Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse
Part 17
Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden ankerten wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin umschifft hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen ehemaligen Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene Geschenke austauschte. Derselbe gewährte mir auch seine Hilfe bei Ausrüstung einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine Zufuhr an Leuten und Gebrauchsgegenständen zukommen lassen wollte. Den nützlichen Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, ließ ich drei Milchkühe und fünf Kälber hinzufügen sowie einige zwanzig Schweine und drei Pferde. Auch bewog ich, gemäß eines den Spaniern gegebenen Versprechens, noch drei Portugiesinnen, sich nach der Insel zu begeben. Das Boot, hinlänglich bemannt, ging nun unter Segel und kam auch glücklich auf meinem Eilande an, von der Einwohnerschaft mit Jubel begrüßt. Durch die neuen Ankömmlinge wuchs die Kolonie bis auf die stattliche Anzahl von ziemlich 70 Köpfen an, die Kinder nicht mit eingerechnet.
Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschäftsgenossen, der den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausführlichere Berichte über den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und die Regentschaft über die Insel führte, befand sich die Verwaltung in guten Händen. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die Wilden geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten Jahren der Leitung der Kolonie mit allen Kräften unterzogen hatte, gestorben war, brachen unter der Bevölkerung heftige, ja sogar blutige Zwistigkeiten aus, und die Herrschaft ging von einer Hand in die andre über. Müde der unaufhörlichen Streitigkeiten, zog es eine Anzahl der Kolonisten vor, nach Brasilien auszuwandern, und dieses Beispiel verlockte bald auch andre, die Insel zu verlassen. Nun brach eine traurige Zeit für die Zurückgebliebenen an; denn, wieder zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen und den beständigen Angriffen der Wilden ausgesetzt, welche genaue Kenntnis von der Abnahme der Bevölkerung der Insel erlangt hatten, setzten sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf meinen Beistand. Sie hatten in der That mir nach London geschrieben und mich um Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin zurückkehren, weil es doch zu spät gewesen wäre, ihnen erfolgreich beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein entsetzliches Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen schwer heimgesucht wurden, hatten schließlich die völlige Verödung der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem fürchterlichen Verhängnisse. --
Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte beendet hatte, nahmen wir durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge der guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant einzunehmen gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter fortzusetzen. Schon sahen wir in der Ferne den dunkelblauen Streifen des Löwenberges aus dem Meere aufragen und hofften nun in der Tafelbai zu ankern. Da stiegen plötzlich schwarze Wolken auf, verhüllten die hohen Gebirge und überdeckten schnell den ganzen Himmel. Bald hörten wir das schrille Toben und Sausen des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der hochgehenden Wogen einstimmte.
Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte Finsternis lagerte über dem Meere, der Orkan heulte und tobte in allen Tonarten, die Wellen türmten sich empor, die Masten krachten, schnarrend zerrissen einige Segel, da wir nicht im stande waren, sie zu reffen, und unser Schiff schoß wie ein Pfeil durch das tobende Meer in der Richtung nach Südosten. Wir vermochten nichts gegen die Übermacht des Sturmes auszurichten, mußten uns derselben vielmehr willenlos überlassen. Nach einigen Tagen fanden wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine neue Welt versetzt. Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorüber, die oft Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten phantastisch gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht finden können. Immer zahlreicher drängten die Schollen, immer dichter zogen die Eisberge gruppenweise vorüber, weshalb die Matrosen sie Eiskarawanen nannten. Die Eisblöcke oben auf den Eisbergen glichen oft Häusern, Dörfern, verfallenen Kirchen oder Schloßruinen, und einmal glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt zu sein. Eine Menge von Eiskolossen hatte sich so geordnet, daß sie wie Häuser nebeneinander standen und förmliche Straßen bildeten. Wir nannten diese Stelle das »Venedig des Eismeeres«. Man sah breite Wasserstraßen mit engen Nebengassen; Seehunde, Pinguine und andre Seevögel schwammen lustig an diesen Eispalästen entlang, aus deren zerbröckelten Wänden man sich mit Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen zusammenstellen konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das Wasser der Straßenkanäle still, als ob es schliefe, und es war dabei so schauerlich öde in der Eisstadt, daß es uns unheimlich wurde, wie unter Ruinen.
