in das Meer. Als das die Leute in der Barke sahen, setzten sie die Ruder, die bisher geruht hatten, wieder in Bewegung, und man steuerte getrosten Muthes auf die beiden kühnen Schwimmer zu, die man bald erreichte.

So wie William und Kolbi in der Nähe des Bootes angelangt waren, rief man ihnen in deutscher Sprache -- o welch ein himmlischer Klang war die für das Ohr unsers Williams! -- zu: sie möchten nur getrost an Bord kommen, und schon nach wenigen Minuten standen unsere Freunde mitten unter der Mannschaft.

Man begrüßte einander, man befragte sie nach ihrem Namen, nach ihren Schicksalen, ihrem Vaterlande; man war nicht wenig erstaunt, auch einen Eingeborenen des Landes -- denn dafür erkannte man Kolbi auf den ersten Blick -- ziemlich fertig Deutsch reden zu hören, und hörte mit sichtbarer Theilnahme Williams Erzählung zu.

Diese Theilnahme bewies ihm vor allen Andern ein hoch und schlank gewachsener Mann von mittleren Jahren, aus dessen angenehmen, gewinnenden und freundlichen Gesichtszügen zugleich Milde, Freundlichkeit und Geist hervorstrahlten. Er trug ziemlich langes, lockiges Haar, das fast bis auf die Schultern hinabfiel, und sprach fertig Deutsch, obwohl mit einem etwas fremdartigen Accent.

Alle, die im Boote waren, bezeigten gegen diesen Mann eine ganz besondere Ehrfurcht und Zuneigung, denn so wie er sprach, schwiegen sogleich alle Andere.

Während die Matrosen sich besonders mit Kolbi beschäftigten, der ihre Aufmerksamkeit fast mehr noch als William in Anspruch nahm, mußte Letzterer sich zu dem freundlichen Manne setzen, um ihm ausführlicher seine Erlebnisse mitzutheilen. Als William ihm sagte, daß er, obschon von englischen Eltern abstammend, doch ein Hamburger von Geburt sei, verklärte ein angenehmes Lächeln das Gesicht des liebenswürdigen Mannes und er sagte:

»Hamburg kenne ich sehr gut und habe mich zu verschiedenen Zeiten daselbst aufgehalten.«

Das war denn eine große Freude für William, besonders als der Fremde seine geliebte Vaterstadt lobte und sagte, daß sie eine der angenehmsten und bedeutendsten Städte der Welt sei und er sie sehr lieb gewonnen habe.

Das von einem vorsichtigen und geschickten Steuermann gelenkte Boot landete endlich an der Insel und Alle stiegen aus; zuerst unsere beiden Freunde, die jetzt wieder dem Anstande huldigen und sich bekleiden wollten; denn auch Kolbi mochte nicht gern mehr ganz blos gehen und hatte sich schon gänzlich an seine Kleidung gewöhnt.

Sobald man gelandet war, erging die Bitte an unsere beiden Colonisten, der Mannschaft eine gute Quelle zu zeigen, damit man die mitgebrachten Fässer damit anfülle, denn der Wassermangel, welcher an dem großen Schiffe fühlbar geworden war, hatte den Kapitain desselben vermocht, seinen Curs nach der Insel zu richten, in der Hoffnung, daselbst diesem empfindlichen Mangel abhelfen zu können.

Daß man sich in dieser Hoffnung nicht getäuscht hatte, wißt Ihr, meine Lieben. William und Kolbi führten die Mannschaft auf dem kürzesten Wege zu ihrem herrlichen Bache in der Nähe der halbfertigen Hütte, und Alle erlabten sich an dem köstlichen Getränke, das sie so lange schon in solcher Frische vermißt hatten; niemals hatte ihnen der feurigste Wein so gut geschmeckt, wie jetzt der frische Trunk aus der Quelle.

