Robert Bontine: Roman

Part 15

Chapter 153,735 wordsPublic domain

Der Ton, in dem er das sagte, machte die Worte zu einer Frage. Es dauerte eine volle Minute, ehe Leath antwortete, und dann sprach er, ohne sich umzuwenden:

»Sie haben recht. Ich glaube, nichts könnte mich bewegen, sie zu heiraten, wenn ich nicht fühlte, daß ich sie glücklich machen könnte.«

21.

Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.

Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert. Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein durch Aufregung veranlaßt worden -- hatte sie in ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung, die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. -- Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.

Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.

»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.

Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen Augen angstvoll zu klopfen begann.

»Ich -- was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von Florences Verlobung?«

»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«

Lady Agathe lächelte matt.

»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«

»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich -- weigert sich, -- anderen Sinnes zu werden!«

»Das habe ich gar nicht anders erwartet, Honoria. Er ist so herrschsüchtig, besteht so sehr auf seinem Willen -- das weißt du doch! Ich machte ihm einmal Vorstellungen, soweit ich konnte,« sagte Lady Agathe in abbittendem Tone, »und er wollte nicht auf mich hören. Er hat sich in der letzten Zeit verändert, oder ich habe es mir eingebildet; er ist wechselnder in seiner Stimmung und schroffer als je. Er --«

»Verändert? Ich habe nie in meinem Leben eine solche Veränderung bei einem Menschen gesehen! Er sieht aus wie sein eigenes Gespenst. Was fehlt ihm eigentlich?«

»Ich kann es dir nicht sagen. Er hat mir nichts mitgeteilt und wollte nicht auf mich hören, als ich ihn vor einiger Zeit bat, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Um auf das zurückzukommen, von dem wir sprachen, so scheint er allerdings zu wollen, -- ich möchte fast sagen, zu wünschen, -- daß Florence Herrn Leath heiratet. Natürlich ist er keine Partie für sie.«

»Partie? Gütiger Himmel, wer ist der Mensch?« rief die Herzogin.

»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Er ist ein Australier, glaube ich. Er kam nach St. Mellions und ließ sich dort vor etwa einem Vierteljahr häuslich nieder, und --«

»Ja, ja, das habe ich alles schon gehört!« fiel ihr die andere ungeduldig ins Wort. »Und Sir Jasper -- was ihm gar nicht ähnlich sieht! -- war wohl unklug genug, einen Narren an ihm zu fressen?«

»Nein, nein -- durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Du irrst dich, Honoria. Sir Jasper mochte Herrn Leath nicht leiden. Ja, er wurde sehr böse mit Roy, weil er die Bekanntschaft fortsetzte. Er schien unerklärlicherweise etwas gegen ihn zu haben.«

»So.«

»Ja, er weigerte sich sogar, ihn wieder bei sich zu sehen,« setzte Lady Agathe hinzu.

»Und jetzt sagst du mir, es sei sein Wunsch, daß Florence ihn heiratet?«

»Er scheint es allerdings zu wünschen.«

Die Herzogin lehnte sich mit einer Gebärde der Verzweiflung in die Sofakissen zurück.

»Vielleicht bist du so gut, Agathe, diese beiden Behauptungen in Einklang zu bringen. Ich gestehe, daß ich nicht dazu imstande bin.«

»In Einklang bringen?« stammelte Lady Agathe.

»Ja!« Die Herzogin beugte sich vor und fuhr fort: »Ich muß dir ganz ehrlich gestehen, Agathe, daß das Ganze mir sehr rätselhaft vorkommt. Dir mag die Sache ja völlig klar sein, aber ich gestehe offen, daß mein armer Verstand das nicht zu fassen vermag.«

Lady Agathe fing an zu weinen.

»Es nützt nichts, daß du so über mich herfällst, Honoria,« sprach sie und drückte ihr Taschentuch an die Augen, »gar nichts. Sprich lieber mit Florence. Ich kann nichts bei der unseligen Sache tun.«

»Ich beabsichtige auch, mit ihr zu reden. Wenn sie nicht ganz verrückt geworden ist, so will ich sie schon zur Vernunft bringen. Bleibe, bitte, hier, Agathe; es ist mir lieber, du hörst, was ich sage. Mit deiner Erlaubnis werde ich sie sofort kommen lassen.«

Die Herzogin zog heftig die Klingel und erteilte ihren Befehl in herrischem Tone.

