Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 8

Chapter 83,725 wordsPublic domain

Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen, weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. Aber ein ander Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich Holzkohlen an. Ich hatte nämlich als Knabe in der Heimat gesehen, wie man Holz unter Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch das Aufsteigen des Rauches.

Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte ich nicht daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets unternahm ich meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht hatte. Man wird mir wohl glauben, daß ich in diesem Aufzuge im stande war, einigermaßen Furcht einzuflößen. Auf der Rückseite des bekannten Hügels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten, von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig Menschen vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten; die umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen Rachedurst.

Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren Kugeln, die Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerüstet hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, der ungefähr eine Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier Monate lang hielt ich hier Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken. -- Nach so vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich mein Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in mir die Oberhand.

Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter über diese Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint es ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier schlachten.

Allerdings geben sich die Wilden einem blutdürstigen Götzendienste hin, welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei zu vergleichen mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und in Peru verübt hatten, wo sie ganze Völkerschaften vertilgten? Als ich daran dachte, was mir mein Vater aus jenen grausamen Zeiten erzählt hatte, wurde ich milder gegen die unglücklichen Kannibalen gestimmt, und ich fand es selbst von meiner Seite unmenschlich, sie in feindseliger Absicht anzugreifen, solange sie mich nur selbst in Ruhe ließen.

Außerdem hätte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches Handeln meinen eignen Untergang herbeigeführt. Denn gesetzt, es wäre eine Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestürmt, war ich denn wirklich so sicher, sie alle zu töten? Ja, wenn nur ein einziger mir entkam, um seinen Kriegsgefährten in der Heimat Kunde zu bringen, so landeten bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den Tod ihrer gefallenen Freunde zu rächen. Aus alledem zog ich den Schluß, daß die Klugheit und die Menschlichkeit mir in gleicher Weise verböten, mich in die Angelegenheiten jener halbtierischen Menschen überhaupt zu mischen.

Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich zu überzeugen, daß meine grausamen Entwürfe gegen die Wilden, die mir noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten durchaus zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den Knieen dafür zu danken, daß er mich nicht eine That begehen ließ, die ich nunmehr für einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu Gott, mich vor diesen Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, nur dann Hand an sie zu legen, wenn meine Selbstverteidigung dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen beharrte ich fast ein ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen Nachbarn ungehalten, daß ich während dieser Zeit nicht einmal den Hügel bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten oder ob sie kürzlich auf der Insel gewesen wären.

*Achtzehn* Jahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und noch hatte ich nicht mehr als einen einzigen Fußabdruck im Sande und die Reste einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher wohl annehmen, daß die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr selten stattfanden und daß ich auch in der Folgezeit unentdeckt bleiben würde. Mein kleines Boot schaffte ich auf die östliche Spitze der Insel in eine durch Felsen geschützte Bucht, wohin die Fremden wegen der widrigen Strömung nicht gelangen konnten. Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu Ende gegangen, und ich mußte darauf bedacht sein, denselben wieder zu erneuern. Deshalb wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine Ziegenherden untergebracht waren und wo ich in einer Höhle am Fuße eines Berges einen passenden Platz für meine Kohlenbrennerei gewählt hatte. Während ich in der Nähe eines Felsens Äste abhieb, gewahrte ich hinter einem dichten Gebüsch eine dunkle Höhlung in der Bergwand, die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich mir durch das Gestrüpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde zu befriedigen, da funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei große mächtige Augen an. Hierdurch vollständig in Verwirrung gesetzt, rang ich längere Zeit nach Fassung; endlich fing ich an, mich über meine Furcht zu schämen. Als ich wieder vor der Felswand stand, nannte ich mich einen Feigling, indem ich mir sagte, daß ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein auf einem öden Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um nicht vor jedem außergewöhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu erzittern. Ich faßte also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und trat in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte gethan, als ich erschrocken zurückfuhr, so daß auf meiner Stirn Schweiß stand. -- Meine Haare sträubten sich empor, denn aus dem Innern der Höhle klang es wie das Seufzen eines leidenden Menschen, dann folgten ein Stöhnen und tiefes Seufzen.

Ich sammelte alle meine Kräfte und ermutigte mich durch den Gedanken, daß Gott allgegenwärtig sei und mich überall beschützen könne. Noch einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Höhle zurück, und nun erst gewahrte ich, daß es nichts weiter war, als ein großer, alter *Ziegenbock*, der hier im Sterben lag. Vergebens bemühte ich mich, ihn aufzurütteln, er sank immer wieder in seine vorige Lage zurück. Ich ließ ihn also liegen und sah mir die Höhle etwas genauer an. Sie war ziemlich groß und hoch und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern von der Natur selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine Öffnung, die noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, daß man nur auf Händen und Füßen hineinkriechen konnte. Für heute begnügte ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine Kohlen, melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurück.

