Robert Bontine: Roman

Part 17

Chapter 173,807 wordsPublic domain

»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen. Gesetzt, ich würde krank, -- gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte phantasieren -- könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen -- ich habe so gräßliche Träume! Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in mich gedrungen, zu tun -- und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens überstanden -- unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt es, es aufzuschieben? Ich muß es tun -- ich habe mein Wort gegeben! Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen? Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«

Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach irgendeiner Richtung hin erregen konnte.

Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.

Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.

»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«

»Ja;« er nahm ihre Hand; noch nie hatte er sie mit so schmerzlichem Drucke festgehalten. »Ich -- wußte nicht, daß du hier bist,« sprach er, »ich wollte dich nicht erschrecken, Kind. Ich komme, um Sir Jasper aufzusuchen.«

»Sir Jasper? Aber was ist denn geschehen? Wie sind Sie zu der Wunde gekommen?« Sie blickte Sherriff an und dann wieder ihren Verlobten, und etwas wie schreckensvolles Verständnis dämmerte in ihren Zügen auf. »Sie sind verletzt -- Sie kommen her, um mit Sir Jasper zu reden? Herr Sherriff,« rief sie gebieterisch, »lassen Sie ihn mir erzählen, was das alles zu bedeuten hat!«

Leath wandte sich zu seinem Begleiter, ehe dieser antworten konnte.

»Soll ich es ihr sagen? Sie wenigstens muß es doch wohl erfahren?«

»Erzähle es ihr lieber! Wie kannst du es jetzt noch vor ihr geheimhalten? Und sie hat ein Recht, es zu wissen.«

»Ich will es wissen,« sprach Florence, »sagen Sie es mir.«

Er tat es. Das junge Mädchen saß auf der Fensterbank und hörte mit weitgeöffneten, entsetzten Augen, die unverwandt an seinem Gesichte hingen, der Erzählung zu, die er barmherzigerweise so kurz machte, wie er konnte. Er war seit einer vollen Minute zu Ende, ehe sie den Kopf hob und auf Sherriff deutete.

»Sie haben ihm alles gesagt?«

»Alles. Mir blieb kaum eine Wahl -- ich konnte nicht länger schweigen. Ich weiß, damit habe ich gewissermaßen unser Übereinkommen gebrochen, aber nicht in Wirklichkeit. Du kennst deinen alten Freund. Du weißt, du darfst dich darauf verlassen, daß er ein ebenso unverbrüchliches Schweigen beobachten wird wie du oder ich.«

»Sie dürfen mir trauen, meine Liebe,« sprach Sherriff mit versagender Stimme. Er war bleicher als der junge Mann; die seelische Erregung hatte tiefe Spuren in seinen Zügen zurückgelassen. »Ich -- bin entsetzt -- bin bestürzt! Aber um Ihrer selbst willen, um der Lebenden und der einen Toten willen können Sie sich wirklich auf mich verlassen, mein Kind.«

»Ich kann mich auf Sie verlassen?« wiederholte Florence verständnislos. »Ja, das weiß ich. Das macht keinen Unterschied. Aber das andere?« Sie blickte scheu zu Leath hinüber. »Was wollen Sie tun?«

»Sir Jasper aufsuchen. Endlich müssen wir ein paar deutliche Worte miteinander reden.« Er sah Sherriff an. »Und um meiner eigenen Sicherheit willen, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß sich der gestrige Vorfall wiederholt, ist es ebensogut, daß bei diesen Worten ein Zeuge zugegen ist.«

»Ja?« Sie blickte noch ängstlicher. »Und hinterher -- was dann?«

»Hinterher? Nichts weiter! Was sollte dann noch kommen?«

Es klang wie Verwunderung aus seinem Tone, und zum ersten Male etwas wie Zärtlichkeit -- liebevolle Zärtlichkeit, die das Grauenvolle der Situation bisher verboten hatte. Er machte eine Bewegung, ihre Hand zu ergreifen. Erleichterung und Dankbarkeit verdrängten die Kälte aus ihrem Antlitz, als sie die Augen zu ihm aufschlug. Sofort trat aber ein anderer Ausdruck in ihre Züge, der ihn veranlaßte, sich jäh umzuwenden, und als er das tat, öffnete Sir Jasper die Tür der Bibliothek und trat in die Halle.

Er ging sehr schnell, aber bei Everard Leaths Anblick blieb er plötzlich stehen, als sei er wie vom Donner gerührt. Eine seltsame, schreckliche Blässe überzog sein Gesicht, das fast fahl wurde, er rang schwer nach Atem. Mit der Hand tastete er hilflos nach einem Halt, erfaßte eine Stuhllehne und klammerte sich taumelnd daran fest -- ein grausiger Anblick. Leath hub zu reden an.

