Part 6
Bücher und Sonnenschirme wurden geholt, und die drei wanderten seewärts. Auf den grasbewachsenen, mit Ginstergestrüpp bedeckten Klippen gab es lauschige Plätzchen genug, und sie machten es sich bald bequem. Die beiden Mädchen setzten sich nieder; der Hund drängte sich dicht an Florence, und Harry streckte sich zu Cis’ Füßen hin. Florence lächelte, als sie das sah, und lächelte noch mehr, als eine kleine rosige Hand anfing, mit seinem dunklen Haar zu spielen und liebkosend darüber hinzustreichen. Sich Chichester in ähnlicher Stellung zu vergegenwärtigen, wäre komisch gewesen. Das junge Mädchen seufzte, während sie auf das weite blaue Meer hinausblickte, und fragte sich wieder: »Warum habe ich es nur getan?«
Das Schweigen dauerte nicht lange, denn als Harry seine Zigarre ausgeraucht hatte, nahm er Cis ohne Umstände ihr Buch weg und begann zu plaudern. Er konnte, wenn er wollte, entschieden ein sehr unterhaltender Gesellschafter sein; Florence ließ ebenfalls ihr Buch sinken, und Cis hörte ihm mit Entzücken und Bewunderung zu. Er erzählte von London, das sie, zu ihrem großen Bedauern, sehr wenig kannte, und sie meinte mit einem leisen Seufzer:
»Wie gern ginge ich einmal hin, und Roy ebenfalls!«
»Roy? Wie schade, daß er nicht mit hingereist ist! Ich wollte, ich hätte daran gedacht, ihm den Vorschlag zu machen. O, dabei fällt mir ein,« sprach Harry in verändertem Tone, »wer ist dieser Mensch eigentlich, der so erpicht darauf sein soll, mich zu sehen?«
»Welcher Mensch?« wiederholte Cis.
»Der Mensch, der Lychet Hut gemietet hat. Sie müssen ihn kennen, Florence, nicht wahr? Lychet Hut gehört Chichester.«
»Sie meinen Herrn Leath -- Everard Leath.«
»Ja, so heißt er -- ich konnte nicht auf den Namen kommen. Das ist ja der Mensch, den Sie damals beim Gewitter in Ihre Höhle aufgenommen -- natürlich, jetzt weiß ich schon. Was in aller Welt kann er von mir wollen?«
»Ich habe keine Ahnung,« sagte Florence kalt. »Sagte Roy, daß er Sie zu sprechen wünschte?«
»Das gerade nicht! Aber er scheint sich verschiedentlich danach erkundigt zu haben, wann ich zurückkäme, und da ich ihn nie mit den Augen gesehen, noch je seinen Namen gehört habe, so ist das doch ziemlich wunderlich.«
Florence schwieg. Harry zündete sich eine zweite Zigarre an und meinte dann, daß es bei der Hitze kühler in Florences Höhle sein würde.
»Lassen Sie uns hingehen,« antwortete Florence lächelnd. »Es ist nicht weit. Das Gebüsch dort zur Rechten verbirgt den Eingang. Was sagst du dazu, Cis?«
Cis meinte freilich, daß sie das Hinabsteigen in das schreckliche Loch immer unheimlich fände und es nebenbei die Kleider verderbe.
»Ihr Zufluchtsort ist übrigens vor unbefugten Eindringlingen durch seine versteckte Lage ziemlich sicher, Florence. Finden Sie je dort auch nur ein verirrtes Kaninchen? Aber -- wer -- in des Kuckucks Namen --« Harry stieß die letzten Worte im Tone größter Verwunderung aus, und Cis entfuhr ein leiser Schrei, als sie beide das Gestrüpp anstarrten. Das Farnkraut und die Ginsterbüsche bewegten sich, raschelten und wurden beiseitegeschoben: ein Mann erschien in der Öffnung.
Bei seinem Anblick blitzten Gräfin Florences Augen, und ihre Wangen röteten sich vor Zorn.
»Es ist der Mensch, von dem Sie eben sprachen -- Everard Leath,« sagte sie kurz, als Antwort auf Harrys Blick.
