Riesen und Drachen der Vorzeit. Geschichte der Erde, Dritter Teil
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
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Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Geschichte der Erde
Dritter Teil
Riesen und Drachen der Vorzeit
Von R. Bommeli
* Mit zwei Farbentafeln und 32 Illustrationen
Zweite Auflage *
Stuttgart 1921 Berlin J. H. W. Dietz Nachfolger | Buchhandlung Vorwärts G. m. b. H. | G. m. b. H.
Alle Rechte vorbehalten
Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart
Inhalts-Verzeichnis.
Seite
=Aus alten Mären= 5
=Allerlei Könige= 8
=Amphibien oder Lurche= 13
=Kriechtiere= (Reptilien oder Saurier) 18 Alte Krokodilier 18 Schlangen- oder Langhalsdrachen 22 Fischdrachen 25 Schreckdrachen 29 Lindwürmer (Zanklodon und Greßlyosaurus) 31 Iguanodonten 33 Amerikanische Größen 36 Diplodokus 41 Panzer- und Horndrachen 43 Afrikaner 46 Buschklepper 52 Maasechsen oder Seeschlangen 53 Vogeleidechsen oder Flugdrachen 54
=Vögel= 57 Untergang der alten Herrscher und Aufstieg der neuen Klasse 57 Ur- und Kreidevögel 58 Befiederte Giganten 63
=Säugetiere= 68 Einiges über Ursprung und Entwicklung 68 Wale 71 Zahnarme (Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere) 73 Huftiere 79 Rüsseltiere 89
Bilder-Verzeichnis.
Seite
1. Schädel und Zahn vom Mastodonsaurus 14
2. ~Andrias Scheuchzeri~ (Scheuchzers Riesensalamander) 16
3. Belodon oder Neckarsaurier 19
4. Gangeskrokodil 20
5. Nothosaurus 22
6. Skelett des Plesiosaurus 23
7. Plesiosaurus, rekonstruiert 24
8. Ichthyosaurus (Fischdrache) 26
9. Skelett des Iguanodon 34
10. Brontozoumfährte mit sogenannten versteinerten Regentropfen 35
11. Brontosaurus 38
12. Diplodokus 40
13. Dach- oder Panzerdrache 42
14. Dreihorndrache 44
15. Schädel eines Wolfsauriers aus dem südafrikanischen Trias 47
16. Dickschnäbelige Flugechse 56
17. Urvogel von Eichstädt. Im Mineralogischen Museum in Berlin 60
18. Hesperornis (Königsvogel) 62
19. Brontornis und Hadrosaurus 65
20. Walfisch der heutigen Zeit 71
21. Lebendes Faultier 74
22. Skelett des Riesenfaultiers 75
23. Lebendes Gürteltier 78
24. Ausgestorbenes Riesengürteltier 79
25. Schädel des Dinozeras 82
26. Irischer Riesenhirsch 85
27. Skelett des Höhlenbären 87
28. Schädel des Machairodus 88
29. Dinotherium 90
30. Mastodon 91
31. Mammut 93
32. Die Umgebung von Zürich in der Eiszeit 95
=Farbige Tafeln=: Juralandschaft Seite 17, Kreidelandschaft Seite 49.
Aus alten Mären.
