Part 11
Wie hoffnungslos sie war, wie hoffnungslos sie unter allen Umständen bleiben mußte, das konnte er, der ihre Fehler sowohl wie ihre Tugenden so gut kannte, wohl ermessen. Er wußte, was nur die wenigen, die sie wirklich verstanden, ahnten, daß der Stolz auf vornehme Geburt, auf Rang und Abstammung nicht stärker entwickelt sein konnte als bei diesem Mädchen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, so hatte sie in ihren Unterhaltungen mit ihm niemals aus ihrer Abneigung gegen Everard Leath ein Hehl gemacht. Und nun mußte er diese unselige Leidenschaft für sie fassen! Matthias Sherriff seufzte, als er sich dessen erinnerte und des Schmerzes gedachte, den ihm vor vielen Jahren die eigene Herzenswunde verursacht hatte. Er war alt, sein Haupt war grau, aber die Wunde konnte noch immer wehtun.
Es war einige Stunden später -- er hatte noch immer nichts getan, als in wehmütiges Grübeln versunken in seinem Stuhle zu sitzen, -- da wurde der Klopfer an der Haustür laut in Bewegung gesetzt.
Ein kurzes Zwiegespräch folgte, das aber zu leise geführt wurde, als daß er hätte hören können, was gesprochen wurde, und dann näherten sich dem Zimmer Schritte. Sherriff erhob sich schnell, denn er wußte sofort, wessen Schritt es war, obwohl es Sir Jasper Mortlake vielleicht kaum zweimal im Jahre einfiel, den Bungalow zu betreten. Was hatte ihn hergeführt? Der alte Mann atmete erregt schneller, als sich die Tür des Zimmers öffnete und der Baron eintrat.
* * * * *
Ungefähr eine halbe Stunde später, als Everard Leath auf dem Heimwege nach Lychet Hut, nach dem Ritte, durch den er seine erregten Nerven hatte beruhigen wollen, an der Gartenpforte des Bungalow vorbeikam, sah er Sir Jasper Mortlake heraustreten und in seinen Wagen steigen, der gewartet hatte. Ein kurzer Blick in des Barons Gesicht genügte, um ihn plötzlich zum Stillstehen zu bringen und seinen Herzschlag zu beschleunigen. Nicht einmal, als sie sich am Morgen in der Bibliothek von Turret Court gegenüberstanden und er drohend die Hand gegen ihn erhoben harte, war sein Antlitz bleicher und wutentstellter gewesen als jetzt. Was war vorgefallen? Was hatte ihn nach dem Bungalow geführt? In seinem jetzigen Gemütszustande war es ihm unmöglich, ohne Antwort auf diese Fragen nach Hause zu reiten. Leath sprang, seinem Impulse folgend, aus dem Sattel und ging ins Haus.
Sherriff stand am Tische; seine gewöhnlich gebückte Gestalt war aufgerichtet, sein von Natur ruhiges altes Gesicht gerötet und zornig. Leath fühlte, daß eine unklare Befürchtung ihm selbst das Blut heiß in die Wangen trieb. Er sagte hastig:
»Ich sah Sir Jasper an der Pforte -- ich konnte ihm ansehen und sehe auch Ihnen an, daß nicht alles ist, wie es sein sollte. Betrifft es sie?« Die Stimme versagte ihm vor dem letzten Worte. »Wenn dem so ist, so ziehen Sie meine Besorgnis in Betracht und sagen Sie es mir!«
»Verrät mein Gesicht denn so viel?« Mit einem halben Lächeln und seinem gewöhnlichen freundlichen Ausdruck setzte der alte Mann sich in seinen Stuhl. »Ich gestehe, ich bin zornig gewesen,« sagte er ruhig, »und das passiert mir nicht oft. Nehmen Sie Platz, Leath, und Sie sollen hören, weshalb, und mittlerweile machen Sie sich keine Sorge. Sir Jaspers Besuch betraf Gräfin Florence nicht in dem Sinne, den Sie meinen. Er hat in der Tat ihren Namen kaum erwähnt. Der Zweck seines Besuches war, über Sie zu sprechen.«
»Über mich?«
»Ja. Wissen Sie irgendeinen Grund für den außerordentlichen Haß, den er augenscheinlich gegen Sie empfindet?«
»Ich weiß, daß er existiert -- das erzählte ich Ihnen heute morgen -- aber mehr auch nicht.«
»Auch nicht, weshalb er Sie aus der Gegend zu entfernen wünscht?«
»Durchaus nicht! Wünscht er das?«
»Freilich! Es wundert Sie, weshalb er hierhergekommen, um über Sie zu reden? Er kam, um zu verlangen, daß ich, sein Verwalter, der abhängig von ihm ist, der zu ihm und seinem Hause in einer Art von Beziehung steht, unserer Freundschaft sofort ein Ende machen -- kurz Ihnen die Tür weisen sollte.«
Leath stieß einen Ausruf zorniger Verwunderung aus.
