Robert Bontine: Roman

Part 13

Chapter 133,888 wordsPublic domain

Auf dem Büfett stand Wein, den er ihr brachte, weil er ihr besser sein würde wie Wasser, wie er sagte. Es lag keine Zärtlichkeit in seiner Hilfeleistung, kaum sorgliche Beflissenheit -- der ganze Mensch schien ebenso versteinert wie sein starres, fahles Antlitz. Als sie den Wein getrunken hatte, nahm er ihr das Glas aus der Hand und hub wieder zu reden an, ruhig und klar, aber nicht freundlich.

»Zweifeln Sie nicht an der Wahrheit! Sie irren sich, wenn Sie das tun. Ich hatte ausreichende Beweise von allem, ehe ich nach England kam. Meine einzige Aufgabe war, den Mann zu finden. Zweifeln Sie daran, daß es mir gelungen?«

»Nein -- daran wage ich nicht zu zweifeln. Aber ich bin wie verwirrt. Das Ganze ist so entsetzlich. Lassen Sie mich nachdenken!«

Er gehorchte, trat an den Tisch zurück und band die Briefe, das Dokument, die Photographie wieder mit dem gelben Band zusammen. Es sah jetzt wieder wie das unschuldige flache Päckchen aus, das Sir Jasper Mortlake zu Asche verbrannt zu haben glaubte. Florence drückte die Hände gegen die Augen. Als er sich wieder zu ihr wandte und sie sie herabsinken ließ, waren ihre Lippen völlig farblos; nur in ihren großen Augen schien noch Leben zu sein, als sie ihn anblickte.

»Was,« hauchte sie in fast unhörbarem Flüstertone, »was wollen Sie tun?«

»Tun?«

Er wiederholte das Wort, als wundere es ihn, daß sie es brauchte.

»Was sollte ich tun, als das eine -- das zu tun ich der Toten feierlich gelobt habe -- die Wahrheit verkünden?«

»Nein -- nein -- nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was das heißen würde -- die Schande -- die Schmach -- Verzweiflung! Und sie sind unschuldig -- Tante Agathe und ihre Kinder -- sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde Cis das Herz brechen -- meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschwöre Sie!«

Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.

»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse -- das zugrunde gerichtete Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß die Wahrheit sagen.«

»O, Sie müssen es nicht -- Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände. »O, bedenken Sie sich -- warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen -- es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen. Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«

Sie blickte ihn flehend an.

»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken Sie, um was ich flehe -- um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«

Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.

»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es -- Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein Schweigen zu erkaufen.«

Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein Erbarmen haben -- er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont worden war -- schonen, wo Recht und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Gebärde der Verzweiflung.

»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein -- ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, -- ich würde fast mein Leben dafür geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«

Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger zu vergessen, wer sie war -- das Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.

»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«

19.

»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«

So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig sein wollte? Er hub wieder an:

»Es gibt einen Preis -- alle Menschen sind zu erkaufen, wie man sagt, und das mag wahr sein. Jedenfalls verhält es sich mit mir so. Sie vergaßen, daß Geld an sich nichts ist -- für Ihr Vermögen, wäre es auch zwanzigmal so groß, würde ich das, was Sie von mir heischen, nicht hergeben. Nichtsdestoweniger können Sie mein Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen!«

»Wenn ich will? Sie wissen, daß ich will! Habe ich das nicht schon gesagt?«

Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was er meinte, als sie zitternd, mit gespanntem Ausdruck in den Augen aufstand. »Sagte ich nicht, daß ich fast mein Leben dafür hingeben würde, wenn ich sie dadurch retten könnte? Aber welchen Preis außer meinem Gelde habe ich Ihnen zu bieten?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Nein. Was -- was?«

»Sich selbst,« sprach er gelassen.

»Mich selbst?«

Wie ein Hauch kamen ihr die Worte von den Lippen, während sie in ihren Stuhl zurücksank und ihn noch immer völlig verständnislos anstarrte. Aber als er ihr fest in die Augen sah, schoß eine heiße Blutwelle ihr ins Antlitz, und sie errötete bis zu den Haarwurzeln -- sie verstand ihn! Er sah es und schwieg einen Augenblick, um ihr Zeit zu geben, sich zu fassen.

