Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil
Part 3
Wie halbverdaute und unverdaute Reste in der Magengegend und die in großer Menge vorhandenen Exkremente (Kotballen) beweisen, bestand die Nahrung der Fischdrachen hauptsächlich aus Fischen und Kopffüßern (Tintenschnecken, Ammoniten und Belemniten). Durch den Tintenbeutel der letzteren ist oft der Mageninhalt dunkel gefärbt. Die versteinerten Kotballen oder +Koprolithen+ zeigen stets mehr oder weniger deutliche Spiralfurchen, was offenbar von einer spiralig gewundenen Hautfalte des Mastdarms, der sogenannten Spiralklappe, herrührt. Dasselbe ist von einigen Panzerlurchen bekannt. Unter der heutigen Tierwelt weisen nur die interessanten Lurchfische, die Haie und Störe, alles sehr alte Sippschaften, einen derartigen Apparat auf. Die Koprolithen, die durch ihren Gehalt an Phosphorsäure sich als Dünger eignen, finden sich in einzelnen Schichten des englischen Lias in solcher Menge, daß sie bergmännisch abgebaut werden. Beim Anschleifen zeigen sie oft hübsche Zeichnungen, so daß sie auch zur Herstellung von Knöpfen und Broschen benutzt werden, gewiß eine höchst auffällige Verwendung von Exkrementen.
Die Ichthyosaurier brachten die Jungen lebendig zur Welt, entgegen allen Gewohnheiten der Reptilien. Man fand einige Weibchen in „interessanten“ Umständen, die Jungen schön entwickelt und völlig unversehrt hinter dem Magen, mit der Schnauze nach hinten gerichtet. Bei einigen Funden gewinnt man den Eindruck, daß die Jungen verschlungen worden seien, und es ist daher wahrscheinlich, daß die nimmersatten Fresser dem Kannibalismus gehuldigt und ihr eigen Fleisch und Blut nicht verschont haben.
Vielleicht interessiert es den Leser, noch einiges zu hören über die Gewinnung der Saurierleichen in Württemberg. Oskar Fraas schreibt darüber:
Da bekanntlich der Wissenschaft die Mittel immer fehlen, die gerade nur in ihrem Interesse aufgewendet werden sollen, so muß sie sich an sehr unwissenschaftliche Arbeiten anlehnen, in diesem Falle an die Gewinnung von Bodenplatten für Hausfluren, Keller und Viehställe, oder an die Industrie in Mörtel und Zement, oder gar ans duftige Schieferöl. Die eine ruft in Schwaben, die andere in Frankreich und England die Saurier wieder ins Leben. In Schwaben sind es die Orte Holzmaden, Zell, Ohmden, Isingen, Boll, darin seit Jahrhunderten die Plattenindustrie getrieben wird. Der Name von +Boll+, des alten, schon von Bauhin[3] verherrlichten Badeortes, ist dem Auslande der bekannteste. Auf einer Quadratrute Oberfläche (eine Rute = 3 Meter) liegt durchschnittlich ein „Tierle“, wie der Arbeiter die Saurier nennt. Da liegen sie in ihren vieltausendjährigen Steinsärgen, vom Schiefer dicht umhüllt, nur die rohen Umrisse erkennt man gleich den in Leinwand gewickelten Mumien. Man sieht den Kopf durchblicken, die Wirbelsäule, die Lage der Glieder, die ganze Länge des Tieres, und raschen Blickes erkennt an dieser Form schon der Arbeiter, ob’s ein Tier ist mit Flossen oder mit „Pratzen“ (das heißt ob Ichthyosaurus oder Teleosaurus). Ist doch ein „Pratzentier“ ums Dreifache mehr wert als eines mit Flossen. Aber nicht danach bloß richtet sich der Preis: das Wichtigste ist, wie und wo das Tier liegt, ob im festen, dauerhaften „Fleins“, was das Erwünschteste ist, ob es Schwefelkies führt, was leider die schönsten Stücke oft unbrauchbar macht, und namentlich, ob am Stück nichts fehlt, wenn die Platte durch das Schrämen oder durch natürliche Abgänge entzweiging. Bis zu 100 Gulden (210 Franken oder 168 Mark) wird für ein vollständiges Tier bezahlt. Der Arbeiter tut keinen Schritt zum Verkauf des Fundes, er stellt ihn ruhig zur Seite, weiß er doch, daß fast von Woche zu Woche die Käufer kommen, die Unterhändler der Kabinette und wissenschaftlichen Sammlungen. Kein Pferdehandel wird je mit solchem Eifer abgeschlossen, mit solchem Aufgebot aller Beredsamkeit und Entfaltung aller Künste und Kniffe, als der Saurierhandel, und keiner erfordert neben genauer Kenntnis der Stücke so viele Schlauheit, um nicht, da ohnehin die Katze im Sacke gekauft wird, zu Schaden zu kommen. Kein Kauf endlich kommt zustande, ohne daß der Käufer noch die besondere Verpflichtung eingehen muß, mit verschiedenen Wein- und Mostflaschen dem gefallenen Helden eine Totenfeier zu veranstalten.
Noch steht aber das schwierigste Geschäft bevor, es gilt jetzt, den Saurier zu „putzen“, das heißt ihn aus der Schieferhülle zu lösen und seine alten Knochen ans Licht der Sonne zu bringen. Nur Vertrauten darf solche Arbeit überlassen werden, eine unkundige Hand „schindet“ das Tier. Monatelang dauert bei manchen die Arbeit, denn mehr mit Grabstichel und Nadel, als mit Hammer und Meißel muß das Gebirge (Gestein) vom Knochen genommen werden. Wer nicht selbst schon den Grabstichel geführt hat, versteht nichts von den Freuden, die den Kenner erfüllen, wenn er den Verlauf eines Knochens im Schiefer verfolgt und jeden Tag ein Stückchen, schließlich das harmonische Ganze des Tieres vor Augen legt.
[3] Johann Bauhin, geboren 1541 zu Basel, machte große Reisen durch Europa, war ein vorzüglicher Botaniker, zuletzt Leibarzt des Herzogs von Württemberg.
Schreckdrachen.
Bei einer früheren Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, daß die Katastrophentheorie, wonach von Zeit zu Zeit alles Lebende vernichtet und die Welt plötzlich umgestaltet worden, als überwunden gelte; sie verträgt sich mit den Ergebnissen der neueren Forschung nicht und steht im Widerspruch mit der gesamten modernen Weltanschauung. Die Wissenschaft weist nach, daß seit den ältesten Zeiten eine ununterbrochene Entwicklung stattgefunden hat und daß auch in der Vorzeit dieselben Naturkräfte und -gesetze wirksam gewesen sind wie heute. Wenn aber die Meinung aufkam, daß die Entwicklung stets in derselben Weise und demselben Tempo vor sich gegangen wie in unseren Tagen, so lag auch hierin wieder ein kleiner Irrtum. Wie das Auftürmen von Falten- und Überschiebungsgebirgen, das Absinken riesiger Erdschollen, das Hereinbrechen des Ozeans, der Wechsel des Klimas periodisch erfolgte, unterbrochen durch lange Pausen, so auch die Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt. Es gibt Zeiten verhältnismäßig großer Ruhe, wo die Welt fast stillzustehen scheint, und wieder solche gewaltiger Bewegung, wo alles wankt und ein allgemeiner Umsturz sich geltend macht. Das sind die großen Epochen der Erdgeschichte, die sich mit jenen der Menschheits- oder Kulturgeschichte vergleichen lassen. Im Gefolge der großen Umwälzungen, die eine neue Periode einleiten, tauchen zahlreiche neue Typen auf, während alte, die jenen nicht mehr die Stange halten können, verschwinden oder doch die Herrschaft abgeben und sich aufs Altenteil zurückziehen. Die Fortschrittler stürmen vorwärts und entwickeln immer neue, immer gewaltigere Kräfte, bis auch ihre Zeit abgelaufen ist. So erging es auch den +Schreckdrachen oder Dinosauriern+ (von ~deinos~ oder ~dinos~: schrecklich). Das war ein himmelstürmendes Titanengeschlecht, eine Sippschaft von ebenso kolossalen wie seltsamen, zum Teil geradezu fabelhaften Wesen, und diese Riesensippe endete mit einer winzigen, unbedeutenden Art, die sich als lebendes Fossil bis in unsere Tage hinübergerettet hat. Dieser „letzte Mohikaner“ ist die +Brückeneidechse+ Neuseelands (~Hatteria~), bis vor kurzem ebenso unbeachtet und unbekannt wie die uralten Molchfische der südlichen Halbkugel, die überhaupt einer ganzen Reihe überlebter Typen noch eine kümmerliche Existenz ermöglicht hat. Das meterlange Tier, das heute sehr selten und offenbar im Aussterben begriffen ist, sieht äußerlich einer gewöhnlichen Eidechse ähnlich, hat aber Fischwirbel gleich den Fisch- und Schlangendrachen und auch sonst allerlei Merkmale, welche nur bei den Uramphibien und Urreptilien vorkommen, steht also in gewissen Beziehungen noch tiefer als die Schreckensechsen der Trias-, Jura- und Kreideperiode.
Die Schreckdrachen erinnern in Größe und Gestalt vielfach an die Drachen der Sage, können aber diesen nicht als Vorbilder gedient haben, da sie schon vor dem Auftreten des Menschen ausgestorben waren. Man kennt heute zirka 50 Gattungen mit mehr als 100 Arten, und Jahr um Jahr werden wieder neue erstaunliche Funde gemacht. Außer Europa haben besonders Nordamerika und Ostafrika solche geliefert. Es sind darunter Tiere, welche mehr als Elefantengröße haben, aber auch solche, die nur die Größe einer Katze erreichen. Merkwürdigerweise zeigen manche im Knochenbau entschiedene Annäherung an Vögel, woraus wohl geschlossen werden darf, daß beide aus einer gemeinsamen Wurzel abstammen, die man allerdings zur Stunde noch nicht kennt, die aber möglicherweise eines Tages gefunden wird. Im folgenden mögen einige der wichtigsten und interessantesten Gattungen dem Leser in Bild und Wort vor Augen geführt werden.
Lindwürmer.
Im zweiten Teil dieser Erdgeschichte wurde darauf hingewiesen, daß nach der großen Steinkohlenperiode, während welcher Jahrmillionen hindurch sehr gleichartige Zustände in bezug auf Verteilung von Land und Meer, Klima, Pflanzen- und Tierwelt geherrscht haben, ein gewaltiger Umschwung eingetreten sei. Auf der nördlichen Halbkugel fanden großartige Erdverschiebungen statt; es bildeten sich tiefe Spalten, die den schmelzflüssigen Massen in der Tiefe als Ausbruchspforten dienten und Anlaß zur Bildung zahlloser Vulkane und vulkanischer Ergüsse gaben. Niedriges Sumpfland wechselte mit Brackwasser- und Süßwasserseen, neue Gebirge entstanden; dann wurde das Festland vielfach zur Wüste und die salzigen Binnenmeere trockneten aus, so daß mächtige Salzlager entstanden (Staßfurt bei Magdeburg und Sperenberg), die sich besonders durch ihren Reichtum an Kalisalzen auszeichnen. Auf der südlichen Halbkugel war derweil eine Eiszeit eingetreten und hatte den verweichlichten Steinkohlenpflanzen den Garaus gemacht. Es entwickelte sich in Anpassung an die neuen Zustände eine ganz neue Pflanzenwelt. Dann brach der Ozean herein und lagerte über der Steinkohlen-, Perm- und Buntsandsteinformation Meereskalk (Muschelkalk) ab. Aber auch dieses Meer war nicht „ewig“; zumal im nördlichen und nordwestlichen Teil Europas bewirkten bedeutende Bodenschwankungen ein langsames Austrocknen desselben; an seine Stelle traten wieder Seen und Sümpfe, und diese machten der Sand- und