Robert Bontine: Roman

Part 9

Chapter 93,842 wordsPublic domain

»Ich glaube gar, Sie halten es für unpassend!« rief sie ungläubig, »und meinen, sie werden böse sein, weil ich hier bei Ihnen bin!«

»Ich befürchte allerdings, daß Ihr Hiersein Sir Jasper und Lady Agathe verdrießen wird.«

Er wagte nicht weniger und nicht mehr zu sagen, als sie ihn mit ihren großen, weitgeöffneten, empörten Augen anblickte.

»Aber es ist so töricht -- so lächerlich! Keiner von uns ist doch schuld an dem Gewitter! Und konnte ich anders, als hierherkommen, und konnten Sie sich weigern, mich aufzunehmen? Kann einer von uns dem Regen und den Blitzen Einhalt gebieten? Böse? Wie können sie böse sein? Weshalb sollten sie? Wie kann irgend jemand darüber böse werden?«

Er hätte ihr sagen können, wer, denn er dachte an Talbot Chichester, ihren Verlobten, an den sie bisher noch mit keinem Gedanken gedacht. Er hatte den namenlosen Stolz, die kleinliche Empfindlichkeit, die leicht verletzte Eigenliebe des Besitzers von Highmount wohl durchschaut, und erst am gestrigen Tage hatte ihm Roy Mortlake eine spöttische Schilderung entworfen über die Einwendungen, die ›der alte Chichester‹ gegen die Begegnungen und Unterhaltungen auf der Halde erhoben. Die kleine Cis hatte das, was ihre Cousine ihr halb grollend, halb lachend über das bewußte Gespräch mitgeteilt, ihrem Bruder wieder berichtet.

»Nein, nein,« versetzte er hastig, »nicht auf Sie! Ich weiß, daß das ausgeschlossen ist. Und hätten Sie überall, nur nicht hier, Schutz gesucht, so hätte es nichts geschadet. Aber ich nehme mir wohl nicht zu viel heraus, wenn ich sage, daß ich in Turret Court nicht gut angeschrieben bin.«

»Nein -- das ist wahr!« entfuhr es ihr unwillkürlich. »Sir Jasper kann Sie nicht leiden, obgleich ich nicht weiß, weshalb. Aber was bleibt ihm anders übrig -- was kann irgendeiner, der zu mir gehört, anderes tun -- als Ihnen für den Schutz danken, den Sie mir gewährt haben?«

Ihre Wangen erglühten aufs neue, und sie hob hochmütig den Kopf -- er wußte weshalb.

»Und was mich anbetrifft, wen gibt es, der es wagen würde, mich für etwas, das ich tue, zur Rechenschaft zu ziehen?«

Ein heftiger Donnerschlag unmittelbar über dem Hause, der es bis in seine Grundfesten zu erschüttern schien, und ein flammender Blitz, der gerade zwischen ihnen niederfuhr, machte für den Augenblick eine Antwort unmöglich. Erst als das letzte Donnerrollen in der Ferne verklang, hub Leath langsam an:

»Ich fürchte, es war unrecht von mir, so zu sprechen, wie ich getan habe, denn Sie haben recht: Wer, der Sie kennt, würde sich herausnehmen, etwas zu bekritteln, was Sie tun? Aber ich hoffe, Gräfin, Sie wissen, daß das nur geschah, weil ich an Sie und für Sie dachte.«

Sie war vor dem grellen Blitz zurückgewichen und dabei wieder in ihren Stuhl gesunken. Von dorther antwortete sie ruhig und freundlich, obgleich auch mit einem Anflug von Kälte:

»Gewiß, davon bin ich überzeugt, Herr Leath!«

»Ich danke Ihnen. Ich muß wegen meiner Dummheit um Entschuldigung bitten -- es war verkehrt von mir. Allem Anschein nach werden Sie allerdings heute abend nicht mehr nach Turret Court gelangen können.«

»Das fürchte ich auch. Es tut mir sehr leid.«

»Mir auch, der Aufenthalt hier ist keineswegs so behaglich, wie er sein könnte.«

Ihr Ton war jetzt förmlich und gezwungen, er dagegen hatte einen leichten und heiteren angeschlagen.

