Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse
Part 10
Ich sann nun darüber nach, wo ich meinen guten Freitag unterbringen könnte, ohne daß ich von ihm etwas zu fürchten hätte; es schien mir das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken ein Zelt aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur Höhle hatte, so brachte ich daselbst eine hölzerne Thür an und setzte diese in die Öffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch meine Leiter mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung von langen Stangen, welche mein Zelt bedeckte und sich an die Felsenwand anlehnte. Über jene Stangen waren als Latten kleine Stäbe gelegt und auf letztere eine Schicht Reisstroh gebreitet, so daß es einem Rohrdach glich. Die Öffnung, durch welche man aus und ein gelangen konnte, hatte ich mit einer Art von Fallthür geschlossen und dadurch mich gegen Freitag vollkommen gesichert. Hätte *er* ja in feindlicher Absicht durchbrechen wollen, so wäre ich durch das Zuwerfen der Thür aufmerksam gemacht worden; aber ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner Nähe.
Doch alle diese Vorsichtsmaßregeln waren, wie ich mich immer mehr überzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum eine treuere und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser Freitag war. Nie legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; stets fand ich in ihm nur die aufrichtigste Ergebung in meinen Willen. Er war mir herzlich zugethan und liebte mich wie einen Vater, so daß ich wohl sagen kann, er hätte gern und freudig sein Leben für mich hingegeben. Bald konnte ich von seiner Anhänglichkeit so überzeugt sein, daß ich alle getroffenen Maßregeln wieder einstellte. Seine Heiterkeit und seine Unverdrossenheit bei jedweder Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in so hohem Grade für ihn ein, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als mich mit ihm über allerlei Dinge unterhalten zu können. Mit Eifer setzte ich daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine Freude an seiner Lernbegierde. Hauptsächlich suchte ich bei ihm dahin zu wirken, daß er die unnatürliche Begierde, Menschenfleisch zu essen, unterdrücke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres Fleisch an. Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine Ziege mit ihren beiden Jungen in geringer Entfernung von mir liegen sah, faßte ich ihn beim Arme und sprach zu ihm: »Halte dich still und rege dich nicht!« In demselben Augenblick schoß ich eines der Zicklein nieder.
Der arme Bursche war so erschrocken, daß er vor Furcht selber zusammenstürzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschießen wollen, denn er riß sein Wams auf, um zu fühlen, ob er verwundet sei. Dann fiel er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverständliche Worte und schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. Ich aber nahm ihn bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete auf das Zicklein, das ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu holen. Während er meinem Befehle nachkam und das tote Tier mit Staunen betrachtete, lud ich von neuem mein Gewehr. Er war noch nicht klar darüber, wie das Tier getötet sein konnte.
Um ihm diesen Vorgang erklärlich zu machen, zeigte ich mit dem Finger auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich in schußgerechter Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf gab ich ihm zu verstehen, daß ich auch diesen Vogel durch mein Gewehr töten könne, hieß ihn seine Augen scharf nach dem Tiere richten, drückte los und schoß den Papagei vom Baume herunter.
Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste und zeigte eine wahre abgöttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. Da er nämlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte er, die Waffe enthielte eine unerschöpfliche Zauberkraft des Schreckens, des Todes und der Vernichtung, fähig, Menschen und Tiere aus jeder beliebigen Entfernung zu töten. Er sprach mit dem Gewehr, als ob er verstanden werden könne, bat dasselbe, daß es ihn doch ja nicht töten möge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten, während er wie Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, bevor er es wagte, die Flinte anzurühren.
Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot ich ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach längerem Ausbleiben -- denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine Strecke weit fortgeflattert -- brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen wir auch das Zicklein und kehrten nach Hause zurück; dort zerlegte ich das Tier und kochte einen Teil noch denselben Abend.
Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige Fleisch. Auffallend erschien es ihm hierbei, daß ich meine Speisen mit Salz würzte, und er gab mir zu verstehen, daß dies seinem Geschmack ganz zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, legte er ein Stück Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht mit unnachahmlicher Grimasse, spuckte den salzigen Schleim wieder aus und spülte darauf den Mund mit frischem Wasser aus. Ich meinerseits suchte ihn mit seinen eignen Gründen zu schlagen, indem ich ein Stück Fleisch ohne Salz zu mir nahm und mich in ähnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art von Beweisführung, die ihm jedoch nicht stichhaltig schien.
Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich ein Mittel an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich steckte nämlich zwei Stäbe in gewisser Entfernung voneinander neben einem tüchtigen Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte ich quer über die beiden ersten, hing an denselben mein Fleisch am Ende einer Schnur und ließ es drehen. Freitag drückte über dieses sinnreiche Verfahren seine Verwunderung aus. Als er aber erst den Braten gekostet hatte, gab er durch wohlgefälliges Schnalzen und Zähnefletschen kund, welch ein Leckerbissen das Genossene für ihn gewesen sei; ja er war davon so entzückt, daß er mir hoch und teuer versicherte, nie mehr in seinem Leben Menschenfleisch essen zu wollen.
Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukörnen und sie auf die schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt anstellte.
Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt und wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, daß ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost allein überlassen konnte.
Da ich jetzt außer mir noch einen Menschen mit kräftiger Eßlust zu versorgen hatte, mußte ich eine größere Menge Korn säen, um reicheren Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich ein umfangreicheres Stück Ackerland aus und zäunte es auf ähnliche Weise ein wie die früheren. Bei der Arbeit unterstützte mich Freitag aufs eifrigste, zumal er schon wußte, dies alles geschähe, um für mich und ihn das nötige Brot backen zu können.
Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande bisher zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen wenigen Monaten sich recht geläufig englisch ausdrücken und wußte die Namen fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller Orte, wo ich ihn hinschicken konnte.
So genoß ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich wieder das Vergnügen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; aber außer diesem langentbehrten Genusse fand ich auch täglich mehr Freude an meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt und seine Anhänglichkeit machten ihn mir immer teurer, und er wiederum liebte mich, wie er vielleicht niemand zuvor geliebt haben mochte. Einstmals versuchte ich zu ergründen, wie groß sein Verlangen sei, sein Heimatland wiederzusehen, und da er so viel Englisch verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben zu können, so sagte ich zu ihm:
»Hat der Stamm, dem du angehörst, bei seinen Kriegszügen öfters den Sieg davon getragen?«
»O ja!« sprach Freitag lächelnd, »wir kämpften immer als beste.«
»Ihr kämpftet am besten, waret den andern also überlegen! Wie kommt es aber dann, daß sie dich zum Gefangenen gemacht haben?«
»Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!«
»Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wärest du jetzt kein Gefangener.«
»An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher als die Brüder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei Brüder und mich gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem andern Platze, wo ich nicht war, besiegt; mein Stamm hat ihnen dafür eins, zwei, ein zehnmal zehn und noch einmal zehnmal zehn genommen.«
»Aber warum haben deine Gefährten nichts für deine Befreiung gethan?«
»Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften uns in ihre Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.«
»Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt er sie auch fort und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf der Insel waren?«
»Ja, Herr, mein Stamm ißt auch Menschen, ißt alle Gefangenen auf.«
»Wohin aber bringt ihr sie?«
»An einen andern Platz, als sie denken.«
»Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?«
»Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.«
»Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?«
»Ja, Herr, von dort!« Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag.
»Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der Überfahrt?«
»O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in den Strom fallen, der weit ins Meer hinausläuft; auch weht ein guter Wind des Morgens und wieder ein andrer des Abends.«
Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; später indes überzeugte ich mich selbst, daß in der That zwei verschiedene Windströmungen in diesen Gewässern herrschten, die wahrscheinlich von der heftigen Flut und Rückflut des gewaltigen *Orinoko*stromes herrührten, an dessen Mündung meine Insel lag. Das Land, das ich im Westen und Nordwesten erblickte, war die große Insel *Trinidad*.
Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Küstenstriche und die benachbarten Völkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus ihm betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die Bezeichnung »*Karibs*«, woraus ich schloß, daß es die *Kariben* seien, die den Landstrich von der Mündung des Orinoko bis nach *Guayana* und *St. Martha* bewohnen.
Er erzählte mir ferner: weit jenseit des Mondes -- d. h. westwärts, wo der Mond unterging -- gäbe es auch so weiße und bärtige Männer, wie ich sei (dabei deutete er auf meinen langen Bart), und diese Männer hätten viele Leute getötet. Es war daraus leicht zu erraten, daß er die *Spanier* meinte. Die Grausamkeit derselben war ja in ganz Amerika bekannt und hatte sich durch Erzählung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt.
Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene Insel zu erreichen und zu den weißen Männern zu gelangen, antwortete er mir: »Ja, ja, du kannst hingehen in zwei maß Kanoes.«
Ich verstand nicht, was er mit »zwei maß Kanoes« sagen wollte, bis sich herausstellte, daß er einen Kahn meinte, zweimal so groß wie der meinige.
Da Freitag immer größere Fortschritte im Erlernen der englischen Sprache machte, so versäumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren der christlichen Religion einzuführen. Es entwickelte sich dabei folgendes Gespräch:
»Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die Berge und die Wälder gemacht?«
»Ein erhabener Greis, Namens *Benamucki*. Er wohnt auf dem höchsten Berge und ist viel älter als das Meer und das Land, als Mond und Sterne.«
»Wenn also«, fragte ich weiter, »Benamucki alle Dinge erschaffen hat, beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?«
Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der größten Herzenseinfalt: »Alle Wesen sagen zu ihm: O!«
»Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach ihrem Tode in eine andre Welt über?«
»Ja, sie gehen alle zu Benamucki.«
»Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?«
»Gewiß, o Herr!«
»Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?«
»Nein, junge Leute dürfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte Männer, die *Uwukaki*, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge herabsteigen, so verkünden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.«
Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, die sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses hüllten und die unwissende Menge in Aberglauben erhielten. Ich suchte meinem Schüler einen Begriff von dem wahren Gott, dem Allvater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, beizubringen; ich sprach von seiner Allmacht: alles liege in seiner Hand, er könne geben und nehmen nach seinem weisen Willen.
Freitag hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit besonderer Freude vernahm er die Lehre von der Erlösung durch unsern Heiland Jesus Christus sowie von der Wirkung unsrer Gebete, die wir an Gott im Himmel richten.
Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: »Gut! Wenn Gott über der Sonne und den Sternen thront und dort Gebete hört, so muß er ja wohl viel größer sein als Benamucki, der nur dann die Gebete der Uwukaki hört, wenn sie selbst zu ihm hinaufsteigen!«
»Du hast recht, Freitag! Gott ist groß und mächtig wie kein andres Wesen.«
Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung durch unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sündigen Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel verschlagen worden zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glückseligkeit wahrer Gotteserkenntnis geleitet zu haben.
Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben durch den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Während ich meinem Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mußte ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir häufig Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken über unsre verschiedenen Heilslehren.
Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund auch mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz des Wilden einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von den Ländern Europas und dessen Völkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen Städten, in denen eine betriebsame Bevölkerung sich geschäftig regt. Ebenso führte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei. Zuletzt überließ ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel, an welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn mit einem kleinen Beile.
Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm auch die Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich zur Antwort:
»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.«
Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das meinige in seiner Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben worden sei.
Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches Schiff gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe an das Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte: »Wir haben die weißen bärtigen Männer vom Ertrinken gerettet« -- da ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt, und ich fragte ihn: »Wieviel weiße Männer haben sich in jenem Boote befunden?«
»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern zählend.
»Und was ist aus ihnen geworden?«
»Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brüdern.«
»Weißt du auch, wie lange dies her ist?«
»Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre verstrichen.«
Jetzt erinnerte ich mich auch, daß diese Zeitangabe genau mit der Strandung jenes Fahrzeugs übereinstimmte, dessen Trümmer an meiner Insel festsaßen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft des Schiffes in eine Schaluppe geflüchtet und war, dem Sturme und den Wellen preisgegeben, an die Küste der Wilden getrieben worden.
»Du sagtest mir vorhin, Freitag, daß die weißen Menschen bei deinem Volke lebten. Wie kommt es denn, daß deine Landsleute sie nicht aufgefressen haben?«
»Sie haben Brüderschaft mit uns gemacht«, erwiderte Freitag; »und wir essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen sind. Sie befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brüder liefern ihnen, was sie zum Unterhalt gebrauchen.«
Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung vergangen, als ich einstmals mit meinem Gefährten auf einen Berg der südöstlichen Hügelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein Wölkchen zeigte sich an dem tiefblauen Firmament; die Luft war durchsichtig, und von der See her wehte uns eine frische Brise entgegen. Freitag sah auf das weite Meer hinaus und blickte nach einer Weile unverwandt auf einen Punkt hin.
Plötzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen und zu jubeln und rief mich zu sich heran:
»Robin, Robin, komm schnell hierher!«
»Was gibt's, Freitag?«
»O meine Freude! Ich bin glücklich, selig! Ich sehe mein Heimatvolk! Dort kommt mein Volk.«
Das, was meinen guten Freitag in so überschwengliche Aufregung versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefühle hervor. Was lag näher als die Vermutung, daß in den unverhohlenen Ausbrüchen der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen aussprach? Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn gegen meinen Freund und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte mich unfreundlich, ja verschlossen; aber hierdurch that ich dem armen Burschen das größte Unrecht, denn er kam mir stets mit einem Vertrauen, mit einer Hingebung entgegen, daß ich endlich alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit fallen ließ.
Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei nebeligem Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen.
»Du würdest dich wohl sehr glücklich preisen, Freitag, wenn du wieder in deine Heimat kommen und deine Brüder sehen könntest?«
»O ja, Robin, ich würde sein viel froh, zu sehen mein Volk.«
»Und möchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brüder, Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?«
»O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch essen; er wird sagen seinen Brüdern, sich untereinander zu lieben, nicht mehr zu Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern Tieren zu essen und Brot von Korn und Gerste zu backen.«
»Aber fürchtest du nicht, Freitag, daß sie dich umbringen würden, wenn du so zu ihnen sprächest?«
»O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht töten; sie wollen gern lernen.«
»So möchtest du also wieder zu den Deinen zurückkehren?«
»Ja, das schon! Aber wie könnte ich so weit bis dort zu jenem Lande schwimmen?«
»Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.«
»Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich würde ich die Insel nie verlassen.«
»Ich, Freitag? Nur zu bald würden deine Brüder über mich herfallen, mich töten, in Stücke zerlegen und über dem Feuer schmoren lassen.«
»Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde ihnen sagen, daß du mir das Leben gerettet hast, daß du mich liebst wie einen Bruder, und dann werden sie dich auch lieben und dir Gutes thun.«
»Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen zurückkehren?«
»O Herr, du bist gewiß recht böse auf mich, daß du mich fortschicken willst!«
»Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte ich dir eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine Heimat entließe.«
Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn.
»Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?«
»O, dort gibt's genug für dich zu thun; wie du mich unterrichtet und gebessert hast, so wirst du auch meine Brüder sanft erziehen.«
»Mein guter Freitag! Du weißt selbst nicht, was du sprichst. Zu einem solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.«
»O, du kommst doch mit, Robin?«
»Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben und wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.«
Die treue Seele war tief gerührt, Thränen standen ihm in den Augen. Dann griff er an seinen Gürtel, holte das Beil hervor und überreichte es mir.
»Was soll ich damit, Freitag?«
»Mich totmachen, Herr!«
»Aber was fällt dir ein?«
»Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als daß du ihn fortjagst; er kann nicht ohne dich leben.«
Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel über Freitags Anhänglichkeit aus meinem Herzen, und in mir selbst regte sich von neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise zu unternehmen und nach dem großen Festlande zu steuern, auf welchem nach Freitags Bericht die weißen bärtigen Gesichter -- Portugiesen oder Spanier -- zu treffen sein mußten. Eines Tages führte ich Freitag zu jenem Boote an der Bai, das ich seit mehreren Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern im Wasser versenkt hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten sollte. Wir schöpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann selbst hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach einer Weile sagte ich zu ihm: »Nun, Freitag, wie wäre es, wenn wir jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten?« Er schien über meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel zu klein, um darin eine so weite Reise zurückzulegen. Hierauf sagte ich ihm, daß ich wohl noch ein größeres Fahrzeug hätte, und daß wir es am nächsten Tage aufsuchen wollten. Ich führte ihn denn auch, wie versprochen, zu dem Orte, wo die Barke lag, die ich nicht hatte ins Wasser bringen können; da ich mich indes länger als 20 Jahre nicht weiter um sie gekümmert hatte, seit ich sie gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und gesprungen, daß sie sich in einer ganz kläglichen Verfassung befand. Freitag aber sagte, daß ein Fahrzeug von dieser Größe, da man genug Eß- und Trinkvorräte darin unterbringen könne, ganz tauglich zu einer Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plänen entgegen.
Zwölftes Kapitel.
Eine Zeit großer Ereignisse.
Bau eines neuen größeren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftspläne.