Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil
Part 8
Während die Mastodonten überallhin wanderten, die damals noch bestehenden Landbrücken zwischen Afrika und Europa, Indien und den großen Sundainseln, Europa und Amerika benutzend und fast die ganze Erdoberfläche sich unterwerfend, erfolgte in aller Stille die Bildung einer neuen Gattung. Durch Änderung des Klimas und damit der Pflanzenwelt erfolgte, wie es scheint in Indien, eine Änderung im Gebiß. Die Backenzähne, auf saft- und fleischlose harte Nahrung angewiesen, wurden breiter und falteten sich, wobei eine sehr breite Mahlfläche entstand. Es kommen die ersten echten Elefanten, die ebenfalls Wanderungen nach allen Seiten unternahmen und den Zitzenzähnern schwere Konkurrenz machten.
Und was für Gestalten waren das! Der +Urelefant+ (+~Elephas antiquus~+) hatte 5 Meter Rückenhöhe und 5 Meter lange Stoßzähne, übertraf noch Dinotherium und Mastodon an Riesenhaftigkeit und gilt zur Stunde als das größte aller Landsäugetiere. Aber der +Wanderelefant+ (~Elephas nomadicus~) Ost- und Südasiens, der +Elefant des Südens+ (~Elephas meridionalis~) Südeuropas, der +Kaiserelefant+ (~Elephas imperator~) des südlichen Nordamerika, der +Kolumbuselefant+ (+Elephas Columbi+) des mittleren Nordamerika und das +Mammut+ (~Elephas primigenius~) Europas, Asiens und Amerikas standen dem Urelefant nur um ein Geringes nach. Und da die Welt voller Gegensätze ist, so fehlten auch die Zwerge nicht, die durch ein ungünstiges Geschick vom großen Kontinent weggerissen und auf kleine Inseln gewissermaßen interniert wurden, wobei sie verkümmerten. Auf Sizilien und Malta, Kreta und Zypern lebten Elefanten, die nur die Größe eines Kalbes erreichten.
Das berühmteste und bekannteste aller ausgestorbenen Rüsseltiere ist das +Mammut-+ oder +Mammonttier+ (~Elephas primigenius~), dessen riesige Zähne und Knochen zu unzähligen Sagen und zu den seltsamsten gelehrten Disputationen Anlaß gegeben haben. Die Mammutreste wurden bald für Gebeine irgendeines Heiligen, bald für solche von Riesen, bald für „Figurensteine“ gehalten. Heute noch werden solche in manchen Kirchen als Reliquien aufbewahrt, und im Jahre 1789 trugen die Chorherren des heiligen Vinzent zu Valencia in Spanien den Schenkelknochen eines Mammutelefanten bei Prozessionen herum, „um durch diesen vermeintlichen Arm des Heiligen dem ausgedörrten Lande Regen zu erflehen“. Item, wenn’s nur geholfen hat, wie Peter Hebel zu sagen pflegte. Daß die im Jahre 1577 unweit der Stadt Luzern ausgegrabenen Mammutknochen von einem Baseler Professor für „Gebeine der +aufrührerischen gefallenen+ Engel“ erklärt und wie diese dann „sorgfältig gesammelt und anständig begraben wurden“, wollen wir hier nicht unerwähnt lassen. In der Michaeliskirche zu Hall am Kocher findet sich, wie Jäger berichtet, ein riesiger Stoßzahn in eisernen Bändern aufgehängt mit folgender Inschrift:
Tausend sechshundert und fünf Jahr Den dreyzehnten Februar ich gefunden war Bey Neubronn in dem Hallischen Land Am Bühler Fluß zur linken Hand Sammt großen Knochen und lang Gebein, Sag, Lieber, was Arth ich mag seyn.
Das Mammut hat vorzugsweise den Norden bevölkert; am häufigsten muß dasselbe in Sibirien gewesen sein, dort sind nämlich manche Schichten von seinen Knochen ganz erfüllt.