Sie thronte wieder majestätisch auf dem Sofa, und Lady Agathe trocknete sich noch die Augen, als die Tür aufging und Florence gemächlich eintrat.

Sie sah entzückend aus: sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit einem breiten Kragen und Manschetten aus alten gelblichen Spitzen, und ihr kastanienbraunes Haar war tief im Nacken lose zusammengedreht. Ihre großen, grauen Augen leuchteten, sie hatte frische, schöne Farben, und sie lächelte, als sie mit stolz erhobenem Köpfchen näher trat. Dem verwunderten, entrüsteten Blicke der Herzogin schien sie glücklich, zuversichtlich, belustigt, von schelmischem Trotz beseelt zu sein. Aber ihre Tante wußte, daß ihre Figur schlanker war, als sie vor einem Monat gewesen.

»Durchlaucht haben mich rufen lassen. Wie erhitzt Sie aussehen! Ich glaube, ich würde ein wenig vom Kaminfeuer fortrücken. O, Tante Agathe, was fehlt dir denn, liebes Herz?«

Die spöttische Heiterkeit war auf einmal wie weggewischt aus ihren Zügen, als sie auf Lady Agathe zueilte und zärtlich tröstend, wie schützend, den Arm um sie legte.

Die stattliche Herzogin auf dem Sofa sah noch stattlicher aus. In dem Auftreten des Mädchens lag entschieden unverschämte Herausforderung.

»Es ist kein Wunder, daß deine Tante weint, Florence! Sie tut wohl daran, dünkt mich.«

»Nein -- es ist kein Wunder, weil Sie sie dazu gebracht haben. Trockne dir die Augen, Tantchen; wenn Durchlaucht böse ist, so ist sie es auf mich, nicht auf dich.«

Sie blickte ihre Patin mit kühler Gelassenheit an und fragte: »Ich fürchte, Durchlaucht sind wieder böse?«

»Böse?« wiederholte die empörte Herzogin zornig. Sie hätte ihr Mündel in diesem Augenblick mit der größten Wonne ohrfeigen können.

»Ja -- das sieht man Ihnen an. Es ist nicht das Feuer, das Ihnen diese Röte gibt.«

In derselben nachlässigen Art trat sie hinter einen Stuhl und legte die verschränkten Arme auf die Lehne.

»Es handelt sich natürlich um meine Verlobung. Lassen Sie mich ganz offen und deutlich reden. Nun denn, ich bin mündig und habe Herrn Leath versprochen, ihn zu heiraten. Nichts wird an meinem Entschlusse etwas ändern. Bleiben wir beide am Leben, so werde ich sicher seine Frau. Was auch geschehen möge, ich werde ihm mein Wort nicht brechen, und das weiß er.«

»Gütiger Himmel, Kind! Du mußt verrückt geworden sein! Du willst mir doch nicht sagen, daß du in ihn verliebt bist?«

»Weshalb nicht? Könnte es einen besseren Grund geben, ihn zu heiraten?«

»Du hast ein empfänglicheres Herz, als ich dir zugetraut habe, Florence! Vielleicht hattest du dich auch in Herrn Chichester verliebt?«

»Nein, ich war niemals in Herrn Chichester verliebt.«

»Und du gestehst geradezu, in diesen Menschen verliebt zu sein?«

»Jedenfalls will ich ihn heiraten. Wir wollen es dabei bewenden lassen. Und nennen Sie ihn, bitte, nicht ›diesen Menschen‹. Das ist nicht sehr fein. Ich glaube zwar nicht, daß er je im Leben eine Herzogin gesehen hat, aber ich bin überzeugt davon, daß er Durchlaucht nie ›diese Frau‹ nennen würde.«

