Part 7
»Niemals. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht lebt sie noch, mit ebenso weißem Haar wie das meine -- sie, meine kleine, braunhaarige Mary! Es ist seltsam, sich das auszumalen, Leath. Ich sehe ihr junges Gesicht mit den Tränen, die ihr der Abschied erpreßte, deutlicher vor mir, als das Ihrige in diesem Augenblick. Nicht viel daran an der Geschichte, nicht wahr? Und alltäglich genug, wie ich schon sagte. Aber ich hatte das Gefühl, daß -- wie sie nun auch sein mag -- Sie sie hören sollten. Jedenfalls wird sie dazu beitragen, zu erklären, weshalb ich soeben ernst und eindringlich war und weshalb ich mich einen mit der Welt zerfallenen Menschen nenne. Genug von mir, und übergenug! Lassen Sie uns von etwas anderem reden.«
Leath stand auf und folgte Sherriff an das Fenster, an das er getreten war.
»Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,« sprach er. »Glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigt haben, schätze und würdige, denn ich weiß, Sie würden nicht jedem Ihre Geschichte erzählt haben. Ich will Sie mit meinem nutzlosen Mitgefühl nicht behelligen, ich will Sie nur bitten, mich wenigstens teilweise meine eigene, fast unentschuldbare Zurückhaltung, die ich Ihnen gegenüber beobachtet, wieder gutmachen zu lassen.«
»Erzählen Sie mir nichts, was Sie mir nicht gern sagen,« wehrte Sherriff hastig ab, »ich verlange es nicht, Leath -- ich bitte Sie sogar, es nicht zu tun.«
»Ich will es auch nicht. Aber mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Ihnen sagen, was mich von der anderen Seite der Welt hierher nach St. Mellions geführt hat. Ich bin hierhergekommen, um einen Mann aufzusuchen.«
»Einen Mann? Wer ist er?«
»Wenn ich darauf antworten könnte, so würde meine Aufgabe vollbracht sein. Ich weiß es nicht.«
»Was ist er denn?«
»Der schlimmste Feind, den ich oder die Meinen je gehabt.«
»Suchen Sie ihn denn, um Rache an ihm zu nehmen?«
»Ich suche ihn, um Recht zu erlangen.«
»Recht für wen?«
»Für die Lebenden und die Toten.«
»Wissen Sie denn, daß er hier ist?«
»Ich weiß, daß er hier war.«
»Vor langer Zeit?«
»Vor vielen Jahren.«
»Und mehr wissen Sie nicht -- nicht einmal seinen Namen?«
»Ja, den weiß ich, oder, wenn nicht seinen Namen, so doch den, den er einst führte. Es ist mein einziger Leitfaden. Sie meinten vorhin, Sie könnten mir vielleicht helfen, -- Sie mögen recht haben. Kennen Sie -- haben Sie jemals den Namen Robert Bontine gehört?«
»Bontine?« wiederholte Sherriff sinnend. »Nein -- meines Wissens habe ich den Namen niemals gehört.«
»Das wissen Sie bestimmt?«
»So bestimmt, wie es in solchen Fällen möglich ist. Wenn ich den Namen je gehört habe, so hat er sich meinem Gedächtnis nicht eingeprägt. Aber der Name ist eigenartig, und mein Gedächtnis ist gut -- ich halte es kaum für wahrscheinlich, daß ich ihn vergessen haben sollte.« Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er dann entschieden. »Unglücklicherweise kann ich Ihnen nicht helfen, Leath. Ich habe den Namen Robert Bontine nie gehört.«
10.
Gräfin Florence hatte im Gespräch mit ihrem Verlobten Lychet Hut einmal als eine Ruine bezeichnet. Das war zwar übertrieben, aber doch nicht allzu sehr. Sie hatte die Behausung auch einsam genannt, und das war durchaus nicht übertrieben.
Das Haus lag auf der Halde, am Wege nach Lychet Hook, fast eine halbe Stunde von St. Mellions entfernt, und zwischen ihm und dem Dorfe standen keine Häuser. Es war ein winziges Häuschen mit einem Strohdach und enthielt nur zwei geräumige Zimmer zu ebener Erde, eine Bodenkammer und eine Küche. Es war vor ungefähr zehn Jahren nach eigenem Plane von einer alten, unverheirateten Dame erbaut worden, die ebenso wunderlich wie reich war und von der allgemein angenommen wurde, daß sie infolge einer unglücklichen Liebe der Menschheit entsagt habe. Wie dem auch gewesen sein mochte, so lebte sie dort bis zu ihrem Tode in strenger Zurückgezogenheit nur mit einer Dienerin, die ebenso alt und verschroben war wie sie selbst. Dann hatte Chichester die Wohnung für eine lächerlich kleine Summe von ihren Erben erstanden und war trotzdem nicht auf seine Kosten gekommen, denn es hatte sich nie wieder ein Mieter für das Haus gefunden.
Jetzt hatte Everard Leath es bezogen, und obschon er seit drei Wochen darin hauste, hatte man in St. Mellions noch nicht aufgehört, sich über den ›sonderbaren Herrn aus Australien‹ zu wundern.
Chichester, der, wie Gräfin Florence ihn mit Recht genannt hatte, der beste Hauswirt war, den man sich nur wünschen konnte, hatte alle notwendigen Ausbesserungen vornehmen lassen, und Leath selbst hatte sich nach Market Beverley begeben und sich dort einfache Möbel und Haushaltungsgegenstände bestellt, die er nach wunderlicher eigner Methode selbst aufgestellt hatte. Darauf hatte er eine ältliche Witwe, eine Schwägerin Buckstones, des Wirts der Chichester Arms, in seinen Dienst genommen, um für ihn und seine Bedürfnisse zu sorgen, und dann sich in der abgelegenen Behausung häuslich niedergelassen, als beabsichtige er den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Und über ihn, über seinen Hausstand und sein Benehmen im allgemeinen verwunderte man sich in St. Mellions höchlichst.
Aber nach drei Wochen war es ihm gelungen, sich mehr oder weniger beliebt zu machen, trotz der halb argwöhnischen, halb belustigten Neugier, mit der er angesehen wurde -- und zwar nicht nur von den Dörflern. Der Bungalow war nicht länger das einzige Haus, in dem er verkehrte.
Er hatte die Bekanntschaft des gutmütigen Pfarrers gemacht, ebenso die des Doktors und seiner zahlreichen Familie; auch mit Bedloc, dem klugen kleinen Advokaten -- ja, fast mit jedem war er bekannt geworden. Und obgleich keine zweite Einladung nach Turret Court erfolgte und Sir Jasper ihn, als er einmal auf der Halde an ihm vorbeigeritten war, kaum gegrüßt hatte, so fand sich doch Roy Mortlake oft in Lychet Hut ein, mit gänzlicher Nichtachtung des herrischen Verbots, das sein Vater gegen seine Besuche erhoben, und mehr als einmal war auch Harry Wentworth bei ihm gewesen.
Mitunter auch, zu Pferde oder zu Wagen, auf der Halde und auf den Feldwegen und einmal im Wohnzimmer des Pfarrhauses war Leath mit Florence und ihrer Cousine zusammengetroffen. Cis war ihm bei dieser Gelegenheit recht freundlich begegnet, -- die Besuche ihres Verlobten in Lychet Hut waren ihr kein Geheimnis, -- Florence huldvoll, aber weniger herzlich. Sie war mehrere Male im Bungalow bei Herrn Sherriff gewesen, seitdem Leath ausgezogen, hatte ihn aber zufällig niemals getroffen. Obwohl er nicht selten in ihre Felsenhöhle in der Klippenwand hinabstieg und eine Zigarre rauchte, während er finster auf das Meer hinausschaute, hatte er sie niemals dort gesehen. Einmal hatte er auf der untersten der drei unebenen Felsstufen ein blaues Band gefunden, das wohl von ihrem Kleide abgerissen sein mochte, das war aber auch alles. Vielleicht hielt sie sich absichtlich fern. Jedenfalls glaubte er das.