William und sein Kolbi konnten aber auch noch auf andere Weise der Pflicht der Gastfreundschaft genug thun. Einige der köstlichen Melonen wurden aus dem Garten geholt und an die Mannschaft des Boots vertheilt; man machte ein großes Feuer an und legte eine Menge Pataten an die hoch emporlodernde Flamme; während diese brieten, pflückte man die aus Gras und Stäben geflochtenen Körbe, voll der saftigsten Himbeeren, die nicht minder willkommen als die Melonen waren, und Kolbi, der schon gar nicht mehr fremd gegen die weißen Männer that, versprach, daß er, wenn man ihm nur einige Zeit lassen wolle, einen guten Braten zum Gastmahle liefern würde.

Dieses Anerbieten war nicht zu verachten, da die Mannschaft so lange kein frisches Fleisch genossen und sich seit Monaten allein mit gesalzenem beholfen hatte, und so sprang Kolbi auf, griff nach Bogen und Pfeilen und stürmte fort.

Während er auf die Jagd ging, wurde beschlossen, die mitgebrachten Wasserfässer zu füllen und an Bord zu schaffen, damit sich die auf dem großen Schiffe befindliche Mannschaft daran erquicke, der Kapitain aber auch zugleich Nachricht über den Stand der Angelegenheiten erhalte. William, der selbst in seiner fast übergroßen Freude seine Besonnenheit nicht verloren hatte, schlug vor, aus einigen Brettern, die das Dach der Hütte bildeten, eine Art von Schleife zu machen und vermittelst derselben die jetzt gefüllten, mithin schweren Wasserfässer leichter ans Ufer zu führen. Dieser Vorschlag wurde mit Freuden angenommen, und bevor noch eine Stunde vergangen war, hatte man mit vereinten Kräften die Schleife in Stand gesetzt und zog sie, mit den Fässern und einigen Melonen beladen, unter lautem Jubel an den Strand.

Ein Theil der Mannschaft, unter diesen der freundliche Mann, den William gleich beim ersten Anblick schon so lieb gewonnen hatte, blieb auf der Insel zurück, um die Ankunft der Uebrigen daselbst zu erwarten, denn man zweifelte nicht daran, daß Alle nach der Reihe kommen würden, um sich auf der Insel zu erfrischen.

Der liebe Mann, welcher William so sehr gefiel, war aber kein Anderer, als der berühmte Dichter und Botaniker _Adalbert von Chamisso_, der auf der russischen Brigg »_Rurik_«, geführt von dem Capitain _Otto_ von _Kotzebue_, die Reise um die Welt mitmachte und jetzt mit den Andern auf diese australische Insel gekommen war. Sollte der Eine oder Andere von Euch die nachgelassenen Werke dieses eben so liebenswürdigen als edlen und interessanten Mannes noch nicht kennen, so bittet Eure Eltern, daß sie Euch damit bekannt machen, namentlich mit der »_Reise um die Welt_,« die er geschrieben hat und mit seinen Gedichten, die zu den schönsten gehören, welche wir besitzen, obgleich ihr Verfasser von Geburt ein Franzose war.

Adalbert von Chamisso ist jetzt todt, aber sein Andenken lebt in seinen Freunden und Freundinnen, zu welchen letztern auch ich mich zählen darf, fort, und seine Werke werden ewig leben.

Sobald der Marquis -- denn das war Chamisso von Geburt -- sich einigermaßen erfrischt hatte, bat er William, sein Führer auf der Insel zu sein, deren Pflanzenwelt für den Botaniker oder Pflanzenkundigen ein großes Interesse haben mußte. William war gern dazu bereit, und unsere Beiden traten ihre Wanderung an. Alle Augenblicke blieb Chamisso stehen, um bald dieses, bald jenes Pflänzchen zu beschauen und zu pflücken, und Alles, was seine Aufmerksamkeit erregte, wurde sorgfältig in eine blecherne Kapsel gelegt, die er an einem ledernen Riemen über der Schulter hängen hatte.