Robert Bontine: Roman

Part 10

Chapter 103,709 wordsPublic domain

War ihm die Bestellung gemacht worden, oder hatte er einfach seine Frau den Mann nicht empfangen lassen wollen, dem gegenüber er es für gut befunden, eine bittere und durch nichts veranlaßte Abneigung zur Schau zu tragen? Beide Fragen legte sich Leath vor, während er sich umwandte. Beide wurden sofort beantwortet. Sir Jasper hatte nichts von seiner Anwesenheit in dem Zimmer gewußt, denn als ihre Augen sich begegneten, trat ein Ausdruck der Wut, des Staunens und -- ja, war es des Schreckens? -- in sein glattes, schönes Antlitz. Sein jähes Erblassen ließ allerdings auf ein Erschrecken schließen.

Er stieß einen heiseren Wutschrei aus und sprang mit erhobener Hand auf den anderen zu, als wolle er ihn niederschlagen.

14.

Everard Leath wich vor des Barons erhobener Hand und seinem wutverzerrten, erstaunten, erblaßten Antlitz nicht zurück. Seine eigene Verwunderung hielt ihn gleichsam im Bann, aber selbst wenn dem nicht so gewesen, würde er keine ausweichende Bewegung gemacht haben. Er hätte es in jedem Falle mit dem schlanken, grauköpfigen älteren Manne in seinem tadellos sitzenden schwarzen Überrock aufnehmen können. Es lag ebensoviel spöttische Belustigung wie kühles Erstaunen in seinem Ausdruck. Sir Jasper hielt inne und ließ die Hand sinken.

»Was -- was wollen Sie?«

Die Worte wurden hervorgestoßen, als seien Zunge und Kehle trocken, aber Leaths Antwort erfolgte umgehend. Seine Belustigung stieg.

»Nichts von Ihnen, Sir Jasper -- nicht einmal an die Luft gesetzt zu werden. Ich komme nicht in eigener Angelegenheit und auch durchaus nicht zu meinem Vergnügen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich nicht nach Ihnen gefragt habe. Ich wünschte Ihre Frau Gemahlin zu sprechen.«

»Meine Frau?« wiederholte der andere langsam. Er sprach noch ebenso heiser und undeutlich, schien sich aber Mühe zu geben, seine Fassung wiederzuerlangen. Ein Stuhl stand neben ihm, und er legte eine Hand auf die Lehne, um sich zu stützen. »Ich -- ich begreife nicht, Herr Leath,« sagte er in seiner gewohnten, hochfahrenden Art, »was Sie meiner Frau zu sagen haben können.«

»Natürlich nicht,« stimmte ihm Leath gelassen bei. »Ich habe Lady Agathe allerdings nichts zu sagen, was mich angeht, sondern bin nur der Überbringer einer Bestellung an sie.«

»Einer Bestellung?«

»Ja, -- einer Bestellung Ihres Mündels.«

»Meines Mündels?«

Das Gesicht des Barons zeigte jetzt Ungläubigkeit anstatt der namenlosen Wut, die es noch eben zur Schau getragen.

»Ist es möglich, daß Sie von der Gräfin Florence Esmond reden, Herr Leath?«

»Ich spreche allerdings von der Gräfin Florence.« Das spöttische Lächeln war jetzt aus Leaths Antlitz verschwunden. Er sprach mit ruhiger Gelassenheit. »Ich habe Lady Agathe oder, in ihrer Abwesenheit, Ihnen, Sir Jasper, zu bestellen, daß sie -- die Gräfin -- unglücklicherweise gestern abend von dem Gewitter überrascht worden ist.«

»Von dem Gewitter? Sie ist in Brentwood Hall geblieben!«

»Nein -- leider nicht. Sie verließ Brentwood Hall kurz vor dem Ausbruch des Gewitters, in dem Glauben, daß sie noch vorher heimgelangen würde. Zum Glück brach es nicht los, bis sie fast Lychet Hut erreicht hatte.«

»Lychet Hut? Sie meinen doch nicht das Haus, in dem Sie wohnen?«

»Freilich meine ich das, Sir Jasper. Ich kenne kein anderes, das so heißt. Und ich preise mich glücklich, daß ich dort war, um der Gräfin ein Obdach anbieten zu können. Ihre Bestellung --«

»Wollen Sie damit sagen, daß sie dort ist -- seit gestern abend dort ist?« fragte Sir Jasper barsch.

