Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Part 14
Er sah, daß dieser Menschenschlag fast ganz so schwarz, wie sein Kolbi war; nur hatte dieser letztere eine etwas angenehmere Gesichtsbildung und sah vor allen Dingen freundlicher aus. Sie hatten einen kleinen, aber sehr regelmäßigen Wuchs, ein etwas breites Gesicht, das bei den Männern sehr bärtig war; eine stumpfe Nase, durch deren Scheidewand sie kleine Knochen- oder Rohrstücke gezogen hatten, was sie sehr verunstaltete; dicke Lippen, sehr weiße Zähne, schwarze, tiefliegende Augen und sehr buschige Augenbraunen. Auf dem Kopfe trugen sie ein kleines Netz von Opossum-Haaren, das ihnen fast die Augen verdeckte, so daß sie es zurückschlagen mußten, wenn sie etwas genauer sehen wollten. Die meisten hatten eine feuerfarbene Binde, woran ein kleines Schurzfell hing, um den Leib geschlungen und ihre Haut war so glänzend, wie polirtes Ebenholz. Wie Kolbi seinem Freunde schon früher erzählt hatte, reiben sie sich den Körper mit Fischöhl ein, wichsen sich also gleichsam, wie wir unsere Schuhe und Stiefel. Lange konnte William nicht begreifen, womit sie sich den Kopf geschmückt hatten, der einige Aehnlichkeit mit dem eines Stachelschweins durch einen höchst seltsamen Aufputz hatte, bis Kolbi ihm erklärte, daß seine Landsleute sich das Haar mit einer Art von Gummi zusammenklebten und es dann mit Fischgräten und Vogelknochen besteckten. Viele von den Wilden waren vom Kopfe bis auf die Füße tätowirt, d. h. mit weißer und rother Farbe bemalt; Kolbi erklärte ihm, daß sie sich mit der rothen bemalten, wenn es in den Kampf gehen sollte, mit der weißen aber, wenn zum Tanze. Sehr häßlich machten sie die breiten weißen Ringe, die sie sich unter den Augen von einer weißen, unserer Kreide ähnlichen Erde gemacht hatten. Allen Männern fehlte ein Vorderzahn, den man ihnen unter großen Ceremonien ausreißt, so wie sie in das Jünglingsalter treten. Ihr Haar ist übrigens nicht kurz, kraus und wollig, wie das der Neger, sondern vielmehr glatt, lang und sehr schwarz; es könnte eine Zierde an ihnen sein, wenn sie es nicht =à la= Stachelschwein frisirten.
Alle ohne Ausnahme waren bewaffnet, selbst die Knaben trugen eine Art von Wurfspieß; Andere hatten eine Keule, die sie _Waddis_ nannten oder Stangen (_Womerra_), Schilde, Lanzen, Bogen und Pfeile, steinerne Aexte u. s. w. Diese Waffen sind reich mit ausgeschnitzten Figuren verziert, die oft nicht ohne Anmuth sind. Sie führen immer Feuer mit sich, weil sie es, des vielen unverbrennbaren Holzes wegen, schwer anmachen.