Die Schiffsmannschaft drängte zur Umkehr, obschon der Wind wieder heftig vom Kap herwehte. Ich ließ also wenden. Aber wer beschreibt unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgürtel eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge zusammengetrieben, diese waren aneinander gefroren und bildeten nun ein Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen wir offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare Eiswand. Was war zu thun? Wir saßen in einem kleinen Wasserbecken gefangen, rings umschlossen von Eis -- und wie lange wird unser Becken eisfrei bleiben?
Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte ich mich, in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man sich in solchen Fällen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mürbe, das junge zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man sich einen Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des Schiffes gegen das Eis anläuft, oder indem man mit Säge und Beil einen Kanal durch das Eis schlägt.
Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher einen Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrümmern und die Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern mußten das Schiff etwas zurückleiten, dann es gegen das Eis anrennen lassen, um den Verband des Eises zu lockern und die entstandenen Sprünge zu erweitern. Die Arbeit war sehr mühselig, aber erfolgreich; gegen Mittag hatten wir unser Fahrzeug fast um eine ganze Schiffslänge in den Eisgürtel eingezwängt, der nach allen Seiten hin Risse und Sprünge zeigte, wodurch die Arbeit immer leichter vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und arbeiteten um so eifriger. Da sprang der Wind plötzlich um und wehte sehr heftig von Süden her, daß die Wellen an den Eisgürtel brandend anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden die Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurückgerufen, welches gerade eine Rückwärtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen. Mit Mühe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener Taue aufs Schiff zurückzuschaffen; denn bereits erweiterten sich die Spalten und es rannten die Eisschollen so heftig aneinander, daß sich das Boot mit den Leuten nicht dazwischen wagen durfte.
Wir zählten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. Wir riefen nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch er hinter einer Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile aber war zu unserm Schrecken unser Schiff immer weiter ins offene Becken zurückgewichen, und so hatte es sich mehr und mehr von unserm armen Gefährten entfernt. Da stand denn dieser händeringend auf schwankender Eisscholle, mir noch nahe genug, um sein Wehgeschrei zu hören! Doch war ich nicht im stande, ihn zu retten! Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor- und rückwärts, stürzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter trieben uns die Wasserkanäle auseinander -- ach, wir konnten ihm nicht helfen, denn längst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang eines braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas Weiteres unternehmen zu können; aber mir stand die Gefährdung des Lebens *aller* vor Augen -- dies entschied. Wir segelten in die breiten Kanäle des zerborstenen Eisgürtels hinein, winkten dem Unglücklichen lebewohl und ließen ihn auf einer treibenden Scholle im Sturm und bei hohem Wellengange zurück.
Diese aufregende Szene gehört mit zu dem Entsetzlichsten, was ich jemals erlebt habe. Indes darf sich der Leser mit mir darüber freuen, daß der brave Andreas doch noch auf wunderbare Weise gerettet wurde. Ich fand ihn wohlbehalten in Kanton wieder, wo er mit einem holländischen Schiffe angekommen war; hier erzählte er mir alsdann seine unerwartete Rettung.
Als er uns davonfahren sah, ergriff ihn Verzweiflung. Er warf sich nieder auf das Eis und schrie aus tiefstem Herzensgrunde. Endlich raffte er sich auf, um sich ins Meer zu stürzen, da er der Meinung war, ein schneller Tod sei dem langsameren Untergange vorzuziehen. Sowie er aber an den Eisrand trat, erwachte die Hoffnung von neuem. Zum Sterben ist noch immer Zeit, sagte er sich und sann auf Mittel zur Rettung.