»Zweifelsohne. Es war unmöglich, daß sie sich dem Unwetter aussetzte. Selbst wenn ich ihr einen Wagen hätte zur Verfügung stellen können, -- was nicht der Fall ist, -- wäre es nicht ausführbar gewesen. Sie wollte davon nichts hören, daß ich sie allein ließ, sonst würde ich versucht haben, auf irgendeine Weise hierherzugelangen, um Sie von ihrem Aufenthalt in Kenntnis zu setzen. Sie läßt Sie bitten, ihr sofort einen Wagen zu schicken und ihr Pferd durch einen Reitknecht holen zu lassen. Das ist alles, womit ich Sie zu behelligen habe. Guten Morgen!«

Er verließ das Zimmer; der Baron stand noch immer bleich und zornbebend da und umklammerte die Stuhllehne mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht, der weder Erstaunen noch Ärger ausdrückte, sondern etwas viel Schlimmeres.

Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.

»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es ihr heute morgen gut?«

»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte, welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und in der Tat auch für Roy abgab!

»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen soll sie gleich nach dem Frühstück holen -- bis dahin muß sie warten, da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«

»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr zu entschuldigen.«

»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen danken wollen.«

»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art. »Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste -- in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines Abenteuer nicht schaden.«

Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.

»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das -- unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert Mortlake, nicht Robert Bontine war -- nicht gewesen sein kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden -- hat etwas gegen mich -- das ist wahr! -- Aber ist das hinreichend, um ein solches Gebaren zu erklären?«

* * * * *

Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten -- von ersterer mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze -- von dem Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, bekümmert, erschrocken -- die verschiedenartigsten Gefühle stürmten auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.

Gräfin Florence, die beim Frühstück saß, das die verwunderte und noch immer bestürzte Frau Young sorgfältig für sie hergerichtet hatte, hörte Räderrollen auf der durchweichten Landstraße und sah den Wagen vor der kleinen Pforte halten, durch die sie am vorhergehenden Abend auf ihrem erschreckten Pferde geritten. Es war klar, daß sie erwartet, eine dritte Gestalt neben ihrer Tante und Cousine zu sehen, denn ihr Gesicht umwölkte sich auf einen Augenblick.

Die Pforte war zu eng, um den Wagen durchzulassen, und Lady Agathe stieg, auf den Arm des Bedienten gestützt, vorsichtig aus. Cis dagegen bedurfte keiner Hilfe und lief den schlammigen Pfad hinauf, während Florence ihr bis an die Tür des Zimmers entgegeneilte und von der warmherzigen kleinen Cousine mit einer herzlichen Umarmung begrüßt wurde.

»O Florence, was für ein Abenteuer!« rief Cis und drückte sie innig an sich. »Und welch ein Glück, daß Herr Leath hier war! Du hättest in Brentwood bleiben sollen. Wie furchtbar, von dem Unwetter überrascht zu werden! Als ich Herrn Leath meinem Vater davon erzählen hörte, fiel ich fast in Ohnmacht.«

»Das wäre unnötig gewesen, Liebste,« meinte Florence lächelnd und erwiderte den Kuß ihrer Cousine aufs innigste. »Mir hat es nicht geschadet, wie du siehst. Ist Herr Leath nicht mit euch zurückgefahren?«

»Er wollte nicht. Vielleicht ist Vater wieder wunderlich gegen ihn gewesen -- ich glaube es fast. Er erzählte mir, er habe dich heute morgen noch nicht gesehen, und ich meinte, du würdest ihm gewiß gern danken wollen, aber davon nahm er weiter keine Notiz -- du weißt, was er für ein sonderbarer, halsstarriger Mensch ist. Er sagte, er wolle nach dem Bungalow reiten, und bat mich deshalb, ihn zu entschuldigen, was ich hiermit tue, mein Herz! Welch ein kahles, häßliches Zimmer, nicht wahr? Wie in aller Welt kann er hier nur allein hausen? Mich würde es verrückt machen! Dich nicht auch?«

Florence antwortete nicht. Lady Agathe kam langsam den Gartenpfad herauf, und sie hatte einen Blick auf ihr blasses, verstörtes Gesicht geworfen. Mit schnell gerunzelten Brauen wandte sie sich nach ihrer Cousine um.

