Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 6

Chapter 63,612 wordsPublic domain

Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis in mein Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, das letztere besser einzurichten. Aus Erfahrung wußte ich jetzt, daß ich jährlich zweimal säen und ernten könne; die Entscheidung darüber, was in Zukunft für mich und meinen Hausstand am zweckmäßigsten sein würde, wollte ich von der Größe meines diesmaligen Verbrauchs abhängig sein lassen.

Zunächst nahm ich meine Ähren, rieb sie aus, stampfte die Körner in meinem Mörser und siebte sie durch die Matrosenhalstücher. Zum Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, und die Not macht erfinderisch. Ich baute mir große irdene Gefäße zusammen, die wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann härtete ich diese mehr pfannenartigen Gefäße im Feuer. Wollte ich nun Brot backen, so zündete ich ein tüchtiges Feuer auf meinem Herde an, den ich mit rotgebrannten Steinen eigner Fabrik gepflastert hatte. Sobald das Holz hierauf zu glühender Kohle ausgebrannt war, breitete ich dieselbe derart auf dem Boden aus, daß die Steine gehörig durchhitzt wurden. Dann zog ich die Kohlen zurück, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr flachen Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden irdenen Gefäßen und häufte ringsumher glühende Kohlen und Asche, um die Hitze noch zu verstärken. So bereitete ich meine Brote ebenso gut, als wären sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, ich versuchte mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen und Reispuddings, die in meinen einförmigen Speisezettel eine angenehme Abwechselung brachten.

Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigten sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Küstenlande, welches ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als dunklen Streifen am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, daß jenes Land zum amerikanischen Festlande gehöre, flogen meine Wünsche über die weite Meeresfläche und regten mit aller Gewalt in mir die Sehnsucht an, dorthin zu gelangen.

Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: »Das Wasser hat keine Balken.« Ich wünschte mir lebhaft meinen treuen Xury und das Boot mit den lateinischen Segeln zurück, mit dem ich eine so weite und gefahrvolle Reise längs der afrikanischen Küste zurückgelegt hatte; ohne Bedenken hätte ich mich dann von neuem dem unsicheren Elemente anvertraut.

Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, welche weit auf die Küste geworfen worden war. Flugs machte ich mich auf, um zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befände. Ich traf sie auch noch an der nämlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen hatte, aber in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten und der Stürme hatte sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen und aufs Trockene gesetzt. Es kam zunächst darauf an, die Schaluppe wieder umzukehren und flott zu machen. Nach vielen vergeblichen Mühen und Anstrengungen kam ich auf den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst herabgleiten zu lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen und Stützen zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die Schaluppe vorwärts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen, deshalb gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit während drei bis vier Wochen die ganze Sache auf.

So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden doch meine Begierde und mein Mut nur verstärkt, und ich faßte den Entschluß, selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. Ich hielt dies nicht nur für möglich, sondern sogar für leicht, zumal ich über viel mehr Hilfsmittel verfügte als die Neger oder Indianer. Freilich hätte ich auch überlegen sollen, daß ich Vereinsamter mit ganz andern Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde als die Indianer, die einander beistehen. Was half es mir am Ende, falls ich auch das schönste Kanoe von ganz Amerika zustande brächte, wenn ich es nicht ins Meer zu schaffen vermöchte?

Man sollte denken, daß die Erfahrungen, die ich vordem mit der aufs Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich der Möglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen handgreiflichen Wink gegeben hätten: nichts von alledem! Meine unstäten Gedanken verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, daß ich die Sache möglichst ungeschickt anfing. Aber stets beschwichtigte ich alle Befürchtungen mit der thörichten Tröstung: »Laß nur gut sein, Robinson! Erst das Boot fertig, das übrige wird sich finden!«

Kurz, mein Eigensinn siegte über den Verstand. Ich fand auch einen prächtigen Baum, der mir für meinen Zweck ganz wie geschaffen schien. Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu fällen, und vierzehn Tage mußte ich darauf verwenden, Äste und Krone abzuhauen. Dann kostete es fast einen ganzen Monat Zeit, dem Stamme jene bauchförmige äußere Gestalt des Bootes zu geben, damit er auf dem Wasser schwimmen könne, ohne sich zur Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate, um das Innere auszuhöhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht des Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und des Meißels.

Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine wahrhafte Freude an meiner Schöpfung, denn ich hatte in der That noch nie einen so großen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen Ruderkahn gesehen, groß genug, um mehr als zwanzig Mann zu fassen, und demzufolge auch mich samt meinen Habseligkeiten zu tragen. Das Boot hatte unzählige Axt- und Hammerschläge, manchen Schweißtropfen gekostet, und wäre es mir gelungen, dasselbe flott zu machen, wer weiß, ob ich nicht die unüberlegteste Reise gewagt hätte, wie sie nur je ein wagehalsiger Abenteurer unternehmen konnte.

Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; aber das große Hindernis bestand darin, daß das Ufer zum Meere bergan lief. Ich ließ indes den Mut nicht sinken, sondern versuchte, die Anhöhe wegzuräumen und das Land nach der Küste zu abfällig zu machen. Als der Weg so ziemlich geebnet war, befand ich mich um nichts gefördert, denn das Kanoe rückte äußerst wenig von der Stelle, so wenig wie vordem die Schaluppe. Hierauf maß ich die Entfernung ab, welche zwischen meinem Boote und dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die erforderliche Breite, um einen genügend breiten und tiefen Kanal bis zum Meere zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzuführen. Indem ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte -- denn der Kanal hätte sehr viel Tiefe haben müssen -- und damit die mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine zwei rüstigen Arme, in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis meines Voranschlags die Überzeugung, daß recht gut zehn bis zwölf Jahre vergehen könnten, ehe ich ans Ziel meiner Wünsche kommen konnte.

Dieses erfüllte mich mit großer Betrübnis; ich sah jetzt, leider zu spät, ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man sich vorher nicht Klarheit darüber verschafft, ob der Größe des Unternehmens gemäß auch die zur Verfügung stehenden Mittel zur Ausführung hinreichen.

Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein *viertes* Jahr auf dem Eiland zurückgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, wie in früheren Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, die mir reichen Trost einflößten.

An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern entlief, um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeräuber von Saleh gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. An dem nämlichen Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der Reede von Yarmouth gerettet ward, entfloh ich glücklich aus Saleh. Am 30. September 1659 endlich, an meinem 26. Geburtstage, wurde ich wunderbar gerettet und auf diese Insel verschlagen.

Der erste meiner Vorräte, welcher mir nach der Tinte ausging, war der Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben höchst haushälterisch umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein Jahr vor meiner Kornernte gänzlich aufgezehrt, was mich allerdings etwas in Verlegenheit versetzte.

Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn seit längerer Zeit besaß ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden, die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schützten. Bei einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche Kleidungsstücke sowie ein paar große Überröcke. Fast mußte ich über den Fund dieser letzteren lächeln, denn ich hätte es in denselben vor Hitze nicht aushalten können, und doch wußte ich auch hieraus etwas Brauchbares zu schaffen. Da sich nämlich alle meine Jacken in einem Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, so lag es sehr nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderkünstler zu versuchen, und ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange tragen zu können hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen Kleidungsstücke, die meinen Oberkörper bedecken sollten, in einer Weise ausgefallen, die selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, so legten meine Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein noch glänzenderes Zeugnis bejammernswürdiger Unbeholfenheit ab.

Ich muß hier nachträglich erwähnen, daß ich die Häute aller getöteten vierfüßigen Tiere aufbewahrte und auf Stäben an der Sonne trocknen ließ. Einige derselben waren so hart geworden, daß sie zu nichts mehr taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife zusammengedörrt waren, leisteten mir leidlich gute Dienste.

Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue große Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar außerhalb ließ, um mich so besser gegen den Regen zu schützen.

Noch etwas andres stellte sich mir als unentbehrlich heraus, nämlich ein *Regen-* oder *Sonnenschirm*. Denn da ich meist im Freien weilen mußte, so quälte mich die Hitze der tropischen Sonne äußerst empfindlich. Lange Zeit währte es, bis ich etwas Taugliches zustande brachte. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, den Schirm so zu verfertigen, daß ich ihn zusammenlegen konnte; im andern Falle hätte ich ihn stets aufgespannt tragen müssen, was sicherlich die Bequemlichkeit nicht sehr vermehrt haben würde. Ich bedeckte dieses tragbare Wetterdach mit Ziegenfellen, deren Haare ich nach auswärts kehrte; so schützte ich mich, so gut es gehen wollte, gegen den Regen wie gegen die Sonnenstrahlen. Bedurfte ich seiner nicht mehr, so klappte ich den Schirm zusammen.