»Um diesen Preis werde ich schweigen,« hub er wieder an. »Ich weiß, es ist der höchste, der mir geboten werden könnte, aber auch der niedrigste, den ich annehmen will. Geben Sie mir jetzt Ihr Wort, daß Sie mein Weib werden wollen, und ich schwöre Ihnen, daß kein Wort über meine Lippen kommen soll.«

Sie sagte nichts und rückte in ihrem Sessel nur noch weiter von ihm fort. Sie sah aus wie ein geängstigtes Kind. Als er diese Bewegung wahrnahm, sprach er mit bitterem Auflachen:

»O, ich weiß, daß Sie sich nichts aus mir machen! Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ich habe Ihnen, der Tochter und Erbin eines Grafen, bis zu diesem Augenblicke niemals als ein Ebenbürtiger gegenübergestanden, Gräfin Florence. Wie sollten Sie sich etwas aus mir machen? Und Sie gehörten einem andern; ich habe nicht einmal wagen dürfen, um Sie zu werben. Aber gestatten Sie mir das jetzt, Florence! Lassen Sie mich Sie lehren, wovon Sie ebensowenig wissen wie ein Kind, -- was eines Mannes Liebe sein kann, und ich schwöre Ihnen, Sie sollen mich noch liebgewinnen. Ich bin nicht wie jener fischblütige Narr, dem Sie den Laufpaß gegeben haben. Ich -- aber ich erschrecke Sie. Ich will ganz ruhig sein. Ich will warten, bis Sie zu mir sprechen können.«

Erstaunt und erschrocken über sein wie umgewandeltes leidenschaftliches Antlitz, seine leuchtenden Augen, seine beredte Sprache war sie, als er sich über sie beugte, noch weiter von ihm zurückgewichen. Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, ehe er weitersprach. Sie hatte ihre Stellung verändert und saß mit fest zusammengepreßten Händen aufrecht da.

»Können Sie mich jetzt anhören?« fragte er ruhig.

»Ja.«

»Was also ist Ihre Antwort -- ja oder nein?«

»Wenn es ›Ja‹ ist, schwören Sie, zu schweigen?«

»Das habe ich schon gesagt. Ich gelobe unverbrüchliches Schweigen.«

»Für jetzt und allezeit?«

»Ja.«

Mit einem Schauder deutete sie auf das auf dem Tische liegende Päckchen.

»Sie wollen Ihre Beweise dort vernichten?«

»Sie selbst sollen sie ins Feuer werfen an dem Tage, an dem Sie mich heiraten.«

»Und ebenso die anderen, die Sie besitzen, wie Sie sagen.«

»Ebenso.«

»Sie wollen niemand erzählen, daß Sie Robert Bontine gefunden haben?«

»Ich will den Namen nicht wieder erwähnen, nicht einmal gegen Sie.«

»Und Sie wollen -- sie hier -- in Frieden -- in ungestörtem Frieden lassen -- und nach Australien zurückkehren?«

»Das haben Sie zu entscheiden -- als meine Frau.«

»Hier oder dort werden Sie nichts sagen?«

»Nichts! Noch einmal -- lautet Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«

»Wenn sie ›Nein‹ lautet, so werden Sie reden?«

»Weshalb nicht? Weshalb sollte ich alles um nichts dahingeben?«

»Allerdings, weshalb? Das Glück und die Ehre der andern sind Ihnen nichts -- ich gestehe, daß ich kein Recht habe, auf Edelmut bei Ihnen zu rechnen,« sprach sie mit bitterem Auflachen und blickte ihn an. »Und wenn ich Sie heirate, so wollen Sie auf alles verzichten -- wollen das der Toten geleistete Gelübde, von dem Sie sprachen, vergessen?« Sie lachte bitter.

»Das will ich. Weshalb nicht? Die Toten sind schließlich tot. Wenn ich irgend jemand durch mein Schweigen ein Unrecht zufüge, so ist es nur mir selbst. Da das der Fall ist, so habe ich das Recht, wenn ich will, die Liebe sowohl der Rache wie der Gerechtigkeit vorgehen zu lassen.«

»Liebe?« wiederholte sie mit unsäglicher Verachtung. »Sie sagen, Sie lieben mich?«

»Sage, ich liebe Sie?« Er tat einen Schritt auf sie zu, bezwang sich dann aber schnell. »Nein,« sagte er gelassen, »ich brauche nicht erst zu sagen, was Sie wissen.«

»Es ist nicht wahr!« widersprach sie mit einer heftigen Bewegung »Ich hatte nie an so etwas gedacht.«

»Nein. Das glaube ich. Wer war ich, daß ich Sie lieben sollte? Aber Sie wissen es jetzt.«

Sie würde es geleugnet haben, hätte sie es vermocht, aber sie begegnete seinen Augen, und die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Ja, es war wahr -- er liebte sie; sein Blick, seine Stimme waren eine Offenbarung. Sie mochte schaudern, mochte sich dagegen auflehnen, aber sie mußte es glauben -- er zwang sie dazu. In all ihrer Aufregung, ihrer Angst, ihrem Zorn mußte sie Talbot Chichesters gedenken, des Mannes, der sie auch geliebt haben sollte, und sie hätte in all ihrem Jammer fast auflachen können. Sie stand auf, stützte sich mit der Hand auf ihren Stuhl und begegnete dem Blick, der sie erbeben machte, dem sie aber nicht ausweichen wollte.

»Machen Sie es sich klar,« sprach sie langsam, »daß ich Sie fast hasse, Herr Leath?«

»Augenblicklich ja, Gräfin Florence -- völlig.«

»Und obwohl Sie das wissen, sind Sie willens, mich zu heiraten?«

»Ich liebe Sie, und ich weiß wenigstens, daß Sie keinen andern lieben. Und möge Ihr Gefühl für mich sein, was es wolle, so ist es nicht Verachtung. Die Sache keines Mannes ist einer Frau gegenüber hoffnungslos, solange das nicht der Fall ist,« antwortete Leath kaltblütig. »Sie stellen mir die Frage, und ich beantworte sie. Angesichts Ihres Hasses, Ihres Grolles, Ihrer Empörung -- nennen Sie es, wie Sie wollen -- bin ich willens. Ich will mich des Wortes bedienen, da Sie es gebraucht haben.«

»Sie haben wenigstens Mut.« Sie blickte ihn wieder voll Verachtung an. »Die meisten Männer würden es sich, glaube ich, zweimal überlegen, ehe sie unter solchen Bedingungen eine Frau nehmen.«

»Nein, Gräfin Florence, nicht, wenn Sie diese Frau wären.«

Sie wandte sich von ihm weg. Nach einigen Augenblicken folgte er ihr an das Fenster, an das sie getreten war.

»Ich will nicht, daß Sie sich übereilen,« sagte er ruhig; »wenn Sie sagen: ›Gib mir bis morgen Zeit‹, so will ich warten. Aber es ist nicht anzunehmen, daß Sie mich dann weniger hassen werden, noch wird der Preis meines Schweigens bis dahin ein geringerer oder höherer geworden sein.«

»Ich weiß, Sie halten mich für brutal, -- ich fürchte, ich bin es auch, -- aber die Umstände entschuldigen mich vielleicht ein wenig. Unfreundliche oder kalte Worte würde ich aus freier Wahl nicht gerade Ihnen gegenüber brauchen. Darüber sollen Sie sich nicht zu beklagen haben, wenn Sie erst meine Frau sind. Ich stelle meine Frage noch einmal -- ist Ihre Antwort ›Ja‹ oder ›Nein‹?«

Er wußte die Antwort, und sie ebenfalls -- es konnte nur eine geben. Sie sagte nichts -- Lippen und Zunge waren ihr wie ausgedorrt -- aber langsam, sehr langsam und scheu hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm sie, umschloß sie mit festem Drucke während eines Augenblickes und ließ sie dann los.

»Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben,« sprach er. »Von dieser Stunde an wird es meine Aufgabe sein, Sie so glücklich zu machen, wie nur ein Weib, das den Mann liebt, der sie wieder liebt, sein kann. Was das Ziel meines Lebens gewesen, ist jetzt vorüber und abgetan -- ich gewinne unendlich, wenn Sie mir dafür gegeben werden.«

Sie gab ihm keine Antwort; sie zitterte heftig; wiederum war sie nahe daran, in hysterisches Weinen auszubrechen. Er rollte den Stuhl heran, auf dem sie sich niederließ.

»Sie sind mit Ihrer Kraft zu Ende,« sagte er, »und das ist kein Wunder! Ich darf Sir Jaspers Papiere nicht umherliegen lassen; ruhen Sie sich aus und erholen Sie sich, während ich sie forträume. Wenn Sie bereit sind, will ich Sie nach Turret Court begleiten. Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe wir auseinandergehen.«

Florence machte keine Einwendungen. Sie setzte sich wieder -- mit dem hilflosen Gefühl, daß ihr nichts anderes übrigblieb -- daß ihr nie wieder etwas anderes übrigbleiben würde, als sich den Umständen zu fügen, da sie einmal eingewilligt, Everard Leaths Weib zu werden. Sie würde bald aus ihrer dumpfen Betäubung erwachen, würde sich zu leidenschaftlicher Empörung aufraffen, aber jetzt hatte sie keine Kraft, gegen das Unvermeidliche zu kämpfen. Sie konnte nicht einmal hoffen, zu sterben, denn wenn sie stürbe, würde dieser schreckliche, unerbittliche Mensch, der sie bei all seiner mitleidlosen Hartherzigkeit unerklärlicherweise so liebte, keinen Grund haben, zu schweigen -- er würde die furchtbare Wahrheit aussprechen, die zu verkünden in seiner Macht stand. Nein, sie mußte ihn lieben und heiraten. So sehr sie ihn auch hassen mochte, sie mußte sein Weib werden.

Sie erhob keinen Widerspruch, als er zu ihr trat und sie fragte, ob sie den Heimweg antreten wolle. Gehorsam stand sie auf und setzte ihren Hut auf. Hatte er doch das Recht, mit ihr zu gehen -- war er nicht ihr zukünftiger Gatte? Die ganze Welt schien aus den Fugen zu sein.

Sie wanderten in fast ungebrochenem Schweigen über die Halde -- sie sprach aus freien Stücken keine einzige Silbe -- und doch war alles, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte, lange ehe sie Turret Court erreichten, gesagt worden. Es hatte nur weniger deutlichen Worte bedurft. Er blieb stehen, als das Haus in Sicht kam, obwohl, wenn er es an ihrer Seite hätte betreten wollen, sie sich in ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung auch darein ergeben haben würde.

»Ich will jetzt umkehren,« meinte er, »es würde Sir Jasper ebensowenig lieb sein, mich in seinem Garten anzutreffen wie in seinem Hause. Aber ich will nur umkehren, wenn Sie dabei bleiben, daß Sie es vorziehen, selbst mit ihm zu reden.«

»Ich ziehe es vor.«

»Sie besitzen solchen Mut, daß ich Ihnen das nicht ausreden will, wenn es Ihr Wunsch ist. Aber Sie haben eine furchtbare Aufregung durchgemacht! Sie wollen doch jetzt nicht mit ihm reden?«

»Ja. Glauben Sie, daß ich das noch länger auf dem Herzen behalten könnte? Ich werde sofort zu ihm gehen.«

»Tun Sie ganz, wie Sie wollen,« sagte er ruhig. »Sie wollen also Sir Jasper, Ihren Vormund, sofort von Ihrem Versprechen, mich zu heiraten, in Kenntnis setzen? Und ich darf wohl morgen zu Ihnen kommen?«

»Weshalb nicht?« Sie lachte fast, während sie ihn ansah. »Sie haben das Recht dazu, Herr Leath.«

»Freilich -- es ist mein Recht. Also will ich Ihnen denn für heute Lebewohl sagen.«

Er nahm ihre Hand. Sie widerstrebte nicht, aber er fühlte, wie sie vor ihm zurückwich, wie er das schon vorhin empfunden; und sein kurzes Auflachen klang ebenso bitter wie das ihre soeben.