Ihre musikalischen Instrumente, worauf sie aber wirkliche Töne hervorbrachten, bestanden in einer Art von Rohrflöte oder vielmehr Pfeife, die sie aber nicht mit dem Munde, sondern mit den _Naslöchern_ spielten, was sich seltsam genug annahm. Andere Musikanten hatten plumpe Leyern mit drei Saiten und noch andere Muscheln, die man See-Trompeten nennt und worauf sie Töne hervorbrachten, als sei das jüngste Gericht gekommen. Vom Tacte, von einer Melodie scheinen sie keinen Begriff zu haben; Jeder blies, was ihm einfiel, und dies gab die köstlichste Katzenmusik von der Welt. Dies Alles würde unserm William, für den es völlig neu war, sehr belustigt haben, wenn er nicht für sein Leben hätte fürchten müssen. Die bisher heitre Sonne verwandelte sich aber bald in eine sehr tragische. Ein Knabe, der vielleicht dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte, kam jubelnd mit einem _Opossum_ angeschleppt, das er erlegt hatte. Dies ist ein Thier von der Größe eines Fuchses, hat aber in seinem Wesen viel vom Eichhörnchen; auch nährt es sich nur von Pflanzenkost. Wenn es schläft, rollt es sich wie eine Kugel zusammen; wenn es wacht oder frißt, setzt es sich auf die Hinterfüße, legt den Schwanz auf den Rücken und hält seine Speise mit den Vorderfüßen, wie ein Affe. Es hat auf dem Rücken lange braune Haare, die nach dem Bauche zu in's Gelbliche fallen. Wird es verfolgt, so stößt es ein rauhes Geschrei aus. Die Augen sind groß und klug, die Schnauze ist sehr spitz. Will es auf den Bäumen von einem Zweige zum andern springen, so wickelt es seinen langen Rollschwanz um einen Ast und springt dann mit dem übrigen Theile seines Körpers. Das Opossum gehört zu den Beutelthieren, wovon es so verschiedene Arten in Australien giebt.
Kaum hatten die Wilden den armen Knaben mit seiner Beute erblickt, so sprangen alle, welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem Geschrei:
»Tapu! Tapu!«
auf, schwangen ihre Waffen und umringten den zitternden Knaben, der erschrocken seine Beute hatte fallen lassen und vor Schrecken am ganzen Leibe zitterte. Der Zauberer oder Priester, welcher bisher unbeweglich, einer Statue gleich, unter seinem Baume gesessen hatte, erhob sich jetzt auch; seine Augen funkelten vor Zorn und drohend schwang er sein großes steinernes Messer über seinem Haupte. Alles machte dem Zornigen ehrerbietig Platz, so daß er sich ungehindert dem armen Knaben nähern konnte, der vor Angst auf seine Knie niedergesunken war und seine Arme kreuzweis über die Brust gelegt hatte. Als der Priester bei ihm angelangt war, murmelte er einige unverständliche Worte, die wie das ferne Rollen eines Donners klangen, und senkte dann sein großes Messer tief in die Brust des armen Schlachtopfers, das sogleich umsank und aus dessen Leibe ein dicker Strom von Blut hervorquoll.
Entsetzen ergriff William bei diesem Anblick, während Kolbi so ruhig zusah, als wäre gar nichts geschehen, und nahe war ersterer daran, einen lauten Schrei auszustoßen; er hielt ihn aber zum Glück zurück, denn er würde sie den Wilden verrathen haben und dann wäre ihr Loos gewiß kein besseres gewesen, als das des armen Knaben.
Dieser wälzte sich noch einige Augenblicke in seinem eigenen Blute am Boden, dann wurde er plötzlich still. Das arme Opfer des Aberglaubens hatte ausgelitten: es war todt.
Mit der Freude und dem Feste der Wilden war es jetzt augenscheinlich aus. Man nahm die Waffen auf; man warf Blumen und Kränze zur Erde; die lärmende Musik verstummte und der Zug entfernte sich mit langsamen Schritten und auf die Brust gesenktem Haupte, von dem Priester geführt. Dieser hielt sein blutiges Messer hoch empor und rief von Zeit zu Zeit mit schauerlichem Tone: »Tapu! Tapu!«
-- »Jetzt sind wir sicher,« sagte Kolbi, sich vom Boden erhebend; »sie schiffen sich sofort wieder ein, und kehren nie nach diesem Eilande zurück, da der Tapu durch den Knaben gebrochen worden ist.«
-- »Was aber ist der Tapu?« fragte William, der vor Entsetzen stumm geworden war und erst jetzt seine Sprache wiederfand. -- »Was der Tapu ist?« wiederholte Kolbi und sah ihn verwundert über seine Unwissenheit an. »Der Tapu ist der Tapu,« fügte er hinzu; »weiß William denn das nicht?«
»Nein,« versetzte dieser; »wie sollte ich wissen, was ein Tapu ist? Nur soviel habe ich eben erfahren, daß es etwas Schreckliches ist, da er dem armen Knaben das Leben gekostet hat.«
Unser Kolbi war nicht gelehrt genug, um William die Sache gehörig erklären zu können, auch verstand er sie in der That selbst kaum und wußte nur soviel, daß, wer den Tapu gebrochen, sein Leben verwirkt hat. Da Ihr, meine Theuren, gewiß aber eben so neugierig seid, wie unser William war, will ich Euch die Erklärung nicht vorenthalten.