»Selbst wenn das Gewitter vor Mitternacht vorüber sein sollte, -- und jetzt sieht es nicht darnach aus, -- ist es rätselhaft, wie Sie ohne einen Wagen, den ich nicht besitze, über die Halde kommen sollten. Sie müssen hier bleiben und es sich so bequem wie möglich machen, und ich will nach dem Bungalow hinübergehen -- das ist die nächste Behausung. Herr Sherriff wird mir schon ein Unterkommen für die Nacht gewähren. Daran hätte ich schon eher denken sollen.«

»Nach dem Bungalow?« wiederholte Florence mechanisch. Sie fuhr wieder von ihrem Stuhl auf.

»Das sollen Sie nicht!« sagte sie entschieden. »Sie wollen den weiten Weg -- fast dreiviertel Stunden -- in solch einem furchtbaren Gewitter machen! Sie würden bis auf die Haut durchnäßt -- Sie könnten vom Blitz erschlagen werden. Ich will es nicht, Herr Leath, -- ich gebe es nicht zu, -- Sie können unmöglich glauben, daß ich das dulden würde! Und außerdem würde ich ganz allein sein! Ich könnte es in diesem einsamen Hause, noch dazu bei diesem Gewitter, nicht aushalten! O, Sie müssen mich hier nicht allein lassen -- wirklich nicht! Ich glaube, ich würde vor Angst umkommen, ehe der Morgen anbräche.«

»Nein -- nein -- Sie mißverstehen mich! Glauben Sie mir, es ist mir nicht eingefallen, Sie allein zu lassen,« antwortete Leath in sanftem Tone.

Es berührte ihn sonderbar, das Zittern der Hand zu spüren, mit der sie sein Handgelenk umfaßte, wie dem angstvollen Flehen ihrer Augen zu begegnen. Dies war nicht Gräfin Esmond, die er zuerst kennen gelernt, auch nicht die Florence, die er auf der Halde getroffen, selbst wenn sie in ihrer zutraulichsten, liebenswürdigsten Stimmung gewesen, sondern ein furchtsames Geschöpfchen, das sich wie ein Kind schutzheischend an ihn klammerte.

»Es würde mir nicht im Traume einfallen, Sie hier allein zu lassen,« sprach er beschwichtigend. »Sie kennen die Alte, die für mich sorgt -- Frau Young -- Sie kennen alle Welt in St. Mellions -- Sie werden in ihrer Obhut sicher geborgen sein.«

»Ja -- ich -- das mag schon sein. Ich hatte sie vergessen.« Sie ließ seinen Arm los. »Aber, Herr Leath, Sie müssen sich nicht in dies Unwetter hinauswagen, nur weil ich hier bin. Es ist töricht -- abgeschmackt! Ich kann es wirklich nicht zulassen.«

»Ich bin an Unwetter gewöhnt,« antwortete Leath heiter, »und gegen alle Unbill der Witterung gefeit. Mir schadet es nicht, bis auf die Haut naß zu werden, und der Blitz wird mich wohl nicht gerade erschlagen. Sie werden sich in Frau Youngs Obhut also nicht fürchten?«

»Nein,« stammelte Florence zögernd, »ich glaube nicht, daß ich mich fürchten würde.«

»Dann müssen Sie mich gehen lassen! In einer halben Stunde bin ich im Bungalow, und später, wenn das Gewitter nachläßt, will ich nach Turret Court gehen und Ihre Angehörigen wissen lassen, wo Sie sind. Es ist am besten so, glauben Sie mir.«

»Gut,« gab das junge Mädchen mit Widerstreben nach. »Trotzdem möchte ich viel lieber, Sie täten es nicht, Herr Leath. Aber Sie warten wenigstens, bis der Regen ein wenig nachläßt? Es gießt in Strömen -- hören Sie nur! Und der Blitz -- sehen Sie!«

Der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, die Blitze waren noch ebenso blendend und ebenso häufig, der Donner klang noch ebenso nahe. Leath machte die Läden zu und zog die Vorhänge zusammen.

»Sie werden weniger ängstlich sein, wenn Sie nicht hinaussehen,« sagte er. »Ich habe hier eine Menge Bücher; Sie müssen versuchen, sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben, und das Gewitter vergessen. Ich will eine halbe Stunde warten, ich möchte, wenn es angeht, Ihr Pferd gern sicher in den Stall bringen, ehe ich fortgehe. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, so will ich Frau Young aufsuchen und Sie ihrer Fürsorge bis morgen früh empfehlen.«

Er verließ das Zimmer. Florence saß, ohne sich zu regen, und blickte mit einem bekümmerten Ausdruck in den Augen gerade vor sich hin; dabei entging es ihr nicht, wie häßlich, wie kahl und schmucklos der ganze Raum war, ohne etwas Hübsches oder Überflüssiges, außer Haufen von Büchern von allen Formen, Farben und Größen! Als Everard Leath seine Wohnung eingerichtet, hatte er augenscheinlich nur an das Notwendigste gedacht.

Die Tür öffnete sich, und er kam wieder herein. Beim ersten Blick auf sein Gesicht rief das junge Mädchen unwillkürlich:

»Was ist Ihnen?«

»Es tut mir sehr leid, Gräfin,« sprach er hastig, »ich hatte ganz und gar vergessen, daß ich Frau Young erlaubt hatte, heute nachmittag auszugehen, sie ist nicht wiedergekommen. Das Gewitter muß sie zurückgehalten haben, daran habe ich nicht gedacht!«

13.

Die beiden standen sich einen Augenblick gegenüber und sahen sich an, Leath mit düsterem, verstörtem Antlitz, während Florences Züge nur Erstaunen bekundeten. Dann trug ihr munteres Temperament und ihre Empfindung, daß die Situation wirklich etwas sehr Komisches hatte, plötzlich über ihre augenblickliche Fassungslosigkeit den Sieg davon. Es zuckte schelmisch um ihre Lippen, ihre Augen blitzten -- sie brach in ein silberhelles Lachen aus.

»Frau Young sitzt wahrscheinlich wohlgeborgen in den Chichester Arms?«

»Vermutlich.«

»Und in dem Falle wird sie nicht zurückkommen?«

»Nicht vor morgen früh, fürchte ich.«

»Ich kenne sie und sage: sicherlich nicht! Es tut mir sehr leid, Herr Leath; ich weiß, daß ich Ihnen schrecklich im Wege bin, aber Sie können mich doch nicht an die Luft setzen.«

»Es wäre das letzte, was mir in den Sinn kommen würde.«

»Und es ist ebenso unmöglich, daß Sie fortgehen und mich hier allein lassen -- ich würde mich zu Tode ängstigen.«

»Ich fürchte, es geht nicht. Ich würde es nicht gegen Ihren Willen tun.«

»Ich danke Ihnen. Wir müssen uns also, so gut es geht, in das Unvermeidliche finden, nicht wahr?«

»Ja -- das müssen wir wohl.«

Ihre Befangenheit war verschwunden: ihre Stimme klang nicht mehr beklommen; in ihrem Lächeln lag keine Verlegenheit; ihm aber war die Sache noch immer peinlich und unbehaglich. Florence sah es, runzelte die Stirn und ging dann entschlossen ans Werk, seine Besorgnisse zu verscheuchen. Als sie auf ihn zutrat, dachte sie bei sich selbst, daß sie sehr nahe daran sei, ihn schließlich doch leiden zu mögen. Sie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen stieg, obgleich sie sich die größte Mühe gab, nicht rot zu werden.

»Bitte, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen mehr,« sagte sie freundlich, »wir sind beide das Opfer der Umstände.« Sie lachte munter auf. »Ich bin doch nicht die verfolgte Heldin oder Sie der abgefeimte Schurke des Schauerdramas? Wir sind nur ein paar ganz gewöhnliche Sterbliche, die verständigerweise nicht Lust haben, in den Wasserfluten zu ertrinken. Sagten Sie nicht, Sie wollten versuchen, es meiner Stute für die Nacht behaglich zu machen? Wenn Sie mir den Weg zeigen wollen, so kann ich Ihnen vielleicht helfen, zum Beispiel das Licht halten. Aber ich fürchte, Sie müssen ihr die Augen verbinden, wenn Sie sie nach dem Stall bringen. Es blitzt noch ebensooft wie vorher, und sie ängstigt sich schrecklich.«

