Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil

Part 5

Chapter 53,149 wordsPublic domain

Als die gewaltigen Kolosse der Jura- und Kreideperiode -- die stumpfsinnigen Atlantosauren, Brontosauren, Gigantosauren, Zanklodonten, Iguanodonten, Panzerdrachen und hundert andere verwandte Formen -- die damaligen Festländer bewohnten, die eine von den heutigen ganz abweichende Gestalt und Ausdehnung hatten, mußten goldene Zeiten für die Wegelagerer und Freibeuter sein. An solchen fehlte es in der Tat nicht. Der größte unter allen scheint der +Tyrannosaurus+ gewesen zu sein, dessen Skelett vor kurzem in Montana (Nordamerika) aufgefunden und im New Yorker Naturhistorischen Museum aufgestellt worden ist. Er wird als ein 12 Meter langes Biest mit meterlangen Kiefern und 6 bis 18 Zentimeter langen Zähnen geschildert. Er war mit solcher Riesenkraft und so furchtbaren Waffen ausgerüstet, daß er sich wohl an jeden anderen Riesen heranwagen konnte. Seine Landsleute und Zeitgenossen, der +Allosaurus+ und der +Lälaps+, stellten sich ihm würdig an die Seite. Sie konnten zweifelsohne trotz ihrer Größe gewaltige Sprünge ausführen, da Schwanz und Hinterbeine ungeheuer muskulös und die größeren Knochen zudem hohl waren, wodurch das Körpergewicht beträchtlich herabgemindert ward. Der +Nashorndrache+ (+~Ceratosaurus nasicornis~+), beträchtlich kleiner und zierlicher, ist 4 bis 5 Meter lang, hat kurze Vorderbeine mit vier Fingern und große Hinterbeine mit drei Zehen. Auf der Nase trug das Tier ein großes Horn. Der Nashorndrache mag große Ähnlichkeit mit dem Iguanodon besessen haben, war aber schlanker, leichter und flinker als letzteres.

Weit verbreitet war der +Megalosaurus+ (der Große), dessen Reste aus Europa, Afrika, Ostindien, Australien und Südamerika bekannt sind. Er erreichte 8 Meter Länge, sein Oberschenkel 1 Meter, das Schulterblatt 80 Zentimeter. Die 4 Zentimeter langen Zähne sind vorn und hinten zugeschärft und fein gesägt.

Die Maasechsen oder Seeschlangen.

Alljährlich um die Zeit der sauren Gurke pflegt die berühmte Seeschlange aufzutauchen, die irgend ein forscher Kapitän in irgend einem Gewässer gesehen haben will. Sie führt ein sehr kurzfristiges Dasein, nicht in den Fluten des Ozeans, sondern im Blätterwald. Etwas anderes war es mit den Seeschlangen der Kreidezeit; jene machten wirklich die Meere unsicher; aber keines Menschen Auge hat sie geschaut. Schon gewisse Meerkrokodile der Jurazeit sind von so schlankem Bau, daß sie ein schlangenähnliches Aussehen haben, so der schwäbische +Geosaurus+, der die Umformung des Schreitfußes zum Ruder sehr schön erkennen läßt und uns zeigt, wie aus einem Landkrokodil ein Seekrokodil geworden ist. Die +Maasechsen+ oder +Mosasaurier+ zeigen in noch höherem Grade schlangenähnlichen Habitus. Es sind langgestreckte Eidechsen mit Schwimmfüßen und großem Ruderschwanz. Die langen kräftigen Kiefer zeigen ein starkes Raubtiergebiß. Man kennt über fünfzig Arten, die sich auf Europa, Amerika und Australien verteilen. Der Körper war mit Schuppen bedeckt. Ihre Entdeckung fällt in eine sehr bewegte Zeit, nämlich ins Ende des achtzehnten Jahrhunderts.

Die ersten Reste eines Maassauriers, nämlich bedeutende Teile eines Schädels, wurden in einem Steinbruch bei Mastricht an der Maas aufgefunden, woher denn auch diese Riesengattung den Namen erhalten hat. Darüber wird berichtet:

Ein ~Dr.~ Hoffmann ließ das Stück mit vieler Mühe und Kosten heben und ausarbeiten. Der Fund machte Aufsehen und erregte den Neid des Steinbruchbesitzers, des Domherrn Godin, der das Stück reklamierte, und dem es auch vom Gericht zugesprochen wurde. Als im Jahre 1795 die Truppen der französischen Republik das Fort St. Pierre bombardierten, befahl der General, der um den wissenschaftlichen Schatz im nahen Hause des Domherrn wußte, dasselbe zu schonen. Dieser, nicht weniger um seinen Schatz besorgt als der General und wenig erbaut von dessen rücksichtsvoller Aufmerksamkeit, ließ es bei Nacht in der Stadt verstecken und hoffte so nach der Übergabe des Platzes sein Stück zu retten. Vergeblich! Der Volksrepräsentant Freycinet verstand hinter das Geheimnis des Geistlichen zu kommen und ließ öffentlich den zweiten Entdeckern des Sauriers 600 Flaschen Wein zusichern. Das wirkte unwiderstehlich; schon am nächsten Morgen brachten zwölf Grenadiere im Triumph das Stück, um ihren Lohn zu empfangen.

Jener Maassaurier, zu Ehren des Entdeckers ~Mosasaurus Hoffmanni~ getauft, mag eine Länge von 7 bis 8 Metern erreicht haben; es sind aber seitdem Riesen von drei- und vierfacher Länge mit 1 bis 1½ Meter langen Kiefern gefunden worden. (Die berühmten Riesenschlangen Südamerikas: Abgottschlange oder Boa, Anakonda und Tigerschlange werden etwa 7 Meter lang.) Daß die Maassaurier von Landeidechsen abstammen, ist zweifellos, denn ältere Formen, die in Dalmatien gefunden wurden, haben noch Schreitbeine und gleichen den Varanen, das sind Eidechsen von erstaunlicher Größe. Vertreter derselben in der heutigen Lebewelt sind die sogenannten Warneidechsen Afrikas, Südasiens und Australiens. Die bekannteste Art ist die +Nileidechse+, 2 Meter lang, sehr räuberisch, von den alten Ägyptern als Vertilgerin der Krokodileier und junger Krokodile gefeiert.

Vogeleidechsen oder Flugdrachen.

Die Reptilien des Mittelalters (Trias-, Jura-, Kreidezeit) begnügten sich nicht damit, ihre Herrschaft zu Wasser und zu Land auszuüben, sie dehnten dieselbe auch auf den Luftkreis aus gleich wie gewisse Nachfahren des Alluviums (Gegenwart). Die „Kriecher“ begründen die Ära der Aeronautik der Wirbeltiere, nachdem die Insekten das Problem schon Jahrmillionen vorher gelöst hatten. Sollte man denken, daß aus der Klasse der Neckarsaurier, Maassaurier, Fisch- und Schlangendrachen, Atlantosaurier, Zanklodonten und Iguanodonten „+Segler der Lüfte+“ hervorgegangen? Alle Flugdrachen besitzen einen vogelartigen Kopf mit langen dünnen Kiefern, die vermutlich an den Spitzen mit Horn überzogen waren, große Augen, ein überaus leichtes Skelett mit pneumatischen, das heißt lufterfüllten Knochen und einem sonderbaren Flugapparat, den wir bei keinem heutigen Flieger finden. Die Hinterfüße sind durchaus reptilienhaft gebaut, mit vier bis fünf Zehen, die zweifelsohne scharfe Krallen trugen. Die Vorderglieder haben je nach der Art drei oder vier oder fünf Finger, von denen der äußerste, also der „kleine“ ungeheuer lang, länger als der ganze Rumpf ist und die dünne, faltige Flughaut trägt, woher denn auch die zuerst bekannte Gattung den Namen „Flugfinger“, Pterodaktylus, erhalten hat. Wunderbarerweise ist eine solche Flughaut als Abdruck auf dem Gestein erhalten; sie stimmt in der Form mit einem Schwalben- oder Möwenflügel überein, hat also offenbar einem guten Segler angehört. Es gibt aber auch Arten mit breitem und kurzem Flügel, wahrscheinlich Strandbewohner, die sich von allerlei kleinen Wassertieren ernährt haben. Sie mögen sich in ihrer Ruhe reihenweise auf die Küstenfelsen gesetzt oder an die Bäume angehakt haben; wenn dann die Ebbe eingetreten, werden sie in schrägem Schwebeflug zum Strande herniedergeschwebt sein und die vom Meer zurückgelassene krabbelnde und zappelnde Beute eingeheimst haben.

Die +Schnabelschnauzen+ zeichneten sich durch besonders große Augen aus, die wie bei den Fischdrachen durch einen Ring von Knochentäfelchen geschützt waren (Räderaugen). Die spitzen, ungleich langen Zähne sitzen in weiten Abständen in den Kiefern und sind nach vorn gerichtet. Der lange Schwanz ist von einer Scheide aus verknöcherten Sehnen umgeben und besitzt hinten eine flossenartige Verbreiterung. Mit seiner Hilfe konnte sich der Drache in die Höhe schnellen, außerdem diente er als Steuer.

