Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder
Part 10
Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Höhle war für sie, wenn auch vielleicht nicht für immer, doch für längere Zeit, verloren und man mußte sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in großen Zügen in die Höhle und es war nicht darauf zu rechnen, daß dieser Geruch sich sobald wieder verlieren würde, selbst wenn man den Honig herausnähme. Das war dann freilich eine betrübte Sache; sie entmuthigte indeß unsere Beiden nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Hütte bauen zu können, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht. William wollte aber eine solche nicht bloß für eine kurze Zeit, sondern gleich gehörig herstellen, und so mußte man es sich gefallen lassen, einige Nächte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Hütte auf einem kleinen Vorsprunge des Hügels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so geräumig, daß man nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Geräthschaften bewahren und gegen die Einflüsse von Luft und Wetter schützen konnte.
Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschäfte überaus thätig und gelehrig. Man sah es ihm an, daß dieß nicht die erste Hütte war, die er erbaute; nur mit den europäischen Geräthschaften wußte er nicht umzugehen, und sah besonders William mit großem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer Säge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett durchschnitt, das für den beabsichtigten Zweck zu lang war.
Beim Einrammen der das Dach der Hütte tragen sollenden Pfähle bewies sich Kolbi so geschickt, daß er William weit hinter sich ließ. Dieser war nämlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wußte nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein gehörig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte jetzt mit beiden Händen die Erde so schnell weg, daß schon nach wenigen Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfähle zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stäbe recht fest zu machen.
Da William sah, daß er seinem Freunde diese Arbeit ruhig überlassen könne, machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrümmer enthielten eine große Menge Nägel von fast allen Größen; sie mußten aber erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kämpfen, und so überwand er endlich auch diese. Die Menge von Nägeln, die er auf diese Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz für ihn, auch verachtete er, die Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.
Bald standen die Pfähle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte überhaupt ein so gefälliges Ansehen, daß er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi, der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten Freudensprünge machte. Sogar an eine Hausthüre konnte man denken, da es an einigen Hängen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan hatte, die Hütte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut, sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten, späterhin erzählen werde.
Als die Hütte einigermaßen im Stande war, dachte William bereits auf einige Mobilien, als auf Tische und Bänke, die bisher noch gefehlt hatten. Die Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut unterstützt, indem dieser schnell manchen Handgriff faßte und mit großer Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein großes Vergnügen war es dabei für William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf die verschiedenen Gegenstände und nannte bloß das Hauptwort, als: Sonne, Mond, Baum, Blume u. s. w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstände auswendig und wandte sie das nächstemal richtig an. Man hat überhaupt die Bemerkung gemacht, daß das Gedächtniß wilder Menschen sehr scharf ist und diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten. Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur überhaupt mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europäer sich mit ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehör von einer wirklich erstaunungswürdigen Schärfe.
Fünfzehntes Kapitel.
Unsre Colonisten hatten jetzt zwar das Nothwendigste: ein schützendes Obdach, die nothdürftige Nahrung und Geselligkeit; aber trotz dem blieb für Beide noch mancher Wunsch unbefriedigt und dahin gehörte vorzüglich der nach einer abwechselnden Speise, an die besonders William sich in seinem frühern Leben gewöhnt hatte. Die Pataten und Früchte, womit sich Beide seither gesättigt hatten, füllten ihnen zwar den Magen, aber sie wurden trotz dem nicht völlig satt davon, und selbst nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, blieb eine empfindliche Leere in demselben zurück.
Sobald William sich seinem Freunde verständlich machen konnte, theilte er ihm seinen Wunsch nach einer nährendern Speise mit. Es machte ihm freilich viele Mühe, Kolbi sein Verlangen mitzutheilen, und dies mußte mehr durch Zeichen, als durch Worte geschehen; endlich aber begriff der gute Wilde ihn und nickte, wie bejahend, mit dem Haupte. Bald darauf forderte er von William das Messer, mit dem er bereits sehr geschickt umzugehen wußte, und entfernte sich damit in das nahe Gebüsch. William wußte nicht, was er im Sinne hatte, ließ ihn aber gewähren und erwartete geduldig seine Rückkehr.