Da Wind und Strömung die Eismassen nach Norden trieben, so suchte er auf diese Seite zu gelangen und wählte sich eine große Scholle dauerhaften Eises zum Fahrzeuge. In der Mitte und hinter Eishügeln grub er sich eine Vertiefung, die sein Lager bilden sollte. Alles Weitere überließ er dem Schicksale. Er trieb ein, zwei, drei Tage, ohne etwas andres als Schollen zu sehen. Hunger und Durst peinigten ihn, und er suchte Eis zu verschlucken, um den Durst zu löschen; schließlich aber kam er auf den praktischen Gedanken, geschmolzenes Schnee- und Eiswasser in kleinen Gruben zu sammeln und diese als Zisternen zu benutzen. Die Nachtkälte fiel ihm zwar sehr lästig, aber er suchte sie durch Auf- und Abgehen zu überwinden. Da erhielt er auch Gesellschaft. Eine Robbenfamilie, bestehend aus drei Mitgliedern, legte sich zum Schlaf nieder und blieb, da sie wohl noch nie einen Menschen gesehen hatte, arglos in seiner Nähe. Er konnte sie mit dem Beile erschlagen. Die Häute kamen ihm sehr zu statten. Das Fleisch mußte er freilich roh essen, doch klopfte er es zuvor mit dem Beilstiele mürbe und war am Ende froh, überhaupt Nahrung zu erhalten. Sogar der Thran mundete ihm. Die Scholle wurde inzwischen bedenklich kleiner, je weiter sie nach Norden vorrückte, blieb aber doch noch groß genug, ihn zu tragen. Nach mehreren Tagen näherte sie sich einer Inselklippe, wo sie strandete und ihren Bewohner ans Land warf, den etliche Tage darauf ein Schoner gewahrte und mit nach Kanton nahm.
Nun komme ich wieder auf meine eigene Fahrt zurück. Wir arbeiteten uns im Zickzack glücklich durch die Kanäle des Eisgürtels hindurch und erreichten das offene Meer. Der starke Wind trieb uns nach Norden bis an die Küste von Madagaskar.
Obschon wir zuerst uns ganz freundlich von den Madegassen begrüßt sahen, so gerieten doch unsre Leute beim Austausch von Messern und andern Kleinigkeiten gegen frisches Fleisch bald in Händel mit ihnen, wobei einer der Matrosen das Leben einbüßte. Um diesen zu rächen, drangen unsre Leute in einige umliegende Dörfer, verbrannten sie und erschlugen mehrere Eingeborene. -- Da eilte ich den Unbesonnenen nach, um zu retten, was noch gerettet werden konnte; ich beschützte Männer und Frauen, welchen fortan niemand mehr ein Leid anthun durfte.
Aus jenen Tagen blieb mir namentlich eine Szene unvergeßlich. Die Matrosen hatten in der Morgenfrühe ein Dorf angezündet, über dessen Rohrdächer das Feuer prasselnd dahinzüngelte, so daß die Einwohner gezwungen waren, ihre Verstecke zu verlassen. Hierbei liefen viele den Angreifern geradezu in die Hände, und es begann ein entsetzliches Niedermetzeln.
Als ich in der Dämmerung die roten Feuersäulen am tiefdunklen Himmel aufsteigen sah, ergriff mich eine beängstigende Vorahnung dessen, was vorgefallen sein möchte. Von einigen bewaffneten Matrosen begleitet, eilte ich in einem Boote ans Ufer und dem Dorfe zu, woher der Lärm erscholl. Je näher wir kamen, um so deutlicher hörten wir das Jammern und Heulen der Unglücklichen. Kaum hat jemals ein Gefecht so erschütternden Eindruck auf mich gemacht als diese Blutthat. Gierig wüteten die Flammen, aber noch grimmiger hausten, wie Würgengel, die mörderischen Matrosen. Dieser Anblick verwirrte meine Sinne: ich stand da, regungslos, starr vor Entsetzen. Da flohen drei Weiber unter lautem Wehgeschrei eilends an uns vorüber, hinterdrein 12 bis 15 Madegassen, verfolgt von unsern Leuten, die dareinfeuerten, so daß einer der Flüchtlinge tot niederstürzte und mehrere verwundet hinsanken. Die Fliehenden glaubten in uns neue Verfolger zu finden und stießen ein herzzerreißendes Geschrei der Verzweiflung aus. Es kostete mir viel Mühe, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß wir ihnen kein Leid zufügen, sondern sie schützen wollten. Zögernd näherten sie sich uns, warfen sich vor mir nieder, hingen sich an meine Arme und baten mit Blicken um Rettung. Ich nahm mich ihrer an, wies mit ernsten Worten ihre Verfolger zurück, welche nicht begreifen konnten, wie ich dazu käme, sie an dem Rachewerke zu hindern, zumal sie meinten, Heiden zu töten sei kein Verbrechen. Murrend umstanden mich die Matrosen, aber zuletzt gehorchten sie doch. Die Flüchtlinge waren gerettet; die Blicke des Dankes, mit denen sie mich ansahen, werden mir ewig unvergeßlich bleiben.
Ich befahl meinen Leuten, auf das Schiff zurückzukehren, und segelte dann eilends davon; aber kaum besser als in Madagaskar erging es uns an der Küste im Persischen Meerbusen, wohin wir uns wandten. Arabische Seeräuber griffen uns an, und nur mit Mühe gelang es uns zu entrinnen. Ich konnte mich nicht enthalten, *diesen* Überfall als eine Strafe zu bezeichnen, welche Gott für das grausame Blutbad von Madagaskar über uns verhängt habe; allein ich fand nur geringes Gehör bei der Schiffsmannschaft, und die schon gereizte Stimmung wurde nicht besser. Da nahm ich mir vor, sobald sich zu einer passenden Landung Möglichkeit böte, die Mannschaft zu entlassen und neue Leute anzuwerben, vielleicht auch ein neues Schiff für mein altes einzutauschen. In diesem Entschlusse wurde ich noch mehr bestärkt, als mir der Superkargo im Vertrauen mitteilte, daß der Ausbruch einer Meuterei zu befürchten sei, wenn ich es nicht vorzöge, bis zur Landung lieber gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dies geschah denn auch, und wir kamen ohne weiteren Zwischenfall nach Surate. Hier glückte es mir, Korallen gegen Perlen und Edelsteine einzutauschen. Dann segelten wir nach Borneo, mußten uns aber unterwegs wiederholt mit Seeräubern herumschlagen, denen wir weitere nicht unansehnliche Vorräte an Perlen und Gold abnahmen. Etliche Zeit darauf landeten wir in einer kleinen Bucht Siams.
Das Schiff zeigte sich in der That stark mitgenommen. Da ich nun in China und vielleicht selbst in Japan Waren einzuhandeln gedachte, so suchte ich das Fahrzeug zu verkaufen und ein andres dafür zu erwerben. Doch ging dies nicht so rasch. Endlich meldete sich ein Portugiese, erzählte mir ein langes und breites von seinem Schnellsegler und bot mir einen Austausch unsrer Schiffe an. Ich besah das seinige, fand es geräumig und die Summe gering, die ich noch herauszahlen sollte; ich schloß daher den Handel ab. Zwar fielen mir der billige Preis und die Eile, welche der Portugiese zeigte, etwas auf. Da jedoch seine Papiere in Ordnung waren, so brachte ich den Handel zum Abschluß. Bald waren die Schiffe umgeladen, und noch an demselben Abend segelte der Portugiese ab, der auch einen Teil meiner Mannschaft erworben hatte, weil er direkt nach Portugal und England zu reisen versprach. Ich mußte also Matrosen werben, doch konnte das in einem belebten Hafen leicht ausgeführt werden. Hierbei sollte ich nun erfahren, warum der schlaue Portugiese beim Tauschen der Schiffe so große Eile hatte. Sein Schiff hieß nämlich das »Gespensterschiff« und war in ganz Südasien in Verruf, weil Geister in demselben umgehen sollten, weshalb kein Matrose so leicht auf demselben Dienste nahm. Infolge der unzureichenden Bemannung hatten auch schon Seeräuber, welche das Fahrzeug überfielen, leichtes Spiel gehabt. Sie plünderten es aus, nachdem sie die Matrosen niedergemetzelt hatten, und überließen dann das Schiff den Wellen. Öde und verlassen fand es ein englisches Kriegsschiff, welches sich seiner bemächtigte, es in einen Hafen brachte und dort verkaufte. Indessen wurde bald ruchbar, daß die Geister der Ermordeten in der Mitternachtsstunde ächzend auf dem Schiffe umgehen sollten, was die Matrosen mit Grauen erfüllte, weshalb jeder das Schiff mied. So erzählten sich die Matrosen.
Zwar glaubte ich nicht an diesen Gespensterspuk, aber die Sache deuchte mich doch recht widrig, denn es schien ganz so, als sollte mein Schiff unbemannt bleiben. Endlich meldete sich ein großer, kräftiger Mann als Steuermann und versicherte, daß er den unheimlichen Ruf des Schiffes kenne, sich aber vor Gespenstern nicht fürchte, und daß es ihm auch gelingen würde, noch mehrere unverzagte Kameraden anzuwerben. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und ich gab ihm Vollmacht und Geld, damit er sein Versprechen schnell ausführen könnte. Nach etwa acht Tagen war alles in Ordnung gebracht, und wir stachen in See, um nach Nanking zu segeln. Alle waren neugierig, wie es mit dem Gespensterbesuche kommen werde. Nicht ohne Bangen erwarteten die Matrosen die erste Mitternacht, denn bei den meisten war der Mund tapferer als das Herz, und so recht geheuer kam ihnen die Sache doch nicht vor, je mehr Spukgeschichten sie sich erzählten. Die erste Nacht verging ruhig, auch die zweite und dritte. Kein Gespenst ließ sich sehen, und man fing bereits an, sich über die Sache lustig zu machen. Anders erging es am vierten Tage; denn am Morgen erzählte die Deckwache, sie habe das Gespenst gesehen, wie es die Falltreppe heraufgestiegen, unhörbar über das Deck geschwebt und an der andern Treppe wieder lautlos verschwunden sei.
Dieser Vorfall beunruhigte alle, denn der Erzähler galt für einen beherzten Matrosen. Nun erschien das Gespenst bald diesem, bald jenem; heute stöhnte es, morgen klirrte es mit scharfen Messern, bald erschien es in weißer, bald in schwarzer Tracht. Keiner wagte es anzureden oder gar anzuhalten, denn an einem Geiste wollte sich niemand vergreifen, da man von dem Wahn befangen war, daß schon der Blick eines Gespenstes tödlich wirkte. Zuletzt gestand auch der Steuermann, daß ihm das Gespenst erschienen sei, so daß an dessen Dasein nicht zu zweifeln war. Die Sache wurde mit jedem Tage bedenklicher; denn wo die Matrosen standen und saßen, erzählten sie sich Geistergeschichten, von denen eine phantastischer war als die andre.
Vergeblich suchte ich die Matrosen zu überzeugen, daß es keine Gespenster gäbe; man entgegnete mir stets, daß sich niemand das abstreiten lasse, was er mit eignen Augen gesehen habe. Schließlich erschien auch mir selbst das Gespenst.
Eines Nachts öffnete sich leise die Thür, ein grauer Schatten schwebte herein und durch das Zimmer, um auf der andern Seite schnell wieder zu verschwinden. Nun hatte ich also das Gespenst selbst gesehen und konnte dessen Dasein nicht mehr bestreiten. Ich wollte und mußte der Sache auf die Spur kommen, versah mich also für den nächsten Abend mit einer Pistole und einem Dolchmesser, um zu versuchen, ob das Gespenst auch unverwundbar sei. Mit Unruhe erwartete ich die Mitternacht; das aufgehende Mondviertel warf einen blassen Schein durch das Kajüttenfenster auf einige Stellen der Kajütte, deren Thür ich geöffnet hatte. Siehe, da hob sich draußen die Falltreppe, ein grauer Schatten stieg empor, trat in die Kajütte und schritt gerade auf mein Bett zu. Da wurde mir doch etwas bange zu Mute, es flimmerte mir vor den Augen, ich vergaß Pistole und Dolch, fühlte den Hauch des Gespenstes, welches sich über mich beugte, und die Sinne begannen mir zu schwinden. In diesem Augenblicke ergriff mich ein verzweifelter Mut: ich faßte nach der Kehle des Gespenstes, und siehe da, ich hatte etwas Festes in der Hand, und zwar einen Geist, der Fleisch und Knochen hatte. Das Gespenst wollte sich losreißen. Ich aber sprang aus dem Bett, ergriff die Pistole und befahl dem erschreckten Gespenst, sich nicht von der Stelle zu rühren. Dann rief ich die Wache herbei, welche nicht wenig erstaunt war, als sie den Geist vor mir knieen sah und um sein Leben bitten hörte. Sogleich wurde ein Verhör angestellt, und es ergab sich, daß das Gespenst ein verurteilter Verbrecher war, welcher sich bei Nacht in das Schiff geflüchtet hatte, um der Verfolgung und Strafe zu entgehen. Am Tage hielt er sich zwischen Kisten und Balken des untersten Schiffsraumes verborgen, des Nachts aber suchte er die notwendigen Nahrungsmittel zusammenzubringen. Um auf seinen Rundgängen nicht angehalten zu werden, spielte er die Rolle des Gespenstes. Solchergestalt hoffte er den nächsten Hafen zu erreichen und dann zu entschlüpfen. Wir mußten allesamt herzlich lachen, als sich die furchtbaren Gespenstergeschichten in Diebstähle von Brotrinden und Fleischresten verwandelten. Obschon der Kerl den Tod verdient hatte, so versprach ich doch, seiner zu schonen, schon weil das Gespenst aus Not nun selbst die Matrosen von dem Wahne des Gespensterglaubens geheilt hatte.
Mittlerweile hatten wir uns der Küste von Kochinchina genähert und warfen dort gegenüber der Mündung des Flusses die Anker aus, zumal unser Schiff, das etwas leck geworden war, einer Ausbesserung bedurfte. Wir fanden das Land von rohen Menschen bewohnt, die Raub und Diebstahl ganz handwerksmäßig betrieben und es ganz ungescheut versuchten, unser Schiff zu bestehlen. Doch wir hielten stand, und nach einem sehr heftigen Handgemenge zogen die Kochinchinesen ab, wonach wir durch weitere Besuche von ihnen nicht mehr belästigt wurden.
Nachdem das Schiff wieder segelfertig gemacht war, nahmen wir unsern Kurs gegen Nordost, dann direkt nach Nord, vorüber an einer schönen Insel (Formosa?), in der Absicht, über Kanton nach Nanking zu segeln. Hier kamen wir nach zwei Wochen glücklich an und besahen uns diesen wichtigen Hafenplatz nach allen Richtungen. Dann unternahmen wir, allerdings mehr aus Neugierde, als um Geschäfte zu machen, kleinere wie größere Reisen ins Innere des Landes.
Von Nanking aus, wo wir uns mit den nötigen Reisebedürfnissen versahen, schlugen wir die Richtung nach der nördlichen Hauptstadt des himmlischen Reiches ein. Diese Reise, welche wir teils zu Lande, teils zu Wasser zurücklegten, dauerte 25 Tage. Wir fanden überall das Land stark bevölkert und wohl angebaut, die Straßen und Wege in gutem Zustande. Endlich kamen wir in Peking an, ohne daß uns etwas Absonderliches widerfahren wäre. Leider konnten wir uns in der Stadt nicht lange umsehen, denn wir erfuhren, daß die russische Karawane, an welche ich mich mit dem Präriejäger anschließen wollte, schon binnen zwei Tagen aufbrechen werde. Bald hatten wir die fast endlose Stadt mit ihrer dreifachen turmreichen Umfassungsmauer und ihren unabsehbaren Straßen im Rücken.
Nachdem wir China durchwandert, dann auch in Sibirien einen Winteraufenthalt genommen hatten, regte sich in mir das Verlangen, England baldigst wiederzusehen; ich benutzte also die erste Gelegenheit, mich nach London einzuschiffen, wo ich am 10. Januar 1705 nach mehrjähriger Abwesenheit wohlbehalten eintraf.