Lehmwüste Platz. Es entstehen die roten Mergel und Tone, die grauen und roten Sandsteine (Silbersandstein und Schilfsandstein Stuttgarts), die man als Keuper bezeichnet (oberste Trias). Die Siegel- und Schuppenbäume sind verschwunden und ersetzt durch allerlei Nadelhölzer, worunter manche mit breiten ledrigen Blättern; die Farne sind teilweise verdrängt durch palmenähnliche Sagobäume (Palmenfarne) und die Rohrbäume (Kalamiten und Kalamarien) durch echte Schachtelhalme, welche jene an imposantem Wuchs bei weitem nicht erreichen und furchtbar eintönige steife Dschungel von armsdicken, 4 bis 6 Meter hohen Stangen bilden. Die Flüsse vermögen sich meist nicht bis zum offenen Meer zu behaupten, sondern versiegen im Wüstensand oder endigen in flachen Mulden, in sumpfigen Steppenseen, die sich mit Schlamm und Sand füllen. Da und dort werden Flußläufe durch vorrückende Wanderdünen zerschnitten und teilweise zugefüllt, wodurch das Land am Unterlauf der Wasserzufuhr verlustig geht und in einen großen Friedhof verwandelt wird. Alles Lebende geht dort zugrunde, und der nächste Wüstensturm deckt die Leichen mit Sand und Staub. So sah es zur Keuperzeit aus in der Heimat der triadischen „Lindwürmer“, im Schwabenland.
Im Süden Stuttgarts bei Degerloch fand man vor etlichen Jahrzehnten die versteinerten Knochen eines seltsamen Ungeheuers, welchem der hervorragende württembergische Geologe und Paläontologe Quenstedt den Namen des „+schwäbischen Lindwurms+“ beilegte. Sein wissenschaftlicher Name ist +Zanklodon+, nach den riesigen Greifzähnen, welche die Form eines Winzermessers haben (~zagkle~ oder ~zankle~: Winzermesser und ~odon~: Zahn). Ein Oberschenkelknochen ist 75 Zentimeter lang und ein Hinterfuß bedeckt eine Fläche von ¼ Quadratmeter. Das gewaltige Tier erreichte insgesamt eine Länge von zirka 7 Meter. Die Vorderglieder sind verhältnismäßig klein und konnten jedenfalls nicht zum Gehen benutzt werden, dienten vielmehr als Greifhände; dagegen waren Hinterglieder und Schwanz sehr kräftig entwickelt, woraus zu schließen ist, daß dieser Lindwurm aufrecht auf den Hinterbeinen einherging. Er erinnert so einigermaßen an ein Känguruh, war aber viel größer, plumper und schwerfälliger als dieses und konnte trotz des muskulösen Schwanzes keine großen Sprünge machen. Der Schwanz diente wohl als Stütze in der Ruhelage und außerdem als Balancierstange. Die Zehen waren mit ungeheuren Krallen bewaffnet, deren Hornsubstanz, weil leicht verweslich, natürlich nicht mehr vorhanden ist. Der Kopf war nicht sehr groß und mit einem scharfen Raubtiergebiß versehen. Die Natur hat hier versucht, einen Zweifüßer zu schaffen, der nicht mehr am Boden hinkriechen muß, sondern stolz erhobenen Hauptes als geborener Herrscher dahinschreiten kann. Der Name +Reptil+ -- Kriecher, Schleicher -- will hier nicht mehr recht passen, und doch ist kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Lindwürmern und den Neckarsauriern, die zur gleichen Zeit und in den gleichen Gegenden lebten.