Der +Pterodaktylus+ hatte einen verkümmerten Schwanz und ziemlich dicken Kopf, der in einem rechten Winkel auf der Wirbelsäule saß. Manche Arten hatten nur die Größe eines Sperlings, andere die eines Geiers. Während die einen noch eine ähnliche Bezahnung wie die Schnabelschnauzen aufweisen, besitzen andere nur ganz winzige Zähnchen, und eine dritte Gruppe ermangelt der Bezahnung völlig; dies ist auch der Fall bei der Gattung +Pteranodon+, das heißt „+Zahnloser Flieger+“ (griechisch ~pteron~: Flügel, ~pteros~: geflügelt, ~a~: kein, ~odon~: Zahn). Damit erreichen die Flugechsen die höchste Ausbildung, denn das ganze Tier ist sozusagen nur noch Flugapparat. Die papierdünnen zahnlosen Kiefer bilden einen langen, sehr leichten Schnabel; der Hinterkopf ist in einen ebenso leichten spornartigen Kamm ausgezogen; alles übrige, Rumpf, Hinterglieder und Schwanz, ist sehr klein. Diese Segler aus der oberen Kreideformation von Kansas (Nordamerika) übertrafen die größten fliegenden Vögel, erreichten sie doch 6 bis 7 Meter Spannweite (der Kondor 3 Meter). Der Pteranodon war zweifelsohne ein wunderbarer Flieger und hat wohl den größten Teil seines Lebens schwebend in der Luft zugebracht. Schade, daß dieser Wunderdrache verschwunden ist.

Vögel.

Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse.

Das Verschwinden der Riesengeschlechter der mittelalterlichen Saurier ist verschiedenen Ursachen zuzuschreiben. Als solche haben wir in erster Linie die Riesenhaftigkeit, die Plumpheit und Schwerfälligkeit, die geringe Fortpflanzungsfähigkeit und den großen Futterbedarf anzusehen. Es ist eine allgemein verbreitete Erscheinung, daß gerade die Riesenformen, sowohl unter Pflanzen wie unter Tieren, sich am schnellsten erschöpfen, während die kleineren Formen eine viel größere Lebenskraft haben. Welches Land könnte auf die Dauer Herden von Atlantosauriern, Brontosauriern, Gigantosauriern, Diplodoken usw. ernähren? Die Riesenformen ersticken sozusagen unter ihrer eigenen Last. Dabei sind sie von ihrer Umgebung weit mehr abhängig als die Kleinen. Jede Schwankung des Klimas, womit zugleich ein Wechsel der Pflanzenwelt verbunden ist, muß ihnen gefährlich werden, da sie durch ihre einseitige Entwicklung jede Anpassungsfähigkeit verloren haben. Wenn ein wasserreiches Land zur trockenen Steppe oder gar zur Wüste ward, oder wenn es umgekehrt langsam sank und das Meer vordrang, so gab’s für jene tappigen, schwer beweglichen Fleisch- und Knochenberge kein Entrinnen mehr. Dazu kam aber noch, daß ihnen aus anderen Klassen sehr gefährliche Konkurrenten erwachsen waren, den Fisch- und Langhalsdrachen in furchtbaren Haien und Seesäugetieren, den Landsauriern in den Landsäugetieren, den Flugdrachen in den Vögeln. Diese letzteren mögen selbst manchen Vertretern der Dinosaurier gefährlich geworden sein. Der Reptilientypus war einer besseren Ausbildung, einer Steigerung der Organisation nicht mehr fähig, wohl aber war dies beim Vogeltypus der Fall. Hier finden wir vor allem eine scharfe Trennung und bessere Ausbildung des Blutkreislaufs. Arterielles und venöses Blut mischen sich nirgends, und letzteres wird durch intensive Sauerstoffzufuhr, das heißt bessere Atmung rascher aufgefrischt. Es findet eine lebhaftere Verbrennung, infolgedessen Steigerung der Bluttemperatur und der Lebensenergie statt; die Verdauung wird eine viel raschere, der Stoffwechsel ein regerer; das Gehirn erhält mehr Blut und die beiden Halbkugeln des Großhirns erfahren bedeutende Förderung. Das leichte, luftige und zugleich warme Federkleid sichert die Warmblütigkeit des Körpers noch beträchtlich und verschafft dem Vogel die Unabhängigkeit von der Lufttemperatur und dem Klimawechsel; die Kälte der Nacht, des Winters, des Hochgebirges, des Pols, selbst der Eiszeit vermag ihm nichts mehr anzuhaben. Dazu die sorgfältige Brutpflege, das Anlernen der Jungen und die höhere Intelligenz, das alles mußte dieser neuen Klasse den Vorrang und den endlichen Sieg verschaffen.