Bewußt oder unbewußt stand sie so für ihn im Zusammenhang mit der Halde, daß er niemals dort spazieren ging, -- was er gewöhnlich jeden Tag tat, -- ohne an sie zu denken. Folglich nahm es ihn kaum wunder, daß er ihr an einem sonnigen Nachmittage endlich dort begegnete. Er schlenderte langsam, dicht am Rande der Klippe, über den wellenförmigen Boden zwischen den Ginsterstauden und dem hohen Farnkraut dahin, und als er plötzlich die Augen von dem kurzen, sonnverbrannten Rasen, auf den er in finsterem Brüten niedergestarrt hatte, emporhob, sah er sie in einiger Entfernung vor sich stehen. Sie stand und wandte ihm das Gesicht zu, als warte sie auf ihn. Sie hatte ihn schon seit mehreren Minuten gesehen.
Er beschleunigte seinen Schritt, beschleunigte ihn um so mehr beim Anblick ihres Lächelns, und so standen sie sich nach wenigen Sekunden gegenüber, und er umschloß mit festem Drucke die Hand, die sie ihm bot. Es war das erstemal, daß er sie berührt hatte, seitdem sie sie ihm gereicht, um ihn in die Höhle hinabzuführen. Das fiel ihm ein, während er sich darüber wunderte, weshalb sie ihm heute gereicht wurde.
»Wie vertieft in Gedanken Sie waren, Herr Leath! Ich glaubte schon, ich müßte Sie anrufen, damit Sie nicht über mich stolperten,« sagte sie.
Ihre Stimme war ebenso herzlich wie ihr Lächeln, ebenso herzlich wie die warme schnelle Berührung ihrer unbehandschuhten Finger. Dennoch dachte sie sich nichts dabei; es war nur eine Laune, daß sie ihn nicht mit leisem, hochmütigem Neigen des Kopfes begrüßte und ohne ein Wort an ihm vorüberschritt. Es fiel ihr zufällig ein, liebenswürdig zu sein, -- das war alles. Er wußte das sehr wohl, denn er verstand sie viel besser, als Gräfin Florence lieb gewesen sein würde, hätte sie darum gewußt.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin; ich muß gestehen, daß ich Sie nicht gesehen habe. Ich war wohl in meine Gedanken vertieft.«
»Und Sie schauten auf den Boden, wo Sie auf die See hätten hinausblicken sollen.«
»Sie haben die See gern?« fragte er.
»So gern, daß meine Cousine behauptet, ich würde nach meinem Tode in eine Nixe verwandelt werden.«
Sie war weitergegangen mit einem Blick und einer Handbewegung, die ihn ermutigt hatten, an ihrer Seite zu bleiben.
»Wenn mich der Schein nicht trügt, so lieben Sie sie auch, nicht wahr?«
»Sehr!« Ihn durchzuckte der Gedanke, woher sie wisse, mit welcher Regelmäßigkeit er auf der Klippe spazieren ging. »Ich bin oft hier,« setzte er ruhig hinzu.
»Ja, es liegt etwas Trauliches in dem Rauschen der Wellen, obschon es so schwermütig ist. Und ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer Klause sehr einsam fühlen.«
Aus der lieblichen Stimme klang freundliches Interesse und Mitgefühl, die leuchtenden grauen Augen waren voll Herzensgüte. Cis hätte ihre eigenen blauen Augen weit aufgerissen, wenn sie die ihrer Cousine auf Everard Leaths Antlitz hätte ruhen sehen. Er war sich vollkommen bewußt, daß sie bei ihrer nächsten Begegnung ihn vielleicht kaum kennen würde, aber trotzdem wurde seine eigene Stimme weicher, milderte sich seine gewöhnliche, strenge Schroffheit.
Wo gab es einen Mann, den Florence Esmond, wenn sie wollte, nicht hätte bezaubern können? Es war nur eine Grille, daß sie jetzt mit Leath sprach, daß sie ihn verlockte, sich mit ihr zu unterhalten, aber sie brachte ihn dazu.
Was würde Sir Jasper Mortlake empfunden haben, wäre er über die Halde gekommen und hätte sein Mündel, bequem an eine mit Farn bewachsene Erhöhung gelehnt, dasitzen sehen, ihren Hut neben sich im Grase, ihr lichtbraunes Haar vom Winde verweht, und Everard Leath dicht neben ihr ausgestreckt, so daß sein aufgestützter Ellenbogen fast den Saum ihres kornblumenblauen Kleides berührte? Sicherlich konnte ihn nur eine direkte Aufforderung bewogen haben, sich dort niederzulassen.