»Cis, was fehlt Tante? Sie sieht aus, als hätte sie geweint.«

»Ach, ich weiß nicht! Sie hat sich sehr aufgeregt,« meinte Cis inkonsequent.

Lady Agathes Eintritt verhinderte Florence, die plötzlich bleicher geworden, an einer Antwort. Sie ging der Eintretenden mit blitzenden Augen entgegen.

»Es tut mir leid, Tante Agathe, daß du dich zu so ungewöhnlich früher Stunde herausgemacht hast! Es wäre genug gewesen, wenn Cis mich abgeholt hätte, wenn es nötig war, daß überhaupt jemand kam. Nimm diesen Korbstuhl -- er ist sehr bequem; ich habe gestern den ganzen Abend darin gesessen.«

»O, liebes Kind, weshalb bist du nicht in Brentwood geblieben, wie wir natürlich angenommen haben?«

»Weil ich eigensinnig und tollkühn war und geglaubt habe, ich würde vor Ausbruch des Gewitters heimgelangen,« antwortete Florence kurz. Sie stand in aufrechter Haltung da; ihre grauen Augen blitzten. »Ich gebe zu, daß es töricht war, den Versuch zu unternehmen. Ist Onkel Jasper deshalb so schrecklich böse? Er sollte doch meine Unbesonnenheit gewohnt sein!«

»Deshalb natürlich nicht, liebes Kind!« Lady Agathes Kummer war zu groß -- sie begann zu weinen. »Du mußt doch verstehen, wie ich es meine, Florence. Du bist kein Kind mehr, obwohl du so unbesonnen bist. Du mußt wissen, daß dein Hierbleiben, in diesem elenden Hause, bei Herrn Leath -- einem Menschen nebenbei, von dem niemand irgend etwas weiß, besonders, wo dein Onkel ihn so gar nicht leiden kann, -- nicht -- nicht --«

»Passend war!« ergänzte Florence kalt. »Das schien Herr Leath ebenfalls zu finden. Wenigstens sagte er es mir.«

»Er sagte es dir?« wiederholte Lady Agathe entsetzt.

»Ja. Ich war sehr böse darüber, aber er scheint die Sache richtiger aufgefaßt zu haben als ich. Er wollte durchaus in das Unwetter hinaus und mich hier lassen; er wollte nach dem Bungalow. Ich willigte ein, obgleich ich es ebenso albern und überflüssig fand, wie ich es jetzt noch finde. Aber wir entdeckten, daß sein dienstbarer Geist nicht hier sei: das Gewitter hatte ihn in St. Mellions zurückgehalten. Da wollte ich ihn nicht gehen lassen; mir war bange, hier allein zu bleiben.«

»Seine Dienerin -- die Person, die die Haustür aufmachte -- war nicht hier?« rief Lady Agathe.

»Nein. Bis zum Morgen, wo sie wiederkam, war niemand hier -- niemand außer uns beiden,« antwortete Florence. Sie war jetzt sehr blaß; ein Lächeln, das sehr verschieden von ihrem gewöhnlichen Lächeln war, spielte um ihre Lippen. Cis blickte sie fast erschrocken an.

»Ach, großer Gott!« jammerte ihre Mutter mit schwacher Stimme. »Es ist sogar noch schlimmer, als ich geglaubt habe, Florence. O, sieh nicht so böse aus, liebes Herz! Du weißt, ich mache dir keine Vorwürfe -- ich denke nur daran, was die Leute sagen werden. Und in Rippondale wird so viel geklatscht -- das weißt du recht gut! Natürlich ist es nicht deine Schuld, daß du hierher kamst, aber du hättest nicht bleiben sollen -- wirklich nicht.«

Florence verteidigte noch einmal ihre Handlungsweise und die des Herrn Leath. Sie bebte vor Zorn und Ärger und verletztem Stolze. Bei einem Blick auf sie brach Lady Agathe aufs neue in Tränen aus.