»Sie brauchen nicht bange zu sein! Ich will Sie nicht küssen -- noch nicht. Ich glaube nicht, daß mir etwas daran liegen würde, solange Sie solch ein Gesicht machen.« Er nahm auch ihre andere Hand. »Florence, wie lange es wohl dauert, bis Sie mich küssen?«

Sie antwortete nicht; ihre Hände bebten hilflos in den seinen; sie vermochte nicht, ihn anzublicken.

»Nicht lange, glaub’ ich, nicht lange.« Seine Augen hingen voll Leidenschaft an ihrem blassen Antlitz. »Aber ich möchte wissen, wie viele Küsse jener Tor, der es zuließ, daß Sie mit ihm gebrochen haben, mir geraubt hat?«

Ihr Gesicht antwortete ihm. Sie blickte hastig auf, und er las Überraschung, Verachtung, lebhaften Widerspruch in ihren Zügen. Er lachte in ganz anderem Tone.

»Was, keinen einzigen? Dann will ich ihm vergeben, wie man einem Narren vergibt -- mehr ist er nicht wert! Ich habe Sie noch mehr zu ehren als ich glaubte, -- um so besser für Sie und für mich!«

Seine Stimme wurde weicher und klang nicht mehr triumphierend. »Armes Kind,« sprach er sanft, »Sie hassen mich jetzt mehr als je -- nicht wahr? Das tut nichts. Sie sind erschöpft, und ich halte Sie auf. Bis morgen also, leb’ wohl, leb’ wohl!«

Er ließ ihre Hände los. Florence eilte davon; als sie sich bei einer Biegung des Weges umblickte, sah sie ihn noch an derselben Stelle stehen, an der sie ihn verlassen hatte; augenscheinlich wartete er, bis sie außer Sicht sei. Sie eilte jetzt nur um so schneller weiter und hielt sich nicht auf, bis sie das Haus erreicht hatte.

Sie fühlte, daß sie ohne Aufschub, ohne Zögern tun müsse, was ihr oblag, wollte sie nicht zusammenbrechen. Sie nahm im Flur ihren Hut ab und begab sich dann in die Bibliothek. Dort mußte sie, wie sie wußte, Sir Jasper antreffen.

Er war da. Als Florence eintrat, sah sie ihn in seinem gewohnten Stuhl sitzen, ein Buch in der Hand haltend. Er las nicht, sondern brütete mit finster gerunzelter Stirn vor sich hin. Einen Augenblick blieb sie stehen, und es durchfuhr sie der Gedanke, wie sein Gesicht sich wohl verändern würde, wenn sie mit ihm geredet.

Zwischen Vormund und Mündel hatte, seitdem Florence mit Chichester gebrochen, nur eine Zusammenkunft stattgefunden, die nicht sehr angenehm gewesen und in der das junge Mädchen ihn daran erinnert hatte, daß sie mündig sei und daß sie Turret Court auf immer zu verlassen gedenke. Es berührte ihn daher eigentümlich, daß sie ihn aus freien Stücken aufsuchte, und er fragte sie in einem so beißenden Tone, wie er ihn ihr gegenüber noch niemals angeschlagen:

»Wie komme ich zu dieser unverdienten Ehre, Florence?«

»Ich habe dir etwas zu sagen, Onkel Jasper.« Sie war jetzt ganz nahe, und er schrak beim Anblick ihres Gesichtes unwillkürlich zusammen. Als sie sich mit den Händen auf eine Stuhllehne stützte, als bedürfe sie eines Haltes, erhob er sich von seinem Sitze.