_Tapu_ oder auch _Tabu_ -- das erstere Wort ist das richtigere -- bedeutet so viel als ein Verbot, dieses oder jenes Thier, diese oder jene Pflanze, einen Stein, ein Haus, ein Feld, kurz irgend eine Sache berühren, das Thier, worauf der Tapu gelegt, tödten, die andern Gegenstände berühren zu dürfen. Es ist dies eine sich selbst auferlegte freiwillige Entbehrung, etwa wie unsere katholischen Glaubensbrüder sich an gewißen Tagen des Fleischgenusses enthalten. Das Wort des Priesters oder des Oberhaupts, ein Traum, den der Eine oder Andere gehabt hat, läßt den Tapu auf eine Sache legen; das Wort bedeutet also dem Sinne nach so viel als _Verbot_.
Dieses Verbot darf, bis es wieder aufgehoben ist, von keinem Mitgliede des Stammes gebrochen werden, und bricht es Einer, so ist er dem Tode verfallen. Der arme Knabe hatte wahrscheinlich vergessen oder überhört, daß der Priester den Tabu über das Opossum ausgesprochen, und als er jetzt mit einem erlegten Thiere dieser Art ankam, war er dem Tode verfallen. Der Ort aber, wo der Tapu gebrochen worden ist, wird von den Wilden als ein entweihter, als ein Ort des Unheils angesehen, daher augenblicklich verlassen, um nie wieder betreten zu werden. Das geschah auch jetzt, und bevor noch eine Stunde verflossen war, befand sich kein Mensch, außer unsern beiden Freunden, mehr auf der Insel.
Wie gern wäre Kolbi, der noch immer an seinen abergläubischen Vorstellungen hing, seinen Brüdern gefolgt; da er aber in ihnen die Feinde seines Stammes erkannt hatte, wagte er es nicht, sondern wollte lieber auf der Insel seinem Schicksale entgensehen.
Zwanzigstes Kapitel.
Der Anblick, den das Haus und dessen Umgebung gewährte, war der niederschlagendste von der Welt. Die Wilden hatten die Hütte nicht nur eingerissen, sondern auch einen Theil der Bretter verbrannt. Von den Geräthen, die mit so großem Fleiße und unter so anhaltender Anstrengung von ihnen verfertigt worden waren, fand man nur einige wenige unter den Trümmern vor, und auch diese waren zum Theil zerstört. Das Behältniß, worin man die Thiere aufbewahrt hatte, war erbrochen und diese selbst fort: ob die Wilden sie getödtet, ob ihnen die Freiheit gegeben hatten? wer vermochte das zu bestimmen?
Unsre Freunde waren so betrübt über den Anblick, der sich ihnen darbot, daß sie ganz verstummt waren und sich mit Augen ansahen, in denen Thränen perlten.
Ein schwerer Gang stand unserm William, der sich mehr als Kolbi für die Gartenanlage interessirte, noch bevor: er wagte es kaum, die Gartenmauer zu ersteigen; denn was konnte er erwarten, als auch in diesem die Gräuel der Verwüstung zu erblicken?
Endlich raffte er sich auf und erstieg die Mauer; als er oben auf derselben stand, verklärte ein Lächeln, das erste nach längerer Zeit, sein Antlitz und mit lauter, freudig bewegter Stimme rief er: »Kolbi! Kolbi!«
Dieser kam auf den Ruf seines Freundes eiligst herbeigerannt und fragte, was es gäbe?