»Nannte er irgendeinen Grund, Herr Sherriff?«
»Gewiß -- daß Sie ein Mensch wären, von dem niemand hier etwas wisse, daß Sie ihm persönlich unangenehm seien, daß Sie sich heute morgen in Turret Court sehr unverschämt gegen ihn benommen hätten, und schließlich, -- das war das einzige Mal, daß er Gräfin Florence erwähnte, -- daß Sie vielleicht durch Ihr Benehmen gestern abend den Ruf seines Mündels ernstlich kompromittiert hätten.«
»Gütiger Himmel! Das sagte er?«
»Ja. Aus diesen Gründen verlangte er, oder vielmehr befahl er mir, daß ich, in meiner abhängigen Stellung, meine Bekanntschaft mit Ihnen abbrechen sollte.«
»Darf ich fragen, was Sie ihm darauf geantwortet haben?«
»Sehr wenig; aber ich bin nicht länger sein Verwalter.«
»Wie?«
»Ich habe mich geweigert, mir von ihm Vorschriften machen zu lassen oder meinen Freund zu beleidigen. Ich habe meine Verbindung mit Sir Jasper Mortlake gelöst und mit seinen Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen.«
»Das haben Sie für mich getan, Herr Sherriff?« Leath sprang auf. »Dessen bin ich nicht wert, fürchte ich.«
»Darüber kann ich selbst am besten urteilen,« antwortete der andere mit einem Lächeln, »und würde bei ruhiger Überlegung genau ebenso handeln, wie ich in der Erregung getan. Sie brauchen übrigens nicht zu glauben, daß Sie die einzige Ursache gewesen sind für das, was ich tat. Sir Jasper beging einen nur allzu gewöhnlichen Fehler: er vergaß, daß sein Untergebener zugleich ein Gentleman ist. Nun, das Gehalt war nicht so hoch bemessen, als daß ich nicht ohne es leben könnte. Meine Bücher und Abrechnungen sollen, sobald ich sie fertig habe, nach Turret Court geschickt werden. Je eher, desto lieber. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so bleiben Sie vielleicht und helfen mir, sie zusammenzupacken.«
»Sofort. Ich habe gar nichts zu tun. Aber ich habe mein Pferd an der Pforte gelassen und will es erst hereinholen.«
Als Leath, nachdem er sein Pferd versorgt, wiederkam, fand er Sherriff vor einem großen, altmodischen, messingbeschlagenen offenen Pult, das ihm schon seines Umfanges wegen aufgefallen, das er aber bisher nur verschlossen gesehen. Den Kopf hatte der Greis in die eine Hand gestützt; er schien etwas eifrig zu betrachten. Er war so in Gedanken vertieft, daß er erst, als Leath ihn zum zweiten Male anredete, zusammenfuhr und sich verwirrt umblickte.
»Ich störe Sie, Herr Sherriff?« fragte Leath stockend.
»Nein -- nein -- durchaus nicht -- gewiß nicht!« Er blickte den jungen Mann an und dann wieder auf das, was er in der Hand hielt. »Ich tat etwas sehr Törichtes,« sprach er traurig, »ich stöberte in toter Asche, mein lieber Junge! Das ist schon ein trauriges Stück Arbeit, solange wir jung sind, aber es ist noch trauriger, wenn wir alt geworden, denn sie kann nie wieder angefacht werden, und es ist keine Hoffnung, daß an ihrer Statt ein neues Feuer brennen wird. Erinnern Sie sich des Tages, wo ich Ihnen meinen kleinen Herzensroman -- den einzigen Roman, den ich erlebt habe -- erzählte?«
»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« gab Leath zur Antwort.
