Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil

Part 4

Chapter 43,096 wordsPublic domain

Diese amerikanischen Riesen mußten somit höchst stumpfsinnige Geschöpfe gewesen sein und tief unter den heutigen Beherrschern der Tierwelt gestanden haben. Wir dürfen uns dieselben auch nicht vorstellen als grimme, stets in Kampf und Krieg lebende Drachen, denn sie waren Pflanzenfresser und mochten also wohl den damaligen Gewächsen, nicht aber der Tierwelt verderblich gewesen sein. Der Brontosaurus oder Donnerdrache (vom griechischen ~bronte~: Donner, ~brontogenes~: vom Donner erzeugt) mochte ein Gewicht von zirka 380 Doppelzentner erreicht haben, während dasjenige des Indischen Elefanten bloß 30 bis 40 Doppelzentner beträgt. Ober- und Unterschenkel samt Fuß maßen 4 Meter, die Dornfortsätze der Kreuzwirbel ½ Meter. Die wandelnde Fleischlawine mag bis zum Rücken eine Höhe von 6 Meter, mit hoch gehobenem Kopf 9 Meter erreicht haben. (Die Angaben, wonach die größten Formen 12 Meter hoch gewesen sein sollen, scheinen nicht vertrauenswürdig zu sein.) Selbst die ausschweifendste Phantasie war nie imstande, sich ein solches Biest auszudenken, und staunend fragt man sich, wie ein solches „Reptil“ sich bewegen und ernähren konnte. Man denke sich einen Donnerdrachen durch die Straßen einer Stadt dahinschreiten! Er könnte bequem zu den Fenstern des dritten Stockes hineingucken, und die Kronen der Bäume in den städtischen Anlagen böten ihm eine angenehme Weide. Ein Ochse würde sich daneben fast wie ein Bauernhaus neben einem Münster ausnehmen. Und welch ein Anblick müßte es gewesen sein, zu sehen, wie der Koloß sich auf seinen stämmigen Hinterbeinen und dem ungeheuren Schwanz erhob! Vielleicht haben sich die Tiere vorwiegend im Wasser aufgehalten nach Art der Flußpferde, wobei die Pflanzenwelt der Ufer abgeweidet und nebenbei allerlei Getier mit verschlungen wurde. Da wie bei den Atlantosauriern die größeren Wirbel, die einen Meter Durchmesser besaßen, Luftkammern hatten, wurde das spezifische Gewicht beträchtlich herabgemindert. Der vierte Halswirbel ist größer als der Schädel, und der Hohlraum der Kreuzbeinwirbel übertrifft die Hirnhöhle um ein Mehrfaches, so daß es scheint, als hätten die Tiere den Hauptteil ihres Zentralnervensystems nicht in den Kopf, sondern in das Hinterteil verlegt. Mit den intellektuellen Anlagen muß es folglich sehr schlimm bestellt gewesen sein.

Die Gestaltungskraft der Natur hatte sich hier verrannt; durch eine bloße Steigerung der Masse schuf sie etwas Unnatürliches und verurteilte diese „Überriesen“ zu schnellem Untergang. Vielleicht ward dieser beschleunigt durch einen Klimawechsel oder durch das Überhandnehmen gefährlicher Raubtiere.