»Freude! Freude!« rief ihm William entgegen. »Unser Garten ist unversehrt und die Melonen stehen in vollster Blüte.« --
Kolbi, der nicht wußte, welch' eine köstliche Frucht die Melone sei, bezeigte weniger Freude, als William erwartet hatte, und sagte sogar verdrießlich:
»Da sie uns alles Andere zerstört haben, hätten sie den Garten auch noch zerstören können!«
-- »So denke und spreche ich nicht,« versetzte William etwas geärgert durch die Gleichgültigkeit seines Freundes; »ich danke vielmehr Gott, daß er uns diese Freude noch ließ.« --
-- »Ich würde deinem Gott auch gedankt haben, obgleich ich ihn noch nicht recht kenne und mich fast so sehr vor ihm fürchte, wie vor dem bösen Geiste _Potayan_, wenn er uns die Hütte und alles Andere auch bewahrt hätte: da nun aber die Hütte in Trümmer liegt und unsere Gefäße zerschlagen sind, hätte er die Blumen immerhin auch mit zerstören lassen können; denn Blumen, und viel schönere als diese, blühen ja überall.«
-- »Wenn du erst einmal die Früchte dieser Blumen gekostet haben wirst,« versetzte William, »dann wirst du anders sprechen; ich aber danke meinem Gott, der ein freundlicher Gott ist, für die kleine Gabe, wie für die große.«
Er verließ mit diesen Worten Kolbi, um nach seinen Orangenbäumchen zu sehen, die ihm fast eben so sehr am Herzen lagen, als die Melonen, obgleich er wußte, daß er noch viele Jahre würde warten müssen, bevor er von ihnen Früchte zu ernten erwarten durfte. Zu seiner nicht geringen Freude waren auch sie, wie alles Andere, unversehrt; ja sie hatten während der Regenzeit artige Blättchen getrieben und sahen ganz frisch und kräftig aus.
Als er Alles gehörig besehen hatte und eben wieder zu Kolbi zurückkehren wollte, der traurig neben den Trümmern der Hütte saß, hörte er die Worte rufen:
-- »Gieb Futter! Gieb Futter!«
-- »Ach! da bist auch du noch?!« rief er freudig bewegt aus und ging auf die Gegend zu, von welcher der Ton gekommen war. Lange konnte er das artige Thierchen nicht finden; es hatte sich unter der Gartenmauer verkrochen, verrieth sich aber bald durch seinen wiederholten Ruf: »Gieb Futter! Gieb Futter!«
Endlich entdeckte William seinen Schlupfwinkel, und als er die Hand hineinsteckte, hüpfte das artige Thier -- Ihr werdet schon errathen haben, daß es der Königspapagei war -- ihm auf dieselbe, und sah ihn mit klugen Blicken an, als er es in die Höhe hob.
William trug ihn sogleich zu dem trauernden Kolbi, dessen Gesicht beim Anblick seines Lieblings vor Freude verklärt wurde. Der Verlust des Papageis war ihm fast eben so nahe gegangen, als der der Hütte und alles Andern, und so hatte er durch das Wiederfinden desselben auch seine Freude in der Trübsal. Er nahm ihn von Williams Hand auf die seinige und streichelte ihn mit der andern, was das Thierchen sich willig gefallen ließ.
-- »Höre,« sagte dann Kolbi, »nun mag ich deinen guten Geist, den du Gott nennst, schon besser leiden; daß er uns den lieben Vogel wieder gab, war wirklich recht gut von ihm.«
-- »Du wirst den lieben Gott schon noch näher kennen und ihn dann eben so lieben lernen, wie ich ihn liebe,« war Williams Antwort.