Sie schritt auf die Tür zu. Leath blieb nichts anderes übrig, als sein Unbehagen zu verbergen, sich in das Unvermeidliche zu finden, so gut er konnte, und ihr zu folgen. Er nahm sie mit in die Küche, wo er das Pferd gelassen, und während sie das noch zitternde Tier streichelte und liebkoste, nahm er ihm behutsam den Sattel ab. Dann warf er einen großen wasserdichten Kutschermantel über, verband der Stute die Augen und führte sie hinaus. Florence stand in der offenen Tür und hielt eine Lampe hoch empor, um ihm zu leuchten. Der Donner war nicht mehr ganz so nahe, aber die Blitze flammten noch unaufhörlich, der Regen goß in Strömen herab, der Garten war in einen Morast verwandelt und der Pfad in einen Bach.

Als Leath wieder ins Haus zurückging, nachdem er die Stute in dem Stand neben seinem eigenen Pferde untergebracht hatte, das es mit jedem Rosse, das in den Stallungen von Turret Court oder Highmount zu finden war, aufnehmen konnte, spritzte das Wasser hoch über die hohen Reitstiefel, die er trug, empor. An ein Überschreiten der Halde war heute abend nicht zu denken, das lag auf der Hand!

Die Lampe, die Florence für ihn gehalten hatte, stand auf dem Tische, als er wieder in die Küche trat, aber sie selbst war nicht dort. Er entledigte sich seiner Stiefel und seines Regenmantels und ging ins Wohnzimmer zurück. Sie stand am Tische; er sah, daß sie sich ihm lebhaft zuwandte.

»Wie lange das gedauert hat!« meinte sie. »Ich fing schon an zu glauben, Sie hätten mir Ihr Wort gebrochen und wären fortgegangen. Ist die Stute ruhig?«

»Völlig -- und gut versorgt. Ich bin zum Glück kein schlechter Reitknecht.«

»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«

Sie war wirklich dankbar, denn Orange Lily war ihr besonderer Liebling, und sie schenkte ihm ein Lächeln, das jeden Mann belohnt haben würde.

»Hat der Regen nachgelassen?«

»Kaum. Es ist gut, daß das Haus hoch liegt, sonst würden wir Gefahr laufen, überschwemmt zu werden.«

Sie blickte ihn mit verändertem Ausdruck an.

»Wissen Sie, Herr Leath, daß Ihre Uhr eben acht geschlagen hat?«

»Ist es schon so spät? Nein -- das wußte ich nicht. Sind Sie müde?«

»Gar nicht! Müde um acht Uhr? Aber ich bin schrecklich hungrig. Wissen Sie wohl, daß ich gar nicht zu Mittag gegessen habe?«

»Auf mein Wort, daran habe ich gar nicht gedacht! Ich muß um Entschuldigung bitten! Frau Young gibt mir mein Essen gewöhnlich mittags, und --«

»Und abends ein Abendbrot!« fiel Florence schnell ein. »Ja, das meinte ich. Ich wollte nur sagen, daß es wohl Zeit zum Abendessen sein müsse. Zeigen Sie mir die Speisekammer und wo Sie Ihr Tischtuch und Ihre Teller aufbewahren, und ich will Ihnen helfen.«

Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen und ihr zu folgen, obgleich sie sich draußen in der Küche viel gewandter als er im Auftreiben des Tischtuches und alles sonstigen Erforderlichen erwies. Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Gläser und Plattmenage -- sie fand sie alle und lachte mit drolligem Vergnügen über ihre eigene Pfiffigkeit und vor Freude über die ungewohnte Beschäftigung; ihr fröhliches Lachen war einfach unwiderstehlich.