»Alles, was Sie mir über Queensland erzählen, gefällt mir eigentlich,« sagte Florence langsam, in Sinnen verloren.
Ihre Unterhaltung hatte schon eine Zeitlang gedauert, als sie diese Bemerkung machte. Sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt, ihre grauen Augen blickten auf das Meer hinaus, und ihre weiße Stirn war leicht in Falten gezogen.
»Ja, -- es gefällt mir entschieden. Ich glaube sogar, ich möchte dort sehr gern leben.«
»Das bezweifle ich, obgleich Sie das Leben dort für einen Besuch vielleicht ganz erträglich finden würden -- aber als Heimat, nein!«
»Nein? Sie sind sehr bestimmt! Weshalb nicht?«
»Ich glaube, Sie würden sich bald nach England zurückwünschen.«
»Weil alles, an dem mein Herz hängt, hier ist und ich es als meine Heimat betrachte? Das ist vielleicht wahr. Gerade wie Sie selbst Australien ansehen.«
»Ja. Ich werde früher oder später dahin zurückkehren,« sagte Leath ruhig.
»Wenn Ihr Geschäft erledigt ist?«
»Wenn mein Geschäft erledigt ist -- ja.«
Die Antwort genügte; dennoch stieg Florence das Blut in die Wangen, und sie wußte, daß sie sich verletzt fühlte, weil sie nicht mehr enthielt. Gegen ihren Willen dachte sie über ihn nach, und gegen ihren Willen zerbrach sie sich den Kopf über ihn. Was hatte ihn nach St. Mellions geführt? Was hielt ihn dort zurück? Gräfin Esmond hätte es nicht um alles in der Welt über sich vermocht, die Fragen zu stellen, aber sie hätte alles in der Welt darum gegeben, es zu wissen.
Leath gewahrte weder ihr Erröten noch das Aufeinanderpressen ihrer Lippen. Er veränderte seine Stellung und runzelte einen Augenblick die Stirn mit einem Ausdruck von Unentschlossenheit, daß ihre Augen ihn unwillkürlich fragend anblickten. Ihrem Blick begegnend, sagte er:
»Ich möchte wissen, Gräfin, ob Sie mir wohl gestatten würden, eine Frage an Sie zu richten?«
»Eine Frage?«
Sie vergaß ihre Gekränktheit über ihrer plötzlich erwachenden Neugier, und außerdem wäre es unerträglich gewesen, ihn glauben zu lassen, daß sie pikiert sei.
»Gewiß,« sprach sie lächelnd. »Weshalb nicht? Was ist es?«
»Danke! Meine Frage wird Sie vielleicht seltsam dünken,« sagte Leath, der eine direkte Antwort umging, »und es ist sehr unwahrscheinlich, daß Sie sie beantworten können, -- das weiß ich. Und doch habe ich unzählige Male gewünscht, sie zu stellen.«
»Weshalb haben Sie es denn nicht getan?« lautete die Gegenfrage, die sie auf der Zunge hatte und die ihr fast entschlüpft wäre, aber sie kannte die Antwort darauf so gut, daß sie noch eben zur rechten Zeit innehielt. Bis zu jenem Tage hatte sie ihm nur wenig Gelegenheit gegeben, es zu wagen, Fragen an sie zu richten. »Fragen Sie mich jetzt!« warf sie leicht hin.
»Das will ich sogleich.« Er blickte sie an. »Erinnern Sie sich, daß Sie am ersten Tage unserer Bekanntschaft sagten, Sie kennten die meisten, wenn nicht alle Leute in dieser Gegend?«
»So? Habe ich Ihnen das gesagt? Ich kenne allerdings die meisten, wenn nicht alle.«
»Und ihre Namen?«
»Und ihre Namen, selbstverständlich!«
Sie lächelte ein wenig verwundert und belustigt.
»Dann also zu meiner Frage. Kennen Sie den Namen Robert Bontine?«
Er hatte sich auf dem Ellbogen aufgerichtet, ein gespannter, lebhafter, erregter Ausdruck trat in seine Züge.
Florence blickte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.
»Bontine?« sagte sie -- »Bontine? Das ist ein wunderlicher Name. Nein, Herr Leath, es tut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten zu müssen, aber in ganz St. Mellions habe ich den Namen nicht nennen hören.«
»Sie wissen das ganz bestimmt?« fragte Leath.