Es ist eine weitverbreitete Meinung, daß der Mensch in früheren Zeiten nicht nur viel gesünder und langlebiger, sondern auch viel größer und stärker gewesen und daß unser Geschlecht überhaupt in absteigender Linie begriffen sei. Zahllose Sagen berichten von Riesen und Riesenvölkern, im Vergleich zu denen wir allerdings nur als verkümmerte Zwerge, als Liliputaner erscheinen. Je weiter wir in der Geschichte zurückschreiten, desto gewaltiger, gottähnlicher ist die „Krone der Schöpfung“, und am gewaltigsten ist naturgemäß das Stammelternpaar. Nach arabischen Überlieferungen hat dasselbe die Größe von Dattelpalmen erreicht, und dessen Gräber, die unweit der Hafenstadt Dschidda am Roten Meere den „Gläubigen“ gezeigt werden, sollen tatsächlich auf gigantischen Wuchs schließen lassen. Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nahm sich ein französischer Gelehrter, Henrien, in verdienstlicher Weise die Mühe, hierüber eine wissenschaftliche Untersuchung anzustellen, und fand durch Berechnung, daß Adam 38,5 Meter und dessen schönere Hälfte 37 Meter gemessen habe. Dergleichen Titanen wurden aber in der Folge immer seltener und verschwanden bald gänzlich. Ajax, der „hervorragendste“ Griechenheld im Trojanischen Kriege (zwölftes Jahrhundert vor Christo), der alle um Haupt und Schultern überragte, erreichte bloß 10 Ellen (6 Meter) und der berühmte Goliath gar nur 6 Ellen und eine Hand. Immerhin wird berichtet, daß die alten Helvetier sowie die Zimbern und Teutonen zu Cäsars Zeiten immer noch durchweg 5 Meter hoch gewesen seien. Für den imposanten Wuchs der Zimbern zeugt das Skelett des Herzogs Teutoboch, eines Heerführers, der von dem römischen Feldherrn Marius Anno 101 vor Christo geschlagen wurde. Ein französischer Chirurg namens Mazurier wollte seinen Mitbürgern weismachen, daß er dessen „Grab“ gefunden habe. Dieses soll 9 Meter lang gewesen sein. Nach den Behauptungen des phantasievollen Wundarztes hatte das noch ziemlich gut erhaltene Skelett 7½ Meter (!) Länge, die Schulterbreite betrug 3 und der Durchmesser des Schädels 1½ Meter. Da kann es eigentlich nicht wundernehmen, wenn auch die Tierwelt mit allerlei Extravaganzen aufmarschierte. In allen Landen wimmelte es von scheußlichen Lindwürmern und Drachen, die zu bezwingen eine besonders rühmliche Aufgabe „preiswerter“ Helden und kühner Recken war. Nicht nur die Dichter von Heldengesängen, auch wir Schulkinder hielten die Drachentöter in besonderen Ehren, und heute noch lesen wir von den Taten eines Herkules, des hörnenen Siegfried und Struthans von Winkelried mit großem Vergnügen.
Die +eigentlichen Drachen+ waren geflügelt und besaßen einen Schlangenleib, manche hatten Löwenfüße und Löwenhäupter, andere Adlerklauen und Adlerköpfe. Sie konnten Feuer speien und ihr Blick, ihr Geifer und ihr Blut waren tödlich, ihre Ausdünstungen bewirkten Gewitter und pestilenzialische Krankheiten und entvölkerten ganze Gegenden.
„Und horch, eine Märe durchkreiset das Land: Nidwalden verheeret ein Drache! Es drohet dem Ländchen ein gräßliches Los, Schon decken das einsame traurige Moos Die Knochen von Menschen und Tieren.“
Die +Lindwürmer+ dachte man sich flügellos und bald mehr schlangen-, bald mehr krokodilähnlich (Tatzelwürmer); sie waren häufig die Behüter kostbarer Schätze. Die größten unter ihnen konnten durch ihre heftigen Bewegungen, zumal durch wildes Schlagen mit dem Schwanze Erdbeben erregen. Nach der persischen Göttersage schuf Ahriman, der Gott des Bösen und der Finsternis, den Drachen Dahaka, der die Welt verwüsten sollte. Bei den nordischen Germanen spielte die vom Höllengott Loke und der Riesin Angoboda gezeugte Midgardschlange eine ähnliche Rolle. Sie reichte um den ganzen Erdkreis herum und erzeugte Ebbe und Flut. Beim Weltuntergang kämpft sie gegen die Götter und wird vom Wettergott Thor mit dem Wunderhammer Miölnir erschlagen; der siegreiche Gott ertrinkt aber in den Giftströmen, die sie über ihn ergießt. Besser bekannt -- wenigstens dem Namen nach -- ist die gemeine große Seeschlange, welche regelmäßig jedes Jahr zu ganz bestimmter Zeit auftaucht, um dann wieder spurlos zu verschwinden.