Er blieb ziemlich lange weg, dann kehrte er, in seiner Hand mehre Baumzweige tragend, mit freudigem Gesichte zurück und wies seinem Freunde triumphirend das Mitgebrachte. William begriff erst nicht, was Kolbi mit den geschnittenen Stecken wollte und sah ihm mit einiger Neugierde zu, als er sich auf den Boden niedersetzte und an seinen Stecken zu schnitzen anfing. Bald aber wurde ihm die Absicht seines Freundes klar: Dieser schnitzte aus dem mitgebrachten Holze einen überaus zierlichen Bogen und als dieser fertig war, auch eine Handvoll Pfeile, erstere von einem biegsamen, letztere von sehr hartem, festen Holze. Die Arbeit konnte aber nicht vollendet werden, denn dem Bogen fehlte noch die Sehne, den Pfeilen die scharfe Spitze von Metall und die Federn; William war nicht wenig neugierig, wie Kolbi es anfangen würde, diesem Mangel abzuhelfen.
Schon in der nächsten Nacht sollte diese Neugierde befriedigt werden. Er sah Kolbi, so wie es völlig dunkel geworden war, fortwandern; wohin, konnte er nicht in Erfahrung bringen, da der Wilde sich ihm nicht verständlich machen konnte. Er blieb so lange weg, daß William sich sehr um ihn ängstigte und schon im Begriffe war, ihm nachzugehen und ihn aufzusuchen, als er ihn mit raschen Schritten herbeieilen hörte. Was er gethan, und was er von seiner nächtlichen Wanderung mitgebracht hatte, konnte er nicht in Erfahrung bringen, da, als Kolbi zurückkehrte, der bis dahin leuchtende Mond untergegangen war und eine vollkommene Dunkelheit in der Hütte und selbst draußen herrschte; Licht hatten aber unsre Beiden nicht, um sich die Nacht zu erhellen.
So wie Kolbi wieder angelangt war, warf er sich auf sein Lager nieder, seinem Freunde eine gute Nacht zurufend, denn diese Worte und die Bedeutung derselben hatte er bereits von William gelernt, der sie ihm jeden Abend zurief, so wie er sich zum Schlafen niederlegte. Früh am andern Morgen, als erst William, dann Kolbi erwacht war, ging letzterer aus der Hütte in's Freie hinaus und kehrte gleich darauf mit zwei todten Vögeln in der Hand, die dem Ansehen nach unsern Tauben glichen, nur weit größer und von einem schönen schillernden Gefieder waren, zu seinem Genossen zurück. Mit triumphirenden Blicken zeigte er seinen Fang, bedeutete William, daß er auf seinen Streifereien am vorhergehenden Tage ein Nest dieser Thiere hoch in der Spitze eines sehr hohen Baumes entdeckt, und beide Eltern, die Mutter darin, den Vater daneben, überrascht und getödtet habe. Er hatte sich die Stelle, wo der Baum mit dem Neste stand, und diesen selbst so genau gemerkt, daß er ihn auch während der Nacht wieder zu finden vermochte, wobei ihm freilich der Mondschein etwas zu Hülfe kam.
Man kann sich vorstellen, wie erfreut William über den Anblick dieser Vögel war, die ihm einen leckern Braten verhießen. Er zündete sogleich ein gutes Feuer an, steckte zu beiden Seiten derselben zwei Stäbe in die Erde, die oben durch ihre Zweige eine Gabel bildeten, und schnitzte von starkem Holze einen Spieß, an den er die Tauben stecken und ihn dann auf die beiden Gabeln legen wollte, zwischen denen sich das Feuer befand. Kolbi ließ ihn gewähren und machte sich seinerseits an die Arbeit. Mit einer wirklich bewunderungswürdigen Geschicklichkeit und Schnelligkeit rupfte er die Tauben, wobei er Sorge trug, daß kein Federchen verloren ging, denn diese waren von der größten Wichtigkeit für den von ihm beabsichtigten Zweck. Als er mit dieser Arbeit fertig war, schnitt er den Vögeln den Bauch auf und nahm behutsam aus beiden die Eingeweide heraus, mit welchen er zum nahen Bache ging, um sie von allem Unrathe zu reinigen; die Tauben selbst aber warf er William zu, der sich anschickte, sie an seinem improvisirten Spieße zu braten.