»Du weigerst dich also, mit ihm zu brechen?«

»Ja, entschieden! Ich werde ihn heiraten.«

»Nun gut!« Die Herzogin lehnte sich vorwurfsvoll zurück. »Jetzt höre mich an, Florence! Durch die unglaubliche Verrücktheit von Sir Jasper Mortlake -- ich darf kein Blatt vor den Mund nehmen, Agathe, und ich wiederhole: unglaubliche Verrücktheit -- hast du, die du bei deiner gesellschaftlichen Stellung, deiner Schönheit, deinem Vermögen die glänzendste Partie hättest machen können -- die Einwilligung eines der Vormünder zu dieser schmachvollen Heirat erlangt, durch die du dich zugrunde richten wirst. Nun mache dir klar, daß du meine Zustimmung nie erhalten wirst. Was deine Verwandten hier tun werden, kommt für mich nicht in Betracht: ich maße mir nicht an, ihnen Vorschriften machen zu wollen. Wenn sie diesen Menschen als deinen Mann bei sich sehen wollen, so ist es gut. Ich aber habe nichts mehr mit dir zu tun, sobald du seine Frau bist. Und damit basta!«

Ihr blühendes Gesicht war blaß vor Zorn geworden, und Florence wußte, daß nichts sie von diesem Entschlusse abbringen würde.

»Das habe ich gar nicht anders erwartet, und ich beklage mich nicht,« sprach sie ruhig, »aber selbst wenn die ganze Welt sich von mir lossagte, so würde ich doch mein Wort halten und Herrn Leath heiraten. Ich kenne den Preis, den ich zu zahlen habe, und ich bin willens, ihn zu zahlen!« Sie machte einen Schritt auf die Tür zu und fragte in demselben gelassenen Tone: »Haben Durchlaucht mir noch sonst irgend etwas zu sagen, ehe ich gehe?«

»Ja -- noch eins!« Die Herzogin erhob sich wütend. »Die Chance ist wenigstens nicht ausgeschlossen,« sagte sie eisig, »daß dieser Mensch weniger hartköpfig ist, als du zu sein scheinst. Wenn er dich heiratet, so richtet er dich in sozialer Hinsicht zugrunde, und wenn niemand vernünftig genug ist, ihm dies zu sagen, so soll er es von mir hören!«

»Zu welchem Zweck?« fragte Florence ruhig.

»Zweck? Auf die Chance hin, -- die zwar nur gering ist, das gebe ich zu, -- daß er gesunden Menschenverstand und Herz genug besitzt, dich freizugeben.«

»Das wird er niemals tun,« -- sie lächelte matt, -- »nicht wenn Durchlaucht ihm das Zweifache meines Vermögens bieten würde. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat nur einen Grund für den Wunsch, mich heiraten zu wollen -- er liebt mich.«

»Liebt dich? Täte er das, so würde er dich nicht auf diese schändliche Weise hinopfern!« erwiderte die Herzogin heftig. »Ob er dich nun liebt oder nicht, er soll erfahren, was er dir antut, dazu bin ich fest entschlossen. Wann kann ich ihn sprechen?«

Ein Diener trat ein. Nachdem Florence seine Meldung entgegengenommen, blickte sie die Herzogin an und sagte:

»Wenn es Durchlaucht beliebt, Herr Leath ist jetzt hier.«

»Hier? Du meine Güte! Verkehrt der Mensch hier?« Florence lächelte kalt.

»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«

22.

Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer, in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine gegen Florence erwähnt.

Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein -- gewöhnlich zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.

Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.

»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«

Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können, und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn geliebt hätte.

»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein Liebling?«

Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt, wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie erschauerte und -- zu stolz, sich zu wehren -- starr dastand.

