Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 9

Chapter 93,642 wordsPublic domain

Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke fielen, waren zwei in der Vorderkajütte ertrunkene Menschen, die einander im Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst ließ sich nichts von Tier oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der größte Teil der Fracht schien durch das Seewasser stark gelitten zu haben. Im Mittelraume sah ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen mit Wein oder Branntwein; allein sie waren zu groß, als daß ich sie hätte von den Stelle bewegen können; ebenso fand ich einige Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen gehörten. Daher brachte ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu durchsuchen.

Wäre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrümmert gewesen, so hätte sich gewiß reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit nach kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la Plata, südlich von Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach Havana.

In der Nähe der Koffer fand ich auch ein kleines Fäßchen mit Likör, ungefähr 20 Liter enthaltend; in der Kajütte lagen mehrere Gewehre und ein großes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend Schießwaffen besaß, so ließ ich jene liegen und nahm nur das Horn mit, in welchem sich etwa vier Pfund Pulver befanden. Was mir aber am nützlichsten werden konnte, das waren eine Feuerschaufel, eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel, eine kupferne Schokoladenkanne und ein Rost. Mit dieser Ladung und von dem Hunde begleitet, trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden Flut begünstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das Ufer meiner Insel.

Ich fühlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, daß ich nicht mehr nach meiner Burg zurückkehren mochte, vielmehr legte ich mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, in meiner Barke schlafen, vor einem plötzlichen Überfall sicher, da ich ja einen Wächter in dem Hunde zur Seite hatte.

Neu gestärkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem Imbiß, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft teilte, schaffte ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes Stück. Der Branntwein in dem Fäßchen erwies sich als eine Art Rum, und in den Koffern entdeckte ich mancherlei, was mir sehr willkommen war, z. B. ein Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, in welchem sich mehrere, drei Liter haltige, mit silbernen Stöpseln versehene Flaschen feiner Branntweine befanden; sodann zwei Töpfe mit eingemachten Früchten, die so fest verschlossen waren, daß das Seewasser nicht einzudringen vermocht hatte; ferner etliche gute Hemden, anderthalb Dutzend weißleinene Taschentücher und mehrere farbige Halstücher. Auf dem Boden des Koffers fand ich zuguterletzt noch drei große Beutel mit Silbermünzen, im ganzen 1100 Stück; in dem einen waren 6 Dublonen in Gold und etliche kleine Goldbarren. Gern hätte ich das ganze Gold, das ich nicht viel höher als Kieselsteine schätzte, für drei oder vier Paar englische Schuhe und Strümpfe dahingegeben, die ich seit so vielen Jahren schmerzlich entbehren mußte. In dem andern Koffer befanden sich Kleidungsstücke sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen außerordentliche Feinheit darauf hinwies, daß er nur zur Vogeljagd bestimmt sein konnte. Der Koffer, welchen ich zuletzt öffnete, enthielt noch eine Geldsumme in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der Fund von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer großen Flasche voll Tinte.

Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach nach meiner Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich selbst kehrte darin nach der Burg zurück, wo ich alles in derselben Ordnung vorfand, wie ich es kürzlich verlassen.

Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen und Katzen, als sie meinen vierbeinigen Gefährten erblickten, der sie laut bellend anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der Parteien, und sämtliche tierische Genossen lebten dann in ungestörtem »Burgfrieden« einträchtig bei einander.

Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die Nähe des Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem großen Schmerze den Leichnam eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gespült hatten. Er trug nur eine Matrosenjacke, an den Knieen zerrissene Beinkleider, sowie ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. Nichts verriet, welcher Nation er angehörte. In seinen Taschen fand ich zwei kleine Münzen und eine Pfeife, über welche letztere ich hoch erfreut war, und die in meinen Augen hundertmal mehr Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen verunglückten Schiffsmannschaft, soviel ich auch umherspähte, entdeckte ich nicht das Geringste.

Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben wieder die frühere Eintönigkeit ein, nur daß ich bei allen Verrichtungen, die ich vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer auf alles acht gab, was sich außerhalb meiner Burg etwa ereignete. Wenn ich mein Landhaus besuchte, so wagte ich nicht, mich dahin zu begeben, ohne mich bis an die Zähne zu bewaffnen. Traf es sich aber, daß mich der Weg nach dem östlichen Teile der Insel führte, so konnte ich schon mit größerer Sicherheit, wenn auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks besichtigen. Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an, eine zweite Reise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen; allein mein Verstand sagte mir, daß es nichts enthielte, was die Beschwerlichkeiten und Gefahren vergüten könnte.

Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem Wrack Menschen, Gefährten in meiner Einöde zu finden, ließ noch ganz andre Pläne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche grenzten. Mich packte wieder die alte Wanderlust, meine »Ursünde«, wie ich sie nannte, und ich wollte wenigstens einmal den beiden meiner Insel zunächst gelegenen Eilanden mit meinem Boote einen Besuch abstatten. Von da aus konnte ich dann auch einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika unternehmen. Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich einst mit dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; hätte ich sie in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfügung gehabt, ich würde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glück dem trügerischen Element anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von Menschen zu gelangen. Gern hätte ich auch wissen mögen, welchen Teil des Erdballs jene Fremdlinge bewohnten, die mich für immer aus meiner sorglosen Ruhe aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land von meiner Insel entfernt sei, und ich fragte mich selbst, warum ich nicht ebenso gut an *ihrer* Küste landen könnte, als sie an der meinigen.

Es war in der Regenzeit, im März des 24. Jahres meiner Anwesenheit auf der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in meiner Hängematte zubrachte, obgleich ich mich körperlich gerade nicht unwohl fühlte. Es ging nochmals die ganze Geschichte meines vergangenen Lebens wie in einem Zauberbilde an meinem geistigen Auge vorüber. Freudige Betrachtungen wechselten mit traurigen in rascher Folge. Ich rief mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines einsamen Aufenthalts zurück und verglich die frühere ruhige Lage mit der beängstigenden Existenz, die ich seit dem Augenblicke führte, als ich in dem Sande die verhängnisvolle Spur eines Fußes fand. Ich zweifelte durchaus nicht, daß die Wilden schon vorher meiner Insel wiederholte Besuche abgestattet hatten; aber da mir dieselben unbekannt blieben, so hatte ich sorglos dahingelebt. Wie gütig nimmt sich doch immer unser Herrgott unser an, indem er unser Urteil und unsre Voraussicht in so enge Grenzen schließt. Ruhig und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren hindurch, deren Anblick uns allen Genuß an der Gegenwart rauben würde. Wie oft wanderte ich vormals im Gefühle der größten Sicherheit in meinem Königreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem Hügel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die Hände der Kannibalen gefallen war.

Tief gerührt dankte ich dem Allmächtigen für die Bewahrung vor so vielen augenfälligen und unbekannten Gefahren.

Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und mein Puls hämmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen sank ich vor Ermattung in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich im Traume meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang an die Küste auf der Ostseite der Insel und sah zwei Kanoes, aus denen elf Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie verzehren wollten. Plötzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und suchte eine Zufluchtsstätte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich ging ihm entgegen und forderte ihn auf, näher zu mir zu kommen. Der arme Gefangene stürzte vor mir auf die Kniee nieder, um meinen Beistand gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es mir vor, als zeigte ich ihm meine Leiter, hälfe ihm über die Mauer und führte ihn in meine Wohnung, wo er mein Diener wurde. »Mit diesem neuen Gefährten«, sagte ich mir selbst, »werde ich endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen können. Nichts hindert mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn er wird mir als Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun oder unterlassen soll.«

Ich hatte so lebendig geträumt, und alle Einzelheiten des im Schlafe Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorübergeschwebt, daß ich mich nach dem Erwachen noch längere Zeit der Täuschung überließ, ich könnte das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so außerordentlich ergriff -- und ich jauchzte vor Freuden laut auf.

Indes Träume -- sind Schäume, sagte das Sprichwort, ich rieb mir die Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich aus meiner Umgebung die Gewißheit gewann, daß meine Rettungspläne nichts als Hirngespinste waren, bemächtigte sich meiner eine große Niedergeschlagenheit.

Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womöglich einen Wilden, den die Kannibalen nach meiner Insel führten, um ihn abzuschlachten, aus ihren mörderischen Händen zu befreien; auf keine andre Art schien mir eine Rettung für meine eigne Person denkbar zu sein. Aber ein solches mit den größten Schwierigkeiten und Gefahren verknüpftes Unternehmen -- wie leicht konnte es fehlschlagen! Auf der andern Seite kamen mir wieder Zweifel gegen die Angemessenheit meiner Pläne bei, ich scheute vor dem Gedanken an Blutvergießen zurück. Kurz, Gründe und Gegengründe stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach Befreiung, und ich beschloß, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen Wilden in meine Hände zu bekommen. Nun kam es darauf an, wie zu meinem Ziele zu gelangen sei?

Das nächste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu lauern, wenn sie an dieser Küste landeten, und das übrige meinem Glücke anheimzustellen. Ich ging von nun an täglich auf Kundschaft aus, besonders nach dem westlichen und südwestlichen Teile meines Eilandes; aber wie sehr ich auch ringsumher spähte, nirgends wollte sich ein mit wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So verlief eine geraume Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmännlicher Entmutigung hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen die Kannibalen zur hellen Flamme an, so daß sich täglich in mir immer mehr die Begierde regte, im Kampfe mit meinen Feinden mich zu messen, und es verging kaum eine Nacht, in welcher ich mich im Traume nicht im Streite mit meinen grimmen Feinden befunden hätte.