Überreste eines nahen Verwandten, der zu Ehren seines Entdeckers den Namen +Greßlyosaurus+ erhielt, fand man bei Liestal in Baselland. Der unglückliche Greßly, ein vorzüglicher Geologe, verfiel in geistige Umnachtung und wurde von der fixen Idee befallen, daß er in jenen Lindwurm verwandelt worden sei. In Thüringen, Frankreich und Südafrika stieß man ebenfalls auf Spuren derartiger Drachen; manche von ihnen konnten noch nicht aufrecht gehen, sondern krochen nach alter Väter Weise auf allen vieren.
Iguanodonten.
Während die „schwäbischen Lindwürmer“ schon im Keuper wieder verschwanden, haben sich ähnliche Formen viel länger erhalten und sind erst in der Kreidezeit ausgestorben. Zu diesen gehören die +Iguanodonten+, von denen man sich früher ganz falsche Vorstellungen gemacht hat, da lange Zeit nur einzelne Knochen bekannt waren. Nun besitzt man aber die vollständigen Skelette dieser Kreidedrachen. Besonders Belgien hat prachtvolle Exemplare geliefert, und das Paläontologische Museum in Brüssel besitzt etwa zwei Dutzend derselben. Es macht einen nachhaltigen Eindruck, unter jenen vorweltlichen Riesen umherzuwandeln. Gleich den Zanklodonten, denen sie an Größe gleichkamen, schritten sie aufrecht einher, ihren Kopf, der mit dem langen Hals einen rechten Winkel bildet, spähend bald links, bald rechts wendend. Der Name bedeutet soviel wie die „Leguanzähnigen“. Man fand nämlich zunächst nur einzelne Zähne, welche denen einer heutigen Eidechse, des +Leguans+ -- +Iguana+ -- ähnlich sind. Die Leguane sind abenteuerlich gestaltete 1½ Meter lange Rieseneidechsen Südamerikas und Westindiens, welche sich auf dem Wasser ebenso gewandt bewegen wie auf dem Erdboden und im Geäst der Bäume. Ihres wohlschmeckenden Fleisches wegen werden sie von den Eingeborenen gejagt. Zu den Kammeidechsen oder Leguanen gehört auch der Basilisk, etwas kleiner als der gemeine Leguan, mit hohen Hautlappen auf Rücken und Schwanz. Nun weiß man heute, daß die ausgestorbenen Iguanodonten mit den lebenden Kammeidechsen nicht näher verwandt sind, aber der Name ist geblieben. Die Bezahnung der Iguanodonten ist eine unvollständige, indem der vordere Teil der Kiefer zahnlos und vermutlich mit einer Art hornigem Schnabel versehen war. Die großen spatelförmigen Zähne sind am Rande gekerbt und greifen scherenartig übereinander. Sie erscheinen fast immer stark abgenutzt, waren also wohl zum Abbeißen und Kauen harter Pflanzenstoffe, vielleicht zum Abweiden der Baumkronen eingerichtet. Nebenbei mögen auch Schaltiere als Nahrung gedient haben. Jedenfalls waren die Iguanodonten keine blutdürstigen Bestien, sondern langsame, schwerfällige Geschöpfe. Daß ihre +geistigen+ Fähigkeiten gering waren, geht schon aus der geringen Größe der Schädelhöhle hervor. Zur Verteidigung dienten außer den Kiefern der große und ungemein kräftige Schwanz und die Daumen der Vorderglieder, die je zu einem Sporn oder natürlichen Dolch umgewandelt waren, der von den übrigen Fingern senkrecht abstand. Lange Zeit hielt man diesen Sporn für einen zum Schädel gehörigen Hornzapfen und zeichnete das Tier mit einem Horn. Wir werden übrigens später eine verwandte Form kennen lernen, die wirklich ein Horn getragen hat. Auffallend ist die Tatsache, daß die Hinterfüße nur drei Zehen nebst einer verkümmerten vierten Zehe besitzen und im anatomischen Bau mit denjenigen der großen Laufvögel eine gewisse Übereinstimmung zeigen, so daß die Iguanodonten seinerzeit geradezu als Ornithopoden, das heißt Vogelfüßer, bezeichnet worden sind. Ihre Fährten, die auf Sandsteinplatten der Kreideformation zu Tausenden und in allen Größen vorhanden sind, wurden denn auch anfangs für Fährten von Riesenvögeln gehalten. (Siehe Abbildung 10, Brontozoumfährte). Daß in der Tat nicht nur zufällige Ähnlichkeiten mit Vögeln bestehen, zeigt die Übereinstimmung des Iguanodonfußes mit dem des Hühnchens im Ei. Der Vogelembryo (Keim) hat zuerst Iguanodonfüße und erhält erst durch Verkümmerung und teilweise Verschmelzung einzelner Knochen richtige Vogelfüße. Freilich ist nicht daran zu denken, daß die Vögel etwa von Iguanodonten, überhaupt von Dinosauriern abstammen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach haben die beiden Stämme eine gemeinsame Wurzel. Die Trennung hat wohl schon in der Trias, wenn nicht bereits in der Permperiode stattgefunden. Hier läßt uns die Überlieferung im Stich; von der großen Chronik der Erdgeschichte fehlen einige Bände völlig. Aber glückliche Funde können auch da in ungeahnter Weise Licht bringen.