-- »Wenn er aber so gut ist, wie du sagst,« versetzte Kolbi, »weshalb ließ er denn die Feinde an das Eiland kommen und unsern Dingo tödten, unsre Hütte zerstören, unsre Gefäße zertrümmern? Du sagst mir immer, daß er eine so große Macht habe und Alles könne, was er wolle; so hätte er ja auch die Feinde abhalten können, uns so großen Schaden zuzufügen und uns in solche Angst zu versetzen?«
»Ich weiß noch nicht,« versetzte William ernst, »wozu es gut und für uns heilsam war, daß wir dieses Unheil erfahren mußten; allein ich hege das feste Vertrauen zu der Gnade, Weisheit und Freundlichkeit meines Gottes, daß er es auch in dieser Prüfung gut mit uns meinte, und daß sie zu unserm wahren Heile dienen werde.«
Kolbi konnte dies noch nicht recht verstehen, sondern schüttelte bedenklich das Haupt und meinte: Gottes Güte offenbare sich nur in dem seinen Geschöpfen verliehenen _Glücke_. Er sollte aber, zu seinem Heile, eines Bessern belehrt und davon überzeugt werden, daß Gott seine Menschen eben am meisten liebt, wenn er ihnen Trübsal sendet. William legte indeß nicht lange die Hände in den Schooß, sondern machte sich sogleich davon, die Trümmer der Hütte zu untersuchen, um zu sehen, ob die Wiederherstellung derselben wohl möglich sein würde. Diese Untersuchung gewährte aber ein ziemlich trostloses Resultat: weit über die Hälfte der Bretter war verbrannt und der noch übrig gebliebene Theil in einem solchen Zustande, daß an den Wiederaufbau nicht gedacht werden konnte; ja, der Rest der Bretter reichte nicht einmal hin, das Dach einer von großen Steinen ausgeführten Hütte zu decken. Das war dann freilich eine ziemlich trostlose Aussicht, um so mehr, da die Höhle noch immer von den Ameisen bewohnt wurde, die sich für immer häuslich darin niedergelassen zu haben schienen. Indeß mußte doch ernstlich auf ein sicheres Obdach gedacht werden, da, wenn wieder ein Unwetter eintreten sollte, sie ohne ein solches nicht hätten sein können.
Die Sache hatte indeß große Schwierigkeiten, denn einestheils hatte man bereits die in der Nähe aufzutreibenden größern Steine zur Umzäunung des Gartens benutzt, und die Gartenmauer wieder einzureißen, dazu konnte William sich nicht verstehen, da er sich des vielen vergossenen Schweißes erinnerte, unter dem sie die nöthigen Steine herbeigeschafft und aufgethürmt hatten; anderntheils wurden zum Bau der Hütte eine so große Menge von Steinen erfordert, daß man Monate lang daran hätte schleppen müssen, und doch war das Bedürfniß eines schützenden Obdachs so dringend. Die Mauern, welche die Hütte bilden sollten, mußten von einer doppelten Lage von Steinen aufgeführt werden, damit sich die eine Lage gegen die andere stütze; denn man hatte ja keinen Mörtel, um die Steine gehörig miteinander zu verbinden und aneinander zu befestigen.
»Es sieht sehr schlimm um uns aus,« sagte William zu Kolbi, der sich wie ein Kind noch immer mit dem wiedergefundenen Papagei beschäftigte und für nichts Anderes Sinn zu haben schien, »es sieht sehr schlimm um uns aus, und wir werden, fürchte ich, noch manche Nacht unter freiem Himmel zubringen müssen, bevor wir wieder eine neue Hütte haben werden.«
»Daß wir unter freiem Himmel schlafen, ist nicht nöthig,« versetzte Kolbi mit gleichgültigem Tone; »für mich wäre das übrigens kein allzugroßes Unglück, da ich daran gewöhnt bin,« fügte er hinzu, »und Regen und Unwetter wird es sobald wohl nicht wieder geben: hat doch der böse Geist alles Wasser ausgegossen und muß erst neues wieder sammeln, um es über uns auszuschütten.«
»Ich aber fürchte mich davor, unter freiem Himmel übernachten zu müssen,« nahm William wieder das Wort, »weiß ich doch, wie nachtheilig das auf meine Gesundheit wirkt.«
»Nun, so arbeiten wir nur am Tage hier,« versetzte Kolbi, »und kriechen Nachts in die Höhle des Koala, die nicht allzuweit von hier ist. Das Thier wird sie uns schon noch längere Zeit abtreten müssen und sollte es sich zudringlich zeigen, so haben wir ja noch unsere Axt, um es todt schlagen zu können.«
William, der an diesen Ausweg nicht gedacht hatte, war sehr erfreut über Kolbis Vorschlag und nahm ihn mit Freuden an. Dann wurde sogleich zum Werk geschritten: man räumte die Trümmer weg, legte alles brauchbare Holz auf die Seite, reinigte den Boden und schleppte Steine herbei, welches letztere freilich eine unendlich mühsame Arbeit war, da man die Steine zum Theil sehr weit suchen mußte. Indeß verlor man trotz dem den Muth nicht und auch die Kräfte reichten aus, da man sie durch eine gehörige Nahrung und einen gesunden Schlaf wieder stärkte.