»Aber ich habe Ihnen, glaube ich, nicht gesagt, daß ich Marys Bild besitze? Es ist gerade angefertigt, ehe sie mich verließ, um ins Ausland zu gehen. Ich habe mich niemals davon getrennt, ebensowenig wie von ihren Briefen, obgleich es Jahre gegeben hat, in denen ich es nicht ertragen konnte, auf das eine oder andere einen Blick zu werfen. Es ist jetzt sehr verblaßt, aber damals war es wunderbar ähnlich -- wunderbar ähnlich! Wollen Sie es ansehen?«
Mit leicht zitternder Hand hielt er dem anderen das Bild hin. Leath nahm es, blickte es an, hielt es näher an das Licht, sah genau hin und stieß dann einen lauten Ruf aus. Sherriff erhob sich hastig.
»Was gibt’s?« fragte er mit bebender Stimme. »Sie -- haben es doch nicht schon gesehen -- wie?«
»Gesehen?« wiederholte Leath. Sein Antlitz war tief erblaßt und verriet grenzenlose Verwunderung. »Dies ist das Bild meiner eigenen Mutter!«
16.
»Das ist alles? Ist das genug? Du kannst doch unmöglich erwarten, daß ich diesen -- diesen äußerst bedauerlichen Vorfall so leicht als abgetan ansehe, Florence?«
»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.
Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden, und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, die Geschichte der letzten Nacht erzählt -- es unter ihrer Würde haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen. Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen, und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache abzufinden, so gut er es vermochte.
Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.
»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch vorüber. -- Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es erfahren mußtest --«
»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort. »Allerdings mußte ich das!«
»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe das Thema satt.«
»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt -- aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses -- dieses unseligen Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«
»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.
»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«
»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein Frühstück.«
»Das heißt also, daß sie alle jedem ihrer elenden Bekannten davon erzählen und ihren gemeinen Kommentar dazu abgeben!« rief Chichester. »Und du verlangst, daß ich von dem Thema abbreche -- sagst, daß du es satt hast! Großer Gott! Wir alle, wie wir da sind, werden es noch satt bekommen, ehe es abgetan ist!«
Er war auf und nieder geschritten und blieb jetzt vor ihr stehen.
»Florence, du scheinst nicht im geringsten zu begreifen, welch unglückselige Sache es ist!«
Sie sagte nichts, sie blickte ihn nur an. In seinem gereizten Zustande nur mit sich selbst beschäftigt, war er unfähig, die grenzenlose Verachtung, die in diesem Blick lag, zu lesen. Hätte er es vermocht, so hätte er sich vielleicht jetzt noch beherrscht. Er fing wieder an, auf und nieder zu gehen.
»Dein Name in aller Leute Mund zusammen mit dem jenes Menschen! Und man weiß, daß du ihn getroffen -- dich mit ihm unterhalten hast! Das macht es noch schlimmer -- das gerade ist das Allerschlimmste. Wenn das nicht wäre, so würde wohl mit dieser Sache selbst, in der ich dir keine Schuld beimesse, fertig zu werden sein. So aber ist es unmöglich. Es ist mir ganz schrecklich! Es ist unerträglich, entsetzlich, daß dein Name -- der Name meiner zukünftigen Frau -- der Name der Herrin meines Hauses -- auch nur durch einen Hauch getrübt werben sollte!«
Er blieb wiederum vor ihr stehen.
»Du mußt es doch begreiflich finden, daß es mir unmöglich ist, so etwas leicht zu nehmen?«
»Ja -- ich finde es begreiflich!« Die Augen unverwandt in die seinen senkend, lächelte sie.