+Diplodokus.+

Neben den plumpen, massigen Atlantosauriern, wozu auch der Brontosaurus gerechnet wird, erscheint der Diplodokus (Doppelbalken) geradezu als eine zierliche Form. Er entstammt den gleichen Fundorten wie die vorigen und gehört gleichfalls der unteren Kreide an, dem sogenannten Wealden, das heißt der „Wälderformation“. Diese hat insofern manche Ähnlichkeit mit der Steinkohlen- und der Keuperformation, als die damaligen Festländer mit großen Sümpfen und Moorwäldern bedeckt waren und ein langandauernder Kampf zwischen Land und Meer herrschte. Aus jener Zeit stammen zahlreiche Steinkohlenflöze, die allerdings im allgemeinen von geringer Mächtigkeit sind, aber doch an manchen Orten bergmännisch abgebaut werden, so am Osterwald, am Deister, in Schaumburg und Bückeburg. Sie sind natürlich nicht aus den typischen Steinkohlenpflanzen (Siegel- und Schuppenbäumen usw.) hervorgegangen, denn jene existierten ja längst nicht mehr, sondern aus Pflanzen der Jura- und der ältesten Kreidezeit, hauptsächlich aus Farnen, Nadelhölzern und Sagobäumen (Zykadeen, Farnpalmen). Der Gattung Diplodokus gehören Tiere von 16 bis 25 Meter Länge und 3 bis 4 Meter Höhe an. In welcher Stellung sich dieselben bewegt haben, ist noch nicht festgestellt und je nachdem gelangt man zu verschiedenen Höhenangaben. Der 6 Meter lange Hals gleicht einer Riesenschlange und trägt einen großen, 60 Zentimeter langen Kopf, der etwelche Ähnlichkeit mit einem Pferdekopf hat, die Nasenlöcher befinden sich jedoch weit hinten bei den Augen. Die Kiefer sind nur im vorderen Teil bezahnt, die hinteren Zähne fehlen gänzlich; wir haben es also weder mit einem Raubtiergebiß, noch mit dem eines Pflanzenfressers zu tun. Die Zähne sind lang, dünn, stäbchenförmig und stehen ziemlich weit auseinander, wie die Zähne eines Rechens. Der ungeheure Schwanz zählt nicht weniger als 60 Wirbel. Es ist nicht leicht, sich die Lebensweise dieses märchenhaften Drachen vorzustellen. Man hat daran gedacht, daß er im Wasser nach Muscheln, Schnecken, Fischen, Krabben und Lurchen grundelte, wobei die Zähne nicht zum Beißen, sondern als Seiher dienten, also die gleiche Funktion ausübten wie das Fischbein der Bartenwale. Das hat in der Tat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Die größte Art (~Diplodocus Carnegiei~) wurde vor einigen Jahren auf Kosten des bekannten Stahlkönigs Carnegie ausgegraben und im Museum zu Pittsburg aufgestellt. Das Berliner Museum besitzt einen Gipsabguß davon, weitere befinden sich in Wien, Paris und London. Überreste nahe verwandter Gattungen wurden in Südamerika, Frankreich und England entdeckt.

Einen hochinteressanten Fund machten vor kurzem die Gebrüder Sternberg im westlichen Teil der Union, sie förderten den vollständigen Kadaver eines Diplodokus mit erhaltener Hautbedeckung zutage. Das betreffende Riesenvieh scheint durch einen Unglücksfall umgekommen und auf eine Sandbank im Flusse geschwemmt worden zu sein. Dort wurde es zu einer Mumie ausgetrocknet und durch gewaltige Schlammassen, die später zu Tonschiefer erhärteten, zugedeckt. Die Haut ist mit seltsamen zarten Schuppen gespickt. Der ganze Kadaver, der auf dem Rücken lag, bedeckte eine Fläche von 12 Quadratmeter.