Das alte, heil’ge, ewige Meer beherbergt eine Menge fabelhafter Ungetüme, außer riesigen Fischen, Walen und Seeschlangen besonders kolossale Kraken oder Polypen, Verwandte des gewöhnlichen Tintenfisches. Der dänische Bischof Pontoppidan (gestorben 1765) berichtet von einem Riesenpolypen, welcher eine halbe Wegstunde Durchmesser hatte und Hügel und Seen trug. Auf seinem Rücken konnte ein Regiment Soldaten exerzieren. Seine Arme waren stärker als die Mastbäume der größten Schiffe.
Ich kann hier nicht untersuchen, wie und wodurch all die Mären von Riesen und Drachen entstanden sind, ich denke mir, daß ihnen gar mancherlei Ursachen zugrunde liegen werden. Viele sind wohl lediglich der „Lust am Fabulieren“ geschuldet, sie sind Erfindungen der Phantasie oder stellen starke Übertreibungen von wirklich Geschautem dar, wobei durch Überlieferung, Zusätze und Ausschmückungen eben ein phantastisches Fabelwesen entstand wie Pontoppidans Riesenpolyp. Von Seefahrern und Entdeckungsreisenden wurden wohl auch manche Fabeleien erfunden, um sich ein großes Ansehen zu geben oder um allfällige Konkurrenten abzuschrecken. Bei der großen Unwissenheit in naturwissenschaftlichen Dingen und dem krassen Aberglauben früherer Zeiten war es ein leichtes, den Mitmenschen die größten Bären aufzubinden.
Etwas anderes ist es mit den Riesen und Ungeheuern der alten Göttersagen (Mythen), dieselben sind wohl durchweg Personifikationen von Naturkräften und Naturereignissen: Kälte, Hitze, Sturm, Erdbeben, Fruchtbarkeit, Überschwemmungen, Toben des Meeres, Epidemien usw. Sodann haben wohl auch die Funde großer Knochen zu mancherlei Fabeleien Anlaß gegeben, besonders die ziemlich häufigen und gut erhaltenen Skelettreste von Mammut- und Mastodonelefanten, Flußpferden, Nashörnern, Riesenhirschen, Walfischen. Die angeblichen Skelette des Helden Ajax und des Königs Teutoboch bestanden höchstwahrscheinlich aus Knochen ausgestorbener Riesentiere. Mit diesen wird sich das vorliegende Bändchen befassen; es ist also ein kurzer Auszug oder wenn wir wollen eine Sammlung von Stichproben aus der Lehre von den ausgestorbenen Geschöpfen (Paläontologie), wobei einige Kenntnisse der geologischen Perioden und Formationen vonnöten sind, was der Leser im zweiten Bändchen unserer Geschichte der Erde: +Die Weltalter+, Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, findet.
Allerlei Könige.
Die Frage, ob die Lebewesen der Vorzeit die heutigen an Körpergröße, Stärke und Lebensdauer weit überragt haben, ist immer noch nicht erledigt, denn die Antwort ist nicht so leicht und einfach, daß sie sich mit Ja oder Nein abtun ließe. Der Leser mag sich gleich selber davon überzeugen. In den ältesten Schichtgesteinen, in den Urtonschiefern, Grauwackensandsteinen, Schiefertonen des Algonkium und Kambrium fehlt die Pflanzenwelt fast gänzlich, und es hat den Anschein, als ob damals nur Tange und verwandte Gewächse existiert hätten. Nun mögen unter diesen wohl auch Riesenformen gewesen sein, gibt es doch in den heutigen Meeren solche von 200 bis 300 Meter Länge (Birnentang); aber höhere, holzige Pflanzen nach Art unserer Bäume gab