Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 16

Chapter 163,543 wordsPublic domain

Der Erzähler sah erbarmenswert genug aus, sehr abgemagert, Wunden an Händen, Füßen und Schultern. Man reichte ihm zunächst die nötige Nahrung, damit er sich wieder erhole; später, am Abend, forderte man den Fremdling auf, die Gesellschaft mit seiner Herkunft bekannt zu machen. Aus seiner Erzählung erfuhren wir, daß er von Geburt ein Schotte und schon in früher Jugend dem Triebe nach Reisen und Abenteuern folgte. Er kam als Matrose auf einem Schiffe nach Amerika, wo er als Jäger nach den indianischen Waldgründen zog und mancherlei Gefahren, die er uns sehr spannend erzählte, zu bestehen hatte. Zuletzt geriet er in die Gefangenschaft der Indianer und merkte an den Äußerungen der Wilden, daß sie ihn am nächsten Frühlingsfeste dem großen Geiste opfern wollten. Da galt es denn ernstlich, an baldiges Entrinnen zu denken. Not macht erfinderisch, und so fand sich auch ein Mittel zur Flucht. Wilm scheuerte an scharfer Baumrinde die ihn fesselnden Riemen dünn, blies sich auf, wenn er angebunden wurde, so daß er sich, wenn er Leib und Brust einzog, etwas drehen und wenden konnte. Jede Nacht fanden Übungen in solchen Bewegungen statt, und als die Riemen sich dünn genug erwiesen, entwand er sich der Schlinge, die ihn an den Baum fesselte, und zerbiß die Riemen mit den Zähnen. Indianer aber haben ein leises Gehör, man hatte seine Tritte vernommen, im Nu war das Lager hinter ihm her. Zwar hatte er einen Vorsprung, aber die wunden Füße hinderten ihn am Laufen. Sicher wäre er in die Hände seiner Feinde gefallen, wenn er nicht das Ufer eines Flusses erreicht und sich durch einen Sprung in denselben gerettet hätte.

Die Zuhörer Wilms waren seiner Erzählung aufmerksam gefolgt, und alle betrachteten ihn als einen achtungswerten Schicksalsgenossen, ja es deuchte allen am besten, wenn der Schotte sie nach der Kolonie begleite.

Seit der Auffindung Freitags war mir ein gleich leidsamer Geselle nicht in den Weg gekommen. Ich machte daher Wilm den Antrag, sich mir auf meinen weiteren Fahrten beizugesellen. Er besann sich auch nicht lange und sagte zu.

So verging in verschiedenartigem Wechsel ein Tag nach dem andern. Kein widriger Wind hinderte uns, und wir erreichten deshalb eher noch, als wir es gedacht, die Insel Trinidad, in deren Nähe meine Kolonie lag. Doch konnte ich meine Insel anfangs nicht wiedererkennen, weil sich unser Schiff an der Nordseite befand und ich sie von dieser Seite aus noch nie gesehen hatte.

Sechzehntes Kapitel.

Die Schicksale der Kolonie.

Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht über die Wirren während der Abwesenheit des Gründers. -- Neue Ordnung. -- Weitere Reisepläne.

Endlich erkannte ich die Insel, und wir steuerten flott auf sie zu. Die Bewohner hatten uns gleichfalls bemerkt und eilten voll Erwartung ans Ufer. Kaum waren wir unter starkem Zulaufe gelandet, so erkannte Freitag auch schon auf den ersten Blick unter den Versammelten seinen Vater und schoß wie ein Pfeil durch die verdutzten Inselbewohner auf ihn zu. Er fiel dem alten Manne mit ausgebreiteten Armen um den Hals, streichelte ihm die Wangen, setzte ihn auf einen Baumstamm, kniete vor ihm nieder und blickte ihm fest ins Gesicht, während die hellen Freudenthränen über seine Wangen flossen. Dann ergriff er die Hände des Greises und küßte sie; wieder erhob er sich, setzte sich von neuem nieder und schaute in das Antlitz seines Vaters mit der ganzen Zärtlichkeit eines kindlich liebenden Sohnes. Aber auch ich wurde mit lauter Freude begrüßt und von meinem Stellvertreter Caballos in meine ehemalige Behausung geführt, welche man mittlerweile mit einer wohlangelegten Befestigung versehen hatte.

Don Caballos erzählte mir, als wir behaglich bei einer Flasche Wein saßen, die vielfachen Störungen und Streitigkeiten, welche während meiner Abwesenheit vorgekommen waren.