Was Kolbi mit den Federn wollte, hatte William bereits begriffen; aber was er mit den Eingeweiden anzufangen gedachte, blieb ihm so lange ein Räthsel, bis dieser mit den gereinigten Gedärmen vom Bache zurückkehrte, und indem er mehrere davon sehr fest zusammendrehte, eine Bogensehne davon machte. William bewunderte die Geschicklichkeit und Aemsigkeit seines Freundes nicht wenig, und brach in einen Jubelruf aus, als Kolbi ihm triumphirend den fertigen Bogen und die vermittelst der Taubenfedern bereits befiederten Pfeile zeigte, an welchem letztern nichts mehr fehlte, als die tödtende Spitze. Er zweifelte jetzt aber keinen Augenblick mehr daran, daß Kolbi auch dazu Rath schaffen würde, und dieses Vertrauen durfte er, nach den Proben, die er von seiner Geschicklichkeit und Einsicht abgelegt, wohl zu ihm haben.
Die beiden Tauben waren indeß gebraten, und wenn sie gleich nicht so lecker waren, wie die, welche eure gute Mutter, unterstützt von einer geschickten Köchin, zuweilen auf den Tisch bringt, wenn sie auch nicht in einem Meere von Butter schwammen; ja, wenn ihnen sogar das Salz zur Würze fehlte, so glaubte doch William, in seinem ganzen Leben kein so leckeres Mahl gehalten zu haben, als dieses. Auch Kolbi ließ sich seine Taube wohl schmecken, wobei er mit der größten Sorgfalt die Knöchelchen sammelte und auf die Seite legte. Was er damit beginnen, zu welchem Zwecke er sie benutzen wollte, begriff William wieder nicht, bis er seinen Freund die vorher schon geschnitzten und befiederten Pfeile hervornehmen und ihn sie mit kleinen scharfen Spitzen versehen sah, die er von den Knöchelchen vermittelst des Messers geschnitzt hatte.
Jetzt war ihm Alles klar, und seine Freude nicht gering, als er sich nun sogar auch im Besitze einer Waffe sah, die ihm noch viele solche Leckerbissen versprach, wie er eben genossen hatte.
In Hinsicht der Handhabung des Bogens sah er sich aber weit von Kolbi übertroffen, dessen Augen und Hände so sicher waren, daß er fast nie sein Ziel verfehlte, während William, zum nicht geringen Ergötzen des wilden Jägers, unter zehnmal kaum _einmal_ traf. »Uebung macht den Meister,« heißt es im Sprichwort; so ging es auch mit William bald besser, und er wurde lange nicht mehr so oft von dem über seine größere Geschicklichkeit triumphirenden Kolbi ausgelacht.
Jetzt hatte man in der That keine Noth mehr zu leiden. Die Gegend wimmelte von Vögeln aller Art; da gab es nicht nur wilde Tauben und Hühner in Menge, sondern auch Gänse und Enten, worunter die sogenannte _Holz-Ente_, welche ihre Jungen im Walde ausbrütet, als besonders schmackhaft erfunden wurde. Auf dem Bache erblickte man den schwarzen Schwan; denn in Australien, das fast in allen Dingen gänzlich verschieden von den andern Welttheilen ist, haben die bei uns schneeweißen Schwäne ein schwarzes Gefieder.
Unter den Vögeln fiel unserm William besonders der _Emu_ -- so nannte Kolbi dieses Thier -- oder der australische Kasuar, auf. Wenn die Kasuare aufrecht stehen und ihre langen Hälse in die Höhe strecken, erreichen sie fast die Größe eines Mannes. Sie sehen in der That wunderbar aus, und William konnte sich sogar einiger Furcht vor diesen riesigen Thieren nicht erwehren, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete. Der Emu hat einen langen Hals und sehr lange Beine, einen plump gebauten Körper und, obgleich er zum Vogelgeschlechte gehört, weder Federn noch Flügel. Die Stelle der Federn vertritt eine Art von Haaren, die aber sehr dünn auf den Körper gesäet und gleichsam ein Mittelding zwischen Haaren und Federn sind; statt der Flügel hat er zwei kurze Lappen an der Seite. Eine Stimme hat man noch nicht an dem Emu bemerkt. Das Fliegen ist diesen Thieren unmöglich, dagegen aber laufen sie, wenn sie verfolgt werden, sehr schnell.