Woher die Vögel eigentlich stammen? Die Frage ist noch offen. Man könnte an die Flugdrachen denken, aber damit ist’s nichts; zwischen beiden Gruppen gibt’s wohl mancherlei Ähnlichkeiten (Analogien), die durch gleichartige Lebensweise bedingt sind wie zwischen Fisch und Walfisch, aber keine Blutsverwandtschaft. So ist der Flugapparat eines Flugfingers oder einer Schnabelschnauze anatomisch etwas ganz anderes als ein Vogelflügel, wie auch der Flügel einer Fledermaus und der eines Schmetterlings anatomisch und entwicklungsgeschichtlich miteinander nicht zu vergleichen sind. Nun haben wir früher gehört, daß gewisse Schreckdrachen -- Iguanodon und Verwandte -- im Bau der Hinterglieder auffallend an große Laufvögel erinnern, weshalb sie den Namen der Vogelfüßigen (Ornithopoden) erhalten haben. Das scheint darauf hinzuweisen, daß wir in jener Gegend den Ursprungsort der Vögel zu suchen haben. Beide so verschieden geartete Stämme haben offenbar eine gemeinsame Wurzel, die bei den Urreptilien der älteren Triaszeit oder der Permzeit zu suchen wäre. Das ist alles, was sich über den Ursprung der Vögel sagen läßt.

Ur- und Kreidevögel.

Daß Vögel sich im allgemeinen für den Versteinerungsprozeß schlecht eignen, dürfte ohne weiteres klar sein, und es erscheint daher fast wie ein Wunder, daß trotz alledem 400 bis 500 fossile Arten bekannt sind, freilich teilweise in so dürftigen Resten, daß es oft geradezu unmöglich ist, eine Artbestimmung vorzunehmen, weshalb auch die bezüglichen Zahlenangaben sich in einem ziemlich weiten Spielraum bewegen. Und wie gering sind obige Zahlen, wenn wir bedenken, daß sie sich auf Jura-, Kreide-, Tertiär- und Eiszeit, also auf Millionen Jahre verteilen, und wenn wir uns ferner vergegenwärtigen, daß heute nicht weniger als 10000 Arten leben. Hieraus erhellt ohne weiteres, wie lückenhaft die Stammesgeschichte der Vögel sein muß; aber gerade deshalb ist jeder gute Fund, zumal aus älterer Zeit, von größtem Interesse.

Das war nun speziell der Fall beim ältesten Vogel, den man zur Stunde kennt, dem +Erz- oder Urvogel+ der obersten Juraformation, einem Zeitgenossen des Flugfingers (Pterodaktylus), Brontosaurus und Kompsognathus.

Im Jahre 1861 wurde im lithographischen Schiefer von Solnhofen (Bayern) ein Fund gemacht, der die Naturforscher in die größte Aufregung versetzte. Es handelte sich um das Skelett eines Tieres, das Federn getragen und halb Reptil, halb Vogel gewesen zu sein schien. Kopf, Hals und die meisten Teile des Rumpfes fehlten, dagegen waren Schultergürtel und Becken, Vorder- und Hinterglieder sowie der lange Schwanz teils ganz, teils in größeren Bruchstücken erhalten. Andreas Wagner, damals Direktor der paläontologischen Sammlung in München, hielt das Tier für ein richtiges Reptil und gab ihm den Namen +Gryphosaurus+, +Greifsaurier+. Der Engländer Owen und andere erkannten aber in ihm einen Vogel und nannten ihn +Archäopteryx+, was soviel wie +Urvogel+ bedeutet. Das merkwürdige Geschöpf wurde um einen sehr hohen Preis zum Kaufe angeboten und wanderte endlich für die Summe von 600 Pfund Sterling (12000 Mark oder 15000 Franken) ins Britische Museum in London.

