Robert Bontine: Roman

Part 16

Chapter 163,725 wordsPublic domain

Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.

»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind -- sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«

»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«

Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«

Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte, sich loszureißen, aber er hielt sie fest.

»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen? Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du -- das weiß ich!«

»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!« erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache mir nichts aus Ihnen -- ich kann es nicht -- ich werde es nie tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen -- aber mich nicht so -- so von Ihnen küssen lassen -- das wissen Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie -- nimmermehr! Unter keinen Umständen je hätte ich Sie lieben können -- das weiß ich!«

»Wirklich nicht?«

Er blickte in das leidenschaftlich erregte Antlitz, sah die Gebärde empörter Abwehr und lächelte wehmütig. »Nun, vielleicht hast du recht, und vielleicht habe auch ich recht. Wir wollen nicht darüber streiten. Die Schicksalsgöttinnen sind dir nicht besonders hold gewesen, armes kleines Mädchen -- aber auch mit mir sind sie nicht besonders gnädig verfahren! Laß mir diese einzige Eitelkeit, Kind! Sie kann niemand schaden! Ich bleibe dabei, hätte ich nur eine Chance dir gegenüber gehabt, so hättest du mich jetzt schon lieben sollen.«

»Niemals!« stieß sie wieder zwischen den Zähnen hervor. »Sie täuschen sich selbst, wenn Sie das glauben! Niemals!«

Und so verließ er sie, und ihr ›Niemals!‹ klang ihm im Ohre nach.

Er würde sich in der Halle nicht aufgehalten haben -- er pflegte immer Turret Court so schnell wie möglich zu verlassen, sowie seine Zusammenkunft mit Florence vorüber war, und es geschah selten, daß eine Begegnung mit irgend jemand ihn aufhielt. Aber der heutige Tag bildete eine Ausnahme. Ein Feuer brannte in der inneren Halle, und in einem großen Lehnstuhl daneben lag Roy bequem hingestreckt. Er war unter dem Einfluß der einschläfernden Wärme halb eingeschlummert, aber, durch die näherkommenden Schritte ermuntert, stand er auf, dehnte seine langen Gliedmaßen und gähnte ungezwungen.

»O, Sie sind’s, Leath? Wie geht es Ihnen? Wußte gar nicht, daß Sie da waren, alter Junge. Habe ein wenig genickt, glaube ich. Im Begriff, fortzugehen -- wie?«

»Ja. Weshalb?«

»O, nichts Besonderes! Sie würden zu Tisch bleiben, wenn Sie irgendein anderer wären, aber ich weiß, es nützt nichts, Sie einzuladen. Heute gäbe es freilich einen Extraspaß. Sie könnten die Herzogin zu Tisch führen.«

»Das bezweifle ich. Ihre Durchlaucht geruhte eben mir mitzuteilen, daß ich Luft für sie sei.«

»O! Sie haben sie wohl gesprochen?« Roy verzog grinsend den Mund. »Hat wohl eine böse Auseinandersetzung gegeben?«

»Kurz, aber durchaus nicht angenehm,« antwortete Leath wortkarg.

»Ein Glück für Sie, daß sie kurz war! Sie und der Alte hatten heute morgen ein hitziges Wortgefecht. Ich hörte etwas davon -- war ein Hauptspaß! Sie zog indessen den kürzeren. Wird bei Ihnen wohl ebenso gegangen sein? Gehört sich auch so! Sehe gar nicht ein, warum die alte Dame sich dazwischenstecken will! Was in aller Welt kann es ihr ausmachen, ob Florence Sie nimmt oder den alten Chichester? Geradezu unverschämt nenne ich es. Wollen wohl nach Hause reiten, wie?«

»Nein, ich bin zu Fuß gekommen. Weshalb?«

»Nichts, als daß Sie einen schrecklich dunklen Marsch über die Halde haben werden. Apropos, haben Sie den Alten gesehen?«

»Nein -- und hätte es auch nicht können, gesetzt den Fall, ich hätte den Wunsch gehabt. Er ist in Market Beverley, wie ich höre.«

»O, das hat Ihnen wohl Florence gesagt? Sie irrt sich aber, er kam vor zwei Stunden heim und sitzt in seinem Zimmer. Ich meinte nicht, ob Sie ihn heute gesehen, sondern ob Ihnen in der letzten Zeit nichts an ihm aufgefallen ist?«

Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Tone und dem Gesichtsausdruck des jungen Menschen. Mit einem schnellen fragenden Aufblick schüttelte Leath den Kopf.