»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor. »Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«

»Ich bitte um Entschuldigung!« Mit einem Lachen gab er sie frei. »Ich vergesse mitunter, wie du mich hassest -- und habe freilich nur mir selbst deshalb Vorwürfe zu machen! Du sorgst dafür, daß ich es nicht vergesse. Aber ich bitte nochmals um Verzeihung -- darum handelt es sich jetzt nicht. Es ist irgend etwas vorgefallen, nicht wahr?«

»Vorgefallen kaum.«

Sie schlug wieder ihren gewohnten, nachlässig gleichgültigen Ton gegen ihn an und trat einen Schritt von ihm fort. »Sie kommen zufällig zu sehr gelegener Zeit.«

»Darf ich fragen, weshalb?«

»Es ist gerade nach Ihnen gefragt worden.«

»So? Wenn Sir Jasper mich zu sprechen wünscht --«

»Nicht Sir Jasper. Er ist in Geschäften nach Beverley und wird nicht vor Tische heimkommen. Vielleicht wissen Sie, daß die Herzogin hier ist?«

»Allerdings. Roy hat es mir heute morgen in St. Mellions erzählt. Sie wünscht doch nicht etwa, mich zu sehen?«

»Ja. Sie hat den Wunsch geäußert.«

»Und wünschest du, daß ich zu ihr gehe?«

»Ich halte es für das beste,« sagte sie stockend.

»Dann stehe ich natürlich ganz zu deinen Diensten.«

Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Als Florence auf die aufrecht getragene Gestalt, in das gelassene, sonnengebräunte Antlitz blickte, regte sich, nicht zum erstenmal, ein wunderliches Gefühl in ihr. Er mochte, wie sie geäußert, nie im Leben eine Herzogin gesehen haben, aber er verriet keine Befangenheit oder Unruhe bei der Aussicht, dieser einen gegenüber stehen zu müssen. Sie mochte ihn hassen, mochte sich aufbäumen gegen die Bande, die sie an ihn fesselten, aber es war unmöglich, daß sie sich jemals seiner zu schämen hätte. Sie wäre kein Weib gewesen, hätte sie nicht etwas wie Erleichterung und Stolz bei dem Gedanken empfunden. An seinem Auftreten, seinem Benehmen konnte selbst die Herzogin nichts auszusetzen finden. In dem Bewußtsein lag ein Trost, und ein weicherer Ausdruck trat in ihr Antlitz, als sie durch ein Zeichen ihn an ihre Seite zurückrief.

»Bitte, warten Sie einen Augenblick! Ich will mit Ihnen gehen, aber vorher möchte ich noch etwas sagen.«

Sie berichtete ihm dann kurz, wie empört ihre Patin über ihre Verlobung sei, und setzte hinzu: »Das berührt mich nicht weiter, da sie meinem Herzen nie nahe gestanden hat, aber es ist mir sehr schwer geworden, ihr gegenüber so gleichgültig und so -- zufrieden zu scheinen, wie ich wünschte. Sie ist eine kluge Frau und nicht so leicht zu täuschen wie Tante Agathe, und sie darf mir nicht noch ein zweites Mal zusetzen, solange sie hier ist. Sie darf es um keinen Preis!«

Ihre Stimme bebte: die Unterredung mit der Herzogin hatte sie tiefer erschüttert, als sie selbst wußte. Er legte seine Hand ruhig und fest über die zitternden Finger, die sie auf den Kaminsims gelegt hatte.

»Das soll sie auch nicht. Laß mich hören, was du wünschest, daß ich ihr sagen soll, du weißt, ich tue, was du willst.«

»Ja -- ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Es war das Freundlichste, was sie ihm je gesagt, und es hatte noch dazu den Vorzug, durchaus wahr zu sein.

»Sagen Sie ihr,« fuhr sie fort, »was vollkommen der Wahrheit entspricht, -- daß ich mich weigere, unsere Verlobung rückgängig zu machen oder Sie zu bitten, mich freizugeben. Sie werden sie furchtbar böse machen, aber das tut nichts. Sie wird an Ihren Stolz appellieren, Ihnen sagen, daß ich mich durch eine Heirat mit Ihnen zugrunde richte. Hören Sie nicht auf sie; lassen Sie sich in keine Auseinandersetzungen mit ihr ein. Vielleicht wird sie Sie beleidigen -- machen Sie sich nichts daraus. Denken Sie nur daran, daß es furchtbar schwer für mich ist, und daß ich Sie bitte, es mir zu erleichtern, so viel Sie können.«

Es war das erstemal, daß sie ihn um etwas bat; sie wußte kaum, wie rührend und eindringlich sie sprach, wie flehend ihre großen Augen, die voll Tränen standen, ihn anblickten. Seine Hand umschloß die ihre noch fester.