+Panzer- und Horndrachen.+

Diese stehen den vorigen an Größe beträchtlich nach, sehen aber dafür um so putziger, wirklich drachenhaft aus. Fast möchte man wähnen, ein phantasievoller Fabulierkünstler des Mittelalters hätte dieselben erfunden. +Die Panzerdrachen oder Dachdrachen+ (+Stegosaurier+) waren plumpe Riesen von mindestens Elefantengröße, jedoch weit beträchtlicherer Länge, nämlich bis zu 10 Meter! Sie hatten wieder die Gewohnheit der alten Reptilien angenommen, das heißt sich einen dicken Panzer angeschafft, also ein Rückfall auf eine tiefere Entwicklungsstufe; denn das Hautskelett ist das ursprüngliche, das älteste; erst verhältnismäßig spät machte sich das innere Knochenskelett geltend, wodurch das erstere allmählich überflüssig wurde, weil es die aufsteigende Entwicklung hinderte. Der Rückenpanzer, der sich vom Kopf bis zur Schwanzspitze erstreckte, bildete ein schützendes Dach aus starken, dicken Schilden und war überdies mit einem ungeheuren Kamm versehen, der aus zwei Reihen aufrechtstehender meterlanger Platten bestand. Am Ende des langen Schwanzes waren jene Knochentafeln zu spitzigen halbmeterlangen Stacheln reduziert. Das war zweifelsohne eine sehr gefährliche Waffe, und der Koloß konnte damit furchtbare Schläge austeilen. Die Kehlgegend war durch einen besonderen Knochenharnisch geschützt. Offenbar fehlte es zu jener Zeit (untere Kreide) nicht an mächtigen Feinden. Die Glieder sind ungleich lang, und zwar sind die vorderen wieder beträchtlich kürzer als die hinteren. Die Zahl der Zehen betrug je fünf, jedoch waren bei den Hinterfüßen die beiden äußeren verkümmert, so daß das Tier nur mit je drei Zehen austrat. Dadurch entstanden sonderbare Fährten, die den Eindruck erweckten, als seien zwei ganz verschiedene Tierarten (Herr und Diener) stets miteinander oder vielmehr hintereinander auf dem nassen Boden dahingewandelt. Der kleine Kopf mit einer Art Iguanodongebiß endete in einen plumpen Schnabel, was dem gepanzerten Ungeheuer ein besonders phantastisches Aussehen verschaffte. Besondere Erwähnung verdient die Schädelhöhle; dieselbe ist nämlich sehr klein, so daß nur ein winziges Gehirn in derselben Platz hatte. Der Rückenmarkkanal im Kreuzbein ist wohl zehnmal so groß als die Hirnhöhle, so daß man von einem „Kreuzbeinhirn“ gesprochen hat. Letzteres bestand aber selbstverständlich nicht aus Hirnsubstanz, sondern aus Nerven für den kolossalen Hinterkörper.

Diese Panzerdrachen haben sich wohl durch eine geradezu beispiellose Dummheit ausgezeichnet. Sie konnten wahrscheinlich gleich den Iguanodonten aufgerichtet auf den Hinterbeinen einherschwanken, aber ebensogut auf allen vieren davonstapfen.

Ein ebenso wunderlicher Kauz, ein Vetter des vorigen, war der +Dreihorndrache+ (+Trizeratops+), 8 bis 9 Meter lang, wovon 2 Meter auf den spitzdreieckigen, vorn ebenfalls in einen Schnabel endigenden Kopf entfallen. Dieser Schreckdrache, der also im Gegensatz zu seinem mikrozephalen Vetter zu den „Großköpfen“ gehört, trug neben einem meterlangen Horn über der Nase noch zwei seitliche hintere Hörner über den Augen. Der Hinterkopf endete in einen knöchernen Nackenschirm, der am Rande mit zackigen Knochenplatten besetzt war und wie eine große Halskrause aussieht. Die Zähne deuten auf Pflanzennahrung und haben -- bei Reptilien etwas Unerhörtes -- zwei Wurzeln, was sonst nur bei Säugetieren vorkommt. Auch die Glieder weisen gewisse Säugetiermerkmale auf, die Zehen tragen nämlich große Hufe, wie diejenigen der Huftiere (Schweine, Pferde, Wiederkäuer). Dazu der gehörnte Kopf, der an gewisse Urhufer der Braunkohlenzeit gemahnt.