»So? Das nenne ich ziemlich unverfroren,« meinte er lachend, »haben Sie ihm freien Zutritt gewährt, Florence?«
»Unsinn! Seien Sie nicht abgeschmackt! Ich weiß nicht, was ihm einfällt. Lächerlich! Blicken Sie nicht hin, Harry; rauchen Sie ruhig weiter! Wir brauchen ihn nicht zu sehen.«
»Er hat uns schon gesehen!« sagte Cis kläglich. Sie hatte ganz recht. Everard Leaths blaue Augen waren ebenso weitsichtig wie scharf und glänzend, und er hatte die beiden schlanken Mädchengestalten in ihren blauen und grauen Kleidern sofort erkannt. Ein merkwürdiges Leuchten brach aus seinen Augen und wurde noch heller beim Anblick des jungen Mannes, der zu Cis’ Füßen ausgestreckt lag. Roy war es nicht -- wer anders konnte es sein als ihr Verlobter? Er murmelte etwas zwischen den Zähnen und schritt, den Hut lüftend, auf die Gruppe zu. Wäre Florences schönes Antlitz noch dreimal so hochmütig und kalt gewesen, so würde ihn ihr Ausdruck nicht zurückgehalten haben. Er war entschlossen, sich die Gelegenheit, mit Harry Wentworth zu reden, nicht entgehen zu lassen.
Wenn Cis nicht gewesen, so hätte es peinlich für ihn sein können. In ihrer Überraschung über sein plötzliches Auftauchen vergaß sie ganz, daß sie eigentlich böse auf ihn war, und lachte munter, während sie seine Verbeugung erwiderte. Gräfin Florence hatte nur ein unsagbar hochmütiges, kaum merkbares Neigen des Kopfes für ihn.
»Was ist Ihnen eingefallen, Herr Leath, in das schreckliche Loch hinunterzuklettern! Ihr Geschmack ist ebenso wunderlich wie der Florences.«
Leath antwortete, daß er oft eine Zigarre in der Höhle rauche, die ihm am ersten Tage Schutz gewährt. Und als es ihm gelang, Florences grauen Augen, sehr gegen den Willen ihrer Besitzerin, zu begegnen, setzte er hinzu:
»Da ich mich Ihnen dort nie aufgedrängt habe, Gräfin, so darf ich hoffentlich auf Ihre Verzeihung rechnen, daß ich unaufgefordert Ihre Höhle betreten habe?«
Florence entgegnete kalt, daß sie kein Anrecht auf ein Loch in den Klippen besäße, und daß nur ihre Cousine aus Unsinn es ›ihre‹ Höhle nenne.
Cis wunderte sich im stillen, weshalb Florence so verstimmt sei; der unglückliche Mann hatte doch nichts getan, um solche Behandlung zu verdienen, und sie wurde infolge dieser Erwägung noch liebenswürdiger gegen Leath, den sie dann Wentworth vorstellte. Harry war um seiner kleinen Braut willen herzlich und freundlich, und so geschah es, daß Leath in zwangloser Weise sich als Vierter zu der kleinen Gruppe oben auf der Klippe gesellte.
Cis rückte nach einer Weile von den beiden jungen Leuten fort, legte einen Arm um die Taille ihrer Cousine, die sich in ihr Buch vertieft hatte, und fragte sie:
»Es ist dir nicht unangenehm, daß er bleibt, nicht wahr, mein Herz?«
»Herr Leath?« Sie blickte auf, als habe sie sein Dasein überhaupt vergessen. »Die Klippen sind Gemeingut. Was kann es mir ausmachen?«
»Ich dachte, es wäre dir nicht lieb, weil Papa so böse über Herrn Leath war. Weißt du noch?«
»Dann erzähle ich ihm lieber nicht, daß wir ihn getroffen haben.«
»Natürlich nicht, und ich will auch Harry warnen. Wie lebhaft die beiden sich unterhalten!«
»Worüber reden sie denn?« fragte Florence.
»Ach, ich weiß nicht! Über Australien, glaube ich. Ich werde deinem Beispiel folgen und lesen. Die Geschichte ist sehr interessant.«
Cis schlug ihr Buch auf, und auch Florence las weiter. Sie hörten beide nicht auf die Unterhaltung der Herren.