Elftes Kapitel.

Zusammenstoß mit den Kannibalen.

Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flüchtling und sein Beschützer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag als Koch und Bäckerlehrling. -- Nachrichten über die Nachbarländer. -- Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen.

Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dämmerzeit fünf Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung nach meiner Wohnung an der Küste gelandet waren. Eine solche Zahl machte mich stutzig, ich wußte, daß sich gewöhnlich fünf bis sechs Mann in einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb ein verzweifeltes Wagestück, allein vielleicht ihrer dreißig angreifen zu sollen. Mit Besorgnissen erfüllt, zog ich mich daher hinter meine Festungswälle zurück. Hier traf ich die nötigen Anstalten, jedem feindlichen Besuch gebührend zu begegnen.

Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gäste gewartet, wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselkönigreich vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fuße der Leiter nieder; gleich nachher war ich selbst mit zwei Sätzen auf dem Gipfel des Hügels. Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, die unter den seltsamsten Gebärden um ein Feuer tanzten. Darauf sah ich, wie man zwei Unglückliche aus den Kanoes herbeischleppte, um sie zu schlachten. Der eine von ihnen stürzte sogleich zu Boden, wahrscheinlich durch eine Keule getötet; in wilder Hast fielen zwei oder drei von den Kannibalen über ihn her und schnitten ihn in Stücke, während das andre Opfer ein gleiches Schicksal erwartete. Plötzlich erwachte in dem Unglücklichen die Lust zum Leben; er ergriff die Flucht und rannte mit unglaublicher Schnelligkeit am Ufer hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den Tod erschrocken, als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal ein Trupp ihm alsbald nachsetzte. Ich rührte mich nicht und schöpfte erst dann frischen Mut, als ich bemerkte, daß nur noch drei Männer dem Flüchtling folgten, der unterdessen einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen hatte.

Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich öfter schon erwähnt habe. Wollte der Flüchtling seinen Verfolgern entrinnen, so mußte er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der That warf er sich ohne Zaudern in die Flut und gewann das andre Ufer. Er erkletterte behende das Gestade und setzte seine Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die drei Verfolger an das Wasser kamen, kehrte einer bedächtlich um und begab sich zu seinen schmausenden Gefährten zurück; die beiden andern dagegen schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so viel Zeit dazu.

Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich erfüllen konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu für berufen, dem Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von meiner Warte herab, nahm die beiden Gewehre, die ich am Fuße der Leiter gelassen, und eilte dem Meere zu, indem ich einen kürzeren Weg einschlug. Bald befand ich mich denn auch zwischen dem Entflohenen und den Verfolgern. Jenen rief ich laut an, allein der Arme erschrak fast noch mehr über mich, als er sich vor seinen Feinden fürchtete. Ich machte ihm deshalb mit der Hand ein Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen die Verfolger, stürzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn mit einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefährte des Erschlagenen blieb entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach Bogen und Pfeil, um auf mich zu schießen. Ich kam ihm indes flugs zuvor und streckte ihn durch einen Flintenschuß nieder.

Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen so bestürzt, daß er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlüssig, was zu thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir zu nähern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir heranzukommen. Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that auch einige Schritte vorwärts, hierauf stand er wieder etwas still, kam dann etwas näher, hielt hernach aber von neuem inne. Ich fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken und ihm durch freundliche Gebärden seine Todesangst zu benehmen. Dies bewog ihn, sich allmählich zu nähern, aber wiederholt kniete er nieder, um mir seine Unterwürfigkeit auszudrücken. Endlich kam er zu mir heran, legte sich nieder, küßte die Erde, ergriff meinen rechten Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu verstehen geben, daß er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mögliche, um ihm Mut einzuflößen.

Währenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben glaubte, wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich machte meinen Schützling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf an seinen Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren nicht mehr gehörte liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem Munde eines Menschen. Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen zu überlassen, der Verwundete stand bereits im Begriff, sich wiederzuerheben. Deshalb legte ich auf ihn an, um ihn niederzuschießen, allein mein Schützling gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm den Säbel, der an meiner Seite hing, überlassen möge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit Blitzesschnelle stürzte er mit derselben auf seinen Feind los und hieb ihm mit einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels dieses Meisterstücks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu wollen, denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand mir unverständliche Bewegungen ausführend, und legte Kopf und Degen mir zu Füßen.

Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte Bewegungen versetzte, war der Umstand, daß ich den einen seiner Verfolger aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er ließ mich seine Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis bitten zu wollen, sich überzeugen zu dürfen, ob sein Feind wirklich tot sei, was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem Leichnam stand, betrachtete er ihn mit großer Verwunderung, wendete ihn dann bald auf die eine, bald auf die andre Seite und untersuchte die Wunde, aus der nur wenig Blut floß, denn die Kugel war tief in die Brust eingedrungen und das Blut hatte sich nach innen ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein Wilder mit Bogen und Pfeilen des Getöteten wieder zurück, und da ich jetzt heimgehen wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er aber, als echter Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete mir durch Zeichen an, wir möchten die Toten in den Sand eingraben, damit deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte ich vollständig überein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt.

Noch wußte ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. Meinem Traume gemäß hätte ich ihn nach meiner Burg führen müssen, doch besser schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von meiner Hauptwohnung entferntesten Teile der Insel, zu gehen. Dort gab ich ihm Brot, Rosinen und frisches Wasser, was ihm trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm eine Schütte Reisstroh zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke. Bald war er ruhig eingeschlafen.

Es war ein schöngebauter, kräftiger, schlanker Bursche von etwa 25 Jahren. Seine regelmäßigen Züge waren einnehmend, sie hatten im Grunde wenig Wildes und trugen den Ausdruck männlichen Stolzes. Wenn er lächelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut aus denselben, wie sie meist den Wilden nicht eigen ist; seine langen Haare waren nicht wollig oder kraus, sondern hingen schlicht auf den Nacken nieder; seine Haut war dunkelbraun, von einer olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht war rund und voll, die Stirn frei, der Mund nicht übel geformt, seine Zähne weiß wie Elfenbein.

Während der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem nahen Gehege, um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit beschäftigt, als mein Indianer, der höchstens eine halbe Stunde geruht hatte, eilends auf mich zukam, sich wiederum demütig vor mich hinlegte, meinen Fuß auf seinen Kopf setzte und mir durch alle möglichen Zeichen seine Dankbarkeit ausdrückte.

Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, daß ich mit ihm zufrieden sei; -- nachher machte ich ihm verständlich, daß er den Namen Freitag führen solle, weil ich nach meinem Kalender glaubte, daß ich ihm an einem *Freitag* das Leben gerettet hätte. Dann bedeutete ich ihn, mich *Herr* zu nennen, da er meinen Weisungen Folge zu leisten hätte; in gleicher Weise lehrte ich ihn den Unterschied zwischen *Ja* und *Nein* sowie die Aussprache dieser Worte. Hiermit endigte die erste Lektion im sprachlichen Unterricht. Dann gab ich ihm Brot und Milch in einem irdenen Gefäße, ich selbst aber brockte mir ein Stück Gerstenkuchen in die Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu folgen.

Ich blieb mit ihm den übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht in der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden war, nahm ich ihn mit in meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, denn er lief herum, wie ihn Gott erschaffen hatte. Als wir an der Stätte vorbeikamen, wo die getöteten Wilden eingescharrt waren, zeigte er mir genau die Stelle und machte ein Zeichen, als denke er daran, die Toten auszugraben, um sie zu verzehren. Er erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen Abscheu ausdrückte.

Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefährten zu mir heran, um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte ich mich vergewissern, ob die Wilden fort wären; deutlich ließ sich durch das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. Von ihnen selbst aber und ihren Kähnen war nicht die geringste Spur mehr zu entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne sich um die zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen, gab meinem Freitag einen Säbel in die Hand, hing ihm Bogen und Pfeile um und gab ihm überdies eine Flinte für mich zu tragen. Ich selbst ergriff zwei Gewehre, und so bewaffnet marschierten wir nach dem Lagerplatz der Wilden.

Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern. Der Boden war ringsum mit Blut gefärbt, Menschenknochen lagen zerstreut umher. Drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stücke Fleisch waren die Überbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten zu verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt hatten; eine große Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten Stamme habe stattgefunden. Ich ließ Freitag die Schädel, die Knochen, die Fleischstücke auf einen Haufen tragen und zündete ein großes Feuer an, um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte sich in Freitag die alte Kannibalennatur; er trug nicht übel Lust, seinem Appetite nach Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber ich verbot ihm dergleichen Gelüste auf das entschiedenste, so daß er nicht wagte, sein Verlangen zu befriedigen.

Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den Rücken gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; hier wollte ich vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. Zuerst gab ich ihm ein paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich eine Weste von Ziegenfell nach dem bequemsten Schnitt, denn ich war ein leidlich gewandter Schneider geworden. Auch für eine Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und eine bequeme, gar nicht übel aussehende Mütze von Hasenfell vollendete die Ausrüstung Freitags. Für den ersten Augenblick schien er entzückt darüber zu sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fühlte er sich gar bald in seinem Kostüm unbehaglich. Die Beinkleider schienen ihm zur Last zu sein, und die Wamsärmel drückten ihm Schultern und Arm. Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, etwas nachgeholfen, gewöhnte er sich bald an seine Tracht und legte sie zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an.