Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Part 13
Die Richtigkeit seiner Voraussage sollte sich auch diesmal bewähren: immer stärker und hohler braußte das Meer; immer heftiger und anhaltender wurden die Windstöße; immer schwärzer überzog sich der Himmel: immer stärker wurde das Rollen des Donners, das bald zu einem furchtbaren Krachen und Prasseln wurde, dem zackige Blitze jedesmal vorangingen, und nicht lange, so fielen große, schwere Regentropfen vom Himmel nieder. Es war ein Glück für unsre Freunde, daß Kolbi die Naturerscheinungen so genau kannte; denn sehr schlimm würde es für sie gewesen sein, wenn sie sich nicht gehörig mit Vorräthen versehen hätten. Während des Unwetters Pataten aus der Erde zu graben, sie in die Hütte zu bringen, das wäre völlig unmöglich gewesen. Der Regen ergoß sich nicht etwa wie bei uns, sondern beständig, wie ein heftiger Platzregen, der alle Niederungen schon nach wenigen Stunden in Sümpfe und Pfützen verwandelt hatte. Der sonst so sanft und ruhig dahinfließende Bach war bald zu einem reißenden Strome geworden und überschwemmte, aus seinen Ufern getreten, die umliegenden Gegenden. Er erhielt immer neue Nahrung von den kleineren Bergquellen, die sich in ihn ergossen und die ganze Niederung, das ganze früher so lachende Thal wurde in einen einzigen großen See verwandelt.
Dabei rollte der Donner fortwährend in den Lüften; zackige Blitze durchzuckten die dunklen Wolkenmassen und fuhren bald in diesen, bald in jenen Baum, dessen Spitzen sie abbrachen oder den sie gänzlich niederstürzten, so daß er krachend zu Boden fiel.
Die Gewitter halten in diesen Gegenden nicht, wie bei uns nur einige Stunden, sondern fast immer mehrere Tage an, auch sind sie weit furchtbarer. Die ganze Natur scheint bei ihnen in Aufruhr zu sein und Alles tritt aus seiner gewohnten Ordnung.
Da es das erste Gewitter der Art war, welches William erlebte, erschreckte es ihn zu Anfang nicht wenig; bald aber gewöhnte er sich auch daran, und jetzt gewährte ihm das wirklich großartige Schauspiel sogar Genuß.
Die Hütte legte bei diesem Unwetter ihr Probestück ab und lobte ihre Baumeister. Obschon nur von Brettern aufgebaut und mit Brettern gedeckt, trotzte sie doch den sich vom Himmel herabstürzenden Fluthen und ließ auch nicht _einen_ Tropfen Wasser durch, so daß sie Menschen und Thieren den vollkommensten Schutz gewährte. Die letztern bezeigten sich furchtsamer als Kolbi, der auch nicht die geringste Aengstlichkeit verrieth. Er verrichtete alle ihm obliegende Geschäfte so ruhig, als wäre kein Aufruhr in der Natur gewesen; dagegen heulte der Dingo fast unaufhörlich und die Papageien schrieen ganz erbärmlich, indem sie zugleich mit den Flügeln schlugen, als wollten sie den Regen, von dem sie doch nicht getroffen wurden, abschütteln.
William, der jetzt wieder ganz ruhig und gefaßt geworden war, dachte daran, diese schlimme Zeit zu einer Arbeit zu benützen, die eigentlich schon längst hätte beschafft werden müssen, aber immer aufgehoben worden war, weil es draußen nothwendigere Dinge zu thun gab. Der Mangel an Gefäßen, worin man etwas aufbewahren, namentlich, worin man einen Vorrath von Wasser sammeln konnte, war unsern beiden Einsiedlern schon lange empfindlich gewesen, und jetzt, wo man doch nichts anderes beginnen konnte, sollte endlich demselben abgeholfen werden.