»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen ein paar Dutzend des Namens Robert oder Bob aufzählen, aber keinen Bontine. Ich würde mich des Namens sicherlich erinnern, wenn ich ihn je gehört hätte.«
Sie zögerte einen Augenblick und hub dann mit einem Anfluge von Befangenheit an, über den sie sich ärgerte, weil sie wußte, daß sie ihr so gar nicht ähnlich sah: »Erwarteten Sie, ihn hier zu finden?«
»Ich hoffte es.«
»Er ist vielleicht fortgezogen.«
»Vielleicht, aber es ist kaum anzunehmen.« Er sprach in einem merkwürdigen, erwägenden, mechanischen Tone, gleichsam mehr zu sich selbst, als zu ihr, und blickte düster auf das Meer hinaus.
»Nein -- er ist hier, wenn ich ihn nur finden könnte, falls er nicht tot ist.«
Die letzten Worte flüsterte er vor sich hin, und Florence hörte sie nicht.
»Robert -- Robert?« wiederholte sie sinnend. »So gewöhnlich der Name auch in dieser Gegend sein mag, so habe ich doch außer Sir Jaspers Bruder meines Wissens nie einen Robert kennen gelernt.«
»Sir Jaspers Bruder?« Leath wandte sich jäh um. »Ich wußte gar nicht, daß Sir Jasper einen Bruder hat.«
»Er lebt nicht mehr. Er starb schon vor Jahren. Er und nicht mein Onkel würde der Besitzer von Turret Court sein, wäre er am Leben geblieben.«
»Der Bruder war also der ältere?«
»O ja -- er war um mehrere Jahre älter.«
»Und er hieß Robert?«
»Ja -- Robert Georg Mortlake. Roy sollte, glaube ich, nach ihm genannt werden, aber Tante Agathe wollte es nicht, und so unterblieb es.«
»Ist es schon lange her?«
»Daß Robert Mortlake starb? O -- viele Jahre -- ehe Sir Jasper heiratete -- etwa dreißig -- oder vielleicht noch länger!«
Leath antwortete nicht, er hatte sich schnell erhoben. Durchaus nicht unzufrieden darüber, -- denn sie fand, daß die Unterhaltung lange genug gedauert, und hatte während der letzten Minuten schon überlegt, wie sie ihr am besten ein Ende machen könnte, -- stand Florence ebenfalls auf und nahm die hilfreiche Hand, die er ihr darbot, als etwas Selbstverständliches an. So flüchtig und gleichgültig sie sie auch berührte, so konnte sie doch nicht umhin, zu bemerken, wie kalt sie war, obgleich sie sich kaum die Mühe nahm, sich darüber zu wundern.
»Ja,« fuhr sie in leichtem Tone fort, »es muß dreißig Jahre her sein, wenn nicht länger, daß Robert Mortlake starb. Nein -- es sind gerade dreißig Jahre, denn das Datum steht auf seinem Denkstein in der Kirche. Sie können sich ihn ansehen, Herr Leath, wenn es Sie interessiert. Er ist in der südwestlichen Ecke; von unserm Gestühl blickt man gerade darauf hin. Er liegt natürlich in der Familiengruft im Park begraben wie alle Mortlake. Er wurde deshalb hierher geschafft.«
»Hierher geschafft?« wiederholte Leath hastig. »Starb er denn im Auslande?«
»Freilich! Er war meistens im Auslande -- hat sich in der ganzen Welt umhergetrieben -- wo, weiß ich nicht.«
Sie dämpfte die Stimme, beugte sich etwas näher zu ihm hinüber und schlug die grauen Augen mit plötzlicher Vertraulichkeit zu ihm auf. »Wissen Sie, ich sagte eben, Tante Agathe hätte nicht gewollt, daß Roy nach ihm genannt wurde. Nun -- das war der Grund: er war ein schrecklicher Tunichtgut.«
»Inwiefern?«
»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
»Nein -- und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret genug, es umzudrehen und mir anzuschauen -- es ist noch gar nicht lange her -- und Sir Jasper war schrecklich -- war furchtbar böse. Ich, o -- o --«
Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
»Nichts -- nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen, Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein -- kommen Sie nicht mit mir -- bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären --. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du nicht mit ihm reden darfst.«
Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache -- ihn auszuführen, eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu, daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung für sie war.
