Part 12
»Nicht gleich. Ich bleibe vielleicht noch acht oder vierzehn Tage. Ich habe Herrn Sherriff versprochen, während meines Hierbleibens im Bungalow zu wohnen.«
»Und wenn Sie fortgehen, gehen Sie auf immer?«
»Vermutlich, aber das kann ich noch nicht sagen. Soweit ich es jetzt überblicken kann, ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ich wiederkommen werde.«
Er blickte von ihr fort. Es wurde ihm schwer, ihren Augen zu begegnen, in dem Gefühl, daß seine eigenen möglicherweise das Geheimnis verraten könnten, das er ihr niemals enthüllen durfte. Der bloße Gedanke, daß sie frei sei, hatte ihm das Blut ungestüm durch die Adern getrieben, obgleich er sich deshalb einen Toren gescholten. Denn was konnte es ihm ausmachen, daß Talbot Chichester sich als der große Esel, für den er ihn gehalten, erwiesen hatte?
»Und Sie werden nicht wiederkommen?« sagte Florence.
Sie blickte ihn ungewiß an. »Ich möchte wohl wissen, Herr Leath, ob ich eine Frage an Sie richten darf?«
»Gewiß dürfen Sie jede Frage an mich stellen. Aber die eine, die Sie tun wollen, brauchen Sie nicht zu stellen, ich kann sie ungefragt beantworten. Gehe ich, weil es mir nicht gelungen, das zu tun, was ich hier tun wollte? Das ist die Frage -- nicht wahr?«
»Ja.«
»Und die Antwort lautet: ›Ja, ich gehe, weil es mir gänzlich mißlungen ist‹.«
»Es ist Ihnen nicht geglückt, den Menschen, von dem Sie sprachen, -- Robert Bontine, -- aufzufinden?«
»Nein -- ich habe nicht die leiseste Spur von ihm gefunden.«
»Und Sie gehen, weil Sie die Nachforschungen aufgeben?«
»Nein -- ich gehe, um anderswo meine Nachforschungen fortzusetzen, das ist alles.«
»Es ist seltsam!« Florence zog die Brauen zusammen. »Sie waren so sicher, daß er hier sei -- so fest überzeugt davon! Sie haben mir nie gesagt, ob Sie ihn erkennen würden, wenn Sie ihm begegnen sollten.«
»Ihn erkennen? Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen!«
»Nein?« Ihr Gesicht verriet grenzenlose Überraschung. »Was ist er Ihnen denn, Herr Leath?«
»Das, verzeihen Sie, ist mein Geheimnis, Gräfin.«
»Es wird nicht weniger Ihr Geheimnis sein, wenn Sie es mir sagen. Ich habe kein Recht, Sie darnach zu fragen, das weiß ich wohl -- ich weiß kaum, weshalb ich es tue. Mich geht es nichts an.« Sie blickte ihn an. »Nein, sagen Sie es mir nicht, -- Sie haben völlig recht, es mir abzuschlagen und Ihr Schweigen zu bewahren. Ich bitte Sie um Entschuldigung. Ich frage Sie nicht.«
Jedem anderen Fragesteller gegenüber würde er stumm geblieben sein; ihr gegenüber blieb er es nicht. Er sagte es ihr mit zwei Worten. Florence fragte nicht weiter. Sein Aussehen verbot das. Schweigend reichte sie ihm zum Abschied die Hand; schweigend hob er sie auf ihr Pferd, und noch immer schweigend und verwundert ritt sie davon und ließ ihn allein.
17.
»Hoffentlich ist mein Besuch Ihnen genehm, Herr Sherriff, obgleich Sie nach Ihrem gestrigen Anfall wohl eigentlich kaum wohl genug sein werden, um auf zu sein,« sagte Everard Leath freundlich.
Er war infolge eines am gestrigen Tage gegebenen Versprechens nach dem Bungalow herübergeritten und hatte sich sogleich in das trauliche Wohnzimmer des Hausherrn begeben, dessen bis auf den Boden hinabreichende Fenster auf die von Schlingpflanzen umrankte Veranda und den sonnigen Garten dahinter hinausführten. Der alte Herr, der in seinem großen Stuhle saß, hatte seinen Freund mit einem Lächeln willkommen geheißen, war aber nicht aufgestanden und ihm entgegengegangen. Seine Augen blickten trübe, sein schönes altes Gesicht war eingefallen und blaß, die Hand, die sich dem jungen Manne entgegenstreckte, war kalt und zitterte. Solche Symptome stellten sich immer nach den Ohnmachtsanfällen ein, an denen er hin und wieder litt, und der Anfall am gestrigen Tage war ungewöhnlich schwer gewesen. Er selbst machte nicht viel Aufhebens von diesen Anwandlungen -- die Tatsache, daß er an einer Herzschwäche litt, die auch wahrscheinlich einst die Ursache seines Todes sein würde, beunruhigte ihn nicht; denn er wußte es seit vierzig Jahren.