Auch für eine größere Bequemlichkeit in der Höhle des armen Koala wurde gesorgt, indem man sie so erweiterte, daß Beide bequem Platz nebeneinander fanden, und man den Boden mit ausgerauftem Grase bedeckte, das ein weiches, duftiges Lager bildete.
Man arbeitete unausgesetzt den ganzen Tag über, mit Ausnahme der Zeit, deren man zur Zubereitung und zum Genusse der Speisen bedurfte, und schon nach etwa vierzehn Tagen hatte die Steinmauer, die man in einem regelrechten Viereck aufführte, die halbe Höhe ihres Leibes erreicht. Mit herzinniger Freude sahen unsere Freunde ihr mühsames Werk mit jedem Tage mehr wachsen, und so sauer ihnen auch manchmal der Transport der schweren Steine wurde, die noch obendrein bergauf geschleppt werden mußten, so hörte man doch keine Klage von ihnen, und unter fröhlichen Gesprächen und Gesängen schritt das Werk vorwärts.
Die Melonen waren indessen auch nicht faul, und gaben sich Mühe zu wachsen, wie mir einstmals ein kleiner Knabe naiv von den über Nacht aufgebrochenen Blumen sagte. Die Ranken breiteten sich bereits über eine große Fläche des Bodens aus und die Blätter hatten eine in Europa nicht vorkommende Größe erreicht; unter ihnen aber reifte still die herrliche, saftreiche und duftige Frucht, die hier, unter dem heißen Himmelsstriche, die Größe eines mäßigen Kürbis erreicht. Es war der Samen der schönen Netzmelone gewesen, den William gefunden und der Erde anvertraut hatte. Jeden Tag bildete sich das weißliche Netz deutlicher auf der grüngelben Fläche der Frucht aus, und endlich ließ sich eine davon bereits etwas weicher anfühlen, so daß William meinte, man könne schon zum Genusse derselben schreiten.
Es würde mir schwer werden, Euch zu beschreiben, mit welchen Empfindungen unser Freund sein Messer hervorzog, um die Frucht abzuschneiden; ich möchte sie eine heilige nennen, denn seine Seele war mit Dank gegen Gott, den Geber alles Guten, erfüllt; Kolbi aber stand ziemlich gleichgültig dabei und sah zu, wie William die Melone abschnitt und aufhob; ihn ergötzte noch nichts daran, als die Größe der Frucht und ihr ungewohntes Ansehen; Gott für die Gabe zu danken, kam ihm aber nicht in den Sinn.
William trug indeß die Melone unter einen großen Gummi-Baum, holte ein Stückchen Brett herbei, legte es auf den Boden und die Melone darauf, um sie auf diesem improvisirten Teller zu zerschneiden. So wie das Messer hineindrang, fuhr ein hochgelber Saft aus der Wunde hervor, die er der Frucht beigebracht hatte, so daß ihm das Wasser schon im Munde zusammenlief; dann schnitt er ein Paar tüchtige Schnitte ab und gab erst Kolbi eine, dann nahm er selbst eine andere und biß hinein. O, wie süß schmeckte die Frucht, wie duftig, wie labend war sie, wie angenehm kühlend!