11.
»Es ist schon Mitte August, und die Abende werden merklich kürzer. Ich zählte heute morgen acht braune Blätter auf dem Pflaumenbaum. Jeder Sommer ist kürzer als der vorhergehende. Talbot, ich glaube, ich werde alt,« sprach Gräfin Florence.
Das Mittagessen in Turret Court war vorüber. Es war sehr langweilig gewesen. Sir Jasper war in seiner wortkargsten, unnahbarsten Stimmung. Harry und Roy hatten in Arborfield gesessen. Jetzt hatte man den Baron sich selbst überlassen, damit er bei seinem Glase Wein ein Schläfchen halte oder grüble, wie es ihm beliebte. Lady Agathe hatte sich in ihren Roman vertieft, und Cis war verschwunden, -- wahrscheinlich, um sich in ungestörter Einsamkeit weiter zu langweilen. Chichester, der beim Betreten des Salons seine Braut an einem der hohen Terrassenfenster stehen sah, hatte sich naturgemäß zu ihr gesellt.
»Ja, jeder Sommer ist kürzer als der vorige. Ich glaube, ich werde alt, Talbot!« wiederholte Gräfin Florence mit einem Seufzer.
Aber sie lachte, während sie das sagte, denn sie wußte, daß sie Unsinn sprach. Sie sah in der Tat heute abend fast wie ein Kind aus. Sie trug Schwarz, was mitunter eine Laune von ihr war, einen leichten, wolkigen und so dünnen Stoff, daß ihre weich gerundeten Schultern und Arme weiß hindurchschimmerten. Sie hielt einen großen hellblauen Federfächer in der Hand, und ein Sammetband derselben Farbe hielt den lose verschlungenen Knoten ihres kastanienbraunen Haares zusammen. Ihre Lippen waren dunkelrot, ihre lachenden Augen sahen im Zwielicht fast schwarz aus.
Chichester blickte zu ihr nieder und lächelte nachsichtig und beifällig. Er bewunderte ihre Schönheit wirklich sehr. Unter den Familienbildern in Highmount gab es viele liebliche Frauengesichter, aber keines war schöner als das ihre. Es war ihm lieb, daß dem so war, und es mahnte ihn daran, daß er ihr heute abend etwas Besonderes zu sagen habe.
»Alt?« wiederholte er. »Meine liebe Florence, das wird noch einige Jahre dauern, ehe ich das von mir selbst sage -- wie viele also, ehe du es zu tun brauchst. Willst du nicht Platz nehmen? Ich möchte etwas mit dir besprechen.«
Er schob einen ihrer Lieblings-Schaukelstühle für sie in die Fensternische; er war immer außerordentlich aufmerksam und artig. Florence blickte widerstrebend auf den Sessel nieder und schnitt eine kleine Grimasse. Vielleicht wußte sie nur zu gut, wovon er reden wollte. Der Gegenstand war ihr sehr unerwünscht, aber sie war in schalkhafter Stimmung und aufgelegt, ihn zu necken. Sie setzte sich schmollend.
Er zog seinen eigenen Stuhl dicht an den ihren und nahm ihre Hand. Gerade so hatte er es gemacht, als er um sie anhielt. Daran mußte das junge Mädchen denken.
»Ich habe schon mit Sir Jasper über unsere Hochzeit gesprochen,« hub er an, »ich möchte, daß sie bald stattfände. Ich bitte dich, so bald wie möglich einen Zeitpunkt zu bestimmen! Je früher, desto besser, -- das brauche ich wohl kaum hinzuzusetzen.«
Er küßte ihr die Hand, und wieder wurde sie an den Tag, an dem er sich mit ihr verlobte, erinnert; sie wußte noch sehr wohl, wie sie dankbar und erleichtert aufgeatmet, daß das alles gewesen, was er getan.
»Ich sehe nicht ein, daß irgendein Grund zur Eile vorliegt,« versetzte sie. »Wir sind erst seit kurzer Zeit verlobt!« Ihre Stimme nahm einen weichen, einschmeichelnden Klang an. »Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen!«
»Es sind zwei Monate -- eine ziemlich lange Zeit!«