Neumayr sagt darüber:
Es gibt wohl nichts, was dieses Verhältnis besser bezeichnen könnte als der Umstand, daß etwa ein Drittel von allem Elfenbein, welches in den Handel kommt, von den diluvialen Mammuten Sibiriens herrührt; ja, selbst auf den so überaus unzugänglichen neusibirischen Inseln, welche nördlich vom asiatischen Festland unter etwa 75 Grad nördlicher Breite im Eismeer liegen, findet sich das fossile Elfenbein in solcher Menge, daß lange Zeit hindurch die Elfenbeinsammler die gefahrvolle Schlittenfahrt über das gefrorene Meer wagten, um diese Schätze zu heben.
Eine derartige Erscheinung zu erklären, war nicht leicht, und eine Lösung des Rätsels schien lange Zeit unmöglich. Man dachte zunächst an eine gewaltige Überschwemmung -- Sintflut --, welche die Elefanten aus dem südlichen Asien nach Sibirien geschwemmt haben sollte, allein bei nur halbwegs ruhiger Überlegung mußte man die Unmöglichkeit einer solchen Hypothese einsehen. Nun war noch ein zweiter Ausweg möglich: Die gewaltigen Rüsseltiere konnten in Sibirien gelebt haben, dann mußte aber das Klima ein ganz anderes, es mußte bis zum Polarkreis ein gemäßigtes gewesen sein. Das war noch zur Braunkohlenzeit tatsächlich der Fall, aber wir wissen nun auch, daß das Mammut zu einer Zeit in Europa lebte, als dieses großenteils von Eismassen bedeckt war. Wie ist aus diesem Labyrinth von Widersprüchen ein Ausweg möglich? Ein paar glückliche Funde haben die Frage in ziemlich befriedigender Weise gelöst. Aus dem gefrorenen Boden Sibiriens tauen nämlich gelegentlich ganze Mammutleichen heraus, die durch das Eis in so wunderbarer Art konserviert sind, daß das Fleisch von wilden Tieren gefressen werden kann. Bei derartigen Funden stellte es sich nun heraus, daß der Mammutelefant, abweichend von seinen heutigen Vettern in Afrika und Ostindien, mit einem dichten Pelz bekleidet war, der vorn und auf dem Rücken eine lange Mähne bildete, die wahrscheinlich bis auf die Knie herniederhing. Es ist dies eines der schlagendsten Beispiele dafür, daß aus dem Vorkommen einzelner Tiertypen niemals sichere Schlüsse auf das Klima gezogen werden können, denn es ist nie ausgeschlossen, daß Tiere, deren nächste Verwandte heute ausschließlich auf die Tropen beschränkt sind, ehemals in einem gemäßigten oder selbst kalten Klima gelebt haben.
Das erste samt allen Weichteilen erhaltene Mammut wurde im Jahre 1799 im Lena-Eis (Sibirien) entdeckt, allein erst sieben Jahre später vernahm der Naturforscher Adams davon, und als er an Ort und Stelle kam, fand er nur noch das durch die Bänder zusammengehaltene Skelett, einen Teil der Haut, ein Auge, einiges von den Eingeweiden und etwa 30 Pfund Haare, welche die Eisbären in den Boden getreten hatten; alles übrige hatten die Raubtiere gefressen. Die kostbaren Reste gelangten nach Petersburg und sind nun im dortigen Naturalienkabinett aufgestellt. Seitdem sind mehrere eingefrorene, wohlkonservierte Leichname nach vieltausendjähriger Ruhe aufgefunden worden.
Man hat die Frage aufgeworfen, wovon denn die mächtigen Tiere, die eine Länge von 5 Meter bei 3 Meter Höhe erreichten, im kalten Klima gelebt haben. Auch darüber gaben die Funde genaue Antwort: Die Speisereste, die zwischen den Zähnen und im Magen gefunden wurden, bestanden nämlich der Hauptsache nach aus Zweigen von Nadelhölzern, wie sie heute noch in Sibirien vorkommen.
* * * * *
Wir wollen uns jetzt von dem Leser, der uns freundlich gefolgt ist, verabschieden. Die geschilderten wunderbaren Lebewesen muten an wie die Darstellungen aus einem Märchen, und dennoch steht das Geschilderte mit unauslöschlichen Zeichen in den Gesteinsschichten der Erde eingegraben. Das, was wir boten, ist freilich nur ein Ausschnitt aus jener gewaltigen Geschichte der Entwicklung, aber es wird doch das Lesen in der Geschichte der Erde fördern, die zu einem Gemeingut aller werden sollte.
Namen- und Sachregister.
Seite
Abgottschlange 54
Adam und Eva 5
Aëtosaurus 21
Ajax 5
Algonkium 8
Allosaurus 53
Altmastodon 91
Alttier 84
Ameisenigel 68, 69
Anakonda 54
Andrias Scheuchzeri 16
Anthrakosaurus 13
Archäopteryx 59
Archegosaurus 13
Azeratherien 83
Bären 86
Bärlappgewächse 8
Barosaurus 37
Barramundi 15
Bartenwale 72
Basilosaurus 72
Bastardechse 22
Batzensteine 9
Bauhin 28
Belodon 19
Beuteltiere 68, 69
Boll 28
Brontornis 63
Brontosaurus 37
Brontotherium 82
Brontozoum 35
Brückeneidechse 30
Ceratodus 15
Ceratosaurus 53
Cuvier 17, 84
Dachdrache 45
Devonzeit 11
Diluvialzeit 86
Dinichthys 11
Dinornis 64
Dinosaurier 30 ff.
Dinotherium 89
Dinozeras 81
Diplodokus 41
Diprotodon 69
Dizeratops 46
Dolichosoma 13
Donnerdrache 39
Donnertier 82
Donnervogel 63
Doppelatmer 15
Drachen 6, 18 ff.
Dreihorndrache 46
Dschidda 5
Echsenstammvater 13
Edentaten 73
Eichstätt 60
Einhorndrache 46
Eiszeit 86
Elefanten 89 ff.
Entwicklungsreihen 83, 89
Eohippus 84
Eozän 83, 89
Eurypterus 10
Faultiere 73, 74
Fischdrache 25
Fische, fossile 11
Fischvögel 63
Flugdrachen 54
Flugfinger 55
Flugsaurier siehe Flugdrachen.
Geosaurus 53
Geradhorn 10
Gigantosaurier 48
Glyptodon 78
Greifsaurier siehe Urvogel.
Greßlyosaurus 32
Grypotherium 77
Gürtelmaus 78
Gürteltiere 78
Hadrosaurus 36, 64
Haifische 11
Handtier 14
Helvetier 5
Henrien 5
Hesperornis 63
Hippotherium 84
Höhlenbär 86
Höhlenhyäne 88
Höhlenlöwe 89
Huftiere, fossile 79
Ichthyornis 63
Ichthyosaurus 25
Iguana siehe Leguan.
Iguanodon 33
Insekten der Steinkohlenzeit 10
Jochzahn 72
Kaiserelefant 93
Kalamiten 8
Kambrium 8
Känguruh 69
Kloakentiere 68, 69
Kohlendrache 13
Kolumbuselefant 93
Kompsognathus 36
Königsdrache 72
Königsvogel 63
Koprolithen 27
Koryphodon 80
Kraken 6
Kreidevögel 63
Krokodile 18
Lälaps 53
Langhalsdrachen 22
Lanzettfisch 11
Lappenkrebse 10
Leguan 33
Lindwürmer 6, 31
Lithographischer Schiefer 59
Lurchfische 15
Maasechse 53
Machairodus 88
Mahlzahn 77
Mammut 93
Manteltiere 11
Mastodon 91
Mastodonsaurus 14
Mastricht 54
~Mauvaises Terres~ 80
Mazurier 5
Megalonix 77
Megalosaurus 53
Megatherium 75
Mesohippus 84
Midgardschlange 6
Miohippus 84
Moa 66
Möritherium 89
Mosasaurier 53
Mylodon 77
Nashorndrache 53
Nashörner 83
Neckardrache 19
Nikrosaurus siehe Neckardrache.