»Was gibt’s?« fragte er brüsk. »Weshalb siehst du so aus? Was ist los?«

»Um dir das zu sagen, bin ich hier. Ich war heute nachmittag im Bungalow.«

»Nun? Was führte dich dorthin?«

»Ich wollte Herrn Sherriff vor meiner Abreise von St. Mellions Lebewohl sagen.«

»Ah! Du hast, wie ich weiß, eine törichte Zuneigung für den albernen Alten und er für dich. Ich verstehe. Er hat dir eine Szene gemacht und dich gebeten, mich wegen seiner gestrigen Unverschämtheit um Verzeihung zu bitten. Aber damit soll er mir vom Halse bleiben. Wie man sich bettet, so liegt man. Je eher meine Angelegenheiten in andere Hände übergehen, desto besser.«

»Du irrst dich. Herr Sherriff hat dir keine Abbitte geschickt. Ich habe ihn nicht gesehen.«

»Nein?« Er blickte sie voll Argwohn und Mißtrauen an. »Was hat dich denn so aus der Fassung gebracht?«

»Im Bungalow fand ich Herrn Leath.«

»Leath? Den -- den Menschen?«

Nur zweimal hatte sie sein Antlitz sich so verfinstern sehen wie jetzt -- einmal, als er erklärte, daß Everard Leath niemals wieder Turret Court betreten solle, und dann wieder, als sie ihn gefragt hatte, -- ach, wie unschuldig und arglos! -- ob er je den Namen Robert Bontine gehört hätte. Er stammelte vor Wut.

»Und -- und er? Hat er gewagt, mit dir zu sprechen?«

»Er hat viel mehr getan als mit mir gesprochen, Onkel Jasper.«

Ihre Augen hingen unverwandt an ihm. Sie las in seinem Gesicht das Grauen vor dem, was kam. Er war geisterbleich -- große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn. Er sprach nicht, obgleich er den Mund öffnete und einen dumpfen Kehllaut ausstieß; er stand auf und wartete auf den Schlag. Sie blickte ihn an und versetzte ihm den gefürchteten Streich.

»Er hat Robert Bontine gefunden.«

Er fiel in seinen Stuhl zurück. Mit verglasten Augen starrte er sie an -- sprachlos. Hätte noch die leiseste Hoffnung in ihrer Brust gelebt, so würde sie vor diesem schrecklichen Antlitz erloschen sein. War er imstande, ihr zuzuhören -- sie zu verstehen? Während sie das erwog, hob er die Hand, bewegte sie hilflos hin und her und stammelte keuchend:

»Weiter!«

»Er hat Robert Bontine gefunden!« wiederholte sie. »Ich bin hier, um dir das zu sagen. In meinem Herzen war kein Zweifel, wer jener Mann sei, als ich zu dir kam, und jetzt erst recht nicht. Ich habe die Beweise gesehen -- Beweise, die du vernichtet glaubtest -- Beweise, die ein kleines, mit einem gelben Bande zusammengebundenes Paket enthielt. Verstehst du mich?«

Er machte ein Zeichen der Bejahung. Sie fuhr fort:

»Andere Beweise existieren, wie er mir sagte, in Australien. Ich zweifle nicht daran, daß er die Wahrheit redet. Er hat den Zweck erreicht, der ihn nach England geführt, hat den Gesuchten gefunden -- und wir beide wissen, was er tun könnte, wenn er wollte.«

»Wenn er wollte?«

Wie er vorhin das ›Weiter!‹ keuchend hervorgestoßen hatte, so stieß er auch diese drei Worte mühsam heraus. Florence wiederholte sie.

»Wenn er wollte. Aber er will nicht. Es gab nur einen Preis, der sein Schweigen erkaufen konnte, und es traf sich zufällig, daß ich ihm diesen Preis bieten konnte. Er liebt mich, wie es scheint. Ich habe versprochen, ihn zu heiraten.«

Er fuhr aus seinem Stuhle empor, dessen Armlehnen er krampfhaft umklammerte, während er sie ungläubig anstarrte. Sie sprach in demselben ruhigen, entschlossenen Tone weiter: