Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 3

Chapter 33,754 wordsPublic domain

Da wir die sämtlichen Arbeiten nicht selbst ausführen konnten, blieben wir mit vielem im Rückstande. Es währte nicht lange, da fühlte ich mich in meiner Lebensweise unbehaglich. Natürlich! Ich hatte mich einer Beschäftigung hingegeben, die meiner Wanderlust gerade entgegenlief. Jetzt sah ich ein, daß mein Vater recht hatte, als er mir den Mittelstand als den glücklichsten angepriesen. »Und dies alles«, sagte ich häufig zu mir selbst, »hättest du leichter in deinem Vaterlande haben können; manche Leiden hättest du dir erspart, wenn du daheim geblieben wärst! Jetzt mußt du nun hier leben, wo kein Freund an deinem Schicksal teilnimmt.«

Während der vier Jahre meines Aufenthalts in Brasilien hatte ich die Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer Kaufleute in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal über meine Jugendschicksale und besonders über die Reisen an der Guineaküste unterhielt. Dabei ließ ich nicht unerwähnt, mit welcher Leichtigkeit man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, Spiegeln, Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub ein gutes Geschäft machen könne. Besonders aufmerksame Zuhörer hatte ich an jenen Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel sprach, der damals noch ausschließlich von Spanien und Portugal aus getrieben wurde.

Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir einen Vorschlag zu machen; sie teilten mir mit, sie hätten alle drei gleich mir Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an geeigneten Arbeitskräften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff nach Guinea ausrüsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, sondern um Schwarze aus Afrika zu holen und sie gleichmäßig unter sich zu verteilen. Es sei nur noch die Frage, ob ich als Aufseher des Schiffes mitgehen und den Handel an der Guineaküste leiten wolle. Für die Einwilligung würden sie mich durch einen gleichen Anteil an den Negern entschädigen sowie durch den Vorteil, keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu müssen.

Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, war ich doch so thöricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die Bedingung, daß meine Pflanzung bis zu meiner Rückkehr gut überwacht würde und, falls mir ein Unglück widerführe, demjenigen übergeben werden sollte, den ich als Nachfolger bezeichnete. Zu meinem Universalerben setzte ich den portugiesischen Kapitän ein, unter der Bedingung, daß er die Hälfte meines Vermögens nach England gelangen lassen solle.

Die Ausrüstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September 1659, demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das elterliche Haus verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen wir in See. Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, führte sechs Kanonen und 14 Mann, den Kapitän samt seinem Schiffsjungen und mich eingerechnet. Die Ladung des Schiffes bestand nur aus solchem Tand, der sich am besten zum Handel mit Negern eignet.

Wir steuerten anfangs längs der Küste von Brasilien nordwärts, weil wir beabsichtigten, den 12. Grad nördlicher Breite zu erreichen und dann, wie damals üblich, nach Afrika hinüberzusegeln. Solange wir an der Küste hinfuhren, wurden wir von dem prächtigsten Wetter begünstigt; bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land aus dem Gesicht und steuerten, als wollten wir die Insel Fernando de Naronha erreichen, Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel ließen wir aber östlich liegen und passierten nach einer Fahrt von zwölf Tagen die Linie. Bisher hatten wir uns des schönsten Wetters zu erfreuen gehabt, jetzt aber brach ein heftiger Wirbelwind los.

Zwölf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann ließ der Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, daß wir uns in der Richtung nach der Küste von Guinea oberhalb des Amazonenstromes und nicht weit vom Orinoko befanden. Wir überlegten, was unter diesen Umständen zu thun sei, zumal das Schiff ein Leck bekommen hatte; endlich entschlossen wir uns, nach Barbados zu segeln, indem wir uns weit genug auf offener See hielten, um die Einfahrt in den Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. In vierzehn Tagen konnten wir bei den Karibischen Inseln sein und steuerten deshalb nordwestlich.

Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem 14. Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und trieb uns weit fort, als plötzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: »Land! Land!« ertönte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile der Welt wir entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windstoß unser Fahrzeug auf eine Sandbank trieb.