»Ich glaube, ich habe Sir Jasper in den letzten vier Wochen kaum dreimal gesehen -- jedenfalls nicht zwanzig Worte mit ihm gewechselt. Was sollte mir aufgefallen sein?«

»Nun, wie er sich verändert hat!«

»Hat er sich verändert?«

»Und ob! Wenn Sie ihn beobachtet hätten, würden Sie nicht fragen. Er hat nie viel Fleisch auf den Knochen gehabt, aber jetzt ist er mager wie ein Skelett, und das ist kein Wunder, denn er ißt kaum genug für einen Papagei! Und ein sehr lebhafter Gesellschafter ist er zwar auch nie gewesen, aber letzthin ist er mit wahrer Leichenbittermiene einhergegangen; und er ist in einer Stimmung, von der ich lieber gar nicht reden will! Mit ihm muß etwas nicht in Ordnung sein. Ich möchte mit der Mutter und den Mädchen nicht gern darüber reden, aber ich bin überzeugt davon, daß es auch ihnen auffallen muß. Erst gestern, in St. Mellions, redete mich der alte Burrows -- Sie wissen, Doktor Burrows -- auf der Straße an und wollte wissen, was mit ihm los wäre. Sagte, er hätte es schon längst bemerkt, und sein Aussehen gefiele ihm ganz und gar nicht.«

»Was wollte er damit sagen?«

»Weiß ich nicht! Er ging wie die Katze um den heißen Brei und wollte nicht mit der Sprache heraus. Sie kennen ja die Ärzte mit ihrem gelehrten Kauderwelsch. Jedenfalls schien ihm des Alten Zustand zu ernsten Besorgnissen Anlaß zu geben. Aber was mir nicht gefällt, ist seine neue Angewohnheit, draußen umherzuschleichen.«

»Umherzuschleichen?«

»Ja -- zu allen Stunden und bei jedem Wetter, mitunter abends, mitunter morgens; ehe jemand von uns anderen auf den Beinen ist, ist er aus dem Bett und draußen. Wunderlich, nicht wahr? Das hat er früher nie getan, ja, er haßte das Spazierengehen geradezu. Jetzt wandert er meilenweit. Vorgestern abend -- wissen Sie noch, wie es regnete? -- war er stundenlang draußen auf der Halde und kam bis auf die Haut durchnäßt zurück. In der Tat, ganz unter uns gesagt, die halbe Zeit, wenn die Mutter glaubt, er sitzt ruhig in seinem Zimmer, wie er sonst zu tun pflegte, schleicht er draußen irgendwo umher. Ich weiß es meistens, denn seitdem ich es bemerkt habe, halte ich die Augen offen. Aber es muß etwas nicht in Ordnung sein und darf nicht so fortgehen. Wüßte ich nur, was es ist! Er hat doch keinen geheimen Kummer.«

»Nein,« stimmte ihm Leath trocken bei, »er hat keinen Kummer.« Er zog sich seinen leichten Überzieher an und sagte dabei: »Es ist allerdings sonderbar. Er sollte lieber einen Arzt zu Rate ziehen.«

»Freilich. Ich will Burrows veranlassen, einmal freundschaftlich bei uns vorzusprechen. Der Alte würde mich gehörig heruntermachen, wenn er wüßte, daß ich ihn gebeten, zu kommen. Wollte ’mal mit Ihnen darüber sprechen, Leath, denn die Sache hat mich gequält. Trage fürs erste noch kein Verlangen danach, Sir Roy zu werden. Gehen Sie jetzt? Guten Abend, alter Junge -- möchte nur, Sie blieben zu Tische. Beneide Sie nicht um Ihren Weg über die öde Halde.«

