Robert Bontine: Roman

Part 8

Chapter 83,784 wordsPublic domain

»Nein, nein -- eine sehr kurze Zeit! Cis und Harry, die seit undenklichen Zeiten verlobt und seit einer Ewigkeit ineinander verliebt sind, haben noch nicht einmal angefangen, über ihre Hochzeit zu reden!«

»Möglicherweise nicht,« beharrte Chichester. »Ich sehe wirklich nicht ein, was uns das angeht. Ich hoffe, du wirst die Frage in Erwägung ziehen. Du wirst sicherlich keinen Grund haben, weshalb du das nicht tun solltest.«

»Keinen Grund?« Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte übermütig. »Ich könnte dir ein Dutzend an den Fingern herzählen, aber ich will barmherzig sein und nur einen anführen -- die Herzogin!«

»Die Herzogin? Sie hat ihre Einwilligung gegeben!«

»Zu unserer Verlobung -- ja. Aber, daß wir auch nur an unseren Hochzeitstag denken ohne ihre erhabene Erlaubnis -- nein, tausendmal nein! Und du verlangst wirklich, daß ich den Tag bestimme, solange sie in Pontresina weilt? Unmöglich!«

»Du meinst, wir müssen die Dinge lassen, wie sie sind, bis sie nach England zurückkehrt?«

»Allerdings. Ganz entschieden.«

»Du scheinst damit andeuten zu wollen, daß jedermann bange vor ihr ist.«

Sein Ton klang unverkennbar ungeduldig.

»Nur andeuten? Ich behaupte es sogar. Ich persönlich zittere vor ihr. Der Herzog starb jung; wie es hieß, eines unnatürlichen Todes. Man hatte recht -- die Ursache seines vorzeitigen Ablebens war die Herzogin!«

Sie bewegte den Fächer hin und her und begann vor sich hinzusummen.

»Du bist also allen Ernstes der Ansicht, daß wir alles beim alten lassen, bis sie zurückkommt, was vielleicht erst in vier Monaten geschieht.«

»Freilich.«

»Und du möchtest nicht, daß ich noch weiter über die Sache rede?«

»Bitte, nicht. Es ist doch kein sehr interessantes Thema, nicht wahr? Welch wundervoller Mond? Und schlug nicht dort eine Nachtigall?«

Talbot Chichester würdigte sie keiner Antwort. Florence war sich vollkommen bewußt, wie finster sein Antlitz war, und sie begann leise hinter ihrem Fächer zu singen. Plötzlich ließ sie ihn sinken, lehnte sich zurück und blickte mit einem Ausdruck drolliger Zerknirschung zu ihm empor.

»Ich bin ein wahrer Kobold,« sagte sie, »das denke ich oft -- wirklich. Ich habe dich eben geneckt, bis ich dich fast böse gemacht habe, und doch wirst du nicht leicht böse. Weshalb habe ich das nur getan? Aus reiner Bosheit, glaube ich. Gib mir eine Ohrfeige dafür, wenn du willst!«

Sie beugte sich lachend etwas näher zu ihm. Chichester rührte das hübsche Ohr nicht an. Er lächelte ein wenig gezwungen und begnügte sich damit, ihr die Hand auf die Schulter zu legen.

»Meine liebe Florence, ich gestehe, ich möchte dich etwas ernster und vernünftiger in dieser besonderen Sache sehen. Ja, wenn ich offen meine Meinung aussprechen soll, in vielen Sachen.«

»Was wohl heißt, daß ich gräßlich oberflächlich bin?« Sie blickte ihn mit funkelnden Augen an.

»Ich würde nicht ›gräßlich‹ sagen.«

»Nicht? Aber ich. Ja, ich bin ein oberflächliches, törichtes, leichtsinniges Geschöpf, und du bist ein ernster, gesetzter, verständiger Mann. Wir sind grundverschieden, und ich weiß, daß ich dich hin und wieder schrecklich langweilen muß. Und wir sind verlobt -- wollen unser ganzes übriges Leben miteinander verbringen!«

Sie entzog ihm die Hand, stand auf und lehnte sich an die Gardine. »Ist dir je der Gedanke gekommen, Talbot, daß wir gar nicht zueinander passen könnten?« fragte sie, zu ihm aufblickend.