es wohl noch nicht. Die Pflanzenwelt hat „klein“ angefangen und Jahrmillionen hindurch nur aus Algen und moosartigen Formen bestanden; erst in der Silurperiode hat sie es zu größeren Landpflanzen und erst in der sogenannten Steinkohlenzeit zu üppiger Entwicklung gebracht. Nun war das Festland mit großen Wäldern bedeckt, und diese bestanden aus den berühmten Siegel- und Schuppenbäumen, Riesenschachtelbäumen (Kalamiten) und Baumfarnen. (Siehe Geschichte der Erde, zweiter Teil, Seite 35 ff.[1]) Das waren nun freilich gewaltige Riesen, denn die heutigen Vettern der Siegel- und Schuppenbäume, die Bärlappgewächse und Moosfarne, sind kleine, unscheinbare, schwächliche Pflänzchen, von deren Dasein die meisten Menschen nicht einmal eine Ahnung haben, und die Nachkommen der Riesenschachtelbäume sind die Schachtelhalme oder „Katzenschwänze“, deren stattlichste einheimische Art unter dem Namen Zinnkraut bekannt ist. Das möchte in der Tat zum Gedanken verleiten, daß die Pflanzenwelt wenigstens zur Steinkohlenzeit viel großartiger und üppiger als heute gewesen, daß die Natur damals größere Lebenskraft besessen und daß seitdem ein gewaltiger Rückgang, eine Verarmung und Verkrüppelung, eine Degeneration stattgefunden habe. Das wäre indessen entschieden ein Trugschluß. Wir dürfen nicht vergessen, daß die seltsamen Bäume des Steinkohlensumpfes die größten und höchstentwickelten Gewächse jener Zeit waren und daß sie von der heutigen Baumwelt sowohl hinsichtlich der Größe als auch in bezug auf anatomischen Bau, Zahl und Mannigfaltigkeit der Arten und Lebenserscheinungen -- sie tragen zum Beispiel Blüten und Samen, jene nicht -- weit in Schatten gestellt werden. Nach jenen Steinkohlenpflanzen kamen die Blütenpflanzen: die Nadelhölzer, die Palmen, die verschiedenartigen Laubbäume und all die wundervollen Blumen, also kein Niedergang, sondern ein gewaltiger Aufstieg. Aber dieser Aufstieg vollzog sich in verwickelten Kurven und hatte eben den Untergang der meisten alten Formen zur Folge, was bei jedem Fortschritt zutage tritt, weshalb ja die Anhänger des Alten den Fortschritt so fürchten und hassen, sie wissen oder ahnen wenigstens: das ist ihr Tod. So sehen wir denn, daß zu jedem Zeitalter, in jeder Periode irgendeine Klasse, Ordnung, Familie oder Gattung besonders hervorragt und die anderen Zeitgenossen überragt, sie gewissermaßen beherrscht, worauf wieder der Abstieg und meist völliges Aussterben erfolgt, daher das Wort von den Königen und Herrscherdynastien des Tier- und Pflanzenreiches. Nahmen im ältesten Altertum gewisse Tange den höchsten Rang ein, so rückten später die Schuppen-, Siegel- und Schachtelbäume an deren Stelle. Diese wurden im Mittelalter der Erde durch Zapfenfarne (Farnpalmen) und Urnadelhölzer verdrängt, und hernach folgten die modernen Nadelhölzer und Laubbäume. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es je gewaltigere Baumriesen gegeben hat als die heutigen Eichen, Ahorne, Linden, Kastanien, Tannen, Fichten, Kiefern, Mammutbäume, Kokospalmen, Affenbrotbäume, Gummibäume, Fieberheilbäume und Pfefferminzbäume, welch letztere über 120 Meter hoch werden.