Kolbi sagte nichts, aber nicht, weil ihm die Melone nicht schmeckte, sondern weil sie ihm _so gut_ schmeckte, wie noch nie etwas in seinem Leben; das Entzücken beraubte ihn der Sprache und er kaute mit beiden Backen.
»Nun,« sagte William, der ihm mit Vergnügen zusah, »nun, wie schmeckt Dir die Melone? und war es nicht ein Glück, daß die Feinde die lieben Pflänzchen verschonten? Gelt, Du hast jetzt auch Deine Freude daran, Kolbi?«
»Ein großes Glück war es, daß sie die Pflanzen nicht auch zerstörten, wie alles Andere,« versetzte Kolbi, indem er sich die vom Safte der Frucht beträufelten Finger ableckte -- denn ein manierlicher Esser war der arme Wilde noch keineswegs; -- »ein großes Glück, William! Du aber bist sehr geschickt, daß Du solche gute Melonen machen kannst! ich könnte das nicht!«
»Ich habe sie nicht gemacht,« war Williams Antwort; »sie ist eine Gabe unseres lieben Vaters im Himmel, des guten Gottes.«
»O, Du willst mir etwas vorlügen,« sagte Kolbi schlau lächelnd; »aber Kolbi ist nicht so dumm, Kolbi hat gesehen, wie Du die Melonen gemacht hast, und er glaubt Dir nicht, daß Dein Gott sie gemacht habe.«
»Ich konnte nichts weiter thun, als daß ich die gefundenen Kerne in die Erde steckte,« versetzte William; »aber diese Kerne waren ein Werk, ein Geschenk Gottes, und er gab Sonnenschein und Regen und das liebe Erdreich dazu, in denen sie wuchsen und gediehen; ich konnte weder die Erde, noch Sonnenschein und Regen machen, das konnte nur Gott.«
Kolbi antwortete seinem Freunde nicht, denn er war noch nicht im Stande, ihn zu verstehen; er starrte aber lange vor sich hin, als wenn er recht ernstlich über die Sache nachdächte, dann sagte er:
»Höre William, wenn es wahr ist, daß dein Gott die Melonen gemacht hat -- und ich glaube es Dir, weil Du Kolbi noch niemals belogen hast -- so will ich ihn auch lieb haben, lieber als den guten Geist _Koyan_, den wir anrufen, wenn wir in Noth sind oder etwas haben wollen; denn Koyan kann so gute Melonen nicht machen. Wenn meine Brüder diese Melonen schmeckten, und ich ihnen sagte: die hat der Gott der weißen Leute gemacht, so würden sie ihn auch lieben, wie ich ihn jetzt liebe.«
»Thue das,« versetzte William gerührt, »und danke ihm zugleich für die herrliche Gabe.«
»Kann er denn meinen Dank hören?« fragte Kolbi verwundert und sah sich fast ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte er, Gott, zu erblicken.
»Wohl kann er das,« versetzte William.
»Er ist ja aber nicht da und ich sehe ihn nirgends?«
»Er ist _unsichtbar_, aber _überall_,« war die Antwort.
Das verstand Kolbi wieder nicht, selbst da nicht, als William ihn darauf aufmerksam machte, daß man in seinem Lande doch auch an einen guten und bösen Geist glaube, obgleich ihn keiner gesehen.
»O, die hat man wohl gesehen!« versetzte Kolbi.
»Sahst Du sie denn je?« fragte William.
»Nein, ich nicht, auch keiner meiner Brüder; aber die Zauberer sahen sie und sprachen mit ihnen,« versetzte Kolbi.
»Das glaube ich nicht,« erwiederte William; »Eure Zauberer sind Lügner, wenn sie das sagen; den guten Geist, wie Ihr den nennt, den wir Gott nennen, sieht Niemand, hört Niemand: er ist unsichtbar, wie ich Dir schon gesagt habe.«
»Wie aber weiß man denn, daß er da ist?« fragte Kolbi.
»Man erkennt sein Dasein an seinen Werken.«
Das war wieder zu hoch für unsern armen, unwissenden Wilden; William aber wollte ihm die Sache gern deutlich machen und fuhr fort: