Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder

Part 12

Chapter 123,804 wordsPublic domain

Dieser Fund versetzte unsern William in eine Art von Freudentaumel und es hätte nicht viel gefehlt, daß er die lieben Körner geküßt. Er bereitete für sie eine besondere gute Stelle, reinigte sie von allen Steinchen und legte die Körner, etwa zwei bis drei Fuß von einander entfernt, einen halben Zoll tief in die Erde, was er mit einer Art von heiliger Empfindung that. Damit nicht etwa die Papageyen, deren Genäschigkeit ihm bereits bekannt war, über die _Steffens-Stelle_ -- so hatte er sie im Andenken an den guten Zimmermann benannt -- kämen, die gelegten Körner hervorwühlten und aufpickten, bedeckte er sie mit den Blättern des Farrenkrautbaumes, die ihnen hinlänglichen Schutz gewährten. Er hatte die Vorsicht gehabt, die vermeinten Gurkenkerne von den Orangenkörnen zu trennen, und dies bekam ihm sehr gut, wie die Folge zeigte. Die sich bald über alle Erwartung ausbreitenden, die Größe unserer Kürbispflanzen erreichenden Melonenpflanzen würden die zarten Orangenstämmchen bald überwuchert und gänzlich unterdrückt haben.

Da die Erde überaus trocken war, begoß er sie jeden Abend; allein trotz dem lagen die Körner viel zu lange für seine Ungeduld in der Erde, ohne sich zu zeigen. Endlich aber zuckte das erste grüne Blättchen, das noch die zersprengte Hülse gleich einem Mützchen auf dem Kopfe hatte, aus dem Boden hervor, und der Jubel der Freunde war kein kleiner. Es waren die Melonen, die sich zuerst hervor gemacht hatten; bald aber zeigten die Orangen gleichfalls ihre zarten Spitzen und wuchsen von nun an fröhlich fort.

Wenn Einer von Euch Lieben auch einmal vom Schicksale zum Robinson bestimmt sein und gerade auf dieses Eiland kommen sollte, so werdet Ihr Euch an den herrlichen Früchten dieser Stämmchen laben und unsers Williams dabei gedenken können, der selbst sie nicht genießen sollte. Auch die Melonen dürften sich selbst fortgepflanzt haben und nicht weniger willkommen sein, als die saftigen und duftigen Orangen.

Siebenzehntes Kapitel.

In der kleinen Colonie trugen sich indeß zwei Vorfälle zu, bei welchem William, bei dem erstern mit einem kleinen, bei den letzern aber mit einem großen Schrecken davon kam.

William, der einstmals allein auf der Insel umherstreifte, weil Kolbi eben beschäftigt war, neue Pfeile zu spitzen, ließ sich durch eine ihm sonst nicht eigenthümliche Naschhaftigkeit verleiten, etwas von dem weißröthlichen Stoffe zu kosten, der in leichten Flocken an dem Grase unter den Bäumen hing, die von den Naturforschern =Eucalyptus manniferra= genannt werden. Diese Bäume schwitzen einen solchen Saft in großer Menge aus und streuen ihn auf den unterliegenden Rasen, oder er bleibt auch in leichten Flocken an den zarten Zweigen hängen.

Diese Flocken hatten einen sehr angenehmen, süßlichen Geschmack, und das war es, was unsern Freund verführte, ziemlich viel davon zu genießen. Aber o Himmel! wie schlecht bekam ihm seine Naschhaftigkeit, fast so schlecht wie »_Fritz dem Näscher_,« in dem Euch gewiß bekannten Gedichte, die seinige.

Kaum hatte er das Manna -- denn dieses war es, was er genossen hatte -- zehn Minuten im Leibe, so wurde ihm entsetzlich übel und dabei stellte sich ein Bauchgrimmen ein, wie er es nie zuvor gehabt hatte. Seine Kräfte drohten ihn gänzlich zu verlassen und nur mit der äußersten Anstrengung vermochte er sich nach Hause zu schleppen, wo er wie ein halbtodter Mensch niedersank und in ein solches Aechzen und Stöhnen ausbrach, daß Kolbi erschrocken seine Arbeit niederwarf und ihn fragte: ob er denn todt bleiben wolle?

-- »Ach!« stöhnte William »ich glaube, daß ich irgend ein Gift genossen habe und sterben muß. Armer Kolbi, was soll denn aus dir werden?«

-- »Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch,« versetzte der gute Junge; »ich mag nicht mehr ohne William leben; William ist so gut gegen Kolbi!« Die hellen Thränen traten ihm bei diesen Worten in die Augen und weinend setzte er sich zu seinem, sich wie ein Wurm windenden und krümmenden Freunde nieder; wie er ihm helfen, wodurch seinen Zustand erleichtern solle? das wußte er nicht.

-- »Kolbi,« nahm William nach einer Pause wieder das Wort, »Kolbi, ich glaube nicht, daß ich davon kommen werde, denn die Schmerzen in meinen Eingeweiden sind zu groß, als daß ich sie lange aushalten könnte. Wenn ich aber sterben sollte, dann versprich mir zwei Dinge: erstlich, nicht mit mir sterben, sondern nach Gottes Willen auch ohne mich fortleben zu wollen, und dann, mich ordentlich zu begraben, in dem Gärtchen vielleicht, das wir angelegt haben, und dessen Früchte ich wohl schwerlich noch genießen werde.« -- »Ich will wohl ein großes Loch in die Erde graben und dich hineinlegen, wenn du dich nicht mehr rühren und nicht mehr die Augen aufschlagen kannst,« versetzte Kolbi; »allein wenn du darin liegst, dann grabe ich gleich ein zweites Loch für mich, denn ich will nicht ohne dich leben.«

William wollte ihm aber das Sträfliche eines solchen Vorsatzes auseinandersetzen, als das Manna die Wirkung auf ihn hervorbrachte, wegen welcher es in unsern Apotheken aufbewahrt wird: es ist nämlich ein sehr starkes Abführungsmittel, und da William eine gute Portion davon zu sich genommen hatte, war die Wirkung dem angemessen. Hilf Himmel! wie oft mußte der arme Junge nicht ein entlegenes Plätzchen aufsuchen, um seinem Freunde nicht beschwerlich zu fallen! Wie ermattet, wie elend fühlte er sich nicht, wie oft wünschte er nicht, durch den Tod von seinen Leiden befreit zu werden!

Die ganze Nacht ging es so fort, und erst mit Anbruch des nächsten Morgens legten sich die Schmerzen und die übrigen lästigen Wirkungen des Mannas, so daß er ein wenig einschlafen konnte. Der gute Kolbi saß weinend neben ihm und lauschte auf seine Athemzüge, ob sie auch schon stockten; denn er glaubte nicht anders, als daß sein geliebter William »über das große Wasser hinfliegen« würde, denn die Wilden Australiens stellen sich so den Tod vor.

Einige Stunden ruhigen Schlafs wirkten aber wie ein Wunder: William fühlte sich beim Erwachen wie neugeboren und ganz ohne Schmerzen. Zwar war er noch so matt, als hätte er eine lange Krankheit überstanden, und sah so bleich aus wie einer, der schon lange im Grabe gelegen; aber trotz dem war sein Zustand jetzt doch so, daß er wieder neue Lebenshoffnungen zu schöpfen begann; ja, es regte sich sogar wieder einiger Hunger bei ihm, was, nach der erlittenen großen Ausleerung, eben kein Wunder war.

Als Kolbi sein Verlangen nach Nahrung vernahm, war er sehr vergnügt, denn mit Recht dachte er, daß sein Freund sich jetzt in der Genesung befinden müßte. Er hatte noch ein Stück von einer gebratenen Taube und gab es William, der es mit gutem Appetit verzehrte. Einige Himbeeren, die Kolbi ihm zu seiner Erquickung pflückte, bekamen ihm ganz vortrefflich, indem sie seinen brennenden Durst zugleich löschten. Schon nach zwei Tagen befand William sich vollkommen wieder wohl; so oft er aber einen Mannabaum erblickte, mußte er an sein Abentheuer denken.

Der zweite Vorfall wäre bald weit schlimmer abgelaufen.

Ihr werdet euch erinnern, daß William unter den Sachen des Zimmermanns auch eine silberne Uhr gefunden hatte und sie sehr werth hielt. Er zog sie regelmäßig jeden Morgen auf und stellte sie jede Woche einmal um Mittag, wenn die Sonne gerade über seinem Scheitel stand, so daß sie doch ungefähr die richtige Tageszeit anzeigte. Kolbi sah immer sehr aufmerksam zu, wenn er die Uhr aufzog, denn jetzt fürchtete er sich nicht mehr vor dem »lebendigen Dinge,« wie er sie nannte, nachdem ihm William die Zusammensetzung der Uhr, das Ineinandergreifen der Räder u. s. w. gezeigt und ihm die Sache nothdürftig erklärt hatte. Zwar war trotzdem noch immer eine geheime Scheu in dem Wilden vor dem »lebendigen Dinge,« und er sah es oft furchtsam von der Seite an; allein er erschrack nicht mehr davor, wie früher, wenn er es zufällig berührte.

An einem Morgen, wo William über eine andere Beschäftigung vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen, kam eine ganz besondere Kühnheit über den armen Kolbi. Nach einigem Zögern nahm er die Uhr, legte sie ans Ohr und steckte den Schlüssel in das Loch, so wie er sie nicht mehr gehen hörte, um sie aufzuziehen. Dies hatte er oft von William gesehen und glaubte es auch zu können. Er drehte und drehte; die Uhr fing an zu zucken und seine Freude war groß; konnte er ja nun doch auch das Ding lebendig machen! Er kam sich zugleich wie ein Held und wie ein großer Künstler vor.

Er drehte also, da die Sache so gut ging, erst langsam, dann immer geschwinder fort, bis es auf einmal im Innern der Uhr knack! sägte und es furchtbar zu schwirren anfing. Ein wahrhaftes Entsetzen ergriff ihn, und er ließ sie in diesem Augenblick auf den Boden fallen. Da sie auf den harten Stein fiel, zerbrach das Glas und sprang in Splittern weit umher.

Einige Augenblicke stand Kolbi wie vom Schlage gerührt. Er glaubte nun doch an Zauberei, und daß irgend ein Geist in der Uhr verborgen sei, der seinen Zorn gegen ihn durch das Schwirren habe kund geben wollen. Wenn ihm dieser Gedanke an sich nun schon eine panische Furcht einflößte, so wurde sie noch durch die Vorstellung von dem Zorne vermehrt, den William wie er meinte, darüber an den Tag legen würde, daß er die Uhr zerbrochen hatte, so daß der arme Wilde keine andere Rettung, als durch eine eilige Flucht sah.

Er schlich sich aus der Hütte, kroch hinter der steinernen Befriedigung des Gartens auf seinem Bauche fort, um von dem im Garten beschäftigten William nicht gesehen zu werden, und fort war er!

Als William mit seiner Arbeit fertig war und in das Haus zurückkehrte, wunderte er sich zwar, Kolbi nicht dort zu finden; allein er hatte doch keine Ahnung davon, wie die Sachen standen, sondern glaubte vielmehr, daß sein Freund vielleicht auf die Jagd oder sonst wohin gegangen sei, um ihm eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, wie er oft zu thun gewohnt war. Als aber der Abend herankam und Kolbi noch immer nicht zurückgekehrt war, ja, als es endlich sogar Nacht wurde und Mond und Sterne hell am Himmel standen, da ergriff ihn eine unendliche Angst um den so innig geliebten Genossen und diese trieb ihn aus der Hütte fort, um ihn zu suchen. So lange war Kolbi noch nie weggeblieben: es mußte ihm also irgend ein Unfall begegnet sein!

Er durchstreifte die ganze Umgegend; er rief ohne Aufhören den Namen seines Freundes; keine andere Stimme aber antwortete ihm, als seine eigene, die durch das nahe Echo zurückgeworfen wurde.

Jetzt bemächtigte sich eine wahrhafte Verzweiflung seiner. Er kehrte in die Hütte zurück und sank laut weinend auf sein Lager. Kein Schlaf kam in seine Augen.

Früh, mit dem ersten Strahl des Tages, erhob er sich wieder, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Er durchstreifte nicht nur die Umgegend und den nahen Wald von Gummibäumen, sondern wagte sich sogar in Gegenden, die noch nicht von ihnen besucht worden waren, so daß er endlich an das jenseitige Meeresufer gelangte. Obgleich die Sonne ihre sengendsten Strahlen vom Himmel herniedersendete; obgleich er den ganzen Tag nichts genossen hatte, als dann und wann einen Trunk aus der Quelle, so fühlte er in seiner großen Angst doch weder Hunger und Durst, sondern rannte nur immer vorwärts, stets den Namen Kolbi's rufend, bis die Stimme ihm den Dienst versagte und er nicht mehr rufen konnte.

So brach der zweite Abend an und da William zu weit von der Hütte entfernt war, um noch dahin zurückkehren zu können, warf er sich laut weinend unter einem Baume nieder, um, wo möglich, einigen Schlaf zu finden.

Stellt Euch, meine jungen Freunde, die trostlose Lage unseres Williams vor, und Ihr werdet nicht nur seinen Schmerz begreifen, sondern gewiß das innigste Mitleid mit ihm haben. Wenn es schon eine bittere Sache ist, inmitten der menschlichen Gesellschaft einen geliebten Freund zu verlieren, um wie viel härter mußte es nicht sein, den _einzigen_ Genossen einbüßen zu sollen? Und Kolbi war, obschon nur ein Wilder, der beste zärtlichste Freund. Seine Liebe und Hingebung für William kannte keine Grenzen; er war immer nur darauf bedacht, ihm eine Freude zu machen, ihm die Arbeiten zu erleichtern und die größeren Beschwerden abzunehmen. Er besaß das reinste, beste Herz von der Welt und übte, ohne einmal zu wissen, was Tugend sei, die schönsten, erhabensten Tugenden. Er war unfähig zur Lüge und Verstellung, stets wahr, treu, uneigennützig und aufopfernd; an sich selbst dachte er immer zuletzt, desto mehr aber an seinen William, den er gleichsam wie ein höheres Wesen verehrte, weil er fühlte, wie sehr dieser ihm an Verstand, Einsicht und Wissen überlegen sei. Dabei besaß er eine unverwüstlich gute Laune und war immer zu Scherzen und Spässen aufgelegt. Er sang den ganzen Tag bei der Arbeit, hüpfte und sprang wie ein Reh, machte Purzelbäume und die närrischsten Capriolen, so daß er William zugleich auf die angenehmste Weise unterhielt.

Er konnte aber auch wieder ernsthaft sein und sich zusammennehmen, und zwar besonders beim Lernen. William, der Mitleid mit seiner großen Unwissenheit hatte, war nämlich auf den Gedanken gekommen, seinen Kolbi in manchen Dingen zu unterrichten und ihm richtigere Ideen davon beizubringen. Zu den Gegenständen, worin er ihn unterrichtete, gehörte auch das Lesen. Er hatte ja in der Kiste des Zimmermanns zwei Bücher gefunden, und diese konnten ihm sehr gut dazu dienen, seinem Kolbi eine Wissenschaft beizubringen, die mit Recht als die Mutter aller übrigen Wissenschaften angesehen wird. Er zeigte ihm also in dem mit ziemlich großen Lettern gedruckten Gesangbuche erst die Lettern des großen, dann auch die des kleinen A-B-Cs, und lehrte ihn zugleich die Aussprache. Um Kolbi nicht zu ermüden, oder ihm, der das Lernen nicht gewohnt war, gar einen Eckel dagegen einzuflößen, zeigte er ihm jeden Tag nur _einen_ Buchstaben, so daß er in vier und zwanzig Tagen erst das Alphabet kennen lernte. Das aber konnte Kolbi bald so gut, daß er gar nicht mehr fehlte, und jetzt konnte William schon zum Buchstabiren übergehen. Der eben nicht sehr geschmeidigen Zunge fielen aber manche Laute sehr schwer und es war possirlich anzuhören, wie er sich damit abkasteite; besondere Mühe machte es ihm, Worte auszusprechen, in denen mehre stumme Buchstaben hinter einander vorkamen, und die Silben gehörig trennen zu lernen. Indeß überwand sein Eifer und sein Fleiß endlich doch alle Hindernisse. An und für sich machte ihm das Lesenlernen gar kein Vergnügen, weil er noch nicht begriff, wozu es gut sein solle; aber er sah, daß er William durch seinen Fleiß Freude machte, und so unterwarf er sich ihm zu Liebe dieser Anstrengung.

Ich denke, Kinder, daß Ihr den guten Kolbi auch schon lieb gewonnen habt; wie viel mehr mußte William, der täglich und stündlich mit ihm zusammenlebte, ihn nicht lieben! Und jetzt sollte er diesen theuren Freund, seinen einzigen Genossen, vielleicht für immer verlieren! Der Gedanke drückte ihn so zu Boden, daß selbst das heiße, innige Gebet, welches er zu Gott vor dem Einschlafen emporschickte, ihn nicht zu ermuthigen vermochte.

Endlich aber schlief er doch vor übergroßer Ermüdung ein, und war im Traume glücklicher, als er beim Wachen gewesen war: er erblickte seinen geliebten Kolbi, der in der Hütte am Boden saß und Pfeile schnitzte. Dieser Traum erweckte ihn: er erhob sich und schaute verwirrt um sich. Es war noch sehr früh und der Thau lag noch auf den Gräsern und Pflanzen. Wie ward ihm, als er auf diesen die Spuren von Menschentritten wahrnahm! Die Insel war also noch von andern menschlichen Geschöpfen bewohnt? Oder sollte Kolbi?..... Der Gedanke machte, daß er aufsprang und nach allen Seiten um sich blickte. Er verfolgte dann die Fußspuren im Grase, und gelangte, ihnen immer folgend, zu einer Art von Vorgebirge, das in das Meer hinaus lief und fast bis an den Strand hinabging. Er erklomm einen der Hügel desselben und sah nun -- wer beschriebe wohl sein Entzücken? -- Kolbi, seinen geliebten Kolbi auf einer Felsenklippe sitzen und in das vor ihm liegende blaue Meer hinausschauen. Es konnte kein Anderer als Kolbi sein: er erkannte ihn an der Kleidung, die er ihm endlich, nach langer Weigerung, aufgedrungen hatte; denn der Wilde fand sie zu Anfang -- vielleicht auch jetzt noch -- eben so unbequem als überflüssig und ließ sich schwer dazu bereden, eine leichte Hose von Leinwand und eine Jacke von demselben Stoffe anzuziehen.

-- »Kolbi! Kolbi!« rief William mit lauter, freudig bewegter Stimme und streckte zugleich die Arme gegen ihn aus. Kolbi vernahm sogleich die Laute der ihm so theuern, wohlbekannten Stimme; allein er antwortete nicht wie sonst freudig auf den Zuruf, sondern erhob sich, sah sich nach William um, und ergriff eiligst die Flucht.

-- »Was ist das?« fragte sich William, der ihm erschrocken nachstarrte. »Sollte ich ihn vielleicht beleidigt oder gekränkt haben, ohne es zu wissen? War er doch so freundlich und liebevoll gegen mich, als ich ihn das letzte Mal sah?«

Während William diese Betrachtungen anstellte, war er jedoch dem geliebten Flüchtlinge nachgeeilt, und sei es nun, daß er diesmal schneller als Kolbi war; sei es, daß dieser bereits bittere Reue über seine unbedachtsame Flucht empfand, und sich willig einholen ließ; genug, er wurde von dem ihn Verfolgenden am Saume des Waldes glücklich eingeholt.

-- »Was ist dir, Kolbi? und weshalb fliehst du vor mir?« fragte ihn William, so wie er ihn erreicht und zum Stehen gebracht hatte.

Statt ihm auf diese Frage zu antworten, warf sich der arme Junge vor ihm auf die Knie nieder, umfaßte seine Füße, als wolle er Verzeihung von ihm erstehen, und vergoß einen Strom von Thränen.

-- »Sprich, Kolbi, mein theurer Kolbi, was ist dir?« fragte William, indem er sich zu ihm niederbog und ihn, wiewohl vergebens, aufzuheben suchte, um ihn in seine Arme zu schließen und an sein Herz zu drücken.

Kolbi hatte aber noch immer keine andere Antwort, als Thränen.

-- »Ach!« sagte jetzt William mit traurigem Tone; »jetzt begreife ich Dich! Du wolltest mich heimlich verlassen, Kolbi; Du sehntest dich nach deinen Landsleuten, nach deinen frühern Gespielen und wolltest versuchen, zu ihnen über das Meer zurück zu schwimmen? Unsre Einsamkeit war dir lästig geworden und du hattest nicht den Muth, von mir Abschied zu nehmen? Sprich, Kolbi, ist es nicht so?«

-- »O nein! nein!« schluchzte Kolbi; »William ist mir der Liebste auf der Welt, lieber als die ganze Welt! Kolbi müßte sterben, wenn er William nicht mehr hätte!«

-- »Nun, was war es denn, was Dich zur Flucht antrieb?« fragte William, dessen Verwunderung mit jedem Augenblicke wuchs.

-- »Kolbi ist nicht werth, daß William ihn lieb hat,« sagte der arme Junge, indem ein neuer Strom von Thränen ihm über die schwarzen Wangen floß; »Kolbi hat William betrübt, hat das _Ding_ entzwei gemacht; Kolbi ist ein ganz schlechter Mensch geworden und will todt bleiben!«

-- »Du hast die Uhr zerbrochen?« fragte William, der wußte, was er unter dem »Dinge« verstand, aufathmend.

-- »Ja, die Uhr,« versetzte der arme Wilde, »und der Geist in dem Dinge wurde sehr böse -- o, sehr böse! -- und er zischte mich an, wie die große gelbe Schlange, wenn man sie mit einem Stecken schlägt. Kolbi war so erschrocken darüber, daß er das Ding fallen ließ und es zerbrach; o, Kolbi war sehr böse!«

-- »Gott sei gedankt, daß es nichts weiter ist!« rief William erfreut aus. »Zwar war mir die Uhr sehr werth, indem sie mich an ihren frühern Besitzer erinnerte, der ein gar braver Mann war; allein tausend solcher Uhren, und noch weit mehr gäbe ich freudig um dich hin, mein Kolbi! Tröste und beruhige dich daher: ich bin gar nicht böse, nicht einmal betrübt; habe ich doch dich wieder, meinen guten, guten Kolbi!« Er breitete ihm bei diesen Worten die Arme entgegen, in die Kolbi laut schluchzend sank. Der Friede war jetzt wieder zwischen den Freunden geschlossen und Arm in Arm traten unsere Beiden den Rückweg zur Hütte an.

