Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Part 12

Chapter 123,657 wordsPublic domain

Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange der verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. Nächstdem gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater über die Wilden auszufragen, und ob er glaube, daß sie einen Rachezug gegen uns unternehmen würden. Freitags Vater meinte, die Flüchtlinge hätten in ihrem leichten Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer Abfahrt erhob, um so weniger widerstehen können, als er sie bereits auf dem ersten Viertel ihres Seewegs überrascht hätte. Wenn aber das Fahrzeug auch nicht umgeschlagen wäre und seine Insassen in den Wellen begraben hätte, so würden diese doch nach Süden zu unvermeidlich an Küsten geschleudert worden sein, wo sie als Kriegsgefangene dem Tode preisgegeben wären. Sollten sie dennoch in ihre Heimat kommen, so würden sie ihren Landsleuten eher ab- als zureden, diese Insel jemals wieder zu betreten. Er habe nämlich vernommen, wie sie sich gleich nach unsern ersten Gewehrsalven ängstlich und zitternd einander zuriefen: die beiden Wesen (nämlich *ich* und *Freitag*) seien keine Menschen, sondern böse Geister, die vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wären, um sie zu vernichten; denn Menschen, wie sie immer auch seien, könnten nicht Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die Ferne schicken. Gewiß käme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes Land vor, dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, was sich in ihre Nähe wagte.

Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb ich auf der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten wir es getrost mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen.

Nachdem wir uns noch über mancherlei unterhalten hatten, überließ ich Freitags Vater und den Spanier der benötigten Ruhe, denn sie waren immer noch matt und schwach. Auch wir beiden andern zogen uns nach dem Wohnhause zurück und suchten gleichfalls unser Lager auf. Trotz meiner Müdigkeit wollte mich der Schlaf nicht überkommen; die jüngsten Ereignisse tauchten wieder so lebhaft in meiner Seele auf, daß ich den ganzen Kampf gleichsam von neuem durchlebte.

Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache gestiegen, und ich war naturgemäß der unumschränkte Monarch über diese Insulaner. So klein aber die Zahl auch war, eine große Verschiedenheit zeigte die Bevölkerung hinsichtlich der Abstammung und der Religion. Freitags Vater war Karibe, Heide und Menschenfresser, der Sohn Spaniens war Katholik, und ich nebst Freitag huldigten der Lehre des Protestantismus. Aber diese Verschiedenheit sollte kein Stein des Anstoßes werden, kein Gewissenszwang beirrte in meinem Staate die Gemüter.

Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich Freitag, die getöteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft zu verpesten drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte Freitag auch die eklen Überreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, damit sie nicht unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich meines Befehls mit gewohnter Bereitwilligkeit.

Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und ihre Umgebungen und gingen nach der Höhle und den Ziegenparks. Ich wollte nämlich sowohl mich selbst von dem Stande der Dinge unterrichten, als auch meine neuen Gefährten mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt machen. Freitag hatte als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn sein Vater war über die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz erstaunt, und ich ließ ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie möglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht wenig überrascht von den zweckmäßigen Einrichtungen, die ich im Laufe so vieler Jahre getroffen und allmählich mehr und mehr verbessert hatte.

Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren Schmerzen an Händen und Füßen befreit fühlten, boten sie mir bereitwillig ihre Kräfte zur Verrichtung der ländlichen und vielen andern Arbeiten an. Freitag ließ ich meist in Gesellschaft seines Vaters arbeiten, während sich der Spanier in meiner nächsten Nähe zu halten pflegte. Da fehlte es denn nicht an hunderterlei Fragen und Mitteilungen, an Plänen und Aussichten für die Zukunft, an Erörterungen hinsichtlich der Mittel, nach dem Festland hinüberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater versichert hatte, um seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden würde.