»Es gibt nur sehr wenige Dinge -- nur ein einziges, glaube ich -- die ich nicht tun würde, bätest du mich darum,« sprach er ruhig, »und dies ist nicht jenes eine. Was könnte ich wohl lieber tun, als darauf bestehen, daß du mein bleibst? Du kannst dich darauf verlassen, ich werde den Ton anschlagen, den du wünschest. Möchtest du noch warten, oder wollen wir gleich gehen, damit es überstanden ist?«

Nach kurzem Zögern legte sie ruhig die Hand auf seinen Arm: das hatte sie aus freien Stücken noch nie getan.

»Danke,« sagte sie einfach. »Ich will jetzt gehen, damit wir es, wie Sie sagen, hinter uns haben.«

Mit so stolz getragenem Haupte wie nur je in ihrem Leben trat sie, noch immer an seinem Arme, vor die Herzogin und stand neben ihm, wie ein Weib an der Seite des Mannes, den sie liebt, stehen sollte -- lächelnd, in unbekümmerter Heiterkeit, voll Zuversicht auf ihn und sich selbst.

Die Unterredung dauerte nicht lange. Die Herzogin hatte schon zwei Niederlagen erlitten, und keiner ihrer beiden siegreichen Gegner war ihr mit kühlerer Gelassenheit gegenübergetreten, als Everard Leath. Auch ohne Florences Bitte würde er das wahrscheinlich getan haben. Die Herzogin war eine viel zu kluge Frau, um nicht zu wissen, daß sie eine Niederlage erlitten und daß ein fernerer Kampf hoffnungslos sei. In den wenigen kurzen Worten, mit denen Leath ihr antwortete, lag eine Entschlossenheit, die durch keinen Angriff ihrerseits zu erschüttern war. Die höhnische Anklage, die sie ihm entgegengeschleudert, hatte nicht einmal eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck hervorgerufen.

»Gräfin Florence weiß, Durchlaucht,« sprach er ruhig, »daß ihr Vermögen mir sehr gleichgültig ist. Wenn ich wünsche, daß sie es behalten möchte, so geschieht es nur, weil ich kein so reicher Mann bin, wie ich es ihretwegen zu sein wünschte. Könnte Durchlaucht ihr es morgen bis auf den kleinsten Bruchteil nehmen, so würde das an unserem gegenseitigen Verhältnis nichts ändern.«

»Nicht das mindeste,« stimmte ihm Florence bei, »ich würde dich doch heiraten, Everard.«

Die trauliche Anrede klang ihr sehr ungewohnt im Ohre, aber sie brachte sie entschlossen über die Lippen -- war es doch nach ihrer Ansicht nur eine letzte, notwendige Heuchelei mehr und keine größere als ihre Hand auf seinem Arm, ihre Stellung an seiner Seite. »Geld hatte nichts mit dem Versprechen, das ich dir gab, zu schaffen -- das weißt du. Ich glaube, Durchlaucht, damit wäre die Sache erledigt.«

Eine zornige Handbewegung der Herzogin war ihre einzige Entlassung. Sie verließen das Zimmer Arm in Arm, wie sie es betreten. Lady Agathe hatte während der ganzen Zeit, das Tuch an die Augen gedrückt, bitterlich weinend dagesessen und kein einziges Wort gesagt.

Erst als sie wieder in dem getäfelten Zimmer waren, zog Florence die Hand zurück. Eine Lampe war in der Zwischenzeit angezündet worden, und sie sah in dem gelben Lichtschein geisterbleich aus. All der mühsam behauptete Trotz war wie weggewischt aus ihren Zügen, jetzt, wo die Augen der Herzogin nicht mehr darauf ruhten. Sie blickte ihn mit müdem, ironischem Lächeln an.

»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke Ihnen, Herr Leath.«

»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.

»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest du, daß ich jetzt gehe?«