Auf dem Wege erzählte Kolbi, daß William ihm oft ganz nahe gewesen sei und er seinen Ruf deutlich vernommen, dann aber aus Furcht vor ihm die höchsten Bäume erklommen habe, auf denen William ihn nicht gesucht. Dies war auch der Fall an dem Abende gewesen, wo William, vom langen Umherstreifen gänzlich ermattet, sich unter dem Eucalyptus zum Schlafen niedergelegt. Sobald Kolbi, der sich keine hundert Schritte von ihm befand, ihn eingeschlafen sah, hatte er sich vorsichtig näher geschlichen und sich, beschützt von der Dunkelheit, neben ihm niedergelegt. Mit Anbruch des Tages hatte er ihn aber verlassen, um seine Flucht fortzusetzen; »denn,« fügte er mit traurigem Tone hinzu, »ich wollte dir nicht wieder vor Augen treten und in der Einsamkeit vor Hunger und Kummer umkommen.«

Achtzehntes Kapitel.

Unter solchen Gesprächen waren sie endlich wieder bei der Hütte angelangt, die sie in ihrem vorigem Stande fanden; nur der arme Dingo und die Vögel hatten große Noth gelitten, da ihnen Speise und Trank während der Abwesenheit der Freunde ausgegangen waren, und sie sich beides nicht hatten verschaffen können, weil William sie während der Nacht einzusperren gewohnt war und vergessen hatte, sie bei seinem Weggehen aus ihrem Kerker zu befreien.

-- »Gieb Futter! Gieb Futter!« rief der große Königspapagei unaufhörlich: denn diese Worte hatte William ihn gelehrt und so oft er Futter haben wollte, rief er sie; der Dingo aber heulte erbärmlich, so daß die Freunde nichts Eiligeres zu thun hatten, als die armen Gefangenen zu befreien und ihnen Speise und Trank zu reichen. Der Dingo lief sogleich an den Bach, um seinen gewiß sehr peinigenden Durst zu löschen, und Kolbi folgte ihm mit dem Lederbeutel dahin, um Wasser für die Vögel zu schöpfen, die indeß von William mit den für sie eingesammelten Körnern und Früchten gespeiset wurden. Auch für Waldmann waren noch einige Knochen da, über die er sich begierig hermachte, und so war der großen Noth der armen Thiere abgeholfen.

Schon auf dem Wege zur Hütte hatte Kolbi sich oft nach dem Himmel umgesehen. Jetzt, als man die Thiere versorgt hatte, that er es nochmals und sagte dann zu William:

-- »Böse Zeit! Böse Zeit!«

Dieser wußte nicht, was die Worte zu bedeuten haben sollten und sah neugierig bald Kolbi, bald den Himmel an. Letzterer hatte sich mit noch leichten Wölkchen bedeckt, die sich aber bald zusammenzogen und wie ungeheure Berge am fernsten Rande des Horizontes aufthürmten.

Kolbi, der aus Erfahrung wußte, daß diese Erscheinung den nahen Ausbruch von Sturm, Regen und Gewitter bedeute, lief zu der Stelle, wo die ihnen so nothwendigen Pataten in Menge wuchsen, grub so viele davon aus, als ihm möglich war, und lud William, der ihm erstaunt zusah, mit den Worten:

-- »Böse Zeit kommt! Pataten sammeln! Nicht zögern, Pataten in die Hütte zu bringen!« zur Theilnahme an seinem Geschäfte ein.

William begriff jetzt, was er mit seinem: »Böse Zeit! Böse Zeit!« sagen wollte, und war ihm eifrig bei seiner Beschäftigung behülflich. Sie mußten sich in der That sputen: immer dichter zogen sich die Wolken zusammen, immer dunkler wurde der Himmel und schon hörte man das ferne Rollen des Donners; dabei hatte sich ein Wind erhoben, der in einzelnen Stößen zwar nur noch, doch die Luft heftig erschütterte. Obgleich man über eine halbe Stunde vom Meere entfernt war, hörte man es doch »_rohren_,« wie die Seeleute das hohle Brausen des Meeres, welches großen Stürmen und Gewittern voranzugehen pflegt, zu nennen pflegen. Kolbi, der immer in der freien Natur und in der Nähe des Meeres gelebt hatte, war ein scharfer und unfehlbarer Beobachter in allen Dingen der Art geworden und seine Prophezeihungen trafen immer richtig ein.