Leath erzählte von seinem Leben in Australien, und Harry meinte, daß er ihn, so rauh und beschwerlich es auch oft gewesen sein möge, fast darum beneiden könnte. Er habe vor einigen Jahren, kurz nachdem er mündig geworden, selbst den Wunsch gehabt, auf einige Zeit hinauszugehen, aber sein Vater, der irgendein Vorurteil gegen Australien hege, habe sich seinem Vorhaben aufs entschiedenste widersetzt. Everard erkundigte sich, ob er nicht wisse, weshalb. Aber Harry verneinte und fragte, ob er schon erwähnt, daß sein Vater, Lord Carmichael, als junger Mensch selbst in Australien gewesen sei.
»Nein, aber ich habe davon gehört.«
»So? Ja -- ich glaube, er war ungefähr ein Jahr drüben, als er in meinem Alter war, und zwar hauptsächlich in Ihrer Gegend, in Queensland -- das weiß ich. Nun, ich weiß nichts Näheres und würde Ihnen auch, ehrlich gestanden, natürlich nichts darüber erzählen, wenn ich es wüßte, aber ich glaube, er ist dort in Unannehmlichkeiten verwickelt worden.«
»So?«
»Ja. Was es gewesen, weiß ich nicht, und wahrscheinlich war es nichts Besonderes -- irgendein kleines Techtelmechtel, in das junge Leute sich einlassen, wenn ihnen der Wind erstmals um die Nase weht. Aber er ist ein Mensch, der nicht leicht vergißt, und da mag er sich wohl in den Kopf gesetzt haben, daß mir etwas Ähnliches passieren könnte. Jedenfalls erkläre ich es mir so, daß er mich nicht gehen lassen wollte, und er ist noch heutigentags gegen Australien eingenommen. Es überraschte mich sehr, zu hören, daß er überhaupt dort gewesen. Er hatte nie davon gesprochen.«
Harrys Zigarre war ausgegangen; er setzte sich aufrecht, um sie wieder anzuzünden.
Leath, der starr, mit finsterem Antlitz auf das Meer hinausblickte, sagte langsam:
»Es ist sonderbar, daß er niemals davon geredet hat. Darf ich fragen, ob es viele Jahre her ist, daß Lord Carmichael in Queensland war?«
»O, das ist eine Ewigkeit her. Vor meiner Zeit, als er noch unverheiratet war.«
»Dreißig Jahre oder mehr vielleicht?«
»Dreißig? Ach nein -- so lange nicht. Achtundzwanzig ist das höchste.«
Harrys Zigarre brannte, und er stützte sich wieder auf den Ellbogen.
»Wissen Sie das gewiß?«
»Natürlich, ganz gewiß!«
Trotzdem er einige Verwunderung empfand, war der junge Wentworth zu gutmütig, um ungeduldig zu werden.
»Rechnen Sie selbst nach,« sagte er leichthin. »Ich bin fünfundzwanzig, und er war gerade ein Jahr verheiratet, als ich mich einstellte. Meine Mutter hat mir erzählt, daß er erst seit ein paar Monaten wieder in England war, als er sie kennen lernte, und sie heirateten, ehe ein halbes Jahr um war. Sie können achtundzwanzig Jahre herausrechnen, die verstrichen, seitdem er nach Australien ging, aber keinen Tag mehr, nicht dreißig oder annähernd soviel.«
»Falls Sie sich nicht irren, stimmt das, was Sie sagten.«
Leath sprach in ruhigem, hartem Tone.
»O, ich irre mich nicht! Im nächsten Monat werden es neunundzwanzig Jahre, daß er seinen Vater verlor, und damals war er in Arborfield. Nein -- vor dreißig Jahren war er in England und niemals weiter als hinüber nach dem Kontinent gewesen. Was sagst du, Cis? Frühstückszeit? Ja, das mag schon sein. Ich bin bereit, wenn du es bist.«
Cis und Florence waren aufgestanden, und Harry erhob sich jetzt. Leichten Sinnes, wie er war, empfand er keine Neugier, weshalb er mit so sonderbarem Eifer ausgefragt worden, ja, er dachte gar nicht einmal darüber nach. Er verabschiedete sich mit einigen herzlichen Worten von Leath und versprach, seiner Einladung, ihn in Lychet Hut zu besuchen, sobald er dort eingezogen sei, Folge leisten zu wollen. Cis’ blaue Augen folgten Leaths hoher Gestalt mit fast gereiztem Ausdruck, als er erhobenen Hauptes schnell in der Richtung von St. Mellions dahinschritt.