»Aber, liebe Florence!« wandte er in einem halb nachsichtigen, halb ungeduldigen Ton ein.

Sie sah ihn sinnend an. »Ich glaube, ich würde an deiner Stelle mir mein Wort zurückgeben.«

»Dir dein Wort zurückgeben?« Er war so grenzenlos überrascht, daß er ihre Worte ganz mechanisch wiederholte, während er sie fassungslos anstarrte.

»Ja -- ich würde es wirklich tun. Weshalb nicht? Mit mir ist nicht leicht fertig zu werden, und du liebst ein ruhiges Leben. Wir könnten es ›nach gegenseitiger Übereinkunft‹ tun, wie man sagt. Das ist besser als gegenseitige Uneinigkeit hinterher. Dir würde es das Herz brechen, weißt du, und was mich anbetrifft -- nun, ich habe keines zu brechen! Ich will an die Herzogin schreiben und ihr sagen, daß es allein meine Schuld ist. Soll ich?«

Sie hielt die linke Hand empor und zeigte den blitzenden Ring. »Er sitzt sehr lose -- er würde in einem Augenblick abzustreifen sein. Sieh!«

Ihre Stimme hatte den munteren, scherzenden Ton behalten, aber es klang ein seltsamer, halb rührender Ernst hindurch. Er ergriff ihre Hand und schob den Ring mit festem Druck wieder an seinen Platz. Er sah verdrießlich aus und gab sich keine Mühe, seine Verstimmung zu verbergen.

»Mein liebes Kind, bitte, sei nicht albern! Du bist heute abend wirklich kindischer denn je. Zum Glück fällt es mir nicht im Traume ein, dich ernst zu nehmen. Wenn du nicht aufgelegt bist, über unsere Hochzeit zu sprechen, so will ich dich jetzt nicht durch ein weiteres Eingehen auf die Sache ärgern. Laß uns von etwas anderem reden! Was lasest du eben? Gedichte, glaube ich.«

»Ja.«

Mit völlig verändertem Tone wandte sie sich von ihm und sank apathisch wieder in ihren Stuhl, während er den zerlesenen braunen Band aufnahm, den sie hatte fallen lassen.

»Es sind Adam Lindsay Gordons Gedichte.«

»Adam Lindsay Gordon? Ich entsinne mich des Namens gar nicht.«

»Vielleicht hast du ihn noch nie gehört. Er ist ein australischer Schriftsteller. Herr Leath hat mir das Buch geliehen.«

»Leath?«

Chichester runzelte die Stirn und legte das Buch nieder. »Du meinst doch nicht meinen Mieter -- Leath, der in Lychet Hut wohnt?«

»Ja, ich kenne keinen anderen Leath,« sagte das Mädchen kurz.

»So? Aber ich verstand, daß Sir Jasper ihn nicht leiden könne, und daß er hier nicht verkehrt?«

»Das tut er auch nicht, aber ich habe ihn mehrmals im Bungalow gesehen und bin ihm hin und wieder auf der Halde begegnet. Er scheint dort ebensogern umherzuschlendern wie ich.«

»Auf der Halde? Aber, meine liebe Florence, er hat es doch sicherlich nicht gewagt, dich dort anzusprechen?«

Blick und Ton ließen eine innere Unruhe erkennen; sein glattes schönes Gesicht wurde rot. Florence schaute ihn mit einem Ausdruck gleichgültiger Verwunderung an.

»Wir haben uns dort unterhalten, wenn du das meinst,« sagte sie in nachlässigem Tone, »ich weiß aber nicht, wer von uns die Initiative ergriffen hat. Vielleicht bin ich es gewesen. Ich glaube, ich muß es wohl gewesen sein, auf jeden Fall das erstemal. Er spricht sehr gut, und seine Unterhaltung fesselt mich. Heute morgen brachte er mir dies Buch! Ich hatte geäußert, daß ich es gern sehen möchte.«

»Du hattest eine Verabredung mit ihm getroffen?«

»Nein -- das nicht. Er hatte gesagt, er wolle es mitbringen, auf die Möglichkeit hin, daß ich da sein würde. Ich hatte nichts zu tun und ging hin. Einige der Gedichte sind sehr gut. Du solltest sie lesen.«

»Es war eine große Unverschämtheit von ihm, über die ich mich außerordentlich wundere.«

Er sagte dies sehr zornig, und sie blickte ihn über ihren Fächer hinweg an, während der halb belustigte, halb spöttische Ausdruck auf ihrem Antlitz deutlicher hervortrat.