Wie artenreich die Sippschaft der „Vogelfüßer“ gewesen, läßt sich einigermaßen ahnen aus der großen Zahl und Mannigfaltigkeit der Fährten, das heißt der Abdrücke, welche die verschollenen Saurier auf dem feuchten Sand und Schlamm der Ufer zurückgelassen haben. An der englischen Küste bei Hastings sowie in verschiedenen Gegenden Deutschlands findet man Fußspuren von 20 bis 75 Zentimeter Größe, und in Nordamerika sind dergleichen Funde noch häufiger. Manche Fährten ergeben eine Schrittweite von 3 und 4 Meter, lassen also auf Tiere von fabelhafter Größe schließen, aber wie dieselben ausgesehen, weiß zur Stunde niemand zu sagen.
Zum Schlusse dieses Kapitels mögen noch zwei wissenschaftlich interessante Formen erwähnt werden: der +Kompsognathus+ und der +Hadrosaurus+ (Trachodon), ersterer aus dem schwäbischen und fränkischen Jura bekannt, ein sehr leicht gebautes, zierliches Tier von Katzengröße, mit vogelähnlichem Schädel, langen schlanken Hinterbeinen, dreizehigen Vogelfüßen und langem Schwanz; letzterer ein großer, 8 bis 9 Meter langer Schreckdrache von der Gestalt eines Iguanodon, jedoch mit seltsamem riesigem Entenschnabel und einem ebenso seltsamen pflasterartigen Gebiß, das aus zirka 2000 kleinen Zähnen besteht. Man fand ein solches Tier mit erhaltener Haut, die mit Schuppen bedeckt war. Der Hadrosaurus stammt aus der obersten Kreide Amerikas. Von beiden Gattungen sind europäische und amerikanische Vettern bekannt. (Siehe Abbildung 19.)
Amerikanische Größen.
Europa war zur Jurazeit fast ganz vom Meere bedeckt; nur einzelne Inseln und uralte Gebirgsmassen erhoben sich über dasselbe. Hier war somit zur Entfaltung einer großartigen Landfauna (Tierwelt) nicht genug Raum vorhanden, und so kommt es, daß zwischen den Schreckdrachen der Triaszeit und denjenigen der Kreideperiode eine große Lücke besteht. Fast möchte man glauben, mit dem Ende der Keuperzeit sei eine ungeheure Katastrophe, etwa eine allgemeine Sintflut hereingebrochen, habe die ganze Tierwelt vernichtet, und nach vielen Hunderttausenden von Jahren habe die Natur wieder von vorn angefangen. Allein jene Überflutung fand nicht überall statt; in Nordamerika zum Beispiel blieb auch während der auf die Trias folgenden Jurazeit ein ausgedehntes Festland bestehen, und dort konnten sich die Landtiere der Keuperzeit weiter entwickeln. In der unteren Kreide erreichten sie die höchste Entfaltung. Von Nordamerika kamen denn auch vor Jahren wunderbare Mären von fremdartigen Sauriern, die an Größe und Seltsamkeit der Form alles bis dahin Bekannte in Schatten stellten. Skeptische Naturen nahmen jene Berichte mit einem gewissen Mißtrauen entgegen, aber die wissenschaftlichen Darstellungen namhafter Paläontologen und vor allem die in den Museen aufgestellten Funde selber machten es zur Gewißheit, daß man es nicht mit romantischen Übertreibungen einer sensationslüsternen Presse zu tun habe.