»Es ist schön, daß Sie kommen, mein alter Junge. Ich habe Sie erwartet,« antwortete er mit zitternder Stimme, während er wieder in seinen Sessel sank. »Ich bin noch nicht ganz wieder der alte. Die gestrige Erschütterung --«
»Greift es Sie auch nicht zu sehr an, davon zu reden?« warf Leath dazwischen.
»Nein, nein! Es läßt mir keine Ruhe! Seitdem ich gestern wieder zu mir kam, habe ich mich gefragt: ›Ist es wahr? Kann es wirklich wahr sein?‹ Setzen Sie sich, lassen Sie sich ansehen, Everard! Wie geht es zu, daß ich in Ihrem Antlitz nie jenes andere Antlitz, dessen ich mich so gut erinnere, gesehen habe? Sie sind Marys Sohn -- meiner Mary Sohn!«
Eine wehmütige Zärtlichkeit klang aus seiner Stimme, während seine Augen erregt in den ernsten, gefaßten Zügen des Jüngeren forschten, die, so ernst sie auch waren, doch eine gewisse Weichheit des Ausdrucks zeigten, die ihnen sonst fremd war. Ihn rührte die tiefe Bewegung seines Gefährten, rührte die Treue, die noch nach mehr als dreißig Jahren der einst Geliebten ein solches Gedenken bewahrte. Er drückte die Hand, die die seine umschloß.
»Sehen Sie keine Ähnlichkeit?«
»Ich glaube doch. In der Bildung der Stirn und dem Ausdruck des Mundes liegt etwas, das mich an Mary erinnert. Aber es liegt mehr Härte darin als je bei ihr. Indessen, Sie sind ein Mann -- Sie haben ein schweres Leben hinter sich -- das vergesse ich. Mary war ein junges Ding, als sie von mir ging -- so rosig und weichherzig wie ein Kind. Zu denken, daß ich die Hand ihres Kindes halte! Ich kann mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Everard, haben Sie mir je in einem unserer Gespräche erzählt, daß Sie Ihre Mutter verloren hätten -- daß Mary tot ist?«
»Ja, das habe ich Ihnen erzählt. Sie ist vor acht Jahren gestorben.«
»Vor acht Jahren! Und ich sitze hier und erfahre es erst heute! Und wie hat sie Sie zurückgelassen? Allein?«
»Ganz allein.«
»Sie haben keine Geschwister gehabt?«
»Nein.«
Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung geführt hatte.
»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild sofort erkannten.«
»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt. Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben Frau gehören könnten.«
»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er dann sanft.
»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«
»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich Ihnen davon erzähle -- weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen die Treue gebrochen -- so teuer sie mir war, so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie schwer dafür gebüßt hat.«
»Ich habe es gefürchtet -- gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst an ihrem Kummer und Leid schuld sei -- daß sie mit offenen Augen als Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein. Leath starrte noch immer finster zum Fenster hinaus. Sherriff blickte ihn mit merkwürdig zweifelndem Ausdruck zögernd an. Es war, als ob der eine die Worte erwarte, die auszusprechen der andere eine ängstliche Scheu empfand.
»Everard --,« es war eine Kleinigkeit, aber es rührte den jungen Mann tief, als er bemerkte, daß ihn Sherriff jetzt bei seinem Vornamen nannte, -- »Everard, ich darf noch eine Frage an Sie richten?«
»Das wissen Sie, Herr Sherriff.«
»Was -- was haben Sie mir über Ihren Vater zu sagen?«
»Was soll’s mit ihm?« Er sprach, ohne sich umzuwenden, aber sein Ton war schroff und scharf, und seine kraftvolle Hand ballte sich.
»Er ist tot, vermute ich. Nicht wahr?«
»Ich habe ihn nie mit Augen gesehen.«
»Ihre Mutter verlor ihn so früh schon? Ehe Sie geboren wurden?«
»Allerdings -- ehe ich geboren wurde.«
»Und er ließ sie arm zurück?«
»Er ließ sie am Bettelstabe.«
»Er war also arm?«
»Ich weiß nicht, was er war. Ich weiß nichts -- nichts!«
»Tragen Sie seinen Namen?«
»Seinen Namen? Nein, ich wurde nach dem Bruder meiner Mutter genannt, der als Kind gestorben ist. Das hat sie mir erzählt.«
Sein Ton hätte nicht bitterer sein können. Herr Sherriff stand auf und nahm das Bild vom Tische.