Die Wogen stürzten schäumend über das Deck, und jeder flüchtete in sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu schützen. Der Wind tobte fortwährend heftig, und das Fahrzeug konnte in wenigen Minuten zertrümmert sein, wenn es nicht plötzlich umschlug. Am Hinterteil des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder war zertrümmert und die zerschmetterten Teile tanzten auf den empörten Wellen. Zwar lag noch die Schaluppe an Bord, doch schien es uns unmöglich, dieselbe ins Wasser zu setzen. Die Todesangst zwang uns endlich doch, einen verzweifelten Versuch zu machen, und den vereinten Anstrengungen gelang es, die Schaluppe über Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und ließen uns -- im ganzen elf Personen -- von Wind und Wogen treiben, wohin es Gott gefiel.

Wir sahen wohl ein, daß unser Boot bei der hochgehenden See nicht lange aushalten würde. Mit allen Kräften ruderten wir dem Lande zu, aber so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; denn wir konnten voraussetzen, daß das Boot, wenn es sich der Küste näherte, von der Macht der Wogen zertrümmert werden würde. So schien es, als ob wir selbst unsern Untergang beschleunigten.

Von welcher Beschaffenheit die Küste vor uns war, ob felsig oder sandig, hoch oder flach -- wir wußten es nicht. Der einzige Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Möglichkeit, in die Mündung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, wo wir das Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von alledem, ja, das Land erschien uns, je näher wir kamen, grauenhafter als die See, denn es starrten uns fürchterliche Felsenriffe entgegen. So mochten wir etwa anderthalb Meilen fortgetrieben sein, als eine berghohe Welle hinter unsrer Schaluppe einherrollte, uns mit sicherem Untergang bedrohend; sie stürzte mit solcher Heftigkeit auf unser Boot, daß es augenblicklich umschlug. Wir wurden getrennt und versanken in den Abgrund, Gott um Beistand anflehend.

Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch nicht zur Oberfläche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich die Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurückzog und mich auf dem Trockenen zurückließ, freilich zum Tode ermattet und außer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt hatte. Ich fühlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des Körpers, daß ich mich aufraffte und, da ich die Küste nahe vor mir sah, einen Versuch machte, sie zu erreichen, ehe eine andre Welle mich wieder zurückriß. Meine Widerstandskraft erwies sich jedoch dem Elemente gegenüber als zu schwach. Ich sah die See riesengroß, wie einen erbitterten Feind, von neuem gegen mich heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr zu widerstehen. Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu behalten und schwimmend landeinwärts zu kommen. Doch die Wassermenge begrub mich viele Meter tief, und ich fühlte, wie ich von ihr nach dem Ufer gerissen wurde.

Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und Händen aus dem Wasser emporschoß. Ich faßte neuen Mut, obgleich ich mich nur zwei Sekunden über Wasser hielt, um Atem zu schöpfen. Darauf stürzten wieder die Wellen über mich weg, und dann bemerkte ich, wie sie wieder zurückgingen.

Die letzte Welle hätte mir gefährlich werden können, denn ich wurde mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, daß ich fast das Bewußtsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das Felsenstück (S. 31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser zurückgegangen war. Nun kletterte ich die Klippen empor und warf mich auf das Gras, sicher vor dem Anfluten des Wassers und seinen Gefahren. Ich blickte zum Himmel und dankte inbrünstig dem Herrn, der mich so wunderbar vom Tode errettet hatte.

Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, in weiter Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war ganz durchnäßt, und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger und Durst quälten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung eines Tieres mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur die Aussicht, entweder Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Ich hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas Tabak in einem Beutel; das war mein ganzer Vorrat und -- der war naß.

Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwärts und fand frisches Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah ich indes nirgends und begnügte mich daher, nach Seemannsbrauch, Tabak zu kauen. Die Nacht brach allmählich herein. Schwere, finstere Wolken jagten am Himmel dahin und ließen die Nacht nur um so unheimlicher erscheinen. Der Wind schüttelte die Äste der Bäume, und die Wellen brachen sich tosend an den Klippen. Mich überkam die Furcht vor reißenden Tieren, denen ich waffenlos preisgegeben war.

Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur Waffe abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen und darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich in einen tiefen Schlaf, aus welchem ich erst nach vielen Stunden wiedererwachte.

Viertes Kapitel.

Rettung nach dem Schiffbruch.

Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Floßes. -- Er landet glücklich mit seiner Fracht. -- Tägliche Fahrten nach dem Wrack. -- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. -- Robinsons Kalender. -- Tagebuch.

Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Das Wetter war heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer war ruhig. Am meisten überraschte mich der Umstand, daß das Schiff durch die Flut gehoben und fast bis zu dem Punkte getrieben wurde, an welchem mich tags vorher die Wogen gegen die Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine halbe Stunde vom Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu halten. Ich nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu beschaffenden Bedürfnissen zu versehen.

Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Höhe herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine Stunde entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte dasselbe zu erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; ebensowenig vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen.

Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurückgewichen, daß ich mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nähern konnte. Ich legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe zu. Als ich indes nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das Schiff hatte sich auf die Seite gelegt und ragte hoch über das Wasser empor; daher konnte ich nicht an Bord kommen. Zweimal schwamm ich um das Fahrzeug herum, ohne etwas zu finden, woran ich mich hätte in die Höhe arbeiten können. Endlich gewahrte ich ein Tauende, welches am Vorderteil so weit herabhing, daß ich daran emporklettern konnte. Oben angekommen, sah ich, daß das leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte. Es lag auf einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, während das Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang galt der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorräte in unverdorbenem Zustande fand. Ich füllte meine Taschen mit Schiffszwieback und entdeckte dann in der Kajütte Rum, von dem ich einen tüchtigen Schluck zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur an einem Boote, um die mir nötigen Sachen ans Land zu schaffen. Da beschloß ich, mir selbst ein Floß zu bauen. An Bord fand ich einige Raaen, zwei oder drei hölzerne Balken und ein paar Bramstengen. Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sägen, Beile, Hammer und Nägel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer, nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, damit sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der Seite des Schiffes hinab und verband die Holzstücke zu einer Art Floß; hierauf nagelte ich einige Bretter darüber und konnte mich nun schon darauf wagen. Allein für eine größere Ladung wäre es immerhin noch zu leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der Zimmermannssäge eine der Bramstengen in drei Stücke und verstärkte mit diesen mein Floß. Dann dachte ich daran, wie ich es am vorteilhaftesten befrachten und die Ladung gegen das Wasser sichern könnte. -- Zuvörderst brachte ich auf das Floß alle Bretter, deren ich habhaft werden konnte; hierauf füllte ich zwei Matrosenkisten mit Brot, Reis, holländischen Käsen, fünf Stück geräucherten Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste.

Während ich alle Gegenstände zusammenpackte, begann die Flut zu steigen; ich bemerkte, daß meine Weste und mein Hemd, die ich am Ufer zurückgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb Bedacht, nach Kleidungsstücken zu suchen, deren ich genug fand; auch dachte ich an Munition und Waffen. In der großen Kajütte waren zwei gute Jagdflinten sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte ich einen kleinen Beutel mit Schrot, zwei alte verrostete Degen und etliche Pulverhörner. Ich erinnerte mich, daß drei Pulverfässer auf dem Schiffe waren, aber ich wußte nicht, wo unser Geschützmeister sie hingestellt hatte. Nach vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten sich trocken und gut erhalten, während das dritte durch das Wasser verdorben war; die beiden ersteren samt den Waffen trug ich auf mein Floß. Dann fielen mir noch etliche Ruder in die Hände, die zur Schaluppe gehört hatten, sowie zwei Sägen, eine Axt, ein Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte ich mein Floß in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwärts, woraus ich schließen mußte, daß eine Bucht oder die Mündung eines Flusses diese Strömung herbeiführte. In der That zeigte sich bald vor mir eine kleine Öffnung, in welche die Flut mächtig eindrang.

So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Floß, um es in die Mitte des Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mögliche auf, indem ich meinen Rücken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher Zeit mich bemühte, das Floß richtig zu leiten. Fast eine halbe Stunde mußte ich in dieser anstrengenden Stellung aushalten, bis endlich die steigende Flut mein Floß hob, worauf ich glücklich in die Bucht einlief. Da aber die Ufer steil emporstiegen, so bemühte ich mich, mein Floß durch das Ruder wie durch einen Anker festzuhalten, bis die Flut ihre größte Höhe erreicht haben würde. Später trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete zwei meiner zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese Art lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein Floß samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb.

Ich darf hier nicht vergessen, daß wir an Bord einen Hund und zwei Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Floß mitgenommen, der Hund aber war selbst ins Meer gesprungen und folgte mir schwimmend bis ans Ufer. Dieses anhängliche Tier blieb jahrelang mein treuer Gefährte und leistete mir wesentliche Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir die Gesellschaft eines Menschen zu ersetzen.

Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem Floß gelandet war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer Kette andrer Berge, die sich nach Norden hinzog, am höchsten emporragte. Ich nahm eine Jagdflinte, eine Pistole und ein gefülltes Pulverhorn, und so bewaffnet erklomm ich die Spitze des Berges. Von hier aus sah ich erst, daß ich mich auf einer Insel befand. Nirgends war größeres Land zu sehen, nur in der Ferne hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu, etwa zwei Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden Tieren konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine große Menge Vögel, deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht zur Speise nicht einmal eigneten. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel, der auf einem Baume saß. Es war wohl der erste Schuß, welcher hier seit Erschaffung der Welt gefallen. Denn kaum ertönte der Knall, als sich aus allen Teilen des Gehölzes unzählige Vögel aller Art erhoben und mit wirrem Geschrei durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen war etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungenießbar.

Ich mußte schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Floß zurück. Jetzt schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages verbrachte. Was in der Nacht aus mir werden sollte, wußte ich noch nicht, denn auf bloßer Erde zu schlafen schien mir bedenklich. Deshalb verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich ans Land gebracht hatte, und baute mir für die Nacht eine Art Hütte.

Am nächsten Morgen überlegte ich, daß ich aus dem gestrandeten Schiffe wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir beschaffen könnte, und ich beschloß, wenn möglich, eine zweite Reise nach dem Fahrzeuge zu unternehmen, ehe ein nächster Seesturm das Wrack vollständig zertrümmern würde.

Zu solchem Zwecke beschloß ich, in gleicher Weise wie das erste Mal zu verfahren. Ich ließ meine Kleider in der Hütte zurück und behielt außer dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die Schuhe an. In diesem Anzuge schwamm ich an das Wrack und baute dort schneller als das erste Mal ein geeigneteres Floß zur Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorräten des Zimmermanns fand ich ein paar Beutel mit Nägeln und Schrauben, einen großen Bohrer, eine Anzahl Beile und Äxte und einen Schleifstein. Von den Gerätschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder drei Hebeeisen, zwei Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen und eine Bergflinte, einen kleinen Vorrat Pulver, einen tüchtigen Beutel mit Schrot und eine große Rolle dünngeschlagenes Blei.

Außerdem eignete ich mir alle Kleidungsstücke an, die ich nur finden konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hängematte mit Bettzeug. Reich beladen brachte ich dann das Floß zu meiner Freude glücklich ans Land.

Nun gab es alle Hände voll zu thun, um mittels der Segel und etlicher Pfähle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa durch die Witterung Schaden leiden könnte, unter Dach und Fach zu bringen. Ich stellte leere Fässer, Kisten und Tonnen um das Zelt und umgab mich mit einem Wall, so daß ich mich vor einem ersten Angriff oder Überfall von Menschen oder Tieren gesichert glauben durfte. Auch verschloß ich den Eingang mit Brettern, breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte zwei Pistolen an das Kopfende, eine geladene Flinte längs der Seite des Lagers und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestört bis zum Morgen.

Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des Wracks. Diesmal nahm ich alle Taue, Stricke und Schnüre mit, die noch aufzufinden waren, ebenso ein großes Stück Zeug zum Ausbessern der beschädigten Segel sowie das Faß mit dem naß gewordenen Pulver. Natürlich ließ ich auch die Segel nicht zurück, die mir später trefflich zu statten kamen. Die größte Freude verursachte es mir jedoch, als ich eine große Tonne mit Brot, drei Fässer voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit feinem Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt ans Land.

So unternahm ich regelmäßig meine täglichen Ausfahrten und hatte in zwölf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, was ich auf meinem kleinen Floß fortbringen konnte. Als ich mich zum letztenmal auf dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der Schublade eines kleinen Tisches einige Rasiermesser, über ein Dutzend Tischmesser, Gabeln und Löffel, sowie europäische und brasilische Gold- und Silbermünzen im Werte von 40 Pfund Sterling (800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde eines spöttischen Lächelns nicht erwehren. »Was soll mir doch«, dachte ich zunächst, »dieses glänzende Metall nützen? Ein einziges Messer ist mir nützlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl der Mühe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag es bleiben!« Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich mich eines andern, wickelte das Geld in ein Stück Leinwand und machte mich dann an die Errichtung des Floßes.

Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, erhob sich ein starker Wind vom Lande her, und den Himmel überzogen schwere, dunkle Wolken. Ich sah wohl ein, daß keine Zeit zu verlieren war, daher sprang ich ins Wasser und erreichte schwimmend glücklich das Ufer. Immer heftiger blies der Wind und immer hohler gingen die Wogen der See; ich aber saß wohlgeborgen in meinem kleinen Zelte -- jetzt noch ein Krösus unter meinen Reichtümern. Die ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit solcher Heftigkeit getobt, daß am Morgen von dem gestrandeten Schiffe nichts mehr zu erblicken war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man dürftige Trümmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunächst war ich nicht wenig bestürzt; dann aber schlug ich mir das ganze Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit tröstete, die wertvollste Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues Standquartier gerettet zu haben.

Darüber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, daß meine Wohnung nur den ersten Anforderungen genüge, denn sie befand sich in der Nähe der Küste auf feuchtem Boden. Aber was sollte ich nun zum Aufenthalt wählen? Ein Zelt oder eine Höhle? -- Vielleicht beides! Ich begab mich wiederum auf Entdeckungsreisen und gelangte an einen Hügel, dessen eine Seite eine hohe senkrechte Felsenwand bildete. Diese erschien mir geeignet, Schutz vor feindlichen Menschen und Tieren sowie vor glühenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Außerdem bot sich mir von dieser Stelle auch die Aussicht auf das weite Meer, so daß ich jedes vorbeisegelnde Schiff erblicken konnte. Am Fuße der Felswand bemerkte ich eine Vertiefung, die jedoch keine eigentliche Höhle genannt werden konnte. Ihr unmittelbar gegenüber wählte ich meine Wohnstätte auf dem oberen Teile der Fläche. Diese Ebene war ansehnlich breit und dehnte sich noch einmal so lang wie ein grüner Rasenteppich vor meinem Zelte aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hügels lag und den kühlenden Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich auch vor der glühenden Hitze des tropischen Himmels geschützt.

Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Höhlung einen Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In diesen Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei Reihen Pfähle so fest in die Erde ein, daß sie wie Säulen standen; sie ragten anderthalb Meter über den Boden empor und waren oben zugespitzt. Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem Schiffe abgeschnitten hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen auf der Spitze übereinander und stemmte von der Seite andre Pfähle dagegen, so daß weder Menschen noch Tiere diesen Zaun zu durchbrechen vermochten.

Der Eingang bestand nicht in einer Thür, sondern ich mußte mit Hilfe einer Leiter darüber klettern. In diese Zaunfestung nun brachte ich mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtümer und errichtete dann ein geräumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem ich über die untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere bedeckte ich wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem Segelwerk des Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu schlafen, wie in meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich in derselben Hängematte, in welcher sich früher der Kapitän gewiegt hatte.