»Es ist allerdings schrecklich, daß der gute Name deiner Zukünftigen angetastet werden sollte. Du tust recht, dich darüber aufzuregen; du hast mein volles Beileid. Denn was würde es dir ausgemacht -- was würde es dir geschadet haben, hätte man nur auf mich -- nur auf Florence Esmond, nur auf ein Weib einen Stein geworfen? Aber es ist deine zukünftige Frau. O, glaube mir, du tust mir aufrichtig leid!«
»Was meinst du?« fragte er und wurde rot. »Ich verstehe dich nicht!«
»Ich meine, was ich sage,« antwortete sie, »und ich wenigstens verstehe dich. O, glaubst du, ich durchschaute dich nicht? Was macht dir Sorge? Daß ich, ein hilfloses Mädchen, vielleicht von all denen, die mich kennen, schändlich verleumdet werde? Nein, nein! Nur, daß ich deine Braut bin, ein Teil deiner selbst, dein Eigentum, und daß deshalb jeder Stein, der auf mich geworfen wird, auch dich trifft! O, ich weiß -- ich weiß! Es ist genug, Herr Chichester -- auf Sie soll auch nicht der leiseste Schatten meiner Schande fallen.« Sie zog in ungestümer Heftigkeit den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihm hin: »Ich bin Ihre Braut nicht länger! Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, und Sie sind frei!«
»Florence!«
Er wurde jetzt bleich und griff nach ihrer Hand und dem Ringe zusammen und hielt beide fest. »Das kann dein Ernst nicht sein? Besinne dich! Wenn unsere Verlobung jetzt gelöst würde --«
»Sie ist gelöst!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Nehmen Sie Ihren Ring zurück, Herr Chichester! Ich werde nie und nimmer Ihre Frau.«
»Aber bedenke doch -- ums Himmels willen!« Er trat vor ihrer ausgestreckten Hand, auf deren Innenfläche der blitzende Ring lag, zurück. »Bedenke, welche Wirkung es haben wird, wenn unsere Verlobung jetzt zurückgeht! Das wird den schlimmsten Vermutungen Raum geben und sie zu bestätigen scheinen.«
»Das muß dann seinen Lauf haben. Ich weiß, daß es so sein wird. Noch einmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
»Du bist fest entschlossen? Du willst dich nicht besinnen? Nicht überlegen --?«
»Es gibt Dinge, bei denen es keiner Überlegung bedarf. Ein- für allemal, Herr Chichester, ich will Sie nicht heiraten. Und zum drittenmal, nehmen Sie Ihren Ring zurück!«
Er antwortete nicht. Er schaute sie an, wie sie in aufrechter Haltung, mit hochgetragenem Haupte und stolz blickenden Augen vor ihm stand. Ihre höhnische Verachtung hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben, aber ihre Schönheit beschleunigte noch seinen Pulsschlag. Nein -- er liebte sie nicht, aber es war schwer, ihren Liebreiz zu verlieren. Er schritt zweimal durch das Zimmer, ehe er wieder vor ihr stehen blieb.
»Florence, ich bitte dich noch einmal, diesen Entschluß in Erwägung zu ziehen! Denke an die Folgen, wenn du jetzt unsere Verlobung löst. Ich meinerseits habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt. -- Gib mir dein Wort, daß du diesen Menschen, diesen Leath, nie wiedersehen, nie wieder eine Silbe mit ihm sprechen willst, und ich --«
»Das tue ich nicht,« unterbrach sie ihn. »Sobald Sie fort sind, werde ich nach Lychet Hut reiten, um Herrn Leath für seine gestrige Fürsorge zu danken. Ich hatte heute morgen keine Gelegenheit, das zu tun.«
»Ist das dein Ernst?«
Sie neigte bejahend den Kopf. Ohne ein Wort weiter nahm er den Ring von ihrer ausgestreckten Hand, verbeugte sich förmlich, drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Drei Minuten darauf sah Florence von ihrem Fenster aus sein Dogcart die Auffahrt hinunter dem großen Eingangstor zurollen und wußte, daß er fort sei, um nicht wiederzukehren. --
Es war ungefähr eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Reitkleid auf der Treppe erschien. Noch immer sehr bleich, aber in aufrechter Haltung, mit weitgeöffneten, glänzenden Augen stieg sie herab und schritt durch die innere Halle auf die Windfangtüre zu, die diese abschloß; aber noch ehe sie sie erreicht, wurde schnell eine andere Tür geöffnet und Lady Agathe, mit verweinten Augen und sehr blaß, -- sie hatte stundenlang fast unaufhörlich geweint trotz Cis’ liebevoller Versuche, sie zu trösten, -- kam heraus und hielt sie auf.