»Mit mir zu sprechen, wenn ich ihn anredete, nachdem ich ihn mehrmals hier und anderswo getroffen hatte? Oder mir ein Buch zu bringen, das ich gern sehen wollte?« fragte sie kalt. »Ich kann nicht sagen, daß ich mit dir übereinstimme, Talbot. Du hättest doch wohl nicht gewollt, daß ich ihn ohne Grund geschnitten hätte?«

»Gewiß nicht -- nein!« Sein ungewohnter Ärger legte sich. »Aber, meine liebe Florence, ich bin, wie du weißt, kein Freund davon, einen vertraulichen Verkehr zwischen den verschiedenen Klassen zu begünstigen. Das ist nach meiner Ansicht einer der verhängnisvollen Fehler unserer Zeit. Du hast ohne Zweifel nicht genug darüber nachgedacht, sonst würdest du diesen Herrn Leath nicht ermutigt haben, als er sich zum erstenmal unterstand, dich anzureden. Ich bin überzeugt davon, daß du das in Zukunft nicht wieder tun wirst.«

»Du meinst, ich sollte ihn nicht mehr kennen?« fragte das Mädchen.

»Ich bin für ein artiges Benehmen gegen unter uns Stehende. Aber, bitte, laß ihn nicht wieder auf der Halde mit dir reden! Ja, ich muß das dringend von dir fordern. Und ich darf vielleicht hinzusetzen, daß die Tatsache der großen Abneigung, die Sir Jasper gegen ihn hat --«

Er brach ab. Florence entfuhr ein leiser Ausruf der Verwunderung. Der Teppich war so dick, und die Schirmlampen erhellten den großen Raum so wenig ausreichend, daß keiner von ihnen das fast geräuschlose Näherkommen des Barons gewahr geworden, und es war kein geringer Schreck, seine hohe Gestalt unmittelbar vor sich zu sehen. Er blickte von einem zum anderen.

»Ich glaubte, ich hörte meinen Namen nennen,« sagte er. »Meine große Abneigung wogegen, wenn ich fragen darf?«

Seine Stimme hatte ihren schärfsten, spöttischsten Ton; seine kalten grauen Augen hingen an dem Gesicht seines Mündels. Wäre der Blick nicht gewesen, so hätte Florence ihrem Verlobten vielleicht die Antwort überlassen; aber es verdroß sie, und sie gab sofort schroff und schnell zurück -- vielleicht in dem Augenblick nicht ganz ohne die Absicht, ihren Verlobten zu ärgern:

»Talbot sprach von Herrn Leath, und ich gab meiner Verwunderung darüber Ausdruck, weshalb du es dir in den Kopf gesetzt hast, ihn nicht leiden zu mögen, Onkel Jasper!«

»Leath?« Seine Augen wanderten von einem zum anderen, dann lachte er.

»Sie müssen Mangel an Gesprächsstoff haben, Chichester, wenn Sie den jungen Menschen zum Gegenstand Ihrer Unterhaltung machen! Oder sagten Sie vielleicht, daß Sie es bedauerten, meinem Rate nicht gefolgt zu sein und ihm Ihr Haus vermietet haben? Nun, ich habe Sie gewarnt -- vergessen Sie das nicht.«

»Ich erinnere mich sehr wohl, daß Sie das getan. Aber als Mieter habe ich mich über Leath nicht zu beklagen,« gab Chichester mit verwundertem Blick zur Antwort, denn er war ein ehrlicher und streng gerechter Mann, und Sir Jaspers Warnung war ihm wie unverständlich.

»Ich habe bis jetzt keinen Grund, es zu bedauern, daß ich ihm das Haus vermietet, ja, ich sage sogar, daß er, so viel ich weiß, ein durchaus anständiger Mensch ist.«

»Der wahrscheinlich hier am Orte bleiben wird?«

»Das vermute ich -- bis sein Mietsvertrag abläuft. Er hat mir indessen zu verstehen gegeben, daß er sich hier wahrscheinlich nur eine Zeitlang aufhalten würde.«

»Weshalb nur eine Zeitlang? Was kann er in einem Orte wie St. Mellions zu tun haben?« fragte der Baron in demselben schroffen, kurzen Tone. Er war dicht an das offene Fenster getreten und stand halb im Zimmer, halb draußen, den beiden anderen den Rücken zuwendend.

»Ich habe ihn wirklich nie gefragt! Ich dachte an eine geschäftliche Angelegenheit.«

»Eine sehr wichtige Angelegenheit,« warf Florence leicht dazwischen. Sie hatte keinen anderen Beweggrund, als die Absicht, ihren Vormund zu ärgern, wie sie vorhin ihren Verlobten geärgert und geneckt hatte.

»Herr Leath ist nach St. Mellions gekommen, um jemand zu suchen, Onkel Jasper.«

»Was?«

Er fuhr zusammen und stand dann wie erstarrt.

»Um jemand zu suchen,« wiederholte Gräfin Florence gleichmütig. »Er hat es mir erzählt. Und der Jemand ist ein Mann. Apropos, er hat mir eine Frage gestellt, die ich an dich richten möchte. Kennst du einen Robert Bontine, oder hast du den Namen je gehört?«

»Nein!«

Er trat wieder auf die Terrasse hinaus. Florence folgte ihm mit den Augen.

»Das habe ich mir schon gedacht. Nun, er ist nach St. Mellions gekommen, um den Mann aufzusuchen. Wenn du mich fragst, weshalb, so muß ich gestehen, daß ich das nicht weiß; aber er beabsichtigt, ihn aufzufinden, und ich glaube, es wird ihm gelingen. Ich sagte ihm, ich hätte den Namen nie gehört, und erzählte ihm, der einzige Robert, der zu uns in Turret Court in Beziehung stände, sei dein verstorbener Bruder, Onkel Jasper. Es ist natürlich ihn höchsten Grade unwahrscheinlich, aber ich dachte, ich wollte dich fragen, -- ich muß gestehen, es interessiert mich ein wenig, -- ob du je einen Namen Robert Bontine gehört hättest?«

Sir Jasper hatte sich noch weiter aus dem Bereich des Fensters entfernt. Aus der linden Sommernacht klang seine Stimme langsam und scharf zurück.

»Ich kenne keinen Robert außer meinem verstorbenen Bruder. Ich habe den Namen Robert Bontine niemals gehört.«

12.

Es war ein außerordentlich heißer, drückender Tag gewesen. Seit dem Morgen hingen drohende Wolken tief am Himmel und verhüllten die Bergkuppen; über ihnen stand die Sonne wie eine strahlenlose, dunkelrote Feuerkugel; nicht der mindeste Lufthauch regte sich auf der Halde; die See rauschte nur leise plätschernd gegen das Gestade. In der Atmosphäre hatte jene beängstigende Schwüle gelegen, die einem heraufziehenden Gewitter voranzugehen pflegt.

Die Dämmerung brach mit fast tropischer Plötzlichkeit herein. Everard Leath, der allein in seinem Wohnzimmer in Lychet Hut saß, blickte erschrocken auf, als jäh ein schwarzer Schatten auf die Seite des Buches fiel, die er gerade umschlug. Er legte den Band nieder und trat, die Zigarre zwischen den Lippen, an das eine der beiden weit offenstehenden Fenster. Das Zimmer reichte von einem Ende des Häuschens zum andern, und von diesem Fenster blickte man quer über den Garten nach dem Fahrwege hinüber, der nach Lychet Hook führte.

»Bei Gott, es wird gleich losbrechen!« sagte er halblaut vor sich hin.

Er wartete. Durch das schwere Gewölk zuckten grelle Blitze, auf die ein leises, dumpfes Donnergrollen folgte; der Wind erhob sich in heulenden Stößen, und dann rauschte und prasselte der Regen plötzlich wolkenbruchartig herab. Als Leath an das zweite Fenster eilte, um es zu schließen, da der Regen von jener Seite kam, wurde das fast dunkle Zimmer durch helle, blaue Blitze erleuchtet, und der Donner krachte immer näher.

»Schlimmer noch als am Tage meiner Ankunft,« sagte er wieder vor sich hin. »Aber diesmal hat es nicht an warnenden Vorboten gefehlt. In diesem Unwetter möchte ich nicht auf der Halde sein. Die Leute, die behaupten, daß man sein Lebtag an die Rippondaleschen Gewitter denkt, haben recht. Dort ist wahrhaftig noch jemand unterwegs!«

Der Hufschlag eines Pferdes, obwohl durch das Toben des Wetters übertäubt, tönte jetzt vernehmlich genug von der Landstraße herüber, wenn auch die Biegung des Weges Leath noch nicht erkennen ließ, wer es war, der dort nahte. Im nächsten Augenblick sprengten Roß und Reiterin durch die offenstehende Pforte quer durch den Garten und verschwanden um die Ecke des Hauses.

Mit einem lauten Ausruf ungläubigen Staunens stürzte Leath auf die Tür zu, riß sie auf und kam doch, trotz seiner Hast, kaum rechtzeitig genug, um Florence Esmond aufzufangen und zu stützen, als sie aus dem Sattel sprang.

»Sie müssen mich hierbleiben lassen,« rief sie keuchend, während sie sich an seinen Arm klammerte und taumelnd nach Atem rang. »Und die Stute auch, sie hat sich geängstigt, ich habe fast die Herrschaft über sie verloren. Hätte sie noch weiter gemußt, so würde sie ganz und gar mit mir durchgegangen sein.«

»Natürlich -- natürlich!«

Er faßte nach dem Zügel des erschreckten, sich bäumenden Tieres. »Gehen Sie, bitte, hinein, Gräfin, und lassen Sie mich die Tür schließen. Sie müssen bis auf die Haut durchnäßt sein.«

Sie lief ins Haus. Leath führte das zitternde Pferd hinein, machte die Tür zu und führte die Stute durch den schmalen Korridor in die mit Steinfliesen gepflasterte Küche hinter dem zweiten Zimmer, die die andere Seite der einzigen Behausung bildete. Lychet Hut besaß einen Stall, aber er lag jenseits des Gartens, und bei einem solchen Wolkenbruch auch nur die paar Meter zu gehen, konnte nicht in Frage kommen. Einige Augenblicke verbrachte er damit, -- was er sehr gut verstand, -- das am ganzen Leibe bebende, in Schweiß gebadete Tier zu beschwichtigen und zu beruhigen, und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.

Die kurze Zeit hatte für Florence ausgereicht, sich dort schon fast heimisch zu fühlen. Ihr Hut und ihre Stulphandschuhe lagen auf dem Tische; sie schüttelte die Regentropfen von ihrem Reitkleide und wischte sie sich mit dem Taschentuche von Schultern und Armen. Mit einem Lachen blickte sie sich um, als Leath eintrat.

»Dies soll ein neuer Patent-Tuchstoff sein,« sagte sie, »der keinen Tropfen Wasser durchläßt. Hoffentlich bewährt er sich, obwohl ich nicht glaube, daß der Verkäufer sich auch für eine Sintflut verbürgte.«

»Ich hoffe, Sie sind nicht sehr naß?«

»Nein -- dazu hatte ich keine Zeit. Ich war ganz in der Nähe, als der Regen anfing, und bekam nur den ersten Guß. Wie geht es Orange Lily?«

»Der Stute? Ganz gut -- ich habe sie beruhigt.«

»Das arme Geschöpf hat sich so geängstigt! -- Es war ein Glück, daß mir Lychet Hut einfiel, und daß Sie hier wohnen! Ich würde nie und nimmer über die Halde gekommen sein!«

»Allerdings nicht. War es nicht recht unvernünftig, sich ins Freie zu wagen? Das Gewitter stand schon seit einigen Stunden am Himmel.«

»Vielleicht. Aber -- o, was für ein Blitzstrahl! Sehen Sie! Ist es nicht wundervoll?«

Sie wandte sich dem Fenster zu, und er mit ihr. Über ihnen krachte der Donner wahrhaft betäubend; der Regen goß in Strömen herab, zackige Blitze zuckten durch die nachtschwarzen Wolken, der Horizont erschien auf Augenblicke wie ein loderndes, blaues Flammenmeer. Im Schein der Blitze sah er Florence mit weitgeöffneten Augen und fest aufeinandergepreßten Lippen, bleich, mit angehaltenem Atem dastehen. Leath trat einen Schritt auf sie zu.

»Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht?« fragte er in sanftem Tone.

»Sonst ängstige ich mich nicht; ich habe unsere Gewitter gern. Aber das heutige hat etwas Furchtbares, nicht wahr? Man könnte fast glauben, die ganze Atmosphäre stände in Flammen! Es freut mich, daß ich nicht allein bin.«

»Soll ich die Fensterläden vorlegen?«

»Nein, lieber nicht.«

»Dann müssen Sie sich setzen.«

Er rollte einen großen Lehnstuhl herbei, in den sie sich mechanisch niederließ. »Es muß wenigstens bald vorüber sein,« meinte er, »so kann es nicht lange fortgehen.«

»Ganz so schlimm nicht -- aber vor zwei oder drei Uhr morgens wird es kaum vorüber sein. Unsere Gewitter dauern gewöhnlich ziemlich lange, besonders wenn sie sich langsam zusammengezogen haben wie dieses.«

Leath fuhr mit einem unwillkürlichen Stirnrunzeln zusammen und blickte sie unruhig an. Ihre Stimme hatte gelassen und unbefangen geklungen, und ihr Antlitz war ihm abgewandt, während er in das Unwetter hinausblickte. Es trat eine Pause ein, während der keiner von den beiden sprach. Dann trat er an den Tisch.

»Es ist fast dunkel,« bemerkte er ruhig. »Es wird Ihnen gemütlicher sein, Gräfin, wenn ich die Lampe anzünde.«

Er zündete die Lampe an und kehrte dann wieder zu ihr zurück; ehe er zu sprechen anhub, beobachtete er ein Weilchen, wie ihr lichtes Haar im gelben Lampenschein erglänzte. Ihr Liebreiz war ihm der bezauberndste, holdseligste, auf dem seine Augen jemals geruht, obgleich er sich streng sagte, daß er mit Frauenschönheit nichts zu schaffen habe.

»Sie wollten mir erzählen, wie es gekommen, daß Sie ausgeritten?« sagte er. »Sie kamen also von Lychet Hook!«

»Ja, -- ich war nach Brentwood Hall geritten. Ich habe Marion Lockyer, Lady Brentwoods Nichte, mit der ich seit unserer Kinderzeit sehr befreundet bin, sehr lieb. Marion, die auf einige Zeit aus Schottland zum Besuche eingetroffen, schrieb mir heute morgen und bat mich, zu ihr zu kommen. Das tat ich denn auch, und das erklärt die Sache.«

Nichts hätte ungezwungener, freimütiger und herzlicher sein können als ihr Ton und ihr Benehmen. Von jener ›Höflichkeit gegen Untergebene‹, die Herr Chichester so gnädig geruht zu billigen, war nichts zu spüren.

»Aber es ist keine Erklärung dafür, daß Sie den Heimritt gewagt, sollte ich denken. Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn Sie dort geblieben?«

»Ohne Frage, so wie sich die Dinge gestaltet haben.« Sie lachte. »Lady Brentwood wollte mich natürlich dort behalten, aber ich glaubte, ich würde noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause gelangen. Ich muß doch wohl nicht so wetterkundig sein, wie ich gedacht habe.«

»Ich fürchte, man wird sich in Turret Court um Sie ängstigen.« Sein Benehmen verriet noch eine gewisse Unruhe, sein Ton war kurz und trocken und bildete den denkbar größten Gegensatz zu dem ihren.

»Ach nun -- sie werden annehmen, daß ich dort geblieben! In Brentwood Hall wird man sich um mich ängstigen. Aber es ist einzig und allein meine eigene Schuld. Ich wollte durchaus fort und nicht einmal einen Reitknecht mitnehmen. Töricht -- nicht wahr?«

»Sehr! Sie hätten bleiben sollen!«

Die Worte wurden mit einer schroffen, scharfen Strenge gesprochen, an die Gräfin Florence Esmond durchaus nicht gewöhnt war. In solchem Tone hatte er noch nie zu ihr geredet. Aber sie nahm es nicht übel; der Blick, den sie ihm zuwarf, war halb belustigt und halb verwundert; -- welch peinliche Bestürzung und Ratlosigkeit ihn ihretwegen marterte, davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung.