»Es ist wie ein Picknick,« erklärte sie lustig, »ich finde es famos! Eigentlich ist es ein Spaß, daß Frau Young nicht hier ist, sonst hätte sie dies alles getan. Wissen Sie wohl, daß ich wirklich glaube, ich möchte arm sein -- das heißt arm genug, um mich mitunter selbst bedienen zu müssen?«

»Ich bezweifle, daß es Ihnen gefallen würde,« antwortete Leath geradezu. Er selbst hatte nicht viel mehr getan, als ihr zugesehen, wie sie im trüben Lampenschein durch die Küche huschte, und die verschiedenen Gegenstände, die sie ihm mit allerhand Anweisungen reichte, gehorsam auf ein Teebrett gestellt.

»Nach acht oder vierzehn Tagen, Gräfin, würden Sie wohl anderer Ansicht werden.«

»O, das weiß ich doch nicht recht! Wirkliche Armut ist natürlich schrecklich --«

»Das ist sie!« fiel er ihr mit bitterem Auflachen ins Wort, und sein Gesicht wurde plötzlich finster, »davon kann ich mitreden, sie ist mir mein Leben lang zur Seite geblieben, bis vor etwa zwei Jahren.«

»Aber das meinte ich nicht,« fuhr Florence fort, »nur, daß ich glaube, es lebt sich freier und leichter ohne so viel Geld und so viel Würde und so viel Dienerschaft. O, das ist mitunter sehr lästig, die Versicherung kann ich Ihnen geben -- jedenfalls empfinde ich es als eine Last. Ich glaube, wir haben jetzt alles, nicht wahr? Tragen Sie das Teebrett; ich nehme das Tischtuch, und wir wollen den Tisch decken.«

Der Tisch wurde im Triumph gedeckt; dann ging es in die Speisekammer, und der größere Teil ihres Bestandes wurde auf einem anderen Teebrett in das Wohnzimmer befördert. Als sie eine Schale mit Rosen als letztes mitten auf den Tisch gestellt hatte, betrachtete Florence ihr Werk mit drolligzufriedener Miene.

»Es sieht wirklich sehr nett aus,« meinte sie. »Wenn Sie kein schlechter Reitknecht sind, Herr Leath, so darf ich wohl sagen, daß ich kein schlechtes Stubenmädchen abgeben würde. Dort ist Ihr Platz, bitte, und hier sitze ich, denn ich glaube nicht, daß ich Enten zerschneiden könnte, ebensowenig, wie ich imstande wäre, sie zu braten.«

»Das würde peinlich sein, wenn Sie arm wären, nicht wahr?« fragte Leath trocken, während sie sich setzte und er gehorsam seinen Platz einnahm. Er sprach ernst, aber sein Gesicht hatte seinen verstörten Ausdruck verloren -- er drängte alle unangenehmen Erwägungen entschlossen zurück. Für den Augenblick konnte er nichts anderes tun, als die Wonne ihrer Nähe auf sich einwirken zu lassen und auf ihre heitere Stimmung einzugehen, so gut er konnte.

»Bah! Nur ein Weilchen! Ich würde mir ein Kochbuch kaufen und es lernen. Dabei fällt mir ein, daß ich jetzt wunderschönen Kaffee machen kann; deshalb bat ich Sie, den Kessel auf die Spiritusmaschine zu setzen. Nach dem Abendessen wollen wir Kaffee trinken.«

Das Gewitter tobte noch mit fast unveränderter Heftigkeit weiter, als sie nach einer Weile in die Küche zurückkehrte, um Kaffee zu kochen, und auch noch nach mehr als einer Stunde, als Florence plötzlich ein Gähnen nicht zu unterdrücken vermochte, während sie sich in ihren großen Korbstuhl zurücklehnte.

»Ich glaube, ich werde müde,« sagte sie, »und es ist doch erst zehn Uhr! Sie müssen das auf Rechnung meiner ungewohnten Anstrengung setzen, den Kaffee zu machen und das Abendbrot herzurichten. Aber daran ist mein Mangel an Übung schuld, wissen Sie.« Sie blickte lachend zu ihm hinüber. »Sie haben Orange Lily in ihren Stall gebracht; jetzt muß ich Sie, glaube ich, bitten, mir meinen zu zeigen!«

»Sofort, wenn Sie müde sind. Es ist das Zimmer an der anderen Seite -- quer über dem Vorplatz. -- Hoffentlich machen Sie sich nichts daraus, daß es im Erdgeschoß liegt?«

»Nicht im mindesten.« Sie hielt zögernd inne.

»Aber das ist Ihr Zimmer, nicht wahr?«

»Es ist das einzige im Hause, außer diesem, ausgenommen die Küche und Frau Youngs Dachstübchen, wo ich Sie entschieden nicht unterbringen kann.«

Er lachte, denn mit einer grimmigen Grimasse schüttelte sie bei der Erwähnung der Bodenkammer den Kopf. »Es tut mir sehr leid, daß meine Behausung räumlich so beschränkt ist, Gräfin.«

»Das glaube ich gern -- und zwar, daß es Ihnen um Ihrer selbst willen leid tut, da ich Sie so ohne Umstände aus Ihrem Gemache vertreibe.«

Sie besaß zu viel Takt, um Einwendungen zu machen -- sie nahm die Dinge, wie sie lagen.

»Und was wollen Sie tun, Herr Leath? Wohl mit einer Decke Ihr Nachtlager auf der Chaiselongue aufschlagen?«

»Ja, das ist meine Absicht.«

»Ich fürchte, das wird schauderhaft unbehaglich für Sie werden!«

»Wenn Sie wüßten, wie oft ich im Freien übernachtet habe, so würden Sie das nicht denken.« Er stand auf und trat an einen Seitentisch. »Sollten Sie nicht schlafen können oder sich in der Nacht ängstigen, so tröste Sie der Gedanke, daß ich Sie hiermit beschirme.«

»O!« Sie wich vor dem Revolver, den er ihr entgegenhielt, zurück. »Haben Sie das gräßliche Ding immer bei sich, und geladen?«

»Freilich. Ich tat es in Queensland, wenn ich draußen kampierte, und da dies Haus ziemlich einsam liegt, habe ich dies Paar immer in Bereitschaft. Es ist gut, vorsichtig zu sein. Sie würden sich sicherer fühlen, wenn Sie einen mit in Ihrem Zimmer hätten.«

»Ich sollte ein solches Ding mitnehmen? O, nicht um die Welt!« -- Unwillkürlich wich sie noch weiter zurück. »Ich wäre bange, es nur anzurühren, und wenn ich jemand erschösse, so würde vermutlich ich selbst es sein. Außerdem fürchte ich mich nicht, wenn Sie hier sind. Weshalb sollte ich auch?«

»Weshalb, in der Tat?«

Mit einem seltsamen Lächeln, das sie nicht sah, legte er den Revolver nieder.

Sie hatte sich jetzt ebenfalls erhoben und sah ihm zu, während er ein Licht herbeiholte und es für sie anzündete.

»Herr Leath,« sagte sie unsicher, »-- und morgen früh?«

»Ja?« fragte er, als sie zögernd innehielt.

»Sie werden nicht sehr früh nach Turret Court gehen, um ihnen zu sagen, wo ich bin, und daß sie mir den Wagen schicken möchten?«

»Nicht, ehe Frau Young kommt. Dann aber, sobald ich kann. Ist Ihnen das recht?«

»O ja!« Sie blickte von ihm fort. »Ich wollte nur vorschlagen, daß es besser wäre, wenn Sie nach Lady Agathe anstatt nach Sir Jasper fragten. Und wenn Sie zu früh kommen, so wird sie noch nicht unten sein.«

Sie hatte ganz vergessen, wie sie ihm in ihrem Ärger und ihrer Verwunderung mit dürren Worten gesagt hatte: »Sir Jasper kann Sie nicht leiden!« und errötete jetzt in peinlicher Verlegenheit bei dem Gedanken, er könne durchschauen, weshalb sie diesen Vorschlag mache, denn sie ahnte nicht, daß er ebensoviel wußte, wie sie ihm sagen konnte. Er verstand das und antwortete vorsichtig, damit sie solche Kenntnis nicht bei ihm voraussetzen sollte:

»Ich hätte sowieso nach Lady Agathe gefragt. Es freut mich, daß es das Richtige gewesen sein würde. Vielleicht könnte ich vorschlagen, daß Fräulein Mortlake Sie mit dem Wagen abholte? Was meinen Sie dazu?«

»O, Cis wird sicherlich kommen.« Sie ergriff das Licht. »Ich danke Ihnen, Herr Leath. Nun will ich Ihnen gute Nacht wünschen.«

»Ich werde Ihnen den Weg zeigen.«

Er ging mit ihr über den schmalen Korridor, machte die Tür auf und ließ sie eintreten.

