Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse
Part 7
Während der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver so sehr auf die Neige gegangen, daß ich ernstlich daran denken mußte, das für mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich Ziegen und Vögel schießen? Wie konnte ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen? Bis auf die äußerste Not durfte ich es nicht ankommen lassen, deshalb ging ich darauf aus, Ziegen zu *fangen*, um meinen letzten Vorrat an Pulver zu schonen. Besonders gern hätte ich eine Mutter mit ihren Jungen gehascht, und es mochten sich vielleicht auch schon einige gefangen haben, aber die Netzstricke waren nicht stark genug, und wenn ich eine Beute zu haben glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich versuchte ich es mit *Fallgruben* und machte an jenen Plätzen, wo die Ziegen zu weiden pflegten, tiefe Löcher, legte über diese Gruben ein Flechtwerk von dünnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum Reis und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, daß diese die Körner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That sämtliches Getreide abgefressen -- aber keine Ziege gefangen. Nach einigen weiteren mißlungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines Morgens die Freude, in einer der Gruben einen großen, feisten Bock, sowie in einer andern drei junge und zwei ältere Ziegen und einen Bock gefangen zu erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, war so wild, daß ich mich nicht an ihn herangetraute, und ihn zu töten konnte nicht in meiner Absicht liegen, da sein zähes Fleisch für meinen Gaumen durchaus nicht verlockend schien. Ich gab ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit, und er floh in weiten Sätzen davon.
Damals dachte ich freilich noch nicht daran, daß der Hunger selbst einen Löwen zähmen kann; hätte ich den Bock nur drei bis vier Tage hungern lassen, ihm dann Wasser und grünes Futter gegeben, so würde er gewiß zahm geworden sein wie ein Lamm. Meine Zicklein nahm ich eines nach dem andern aus der Grube, band sie mit Stricken aneinander und trieb sie nach Hause. Anfangs wollten sie durchaus nicht fressen; als ich sie jedoch ein paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann saftige Kräuter vorhielt, ließen sie sich zum Fressen verlocken und wurden in kurzer Zeit zahm.
Das war der erste Anfang zu meiner Ziegenherde, und ich sah schon im Geiste der Zeit entgegen, wo ich, ohne Pulver und Blei nötig zu haben, fortwährend mit Ziegenfleisch versorgt sein würde. Freilich drängte sich mir bei dieser frohen Aussicht der Gedanke an einen leidigen Übelstand auf. Da ich nämlich um jeden Preis zu verhüten hatte, daß die Tiere mit ihren Brüdern im Thale und in den Wäldern zusammenträfen, so mußte ich einen Park von Hecken oder Palissaden errichten, damit weder meine zahmen Ziegen entfliehen, noch die wilden von außen hereinbrechen konnten.
Wer in der Errichtung solcher Gehege einige Übung besitzt, würde sich kaum eines Lächelns haben enthalten können, hätte er gesehen, wie ich zu meiner ersten Hürdenanlage eine jener großen Wiesen aussuchte, die man in den Ländern des Westens Savannen nennt.
Einige klare Bäche schlängelten sich durch den Wiesengrund, an dessen einem Ende schattige Bäume standen; um aber diese Wiese mit einem Zaune zu umgeben, bedurfte es einer Reihe Palissaden von beinahe einer halben Meile Ausdehnung. Hierbei bedachte ich allerdings nicht, daß in einem so großen Umkreis die Ziegen ebenso schwer zu fangen sein mußten, als wenn sie frei auf der ganzen Insel hätten umherlaufen dürfen.
Schon hatte ich etwa 150 Schritte fertig, als mir dieser Gedanke nachträglich beikam. Ich beschloß deshalb, nur ungefähr 200 Schritt einzufriedigen, was für eine Herde, wie ich sie in einiger Zeit haben konnte, wohl genügen mochte. Nach Vollendung jener Arbeit, welche drei Monate in Anspruch nahm, waren meine Ziegen schon so zahm geworden, daß sie mir überallhin folgten und mir aus der Hand fraßen. Binnen zehn Monaten hatte sich meine Herde bis auf zwölf Stück junge und alte vergrößert, in zwei Jahren war sie auf 43 gestiegen, obgleich ich mehrere davon zu meinem Lebensunterhalt geschlachtet hatte.