Vor der Hand hatte ich nun so ziemlich alle Bedürfnisse befriedigt, die sich in meiner Einsamkeit überhaupt einstellen konnten; aber nie schweigen die Wünsche des Menschen still. Ich wollte mit dem gewonnenen Nützlichen auch das Angenehme verbinden, und was konnte mir da wohl näher liegen als der Besitz -- einer *Tabakspfeife*? Hatte ich mich doch in der Töpferei hinlänglich erprobt, daß mir die Fabrikation eines Pfeifenkopfes nur leichtes Spiel schien; auf künstlerische Verzierung dieses Thonstückes mußte ich freilich immer noch Verzicht leisten. Ein ausgehöhltes Rohr herzurichten, machte wenig Kopfzerbrechen, und so konnte ich nun mit meinem edlen Kraute das Inselreich durchdampfen.

Ich kann nicht sagen, daß mir in fünf Jahren etwas Ungewöhnliches begegnet sei, denn ich lebte in derselben Lage, an dem nämlichen Orte, auf die gleiche Weise wie früher. Ich baute mein Korn, buk Brot, erntete Trauben ein und sorgte immer für einen ausreichenden Vorrat hinsichtlich aller nötigen Nahrungsmittel; oft ging ich auf die Jagd, schoß Vögel und Ziegen, fing auch, um eine sehr schmackhafte Suppe zu haben, dann und wann eine Schildkröte und angelte Fische. Daß ich auch die ehrsamen Gewerke eines Zimmermanns, Töpfers, Korbflechters, selbst des Schneiders in Ehren hielt, habe ich bereits erwähnt.

Während dieser fünf Jahre richtete ich mein Hauptaugenmerk darauf, mir eine andre Barke zu bauen, diesmal aber die Sache klüger anzufangen als vorher. Zwar fand ich auch jetzt nicht näher am Strande einen für mein Vorhaben tauglichen Baum; denn die Baumregion begann erst eine ziemliche Strecke vom Ufer. Da schlenderte ich eines Tages ungefähr eine halbe Stunde landeinwärts, längs dem Ufer jenes Baches hin, wo ich mit den Flößen gelandet war. Dort fand ich endlich, etwa zehn Schritt vom Wasser, was ich suchte. Ich fällte den Baum, handhabte dann unablässig Beil und Meißel und hatte schließlich die Freude, meine Piroge fertig zu sehen. Nun grub ich einen Kanal, schaffte unter manchem Schweißtropfen mein Kanoe von der Werft auf das Wasser und flößte es nach dem Meere hinab in die Bucht.

Obgleich ich nicht weniger als zwei Jahre mit meinen Schiffszimmerarbeiten zugebracht hatte, so entsprach doch die Größe der Barke nicht dem Zwecke, welchen ich bei Erbauung der ersteren verfolgte, nämlich dem, mit derselben das gegenüberliegende Festland zu erreichen, welches nach meiner Schätzung wohl vierzig englische Meilen entfernt lag. Dennoch empfand ich eine nicht zu beschreibende Freude, als ich mein selbsterbautes Fahrzeug so sicher und leicht auf den Wellen dahingleiten sah, und wenn ich auch auf den Wunsch verzichten mußte, jenes ferne Küstenland zu erreichen, so schien mir mein Boot doch hinlänglich fest, um in demselben eine Rundreise um mein Eiland unternehmen zu können. Zu diesem Zwecke pflanzte ich einen kleinen Mast auf meinen Ruderkahn und brachte ein Segel zustande, das ich aus mehreren Stück Leinwand zusammenschneiderte. Ebenso sorgte ich an beiden Seiten für Kästchen und sonstige Behältnisse, um darin Lebensmittel, Pulver und Blei aufzubewahren und so gegen den Regen und den Gischt des Meeres gesichert zu sein. Im Innern des Bootes machte ich der ganzen Länge nach eine Höhlung, legte meine Flinte hinein und nagelte zum Schutze gegen die Nässe Leinwand darüber. Außerdem befestigte ich noch meinen Schirm am Hinterteile der Barke, zum Schutze gegen die brennenden Sonnenstrahlen, setzte ein Steuerruder sowie einen Anker in Bereitschaft und versuchte mich zunächst in kleinen Lustfahrten in der Nähe meiner Besitzung.

Nachdem ich die Tauglichkeit meines Bootes durch solche Ausflüge auf dem Wasser erprobt hatte, konnte ich doch der Begierde, den ganzen Umfang meines kleinen Königreichs kennen zu lernen, nicht länger widerstehen. Ich brachte in mein Kanoe eine hinlängliche Menge Proviant, nämlich zwei Dutzend Brote oder vielmehr Gerstenkuchen, einen Topf mit Reis, eine Ziegenhälfte und ein Fläschchen Rum; auch nahm ich Pulver und Blei mit, sowie zwei Überröcke, die mir in kühlen Nächten teils als Matratzen, teils als Decke dienen sollten.