»Nun, wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache reden,« sprach er ruhig, »es geht uns beiden zu nahe. Ein anderes Mal werde ich Sie bitten, mir mehr aus Ihrem Leben, mehr von Ihrer Mutter zu erzählen, aber jetzt nicht.«
Er öffnete das alte, messingbeschlagene Pult, legte das Bild hinein und verschloß es sorgfältig.
»Haben Sie Zeit, mir, wie Sie versprochen, beim Ordnen der Mortlakeschen Papiere zu helfen?«
Leath, der sich gewaltsam seinem Brüten entriß, erklärte sich bereit, suchte aber, allerdings vergeblich, den Alten zu überreden, seines Befindens wegen die Arbeit auf morgen zu verschieben.
Nachdem sie einen Kasten mit Briefen geordnet hatten, sagte Sherriff:
»Die wichtigen Schriftstücke und Pachtverträge sind in dem feuerfesten Schrank dort am Kamin. Es sind zwei Kasten, die beide in weißen Buchstaben die Aufschrift ›Mortlake‹ tragen.«
Leath schloß den Schrank auf, sah die beiden Kasten und stellte sie auf den Tisch.
Sherriff bat ihn, den größeren zuerst aufzuschließen, und meinte, mit dem anderen brauchten sie sich kaum zu befassen, da er hauptsächlich Papiere, die noch aus der Zeit des alten Barons, Sir Roberts, stammten, enthielten, und setzte hinzu:
»Ich glaube, er ist mir lediglich aus Versehen von meinem Vorgänger geschickt worden. Jedenfalls hat Sir Jasper nicht darum gewußt, denn der Kasten enthielt ein Paket Privatbriefe, die ich nicht sehen sollte. Mein Vorgänger hatte ein Zimmer in Turret Court, in dem er arbeitete, in dem damals all diese Bücher und Schriften aufbewahrt wurden, und er erzählte mir, daß Sir Jasper, der das Päckchen unter seinen Privatpapieren vermißt haben mochte, und dem dann eingefallen, wo es war, ungehalten gewesen sei, daß er den kleineren Kasten mit hierhergeschickt hätte. Er muß sich dann gleich auf den Weg gemacht haben, das Vermißte wiederzuerlangen, denn als ich am Morgen, nachdem ich die Bücher und Kasten erhalten, hier am Tische saß wie jetzt und anfing, sie durchzusehen, ritt Sir Jasper draußen vor. Es war ein bitterkalter Tag, aber er war in so rasender Eile von Turret Court herübergejagt, daß sein Pferd mit Schaum bedeckt war und sein Gesicht -- selbst gestern sah er nicht so aus, wie damals. Er stürzte wie ein Wahnsinniger zu mir herein und fragte, ob ich den kleinen Kasten geöffnet hätte. Ich sagte nichts, denn sein brüskes und heftiges Benehmen verletzte mich, sondern deutete auf den noch unberührt auf dem Tische stehenden Kasten und gab ihm den Schlüssel. Er schloß ihn auf, leerte ihn mit bebenden Händen, nahm ein Paket heraus, schleuderte es ins Kaminfeuer und war ebenso schnell wieder fort, wie er gekommen, und ließ die übrigen Schriftstücke auf dem Tische und Fußboden verstreut liegen.«
»Allerdings wunderlich,« bemerkte Leath. »Darf ich fragen, wie das Paket aussah?«
»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf den kleineren.
»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht viel anzufangen.
Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den Briefen.
Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence draußen vor dem offenen Fenster stehen.
18.
Florence stand in der Veranda des Bungalow, und der goldene Glanz der Nachmittagssonne fiel auf ihre schlanke weiße Gestalt und verklärte sie förmlich. Der breitrandige Strohhut, den sie trug, beschattete ihr Gesicht, aber ließ doch erkennen, daß sie fast ebenso bleich war wie am gestrigen Tage, und daß ein ungewöhnlich entschlossener Ausdruck um ihre Lippen lag. Mit dem schönen Antlitz war eine rätselhafte Veränderung vorgegangen -- es sah älter und strenger aus.