Der Spanier unterrichtete mich zuvörderst von seinem und seiner Genossen Schicksal. »Ich heiße«, erzählte er, »*Don Juan Caballos* und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren auf einem Fahrzeuge abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach der Havanna gehen und dort Pelzwaren und Silber gegen europäische Waren umtauschen sollte. Es erhob sich ein heftiger Sturm, und in der Nacht darauf wurden wir so heftig gegen ein Felsenriff geschmettert, daß wir, im ganzen elf Spanier und fünf Portugiesen, uns beeilen mußten, in die Schaluppe zu kommen. Sturm und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst, Angst und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Küste verschlagen und schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet zu werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir glaubten: sie nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und ließen uns in Frieden unter sich leben. Da wir uns indes an ihre schlechten Lebensmittel und namentlich an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch bestehend, nicht gewöhnen konnten, so nagten wir fast beständig am Hungertuche. Zwar besaßen wir einige Feuergewehre und Säbel; aber wir hatten bereits in den ersten Tagen nach unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht und waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus diesem Lande sich in uns allen bis zum glühendsten Wunsche steigerte? Dies, Freund Robinson, ist die Lage meiner Genossen unter den Kannibalen.«

»Das ist in der That traurig, Don Juan«, erwiderte ich dem Spanier. »Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: würden wohl Eure Gefährten einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?«

»O sicherlich mit dem innigsten Dankgefühl, Sennor; denn in ihrer jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst jemals befreien zu können!«

»Mein Vorschlag wäre demnach folgender: sie sämtlich nach unsrer Insel herüberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit ein Fahrzeug zu bauen, das groß genug sein würde, um uns alle samt den nötigen Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien oder nach einer spanischen Kolonie zu bringen. Freilich würde ich es aber bitter zu bereuen haben, das Werkzeug ihrer Rettung geworden zu sein, wenn sie gegen mich, als einen *Engländer*, die obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen und britischen Nation geltend machen würden.«

»O Sennor«, entgegnete der Spanier, »meine Genossen haben den Kelch der bittersten Leiden zu lange gekostet, als daß sie nicht schon den bloßen Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht zuzufügen, dem sie für die Rettung aus Not und Verbannung verpflichtet wären.«

»Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine gewöhnliche Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten dieselben ihre Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen durch empfangene Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem eignen persönlichen Vorteil, dem sie alle übrigen Rücksichten nachsetzen.«

»Wohl, Sennor, *aufzwingen* läßt sich Vertrauen nicht. Aber wenn Ihr gestattet, so laßt mich mit Freitags Vater wieder zurückfahren, meine Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, mit ihnen einen Vertrag abschließen, den sie mit einem heiligen Eide beschwören sollen. Diesen Vertrag werde ich unterzeichnet hierher zurückbringen. Ich selbst aber will mich, ehe ich abreise, durch einen Eid verbindlich machen, Euch treu und gehorsam zu bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen eben dazu anzuhalten; Euch selbst will ich für den Fall, daß letztere sich widerspenstig oder untreu bezeigen sollten, auf das kräftigste beistehen und Eure Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.«

Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der Spanier und Portugiesen wagen zu dürfen und ordnete an, daß Caballos mit dem alten Wilden abgesandt werden solle. Als aber bereits alles zur Abreise vorbereitet war, erhob der Spanier selbst eine Schwierigkeit, in welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit bekundeten, so daß ich gern seinen Rat annahm und die Befreiung seiner Gefährten noch um sechs Monate hinaus verschob.

Er musterte nämlich meine Vorräte an Reis und Gerste und begriff sofort, daß dieselben allerdings für mich und Freitag mehr als hinreichend waren, daß jedoch jetzt, wo wir unser vier von diesem Haushalt zehren mußten, die weiseste Sparsamkeit von nöten sein würde. Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch noch die 16 Europäer auf unser Kornmagazin angewiesen waren? Dabei riet mir der Spanier, ich möchte ihn sowie die beiden Indianer so viel Land beackern und besäen lassen, als dies ohne zu erhebliche Verringerung der Vorräte geschehen könne, und dann die nächste Ernte abwarten. Würde diese ungünstig ausfallen, so könnte leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und Zwistigkeiten herbeiführen; seine Gefährten könnten dann wohl meinen, nur aus einem Unglück in das andre gefallen zu sein.

»Wißt Ihr doch selbst, Sennor«, fügte er hinzu, »wie auch die Kinder Israel anfänglich über ihre Errettung aus Ägyptenland frohlockten, dann aber, als es ihnen in der Wüste an Brot gebrach, sich gegen ihren Führer auflehnten.«

Der Rat des Spaniers schien mir so wohl überdacht und beachtenswert, daß ich ihm ohne Zögern folgte. Wir machten uns daher alle vier, so gut es mit unsern hölzernen Werkzeugen gehen wollte, an die Arbeit, gruben ein ziemlich großes Stück Land um, und bereits nach Verlauf eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerland zubereitet, daß wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krüge Reis säen konnten; es blieb aber für uns bis zur nächsten Erntezeit noch genug Gerste zu unsrer täglichen Nahrung übrig. Da wir jetzt zahlreich genug waren, um die Wilden nicht mehr fürchten zu müssen, so gingen wir frei und unbesorgt auf der ganzen Insel umher, um alles Notwendige zu unsrer Befreiung, die unsre Gemüter ausschließlich beschäftigte, instandzusetzen. Als die Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflücken und zu trocknen, ließ ich eine solche Menge derselben aufhängen, daß wir 60 bis 80 Fässer hätten füllen können, wenn wir in Alicante gewesen wären, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Früchte und das Brot bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Außerdem aber flochten wir fleißig Körbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorräte unentbehrlich waren.

Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer Ziegen zu vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit dem Spanier auf die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem wir die alten Ziegen schossen, die Jungen aber einfingen, brachten wir an 20 junge Ziegen zusammen, die ich dann mit den übrigen aufzog.

Auch bezeichnete ich mehrere Bäume, die ich zur Erbauung eines größeren Fahrzeuges geeignet hielt, und ließ sie durch Freitag und seinen Vater fällen, während ich dem Spanier die Überwachung und Leitung dieser Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit welcher Geduld und Ausdauer ich große Bäume zu Booten verarbeitet hatte, und wies sie gleichfalls dazu an. Sie schnitten ein Dutzend guter Bretter von 60 _cm_ Breite, 5-11 _m_ Länge und 5-10 _cm_ Dicke -- eine Arbeit, die manchen schweren Schweißtropfen kostete.

Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir arbeiteten mit Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu ergiebig, denn ich hatte früher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach sie doch unsern Erwartungen. Wir erhielten über 220 Scheffel Gerste und in demselben Verhältnisse Reis. Das bildete einen Vorrat, der uns alle, mit Einschluß der Gefährten des Spaniers, bis zur nächsten Ernte nicht nur hinlänglich ernährt, sondern auch noch bequem zur Verproviantierung eines Fahrzeuges gereicht hätte, um zu dem von Europäern bewohnten Festlande von Amerika zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorräte untergebracht hatten, fand ich es für angemessen, das Feld noch einmal zu bearbeiten und zu besäen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel an Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten mußten.

Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot in Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. Um mich aber für jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich dem Spanier am Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer Sprache abgefaßten schriftlichen Befehl auf, der folgendermaßen lautete:

»Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von Freitags Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium schwört, mich, *Robinson Crusoe*, als seinen obersten Befehlshaber anzuerkennen, mir treu und gehorsam zur Seite zu stehen, mir wissentlich nie Schaden oder Böses zuzufügen, mich gegen jeden Angriff, woher er auch komme, zu verteidigen und sich meinen Befehlen und meiner Leitung, wohin ich ihn auch führen würde, niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig zu versprechen, mein Wohl nach seinen Kräften zu fördern. -- Alles dies soll von sämtlichen Leuten beschworen und durch eigenhändige Unterschrift anerkannt werden.«

Dreizehntes Kapitel.

Durch Kampf zum Sieg.

Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weißer Männer. -- Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seeräubern. -- Die Gefangenen. -- Die Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer. -- Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. -- Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur.

Es mochte wohl nach meiner ungefähren Schätzung, denn ich hatte die genaue Fortführung meines Pfahlkalenders vernachlässigt, im Monat Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit Freitags Vater nach dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag war bei dem Abschiede von seinem Vater so betrübt, daß er Thränen vergoß. Auch ich selbst sah mit Rührung der kleinen Barke nach; und doch empfand ich eine innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, daß dies nach 27 *Jahren* die erste Veranstaltung war, die ich zu meiner Errettung aus meinem einsamen Insellande ins Werk gesetzt hatte und welche vielleicht einen günstigen Erfolg haben konnte. Alle meine Gedanken beschäftigten sich jetzt mit der nahen Abreise in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen, aber auch manche Zweifel stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum, überreich an Erfahrungen, lag zwischen meinen Jünglingsjahren und der Gegenwart! Welche Veränderungen mochten unterdes in England vor sich gegangen sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden, die mich gewiß längst als einen Toten beweinten?

Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben oder acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich geraten, recht sparsam und haushälterisch damit umzugehen. Außerdem waren sie mit so viel Brot und Rosinen ausgerüstet worden, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für die zu Befreienden wohl auf acht Tage ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwähnung gethan, unterzeichnen zu lassen, gab ich dem Spanier ein Fläschchen mit Tinte und einigen Federn mit und verabredete das Signal, durch welches sie ihre Rückkehr schon von fern kundgeben sollten.

Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten Wilden verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag der Rückkehr meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines Morgens Freitag mit dem lauten, freudenvollen Rufe: »*Herr, sie sind wiedergekommen*, sie sind da!«

Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider über, und ohne ein Gewehr mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie groß war meine Bestürzung, als ich aus dem Buschwäldchen trat, das meine Burg umgab, und, nach der See hinauslugend, eine Schaluppe erblickte, welche mit einem lateinischen Segel versehen war und mit frischem Winde gegen die Küste zusteuerte! Das war nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden her, sondern von Südost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt war, schnell zurück und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wäldchen im Versteck zu halten, denn ich wußte nicht, ob die Leute, die da kamen, Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in unsre Burg zurück, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr meine Warte, um die Ankömmlinge zu beobachten.

Kaum hatte ich den Hügel erklommen, als ich in einer Entfernung von dritthalb Stunden gegen Südsüdost ein Schiff vor Anker liegen sah und ganz deutlich erkannte, daß Schiff und Schaluppe *englische* waren.

Unmöglich kann ich die Gefühle schildern, die sich meiner bemächtigten. Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden Landsleute, Engländer, Freunde zu begrüßen, dann aber verdrängten Zweifel und Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte wohl ein *englisches* Fahrzeug in diesem Winkel der Erde, in diesen Gewässern suchen, in denen nie ein englischer Kauffahrer seine Wimpel blähte? Was führte die zweifelhaften Gäste hierher, da doch die Witterung anhaltend schön war und sie keine »Mütze voll Wind«, wie einst mich, an dieses Eiland getrieben haben konnte? Hier war höchste Vorsicht geboten, um nicht in die Gewalt von Räubern oder *Freibeutern* zu fallen. Nicht lange stand ich auf meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer näherte und dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, und ich erkannte in den Personen Engländer, acht mit Säbeln bewaffnet, drei aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen in verzweifelter Lage zu sein, denn sie streckten die Hände flehend empor. Dieses Schauspiel setzte mich in große Verwirrung, und Freitag, der mir nachkam, raunte mir zu: »Sieh, Herr, diese englischen Männer essen Gefangene, ebenso wie meine Landsleute.«

»Wie, Freitag«, entgegnete ich, »glaubst du wirklich, daß sie so unmenschlich wären, ihre Gefangenen zu essen?«

»Ja, ja, Herr; o ich weiß, auch die Engländer essen ihre weißen Brüder.«

»Nicht doch, Freitag«, suchte ich ihn zu belehren; »wohl möglich, daß sie ihre Feinde dort töten werden, aber essen! -- niemals! niemals!«

»Ist aber doch kein großer Unterschied, Herr!«

Ich überlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien vermöchte, zumal ich in den Händen ihrer Peiniger Feuerwaffen nicht bemerkte. Die Engländer selbst gingen am Ufer auf und ab, ohne sich weiter um ihre Gefangenen zu kümmern. Obgleich nun diese hätten frei umherlaufen können, so waren sie doch zu sehr eingeschüchtert und setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage erinnerte mich lebhaft an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die Gewalt des Sturmes an diesen Strand geschleudert wurde, unter Aufbietung der letzten Kräfte die Felsen erkletterte und jeden Augenblick den Tod erwartete. Wie ich damals auf die Stunde der Befreiung kaum hoffen konnte, so saßen auch jetzt diese drei armen Unglücklichen an ödem Strande und ahnten nicht, wie nahe ihnen die Errettung bevorstünde.

Als die fremden Gäste an der Insel angelangt waren, hatte die Flut gerade ihre äußerste Höhe erreicht. Während sich nun die Seeleute auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, und die Schaluppe lag gänzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte alsbald zu der Überzeugung, daß wenigstens zehn Stunden vergehen müßten, ehe die Schaluppe wieder flott werden könne. Deshalb stieg ich von meinem Beobachtungsposten herunter und ging in meine trefflich verschanzte Burg. Da ich jedoch wußte, daß ich es jetzt mit einem viel gewandteren Feinde zu thun haben würde, als die Wilden waren, so lud ich mit Freitag sowohl die Kanonen als auch unsre übrigen Feuerwaffen.

Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze hatte eine erdrückende Höhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurückgezogen, um sich im Schatten der Bäume dem Schlafe zu überlassen. Nur die drei Gefangenen saßen noch in dem Schatten eines Baumes, ohne jedoch der Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von meinem Schlößchen lagernd, befanden sie sich gewissermaßen unter meinen Augen, dagegen gänzlich aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen Verfolger.

Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen zu wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm zwei Flinten, ein Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete Freitag mit drei Musketen, einem Seitengewehr und einem Pistol.

Mein Aussehen flößte Furcht ein; man denke nur an meinen Anzug aus Ziegenfellen, die hohe Mütze und den langen Bart! Auch Freitag sah phantastisch und fürchterlich genug aus. In solchem Aufzuge nun und wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis zu den Fremden heran. Ohne von denselben bemerkt zu werden, rief ich ihnen auf spanisch zu: »Wer sind Sie, meine Herren?«

Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick unsrer abenteuerlichen Erscheinung noch mehr überrascht zu sein; ja sie zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: »Fürchten Sie nichts von mir, Ihr Retter ist näher, als Sie glauben.«

Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte sehr ernst: »So muß er uns geradeswegs vom Himmel gesandt sein, denn von Menschen erwarten wir keine Hilfe mehr.«

»Ich sah Ihre Not«, sagte ich. »Sie schienen Ihre rohen Begleiter anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend seinen Säbel schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlösen kann!«

Der unglückliche Mann war außer sich vor Überraschung. »Sind Sie ein Mensch oder ein Bote des Himmels?« rief er.

»Ich bin ein Engländer, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir sind zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen und Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rückhalt, was für ein Ungemach Sie betroffen und was wir für Sie thun können.«

»Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen mich empörte und meinen Tod beschloß. Man kam überein, mich nebst zwei Männern, meinem Leutnant und einem Passagier an dieses Land auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale preiszugeben.«

»Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?«

»Dort in jenen Wald«, antwortete der Kapitän.

»Sind Ihre Feinde mit Schießgewehren versehen?«

»Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.«

»Gut, Kapitän, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wäldchen.«

Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die Männer, die sich sämtlich dem Schlafe überlassen hatten.

»Jetzt wäre es leicht, sie zu töten«, begann ich wieder, »ohne daß ein einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber zu Gefangenen machen?«

»Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen Fall Gnade verdienen. Könnte man sich dieser beiden Menschen bemächtigen, so würden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht zurückkehren.«

»Hören Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um Sie zu retten, würden Sie dann wohl in einige Bedingungen willigen?«

»Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft werden können, sollen ganz zu Ihrer Verfügung stehen.«

»Nun gut!« fuhr ich fort, »ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen. *Erstens*: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten Sie sich zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche ich Ihnen anvertraue, haben Sie mir stets auf mein Verlangen zurückzugeben und zu geloben, weder mir noch den Meinigen zu schaden, vielmehr nur mein Bestes zu fördern. *Zweitens*: Kommen Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen Sie mich und meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze, unentgeltlich nach England.«

»Sir«, erwiderte darauf sofort der Kapitän, »diese Bedingungen sind so natürlich, daß ich freudig auf dieselben eingehe.«

»Und wir«, fielen des Kapitäns beide Gefährten ein, »wir geloben, Ihnen zu folgen, wohin es auch sein mag!«