Der gewaltigste unter den amerikanischen Schreckdrachen scheint der +Atlantosaurus+ gewesen zu sein, dessen Überreste im Staate Wyoming am Ostabhang des Felsengebirges gefunden wurden. Der Name ist der griechischen Göttersage entnommen. Der Riese Atlas, der Sohn eines Götterriesen (Titanen) und einer Meergöttin, hatte sich mit seiner ganzen Sippschaft gegen den Himmelvater Zeus empört, wurde aber besiegt und dazu verurteilt, an den Grenzen der Erde, wo Tag und Nacht zusammenkommen, nämlich an der jetzigen Meerenge von Gibraltar, den Himmel zu tragen. Atlas bedeutet auch in der Tat soviel wie „Träger“. Balkenträger an Gebäuden werden daher auch Atlanten genannt. Nach einer anderen Sage war er Besitzer der berühmten Hesperidengärten, einer Art Paradies in der Gegend des heutigen Marokko, und wurde vom griechischen Halbgott Perseus wegen seiner Ungastlichkeit mit Hilfe des Medusenhauptes zum Gebirge versteinert. Nach ihm wurde auch der Atlantische Ozean benannt.
Der +~Atlantosaurus immanis~+, das heißt der entsetzliche Riesendrache, war ein Koloß von 30 Meter Länge bei 9 Meter Höhe. Diese ungeheure Fleischmasse bewegte sich auf vier ungefähr gleich großen säulenförmigen Beinen, die je fünf Zehen mit hufartigen Klauen besaßen und nach Art der Eidechsenglieder gebaut waren. Die Oberschenkelknochen sind annähernd 2½ Meter lang und an ihrem oberen Ende ½ Meter dick. Es wird uns dies nicht wundernehmen, wenn wir bedenken, daß ja das Tier, das sie zu tragen hatten, „die Größe eines ziemlich ansehnlichen Hauses“ erreicht haben mußte. Ja, diese mächtigen Knochen hätten wohl kaum ausgereicht, die enorme Last zu tragen und fortzuschleppen, wenn nicht durch besondere Vorrichtungen das Gewicht des Körpers herabgemindert worden wäre. Die Wirbel, von denen die größten einen Meter Durchmesser besaßen, waren nämlich hohl und zu Lebzeiten des Tieres wahrscheinlich mit Luft erfüllt, nur die Wirbel des dicken und langen Schwanzes waren massiv.
Nahe Verwandte des Atlantosaurus sind der +Barosaurus+ (der „Schwere“) und der +Brontosaurus+. Ersterer ist in allen Skeletteilen bekannt; er erreicht eine Länge von 20 Meter, sein Nackenwirbel einen Durchmesser von reichlich einem Meter. Der Brontosaurus, ist ebenso groß und besaß einen ungeheuer langen Plesiosaurushals mit 13 Wirbeln. Wir geben nach einem vollständigen Skelett eine Rekonstruktion des Tieres, wie es lebend etwa ausgesehen haben mag. Auch beim Brontosaurus sind die Wirbel mit großen Luftkammern versehen, selbst die drei ersten Schwanzwirbel besitzen solche. Als weiteres Merkmal verdient hervorgehoben zu werden die im Verhältnis zum Körper winzige Größe des Kopfes und der Gehirnhöhle. „Das Gehirn,“ sagt Neumayr, „ist so außerordentlich klein, wie es im Verhältnis wohl bei keinem anderen höheren Tier bis jetzt bekannt ist.“