Die Eingeborenen machen mit Hunden Jagd auf sie. Man kann nur die Keulen zur Speise benutzen, diese aber schmecken ganz wie unser Rindfleisch. Auch die Eier sind ein Leckerbissen. Man findet sechs bis sieben in einem Neste, und sie sind so groß, daß man die Schaalen zu Gefäßen benützen kann. William war nicht wenig erfreut, als Kolbi auf einen ihrer Streifereien ein Emunest entdeckte; jubelnd trug man es heim, genoß mit großem Behagen den Inhalt, und hatte noch obendrein mehre ganz artige Gefäße, an denen es ihnen seither sehr gefehlt hatte.
Die wilden Truthähne -- zwei Arten entdeckte man bis jetzt davon, die dunkeln und die blaufarbigen -- waren ein großer Leckerbissen für unsre Colonisten. Ihr Fleisch war zart und saftig, und hatte den allerbesten Geschmack, da es fetter als das der übrigen wilden Vögel war. Sie bewohnen die buschigen Stellen der Insel und sind nicht leicht zu erlegen, da sie sehr furchtsamer und vorsichtiger Natur sind. Außer diesen Vögeln fand man noch Schnepfen, die große Taube, die von Kolbi _Wanga-Wanga_ genannt wurde; zwei Arten brauner Tauben, und die schöne Federbusch- und grüne Taube. Ein sehr schönes Thier ist auch der Bergfasan, welcher nicht nur vortrefflich schmeckt, sondern auch ein Spottvogel ist, der die Stimmen anderer Vögel nachzumachen versteht. Auch Krähen und Elstern, gute Bekannte unsers Williams von der Heimath her, zeigten sich in großer Menge; allein unsere Schützen machten keine Jagd darauf, da ihr Fleisch nicht genießbar ist. Auf den Gipfeln der Berge hauste der König der Vögel, der Adler, der hier einen weißen Kopf hat; auch an andern Raubthieren, namentlich an Falken, fehlte es nicht. Sie sind die Feinde der andern Vögel und sehr von ihnen gefürchtet.
Auf einem Spaziergange, den William und Kolbi an einem schönen Abende machten, erblickte ersterer einen schneeweißen, schön befiederten Vogel, den er auf den ersten Blick für einen Kakatu erkannte; er hatte nämlich einen solchen früher in einer Menagerie gesehen, und war nicht wenig erfreut, ihn hier im Naturzustande zu erblicken. Späterhin entdeckte er vier Arten von Kakatus: zwei schwarze, ohne Federbüsche, mit gelbgefleckten Flügeln und eben so gestreiften Schwänzen; dann den weißen mit gelben und endlich den schieferfarbigen mit rothem Federbusch. Besonderes Vergnügen gewährten unserm William, für den diese ganze Thierwelt völlig neu war, die vielen Papageien, die er erblickte. Man findet sie in Australien fast von allen Farben und Größen und prächtiger gefiedert, als sonst irgendwo. Er sah diese Thiere, die man in Europa so theuer bezahlt, in ganzen Schwärmen umherfliegen und fast jedes Gebüsch davon belebt. Da war der schöne Königspapagei mit seinem herrlichen grünen Gefieder, dem glänzendrothen Kopf und Nacken -- auch ihr werdet ihn schon gesehen haben; -- den kleinen Rosehillpapagey mit rothem Kopf und gelber Brust; den Bergpapagei, der blau ist und in allen Farben des Regenbogens schillert. Williams Auge konnte nicht müde werden, diese schönen Thiere zu betrachten und da sie, niemals bisher von den Menschen verfolgt, durchaus nicht scheu thaten, konnte er ihnen ganz nahe kommen und sie mit Muße besehen. Kolbi, der gute Kolbi bemerkte kaum, welche Freude sein Genosse an diesen Vögeln hatte, so war er auch schon darauf bedacht, einige davon für seinen Freund zu fangen. Er legte ihnen sehr geschickt Schlingen, und da er ihre Lieblingsnahrung kannte, lockte er sie vermittelst derselben in diese. William hatte bald eine vollständige Sammlung dieser schönen Geschöpfe, und man sah sich genöthigt, einen Winkel der Hütte mit Brettern abzukleiden, um einen großen Käfig für die lieben Gäste herzustellen. In müßigen Stunden vertrieb William sich die Zeit damit, diese Vögel zu zähmen und ihnen, da er ihre große Gelehrigkeit kannte, Worte aussprechen zu lehren. Hierin zeichnete sich vor allen andern der große Königspapagei aus, der sehr bald, zu Williams nicht geringem Ergötzen, ganz deutlich seinen und Kolbis Namen aussprach und nach und nach auch noch andere Worte, als: Mutter, Vater, guten Morgen erlernte; William wollte ihm auch den Namen seiner geliebten Vaterstadt Hamburg lehren; allein dies war eine zu schwierige Aufgabe für seine kleine Kehle, und das Wort kam nur sehr unvollkommen heraus.