Man besaß noch einige Holzblöcke, die vermuthlich die Trümmer von dem großen Maste des gestrandeten Schiffs, auf dem William gereist war, oder eines andern Schiffes waren. Man hatte sie an einem Tage, wo man das Meer besuchte -- und dies geschah fast täglich, da man ämsig nach einem rettenden Schiffe umherspähte -- am Strande gefunden und sie, ihrer Nützlichkeit wegen, in die Hütte gebracht. Dies war freilich, bei ihrer Größe und Schwere, eine mühselige Arbeit gewesen, bei der unsre Beiden manchen Schweißtropfen vergießen mußten; aber sie scheuten solche Anstrengungen nicht, und so war ihnen das saure Werk gelungen. William forderte Kolbi auf, ihm behülflich zu sein; man legte die Holzstücke auf eine Art von Stellage und schnitt dann mit der Säge Stücke von 1 Fuß oder 1½ Fuß Länge davon. Da sie von einem Maste abstammten, hatten sie von selbst eine runde Form; man hatte also nur nöthig, sie sorgfältig auszuhöhlen, was man vermittelst eines Meissels mit nicht allzugroßer Mühe that. Freilich war auch diese Arbeit keine leichte und ein Drechsler würde in wenigen Minuten vielleicht zu Stande gebracht haben, wozu sie bei dem angestrengtesten Fleiße einen ganzen Tag bedurften; aber dies schreckte sie nicht, und drei bis vier hübsche Gefäße wurden fertig, wovon eines sogleich zum Trinktrog für die Thiere bestimmt wurde.
Außerdem verfertigte Kolbi, der sich darauf verstand, noch einige allerliebste Körbe von einem sehr starken Grase, das auf den Inseln Australiens gefunden und von den Europäern neuseeländischer Flachs genannt wird. Die Fasern dieses Grases sind so stark und biegsam, daß man angefangen hat, Anker- und andere Schiffstaue davon zu machen, die an Haltbarkeit bei weitem die von Hanf gemachten übertreffen sollen.
Von diesem trefflichen Grase hatte Kolbi schon vor einiger Zeit eine gute Portion neben der Hütte aufgehäuft, weil man schon lange mit der Idee umgegangen war, Körbe und Körbchen davon zu flechten.
Während nun William den Drechsler spielte, machte sich Kolbi an die Körbe, und er gab seinem Freunde Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu bewundern. Mit unglaublicher Schnelle machte er das artigste Körbchen von der Welt fertig, und es fehlte ihm sogar nicht einmal an Zierlichkeit und angenehmer Form. Er verstand runde und längliche zu machen und versah jedes Körbchen mit so festen Henkeln, daß man ihm etwas anvertrauen konnte, ohne fürchten zu müssen, daß der Inhalt auf die Erde fiele.
So verstrich denn auch diese Zeit, die sonst so trüb und unangenehm für sie gewesen sein würde, auf eine wirklich angenehme Weise, indem sie während derselben sich unausgesetzt einer lohnenden, nützlichen Thätigkeit befleißigten. Ja, das Unwetter hätte noch weit länger dauern können, ohne ihnen lästig zu fallen, um so mehr, da ihr Vorrath an Pataten noch immer ausreichte, Dank sei es der Fürsorge Kolbi's.
Endlich schien die bisher sich so empört gezeigt habende Natur in ihr früheres Geleis zurücktreten zu wollen, nachdem das Unwetter etwa acht Tage angehalten hatte. Eine ordentliche Regenzeit, die fünf bis sechs Wochen zu dauern pflegt, wie man sie in andern tropischen Ländern[3] zu finden gewohnt ist, giebt es in Australien nicht. Die Stelle derselben vertreten ziemlich starke und länger als bei uns anhaltende Gewitter und Regengüsse, die aber die Natur außerordentlich erfrischen und den Pflanzenwuchs befördern.
[3]: Tropische Länder nennt man solche, die zwischen den Wendekreisen liegen.
Das Gewitter hatte schon längere Zeit aufgehört; der Sturm legte sich nach und nach, auch der Regen fiel nicht mehr in Strömen, sondern bereits in kleineren Tropfen. Am Abende des achten Tages regnete es noch etwas, als man aber am Morgen des neunten erwachte, lachte die Sonne hell vom heitersten Himmel herab.
Unsere Freunde konnten jetzt wenigstens aus der Hütte in's Freie hinaustreten, wenn sich gleich noch nicht in das gänzlich überschwemmte Thal wagen. Ihr erster Gang war in den Garten, um nach ihren lieben Pflanzen und Pflänzchen zu sehen.
Hätten sie den Garten unten im Thale angelegt, so würde es vermuthlich übel um die jungen Orangen- und Melonenpflanzen ausgesehen haben; aber zum Glück lag er an einem Abhange des Hügels, auf dem die Hütte stand, und so hatten ihre kleinen Anlagen nicht den mindesten Schaden gelitten. Im Gegentheil, es war bewunderungswürdig, wie sie gewachsen waren, seit man sie zuletzt gesehen. Die Orangen hatten schon allerliebste Blättchen und die Melonen fingen bereits an, sich auf dem Boden auszubreiten.
Williams Freude bei diesem Anblick könnt Ihr Euch vorstellen, meine geliebten Kinder. Der Eine oder Andere von Euch besitzt gewiß auch ein Gärtchen oder doch ein Beet, worauf er säen, pflanzen und wirthschaften kann und wird in diesem Falle mitempfinden können, was unser William empfand, als er Alles so weit gediehen erblickte. Mir ist es wenigstens als Kind oft so ergangen, daß ich Abends vor Ungeduld kaum einschlafen konnte, wenn irgend eine schöne Blume auf meinem Beete sich zu entfalten, ihren farbigen Kelch dem Lichte zu öffnen im Begriff war; und früh, wenn kaum der junge Morgen sich im Osten zeigte, wenn noch die glänzenden Thauperlen an den Spitzen der Gräser hingen, war ich schon wieder im Garten und stand entzückt vor meiner lieben, lieben Blume. Dieser Freude an der Natur und dem, was sie hervorbringt, habe ich vielleicht meiner Gewohnheit, früh aufzustehen, zu verdanken, für die ich Gott nicht genug danken kann. Die Natur ist am Morgen am schönsten, der Mensch selbst am frischesten und am besten zur Thätigkeit aufgelegt. Dies habe ich erkannt und mich daher bei der guten Gewohnheit erhalten. Die meisten von den vielen Büchern, die Euch und andern gute Kinder schon erfreut haben, sind in solchen Stunden geschrieben worden, in denen der gern spät aufstehende Großstädter sich noch im warmen Bette dreht. Macht es so wie ich, und Ihr werdet, meine Geliebten, viele Zeit, ein gutes Wohlbefinden, Kraft und Munterkeit dadurch gewinnen.
William konnte sich nicht satt sehen an seinen Pflänzchen und auch Kolbi stimmte in seine Freude ein, obgleich er noch keinen Begriff davon hatte, welche köstliche Früchte sowohl die Melonen, als die Orangen zu tragen bestimmt waren. Die Früchte der erstern sollte er jedoch bald kennen lernen; denn die Pflanzen wuchsen, daß man hätte glauben sollen, sie wachsen zu sehen.
Neunzehntes Kapitel.
Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie angenehm die Luft, wie erfrischt Alles nach diesem anhaltenden Regen und nach der Entladung der Luft durch das Gewitter von allen in ihr angehäuften Unreinigkeiten war. Alle Pflanzen glänzten, dufteten und standen kräftiger. Es dauerte auch nicht gar lange, so hatte der Boden das überflüssige Wasser eingesogen und unsre Beiden konnten sich wieder in das Thal hinabwagen, wo der schöne Bach seine gewöhnlichen Ufer wieder gefunden hatte.
Unsre Einsiedler konnten jetzt auch wieder ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen und sich durch die Jagd einen leckern Braten verschaffen; ja, wie der Mensch ungenügsam von Natur ist, William bezeigte sogar ein Gelüste nach Fischen, so daß er darauf dachte, von dem zähen neuseeländischen Flachse ein Netz zu machen, in dem er am Meere die harmlosen Bewohner der kühlen Fluth zu fangen gedachte. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: hart am Strande waren keine Fische und an einem Kahne fehlte es ihnen, weil William nicht die Vorsicht gebraucht hatte, das Canot, auf dem Kolbi hergekommen, gehörig zu befestigen: die nächste etwas hochgehende See hatte es also mit sich fortgerissen.
Indessen verzweifelten unsre Freunde keineswegs daran, auch noch ein Canot herzustellen; sie trauten sich, im Besitze ihrer Geräthschaften, schon immer mehr und mehr zu, besonders da sie mit jedem Tage geschickter in der Handhabung derselben wurden. Ein Baumstamm konnte vermittelst der Säge und der Axt in wenigen Tagen gefällt werden und das Aushöhlen desselben durch darin angezündetes Feuer verstand Kolbi sehr gut. Es wurde also beschlossen, schon in den nächsten Tagen zum Werke zu schreiten und es kam nur noch darauf an, einen passenden Baum zu finden.
Dieser Plan, der gewiß von ihnen ausgeführt worden wäre, sollte aber durch ein schreckliches Ereigniß, das sich mit ihnen zutrug, zu Wasser werden.
An einem Morgen, als sie aus dem Schlafe erwachten und sich eben anschicken wollten, ihr Frühstück zu bereiten, kam der Dingo, welcher bereits die Hütte verlassen hatte, mit einem kläglichen Geheul angerennt und zu ihrem nicht geringen Entsetzen sahen sie, daß in seinem Fell ein Pfeil hing. Das arme Thier schüttelte sich, um die ihn auf den Tod verwundende Waffe los zu werden, aber es war vergeblich! der Pfeil stack fest, und winselnd kroch er, seine Gebieter mit dem der Wunde entquillendem Blute bespritzend, zu ihnen heran. Kolbi war sogleich bereit, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen, um seine Qual zu enden; allein der arme Waldmann war auf den Tod getroffen, und schon nach wenigen Augenblicken verendete er zu den Füßen unserer erschrockenen Colonisten.
Dies war, da man das gute Thier sehr lieb gewonnen hatte, freilich schon an und für sich ein trauriges Ereigniß und sie konnten sich nicht enthalten, ihrem treuen und zuthunlichen Genossen eine Thräne nachzuweinen; allein die Sache hatte eine noch weit schlimmere Seite; es mußte eine Menschenhand, die eines Wilden gewesen sein, die den Pfeil auf den Dingo abgeschossen hatte; denn Europäer würden das Thier mit andern Waffen erlegt haben.
Dieser Gedanke drängte sich Beiden zugleich auf, und die größte Furcht bemächtigte sich ihrer. Was sollte aus ihnen werden, wenn Wilde an der Insel gelandet wären und sie vielleicht durchstreiften? Ihr Schicksal war nicht zweifelhaft, wenn sie diesen in die Hände fielen: man würde sie ergreifen, tödten und verzehren.
Nachdem sich ihr Schmerz über den Tod des treuen Thieres etwas gelegt hatte, waren sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht, und Kolbi, der behender als William war, schlug vor, daß er den höchsten Baum des nächsten Hügels erklimmen wolle, um von diesem hohen Standpunkte aus die Insel zu überschauen, während William am Fuße desselben auf seine Berichte wartete. Gesagt, gethan! Schnell wie ein Eichhörnchen erklomm Kolbi den hohen Eukalyptus, aber weit schneller noch, als er hinaufgeklettert war, kam er, ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder herab, ergriff Williams Hand und rief ihm mit dem Tone des Entsetzens zu:
-- »Fort! Fort! sie kommen!«
William folgte ihm wie betäubt; doch verlor er selbst in diesem furchtbaren Augenblicke seine Besinnung und Besonnenheit nicht. Er bat Kolbi, ihm zur Hütte zu folgen und hier angelangt, bepackte er ihn und sich selbst mit ihren besten, unentbehrlichsten Geräthschaften, wozu auch die von Kolbi verfertigten Waffen gehörten, und dann erst ergriffen Beide die Flucht.
»Wohin aber?« fragte man sich. Die Insel war, wie sie jetzt wußten, nur von geringem Umfange und bot nirgends einen sichern Versteck dar, sie hätten einen solchen dann in den höchsten Gipfeln der Bäume des nahen Waldes suchen müssen. Zwar dachte man an die Ameisenhöhle, wie man die Höhle neben der Hütte nach dem Besuche der lästigen Thierchen nannte; allein man verwarf diesen Gedanken sogleich wieder, da sie zu nahe bei der Hütte lag. Es stand mit Recht zu vermuthen, daß die Wilden, so wie sie die Hütte entdeckten, auf Menschen schließen würden, die sie erbaut und bewohnt hätten, und in diesem Falle würde man sie in der nahe gelegenen Höhle zuerst suchen. Schon auf dem Wege in den Wald kam William noch ein guter Gedanke und er theilte ihn Kolbi mit: man wollte die Hütte durch Niederreißen zerstören, um den Wilden Glauben zu machen, daß sie bereits seit längerer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden sei. Man kehrte also, so dringend auch die Gefahr bereits war, nochmals zur Hütte zurück, bediente sich der Axt, die das Dach tragende Pfähle umzuhauen, und sah schon nach einer kurzen Frist in Trümmer zusammensinken, was man mit so großer Mühe und Anstrengung aufgebaut hatte.