»Sie sehen, es ist Ihnen mißglückt. Ihr Versuch, mich gestern abend auf der Klippe ums Leben zu bringen, ist fehlgeschlagen. Ich bin hier -- und am Leben.«

Sir Jasper gab keine Antwort.

Leath sprach in demselben erbarmungslosen, einförmigen Tone weiter. Florence saß bleich, mit weitoffenen Augen und fest zusammengepreßten Händen da. Sherriff stand neben ihr; die eine Hand hatte er auf ihre Schulter gelegt, mit der andern beschattete er seine Augen.

»Es wäre besser gewesen, ich hätte damals, als ich zu Ihnen kam, Sie um Gräfin Florences Hand zu bitten, die wenigen unverblümten Worte gesprochen, Sir Jasper, die ich jetzt sagen werde. Aber es war Florences Wunsch, daß alles, was zwischen uns lag, unerörtert bleiben sollte, und ich fügte mich ihm. Sie wußten, welches der Preis war, den ich für die Einwilligung Florences, meine Frau zu werden, zahlte, und für den sie willens war, sich zu opfern. Ich meinerseits wußte, daß Sie nicht wagen würden, Ihre Zustimmung zu unserer Heirat zu verweigern -- Sie durften es nicht, um Ihrer eigenen Stellung willen, durften es nicht, um Ihrer beiden Kinder und um der unglücklichen Frau willen, die sich für Ihre Gattin hält.«

Er hielt inne. Sir Jasper taumelte schwer gegen die Stuhllehne, die er umklammert hatte, machte aber sonst keine Bewegung, noch ging in seinem starren Antlitz eine Veränderung vor. Leath fuhr fort:

»Sie ist nie Ihre Frau gewesen, und an jenem Tage hörten Sie es. Sie erfuhren, daß Gräfin Florence die Beweise gesehen hatte, die Sie für vernichtet hielten -- Beweise, deren Duplikate in Australien sind, -- die Beweise Ihrer Heirat mit Mary Ralston in Melbourne, vor einunddreißig Jahren, mit der Sie sich unter dem Namen Robert Bontine haben trauen lassen. Sie erfuhren, nachdem Sie ihrer überdrüssig geworden und sie schon nach einem halben Jahre ihrem Schicksal überlassen hatten, daß sie bis vor acht Jahren am Leben gewesen. Sie wußten, daß ich die Heirat beweisen konnte, wenn es mir beliebte, daß ich meine eigene rechtmäßige Geburt beweisen konnte, denn Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!«

Er hielt wieder inne. Der Baron starrte ihn noch immer an, aber das Hinundherschwanken hatte aufgehört.

»Sie wußten, daß ich Ihr Sohn war!« wiederholte Leath. »Sie hatten es gefürchtet und geargwöhnt, das weiß ich jetzt, seit dem Tage, an dem Sie mich zum ersten Male gesehen und in meinen Zügen die Ähnlichkeit meiner verstorbenen Mutter entdeckt haben.« Er lachte ingrimmig auf. »Sie haben sie verlassen, haben Ihre Ehe mit ihr geleugnet, haben sie in Armut und Schande verkommen lassen -- jetzt, nach über dreißig Jahren, hat Sie die Rache ereilt. Die erste Geschichte, die ich von ihren Lippen vernahm, als ich alt genug war, sie zu verstehen, war diese -- die Geschichte meines Vaters Robert Bontine. Die letzten Worte, die ich zu ihr, der Sterbenden, sprach, waren ein Gelübde, daß ich den Mann an dem Orte in England, den er als seine Heimat bezeichnet hatte, aufsuchen und meinen Namen, meine Rechte von ihm fordern wolle. Es dauerte acht Jahre, aber ich habe jenes Versprechen nie aus den Augen verloren. Sie wissen, weshalb ich es gebrochen, ebensogut, wie ich weiß, weshalb Sie gestern abend versucht haben, mich zu ermorden. Solange ich lebte, fürchteten Sie mich, trotz meines gegebenen Wortes. War ich tot, so konnten Sie keinen Grund zum Fürchten mehr haben.«

Florence schrie auf. Sir Jasper stürzte hilflos zu Boden. Das junge Mädchen sank auf die Knie und hob sein Haupt empor. Sein Gesicht war schrecklich verzerrt, seine weitoffenen Augen blickten leer und starr, als sähen sie nichts. Sherriff, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte, schaute mit einem Ausdruck des Entsetzens zu dem jüngeren Manne empor.