Diese Säugetierähnlichkeit ist noch größer beim +Einhorndrachen+ (+Monoklonius+) mit mächtigem, nach rückwärts gekrümmtem Horn, dem +Zweihorndrachen+ (+Dizeratops+) und dem +Stierdrachen+ (+Torosaurus+), alle der oberen Kreideformation Nordamerikas angehörend. Vereinzelte Bruchstücke einer nahe verwandten Art wurden auch bei Wiener-Neustadt gefunden. Dem winzigen Gehirn nach zu schließen, sind alle Horndrachen sehr stumpfsinnige Geschöpfe gewesen.

Afrikaner.

Nordamerika galt als das Paradies der Schreckdrachen, und seine Reptilienwelt überragte alles bis anhin Bekannte. Da trat Afrika als Konkurrent auf, und zwar -- wer hätte das für möglich gehalten? -- mit Erfolg. Zunächst richtete die Südspitze des Schwarzen Erdteils die Augen der Paläontologen auf sich. Dort -- in der sogenannten Karrooformation -- entdeckte man nämlich eine Menge versteinerter Knochen, welche von einer höchst seltsamen Tierwelt zeugten, die in der Perm- und Triaszeit dort gehaust. Die einen jener Knochentrümmer schienen einer besonderen Gruppe von Uramphibien (Wickelzähnern, Panzerköpfen) anzugehören, andere waren entschieden reptilienhaft und manche, besonders die Zähne, wiesen auf niedere Säugetiere hin. Die Bezahnung ließ nämlich eine Gruppierung in Schneide-, Eck- und Backenzähne erkennen. Sollte man es hier mit den Stammvätern der höchststehenden Tierklasse zu tun haben? Sollte nun Licht in die Dunkelheit ihrer Herkunft fallen? Die hochgespannten Erwartungen der Forscher erfüllten sich nicht. Immerhin ist zu sagen, daß jene Afrikaner höchst interessante Zwischenformen (Kollektiv- oder Sammeltypen) und daß die berühmtesten unter ihnen, die +Theromorphen+, das heißt die +Säugetierähnlichen+, offenbar Seitenzweige jenes Hauptastes sind, dem die Ursäugetiere entstammen. Zwischen beiden bestehen nicht bloß oberflächliche Ähnlichkeiten (Analogien), sondern enge verwandtschaftliche Beziehungen.

Die „+Säugetierähnlichen+“ bewohnten übrigens nicht ausschließlich Südafrika, sondern auch Amerika, Ostindien, Europa (Rußland, England, Frankreich, Deutschland, Schweiz). Sie scheinen samt und sonders schon in der Triaszeit ausgestorben zu sein; die heutige Tierwelt hat nichts Gleichartiges. Man kennt zirka 100 Gattungen; ihre versteinerten Skelette sind meist schlecht, oft nur in wenigen Knochenstücken erhalten und dann schwer zu deuten. Unter den vielen Arten gibt es Zwerge, die nur die Größe einer Ratte erreichen, aber auch einzelne schwerfällige Riesen von Nashorngröße. Ich führe nur zwei Vertreter mit Namen an, den +Wolfsaurier+ (+Lykosaurus+), ein Raubtier mit scharfem Gebiß, und den plumpen +Pareiasaurus+ (+Backensaurier+), ein bizarres, drei Meter langes Monstrum, ein „dackelhafter Bär“ auf kurzen, dicken, geknickten Beinen, deren unglaublich dicke Zehen wahrscheinlich zum Graben eingerichtet und mit großen Krallen versehen waren. Er hielt sich wohl mit Vorliebe an der Küste auf und ernährte sich von allerlei kleinem Getier, das er aus der Erde hervorscharrte. Der breite, kurze Schädel war mit vielen Höckern und der Unterkiefer mit zapfenartigen Auswüchsen geziert. Von einem ähnlichen Biest (Sklerosaurus) fand man Überreste im Buntsandstein von Riehen bei Basel. Aber damit sind wir mit Afrika und den Afrikanern noch keineswegs zu Ende.