Jetzt erst dachte man an eilige Flucht. Es war aber auch die höchste Zeit, denn kaum hatte man den schützenden Wald erreicht und sich hinter dichtem Gebüsch verborgen, so sah man die Wilden in dicken Schaaren über den Hügel herabkommen, an dessen Abhange die kleine Besitzung lag. Unsere Beiden waren noch so nahe, daß sie deutlich Alles unterscheiden und sogar den Ruf einzelner Stimmen vernehmen konnten.
Bald drängte sich Alles auf _einer_ Stelle zusammen und bildete einen dichten Menschenknäuel: ohne Zweifel hatte man die Trümmer der Hütte entdeckt und war verwundert, in dieser Einöde die Reste einer menschlichen Wohnung zu finden. Bald sah man auch einzelne Wilde die Spitze des Hügels erklimmen und sich sorgfältig nach allen Seiten umsehen, als suche man Etwas; allein zum Glücke waren unsre Beiden gut versteckt durch das dichte Gebüsch, und die Späher kehrten zu den Uebrigen zurück, ohne Etwas entdeckt zu haben.
Man durfte aber nicht in dieser Nähe weilen, weil es den Wilden jeden Augenblick einfallen konnte, in das Gebüsch zu dringen und es zu durchsuchen. Unsre Flüchtlinge setzten daher, so eilig sie konnten, ihren Weg weiter fort und drangen immer tiefer in das Gehölz ein. Aber bald waren sie auch hier nicht mehr sicher, denn schon vernahm ihr Ohr am Eingange des Waldes verwirrte Stimmen, und so wälzte sich der Schwarm, aller Wahrscheinlichkeit nach, hieher. Ihre Angst erreichte den höchsten Gipfel und sie wußten nicht, wohin ihre Zuflucht nehmen; da sahen sie in einer geringen Entfernung einen Koala oder australischen Bären aus einem dichten Gewinde von Rankengewächsen hervorkriechen, und daraus schließend, daß er dort seine Höhle haben werde, eilten sie auf die Stelle zu. Sie sahen sich in dieser Erwartung nicht getäuscht, und fanden unter dem Gesträuche einen in die Erde hinabgehenden Eingang, der zwar nicht breiter war, als daß sie auf dem Bauche kriechend, in die Höhle des Bären gelangen konnten, ihnen aber für den Fall der Noth doch einige Sicherheit gewährte.
Schnell machten sie sich daran, mit der Axt und ihren Händen, die die Stelle einer Schaufel vertreten mußten, den Eingang zu erweitern, wobei sie sich wohl hüteten, die aufgeworfene Erde umherzustreuen, denn das würde den Wilden ihren Zufluchtsort verrathen haben; sie warfen sie vielmehr zwischen die Ranken und vertilgten mit großer Sorgfalt jede Spur ihrer mühsamen Arbeit.
Diese wurde über alle Erwartung belohnt; denn kaum hatten sie die Oeffnung einige Fuß tief erweitert, so dehnte sich die Höhle aus und wurde endlich so breit und geräumig, daß sie, wenn auch nicht aufrecht darin stehen, doch darin sitzen konnten.
Ein Knurren und Brummen ganz in ihrer Nähe verrieth ihnen, daß die Höhle noch außer ihnen von einem andern Geschöpfe bewohnt sei, wahrscheinlich von einem weiblichen Koala, das hier seine Jungen säugte. Eine solche Nähe konnte ihnen, obgleich sie sich nicht vor dem harmlosen Thiere fürchteten, nicht angenehm sein, schon des üblen Geruchs wegen, den diese Geschöpfe verbreiteten, und so mußten sie sich entschließen, den eigentlichen Besitzer der Höhle aus derselben zu vertreiben, was ihnen nach einigen derben Püffen, die sie dem armen Thiere versetzten, gelang. Knurrend und brummend nahm es, seine Jungen mit sich führend, seinen Abschied und unsre Beiden sahen sich im ruhigen Besitze des usurpirten Zufluchtsorts. Diese Besitznahme war im Grunde eine Ungerechtigkeit; aber die dringende Gefahr konnte ihnen zur Entschuldigung gereichen.
Hier saßen nun unsre Beiden in der tiefsten Finsterniß im Schooße der Erde; ihnen fehlte Alles und doch hatten sie Gott zu preisen, daß er ihnen einen solchen Zufluchtsort gezeigt hatte, der ihnen wenigstens die Hoffnung ließ, ihr Leben zu bewahren. Hand in Hand saßen William und Kolbi da und waren so niedergedrückt, daß sie kein Wort zu reden wagten.