»Du mußt doch wissen, daß ich nur deinetwegen so besorgt und bekümmert bin,« rief sie schluchzend aus. »Ach, es ist eine unleidige Geschichte! Ich hoffe nur, daß sie der Herzogin nicht zu Ohren kommt. Und mir ist bange; es wird ganz unmöglich sein, sie vor Chichester geheimzuhalten!«

»Ganz unmöglich! Ich selbst will sie, wenn nötig, Chichester erzählen.«

»Er ist so merkwürdig -- so eigen,« jammerte Lady Agathe, »und unglücklicherweise -- ich muß sagen, es war sehr unrecht und unvorsichtig, mein Kind -- haben dich die Leute mit diesem Herrn Leath auf der Halde sprechen sehen. Chichester erwähnte es erst gestern gegen mich und schien sehr verstimmt darüber, und was er sagen wird, wenn er von dieser --«

Sie brach ab. Florence, die nicht mehr ertragen konnte, wandte sich mit jäh ausbrechender Heftigkeit zu ihr.

»Was kann er zu sagen wagen?« rief sie. »Was kann irgend jemand, sei es Mann oder Weib, über mich zu sagen wagen? Wir haben genug der Worte verloren, Tante Agathe -- mehr als genug -- ich will nicht mehr hören!«

Lady Agathe war zu erschrocken, um weiter zu reden. Sie weinte auf der Rückreise nach Turret Court in ihrer Wagenecke leise vor sich hin, während die kleine Cis ihr gegenüber blaß und bekümmert aussah und Florence, die mit bleichen Wangen und zornigen Augen aufrecht dasaß, kein Wort sprach. --

15.

Als Everard Leath Turret Court verlassen, war er geraden Weges über die Halde nach dem Bungalow geritten. Es führte ihn kein besonderer Grund dorthin; er hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß es besser sei, er kehre nicht in seine Behausung zurück, bis Gräfin Florence sie verlassen und die unglückselige Episode vorüber sei. Obwohl er sich immer wieder sagte, daß er sich der Macht der Umstände hatte fügen müssen, daß die Sache nicht zu vermeiden gewesen, so ertappte er sich doch fortwährend auf dem peinlichen Gedanken, daß Chichester beschränkt, argwöhnisch und ein Narr sei, und sagte sich, daß, wenn er hätte voraussehen können, was geschehen würde, er sich lieber die Hand abgehackt hätte, als auf die Halde zu gehen, wo er wußte, daß er dort Florence Esmond begegnen konnte.

Er bog in den Garten des Bungalow ein, ließ ein Pferd in Joes Obhut und ging auf das Haus zu. Überall waren auch hier die Spuren des Unwetters sichtbar -- die Blumen waren alle verregnet und geknickt, der Kies war aus den sauber gehaltenen Wegen hinweggeschwemmt. Herr Sherriff stand in der Veranda und schüttelte beim Anblick der Verwüstung traurig den Kopf. Aber sein mildes altes Gesicht hellte sich beim Näherkommen des jungen Mannes auf, und er reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Dann fragte er nach einem Blick in die ernsten Züge des anderen:

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Leath?«

»Ich weiß nicht --,« er hielt inne, »vielleicht ist es besser, ich erzähle Ihnen die Sache, obwohl es eigentlich nicht meine Absicht war. Aber ich weiß, daß Sie so viel von ihr halten, und --«

»Von ihr?« fiel ihm der Alte verwundert ins Wort. »Von wem?«

»Von Gräfin Florence.«

»Gräfin Florence?«

»Ja. Das arme Kind hatte keine Schuld, und weiß der Himmel, ich auch nicht. Wenn Sie hereinkommen wollen, so will ich Ihnen alles erzählen. Dabei wird mir vielleicht leichter ums Herz.«

Sie gingen in das trauliche Wohnzimmer, in dem wie gewöhnlich Stapel von Büchern umherlagen, und während der alte Herr sich setzte, stellte sich Leath an das offene Fenster und gab einen kurzen Bericht der Vorfälle des gestrigen Abends. Sherriff strich beim Zuhören sinnend über seinen langen weißen Bart.