»Ich nannte Sie zweimal bei Namen, Herr Leath, aber Sie haben mich wohl nicht gehört?«
Sie sprach in leichtem, nachlässigem Tone, aber es war dennoch nicht der Ton, den sie vor der Gewitternacht stets ihm gegenüber angeschlagen hatte; und trotz seiner ungeheuren Aufregung war Leath sich dessen bewußt. Er versuchte, sich zu fassen, schob die Papiere hastig zusammen und ging ihr entgegen, denn es schien, als warte sie auf eine Aufforderung, ehe sie eintrat.
»Ich bitte um Entschuldigung, Gräfin -- ich muß gestehen, daß ich Sie nicht gehört habe. Darf ich Sie bitten, näherzutreten? Herr Sherriff ist augenblicklich nicht hier.«
Ihr schien seine halberstickte Stimme, seine Verwirrung und sein starres, blasses Gesicht nicht aufzufallen. Sie trat ruhig durch die Glastür ein und nahm Platz.
»Ich bin ein wenig müde. Meine Cousine ist nach dem Pfarrhause weitergefahren und wird mich hier abholen. Lassen Sie sich nicht stören,« sagte sie, nachdem er ihr erzählt, daß Sherriff gestern einen seiner Ohnmachtsanfälle gehabt und sich auch jetzt wieder niedergelegt habe.
Leath antwortete nicht. Es drehte sich noch alles mit ihm im Kreise -- ihm war, als müsse er ersticken.
Florence schien sein Schweigen nicht zu bemerken. Sie nahm ihren Hut ab und hielt ihn auf dem Schoße. Dabei wurde sie die auf dem Tische verstreuten Papiere, die verschlossenen und offenen Kasten gewahr. Sie wurde rot, wandte sich dann schnell zu ihm und fragte ihn erregt, ob die Szene, die gestern zwischen Sir Jasper und Herrn Sherriff stattgefunden und von der er ja wissen müsse, da sie ihn sonst wohl nicht beim Ordnen dieser Papiere angetroffen haben würde, den Ohnmachtsanfall herbeigeführt habe.
Everard verneinte und sagte, er wisse zufällig, daß das Unwohlsein des Alten durch eine ganz andere Gemütsbewegung verursacht worden sei.
»Eine andere Gemütsbewegung?« fragte sie und wurde plötzlich sehr bleich. »Er hält viel von mir,« fuhr sie mit leicht bebender Stimme fort, »haben Sie ihm etwa erzählt, daß meine Verlobung zurückgegangen ist?«
»Nein -- ich habe nichts davon erwähnt.«
Sein schroffer Ton und seine Wortkargheit schienen ihr endlich aufzufallen; sie blickte ihn betroffen an. Hatte er etwas übelgenommen? Es sah so aus, und des gestrigen Tages gedenkend, wollte sie nicht, daß er sich gekränkt fühlen sollte. War er nicht schließlich freundlicher gewesen als Lady Agathe, ritterlicher als ihr eigener Verlobter? Bei dem Gedanken ballten sich ihre Hände.
»Es lag kein Grund vor, weshalb Sie es nicht hätten erwähnen sollen,« sprach sie ruhig. »Die Umstände sind nicht gewöhnlicher Art.« Sie hielt inne. »Ich bin gekommen, ihm vor meiner Abreise selbst zu sagen, daß ich Herrn Chichester sein Wort zurückgegeben habe.«
»Vor Ihrer Abreise?« wiederholte er.
»Ja.« Mit einem leichten, verächtlichen Lächeln zuckte sie die Achseln. »Es ist für mich jetzt kein sehr angenehmer Aufenthalt in Turret Court, und meine Gegenwart macht die Sache noch unliebsamer für meine Tante und meine Cousine. Ich habe sie beide lieb, aber augenblicklich bin ich böse auf sie, und daher ist es besser, wir trennen uns vorläufig. Erst gehe ich zu Freunden nach London und werde dann wahrscheinlich in acht bis vierzehn Tagen mit der Herzogin von Dunbar in Pontresina zusammentreffen. Wollen Sie das, bitte, Herrn Sherriff mit einem herzlichen Gruße bestellen für den Fall, daß ich vor meiner Abreise ihn nicht mehr sehen sollte?«
Leath murmelte etwas Unverständliches, was sie als eine Bejahung auffaßte.