»Gütiger Himmel, Leath, was ist das? Der Tod?«

»Nein,« antwortete Leath, »noch nicht. Aber es ist Tod bei lebendigem Leibe -- ein Schlaganfall!«

24.

Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer. In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so daliegen wie jetzt -- unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das Gehirn werde nie wieder funktionieren -- das sei ausgeschlossen.

Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine solche Erschütterung gehabt hatte?

Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein -- wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche Tugend zuerkannt -- aber das war alles. An dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen, -- etwas sehr Ungewohntes von ihm, -- aber sie hatte dem keine weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein -- von einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.

Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete, deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der zugegen gewesen.

Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend. Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten sich schwer dahin.

Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß. In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, -- sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, -- sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben -- an jenem sonnigen Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.

Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit weitgeöffneten Augen empor.

»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«

Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mußte ihn sehen -- er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe -- man hätte sagen können der Besitzer -- von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.

Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar zurück.

»Ja,« sagte sie, »ich will Herrn Leath sehen. Sie können ihn hier hereinführen, Morgan.«

Sie sprach ruhig, aber sie hatte ihre Nerven nicht so in der Gewalt wie ihre Stimmung; sie begann beim Tone der nahenden Schritte zu zittern, und als die Tür aufging, sank sie wieder in ihren Stuhl. Leath sah, wie sie sich in die Polster schmiegte und ihn mit flehenden, erschreckenden Augen anblickte. Ein seltsamer Ausdruck -- es war ein ironisches Lächeln und ein schmerzliches Zucken, beides zu gleicher Zeit -- glitt über sein Gesicht, aber er war im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Er streckte die Hand aus und ergriff die von Florence, welche bebend in ihrem Schoße lag.

»Hoffentlich geht es dir besser?« fragte er. »Du siehst sehr blaß aus.«

»Danke, ich bin so wohl, wie ich nur erwarten kann, zu sein,« antwortete sie.

»Wohl genug, daß ich mit dir sprechen kann? Wenn nicht, so sage es. Dann werde ich bis morgen warten.«

»Das ist nicht nötig. Ich hatte mich schon entschlossen, Sie zu sehen, wenn Sie heute vorkämen. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht eher darauf drangen.« Sie stockte und blickte zu ihm auf. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Nein, danke. Ich bleibe nur ein paar Minuten.« Er hielt inne. »Es ist wohl keine Veränderung eingetreten?«

»In Sir Jaspers Zustand? Nein -- keine. Sie wissen, daß das auch nicht zu erwarten ist, nicht wahr?«

»Allerdings. Es ist, wie ich es nannte, Tod bei lebendigem Leibe. Rache genug für mich, wenn ich danach verlangte.«

Seine Stimme war dumpf, aber nicht scharf, sein Gesicht merkwürdig gefaßt und ernst. Sein ganzes Wesen war seltsam und für Florence unerklärlich verändert. Er hatte ihre Hand nicht behalten -- hatte sie nur eben lose einen Augenblick erfaßt und dann losgelassen -- er, dessen Händedruck immer eine innige Liebkosung an sich gewesen war. Unzählige Male hatte sie sich dagegen aufgelehnt, hatte sich gesagt, daß sie es hasse, aber ihr fiel die Unterlassung sofort auf. Weshalb sah er so aus? Was wollte er ihr sagen? Eine angstvolle Beklommenheit, die jede Sekunde seines Schweigens nur steigerte, beschleunigte den Herzschlag des Mädchens. Sie sprach endlich, denn sie fühlte, daß sie es nicht länger ertragen konnte.

»Ist -- ist irgend etwas passiert?« stammelte sie. »Sie sehen so sonderbar aus!«

»Sonderbar? -- So?« Er hob den Kopf und blickte sie an. »Nein, -- passiert ist nichts. Ich habe einen Kampf auszukämpfen gehabt, und zwar keinen leichten -- das ist alles. Aber er ist vorüber -- er liegt hinter mir. Um so besser für mich. Ich überlegte nur, wie ich es dir am besten sage.«

»Mir sage?« wiederholte sie.

»Ja. Sieh nicht so ängstlich aus, Kind! Den Ausdruck habe ich allzuoft auf deinem Gesicht gesehen -- ich möchte lieber eine andere Erinnerung mit hinwegnehmen. Es ist wohl am besten, ich fasse mich so kurz wie möglich. Ich gehe fort, Florence.«

»Fort?« rief sie. »Nach London?«

»London? Was habe ich in London zu suchen? Ich gehe nach Australien zurück -- dem einzigen Fleck Erde, der mich angeht, den nie zu verlassen ich gut getan hätte. Ich fahre mit der ›Etruria‹. Sie geht in vier Tagen.«

»Und -- und ich?«

Sie stieß die Worte, nach Atem ringend, hervor, während sie emporfuhr und ihn mit weitgeöffneten, ungläubigen Augen anstarrte -- Verwunderung, Schrecken, Seelenqual sprachen aus ihren Zügen. Sie war totenbleich geworden. Er ergriff die bebende Hand, die sie ihm entgegenstreckte, hielt sie einen Augenblick fest umschlossen und drängte sie dann sanft von sich.

»Sie bleiben hier,« sprach er ruhig. »Ich entbinde Sie von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten.«

Florence sprach nicht. Atemlos stand sie da, und ihre großen, schreckhaft erweiterten Augen hingen unverwandt an den seinen, als fürchte sie sich, sie abzuwenden.

»Ich entbinde Sie Ihres Versprechens, mich zu heiraten,« wiederholte er mit fester Stimme. »Ich befreie Sie von einer Verpflichtung, die Sie hassen und die Sie nie hätten eingehen sollen. Ich habe einen schändlichen Pakt mit Ihnen abgeschlossen, Kind -- ich wußte es, als ich es tat -- ich habe mir feige Ihre Zuneigung für die Ihren und Ihre Selbstaufopferung zunutze gemacht. Aber ich liebe Sie, und die Liebe zu einem Weibe hat schon manchen Mann unwürdige Handlungen begehen lassen. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich bin nicht verworfen genug, Sie zu einer Ehe, die Sie unglücklich machen muß, zu zwingen, und als ich glaubte, Ihre Liebe erringen zu können, mag ich wohl ein Tor gewesen sein. Sie hassen mich. Und haßten Sie mich, wenn Sie mein Weib wären, so würde ich uns beide, Sie und mich selbst, ums Leben bringen, glaube ich. Aber das ist eine Frage, die wir nicht weiter zu erörtern brauchen; denn Sie werden nie meine Frau werden. Ich wiederhole es -- ich gebe Sie frei. Ich gehe nach Australien zurück. Sie sind mich für den Rest Ihres Lebens los.«

Er hielt inne. Das junge Mädchen tastete nach dem Kaminsims, neben dem sie stand, und hielt sich daran fest; aber ihr Gesicht veränderte sich nicht, und sie machte gar keinen Versuch, etwas zu erwidern. Ehe Leath weiterreden konnte, ging die Tür auf, und Lady Agathe und ihre Tochter traten ein.

»Liebe Florence -- o, Herr Leath, Sie sind es!« stammelte Lady Agathe verwirrt, »ich wußte nicht, daß Sie hier sind!«

Sie wandte sich wieder nach der Tür, aber Leath hielt sie zurück, ehe sie dieselbe erreicht hatte.

»Ich bitte um Vergebung, Lady Agathe. Darf ich Sie bitten, einen Augenblick zu verweilen? Wären Sie nicht hereingekommen, so würde ich Sie vor meinem Fortgange um eine Unterredung gebeten haben.«

»Mich -- um eine Unterredung?« stammelte die Angeredete.

»Ja. Ich möchte Ihnen sagen, daß ich Gräfin Florence ihr Wort zurückgegeben habe. Unsere Verlobung ist aufgehoben.«

»Sie haben sie freigegeben?« rief Lady Agathe verwundert.

Cis stieß einen leisen Schrei aus und lief auf ihre Cousine zu.

»Ich habe sie freigegeben,« wiederholte Leath in demselben ruhigen Tone. Er sah Florence nicht an, ja, warf ihr nicht einmal einen Blick zu.

»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«

»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein dunkles Rätsel gewesen -- wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre -- ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß Sie sie freigeben.«

»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie glücklichere Zeiten kommen mögen!«

Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.

»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich -- die Hand schon auf dem Türgriff -- noch einmal um und blickte nach der regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er fast im Flüstertone, »lebe wohl!«

Die Tür fiel ins Schloß -- er war fort. Cis, die sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:

»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er vergötterte dich -- das weiß ich -- und doch löst er eure Verlobung und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«

Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf ihre Wange gedrückt hatte.

Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen -- daß er fort und sie frei war.

25.

Everard Leath ging über die Halde nach dem Bungalow zurück. Es war ganz dunkel, ehe er dort anlangte, und die Lampen brannten schon, als er ins Wohnzimmer trat. Sherriff, der in einem Stuhl am Kamin ein Schläfchen gehalten, richtete sich bei seinem Eintritt auf. Leath zog einen Sessel heran und setzte sich.

»Ich bin in Turret Court gewesen,« sagte er auf einen fragenden Blick des andern.