»O, Florence, ich war gerade im Begriff, zu dir hinaufzukommen, liebes Kind. Ich konnte diese schreckliche Unruhe nicht länger ertragen.« Sie hielt inne, denn anscheinend sah sie erst jetzt, daß das junge Mädchen im Reitkleide war. »Aber du willst doch nicht etwa ausgehen?«
»Ja -- aber ich kann ein Weilchen warten. Es tut mir leid, daß du dich geängstigt hast, Tante Agathe. Du hättest mich rufen lassen sollen. Bitte, suche dich zu fassen! Du wirst dich noch krank machen, wenn du dich so aufregst. Weshalb bist du in solcher Unruhe? Was ist denn los?«
»Was los ist? O, liebes Herz, wie kannst du nur so fragen?« schluchzte ihre Tante. »Du bist so kalt und schroff und wunderlich, Florence. Ich verstehe dich ganz und gar nicht.«
»Nicht?« Ein seltsames Lächeln umspielte die Lippen des Mädchens. »Es tut mir leid,« sprach sie ruhig, »ich wollte dich nicht wieder zum Weinen bringen. Deshalb ängstigst du dich so?«
»O, Florence, du mußt doch wissen, in welch schrecklicher Gemütsverfassung ich bin, bis ich höre, was Chichester über diese unselige Sache gesagt hat! Du -- du hast es ihm erzählt?«
»Ja, ich habe es ihm erzählt.«
»Und -- und es ist alles erledigt und abgetan?« fragte Lady Agathe stockend.
»Ja. Es wird nie wieder ein Wort zwischen uns über die Sache verloren werden. Sie ist ganz und gar erledigt. Ist das alles, Tante Agathe?«
»Ja, mein Kind. Ach, mir fällt ein Stein vom Herzen, Florence! Ich fürchtete -- ich weiß wirklich nicht recht, was ich eigentlich fürchtete! Es ist sonderbar, finde ich, daß Herr Chichester fortgefahren ist, ohne mit mir oder deinem Onkel zu reden, aber das tut weiter nichts. Er wird wohl zu Tische kommen, nicht wahr?« Mit einem Seufzer der Erleichterung trocknete sich Lady Agathe die Augen. »Wirklich, liebes Herz, du siehst zu blaß aus, um auszureiten! Fühlst du dich auch wohl genug dazu? Wohin willst du?«
»Ich will nach Lychet Hut. Ich kann nicht gut anders, als Herrn Leath für die Freundlichkeit danken, die er mir gestern erzeigt hat.«
»Florence!«
Ihre Tante schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Dahin willst du! Und allein? Kind, Kind, das darfst du nicht -- wirklich nicht! Das kann ich nicht zugeben!«
»Ich bitte um Entschuldigung, Tante Agathe,« sprach Florence kalt, »du vergißt wohl, daß, obgleich ich in deinem und Onkel Jaspers Hause wohne, ich doch mein eigener Herr bin und immer gewesen bin! Es tut mir leid, etwas zu tun, was dir nicht lieb ist, aber ich reite auf alle Fälle nach Lychet Hut.«
»Ach du meine Güte!« klagte Lady Agathe. »Bitte, mein Liebling, bedenke doch! Was wird Talbot Chichester sagen, wenn du nach Lychet Hut gehst?«
»Nichts --.« Das junge Mädchen schritt auf die Haustür zu, während ein seltsames, bitteres Lächeln ihre Lippen umspielte. »Nichts,« versetzte sie kurz. »Als ich sagte, alles sei abgetan und erledigt, hast du mich mißverstanden, Tante. Mein Gehen und Kommen geht Herrn Chichester nichts weiter an. Unsere Verlobung ist zurückgegangen. Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten.«
* * * * *
Everard Leath, der rauchend in der Tür seines Hauses stand und auf seinen durchweichten Garten hinausschaute, war so in Gedanken vertieft, daß, obgleich er den näherkommenden Hufschlag eines Pferdes vernahm, er doch nicht die Augen nach der Chaussee wandte, um zu sehen, wer der Reiter sei. So kam es, daß Florence auf ihrer Stute in die Pforte eingebogen und dicht bei ihm war, ehe er sie gewahr wurde.
»Gräfin Esmond!«
Sie war zu schnell und behende, um seiner Hilfe zu bedürfen, und war vom Pferde herunter, ehe er sich dessen versah.