Nileidechse 54
Nothosaurus 22
Nummulit 9
Ohnhorntiere 83
Öhningen 16
Orohippus 84
Paarhufer 79, 84
Paläotherium 84
Pampasformation 73
Panzerdrache 45
Panzerfische 11
Pareiasaurus 47
Pfeilzahn 19
Pferdestamm 83
Phenakodus 83
Phororhakos 64
Plesiosaurus 23
Pliohippus 84
Pontoppidan 7
Primaten 70
Protohippus 84
Pteranodon 56
Pterodaktylus 55
Pterygotus 10
Reliquien 94
Rhamphorhynchusskelett 59
Rhinozeros 83
Riesen der Sage 5
Riesenfaultier 75
Riesengürteltier 78
Riesenhaie 12
Riesenhirsch 85
Riesenkänguruh 69
Riesenkraken 6, 10
Riesenkrebse 10
Riesenpanzertiere 78
Riesenpolypen 10
Riesensalamander 16
Riesenschlangen 54
Riesenschreckenstier 90
Riesenvögel 63
Riesenwombat 69
Rüsseltiere 89
Salamander 13, 16
Sammeltypen 59, 81, 83
Säuger, fossile 72 ff.
Schachtelhalme 8, 31
Scheuchzeri (Andrias) 16, 17
Schildwurf 78
Schlangendrachen 23
Schnabelschnauze 55
Schnabeltier 68, 69
Schreckdrachen 30
Schreckensfisch 11
Schreckenstier 89
Schreckhörner 81
Schreckvogel 64
Schwäbischer Lindwurm 32
Sintflutmensch 16
Skelidotherium 77
Sklerosaurus 48
Solnhofen 59
Stegosaurier 45
Steinkohlenformation 8
Stierdrache 46
Tange 8
Teleosaurus 21
Tendaguru 48
Theromorphen 47, 68
Teutoboch 5
Tiger 88
Tintenfische 10
Titanotherium 82
Torosaurus 46
Trilobiten 10
Trizeratops 46
Tyrannosaurus 52
Unpaarhufer 79
Ureidechse 13
Urelefant 93
Urfische 11
Urvogel 59
Varane 54
Vogeleidechsen 54
Vögel, fossile 58
Vogelfüßer 35
Vögel und Reptilien 57
Walfische 71
Wanderelefant 93
Wiederkäuer 84
Wolfsaurier 47
Wombat 69
Wyoming 80
Zahnarme 73
Zanklodon 32
Zeuglodon 72
Zimbern 5
Zitzenzahnechse 14
Zitzenzähner 91
Zweihorndrache 46
Zweihufer 84
Zwergelefanten 94
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21. Bändchen der Kleinen Bibliothek.
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Dieses Werk soll die seit längerer Zeit vergriffene =Darwinsche Theorie= von =E. Aveling= ersetzen. Wir hoffen, daß die von einem anerkannten Fachgelehrten verfaßte =Entwicklungstheorie= einem ebenso großen Interesse begegnen wird, wie es seinerzeit bei dem Avelingschen Buch der Fall war.
Der Verfasser schreibt einleitend zu seiner Arbeit unter anderem:
Im vorliegenden Werk ist der Versuch gemacht worden, die Entwicklungsstheorie in einer Art und Weise darzustellen, die von der bisher üblichen stark abweicht. Die Auffassung, die dieser neuen Darstellung zugrunde liegt, ist vom Verfasser in der nur Fachmännern zugänglichen wissenschaftlichen Literatur begründet worden. Die Anforderungen, die an die Vorkenntnisse der Leser gestellt werden, sind sehr bescheiden. Dagegen wird beim Leser der gute Wille vorausgesetzt, etwas zu lernen.
Die populäre Literatur hat die Mission, dem Leser aus den breiten Volksschichten die Arbeitsweise und die Ergebnisse der Wissenschaft in einem seinem Fassungsvermögen angepaßten Stil beizubringen. Aber die populäre Literatur soll und kann nicht zum Schlaraffenland werden, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Wer etwas lernen will, muß den festen Willen haben, sich durch die schwierige Materie durchzuarbeiten. Und gerade das arbeitende Volk weiß es doch am besten, daß alles, was Bestand haben soll, durch Arbeit errungen werden muß. Man strebe also auch nicht nach einem „mühelosen“ Erwerb wissenschaftlicher Anschauungen, sondern suche sich die Grundbegriffe klarzumachen, mit denen die Wissenschaft arbeitet, und die Tatsachen, von denen sie sich zu den weltumspannenden Gedanken erhebt. Dann erst sind die erworbenen Anschauungen aus einer richtigen und festen Grundlage aufgebaut.
Liebknechts
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End of Project Gutenberg's Riesen und Drachen der Vorzeit, by Rudolf Bommeli