In den allerjüngsten Zeiten ging uns von dem rühmlich bekannten Stuttgarter Geologen Fraas die unverhoffte Kunde zu, daß drüben in Deutsch-Ostafrika sich ein Drachenfriedhof befinde, der mit den amerikanischen Fundorten im Staate Wyoming in jeder Hinsicht den Vergleich aushält. Dort ist nun eine reichsdeutsche Expedition seit einigen Jahren beschäftigt, die wunderbaren Reste ausgestorbener Tierriesen auszugraben und der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Jene Gigantosaurier (Riesendrachen) scheinen ihren amerikanischen Vettern, den Atlantosauriern, Zanklodonten, Panzerdrachen usw. mindestens ebenbürtig zu sein. Wie in Wyoming liegen die Knochen teilweise an der Oberfläche oder in geringer Tiefe, aber deren Konservierung und Transport zur Meeresküste und von dort nach Europa ist ein ebenso schwieriges wie kostspieliges Geschäft. Das Berliner Museum hat bereits durch jene Funde eine erstaunliche Bereicherung erfahren.

Die Grabungen werden am Tendaguruhügel, nordwestlich von Lindi vorgenommen, wobei benachbarte Negerstämme das Ausgraben und den Transport besorgen. Die Arbeiten sind mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden. Fürs erste sind jene Gegenden mit fast undurchdringlichem Gras- und Buschwald bewachsen und weit ab von Verkehrslinien, sodann macht die Regenzeit jede Arbeit unmöglich, und im Sommer, wo gar kein Regen fällt, hat man mit Hitze, Fiebern, Nahrungsmangel und einem Heer bösartiger Insekten zu kämpfen, nicht zu rechnen mit den Überfällen von Löwen, Leoparden und Schlangen.

Im ersten Jahre wurde mit 150 Arbeitern begonnen, im zweiten mit 200, und diese Zahl stieg allmählich auf 500. Es sind drei übereinanderliegende Saurierschichten vorhanden, die verschiedenen Zeiten, aber insgesamt der ältesten Kreideperiode angehören, somit gleichaltrig sind wie die berühmten Kreideschichten in Nordamerika. Welche Riesen (Gigantosaurier) zutage gefördert wurden, mag folgender Vergleich zeigen:

Ein Oberarmknochen des Diplodokus mißt 0,95 Meter „ „ „ Gigantosaurus „ 2,10 „ „ Halswirbel „ Diplodokus „ 0,65 „ „ „ „ Gigantosaurus „ 1,2 „ „ Schulterblatt „ Diplodokus „ 1 „ „ „ „ Gigantosaurus „ 2 „ Eine Rippe „ Diplodokus „ 1,86 „ „ „ „ Gigantosaurus „ 2,5 „ Der Hals „ Diplodokus „ 7 „ „ „ „ Gigantosaurus „ 12 „

Neben einem solchen afrikanischen Riesendrachen erscheint der größte lebende Bewohner Afrikas, der Elefant, tatsächlich als ein Zwerg. Leider fand man bis jetzt niemals vollständige Skelette, sondern nur einzelne Knochen, so daß es schwer hält, sich ein Bild vom ganzen Tier zu machen.

Über die afrikanischen Arbeiter, welche auf die 20 Fundstellen verteilt waren, sind die Leiter der Expedition des Lobes voll. ~Dr.~ Hennig berichtet darüber: „Wenn man auf der Ausreise von Aden ab das schwarze Gesindel der Hafenstädte kennen lernt, so bildet sich ein unter Umständen schon in der Heimat eingeflößtes schlechtes Vorurteil in verstärktem Maße aus. Schon in Lindi, das dem großen Verkehrsweg einigermaßen entrückt ist, herrschen wesentlich erfreulichere Zustände, wie selbst Daressalam gegenüber nichtdeutschen Häfen ein günstigeres Zeugnis ausgestellt werden kann. Im unberührten Lindi-Hinterland aber sitzt eine Bevölkerung, die ich aufrichtig liebgewonnen habe. Am wichtigsten und erstaunlichsten zugleich war die Anstelligkeit, mit der sie nicht nur die ungewohnten Grabgeräte handhaben lernten, sondern sehr bald sich auch in die feineren Präparationsarbeiten hineinfanden. Bei den oft brüchigen Knochen in härterer Gesteinsumhüllung erforderte die Präparation zweifellos Hingabe an die Arbeit, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit. Bei dem Umfang, den das Werk bald annahm, war es unmöglich, diesen Teil der Arbeit uns selbst vorzubehalten, ganz abgesehen von der Bedenklichkeit des Unterfangens, sich als Europäer der vollen Tagesglut im windgeschützten glühenden Schacht dauernd auszusetzen.