»Sie sind nicht sehr liebenswürdig, Herr Leath!« Sie verzog schmollend die Lippen, aber sie war dem Lachen viel näher als dem Ärger. »Es war zu schlimm, Ihr Haus so buchstäblich im Sturme zu nehmen, das weiß ich, aber trotzdem brauchen Sie nicht so auszusehen, als wünschten Sie mich dahin, wo der Pfeffer wächst.«

»Ich wollte allerdings, Sie wären in Brentwood Hall geblieben!«

»Das scheint so.«

Sie war so ahnungslos über den Grund seines Stillschweigens und der ungeduldigen Bewegung, die er machte, daß sie nur noch schelmischer lachte.

»Ich muß gestehen, daß Sie weder sehr gastfrei noch sehr dankbar sind,« meinte sie vorwurfsvoll und schmollte wieder. »Sie wissen, daß ich Ihnen Schutz gewährte.«

»Ich weiß. Das werde ich nie vergessen.«

Er durchmaß das Zimmer ruhelos, dann kam er zurück und blickte mit unruhigem, unentschlossenem Ausdruck in den Zügen in ihr lächelndes Antlitz nieder. »Gräfin, Sie müssen wissen, daß Sie absichtlich die Wahrheit verkennen, wenn Sie so tun, als glaubten Sie, daß Sie mir nicht tausendmal willkommen sind, daß ich nicht mit Freuden alles und jedes für Sie täte, was in meiner Macht steht! Aber hier dürfen Sie nicht bleiben!«

»Nicht hier bleiben? O, das muß ich aber.« Sie setzte sich in ihrem Stuhle aufrecht und blickte ihn mit verwunderten Augen an -- sie war aufrichtig erstaunt und überrascht; sie verstand ihn nicht im mindesten. »Sehen Sie doch nur -- hören Sie nur! Kann ich in diesem Unwetter über die Halde reiten? Nicht um die Welt täte ich das -- nicht, wenn ich ein Dutzend Leute bei mir hätte!«

»Nein -- ich weiß -- ich weiß!« Er machte eine Handbewegung nach dem Fenster hin, gegen das der Regen mit unverminderter Heftigkeit schlug, und sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Ich weiß, es ist augenblicklich unmöglich,« sagte er. »Das meinte ich nicht. Aber das Gewitter kann vorüberziehen: in einer Stunde kann alles vorbei sein.«

»Vielleicht -- aber nicht wahrscheinlich. Und die Landstraße wird in einen wahren Morast verwandelt sein -- wie immer nach einem unserer Gewitter. Es tut mir sehr leid, Herr Leath, aber ich fürchte, Sie werden mich bis zum Morgen hier behalten müssen.«

»Es ist unmöglich, Kind!« In seiner Ratlosigkeit und Gereiztheit stampfte er mit dem Fuße; ihr unschuldiger Eigensinn und ihre arglose Gelassenheit trieben ihn fast zur Verzweiflung, obgleich er sich trotz allem einer Empfindung bitterer Lustigkeit nicht erwehren konnte. Aus ihren letzten Worten klang es wie verwundeter Stolz, wie eine Regung schmerzlichen Ärgers, was die Sache nur noch schlimmer machte. Sie war augenscheinlich nahe daran, böse auf ihn zu werden. »Es ist ausgeschlossen, daß Sie hier bleiben,« sprach er. »Was würden sie in Turret Court denken?«

»Nichts, wie ich schon sagte. Sie werden glauben, ich sei bei Brentwoods geblieben.«

Sie war noch zu bestürzt und erstaunt, um zornig zu werden; in dem Antlitz, das zu ihm aufblickte, lag nicht das leiseste Verständnis für die Situation. Aber als sie seinen Augen begegnete, errötete sie plötzlich bis zu den Haarwurzeln und wich, nach Atem ringend, zurück.