Am andern Tage kam ich mit sechs großen Lichtern an demselben Orte an. Ich muß hier erwähnen, daß ich schon seit mehreren Jahren ganz leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten ich teils alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel einer Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich während meiner Abwesenheit bis an die Öffnung der Höhle geschleppt, wo er auch liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und begrub es sogleich. Dann zündete ich zwei Lichter an und trat in die Höhle. Als ich an die enge Öffnung im Hintergrunde kam, duckte ich mich nieder und kroch ungefähr drei Meter weit auf den Händen fort; da erweiterte sich die Öffnung, und meine Augen wurden durch ein prachtvolles Schauspiel gefesselt. Ich befand mich nämlich in einer herrlichen Wölbung, an deren Wänden sich der Strahl der Lichter in tausendfachem Schimmer brach. Waren es Diamanten oder vielleicht Goldkörner, die sich an die Felsenwände kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht entscheiden. Der Boden war trocken und eben, mit äußerst feinem Kies bedeckt, und nirgends eine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen Ausdünstungen oder widerwärtigen Tieren. Als einzigen Übelstand fand ich die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dichte Finsternis. Dennoch freute ich mich über meine Entdeckung, da die Grotte eine sichere Zufluchtsstätte zu bieten versprach; ich beschloß also gleich, diejenigen Gegenstände, die mir am wertvollsten schienen, ohne Zögern hierher zu schaffen.

Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen beiden Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser Gelegenheit öffnete ich auch mein letztes Pulverfäßchen, das ich aus der See aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, daß das Meerwasser ein Stück eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten Schale zusammengebacken, der Rest aber vollständig gut erhalten war. Alles das schaffte ich in die Grotte und behielt für meinen gewöhnlichen Bedarf nur wenig zurück. Auch das Blei, welches ich noch besaß, um daraus Kugeln zu gießen, barg ich nebst andern wertvollen Dingen an diesem von der Natur so geschützten Orte. Ich gewann nun die Überzeugung, daß, wenn mich die Kannibalen auf der Insel auszuspähen versuchten, sie mich hier kaum finden würden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen sicher zu sein. Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der Vorzeit, welche in Höhlen und Felsenklüften lebten, in denen sie unnahbare Zufluchtsstätten fanden.

Zehntes Kapitel.

Stillleben mit Unterbrechungen.

Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch von Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reiseträume.

Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, und ich hatte mich während dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Nur selten überkam mich ab und zu die Furcht, durch die Überfälle der Wilden beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen hatte ich mir alle möglichen Bequemlichkeiten verschafft, ja selbst an Vergnügungen fehlte es nicht. Zwar war mir schon nach dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem Phylax ein treuer Gefährte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei Lieblingskatzen diesen Verlust. Außerdem sprangen noch einige zahme Ziegen und ein Böckchen um mich her, die mir überall folgten und ihr Futter aus meiner Hand nahmen. Den größten Zeitvertreib gewährte mir mein alter Freund *Poll*, der im Laufe der Zeit so vielerlei und deutlich sprechen lernte, daß er mich fast die Sehnsucht nach dem Umgang mit Menschen vergessen ließ; ich besaß nebenbei aber auch noch zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls lustig ein lautes »Robin, Robin!« »Crusoe, Crusoe!« ertönte. Überdies hatte ich sogar mehrere Land- und Seevögel zahm gemacht, ihnen die Flügel gestutzt und in dem Zaungehege meines Schlosses ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie sich bald vermehrten und durch ihr reges Treiben Leben um meine Burg verbreiteten.

Neue Pläne beschäftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm auf den Einfall, mir den Lebensgenuß durch die Beschaffung des edlen Gerstensaftes zu erhöhen. Wochen und Monate brachte ich mit zahllosen Versuchen zu, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Indessen glaubte ich doch, daß ich bei meiner Beharrlichkeit noch einen trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben würde, wenn nicht die beständige Sorge vor den Wilden mich zu andern Beschäftigungen angetrieben hätte.

So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht auf eine gedeihliche Ernte hatte mich häufiger als je auf meine Felder und Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem in eine nicht geringe Aufregung versetzt. Als ich nämlich, noch in der Morgendämmerung, ausrückte, sah ich zu meinem großen Erstaunen den Widerschein eines Feuers am Ufer, aber nicht etwa in der meiner Wohnung entgegengesetzten Seite, sondern gerade vor meinem Bezirk, und zwar höchstens eine halbe Stunde entfernt. In großer Bestürzung zog ich zuerst mich in ein Wäldchen zurück, das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich geradeswegs nach meiner Burg zurück, zog die Leiter an mich heran und traf Anstalten zu meiner Verteidigung.

Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen, lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln und Eisenstücken. Darüber vergaß ich aber nicht, mich dem Schutze Gottes zu empfehlen und ihn zu bitten, er möge mich vor den gefährlichen Unholden bewahren.

In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte ich die peinliche Ungewißheit nicht länger ertragen. So lehnte ich wieder meine Leiter an, stieg auf den neben meinem Schloß befindlichen Felsen und spähte nun mit dem Fernglase nach der Richtung hin, wo ich das Feuer bemerkt hatte. Hier sah ich gegen zehn ganz unbekleidete Wilde um einen Herd herum kauern, auf dem sie ein loderndes Feuer unterhielten, um eine ihrer entsetzlichen Menschenmahlzeiten abzuhalten. Plötzlich erhoben sie sich und führten unter allerlei Gebärden einen Tanz auf. Die Kannibalen hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die Zeit der Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich einen Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick in mir hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die Flut zu steigen begann und nach Westen strömte, sah ich, wie sich die Wilden sämtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, daß die Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen könnten, gab mir eine große Beruhigung. Solange die Flutzeit dauerte, konnte ich also mit aller Sicherheit umherstreifen.

Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, steckte ein paar Pistolen zu mir, hängte ein großes Jagdmesser um und begab mich eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr blutiges Fest gehalten hatten. Da sah ich denn gräßliche Spuren ihrer Grausamkeit: Blut, Knochen und einige Stücke Fleisch von den menschlichen Opfern. Dann begab ich mich auf jenen Hügel, wo ich das erste Mal ähnliche Überreste gefunden hatte, und bemerkte von hier aus, daß noch drei andre Kanoes mit Wilden dagewesen waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch gesättigt hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer Heimat zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschloß. den ersten, der sich mir auf Schußweite nahen würde, durch eine Kugel niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefühlen gegen die Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vorteilhaftesten überraschen könnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen Besuche, in zwei Haufen trennten.

Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne daß sich der Besuch der Wilden wiederholt hätte; wenigstens konnte ich keine Spur davon entdecken. Zudem durfte ich auch sicher sein, daß sie in der Regenzeit sich nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch befand ich mich während dieser ganzen Zeit in großer Unruhe. Bange Träume von Verfolgung und Blutvergießen marterten mein Hirn, so daß ich selbst im Wachen zwischen Beängstigung und Rachedurst schwebte.

Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselkönig, als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den größten Teil der Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über meine gegenwärtige Lage beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trösterin, die Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue Zuversicht zu schöpfen, da schreckte mich plötzlich ein *dumpfer Knall*, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf.

Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle in meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz und stieg auf meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel erreichte und nach der tobenden See schaute, verkündigte von dort her ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden mein Ohr erreichte. Er kam von jener östlichen Strömung her, in die ich früher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete sofort, daß der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe herrühre, welches einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch Signale von seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes Holz, als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen, schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse ab. Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; von Zeit zu Zeit drang der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an mein Ohr, bis endlich alles verstummte.

Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast. Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand; aber nach meiner Überzeugung mußte es ein Schiff oder Wrack sein. Da ich nun auch den Tag über, wie man sich leicht denken kann, mit gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber sich nicht von der Stelle rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der Küste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung der Insel herbeiführten.

So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum Verderben des andern.

Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen. Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht ein einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und mußten demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war es auch, daß sie in ihre Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome, der mich vormals in Gefahr gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die Worte zu finden, um das Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim Anblick der Schiffstrümmer bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn sich doch nur einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten, Gefährten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage, überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung nie so bitterlich.

Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner Hilfe zu spät käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche Dinge auf dem Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt und nicht länger anstand, an die Ausführung des Unternehmens zu gehen.

Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, einen Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schöpfte das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und kehrte nach Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers, etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen Käse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweiße meines Angesichts brachte ich dieses Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott um Schutz anflehte, stieß ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der Küste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu wagen. Ein Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an die Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke, ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang und mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei.

Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern mußte. Hierauf dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der Strömungen mich mit derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit welcher mich die andre von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hügel, von wo aus ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich denn, daß die Strömung der Flut in der Nähe des Landes nach Norden ging, und daß ich, um meiner Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann ich meinen früheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von neuem mein Boot und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost treiben und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an.

Das Schiff, seiner Bauart nach ein *spanisches*, bot einen bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fuße abgebrochen; der Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein.

Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein *Hund*, der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und fütterte es mit Brot, welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang im Schnee gehungert hat.