»Anfänglich herrschte zwischen uns und den Engländern«, so berichtete er, »das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, als ob die Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die Engländer aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften sie auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergnügen Papageien, wendeten Schildkröten um, und wenn sie des Abends nach Hause zurückkamen, ließen sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich munden. Nur um des lieben Friedens willen hatten wir sie gewähren lassen. Aber nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu thun, hielten uns die Engländer von unsern eignen Geschäften ab. Die ersten Zwistigkeiten waren geringfügiger Art, bald jedoch führten sie einen offenen Krieg herbei. Die zwei Engländer, welche kurz vor Ihrer Abreise in das Innere der Insel entwichen waren, kamen später in die Burg, um die Vorräte mit verzehren zu helfen. Allein sehr bald wurden sie von den drei rohen Insassen vertrieben. Nach unsrer Ankunft beklagten sie sich beide über die erlittene Behandlung, worauf wir versuchten, sie zu versöhnen, was aber nicht gelang, da jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in der Burg beharrlich verweigerten. Den armen Zurückgestoßenen blieb nichts übrig, als sich von uns zu trennen und die nördliche Gegend der Insel zu ihrem Wohnplatze zu wählen. Hier erbauten sie zwei Hütten, die eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und etliche Ziegen. Zwar konnten sie nur ein kleines Stück Land bebauen, doch fiel die Ernte günstig für sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten Wege bescheidenen Fortschritts. Jene drei böswilligen Burschen indessen ließen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie in ihrem neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, daß ihnen der Besitz der Insel von dem Gouverneur übertragen sei und niemand sich ohne ihre Einwilligung niederlassen dürfe, Pacht für ihr Land. Da sie sich nun dieser Aufforderung nicht fügten und darüber spotteten, vergaß sich der eine ihrer Gegner so sehr, daß er die Hütte in Brand steckte. Zwar gelang es, das Feuer alsbald zu löschen, doch kam es zu einem heftigen Streit, wobei der Brandstifter schwer verwundet wurde. Da diese Burschen sahen, daß sie es mit entschlossenen Leuten zu thun hatten, so begannen sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten Kameraden mitnehmen zu dürfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute jene rührigen Engländer im Walde, welche sich bitter über die ihnen zugefügten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten, thaten sie den Engländern Vorhalt ob ihres Benehmens, worauf der eine, Atkins, barsch antwortete: »Jawohl, wir wollen euch beweisen, daß ihr Spanier auch unsre Sklaven werden müßt!«

»Die Feindseligkeiten zwischen den Engländern unter sich dauerten noch fort, und so kam es, daß eines Morgens die beiden Kolonisten im Norden aufgebrochen waren und vor unsrer Burg erschienen. Die drei Strolche hatten unterdessen auf Rache gesonnen, waren auch aufgebrochen, jedoch in der Absicht, die zwei Kolonisten im Schlafe zu überraschen, ihre Hütten einzuäschern und dieselben zu ermorden. Zum Glück erreichten jene ihren Zweck nicht ganz und begnügten sich damit, die Hütten niederzureißen und den gesamten Viehstand zu töten. Frohlockend über den gelungenen Streich kehrten sie dann nach der Burg zurück.

»Die beiden Kolonisten eilten mit trüben Ahnungen ihren Hütten zu und sahen das Werk ihrer fleißigen Hände als einen wüsten Trümmerhaufen vor sich. Sie werden begreifen, welch wehmütiges Gefühl sie da beschlich und wie die Thränen des Unwillens in ihre Augen traten. Hierauf schritten sie der Festung zu, um uns zu erzählen, was vorgefallen.

»Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen und prahlten gegen die Spanier mit dem verübten Bubenstück. Ja ihr Übermut ging so weit, daß einer der schlimmen Gesellen einem Spanier den Hut vom Kopfe warf und ihm sagte: »Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid künftig höflicher, und wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt, so wird es euch gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten!« Empört schlug der Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre Engländer wollte seinen Freund rächen und feuerte sein Pistol auf den Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer ergriff sein Gewehr und würde unfehlbar den Engländer niedergestreckt haben, wären die übrigen Spanier nicht dazwischengetreten und hätten die drei entwaffnet.

»Da diese sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie, man möchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverständlich konnten die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen ihren Beistand zu, wenn sie in Nöten wären, was aber jene nicht annehmen wollten. Als aber die beiden Engländer hinzugekommen waren und strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten um Milde. Infolgedessen wurden die Ruhestörer aufgefordert, das Zertrümmerte wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies führten sie auch aus, gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. So verstrichen drei Monate ohne Unterbrechung, und da wir glaubten, die drei seien endlich zur Einsicht gekommen, so gaben wir ihnen die Waffen zurück, damit sie durch Erlegung von Wild uns nützlich sein könnten. War nun dieser Streit endlich beigelegt, so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und zwar von den Kariben --«

»Von den Kariben?« unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters. »O, so erzählen Sie doch, welche Bewandtnis es mit diesen gehabt.«

»Eines Abends«, so fuhr Caballos fort, »war eine ganze Flottille, 28 Barken stark, an der Nordküste, zwei Stunden von unsern äußersten Pflanzungen entfernt, in die östliche Bucht eingelaufen. Die Bemannung der fremden Pirogen mochte sich wohl auf 250 Köpfe belaufen und war mit Bogen, Pfeilen, großen Wurfspießen und hölzernen Schwertern ausgerüstet. Solch eine feindliche Macht versetzte natürlich die Kolonisten in Furcht und Schrecken. In aller Eile wurden die neuerbauten Hütten abgebrochen und alles Vieh wie die Werkzeuge und Gerätschaften nach der Höhle geschafft. Die Streitmacht der Kolonisten war gegenüber der großen Zahl der Wilden nur sehr gering; denn sie bestand im ganzen aus nur dreißig Mann. Die Europäer behielten die Feuergewehre für sich, und jeder nahm auch noch eine Axt an sich. Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins zu meinem Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an seinem Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es ihm niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem Gebüsch aufgestellt, auch den übrigen ihren Stand am Saume des Waldes unter dem Schutze des Gesträuches angewiesen. Die Wilden rückten in einem übel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen gegen die kleine Streitmacht heran, während größere Scharen in dichten Massen folgten. Atkins ließ den Trupp vorüberziehen, dann befahl er dreien seiner Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren Kugeln geladen hatten, auf den zusammengedrängten Haufen zu feuern. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten mußte erheblich gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung überkamen die Indianer. Diesen Umstand benutzte Atkins und ließ eine zweite Salve folgen, die eine ähnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich indes der Überrest der Kannibalen etwas erholt, stürmten sie ihrerseits auf die Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwährenden Salven vorsichtig zurück, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug unheildrohend durch das Laubwerk des Gebüsches, und wie Löwen stürzten bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Männer des Trupps: ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden getötet, Atkins selbst leicht verwundet. Zum Glücke rückte das Hauptkorps der Europäer in drei Zügen zu je sechs und acht Mann näher, zunächst ein mörderisches Feuer eröffnend, so daß viele der Wilden verwundet niederstürzten, die Masse derselben aber ratlos durcheinander wogte.

»Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, drang auch der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel hervor, und die sämtlichen Europäer fielen nun über die Feinde mit den Handwaffen her. Im ersten Augenblicke wie gelähmt, ließen sie sich leicht niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf und setzten sich mannhaft von neuem zur Wehr. Wütend schlugen sie mit ihren Keulen und Schwertern drein, schossen einen Hagel von Pfeilen auf uns ab und verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, darunter Freitags Vater. Doch die Kolonisten hieben erbarmungslos mit ihren Äxten, Piken, Schwertern und Gewehrkolben auf die Feinde los, so daß binnen kurzer Zeit 180 Indianer, teils getötet, teils schwer oder leichter verwundet, die Walstatt bedeckten. Die Feinde sahen nach solchem Verluste, daß hier jeder weitere Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht das Ufer zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europäer waren zu sehr ermüdet, als daß sie die Flüchtigen hätten verfolgen können. Doch das Maß des Unglücks war für die Besiegten noch nicht voll; ein fürchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht zu toben begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, so daß sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott gemacht werden konnten. Den größten Teil fanden sie bereits an den Felsen zerschellt vor. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in einem Kreise, das Kinn auf die Kniee gestützt, starr aufs Meer hinausschauend -- ein Bild unsäglichen Jammers!

»Nach der Flucht der Feinde konnte man sich von den Strapazen etwas ausruhen und sich durch Speise und Trank stärken. Doch nur kurze Zeit gestattete man sich diese Erholungspause. Alle waren ohnehin begierig, zu erfahren, was aus den Feinden geworden. Daher brachen alle noch Streitbaren gegen die Küste auf, wobei der Weg über den Kampfplatz führte. Dort lagen in grauenvollem Gemisch Verwundete und Tote durcheinander, und auf allen Seiten ächzte und stöhnte es in schauerlichen Tönen. In betreff der am Leben gebliebenen Feinde, welche sich in die Wälder geflüchtet hatten, war guter Rat teuer. Nach mannigfachem Hin- und Herreden einigte man sich zuletzt in der Maßregel, womöglich die feindlichen Kanoes zu verbrennen, um den Indianern die Rückfahrt und die Anstiftung eines neuen Rachezuges gegen die Kolonie abzuschneiden. Es gelang, die Wilden wurden dann unter täglichen Kämpfen in die Felsengebirge der südwestlichen Gegenden unsres Eilandes gedrängt. Hierauf zogen die Krieger es vor, Frieden mit den abgeschnittenen Feinden zu schließen, und schickten deshalb Freitags Vater als Abgesandten an dieselben ab. Dieser brachte wirklich eine Verständigung zustande, zumal die armen Leute, von Hunger und Elend gebeugt, bereits auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen waren. Sie erhielten Nahrungsmittel (Brot, Reiskuchen und Ziegenfleisch) und wurden dann unter der Bedingung unverbrüchlichen Gehorsams als Freunde aufgenommen. Auf dem südöstlichen Teile der Insel, in einem von hohen Felsen umgürteten Thale, wies man ihnen Wohnsitze an und half ihnen Hütten erbauen. Dann unterrichtete man sie auch in der Kunst, allerlei Werkzeuge zu verfertigen, das Feld zu bearbeiten, Brot zu bereiten, Körbe zu flechten, Töpfe zu formen, Ziegen zu melken, und beschenkte sie mit Äxten, Beilen, Messern und sonstigen Gerätschaften sowie mit einigen Ziegen und Böcken.

»Nach und nach wußte das Völkchen sich immer bequemer einzurichten und lebte ruhig und harmlos in seinem Winkel, glücklicher vielleicht als in der alten Heimat!

»Seit der Errichtung dieser neuen Ansiedelung erfreut sich die Kolonie« -- mit diesen Worten schloß Don Caballos seinen Bericht -- »nun schon zwei Jahre hindurch eines ungestörten Friedens bis zu Ihrer Ankunft, Herr Gouverneur. Zwar landeten noch von Zeit zu Zeit Indianertrupps an unserm Eilande, um ihre entsetzlichen Triumphmahlzeiten zu halten, aber sie schienen kein Verlangen weiter zu verspüren, das Innere der Insel kennen zu lernen und uns mit ihrem schlimmen Besuche zu beehren.«

Aus der Erzählung von Don Caballos ersieht man, welch schwere Zeiten und bedrohliche Wirren während meiner Abwesenheit über mein liebes Eiland hingegangen waren. Die Kolonie befand sich jedoch gegenwärtig in erwünschtem Gedeihen und Fortschreiten, und der Einfluß europäischer Gesittung hatte sich bei den Indianern in wohlthätiger Weise geltend gemacht.

Sie hatten bereits geflochtene Tische, Stühle, Ruhebetten und noch manches andre Hausgerät sauber herzustellen gelernt. Auch die Weiber des wilden Volksstammes wußten sich zu fügen und zeigten sich arbeitsam. Sie zeigten sich auch gutmütig gegen die Kinder und nahmen willig die Unterweisungen in den Lehren des Christentums auf, wobei die Frauen der Kolonisten einen besonderen Eifer kundgaben.

Nicht selten hatte ich während meines kurzen Besuches Gelegenheit, zu bemerken, wie von Zeit zu Zeit eine Kolonistin recht erbauliche Mitteilungen an die eine oder andre der Indianerfrauen richtete und in den letzteren ganz andächtige Zuhörerinnen fand.

Nachdem ich jetzt einen Überblick über den Stand der Kolonie gegeben habe, wie ich sie bei meiner Ankunft vorfand, will ich nun auch berichten, was ich für die Ansiedler that und in welchen Verhältnissen ich sie verließ. Es lag nicht in meiner Absicht, daß jemand der Insel den Rücken zuwende, vielmehr wünschte ich die Bevölkerung anwachsen zu sehen, und aus diesem Grunde hatte ich ja eine Menge brauchbarer Werkzeuge und Geräte mitgebracht, an denen es bisher gemangelt hatte. Der jetzige friedliche Verkehr der Kolonisten untereinander befriedigte mich in hohem Maße, und ich ermahnte sie, auch für die Folgezeit in Eintracht nebeneinander zu leben. Zur Bestärkung in diesen guten Vorsätzen veranstaltete ich ein glänzendes Friedens- und Freundschaftsfest, bei welchem unser Schiffskoch viel Ehre einlegte.

Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; jeder der Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, eine Schaufel, eine große Axt und eine Säge. Nägel, Klammern, Hämmer, Bolzen, Messer und ähnliche Dinge wurden in Menge verteilt. Meine Vorräte an Waffen und Munition waren so reichlich, daß jeder doppelt und dreifach bewaffnet werden konnte und daß man jetzt selbst einen Angriff von 1000 Wilden nicht mehr zu fürchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete ich verschiedene Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmäßigen Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das Land in verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroßes Stück an. Mir selbst behielt ich die Oberherrschaft über die Insel vor und bestätigte Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den Wilden im Südosten wurde Freitags Vater entsendet. Er sollte ihnen eröffnen, daß von nun an auch für sie eine neue Ordnung der Dinge eintreten würde, und daß sie sich entscheiden sollten, ob sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten um einen bestimmten Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige wählten die Unabhängigkeit; die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen.

So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte mich wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln und Madagaskar und die Länder des Indischen Meeres besuchen, sodann womöglich durch China und Sibirien den Heimweg nehmen. Auch Wilm stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise nach diesem Plane auszuführen -- ihn trieb es gleichfalls hinaus ins Weite. Also hieß es: die Segel gesetzt -- auf! hinaus wieder ins weite Meer!

Siebzehntes Kapitel.

Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt.

Abschied von der Kolonie. -- Kämpfe zur See. -- Freitags Tod. -- Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das »Venedig des Eismeeres«. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. -- Der verlassene Matrose. -- Ein »Robinson« auf einer schwimmenden Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammenstoß mit den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rückkehr nach England. -- Endliche Ruhe.

Die letzten Verhaltungsmaßregeln waren angeordnet, und als ich Abschied nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie ihren Vater und Wohlthäter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald das Schiff das offene Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel mit fünf Kanonenschüssen lebewohl und richteten unsern Lauf nach der Allerheiligenbai, die wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs hatten wir aber noch ein verhängnisvolles Abenteuer zu bestehen, das mir einen großen, unersetzlichen Verlust brachte. Am dritten Abend nach unsrer Abfahrt bemerkten wir bei voller Windstille, wie sich an einer fernen Küste dunkle Punkte lebhaft hin und her bewegten. Der Hochbootsmann stieg mit dem Fernrohr auf den Fockmast und berichtete, es sei eine ganze Flotte Wilder, und er schätzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als hundert. Wir mußten uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefaßt machen, zu welchem ich die Schiffsmannschaft nach Kräften ermutigte. Ich ließ die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender Mannschaft besetzen. Die inzwischen näher kommende Flottille der Wilden bestand aus etwa 130 Kähnen, jeder durchschnittlich mit einem Dutzend Bewaffneter bemannt. Fünf oder sechs dieser Kanoes kamen uns fast bis auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine Umzingelung besorgten, gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, daß sich die Wilden entfernen möchten. Diese verstanden es recht wohl, schossen aber zahlreiche Pfeile auf uns ab und verwundeten einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt ich immer noch meine Leute vom Feuern zurück und ließ einige Planken in die Schaluppe hinabgleiten; aus diesen bildete der Zimmermann eine Art Wall, hinter welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden geschützt war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel uns in den Rücken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte, mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl, die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, um die Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten mit einem Hagel von Pfeilen und ach! -- Freitag, völlig ungeschützt dastehend -- -- stürzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. -- -- Noch ein Blick aus seinen liebevoll ergebenen Augen, als ich vor ihn trat, und -- -- *er verschied*.

Der herbe Schmerz über den Verlust meines alten, treuen Gefährten verdrängte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem Zorn ließ ich fünf Kanonen mit Kartätschen und vier mit Kugeln laden und in den dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. Das war eine Salve, wie die Wilden in ihrem Leben keine ähnliche empfangen hatten: eine Menge Barken wurden teils zertrümmert, teils in den Grund gebohrt; alles, was noch ein Ruder in den Händen fühlte, arbeitete aus Leibeskräften, um diesem mörderischen Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in großer Zahl unter Trümmern und Balken tote, verwundete und verletzte Indianer umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. Der Verlust meines treuen Freitag ließ sich nicht überwinden; tiefe Schwermut bemächtigte sich seitdem meines Gemüts; kaum daß Wilm mich etwas aufzuheitern vermochte.

Am Abend jenes verhängnisvollen Trauertages setzte der Wind um, eine frische Brise kräuselte den Spiegel des Meeres, über welchem vorher die Windstille mit ihren bleiernen Flügeln gehangen hatte -- und weiter ging die Fahrt nach Brasilien ohne Hindernisse und Gefahren.