»Danke. Aber sagen Sie ihm, daß ich morgen wieder vorsprechen würde. Und Sie gehen ja auch fort, Herr Leath. Das vergesse ich ganz und gar.« Sie war aufgestanden und sprach in einem weniger gezwungenen Ton als bisher. »Ich muß Ihnen also auch Lebewohl sagen. Wissen Sie schon, wann Sie reisen?«
»Nein,« -- zum ersten Male seit ihrem Eintritt blickte er ihr voll ins Gesicht, -- »ich gehe nicht aus St. Mellions fort, Gräfin.«
»Nein? Ihre -- Ihre Pläne haben sich also geändert?«
»Ja.«
Er deutete auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war. »Setzen Sie sich wieder! Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«
Es lag geradezu ein Befehl in seinem Tone, und sie war so namenlos überrascht, daß sie unwillkürlich gehorchte. Er blieb vor ihr stehen und preßte die Hand fest auf einen kleinen Stapel Briefe, der vor ihm auf dem Tische lag.
»Gräfin, erinnern Sie sich unseres Gespräches gestern an der Pforte meines Gartens?«
»Natürlich,« antwortete sie bestürzt.
»Ich erzählte Ihnen, daß ich St. Mellions verließe, und weshalb?«
»Ja.«
»Weshalb war das?«
»Weil es Ihnen nicht gelungen, Robert Bontine zu finden.«
»Sie richteten eine Frage an mich, ich beantwortete sie. Erinnern Sie sich der Antwort?«
»Ja.«
Sie wurde immer bleicher, und ihre weitgeöffneten Augen hingen starr an ihm. Sie war sich eines lähmenden Schreckens bewußt, der sich ihrer bemächtigte, als sie seinem Blick begegnete. Aber sie versuchte, sich zusammenzunehmen. »Weshalb stellen Sie mir diese Fragen?« sagte sie.
»Weil ich Robert Bontine gefunden habe.«
Ihre Lippen öffneten sich, aber sie sagte nichts -- sein Blick machte sie verstummen. Er nahm das eine Schriftstück, das einzeln zusammengefaltet in dem zugebundenen Paket gelegen, und reichte es ihr.
»Wollen Sie das lesen?«
Sie tat es, und er nahm es ihr wieder aus der Hand.
»Verstehen Sie es?«
»Ich weiß, was es ist.«
»Aber mehr begreifen Sie nicht?«
»Nein.«
Er suchte unter den Briefen, nahm einen auf und gab ihn ihr.
»Lesen Sie den! Er ist der letzte von vielen und führt eine beredte Sprache.«
Ihre Finger bebten so heftig, daß das dünne Papier knisterte, während sie den Brief las. Er war nicht lang. Sie ließ die Hand schlaff in den Schoß sinken, und er nahm ihn ruhig wieder an sich.
»Sie verstehen, was geschehen war, als jene Zeilen geschrieben wurden, -- welches Unrecht begangen, welche Lüge vorgebracht worden -- nicht wahr?«
»Ja, das verstehe ich.«
Er nahm einen zweiten Brief, einen, der eine männliche Handschrift trug und ganz zerknittert und mitten durchgerissen war.
»Dieser hier,« sagte er langsam und blickte sie dabei an, »wurde, wie ich vermute, -- nein, ich weiß, -- von der Empfängerin dem Schreiber zurückgeschickt. Sie brauchen ihn nicht zu lesen. Der, den Sie gelesen haben, war die Antwort darauf, und Sie können den Inhalt ungefähr erraten. Aber ich möchte, daß Sie ihn ansähen und mir dann sagten, ob Sie begreifen.«
Er hielt ihn ihr hin, aber erst nach einer vollen Minute streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ihn. Anstatt hinzusehen, wandte sie die Augen mit einem Schauder ab.
»Warten Sie einen Augenblick,« bat sie mit schwacher Stimme. »Ich bin ganz verwirrt -- ich ängstige mich! Ehe ich ihn ansehe, ehe ich mich von dem überzeugen lasse, was Sie sich bemühen, mir ohne ein Wort zu beweisen, ich weiß nicht, ob um mich zu schonen oder aus Grausamkeit -- ehe ich das tue, sagen Sie mir, wo Sie diese Briefe gefunden haben.«
Er deutete auf den kleineren Kasten.
»Ich habe sie dort gefunden.«
»Wann?«
»Ein paar Minuten, ehe Sie kamen.«
»Und keiner weiß davon?«
»Außer uns -- keiner. Wollen Sie den Brief ansehen?«
Mit einem abermaligen Erschauern folgte sie seinem Geheiß und las ihn von der ersten Seite bis zur Namensunterschrift auf der dritten langsam durch. Ihre Hand sank wieder kraftlos in ihren Schoß.
»Ich begreife alles, was Sie wollen, daß ich begreifen soll,« hauchte sie fast unhörbar. Ihr Kopf sank zurück. »Mir wird schlecht, glaube ich,« stammelte sie, »wollen Sie mir etwas Wasser bringen?«