Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil
Part 2
Die heutigen Lurche sind eine heruntergekommene Gesellschaft und lassen nicht mehr erkennen, welche bedeutende Rolle ihre Vorfahren gespielt haben. Letztere standen in der Steinkohlenzeit an der Spitze der gesamten Tierwelt und weisen achtunggebietende Vertreter auf. Da ist einmal der +Kohlendrache+ (Anthrakosaurus), ein Riesenmolch von der Größe des Nilkrokodils, aber breiter, schwerfälliger und plumper als dieses, während der „+Echsenstammvater+“ oder Ursaurier (Archegosaurus) von schlankerem Bau und höchstens 1,5 Meter Länge war. Eine fußlose Form, +Dolichosoma+ (von ~dolichos~: lang und ~soma~: Leib), mit langem, spitzigem, schmalem Kopf gleicht einer Riesenschlange. Sie hatte aber keine Lunge wie die echten Schlangen, sondern Kiemen an den Seiten des Halses und bewohnte die großen Sümpfe und Seen der Steinkohlenperiode. Reste dieses sonderbaren Lurches wurden in England, Irland und Böhmen, solche von verwandten Gattungen in Nordamerika gefunden.
Neben den genannten existierten zahlreiche kleinere Arten von der Größe der heutigen Molche. Einige derselben scheinen mit Vorliebe in Baumhöhlen gehaust zu haben, denn man findet ihre Skelette nicht selten in hohlen Siegel- und Schuppenbäumen.
Ein gewaltiges Tier wurde in der schwäbischen Triasformation gefunden, der +Zitzenzahndrache+ (~Mastodonsaurus giganteus~), wohl 4 Meter lang, wovon reichlich ein Meter auf den Kopf entfällt. Das furchtbare Gebiß mit 10 Zentimeter langen Eckzähnen deutet auf eine räuberische Lebensweise. Sehr häufig findet man Fährten von dergleichen Amphibien, ohne daß man feststellen könnte, von was für Arten dieselben herrühren. Da die Abdrücke handförmig sind, so spricht man allgemein von +Handtieren+. (Siehe Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 7.) Auffallend ist der Größenunterschied zwischen den vorderen und den hinteren „Händen“. Jene Fährten sind dadurch zustande gekommen, daß die betreffenden Tiere über feuchtes See- oder Meeresufer dahingeschritten sind. Der sandige oder schlammige Lehm erhärtete hierauf; später wurden die Fußtapfen bei steigender Flut ausgefüllt, und so entstand ein Abguß der Fährten.
Schon eine flüchtige Betrachtung ergibt, daß die alten (fossilen) Amphibien von den heutigen in mancher Beziehung abweichen, und bei genauer Untersuchung des Körperbaus wird das noch offensichtlicher. Die jetzigen Lurche (Molche, Frösche) sind nackt, die alten tragen einen Knochenplatten- oder Schuppenpanzer, weshalb sie +Panzerlurche+ genannt werden. Sie stimmen also hierin mit den Reptilien oder Sauriern überein (Eidechsen, Krokodile). Auch sonst haben sie große Verwandtschaft mit letzteren, aber auch mit gewissen Knorpelfischen, vereinigen also die Merkmale von drei heute scharf geschiedenen Wirbeltierklassen. Das Skelett ist meist knorpelig oder nur teilweise verknöchert und die Wirbel sind oft nur angedeutet, die Augenhöhlen meist groß und mit einem brillenartigen Knochenring versehen. Auf der Stirn befand sich ein unpaares drittes Auge, das bei den jüngeren Amphibien verkümmert, aber immerhin noch nachweisbar ist. Selbst beim Menschen ist die rudimentäre Anlage dieses unpaaren Auges als sogenannte Zirbeldrüse des Gehirns vorhanden.
Für die +Abstammung+ der Amphibien ist außer den angeführten anatomischen und entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen die Existenz einer kleinen, aber interessanten Tiergruppe, die sich bis auf unsere Tage erhalten hat, von hervorragender Bedeutung; das sind die +Lurchfische+ oder +Doppelatmer+. Der berühmteste unter diesen ist der +Barramundi+ (~Ceratodus~) Südaustraliens, ein walzenförmiges, 2 Meter langes Schuppentier, dessen steife, gleichfalls beschuppte paarige Flossen als Schreitbeine benutzt werden können. Er besitzt noch Kiemen für die Wasseratmung, hat aber die Schwimmblase in eine Art Lunge umgewandelt, so daß er im Notfall direkt Luft einatmen kann. Zwei verwandte Gattungen Südamerikas und Südafrikas können des Wassers völlig entbehren. Wenn die Sümpfe und Bäche, in denen sie leben, austrocknen, so stellen sie die Kiemenatmung ein und benutzen ihre primitiven Lungen, das heißt die zelligen Schwimmblasen. Hier sehen wir klar, welchen Weg die Natur gegangen ist, um aus flossentragenden Wassertieren vierbeinige Landtiere zu schaffen. Es hat also in der Vorzeit, wahrscheinlich in der Devonperiode, unter den Fischen eine Scheidung stattgefunden; der größere Teil beharrte beim Wasserleben und änderte daher die Organisation nicht mehr wesentlich; ein kleiner Teil suchte sich dem Landleben anzupassen, und aus ihm gingen alle höheren Wirbeltiere bis zur „Krone der Schöpfung“ hervor. Die heutigen Lurch- oder Molchfische sind gewissermaßen lebende Petrefakten, die letzten Überlebenden einer längst verschwundenen Klasse, die von den Fischen zu den Amphibien und Reptilien und weiterhin zu den Säugetieren und Vögeln hinüberführte.
Unter den +jüngeren+ fossilen Lurchen hat es nur eine einzige Art zur Berühmtheit gebracht; damit verhält sich’s folgendermaßen: In einem Steinbruch bei Öhningen am Untersee (Baden) fand man zahllose Versteinerungen aus der Tertiär- oder Braunkohlenzeit, darunter auch das Skelett eines ziemlich großen Wirbeltiers. Der alte Scheuchzer, Stadtphysikus und Professor der Mathematik in Zürich (1672 bis 1733), ein ausgezeichneter Gelehrter und trefflicher Naturforscher, dem aber das Bestreben, die im Entstehen begriffene Erdgeschichte mit der Bibel in Einklang zu bringen, einen bösen Streich spielte, glaubte darin Schädel, Wirbelsäule und Arme eines jungen Menschen zu erkennen. Er hielt es für eines jener „unglücklichen Adamskinder“, das in der Sintflut umgekommen, und nannte es +~Homo diluvii testis~: Mensch, Zeuge der Sintflut+. Ihm erschien es als „ein recht seltenes Denkmal jenes verfluchten Menschengeschlechts der ersten Welt. Die Abbildung gibt zu erkennen den umcreyß des Stirnbeins, die Augenleisen, das Loch an der untern Augenleise, welches dem großen Nerven vom fünften Paar den Durchpaß giebet, Überbleibsel des Gehirns, das Jochbein, etwas übriges von der nasen, ein ziemlich stück von denen kauenden Mäußlein, weiteres 16 Rückgrad-Wirbel und Anzeigen der Leber.“ Dazu dichtete ein frommer Gottesmann das rührende Sprüchlein:
Betrübtes Beingerüst von einem armen Sünder, Erweich’ das steinern Herz der neuen Bosheitskinder.
Dem wackeren Scheuchzer war es mit seiner Sintfluttheorie hauptsächlich darum zu tun, den Zeitgenossen glaubhaft zu machen, daß die Versteinerungen Überreste von wirklichen Tieren und Pflanzen und nicht bloß sogenannte „Naturspiele“ oder durch allerlei geheimnisvolle Zauberkräfte hervorgerufene „Zeichen“ seien. Auch war damals von der voradamitischen Zeit und den geologischen Perioden und Formationen noch nichts bekannt. Das hier abgebildete Skelett befindet sich in der Züricher paläontologischen Sammlung und ist vom berühmten Cuvier (sprich Küwieh, gestorben 1832 zu Paris) als +Riesensalamander+ (~Salamandra gigantea~) bezeichnet worden. Das Tier weicht aber von den eigentlichen Salamandern in wesentlichen Punkten ab und wurde von Tschudi umgetauft in ~Andrias Scheuchzeri~, was soviel bedeutet als Scheuchzers Menschenbild. In den Braunkohlen bei Bonn und in Böhmen sind zwei kleinere Arten vorweltlicher Riesenmolche gefunden worden. Der nächste lebende Verwandte des ~Andrias~ ist der +japanische Riesensalamander+ (~Andrias japonicus~), der 90 Zentimeter lang wird und dem Öhninger Riesen an Größe nur wenig nachsteht. Es ist ein häßliches Geschöpf mit breitem, plattem Kopf, warziger schwärzlicher Haut und plumpen Füßen, lebt mit Vorliebe in Gebirgsbächen und den mit Wasser gefüllten Kratern erloschener Vulkane und nährt sich von allerlei Wassertieren, frißt in der Not auch seinesgleichen auf. Zahlreiche Tiergärten sind im Besitz lebender Exemplare.
Kriechtiere.
(Reptilien oder Saurier.)
Das +Altertum+ der Erde (paläozoisches Weltalter, Algonkium bis Perm) hat es in langsamer Entwicklung durch ungezählte Jahrmillionen hindurch bis zum Amphibium -- zum Panzerlurch -- gebracht, und das war ein großer Schritt; aber das +Mittelalter+ (Trias-, Jura- und Kreidezeit) schuf drei neue Tierklassen: Reptilien, Vögel und Säugetiere, und gesellte ihnen die moderne Pflanzenwelt mit echten Nadelhölzern und dem Heer der höheren Blütenpflanzen. Zu erstaunlicher Entwicklung sowohl in bezug auf Zahl und Mannigfaltigkeit als auch hinsichtlich der Körpergröße brachten es die Saurier, und gar manche derselben erinnern an die phantastischen Ungeheuer der Sage, weshalb sie häufig geradezu als „Drachen“ bezeichnet werden. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß sie lange vor dem Auftreten des Menschen, des ~homo sapiens~, samt und sonders schon ausgestorben waren. Hätten jene Drachen sprechen können, so würden sie, wie Quinet das ausdrückt, gesagt haben: „Wir sind die Könige der Welt. Kein anderes Wesen erhebt sich bis zu uns. Das Reptil ist die höchste, göttergleiche Gestalt; in ihm vollendet und krönt die Natur ihr Werk.“
Die heutigen Reptilien mit ihren vier Ordnungen der Eidechsen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten bilden ein armseliges Häuflein gegenüber ihren ausgestorbenen Vorfahren, welche mehr als ein Dutzend Ordnungen mit annähernd siebzig Familien aufweisen, wobei in Betracht zu ziehen ist, daß wir von der untergegangenen Tierwelt naturgemäß nur einen verschwindend kleinen Teil kennen. Von dem großen Buch der Erdgeschichte sind nur wenige Kapitel und von diesen oft nur wenige Seiten oder gar nur einzelne schlecht erhaltene rätselhafte Schriftzeichen auf uns gekommen. Im folgenden mögen einige der berühmtesten Typen in Wort und soweit möglich auch im Bild dem Leser vor Augen geführt werden.
Alte Krokodilier.
Gegen das Ende des Altertums (jüngste Steinkohlenperiode und Perm) erscheinen Reptilien von eidechsenartiger Gestalt, aber sie haben noch viele Merkmale mit Panzerlurchen gemein, besonders im Bau der Wirbelsäule, der Glieder und der Zähne. Sie haben sich also aus Uramphibien entwickelt, und zwar in der Weise, daß sie die Kiemenatmung vollständig unterdrückten und ausschließlich mit Lungen atmeten, womit eine Vervollkommnung des Blutkreislaufs, gänzliche Verknöcherung des Skeletts und vollkommenere Entwicklung der Jungen im Ei, teilweise sogar im Mutterleib nebenher ging. Zu achtunggebietender Entfaltung bringen sie es in der Triaszeit. Eine der berühmtesten Formen ist der +Pfeilzahn+ oder +Belodon+ (~belos~: Pfeil und ~odon~: Zahn), von Professor Fraas +Nikrosaurus+, das heißt +Neckarsaurier+ oder +Neckardrache+ getauft. Seine prachtvollen Überreste sind aus dem schwäbischen Keuper,[2] und zwar aus dem sogenannten Stubensandstein von Stuttgart zutage gefördert worden und nun im Stuttgarter Naturalienkabinett aufgehoben. Der Neckarsaurier war, wie unsere Abbildung veranschaulicht, ein sehr stattliches krokodilartiges Reptil mit langgestreckter, wohlbezahnter Schnauze und kräftigem Panzer. Es muß eine Länge von mehr als 6 Meter erreicht haben; der Kopf allein ist zirka 1 Meter lang. Die Nasenlöcher sind nicht vorn an der Schnauze, sondern weit oben in der Nähe der Augen, also wohl Spritzlöcher, wie die heutigen Walfische sie haben. Das Tier war hierdurch instand gesetzt, das beim Ergreifen der Beute eingedrungene Wasser durch die Nasenlöcher zu entfernen, ohne die Kiefer aus dem Wasser bringen und öffnen zu müssen. So sehr der Neckardrache aber auch an Krokodile erinnert, so weicht er doch von diesen in manchen Merkmalen sehr bedeutend ab. „Der erste Blick schon zeigt,“ sagt Fraas, „daß der Keuper hier einen Saurier bietet, der mit keinem der lebenden sich vergleichen läßt, so wenig er mit einem Saurier der Juraperiode stimmen will. Von oben gesehen hat der Schädel einige entfernte Ähnlichkeit mit den ostasiatischen Krokodilen, dem Gangesgavial und dem Krokodil von Java, aber die Nasenlöcher, die bei diesen am Vorderrand der Schnauze sind, fallen ins hintere Dritteil der Schädellänge. Auch von der Seite gesehen ist kein Krokodil mit solcher Pferdenase bekannt. Andererseits erinnert die Lage der Nase in der Augengegend an Eidechsen, dagegen sind Eidechsen mit langen Schnauzen und schmalen Kiefern wieder etwas Fremdartiges. Fast möchte man an Wale und Delphine denken. Die Zähne stecken wie bei krokodilartigen Tieren in besonderen Höhlen und ersetzen sich auf dieselbe Weise. Sie sind in Form und Größe mannigfaltiger als bei jedem anderen bekannten Reptil, dabei die Wurzel eher schwächer als die Krone. Der Zahl nach sind es 175 bis 180. Vorn stehen große kegelförmige Fangzähne, auf diese zunächst kleinere und nach hinten wieder größere und flachere Kauzähne. Die bikonkaven, das heißt auf beiden Seiten ausgehöhlten Wirbelkörper, der zweite Halswirbel, ein Hakenschlüsselbein, das Darmbein erinnern an die Warneidechsen (große 1,5 Meter lange Eidechsen, die hauptsächlich in Afrika vorkommen), dagegen die Halsrippen, Rückenrippen, Schwanzwirbelbogen und das Schulterblatt wieder an Krokodile. Der Fuß stimmt wieder am meisten mit dem Gangeskrokodil, dem Gavial und jurassischen Panzersauriern überein.“
Die auffallende Erscheinung, daß ein altes Lebewesen die Merkmale von mehreren heute scharf getrennten Familien, Ordnungen oder gar Klassen vereinigt, als wäre es aus Bruchstücken von solchen zusammengeflickt worden, ist ganz allgemein und erklärt sich aus der Tatsache, daß jeweils aus einer gewissen Stammform eine Menge Nebenstämme, Äste und Zweige hervorgegangen sind. Nach dem alten Schöpfungsglauben war hierfür keine vernünftige Erklärung möglich, und die älteren Forscher standen der Erscheinung verständnislos gegenüber.
Außer Württemberg haben auch Franken, Braunschweig und Nordamerika Belodonten geliefert. Eine verwandte, viel kleinere, aber sehr zierliche Gattung, nur etwa 1 Meter lang, ist der +Aëtosaurus+. Bei Stuttgart wurden auf einer Steinplatte nicht weniger als zwei Dutzend vollständige Individuen gefunden; das Prachtstück ist im Stuttgarter Naturalienkabinett zu sehen. Im gemütlichen Schwabenland hat es einst von Krokodilen und Drachen nur so gewimmelt, und wir werden noch des öfteren darauf zu sprechen kommen.
An dieser Stelle mag noch ein +Tatzelwurm+, der +Teleosaurus+, das heißt der „vollkommene Drache“ erwähnt werden. (Siehe Juralandschaft, das große Reptil im Vordergrund.) Er stand ungefähr in der Mitte zwischen den Neckarsauriern und den heutigen Krokodilen, speziell dem Gangesgavial, daher auch der seltsame Name, welcher besagt, daß er mit der modernen Tierwelt vollkommen (~teleos~) übereinstimmt. Das Tier wurde 5 bis 6 Meter lang, trug einen starken Rücken-, Brust- und Bauchpanzer und hatte vier kräftige Pratzen, deren Zehen durch Schwimmhäute verbunden waren. Die Vorderglieder waren nur halb so lang als die hinteren und dienten wohl hauptsächlich, um sich damit am Ufer emporzuschieben. Der Schädel endet in eine lange schmale Schnauze mit vielen spitzigen, ungleich hoch und schief stehenden Zähnen. (Siehe Tafel Juralandschaft.) Die Nahrung bestand wohl aus Fischen, Tintenfischen, kleineren Lurchen und Reptilien, gelegentlich auch aus Tangen. Die „Tatzelwürmer“ hielten sich vermutlich in seichten Buchten auf und waren gute Schwimmer; auf dem Lande waren ihre Bewegungen watschelnd und ungeschickt. Trotz ihrer „Vollkommenheit“, welche sie fast zu modernen Geschöpfen macht, hatten sie doch auch reaktionäre Rückfälle; ihre Wirbel waren nämlich denen der Uramphibien und Fische ähnlich, steckten also gewissermaßen noch im Altertum drin, eine Folge von erblicher Belastung. Wunderschöne versteinerte Exemplare findet man in der Juraformation bei Holzmaden und Boll (Württemberg) und bei Banz in Franken, auch in England und Frankreich.
[2] Die deutsche Triasformation zerfällt in drei Hauptteile, daher der Name Trias, nämlich in Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper.
Schlangen- oder Langhalsdrachen.
Auf unserer Abbildung 5 gewahren wir ein seltsames Reptil mit langem, schlankem Hals und weit aufgesperrtem Rachen -- es ist ein +Nothosaurus+ (Bastardechse), ein Mittelding oder Bastard von Schlangendrache und Urkrokodil, offenbar ein gefährlicher Seeräuber, der sich aber auch am Strande leidlich gut bewegen konnte. Der Schlangenhals, der mindestens 20 Wirbel zählt, befähigte ihn, die Beute aus beträchtlicher Tiefe heraufzuholen. Der flache, eckige Kopf birgt ein sehr kleines Gehirn, weist also von vornherein auf wenig Intelligenz, aber die Sinnesorgane sind gut ausgebildet. Eines Panzers bedurfte das Tier nicht; es vermochte sich mit Hilfe des scharfen Gebisses und der großen Beweglichkeit des Halses gegen Feinde genügend zu schützen. Daß es von ausgesprochenen Landtieren abstammt und sich nur allmählich wieder ans Element seiner Urahnen -- der devonischen Urmolche -- angepaßt, also in gewissem Sinne den umgekehrten Entwicklungsgang der letzteren eingeschlagen hat, ist so gut wie erwiesen. Man kennt nämlich auch kleinere Formen mit gewöhnlichen Schreitbeinen und solche, die erst an den Vorderfüßen Schwimmhäute haben.
Die Nachkommen der Nothosaurier setzten die angefangene Entwicklung fort und paßten sich immer besser ans Meerleben an. Dies führte zum Typus der eigentlichen +Schlangendrachen+ oder +Plesiosaurier+. Das sind höchst merkwürdige Tiergestalten. In England, wo die schönsten Exemplare gefunden wurden, verglich man sie mit einer durch den Körper einer Schildkröte gezogenen Riesenschlange, daher der Name. Der auffallendste Körperteil ist der lange Schwanenhals, der bis 41 Wirbel zählt. Beiläufig mag erwähnt werden, daß der Hals des Schwanes 23, der Giraffenhals bloß 7 Wirbel besitzt. Die Riesen unter den Schlangendrachen hatten einen 4 bis 5 Meter langen Hals bei einer Gesamtlänge von zirka 9 Meter. Auf demselben saß ein kegelförmiger, verhältnismäßig kleiner Eidechsenkopf mit spitzen Krokodilszähnen. Das Rumpfskelett ist sehr kräftig gebaut und läßt auf eine gewaltige Muskulatur schließen. Irgendwelche Spuren von Bepanzerung sind nie gefunden worden; der Körper war somit nackt und wohl nur mit einer schlüpfrigen Lederhaut bedeckt, was für schnelles Schwimmen und Tauchen von großem Vorteil war. Der nicht sehr lange, aber doch kräftige Schwanz trug vermutlich eine Flosse, welche als Steuer diente. Die Beine waren zu gewaltigen Paddeln umgewandelt, also ausschließlich zum Rudern, nicht zum Gehen an Land eingerichtet. Die langen Finger steckten in einer dicken Haut wie in einem Fausthandschuh, glichen somit den Paddeln der Seeschildkröten; aber sie erreichten eine viel bedeutendere Größe.
Die Schlangendrachen waren sicherlich höchst gefährliche Räuber, der Schrecken des Meeres. Aus bescheidenen Anfängen in der Trias entwickeln sie sich zu immer riesigeren Formen und sterben in der Kreidezeit aus, so daß die heutige Tierwelt nichts Ähnliches aufweisen kann. Der Plesiosaurus war sozusagen das Urbild eines schwimmenden Wirbeltiers von höherer Organisation; was sich an ihm bewährt hat, finden wir auch heute noch, aber auf viele getrennte Ordnungen verteilt. Die Schädelmerkmale müssen wir bei den Krokodilen und Eidechsen, die Wirbel bei den Fischen, den Brustkorb bei den Schildkröten suchen; den langen Hals hat der Schwan geerbt, die Ruderfinnen und den Steuerschwanz der Delphin; doch ist bei diesem der Schwanz zu einem wichtigeren Schwimmorgan geworden. Man kann es bedauern, daß so interessante Sippen wie die Schlangendrachen verschwunden sind, aber das ist der Welt Lauf; alles ist vergänglich und muß Neuem Platz machen; wie wäre sonst überhaupt Neues und Besseres und Schöneres möglich?
Fischdrachen.
Ein Zeitgenosse und Konkurrent des Plesiosaurus ist der Ichthyosaurus (von ~ichthys~: Fisch und ~saurus~: Echse), zum Scherz wohl auch das „schwäbische Haustier“ genannt, denn der schwäbische „+schwarze+“ +Jura+ birgt dessen versteinerte Reste in fabelhafter Zahl, als wären sie dort förmlich gezüchtet worden. Offenbar lebten jene Seeräuber scharenweise in sogenannten Schulen beisammen gleich den Walfischen, Walrossen und Seehunden. Außer in Schwaben, das sieben Arten geliefert hat, findet man sie in Bayern, Frankreich, England, Spitzbergen, Nord- und Südamerika, Ostindien, Australien und Neuseeland. Die untere Juraformation Englands (Lias) weist nicht weniger als 26 Arten auf. Die Fischdrachen haben sich ans Wasserleben noch vollkommener angepaßt als die Schlangendrachen und gleich den Walen, die eine ähnliche Entwicklung durchgemacht haben, die Fischform angenommen. Die ältesten Arten (Mixosaurus, Phalarodon usw.) sind von geringer Größe und lassen erkennen, daß sie von landbewohnenden Panzermolchen abstammen. Jahrmillionen hindurch waren die Fischdrachen neben den verwandten Schlangendrachen die Beherrscher des Meeres, denn es waren gar großschnauzige und gewalttätige Herren, erreichte doch die größte Art, ~Ichthyosaurus ingens~, das heißt der Riesen-Fischdrache, 12 Meter Länge, wovon fast ein Drittel auf den Kopf entfällt. In den ungeheuren Kiefern steckten über 200 scharfe, spitze Zähne, und zwar nicht in besonderen Höhlen, sondern in einer gemeinsamen Rinne des Kieferknochens; sie wurden nur durch das Zahnfleisch aufrecht gehalten und fielen nach dem Tode leicht aus. Eine solche Befestigung der Zähne findet sich heute noch bei zwei Walfischarten.
Einen merkwürdigen Anblick bieten die Augen; sie sind von erstaunlicher Größe -- wie Teller -- und geschützt durch einen aus zahlreichen Platten bestehenden Knochenring. Wir dürfen wohl annehmen, daß dessen Besitzer imstande war, auch in beträchtlicher Tiefe wie im Dunkel der Nacht die Beute zu erspähen. Wie beim Neckarsaurier befinden sich die Nasenlöcher im hinteren Teile der langen Schnauze, unmittelbar vor dem Augenwinkel, und haben wohl als Spritzlöcher funktioniert, was auf unserer Juratafel angedeutet ist. Wahrscheinlich waren die Tiere imstande, lange unter Wasser zu verweilen, jedoch genötigt, von Zeit zu Zeit an der Oberfläche zu erscheinen, um frische Luft einzuatmen. Zum Unterschied von den Schlangendrachen ist der Hals sehr kurz, kaum erkennbar. Die Wirbelsäule besteht aus zirka 150 Wirbeln, welche ähnlich geformt sind wie jene der Fische. Die Schwanzregion ist an einer gewissen Stelle häufig abgeknickt, was von der großen schweren Ruderflosse, die sie zu tragen hatte, herrührt. Die Glieder sind zu kräftigen Ruderflossen entwickelt und gleichen äußerlich den Walfischfinnen. Außer paarigen Paddeln und der großen Schwanzflosse besaßen die Tiere noch eine gewaltige Rückenflosse, die in mehrere Lappen geteilt war und sich von der Mitte des Rückens bis zum Schwanz hinzog. Bei dem auf Seite 26 abgebildeten Exemplar sind merkwürdigerweise alle Flossen sehr schön erhalten, so daß man jetzt nicht mehr auf bloße Vermutungen angewiesen ist. „Alles an diesem Tier ist merkwürdig,“ schreibt O. Fraas; „von der Form eines Schwertwals, besaß es die Schnauze eines Delphins, die Zähne eines Krokodils, den Kopf einer Eidechse, die Wirbel eines Fisches, das Brustbein des australischen Schnabeltiers und breite Ruderfüße eines Wals.“ Von einer schützenden Körperbedeckung ist nichts zu entdecken, die Haut war vollkommen nackt.