»Sind Sie es wirklich?«
»Freilich, Herr Leath, und diesmal von keinem Gewitter hierherverschlagen.«
Sie lächelte und war sehr bleich; als sie ihm die Hand hinhielt, lag auf ihrem Antlitz ein Ausdruck, den er noch nie gesehen. Als er ihre Hand nahm, fühlte er, daß das Schlimmste, was er für sie gefürchtet, eingetreten sei, und er konnte nichts tun, als sie ansehen.
»Mich führte der Wunsch her, Ihnen für Ihre große Freundlichkeit zu danken.«
»Das war ganz unnötig.«
Bestürzt, verwundert wie er war, wußte er kaum, daß er ihre Hand noch immer festhielt, noch bemerkte sie es. »Ich weiß Ihre Güte wohl zu schätzen, Gräfin, aber ich hoffe, Sie wissen, daß alles, was ich für Sie tun konnte, gern geschehen ist.«
»Das sagten Sie gestern abend, und ich glaubte Ihnen, aber ich danke Ihnen nichtsdestoweniger.« Sie entzog ihm ihre Hand und trat ein wenig zurück. »Sie sehen mich sehr sonderbar an, Herr Leath! Weshalb?«
»Ich bitte um Entschuldigung. Ich -- ich wußte das nicht. Sie sind bleich -- Sie sehen ganz anders aus als sonst -- das ist alles.«
»Kaum, glaube ich.« Sie hielt mit einem seltsamen, kalten Lächeln inne. »Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen zu danken,« sprach sie, jedes Wort abwägend. »Ich wollte Ihnen auch Glück wünschen.«
»Mir Glück wünschen?« wiederholte er.
»Ja, zu Ihrem Scharfblick, Ihrem -- wie soll ich es nennen? -- Verständnis für die menschliche Natur.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er, aber er verstand sie nur zu gut und wurde ebenso blaß wie sie.
»Nicht? Dann muß ich Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Ich war gestern abend nicht sehr höflich -- ich nannte Sie albern. Wissen Sie noch?«
»Ja.«
»Aber Sie waren nicht albern. Die Torheit war auf meiner Seite. Sie meinten viel mehr, als Sie sagten, aber Sie hätten recht gehabt, wenn Sie alles, was Sie dachten, ausgesprochen hätten.«
Sie hielt inne. »Meine Verlobung mit Herrn Chichester ist gelöst.«
»Das hat er getan!«
»Nein, das habe ich getan! Sie begreifen alles so gut -- das sehe ich Ihnen an -- daß ich nichts mehr hinzuzusetzen brauche.« Sie hielt wieder inne.
»Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß in meinen Augen auch nicht der leiseste Vorwurf Sie trifft,« sprach sie langsam, als falle es ihr schwer, die richtigen Worte zu wählen, »und um aufs neue zu wiederholen, daß ich Ihnen danke. Sie sind besorgter um mich gewesen, haben mehr Rücksicht auf mich genommen, als ich selbst getan. Ich war es Ihnen schuldig, Herr Leath, daß Sie dies von meinen eigenen Lippen hörten.«
Als sie zu Ende war, hatte sie ihre Fassung fast wieder gewonnen, und das half ihm, die seine wieder zu erlangen. Er begriff vollkommen, daß er kein Wort über Talbot Chichester sagen dürfe -- daß jeglicher Kommentar, jede Frage, jeder Ausdruck der Empörung sie verletzen würde. Aber es war keine leichte Aufgabe, mit der nötigen Gelassenheit und Kürze zu sprechen, wie sehr sie auch gewohnt war, sich zu beherrschen.
»Ich danke Ihnen, Gräfin,« sagte er. »Sie sind edelmütig. Eine der wenigen angenehmen Erinnerungen, die ich beim Fortgehen von hier mitnehme, wird die Erinnerung an diese Worte sein.«
»Sie gehen fort?« rief sie überrascht.
»Ja -- ich werde in ein paar Tagen aus diesem Hause ziehen.«
Er legte keinen Nachdruck auf die Worte, aber sie verstand ihn sehr wohl. Er wollte jetzt nicht in einem Hause bleiben, das Talbot Chichester gehörte.
»Wollen Sie damit sagen, daß Sie St. Mellions verlassen?«