»Ich will hier einen Augenblick warten,« sagte er ruhig, »während Sie Umschau halten, ob Ihnen irgend etwas fehlt. In dem Falle kommen Sie und sagen es mir, damit ich es Ihnen bringen kann, wenn es hier zu beschaffen ist.«

Es fehlte an nichts, und nach einem Weilchen steckte sie den Kopf durch die Tür, ihm das zu sagen, gab ihm die Hand und wünschte ihm Gutenacht. Dann machte sie die Tür zu, und er kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück, wo er gleich darauf die Lampe auslöschte und sich aufs Sofa streckte, den Revolver dicht neben sich, wie er manch liebes Mal unter dem weiten blauen australischen Himmel getan. --

Ein fast ebenso blauer Himmel grüßte ihn, als er am nächsten Morgen erwachte -- das Gewitter war ganz vorüber, und die Sonne schien hell. Er stand leise auf und horchte an der Schlafstubentür, aber außer Gräfin Florences leichtem Atmen, das sein scharfes Ohr vernahm, ließ sich drinnen kein Laut hören. Sie schlief anscheinend. Er schob den Riegel der Haustür vorsichtig zurück, damit er sie nicht störe, und verbrachte die Zeit, die bis zu Frau Youngs Eintreffen verging, damit, im Sonnenschein auf und ab zu gehen.

So hell und warm die Sonne auch schien, denn sie stand schon hoch, -- ihm hatten die ersten Nachtstunden keinen Schlummer gebracht, und er hatte viel länger als sonst geschlafen, -- so hatte sie doch die nassen Spuren des Gewitters noch lange nicht aufgetrocknet. Der Weg, in dem er auf und nieder schritt, war ein rieselnder Bach; eine große Wasserlache stand jenseits der Pforte; die Gartengewächse, Blumen sowohl wie Gemüse, lagen ganz verregnet, beschädigt und geknickt da. Einmal blieb Leath stehen und sah sich um.

»Da sie überhaupt hier Zuflucht gesucht,« sagte er laut, »freut es mich, daß das Gewitter so heftig gewesen. Ja -- je schlimmer es war, desto besser.«

Frau Young erschien bald darauf und war sehr verwundert, ihren Herrn ihrer wartend zu finden. Sie erging sich in wortreichen Entschuldigungen über ihr Ausbleiben am vorigen Abend. Leath schnitt ihr ohne Umstände das Wort ab, führte sie in die Küche und setzte sie dort von Gräfin Florences Anwesenheit in Kenntnis. Dann frühstückte er hastig im Stehen, sattelte sein Pferd und schlug den Weg nach Turret Court ein. Er ritt im schlanken Trabe, denn ihm lag daran, die unangenehme Aufgabe, die er vor sich hatte, möglichst schnell zu erledigen.

Nachdem er, so rasch es der Zustand der durchweichten Wege gestattete, an seinem Bestimmungsorte angelangt war, fragte er pflichtschuldigst nach Lady Agathe. Der Diener, der den frühen Besuch verwundert anstarrte, wußte nicht gewiß, ob die Gräfin schon unten sei, und ersuchte ihn, näherzutreten und zu warten, während er sich erkundigte. Leath trat in das bezeichnete Zimmer und wurde dort allein gelassen.

Es war die Bibliothek, und er schaute sich voll Interesse um. Bei dem einen unglücklichen Besuch, den er Turret Court abgestattet, war der Speisesaal das einzige Zimmer gewesen, das er betreten. Dies Gemach gefiel ihm besser: groß und hoch, war es ein schöner Raum.

Nachdem er einen allgemeinen Überblick gewonnen, trat er an eines der Bücherregale und musterte die Titel der dort aufgereihten Bände. Da öffnete sich die Tür, und er wandte sich um. Aber nicht Lady Agathe, sondern Sir Jasper selbst trat ein.