So ausgerüstet begab ich mich am 6. November des sechsten Jahres meines Insellebens an Bord und stach in See. Indessen sollte diese Seefahrt eine andre Wendung nehmen, als ich gedacht hatte. Nachdem ich eine Strecke hinausgefahren und an die östliche Küste gelangt war, bemerkte ich eine Kette von Felsen, die meilenweit ins Meer hinausragten und von denen einige Klippen über, andre unter der Wasserfläche vorschoben. Am Ende des Riffs breitete sich noch eine Sandbank von einer halben Stunde in derselben Richtung aus, so daß ich einen großen Umweg zu machen hatte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte.

Diese Entdeckung kam mir sehr ungelegen, und da mir die Fahrt denn doch etwas gefährlich schien, steuerte ich in meine Bucht zurück und legte meine Barke vor Anker. Hierauf griff ich zur Flinte, stieg ans Land und erklomm einen Hügel, von wo ich das ganze Felsenriff überschauen konnte.

Ich bemerkte eine heftige Strömung, die in der Richtung nach Osten ganz nahe an der äußersten Spitze der Sandbank hinlief. Dieser Umstand konnte für mich sehr gefährlich werden; denn wenn mich der Strom packte und mit sich fortriß, so mußte ich der Insel vielleicht auf immer lebewohl sagen. Von der Südseite ließ sich ein ähnlicher Strom in der Richtung nach Ost-Nordost wahrnehmen, jedoch in einer größeren Entfernung vom Ufer. Dann sah ich eine ziemlich genau angedeutete Sandbank, die gegen die Küste verlief. Diesen Beobachtungen zufolge mußte ich meinen Kurs so nahe an der ersten Sandbank halten, als es ohne Gefahr, zu stranden, irgend anging.

Ein steifer Wind aus Ost-Südost sauste gerade dem nordöstlichsten Strom entgegen und drängte das Wasser in heftiger Brandung an das Riff und die Spitze der Landzunge. Deshalb konnte ich mich nicht auf das Meer wagen. Wegen der Brandung war es doch zu gefährlich, mich nahe am Lande zu halten, und die Strömung legte mir anderseits die Notwendigkeit auf, mich nicht weit vom Lande zu entfernen. Aus diesem Grunde blieb ich ruhig in meiner Bucht zwei Tage vor Anker liegen.

Achtes Kapitel.

Robinsons unglückliche Bootfahrt.

Gefährliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. -- Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. -- Die beiden Strömungen und glückliche Landung. -- Des Papageis Ruf. -- Robinsons »Familie«. -- Ziegenfang und Ziegenpark. -- Schneiderkünste. -- Neue Beobachtungen. -- Rückblicke.

Am Morgen des dritten Tages legte sich der Wind, das Meer wurde ruhig, und nun erst begann ich meine Seefahrt. Mein Schicksal möge unerfahrenen und wagehalsigen Schiffern zur Warnung dienen! Kaum hatte ich die Spitze der Sandbank erreicht, von dem Ufer nur um die Länge meiner Barke entfernt, als ein Strom gleich einer Mühlschleuse mich mit überwältigender Heftigkeit packte. Alle Mühe, dagegen anzukämpfen, erwies sich als umsonst; immer weiter trieb mich die Strömung von der Sandbank, die mir zur Linken lag. Weder Segel noch Ruder konnte ich mit Erfolg gebrauchen. Wurde ich von der Strömung etwa in die See hinausgeworfen, so schien mein Untergang unvermeidlich, insbesondere wegen des Mangels an Lebensmitteln. Denn die am ersten Tage in die Barke geschafften Vorräte nebst einer noch am Meeresufer von mir gefangenen Schildkröte konnten nicht ausreichen, wenn ich weit hinaus auf den unermeßlichen Ozean getrieben wurde, vielleicht viele Meilen von der Küste entfernt.

Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die mir nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. »Glückliche Einöde!« klagte ich, »werde ich dich jemals wiedersehen? Nie wollte ich dich wieder verlassen!« So erkannte ich, als mir meine Besitzung schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte aus allen Kräften und blieb möglichst in derselben Richtung, in welcher die Strömung die Sandbank treffen konnte. Plötzlich erhob sich ein leichter Süd-Süd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde zu einer frischen Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich günstig; ich sah nach meinem Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine Segel aus und suchte mich aus der Strömung zu bugsieren. Bald bemerkte ich, daß der Strom nicht mehr so trübe und heftig war und sich an Felsenklippen brach, so daß der Hauptstrich dieselben nordöstlich liegen ließ und selbst nach Süden lief. Der andre Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strömte nach Nordost. Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde unterstützt, segelte ich eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, daß mich die Strömung zu weit nach Norden und von der Insel ablenken würde. Nun befand ich mich zwischen zwei großen Flutarmen: dem des Südens, der mich zuerst mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher auf der andern Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile beherrschte. Ich bot daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas westlich zu halten und mein Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. Es gelang mir, und etwa gegen 5 Uhr nachmittags kam ich, durch den Wind begünstigt, auf meiner Insel wieder an.

Sobald ich unter meinen Füßen wieder Land fühlte, lieh ich den Gefühlen meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott Worte und gelobte mir feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer Meerfahrt zu verzichten und mich nicht mehr auf die offene See zu wagen. Nachdem ich mich erholt und durch eine kleine Mahlzeit gestärkt hatte, legte ich mich im Schatten der Bäume nieder und schlief bald ein. Am andern Tage überlegte ich, wie ich die Rückreise zu meiner Behausung antreten sollte. Ich entschloß mich, an der Küste hin gegen Westen zu steuern, um ein sicheres Asyl für mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige Meilen weiter einen Kanal, der weit in das Land einmündete, immer schmäler wurde und in einen kleinen Fluß auslief.

Hier ließ ich mein Fahrzeug zurück und beschloß, den Rückweg zu Fuß zurückzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepäck nur mein Gewehr und meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich gegen Abend auf meinem Landsitze wieder an und fand daselbst alles noch, wie ich es verlassen hatte. Flugs überstieg ich den Zaun, legte mich im Schatten nieder und schlief, von der Hitze und dem weiten Wege ermüdet, auch bald ein. Ich mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme erweckt wurde, die mehrmals rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo bist du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?«

Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die Worte sprach, die ich ihn mit vieler Mühe gelehrt hatte, wenn der Kummer über meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wußte mir nicht zu erklären, wie das Tier hierher gekommen war; dasselbe setzte sein Geschwätz und seine Schmeicheleien fort, als wäre es glücklich, mich wieder zu haben. Natürlich nahm ich den Schwätzer ohne Verzug mit mir. -- Gern hätte ich mir den Besitz des Fahrzeuges gesichert, aber ich fand kein Mittel, diesen Wunsch zu verwirklichen; auch fühlte ich geringe Neigung, mich noch einmal den überstandenen Gefahren auszusetzen.

In ruhiger Stimmung des Gemütes und ohne besondere Wandlungen in meinen Verhältnissen verbrachte ich fortan einige weitere Jahre. Ich hatte mich mit meiner Lage ausgesöhnt, so daß ich mich auch ohne menschliche Gesellschaft leidlich glücklich fühlte. Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, die ich in meiner Lage glaubte besitzen zu müssen. Es gelangen meine Zimmermannsarbeiten, trotz der mangelhaften Werkzeuge, immer mehr nach Wunsch; auch die Gerätschaften, die aus meiner Töpferwerkstatt hervorgingen, zeigten nicht mehr die frühere Unförmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm unter meinen fleißigen Händen einen immer höheren Aufschwung.

Der ernsthafteste Mensch hätte sich eines Lächelns nicht enthalten können, hätte er mich im Kreise meiner *Familie* gesehen. Vor allem würde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person bewundert haben, mich, den König der Insel, den unumschränkten Herrn über Leben und Tod aller ihrer Bewohner. Mit königlicher Würde hielt ich Tafel und speiste in Gegenwart meines gesamten Hofstaates. Poll, mein Günstling, genoß allein das Vorrecht, mit mir zu sprechen, und machte davon häufigen Gebrauch, wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein Hund, der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie ein alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen auf ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken auf, die ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpfötchen waren aber nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht hatte, denn diese hatte ich längst mit eigner Hand in der Nähe meiner Wohnung zur Erde bestattet. Die jüngeren Katzen, die mich jetzt umgaben, waren die Nachkommen der ersteren. Dieses Geschlecht hatte sich in solchem Grade vermehrt, daß es endlich eine wahre Geißel für mich wurde; die Tiere plünderten und hausten in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich endlich genötigt, gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl von ihnen aus der Welt zu schaffen.