Wenn man wünschenswerte Eigenschaften im Neger nicht findet, so liegt das in sehr, sehr vielen Fällen nicht am Objekt, sondern am Sucher! Denn auch ohne fremde Erziehung, schon aus eigenem Wesen heraus, weisen die Eingeborenen im Süden der Kolonien manchen sehr sympathischen Zug auf. Der Grundton ihres Wesens ist Sorglosigkeit; sie kann sich als Fatalismus, als Mangel an Voraussicht (zumal in Verpflegungsfragen) äußern, sie gibt sich aber auch in jener heiteren Gemütsart kund, die jederzeit zu Scherz und Spiel bereit und für Humor überaus empfänglich ist, die auch über erlittenes Ungemach schnell hinwegzuhelfen vermag. Ich habe gesehen, daß beim Abbrennen eines Dorfes nach der unter Geschrei und Gezänk beendeten Löscharbeit sofort die Aufräumungsarbeiten mit lustigem Gesang aufgenommen wurden.

Endlich ist die Intelligenz keineswegs zu verachten. Und zwar besteht nicht nur Empfänglichkeit für Neues und Ungewohntes, sondern vielfach auch eine gewisse aktive Beweglichkeit, die den Dingen aus eigenem Antrieb entgegengeht. Der erste Eindruck der Arbeiten bei der umwohnenden Bevölkerung war natürlich eine Verwunderung darüber, daß die Europäer etwas in ihrem armen Lande zu finden und auszunutzen verstanden, was sie selbst nie beachtet noch zu verwenden gewußt hatten. Es drangen zweifelnde Fragen bis zu uns, was denn wohl aus den Funden gemacht werden könne; die einzigen Möglichkeiten, die ihnen dabei vorschwebten, waren: Zaubermittel, Geld oder Tücher! Dann traten doch aber bald auch tieferforschende Fragen auf, nach dem Namen und Wesen des Tieres, nach der Herkunft solcher Reste und ihrem Alter, nach der Lebensweise und dem Vorhandensein in der Gegenwart, ganz vereinzelt wohl auch der staunende Gedanke: woher wissen die Weißen das alles? Das letztere Problem hörte ich übrigens mit der ersichtlich voll zufriedenstellenden Antwort lösen: ‚Die Europäer lernen so etwas in der Schule.‘ ... Der Gedanke, daß dort, wo sie jetzt schafften und lebten, einst Meer gewesen sei, daß zur Zeit, da diese Ungeheuer ihr Wesen trieben, es noch keine Menschen gegeben habe, daß die versteinerten Muscheln, Schnecken, Fische an Ort und Stelle im Wasser gestorben seien, wo sie doch seit Menschengedenken nur Busch zu sehen gewohnt waren, bereitete ihrer Vorstellungskraft keinerlei Schwierigkeiten.“

Über die ausgegrabene Saurierwelt selbst schreibt ~Dr.~ Hennig: „Die ungeheure Größe einiger der ostafrikanischen Dinosaurier macht sie zu den gewaltigsten überhaupt je bekannt gewordenen Landbewohnern der Erde. Ist die Größe an sich auch ohne sonderliche wissenschaftliche Bedeutung, so war sie doch selbst für Fachkreise eine Überraschung, hauptsächlich aber für uns, die wir diese Giganten aus dem Erdreich herausschälen durften.

Erreichte nun der Oberarmknochen bei der größten Form mehr denn 2 Meter, so mißt er bei der kleinsten nur wenige Zentimeter. Nicht selten kam es vor, daß Skeletteile so verschieden gestalteter Wesen durcheinanderlagen. Da war es dann natürlich nicht schwer, die zusammengehörenden herauszufinden. Unangenehmer war es schon, wenn viele beieinander gefundene Wirbel, Rippen, Beine Hoffnung auf ein nahezu vollständiges Skelett erweckt hatten und dann etwa ein sich einstellender dritter Oberschenkel von der Anwesenheit mindestens zweier Individuen gleicher Größe zeugte. Am schwierigsten aber gestaltete sich die Trennung in zwei Fällen, wo sich ganze Herden von fünfzig und mehr Individuen kleinerer Art auf engem Raume beisammenfanden.

Wiederum an anderen Stellen gab es wahre Trümmerstätten, wo nur die festeren Bein- und Flächenknochen verschiedenster Sorten in Mengen angehäuft lagen. Viele Kadaver sind wohl eine Zeitlang im Wasser umhergetrieben, ehe sie auf den Boden sanken oder strandeten und nun erst endgültig eingebettet wurden. Dabei konnten leicht einige Teile des Körpers abfaulen und weit entfernt zur Ablagerung gelangen. Wie aber sind die riesigen Tiere in solchen Mengen in ein Küstengewässer geraten? Man könnte etwa annehmen, ein flaches Wattenmeer sei zur Ebbezeit auf weite Strecken hinaus trockengefallen und jene Kolosse hätten den halbtrockenen Meeresboden nach Tangen und kleinen Wassertieren abgesucht, die ihnen zur Nahrung dienten, die rückströmende Flut habe ihnen dann in Unebenheiten des Strandes den Rückweg abgeschnitten und vielen ein Grab bereitet. Es ließe sich auch denken, daß bei dem Auf- und Niedersteigen des Küstengebiets kleinere Inselpartien nach und nach abgescheuert und später samt den darauf zusammengedrängten Bewohnern gänzlich verschlungen wurden.... Um über derartige Möglichkeiten eine Entscheidung herbeizuführen, hätte es geologischer Untersuchungen in weiterem Rahmen bedurft. Dafür gebrach es uns in Ansehung der Hauptaufgabe leider an Zeit.

Ein Bild läßt sich aber auch so gewinnen von dem wundersam vielgestaltigen Leben, das sich hier am Rande des Kreidemeers abgespielt haben muß. Da trotteten stumpfsinnig jene Ungeheuer mit einem mehr als 12 Meter langen und bis 2 Meter dicken Hals, mit Beingestellen, die alles gewohnte Maß übersteigen; da tummelte sich die große und kleine Drachenbrut bis hinab zum winzigsten Eidechslein; da zogen Herden gepanzerter Schreckgestalten daher, mit mächtigen Stacheln auf Rücken und Schwanz; da eilten auch kleine, flinke Saurier, auf den Hinterbeinen erhoben; da flogen andere durch die Luft; da gab es neben fleischfressenden Räubern auch Giganten, die ihren Riesenleib von Pflanzen und kleineren Seetieren ernährten.“ (Aus ~Dr.~ Hennig, Am Tendaguru.)

Der Leser möchte vielleicht gern wissen, welcher Zeitraum seit dem Untergang jener riesenhaften und wunderbar mannigfaltigen Tierwelt verflossen ist. Leider ist die Wissenschaft gegenwärtig noch nicht imstande, darauf eine genaue Antwort zu geben; man muß sich mit bloßen Schätzungen begnügen, und diese schwanken zwischen vier und zehn Millionen Jahren.

Buschklepper.