Nicht allein Fleisch hatte ich nun im Überfluß, auch Milch hatte meine Speisekammer mehr wie ausreichend aufzuweisen. Nach einigen vergeblichen Versuchen lernte ich sogar Butter und Käse machen, da ich auch Salz gefunden hatte, was durch Verdunstung von Seewasser in Vertiefungen am Meeresufer sich in Krusten gebildet hatte.
Die größte Beeinträchtigung erfuhr meine Würde als Herr des Insellandes durch die Beschaffenheit meiner Kleidung. Mein Anzug würde in jedem von Menschen bewohnten Lande die größte Heiterkeit oder vielleicht auch Furcht erregt haben. Als Kopfbedeckung trug ich eine hohe aus Ziegenfell gefertigte Mütze mit einem Zipfel, der bis auf die Schultern fiel, um mich vor der Sonne und vor Regen zu schützen. Rock und Beinkleider stammten gleichfalls von Ziegen her, und meine Füße schützte ich durch eine Art Sandalen, die an der Seite festgehalten wurden. Den Rock hielt ein Gurt von Leder zusammen, in welchem statt des Degens eine Axt und eine Säge hingen. Ein andres umgehängtes Band diente dazu, um meine mit Pulver und Schrot gefüllten Taschen festzuhalten. In einem Tragkorbe befanden sich meine Lebensmittel, meine Flinte hing über der Schulter, und außerdem hatte ich noch meinen Sonnenschirm zu halten, der sich mir als ganz unentbehrlich zeigte. Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so braun, als man bei dem heißen Klima vermuten möchte. Das kam natürlich daher, daß ich meinen Regen- und Sonnenschirm immer bei mir führte, auch wenn ich mich nur eine kleine Strecke von meiner Wohnung entfernte.
Jedenfalls war ich in jeder Beziehung ein Landesherr, der seinesgleichen suchen konnte.
Neuntes Kapitel.
Robinson entdeckt Spuren von Menschen.
Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons Bangen. -- Untersuchung der Fußspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken.
Mit allem Notwendigen ausgerüstet, begann ich einen neuen Ausflug, auf den ich fünf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. Mein erster Weg führte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker ausgeworfen hatte, um die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu überblicken. Auch diesmal erstieg ich die Höhe und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß die See glatt war wie ein Spiegel, nirgends vermochte ich eine Brandung zu entdecken. Diese befremdliche Erscheinung hatte jedenfalls ihren natürlichen Grund in der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Flut. Da ich mir jedoch darüber noch nicht ganz klar war, so wollte ich wie ein Naturforscher der Sache auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb gegen Abend, als es bereits dämmerte und die Ebbe eintrat, hinauf auf den Hügel und sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestüme Strömung. Zugleich bemerkte ich aber, daß dieselbe eine halbe Stunde von der Küste entfernt schien, während sie früher dicht an der Sandbank hinlief. Auf diese Beobachtungen gestützt, sagte ich mir, daß ich die Insel ohne Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen könnte, wenn ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes hatten die überstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck in mir zurückgelassen, daß ich für jetzt auf das Wagnis einer neuen Seefahrt verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, wenn auch höchst mühselig auszuführender Plan in den Sinn.
Sollte es nicht möglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, um auf jeder Küste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen?
Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunächst war es am Fuße des Felsens und in der Nähe des Ufers mein Zelt oder meine Burg samt Einzäunung und Höhle hinter dem Zelte. Letztere hatte ich allmählich vergrößert und neue Gemächer geschaffen, worin ich meine Vorräte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen großen Körben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren die Pfähle der zweiten Umhegung, die, wie ich erwähnte, Zweige getrieben hatten, bereits zu stattlichen Bäumen angewachsen und ihre Äste so ineinander verschlungen, daß man selbst in ziemlicher Nähe hinter diesem grünen Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt hätte. Etwas weiter in das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, auf deren Bebauung ich stets den größten Fleiß verwandte, so daß ich jährlich durch reichliche Ernten belohnt wurde.
Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nähe meines Landhauses angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs die grüne Hecke stattlich empor und gewährte erquickenden Schatten. In der Mitte spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die Ziegenfelle, welche ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, während eine wollene Decke und ein großer Mantel mir während der kühlen Nächte zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich mein »Schloß« auf einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, mehrere Tage in aller Bequemlichkeit zubringen.