»Sie nehmen die Sache zu ernst, Leath,« sagte er sehr entschieden, als der andere zu Ende war. »Wirklich, mein lieber Junge, Ihre Furcht, irgend jemand könnte glauben, daß das arme Kind durch den Vorfall kompromittiert sei, scheint mir, ehrlich gestanden, durchaus übertrieben zu sein. Sie konnten sie doch nicht ins Unwetter hinausjagen, noch in ihrer Angst allein lassen!«

»Sie mögen recht haben,« gab Leath bedrückt zu. »Um ihretwillen hoffe ich es. Aber Chichester ist ein Narr.«

»Ein so großer doch kaum.«

»Ich weiß nicht recht. Er ist sehr empfindlich, stolz, argwöhnisch, voll engherziger Vorurteile. Sie gehört ihm, ist sein Eigentum, und jeder Makel, der auf sie fällt, fällt auf sein eigenes kostbares Selbst. Ich mag mich ja irren, aber ich wiederhole es -- mir ist bange davor.«

»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie glauben, Herr Chichester könne das zum Vorwand nehmen, seine Verlobung zurückgehen zu lassen?« fragte der alte Herr ungläubig.

»Das vielleicht kaum. Für einen solchen Esel halte ich ihn doch nicht. Aber er könnte unklug genug sein, argwöhnische Anspielungen ihr gegenüber zu machen, ihr vielleicht eine Strafpredigt zu halten, und was in dem Falle geschehen würde, können wir uns beide denken. Sie besitzt ein leicht erregbares Temperament und ist namenlos stolz. Sie selbst wird die Verlobung auflösen.«

»Wenn er das tun sollte -- ja, allerdings. Aber das,« fuhr der alte Herr gelassen fort, »würde kaum ein Unglück sein, so wie ich es ansehe, Leath. Ich habe, wie Sie wissen, die Partie nie für eine passende gehalten, oder nie geglaubt, daß sie durch diese Heirat glücklich werden würde.«

»An und für sich kein Unglück -- nein!« Der junge Mann schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Sherriff, welche Wirkung das haben wird -- welche Wirkung auf sie? Der Grund wird ruchbar werden -- das muß er, und obgleich sie ist, wie und was sie ist -- kann es möglicherweise ihren Ruf zugrunde richten!«

Die fassungslose Bestürzung in Sherriffs Antlitz verriet, daß ihm diese Ansicht der Sache ebenso neu wie unwillkommen sei. Im Augenblicke wußte er nichts zu erwidern. Er fuhr mit der mageren Hand über sein weißes Haar und sagte endlich: »Mein lieber Junge, wir tun Chichester vielleicht schweres Unrecht.«

»Ich glaube nicht.« Leath wurde rot. »Zufällig weiß ich, daß ich bei ihm nicht gut angeschrieben bin und daß es meinetwegen schon einen Wortwechsel zwischen dem Brautpaar gegeben hat.«

Sherriff antwortete nicht; sein sorgenvolles Gesicht wurde noch ernster. Leath stieß ein zorniges Lachen aus.

»Und selbst das ist noch nicht alles, denn ich glaube nicht, daß es in ganz St. Mellions einen Menschen -- sei es Mann, Weib oder Kind -- gibt, der nicht weiß, daß Sir Jasper Mortlake aus irgendeinem unbekannten Grunde mich nicht leiden kann. Ich weiß, daß er gelobt hat, ich solle sein Haus nie wieder betreten. Er ist ihr Vormund, und das wird ebenfalls ins Gewicht fallen. Heute morgen, als ich nach Turret Court kam, um ihnen zu sagen, wo sie sei, da --. Aber still davon! Wäre er ein jüngerer Mann, so hätte ich ihn, glaube ich, niedergeschlagen. Selbst so hätte ich es fast getan, wenn ich dies alles für sie nicht vorausgesehen und gefürchtet hätte, die Sache noch schlimmer zu machen.«

Wiederum sagte Sherriff nichts, Leath schritt ruhelos auf und nieder, ehe er wieder anhub:

»Ich weiß eigentlich nicht recht, weshalb ich Sie mit diesem allem behellige, aber es hat mein Gemüt erleichtert, mich auszusprechen. Die Frage ist nun -- was soll ich tun?«