Kaum hatten sich die Engländer des Vogels bemächtigt, so berichteten die Zeitungen, das wunderbare Unikum von Solnhofen sei eine schlaue Täuschung, ein Rhamphorhynchusskelett, dem man in kunstvoller Weise Federn angeätzt oder eingraviert habe. Darob unverhohlene Schadenfreude und großer Jubel bei allen denen, welchen die Entdeckung des Urvogels ein Dorn im Auge gewesen war. Allein die Briten kehrten sich nicht an dieses Geschrei, waren sie doch vollständig von der Echtheit des „teuren“ Fossils überzeugt. Und der Urvogel hat wirklich gelebt.

Im Jahre 1877 wurde bei Eichstätt, 3½ Stunden vom Fundort des ersten, ein zweites Exemplar entdeckt, das weit vollständiger und schöner erhalten war als das erste. Dieses wurde nach langen Unterhandlungen vom Mineralogischen Museum der Universität Berlin um die Summe von 20000 Mark angekauft, nachdem zahlreiche andere Institute darauf reflektiert, aber die nötige Summe nicht zusammengebracht hatten.

Der Archäopteryx steht, wie wir nun mit voller Sicherheit wissen, den Vögeln viel näher als den Reptilien; er ist etwa zu drei Vierteln Vogel, zu einem Viertel Reptil; Ober- und Unterkiefer sind mit Zähnen versehen, welche in besonderen Höhlen stecken, was bekanntlich bei keinem lebenden Vogel vorkommt. Wohl aber sind mitunter bei jungen Exemplaren, insbesondere bei Papageien, schwache Andeutungen von Zähnen vorhanden. Die Wirbel sind auf beiden Seiten ausgehöhlt wie bei tiefstehenden Amphibien und Reptilien, und die Rippen zeigen gleichfalls Reptiliencharakter. Der Schwanz gleicht einigermaßen dem einer Eidechse und besteht aus zwanzig langgestreckten Wirbeln. An jedem Wirbel waren aber zwei Schwanzfedern befestigt. Bei den heutigen Vögeln tritt nur im Embryonalleben ein längerer Schwanz auf, nachher verwachsen die einzelnen Wirbel zu einem kurzen Stück, dessen Endglied die steifen Steuerfedern trägt. (Der Archäopteryx stellt also einen Sammel- und Embryonaltypus dar.) Auch die vorderen Glieder, welche zu Flügeln verwandelt sind und lange Schwungfedern tragen, zeigen keine so weitgehende Umbildung wie bei den heutigen Vögeln, indem die drei Finger nicht miteinander verwachsen, sondern vollständig ausgebildet und mit Krallen versehen sind, so daß sie möglicherweise auch zum Gehen auf dem Boden, jedenfalls aber zum Festhalten an Bäumen verwendet werden konnten (ein vierfüßiger Vogel!). Die hinteren Glieder waren gleichfalls teilweise mit Federn bedeckt, und vielleicht fanden sich solche auch am Halse, indem sie eine Art Krause bildeten; der übrige Körper war wohl nackt.

In keinem anderen Teil der Juraformation ist bis jetzt ein Vogel gefunden worden und auch für den Fränkischen Jura ist’s nur ein glücklicher Zufall. Übrigens mußten dort die Verhältnisse zur fossilen Erhaltung von allerlei Getier sehr günstig sein. Zur jüngeren Jurazeit befand sich dort ein Meer mit vielen Koralleninseln und Korallenklippen. Zwischen den Korallenbauten befanden sich Lagunen, das heißt stille, seichte Gewässer, auf deren Boden sich Kalkschlamm und feinster Kalksand niederschlugen, woraus die Plattenkalke und lithographischen Schiefer hervorgingen. Die Fluten schleuderten zahlreiche Meertiere über die Riffe in die Lagunen, und Stürme trugen vom nahen Festland mancherlei Landbewohner herzu. Der breiartige Kalkschlamm hüllte die getöteten Wesen sofort ein und verhinderte deren rasche Verwesung. Der durch häufige Winde vom Festland herübergewehte Staub legte sich über die Kalkschicht und bildete eine tonige Lage, die sogenannte Fäule, worauf sich das Spiel wiederholte.

Der Urvogel, dessen Größe zwischen der einer Taube und eines Huhnes schwankte, war sicherlich ein schlechter Flieger und konnte sich mit manchem Flugdrachen nicht messen; aber er verkörperte nichtsdestoweniger ein höheres Prinzip und trug wenigstens in seinen Nachkommen den Sieg davon.

Beträchtlich zahlreicher sind Vogelfunde in der Kreideformation, und Nordamerika (Kansas) hat deren mehrere in so prächtigem Zustande geliefert, daß deren Skelette vollständig konstruiert werden konnten. Ein bedeutsames Merkmal haben alle diese Vögel mit dem jurassischen Urvogel gemeinsam, sie tragen nämlich in ihren Kiefern echte Zähne. Unsere Abbildung führt uns eine amerikanische Art vor Augen, den +Königsvogel+, ~Hesperornis regalis~ (von ~hesperis~: abendländisch, ~ornis~: Vogel und ~regalis~: königlich). Derselbe erreichte eine bedeutende Größe, denn das Skelett mißt von der Schnabelspitze bis zum Ende der Zehen nahezu 2 Meter. Die Flügelknochen und der bei guten Fliegern stark vorspringende Kiel des Brustbeins sind verkümmert, wohingegen die Beine kräftig entwickelt und zum Rudern eingerichtet sind. Der Schwanz war breit und bestand aus zwölf Wirbeln, er zeigt gleichfalls Anpassung ans Wasserleben. Hesperornis konnte nicht fliegen, er zeigt mehrfach Anklänge an den heutigen Strauß, und der amerikanische Paläontologe Marsh bezeichnet ihn daher „als einen wasserbewohnenden, fleischfressenden Strauß“. Manche Skeletteile, so das Becken, erinnern noch an Reptilien; auch der Schwanz zeigt eine für Vögel ungewöhnlich große Zahl von Wirbeln.

Außer dem ungeflügelten Hesperornis ist noch die Gattung +Ichthyornis+, der +Fischvogel+, genauer bekannt. Auch dieser zeigt Anklänge an niedere Wirbeltiere, und es sind zum Beispiel die Wirbelkörper an beiden Seiten ausgehöhlt, was in der Jetztwelt nur bei den Fischen und bei einigen Amphibien und Reptilien der Fall ist. Ichthyornis war übrigens ein vorzüglicher Flieger, wie die Flügelknochen und das stark gekielte Brustbein beweisen. Im ganzen sind aus der Kreide etwa 20 Arten von Vögeln bekannt geworden.

Befiederte Giganten.

Auch die Klasse der Vögel hatte ihre Heroenzeit, ihre Giganten und Titanen. In Patagonien (Südamerika) entdeckte man in alttertiären Schichten (ältere Braunkohlenzeit) die Reste eines ungeheuren Vogels, +Brontornis+, das heißt +Donnervogel+ genannt. Derselbe erreichte die Höhe von 4 Meter und ist wohl der größte aller lebenden und fossilen Vögel. Die Mittelzehen waren etwa 30 Zentimeter (1 Fuß) lang und sehr dick, die Nagelglieder 5,5 Zentimeter lang und 5 Zentimeter breit; das ganze Bein hatte eine Länge von 162 Zentimeter.

Etwas kleiner als dieser Riese der Riesen war die Gattung +Phororhakos+, die sehr genau bekannt ist. Der Schädel der größten Art ist 65 Zentimeter lang, also länger als der Kopf eines großen Pferdes. Der hohe, seitlich stark zusammengedrückte Schnabel ist hakenförmig gekrümmt wie bei den Raubvögeln. Die Flügel waren wie bei Brontornis und bei den heutigen Straußen verkümmert, daher zum Fliegen unbrauchbar. Wegen der großen, sehr stark gekrümmten Krallen waren die patagonischen Riesenvögel wahrscheinlich auch zu Fuß schlecht bestellt und jedenfalls keine so gewandten Läufer wie die lebenden Strauße. Die Schädel zeigen oft Knochenwucherungen, die unzweifelhaft von schweren Verletzungen herrühren. Vielleicht lieferten die Männchen untereinander heftige Kämpfe um die Weibchen. Über die Art der Ernährung wissen wir nichts Sicheres; es ist aber wahrscheinlich, daß jene Riesen nach Art der Geier die Leichen gefallener größerer Tiere verzehrten, vielleicht auch Jagd auf junge Reptilien machten (ähnlich wie der Schuhschnabelvogel am Weißen Nil, welcher den jungen Krokodilen nachstellt) oder gar ausgewachsene angriffen, wie unser Bild auf Seite 65 darstellt. Wir sehen dort im Vordergrund einen Donnervogel, der einen Hadrosaurus angreift. Im Hintergrund erblicken wir rechts einen zweiten Dinosaurier, links einen Phororhakos. Wie die neuesten Funde wahrscheinlich machen, sind die iguanodonähnlichen Hadrosaurier erst in der älteren Braunkohlenzeit gänzlich verschwunden.