»Welch ein wunderlicher Kauz er doch ist! Und wie albern, sich in deine Höhle zu setzen, Florence! Wenn es nicht zu lächerlich wäre, würde ich behaupten, daß er unverschämt genug ist, sich in dich zu verlieben, Liebling!«
Gräfin Florence antwortete nicht. Sie blickte Everard Leaths entschwindender Gestalt mit gerunzelten Brauen nach, einen bestürzten, forschenden Ausdruck in den grauen Augen. Sie hatte bemerkt, was Cis und ihrem Verlobten entgangen -- die merkwürdige Veränderung in dem ernsten, gelassenen Gesicht des Australiers. Was hatte nur jenen zornigen, enttäuschten Ausdruck hervorgerufen? Sie wandte sich mit einer unschuldigen Bewegung ab, böse auf sich selbst, und doch seufzte sie. Es schien, als ob der Mensch sie immer beschäftigen, sie immer beunruhigen sollte.
9.
Everard Leath begab sich, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, von der Halde geraden Wegs nach St. Mellions hinunter und nach dem Bungalow, der für den Augenblick sein Heim war. Auf Sherriffs dringende Einladung hatte er sein fünfeckiges Zimmer in den Chichester Arms aufgegeben, um bis zum Augenblick, da seine neue Behausung für ihn instand gesetzt sein würde, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu wohnen. Leath ging durch den Garten, dann durch die Veranda in das dahinterliegende Zimmer, wo Sherriff mit der Feder in der Hand über einige Rechnungsbücher gebeugt saß. Er blickte auf, als die Gestalt des jungen Mannes am Fenster erschien, und er sagte, ihn freundlich begrüßend:
»Da sind Sie wieder -- das ist recht.«
»Ja,« gab Leath einsilbig zurück, »ich störe Sie doch nicht?«
»Nicht im mindesten. Sie sind wohl in Ihrer Wohnung gewesen?«
»Nein -- draußen auf der Halde.«
»So! Es ist ein schöner Morgen für einen Spaziergang. Setzen Sie sich, ich bin gleich mit meiner Schreiberei fertig.«
Leath ließ sich auf einem Stuhl am offenen Fenster nieder. Das helle Sonnenlicht fiel voll auf sein Antlitz, auf dem eine finstere Wolke lag; er fuhr mit der Hand durch seinen kurzen, spitzgeschnittenen Bart, während er mit aufgestütztem Ellbogen, anscheinend in düstere Gedanken versunken, dasaß. Dem gleichgültigsten Auge hätte sein ernstes Vorsichhinbrüten auffallen müssen. Sherriff, der aufblickte, als er mit seiner Arbeit fertig war, gewahrte es sofort, und ein Ausdruck der Verwunderung und der Besorgnis überflog sein schönes altes Gesicht.
»Sie sehen verstört aus, Leath,« sagte er ruhig. »Ihnen ist hoffentlich nichts Unangenehmes begegnet?«
»Unangenehmes?«
Leath blickte auf und lachte bitter. »Nein, das kaum. Das heißt, ich sehe ein, daß ich mich geirrt habe -- das ist alles. Bis heute glaubte ich, daß die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich nach St. Mellions kam, fast getan sei -- weit gefehlt! Ich bin gerade so weit wie vorher!«
»War diese Idee, die sich jetzt als ein Irrtum herausgestellt hat, die Veranlassung, daß Sie sich entschlossen, hier zu bleiben und Lychet Hut zu mieten?« fragte Sherriff.