Nicht lange sollte ihre Ruhe dauern. Kaum waren sie eine halbe Stunde in der Höhle gewesen, so drang ein Ton verwirrter Stimmen, das dem Summen eines Bienenschwarmes glich, zu ihren Ohren und sie schlossen daraus, daß die Wilden sich ihrem Zufluchtsorte genähert hätten. In dieser Voraussetzung irrten sie sich nicht: die Wilden hatten wirklich den kühleren Wald zu ihrem Aufenthaltsorte ausersehen und waren zu der Insel gekommen, um hier ein großes Fest zu feiern.
Ihr bisheriger Häuptling war nämlich im Kriege gefallen, und sie wollten einen neuen erwählen, bei welcher Gelegenheit stets große Festlichkeiten von ihnen veranstaltet werden. Zu solchen gehörten vor allen Dingen Schmausereien -- macht man es doch bei solchen Gelegenheiten im civilisirten Europa nicht besser! -- und da ihnen bekannt sein mochte, daß die Insel sehr viel Wildpret hege, waren sie herübergeschifft, um hier ihre Gastmähler zu halten.
Lautes Rufen, Geschrei, Gesang sogar, ließen sich bald ganz in der Nähe vernehmen, und Kolbi, der kühner als sein Freund, auf dem Bauche bis zum Eingange der Höhle vorgekrochen war, sah, vom Gestrüpp und den Rankengewächsen verdeckt, daß man viel trockenes Holz herbeischleppte, um ein großes Feuer anzuzünden. Alles war überhaupt beschäftigt. Einige Wilde trugen Erde und Laub zusammen, woraus sie einen Hügel machten, vermuthlich zum Sitze für den neu zu erwählenden Häuptling; andere schärften ihre Waffen und die Weiber und Kinder trugen Laub und Blumen herbei, aus denen sie Kränze winden wollten.
Unter einem hohen Baume und mit dem Rücken gegen den Stamm desselben gelehnt, saß aber ein Greis, den Kolbi auf den ersten Blick für den _Zauberer_ erkannte, denn so nennen die Wilden ihre Priester. Er war zwar, wie die übrigen Wilden, bis auf ein Schurzfell, welches er um den Leib gebunden hatte, völlig nackt; allein um seinen Hals hatte er ein Gewinde von todten Schlangen, das ihm ein abschreckendes Ansehen gab, und in der Hand trug er ein großes steinernes Messer.
Dieses Messers bedienen sich die Priester, um den jungen Mädchen die beiden ersten Gelenke des kleinen Fingers an der linken Hand abzuhauen; denn wie die Europäerinnen ihre Ohren durchbohren lassen, um Ringe hineinzuhängen, was gleichfalls eine sehr lächerliche Mode ist, so verstümmeln die Wilden ihre Hand und glauben sich dadurch recht schön zu machen.
Dem Zauberer oder Priester näherte sich Alles mit der größten Ehrfurcht, und Keiner würde es gewagt haben, ihm den Rücken zuzukehren.
Während die Männer sich zur Jagd anschickten, sammelten die Weiber die Wurzeln von einer Art von Farrenkraut, die ihnen zur Speise dienen. Sie zerklopften sie mit Steinen und rösteten sie am Feuer; diese nicht eben wohlschmeckende Speise nannten sie _Uga-Due_. Noch Andere sammelten von einem Gummibaum ein grünes Gummi, das sie _Kudi_ nannten. Es vertritt, da es einen scharfen Geschmack hat, die Stelle des Branntweins bei ihnen und sie kauen es beständig. Auch Pataten, von den Wilden _Kumara_ genannt, sammelten sie in Menge zu dem vorhabenden Gastmahle ein. Zu diesen Vegetabilien lieferten die Männer bald Fleischspeisen. Sie schossen mit ihren Pfeilen eine Menge _Kukupas_ (wilde Tauben), einen Dingo, einige Stachelschweine, fliegende Füchse und endlich gar ein Kängeruh, worüber sich ein großes Freudengeschrei erhob, als die glücklichen Jäger damit angeschleppt kamen.
Als William sah, daß sein Freund Kolbi in seinem sichern Verstecke unbemerkt blieb, trieb ihn die Neugierde, auf seinem Bauche auch aus der Höhle hervorzukriechen, um den Treiben der Wilden zuzusehen.