Ganz in der Nähe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwähnt, die Einzäunungen für meinen Viehstand angebracht. Die beständige Sorge, daß mir die Ziegen einmal ausbrechen möchten, ließ mir keine Ruhe, bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht hatte, daß man kaum eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar während der Regenzeit die Ruten und Stäbe ausschlugen, bot dieses Gehege den Vorteil einer undurchdringlichen Mauer.
In demselben Thale befanden sich auch die Weinstöcke, welche mir beträchtliche Vorräte für den Winter lieferten, und da die wertvollen Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so versäumte ich nie, zur gehörigen Zeit die Trauben zu trocknen.
Eines Tages überkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug nach der Ost- und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im Vorbeigehen auch nach meiner Barke sehen.
Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich meine Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches zu gelangen, der am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich mich längs des Ufers desselben, dann aber bog ich nordwärts ab und kam so gegen Abend an einen Fluß, der bei weitem bedeutender war als alle übrigen, welche ich bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand mich bald an der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig, teils felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte.
Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand; ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, von dem Ereignis des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken.
Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung zu teil, die mich in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste Aufregung versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines -- *Menschenfußes*.
Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie früher erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks stehen; ich lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber nicht das Geringste. Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, von welchem aus ich einen größeren Raum überblicken konnte; dann ging ich wieder an das Ufer des Meeres hinab und durchlief die Küste von einer Seite zur andern, um zu sehen, ob noch andre Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine Sinne getäuscht hätten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile eines Menschenfußes waren nur zu deutlich abgedrückt. Woher mochte diese Spur kommen?
Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nähe von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster Verwirrung schlug ich den Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume und fürchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich wieder in meiner Burg ein, ohne daß ich mich nachträglich besinnen konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthür hereingekommen war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem Zufluchtsorte eilte.
Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. Meine erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß jene Spur von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte denn irgend ein menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, daß ich nur eine einzige Fußspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und lockere Fläche zeigte?
Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein? Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der Insel landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie konnten dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch das nicht, so konnten sie doch meine Ziegen wegführen, meine Felder zerstören und mich meiner Vorräte berauben.
Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorräte an Wasser, Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, und ebenso notwendig, als diese zu ersetzen waren, mußte ich meine Ziegen melken, weil sonst zu befürchten stand, daß ihnen die Milch vergehen möchte. Da half kein Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwärts zu gehen, so mußte ich mich doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing an, mich über meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon längst erwartet zu haben schienen.
Einige Tage verlebte ich hier, ohne daß ich etwas Besonderes bemerkt hätte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte meine Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber meine frühere Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. »Die Fußspur! die Fußspur!« Ich mußte Gewißheit darüber haben, ob ich den Abdruck meines eignen oder eines fremden Fußes gesehen habe. Zu meiner Beruhigung entschloß ich mich endlich, noch einmal an Ort und Stelle eine genaue Besichtigung vorzunehmen. Als ich aber den Ort des Schreckens erreichte, überzeugte ich mich zunächst, daß ich bei meiner Landung mit dem Boote unmöglich diese Gegend berührt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon entfernt. Nachdem ich vollends die rätselhafte Spur mit meinem Fuße gemessen hatte, ergab sich's deutlich, daß sie viel länger und breiter war. Nun stellte es sich für mich als klar und unumstößlich heraus: das Merkmal rührte von einem fremden und sicherlich wilden Menschen her.
Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich meiner von neuem Angst und Bangen, eisiger Frost schüttelte mich wie einen Fieberkranken; ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die unsinnigsten Gedanken ein.
Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzäunungen niederreißen und all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, daß es der unbekannte Feind finden und verlockt werden möchte, öfter hierher zurückzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, mein Zelt und das schützende Wäldchen vernichten, um jede Spur einer menschlichen Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze Nacht munter, und erst gegen Morgen schlief ich bis zum Tode ermattet ein. Als ich erwachte, dachte ich weniger befangen über meine Lage nach. Endlich kam ich zu dem Schluß, daß die anmutige und fruchtbare, nur in mäßiger Entfernung vom Festland gelegene Insel nicht so ganz verlassen sein könne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und daß sie wenigstens mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen mit ihren Kanoes hier landeten, besucht würde. Zwar hatte ich seit den *fünfzehn Jahren* meines Aufenthalts auf dieser Insel noch keinen einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel daher rühren, daß diejenigen, welche aus irgend einem Grunde hierher kamen, keine Veranlassung fanden, länger zu verweilen. Die einzige Gefahr für mich war eine zufällige Landung herumstreifender Menschen vom Festlande. Da es aber wahrscheinlich war, daß diese nicht leicht aus eignem Antriebe die Insel besuchen würden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe schnell zu verlassen, und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der Küste aufhalten, aus Furcht, die günstige Strömung und die Tageshelle zur Rückfahrt entbehren zu müssen. Sonach hatte ich also für den Fall, daß die Anwesenheit von Wilden außer allem Zweifel stand, nichts weiter zu thun, als mich in meine Festung zurückzuziehen und mich hinter den Wällen still zu verhalten.
Trotz solcher beruhigenden Erwägungen steigerten Zweifel meine Unruhe und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Güte Gottes war dahin; Trübsal und Verwirrung umschatteten meinen Geist so sehr, daß er sich nicht aufzurichten vermochte in einem Gebet zu dem, der da spricht: »Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.« Hätte ich nur auf diese Stimme gehört und den Herrn in meiner Not angerufen, so wären sicherlich fester Mut und größere Beharrlichkeit in meine Seele eingezogen; Zaghaftigkeit und Furcht, die alle meine Sinne gefangen hielten, würden dann niedergekämpft worden sein.
Jetzt bereute ich es, daß ich mir einen Ausgang aus meiner Höhle gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. Ich nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der Mauer eine zweite Palissadierung im Halbkreise aufzuführen, gerade da, wo ich vor zwölf Jahren eine doppelte Reihe von Bäumen angepflanzt hatte. Diese standen ohnehin schon dicht genug, daß es nicht mehr viel bedurfte, um die Zwischenräume zwischen ihnen auszufüllen, so daß nach wenigen Jahren ein undurchdringliches Gehege emporwuchs. So schützte mich eine doppelte Mauer, und die äußere ließ sich noch durch Bohlen, alte Taue, Schutt und Erdreich verstärken. Diesen Wall führte ich nicht nur über den Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu laufen, daß es mir an Wasser mangle.
Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen Abhang der kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke mit mehr als 2000 Schößlingen von jenem weidenähnlichen Holze, ließ aber überall zwischen denselben und meinem Baumwall einen beträchtlichen freien Raum, damit ich den Feind herankommen sehen, er aber hinter den jungen Bäumen kein Versteck finden konnte. Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehölz um meine Festung so dicht, daß es in der That undurchdringlich schien und kein Mensch hinter diesem Gebüsch eine menschliche Wohnung vermuten konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen hatte, so gelangte ich über den äußeren Wall nicht anders als mit Hilfe zweier Leitern.
Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, auf dem ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern weggenommen, so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich der größten Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung brachte ich sieben Schießlöcher an, nicht größer als nötig, um den Arm durchzustecken; außerdem verstärkte ich diesen Wall bis auf drei Meter, indem ich dagegen Erde aufschüttete, die ich aus der Höhle schaffte und mit den Füßen feststampfte. In jene sieben Öffnungen brachte ich sieben mir noch übrig gebliebene Musketen, richtete Gestelle für sie auf, auf denen sie so ruhten, wie Kanonen auf ihren Lafetten, und ich war somit im stande, alle meine Gewehre binnen einer Minute abzuschießen.
Auf diese Weise hatte ich alle Maßregeln ergriffen, welche die Klugheit eingeben konnte, und ich fand später, daß sie mir von Nutzen waren. Während dieser Arbeit versäumte ich jedoch meine übrigen Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde besorgt.
Verschiedene kleine Rasenplätze, mit hohen, dichten Wäldern umzäunt, boten einen geeigneten Park für meine Herden, und dies erschien mir um so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzäunung nachzuhelfen brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese Hecken vollendet und trieb nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke dorthin.
Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte war jetzt gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen ließe. Bei diesen Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen.
Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung über jene Fußspur, und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht völlig rechtfertigte. Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, Arm- und Fußknochen und andern menschlichen Körperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten, um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem großen Feuer ihre abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten.
Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an die eigne Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörte sich gegen eine solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen, nach meiner Wohnung zurück. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb ich plötzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thränenden Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten Tiefe meines Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ, wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden ließ, wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemals landeten, und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und um das Land meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt über meine Sicherheit als zuvor.
Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum daß ich mich zu meinen drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte, welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In beständiger Besorgnis, daß die Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten konnte.