»Ja. Es wäre besser gewesen, ich hätte den anderen Weg eingeschlagen, nach London zu gehen -- weit besser!«
»Heißt das, daß Sie es jetzt tun wollen?«
»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Dieser Mißerfolg hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin noch zu keinem Entschlusse gelangt.«
Es trat eine Pause ein. Leath blickte finster zu Boden. Der Ältere brach nach einer kleinen Weile das Schweigen und sprach zögernd und vielleicht etwas vorwurfsvoll:
»Sie haben mir niemals Ihr Vertrauen geschenkt, Leath. Ich habe kein Recht, dieses Vertrauen zu erzwingen, aber eine Frage möchte ich an Sie richten. Wenn ich in die Sache, von der Sie reden, eingeweiht wäre, könnte ich Ihnen dann bei Ihrem Vorhaben helfen, oder ist das unmöglich?«
»Ich fürchte, es ist sehr unwahrscheinlich.«
»Und Sie sind nicht geneigt, es mit mir zu versuchen?«
Es lag keine Gereiztheit in der ernsten, edlen Stimme, aber für Leaths Ohr klang etwas wie Schmerz hindurch. Er blickte schnell auf.
»Halten Sie mich nicht für undankbar, lieber alter Freund,« sagte er, »und glauben Sie nicht, daß ich unempfänglich für Ihre Güte bin. Geben Sie mir ein wenig Zeit, mir klar zu machen, daß ich ein Esel gewesen, und wenn Sie mich dann anhören wollen, so sollen Sie die ganze Sache erfahren, soweit ich weiß. Es ist keine angenehme Geschichte -- das werden Sie sich wohl schon sagen können.«
Es lag eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit in seinem Tone, die von einer Empörung sprach, die zwar durch eine eiserne Willenskraft niedergehalten wurde, aber doch im Innern weiterglimmen und ihn unaufhörlich martern mußte; das überraschte Matthias Sherriff nicht; vom Anfang ihrer Bekanntschaft an hatte er erraten, daß ein geheimes quälendes Leid am Herzen seines Freundes nage. Es war nicht möglich, sich Everard Leath als einen glücklichen Menschen oder einen Menschen ohne Sorge zu denken.
Leath stand auf, trat ans Fenster und wandte Sherriff den Rücken zu. Sherriff folgte ihm mit den Augen, während eine seltsame Veränderung in seinem Gesichte vor sich ging. Als er wieder zu reden anhub, war es mit doch merklicherem Zögern als vorher.
»Liegt kein anderer Grund vor als Ihr geheimer Kummer, Leath, weshalb Sie es für besser halten, St. Mellions zu verlassen?«
»Ein anderer Grund?«
Er drehte sich hastig um. Die fragende Verwunderung, die auf seinen Zügen lag, sah wenigstens echt aus.
»Ja, Sie müssen mir nicht zürnen, wenn ich mich irre. Ich habe ebensowenig ein Recht, in dieser Sache Ihr Vertrauen zu erzwangen wie in der anderen,« sagte der Alte hastig, »aber ich habe in den letzten Tagen unter einem Eindruck gestanden, der mich recht beunruhigt hat. Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Sie sich von hier fortwünschen? Und ist es -- Gräfin Florence Esmond?«
»Gräfin Esmond?« Das Erstaunen in Leaths Blick und Stimme wurde kaum durch die Röte, die unter seiner sonngebräunten Haut aufflammte, abgeschwächt; er sah aus, als wisse er nicht, ob er recht gehört habe oder nicht.
»Sie ist sehr schön,« fuhr Sherriff mit einer Handbewegung fort, die weiteres Leugnen oder Widerspruch abschneiden sollte, »und ich bin nicht so alt, Leath, daß ich vergessen hätte, welchen Einfluß eine Schönheit und ein Liebreiz wie der ihre auf einen jungen Mann naturgemäß ausüben muß. Ich weiß, Sie haben erst wenig von ihr gesehen, aber Sie haben genug gesehen, um unter dem Zauber ihres Wesens zu stehen. Sie haben mir erzählt, daß, obgleich Sie ihre vorübergehenden jugendlichen Schwärmereien gehabt hätten wie wir alle, Sie doch noch keine wirkliche tiefe Liebe für irgendein Weib empfunden haben.«
»Das wenigstens ist wahr.«
»Und macht die Gefahr für Sie jetzt nur um so größer. Wenn ich die Sache zur Sprache bringe, so geschieht es um Ihretwillen. Irre ich mich oder nicht?«
»Ob Sie sich irren? Ich gebe alles zu, was Sie über ihre Schönheit sagen; ich bewundere sie -- jeder Mann würde das tun. Aber ich habe an andere Dinge zu denken, als an Liebestorheiten, auch wenn sie frei wäre und keine gesellschaftliche Kluft des Reichtums und der Vornehmheit zwischen uns gähnte. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Herr Sherriff, aber ich bin gefeit. Gräfin Florence wird mich weder hier festhalten, noch mich forttreiben.«
Seine Stimme hatte fast ihren düsteren Klang verloren; es lag sogar eine gewisse Belustigung darin, und sein Gesicht hatte sich aufgehellt, als er seinen Stuhl wieder einnahm. Vielleicht gedachte er der Begegnung auf der Halde, der verächtlich blickenden grauen Augen, die sich kaum die Mühe genommen hatten, ihn anzusehen, und des stolz getragenen hochmütigen braunen Köpfchens. Reichtum, Rang, adlige Geburt -- daß sie sich wohl bewußt war, dies alles zu besitzen, hatte sie deutlich genug gezeigt.
Sherriff lächelte und setzte sich mit erleichterter Miene wieder nieder.
»Also habe ich mich geirrt?« meinte er. »Nun, es freut mich herzlich, das zu hören, mein lieber Junge -- wirklich herzlich! Es kann einen Mann kein zermalmenderer Schlag treffen als der Verlust des Weibes, das er liebt. Es mag töricht von mir gewesen sein, mir den Gedanken in den Kopf zu setzen.«
»Ich muß gestehen, es wundert mich, wie Sie überhaupt auf diesen Gedanken gekommen sind.«
»Das weiß ich selbst kaum. Er kam mir zuerst, glaube ich, als ihre Verlobung mit Chichester veröffentlicht wurde. Sie schienen verstört, schienen daran zu zweifeln, ob es eine passende Partie sei.«
»Ich gebe zu, daß ich das tat. Wie ich Ihnen auseinandersetzte, hatte ich Herrn Chichester in Turret Court getroffen. Ich würde ihn allerdings nicht für den Mann gehalten haben, auf den Gräfin Florences Wahl fallen würde,« gab Leath mit trockener Gelassenheit zur Antwort. »Wenn ich mich nicht irre, so waren auch Sie selbst überrascht.«
»Ich war mehr als überrascht.«
Sherriff sprach mit einer Schärfe und Gereiztheit, die ihm sonst fremd war. »Wüßte ich nicht, wie unabhängig sie ihrer Stellung und ihrem Charakter nach ist, so wäre ich fast geneigt gewesen, an irgendeine versteckte Einwirkung zu glauben. Ich habe nichts gegen Herrn Chichester; ich halte ihn für einen guten Menschen, aber ich wiederhole es -- er ist weder der Mann, ihre Liebe zu gewinnen, noch sie glücklich zu machen.«
»Er scheint das erstere wenigstens getan zu haben,« warf Leath in seinem früheren gelassenen Tone kurz dazwischen.
»Ihre Liebe? Armes Kind! Bis jetzt weiß sie kaum, daß sie ein Herz zu verschenken hat!« erwiderte der Alte mit Entschiedenheit.
Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen schwer.
»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, -- und Frauen wohl ebenfalls, -- die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört; für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war -- einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«
»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.
»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«
»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«
»Ja, eine Frau -- für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie -- wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch. Ja -- ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren -- sie hatte sich vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben -- viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten wir -- mochte geschehen was da wollte -- heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den Schmerz -- all die Qual jener Trennung von ihr vergegenwärtigen.«
Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.
»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr -- niemals! In den ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, daß sie verheiratet sei.«
Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.
»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe -- ich war jung, und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach -- daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr gehört.«
»Sie hat Ihren Brief nicht beantwortet?«
»Nein -- dessen bedurfte es nicht. Sie mag es für freundlicher gehalten haben, es nicht zu tun. Von dem Tage an war sie für mich tot.«
»Sie haben nie wieder auf andere Weise irgend etwas über sie gehört?«