»Tun?« wiederholte der Alte beklommen. »Ich -- ich verstehe Sie nicht recht, Leath. Was sollten Sie tun?«

»Soll ich fortgehen -- diese Gegend verlassen? Ich habe gedacht, das würde vielleicht am besten sein. Was meinen Sie dazu?«

»Ich glaube, das würde ich jetzt noch nicht tun,« antwortete der Gefragte nach einigem Sinnen. »Warten Sie, bis Sie sehen, was Chichester tut. Ihr sofortiges Verschwinden könnte wie Davonlaufen aussehen. Ein paar Tage lang wenigstens würde ich nichts tun und mich ganz ruhig verhalten.«

»Das ist Ihr Rat?«

»Ja, das täte ich an Ihrer Stelle.«

»Dann will ich ihn befolgen. Vielleicht haben Sie recht. Aber sobald ich kann, will ich von hier fort. Je eher, desto besser.«

»Sie wollen Ihre Wohnung aufgeben?«

»Ja. Wenn ich sie nie genommen, würde dies alles nicht geschehen sein. Mein gewöhnliches Glück!«

Es trat eine kurze Pause ein.

»Leath,« hob Sherriff stockend an. »Sie wissen, daß ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten drängen will -- nichts liegt mir ferner. Aber da Sie davon reden, fortzugehen, darf ich mir vielleicht eine Frage erlauben. Sie haben keinen Erfolg gehabt?«

»Nicht den geringsten.«

»Trotz aller Nachforschungen, die Sie, wie ich weiß, in St. Mellions und der Umgegend angestellt haben, ist es Ihnen nicht gelungen, eine Spur von Robert Bontine aufzufinden?«

»Nein!«

»Und Sie sind noch nicht entmutigt?«

»Das will ich nicht sagen; es würde unwahr sein. Aber ich werde die Nachforschungen nie einstellen.«

»Und Sie sind entschlossen, in jedem Falle von hier fortzugehen?«

»Ja. Es war verkehrt, hierherzukommen, und noch mehr, zu bleiben,« antwortete Leath finster und in bitterem Tone. »Je eher ich fortkomme, um so besser ist es für mich.«

Sein Mund war herb geschlossen, die Stirn gerunzelt, ein dunkles Rot stieg in seine gebräunten Wangen. Mit plötzlich verändertem Ausdruck in den eigenen Zügen stand Sherriff auf und legte dem Freunde die Hand auf die Schulter.

»Leath,« sprach er, »ich habe damals doch recht gehabt. Sie ist Ihnen nicht gleichgültig?«

Leath drehte den Kopf, begegnete eine Sekunde dem Blicke des anderen und sah dann fort.

»Ich bin ein Narr!« sagte er.

Das Schweigen, das eintrat, dauerte lange. Leath brach es. Er raffte sich aus seinem Brüten auf und wandte sich vom Fenster ab. Hätte der alte Herr beabsichtigt, auf seine letzten Worte zurückzukommen, so würde sein Ausdruck ihn davon zurückgehalten haben. Seine unglückliche und hoffnungslose Liebe zu Florence Esmond sollte ohne ein weiteres Wort zwischen ihnen begraben sein.

»Ich will jetzt gehen,« sagte er, »Sie haben morgens immer zu tun, wie ich weiß. Vielleicht wird ein scharfer Ritt meine trüben Ahnungen verscheuchen.« --

Herr Sherriff konnte seine Gedanken nicht auf seine Arbeit konzentrieren. So viele Befürchtungen, so viele sorgenvolle Erwägungen waren seit Jahren nicht auf den alten Mann eingestürmt. Florence Esmond hatte seit langem seinem Herzen so nahe gestanden, wie eine Tochter nur hätte stehen können, und er wußte jetzt, daß ihm Everard Leath fast so teuer wie ein Sohn geworden war.

Sonderbarerweise war es eigentlich nicht der Klatsch, der sie bedrohte, an den er dachte, während er so traurig dasaß und rauchte, sondern die aussichtslose Liebe zu ihr, zu der Leath sich bekannt hatte, als er so rauh gesagt: »Ich bin ein Narr!«