Öde sah die Halde allerdings aus, als Leath hinaustrat. Ein kalter Regen fing an herabzurieseln, der Wind, der von der Küste herüberwehte, war sehr scharf, und Leath knöpfte instinktiv seinen Überzieher zu. Weiter aber schenkte er dem Wetter keine Beachtung: seine Gedanken waren trübe und nahmen ihn ganz in Anspruch. Jenes letzte ›Niemals!‹ von Florences Lippen klang in ihm nach; ihren Blick, als sie das sagte, sah er noch deutlich vor Augen, und das machte ihn blind und taub gegen alles andere. Er hatte keinen glücklichen Augenblick gehabt, seitdem sie ihm ihr Wort gegeben, sein Weib zu werden, aber er war nie so niedergeschlagen und unglücklich gewesen wie heute abend. Wenn sie mit ihrem ›Niemals!‹ recht hätte! Wenn sie wirklich ihn und das Band, das sie an ihn knüpfte, hassen sollte? Wenn sie erst sein Weib war, so würde das entsetzlich sein! Konnte ihm irgend etwas für solches Elend Ersatz gewähren? Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn er nie nach England gekommen, nie ihr Antlitz geschaut, nie seine Nachforschungen nach Robert Bontine begonnen hätte? Würde es möglich sein, ihr zu entsagen, nach Australien zu seinem dortigen Leben zurückkehren, aus seinem Gedächtnisse die Erinnerung an die Erlebnisse der letzten drei Monate so auszulöschen, als seien sie nie gewesen? Er gedachte der Schönheit, die es ihm angetan hatte, schon damals, als er sich gesagt, daß er an anderes zu denken habe als an Frauen und Frauenliebe; er gedachte ihrer bebenden Gestalt, die er in den Armen gehalten, als sie schluchzend den Kopf an seine Schulter gelehnt; er gedachte des heißen Errötens, das ihr Antlitz bei seinem leidenschaftlichen Kusse übergossen. Nein -- es war nicht möglich! Sie sollte ihn noch lieben lernen!

Er blieb stehen. In seiner Zerstreuung war er weit von dem Fußwege abgekommen, den er hätte einhalten sollen, um nach St. Mellions zu gelangen. Das leise, dumpfe Rauschen der Brandung gegen den felsigen Strand tief unten schlug an sein Ohr; er befand sich dicht am Rande der Klippe, -- so dicht, daß ein paar Schritte ihn unmittelbar an die scharfe Kante gebracht hätten, und er blieb einen Augenblick erschrocken stehen.

»Es wäre für niemand ein Verlust gewesen, wenn ich hinabgestürzt wäre,« sagte er halblaut, mit bitterem Auflachen.

Er schritt weiter, dem Branden der Wogen lauschend, und blickte mit starrem, finsterem Gesicht geradeaus. Der dunkle Himmel hellte sich am Horizont auf, das schwere Gewölk teilte sich, ein schwacher gelblicher Nebel bezeichnete die Stelle, wo der Mond durchbrechen wollte. Er sah nichts von alledem. Florences ›Niemals!‹, Florences Antlitz verfolgten ihn noch immer.

»Es war ihr Ernst damit!« sprach er vor sich hin, »es war ihr Ernst. Ob sie recht hat? Wird ihr Haß dauern -- trotz meiner Liebe? Es wäre furchtbar für uns beide -- furchtbar! Armes Kind -- armes kleines Mädchen -- und weshalb sollte er schwinden? Ich habe, bei Licht besehen, wie ein Schurke, wie ein Feigling an ihr gehandelt! Soll ich diese Leidenschaft aus dem Herzen reißen und sie freigeben? Soll ich ihr entsagen? Wenn ich --«

Die Worte endeten in einem heiseren Aufschrei. Hinter ihm ertönten hastige Schritte, ihn traf ein Schlag vor die Stirn, daß vor seinen Augen grelle Flammen über den schwarzen Himmel und das schwarze Meer zuckten. Seine Arme wurden mit eisernem Griffe gepackt, er war hilflos, wehrlos, er konnte nicht mit dem Angreifer ringen, der ihn so hinterrücks überfallen und ihn immer näher an die Felskante drängte; der Schlag auf den Kopf hatte ihn halb betäubt, er konnte sich nicht zur Wehr setzen. Eine verzweifelte Anstrengung machte er, sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber sein Fuß glitt auf dem kurzen schlüpfrigen Gras aus, und mit einem lauten Aufschrei stürzte er kopfüber hinunter, sich im Fallen an dem groben Gestrüpp festhaltend, das über den Klippenrand hinüberhing. Die Zweige knickten ab und glitten ihm aus den Fingern, wieder tastete er nach einem Halt, erhaschte etwas, das standhielt, ergriff es auch mit der anderen Hand, fühlte, daß die Wucht seines Falles gebrochen sei, daß er festen Boden unter den Füßen habe. Während der Dauer einer grausigen Sekunde, halb schwebend, halb liegend, verharrte er so, dann nahm er mit verzweifelter Anstrengung seine fast erschöpften Kräfte zusammen und schleppte sich von dem Felsvorsprung in das Innere einer Höhle, und vorwärtsstolpernd, brach er, nach Atem ringend, arg zerschunden, blutend, fast bewußtlos auf dem steinigen Boden von Florences Felsenkammer zusammen.

23.

Es regnete unaufhörlich fast die ganze Nacht, aber gegen Morgen klärte es sich auf. Ein scharfer Wind von der See her blies die Wolken fort, der Himmel wurde blau, und die Sonne schien so hell, als Sherriff das kleine Speisezimmer im Bungalow betrat, wo der Frühstückstisch gedeckt stand, daß er geblendet die Hand über die Augen legte.

»Es wird schließlich doch ein schöner Tag werden,« sagte er in seiner freundlichen Art zu dem nett aussehenden Mädchen, das eilfertig mit der Kaffeekanne eintrat. »Als ich heute nacht den Regen hörte, glaubte ich, eine zweite Sintflut bräche herein. Ich erinnere mich kaum eines so kalten und nassen Septembers, wie der diesjährige gewesen. Herr Leath ist wohl noch nicht unten? Klopfen Sie lieber bei ihm an, Ellen.«

»Herr Leath ist schon lange unten und ausgegangen, gnädiger Herr. Als ich bei ihm anklopfte, um ihn zu wecken, bekam ich keine Antwort; er muß also schon fort gewesen sein. Er ruft immer in demselben Augenblick, wo ich klopfe, er hat einen so leisen Schlaf,« sagte das Mädchen.

»O, er macht sicher einen Morgenspaziergang,« bemerkte der alte Mann gleichmütig; »er wird wohl gleich heimkommen, Ellen. Und doch,« fuhr er, zu sich selbst redend, fort -- in den langen Jahren der Einsamkeit hatte er sich halblaute Selbstgespräche angewöhnt, -- »ist es sonderbar, daß der Junge so früh auf und davon ist, da er gestern abend erst so spät nach Hause gekommen ist. Es muß zwölf gewesen sein, denn ich habe ihn gar nicht mehr gehört. Er ist natürlich zu Tisch in Turret Court geblieben. Nun, das ist gut. Ich wollte, das täte er öfter, aber es ist wohl seine eigene Schuld, daß es nicht geschieht.« Der Alte seufzte. »Ich bin ein alter Narr, aber ich wollte, ich wäre fester davon überzeugt, als ich bin, daß es eine glückliche Ehe werden wird. Aber sowohl in seinem wie in ihrem Benehmen ist etwas, das mich glauben läßt --. Ah, das ist sein Schritt, ja -- er ist es.«

Der Schritt kam näher, ein Schatten verdunkelte die offene Fenstertür, der Sherriff mit freundlichem Lächeln, das schnell einem Ausdruck der Verwunderung und Bestürzung wich, den Blick zuwandte.

»Gütiger Himmel, Leath, was ist geschehen?« rief er.

»Schon gut, Herr Sherriff. Erschrecken Sie nicht! Mir wird gleich wieder besser werden,« antwortete Leath, als er ins Zimmer trat und auf den nächsten Stuhl sank.

In seinem zerrissenen, schlammbedeckten Anzuge, mit seinem leichenblassen Gesicht, das mit geronnenem Blute, das einer Kopfwunde entströmte, bedeckt war, sah er allerdings zum Erschrecken aus. Staunen und Entsetzen machten den Alten stumm. Der Jüngere hub wieder an:

»Ich habe einen Unfall gehabt. Gestern abend, als ich von Turret Court zurückkam, stürzte ich von der Klippe.«

»Der Klippe? Großer Gott! Du gingst zu nahe an die Kante und glittest aus? Und doch bist du hier, und am Leben! Der Sturz hätte einen Menschen zweimal töten können!« rief Sherriff.

»Wie er mich getötet haben würde, wäre ich zufällig an irgendeiner anderen Stelle hinabgefallen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich noch lebe,« antwortete Leath. »Sie kennen die Stelle -- die kleine Höhle, die sie -- Florence -- ihre Felsenkammer nennt?«

»Natürlich. Sie hat mich einmal mit hinabgenommen. Dort stürztest du hinunter?«

»Ja. Der Felsenvorsprung vor der Höhle hat mich gerettet. Ich hielt mich an irgend etwas fest -- wie, weiß ich nicht. Es brach die Wucht meines Falles, und ich brachte es fertig, hineinzukriechen. Aber mein Leben hing an einem Haar -- so nahe habe ich dem Tode noch niemals ins Auge geschaut, obwohl er mir mehrmals nahe genug gewesen ist. -- Wollen Sie mir etwas Kognak geben? Ich war einfältig genug, ohnmächtig zu werden, und kam erst vor etwa einer Stunde wieder ordentlich zu mir.«

Sherriff, dessen Hände so zitterten, daß er die Flasche kaum halten konnte, holte schnell den Kognak herbei. Leath leerte das Glas mit einem Zuge, und die gesunde Farbe, die er von Natur hatte, kehrte allmählich in sein Antlitz zurück.

»Das tut gut,« sagte er. »Ich muß gestehen, daß ich mich sehr schwach fühle. Daran ist wohl der Schlag auf den Kopf schuld.«

»Ja, wie ist das zugegangen?« fragte der Alte.

»Schlugst du beim Ausgleiten mit dem Kopfe auf?«

»Nein, ich bin nicht ausgeglitten,« antwortete Leath finster.

»Nicht?«

»Nein, ich wurde hinuntergestoßen.«

»Hinuntergestoßen?« antwortete Sherriff voll Entsetzen.

»Ja; ich war hart am Rande der Klippe und wurde gepackt und festgehalten, ehe ich wußte, woran ich war; ich konnte mich nicht zur Wehr setzen. Der Schlag wurde zuerst nach mir geführt -- ich weiß nicht, womit, und dann, ehe ich mich davon erholen kannte, wurde ich, wie gesagt, hinabgestürzt.«

»Aber, gütiger Himmel, Leath, das war Mord!« rief Sherriff entsetzt.

»Es sollte auch ein Mord sein,« wiederholte er. »Der Mensch, der mich von der Klippe hinabstieß, wollte mich aus der Welt schaffen, so gewiß, wie wir beide einander gegenübersitzen. Es war vielleicht kein überlegter Mordanschlag, das behaupte ich nicht -- das glaube ich kaum. Er mag mir absichtlich gefolgt sein oder auch nicht. Ich kann es nicht sagen, und es kommt auch nicht sonderlich darauf an. Aber er beabsichtigte, mich zu töten, und glaubte ohne Zweifel, daß er es getan. Und wenn es ihm gelungen, wenn ich tot auf dem Felsen gefunden worden wäre, was würde es anders gewesen sein als ein Unfall, ein Ausgleiten im Dunkeln?« Er lachte wieder bitter auf. »Er würde sicher genug, vollkommen sicher gewesen sein! Wer hätte daran gedacht, Sir Jasper Mortlake mit dem Tode eines Menschen in Verbindung zu bringen, der mit seiner Einwilligung sein Mündel heiraten sollte?«

»Sir Jasper Mortlake?« stieß Sherriff hervor und sprang auf.

»Freilich -- er und kein anderer! Ich habe sein Gesicht gesehen; dazu war es nicht zu dunkel, und hätte ich es auch nicht erkannt, so würde ich es doch gewußt haben. Er hat Grund genug, meinen Tod zu wünschen -- hatte es, wie ich jetzt weiß, seitdem er mich zum ersten Male gesehen und mich haßte wegen der Ähnlichkeit, an die zu glauben er sich fürchtete. Damals konnte ich es mir nicht erklären, seitdem habe ich darüber gelacht, und ebenfalls über meine eigene Dummheit, keinen Verdacht zu schöpfen.«

»Großer Gott! Welchen Verdacht?«

»Das will ich Ihnen erzählen. Vor Ihnen wenigstens kann ich es jetzt nicht länger geheimhalten, und Sie haben ein Recht auf mein Vertrauen, um meiner Mutter willen. Aber denken Sie daran, daß es fürs erste nicht weiter geht, um ihretwillen, obwohl ich gleich jenem Menschen gegenübertreten und ihm seinen Mordversuch vorwerfen will.«

»Um -- um deiner Mutter willen?« fragte Sherriff bestürzt.

»Nein -- um ihret-, um Florences willen. Sie haben sich gewundert, weshalb sie versprochen hat, mein Weib zu werden; Sie haben sich gewundert, weshalb Sir Jasper seine Einwilligung gegeben hat; Sie haben sich noch über manches andere gewundert. Sie wundern sich jetzt, weshalb er versucht hat, mich zu ermorden. Hören Sie mir ein paar Minuten zu, so sollen Sie es erfahren.«

* * * * *

»Ich will Harry entgegengehen, Florence. Er muß sicher bald hier sein -- er versprach, zum Frühstück zu kommen, und es ist ein so wundervoller Morgen nach dem Regen, daß es mich eine Sünde dünkt, im Hause zu hocken. Willst du auch mit, liebes Herz?« fragte Cis.

Sie kam die Treppe herab und knöpfte sich die Handschuhe zu, als sie ihrer Cousine ansichtig wurde, die zwischen den Vorhängen des einen der großen, viereckigen Fenster stand, durch die die innere Halle Licht empfing. Sie war so in Gedanken versunken, während sie hinausblickte, daß sie sich erst, als die andere sie berührte, zusammenschreckend umwandte.

»Du gehst aus, Cis? Harry entgegen? Das ist recht! Du siehst so hübsch aus, Schatz!«

»So?« Cis lächelte. »Blau steht mir immer gut, aber nicht besser als dir. Willst du nicht mitkommen, Florence? Du siehst so blaß aus, und deine Augen sind so trübe. Die Luft würde dir sicher gut tun!«

»Blaß -- so?« Florence fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich habe seit einiger Zeit die dumme Angewohnheit, nicht zu schlafen, das ist wohl schuld daran. Nein, ich glaube, ich gehe nicht mit, Herzchen; ich bin nicht recht aufgelegt dazu!«

»Du mußt krank sein, du warst sonst immer zu allem aufgelegt,« sagte Cis mit zärtlicher Teilnahme. »Du bist auch viel magerer geworden, Liebling; gestern habe ich noch mit Mutter darüber gesprochen. Und du siehst in dem langen, schwarzen Kleide wie eine Nonne aus. Ich wollte, du trügest es nicht.«

»So? Nun, ich sehe neben dir wohl etwas düster aus,« meinte Florence mit schwachem Lächeln. »Mache dir um mich und mein Aussehen keine Sorge, kleine Cis; mir geht es ganz gut. Vielleicht unternehme ich nachher einen Spazierritt. Wo ist Tante Agathe? Im getäfelten Zimmer?«

»Ja. Aber ich würde sie dort nicht aufsuchen, Florence; die Herzogin ist bei ihr.«

»Dann werde ich sicherlich nicht hingehen. Ihre Durchlaucht und ich haben hoffentlich das letzte notwendige Wort miteinander gesprochen. Will sie wirklich heute fort?«

»Ich glaube, -- weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt, sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr gefürchtet!« sagte Cis lachend.

»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.

»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«

Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.