So hatten unsre Beiden in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch ihre kleinen Genüsse und Freuden, die noch durch das Einfangen eines jungen australischen Hundes, den man _Dingo_ nennt, vermehrt wurden. Diese Hunde sind von den unsrigen sehr verschieden. Sie haben entweder dunkles oder röthliches Haar, das sehr zottig ist, lange, buschige Schwänze, spitzige Ohren, sehr dicke Köpfe und etwas spitzige Schnautzen. Sie laufen mit wahrhaft erstaunenswerther Schnelligkeit und beißen tüchtig um sich, wenn sie sich zu vertheidigen gezwungen sind. Sie bellen nicht wie unsre Hunde, stoßen aber oft ein erbärmliches Geheul aus, das besonders bei Nachtzeiten höchst widerlich klingt. Sie sind Raubthiere und werden von andern Thieren sehr gefürchtet, die sie vermöge ihrer großen Schnelligkeit leicht erreichen. Sie tödten sie nicht, reißen ihnen aber mit ihren scharfen Zähnen ein Stück Fleisch aus und an dieser Wunde sterben dann die armen Gebissenen eines qualvolleren Todes, als wenn sie auf der Stelle von ihnen getödtet worden wären.
Kolbi, der eben kein Kostverächter war, hatte schon mehre Male Dingos erlegt und sich einen für seinen Gaumen höchst schmackhaften Braten davon gemacht; William mochte dabei aber nicht sein Gast sein, weil das Fleisch einen überaus widerlichen Geruch hatte. Die Aehnlichkeit dieser Thiere mit den ihm von der Heimath her so lieb gewordenen Hunden, bewog ihn aber zu dem Wunsche, einen jungen Dingo zu besitzen, um ihn zähmen und abrichten zu können. Kaum war Kolbi dieser Wunsch bekannt geworden, so dachte er auch schon darauf, ihn zu befriedigen. Die Sache war aber nicht eben leicht in's Werk zu richten, indem der Dingo, der sehr scheu ist, sein Nest überaus gut zu verstecken weiß; auch war es, selbst wenn man bewaffnet war, nicht ungefährlich, sich dem Lager zu nähern, wenn die Alten gegenwärtig waren, da diese ihre Jungen wüthend vertheidigten.
Indeß verzagte unser Kolbi trotzdem nicht, und als er erst einmal so glücklich gewesen war, das Nest eines Dingo's zu entdecken, lauerte er so lange auf, bis er die bereits dem Säugen entwachsenen Jungen allein überraschte. Er ergriff eines davon und trug es eilig zur Hütte, sich nicht daran kehrend, daß es sich sträubte und mit den kleinen spitzigen Zähnen tüchtig um sich biß.
Nicht wenig erfreut war William, sowohl über diesen neuen Beweis von der Zuneigung seines Kolbi, als über den Besitz des artigen Thieres; denn obschon im erwachsenen Zustande mehr häßlich als hübsch, sind die jungen Dingos doch ganz allerliebst; auch wollte William das Thier weniger zum Zeitvertreibe haben, als es zum Wächter erziehen.