Wie verhält sich’s nun mit den Tieren? Von ihren ältesten Vertretern ist uns ebensowenig bekannt wie von den ältesten Pflanzen; doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Tierwelt, die offenbar aus einem Zweige der Urpflanzen, und zwar aus Uralgen hervorgegangen ist, mit sehr einfachen und kleinen Formen, ähnlich den heutigen Urtieren, angefangen hat. Ein pfenniggroßer Batzenstein (Nummulit) gilt da schon als Koloß, denn er ist millionenmal größer als die kleinsten Aufgußtierchen; das wäre so eine Art „Urkönig“. In den ältesten versteinerungführenden Schichten treten uns keine Giganten entgegen; alles ist noch zwerghaftes Kleingetier. Erst im Silur und Devon treffen wir kraftstrotzende Gestalten: Riesenkrebse, Geradhörner und Panzerfische. Zwar haben auch die seltsamen Lappenkrebse (Trilobiten, siehe zweiter Teil, Seite 21 ff.) den Anspruch erhoben, als „Könige“ zu gelten, und ihre größten Arten von 20 bis 30 Zentimeter Länge waren verhältnismäßig recht stattliche Gesellen, die auch hinsichtlich ihrer Organisation sicherlich ihre Zeitgenossen überragten, aber der Seraphim und dessen Vettern (Pterygotus, Eurypterus, Stylonurus) tragen den Namen +Riesenkrebse+ (Gigantostraken) doch mit größerem Rechte, erreichten sie doch bis 2 Meter Länge. Niemals, weder vor- noch nachher, haben sich Krebse zu dieser erstaunlichen Größe emporgeschwungen. Aber es waren auch recht ungeschlachte Gesellen, die im Kampf ums Dasein eine traurige Rolle spielten und bald von der Bühne abtreten mußten, denn Großsein tut es nicht allein.
Das gilt auch von den Geradhörnern, Vorfahren der heutigen Tintenfische, die ebenfalls mehrere Meter lang wurden und mit kegelförmiger gekammerter Schale versehen waren. Die heutigen Tintenfische oder Kopffüßer, wie der wissenschaftliche Klassenname lautet, weisen indes viel mächtigere Vertreter auf, gibt es doch in unseren Ozeanen Tintenfische mit 10 Meter langen Fangarmen.
Auch die Insekten, die uns zum erstenmal in der Steinkohlenformation entgegentreten, haben ihre Riesen: gewaltige Schaben und Termiten und phantastische Gespenstheuschrecken von 50 Zentimeter Länge, mit wallnußgroßem Kopf und scharfem Schnabel. Aber diese „Insektenkönige“ bilden keineswegs die Blüte ihrer Klasse, vielmehr einen bizarren Auswuchs, dessen Gipfel bald abdorrte. Seinen höchsten Triumph feiert der Insektentypus in den heutigen Käfern, Schmetterlingen, Wespen, Bienen und Ameisen.
Aber damit sind wir viele Jahrmillionen vorausgeeilt und müssen nochmals zurück zum Altertum der Erdgeschichte, zum Zeitalter der Riesenkrebse und Geradhörner. Derweil ist nämlich der rastlos tätigen Natur die Schaffung eines neuen Typus gelungen, nämlich des +Wirbeltiers+. Damit hat sie eine ganz neue Bahn betreten, die zu den höchsten Höhen führte und eine fast unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit ermöglichte. Während die bisherigen Typen: Urtiere, Pflanzentiere, Würmer, Sterntiere, Weichtiere und Gliederfüßer sich im tobenden Kampfe ums Dasein dadurch zu schützen suchten, daß sie ihre Leiber in ein äußeres Skelett, ein Gehäuse, eine Schale oder einen Panzer steckten, probierten es die Wirbeltiere mit einem +inneren+ Skelett, einem achsenständigen Knochenbau. Diese Entwicklung vollzog sich aber nicht sprungweise, sondern tappend und unsicher in zahllosen, bald fehlgeschlagenen, bald mit Erfolg gekrönten Versuchen. Die ältesten Entwicklungsreihen waren nicht erhaltungsfähig und sind daher unbekannt; doch unterliegt es keinem Zweifel, daß das Wirbeltier einem uralten Zweig des wunderbar mannigfaltigen Wurmkreises entsprossen ist. Noch heute existiert eine kleine, aber höchst merkwürdige Gruppe von Meeresbewohnern, welche das Bindeglied zwischen den beiden jetzt so weit auseinanderliegenden Tierkreisen bildet. Das sind die sogenannten +Manteltierchen+, deren Jugendstadien direkt zum niedersten Wirbeltier, dem berühmten +Lanzettfischchen+ hinüberleiten.
Die ersten Wirbeltiere treten auf in der sogenannten +Silurformation+, der dritten Hauptabteilung des Altertums der Erde (der paläozoischen Ära). Es sind abenteuerlich gestaltete Wesen mit knorpeligem Innenskelett und starkem Hautpanzer (Panzerköpfe, Schildköpfe und Flügelfische, deren Bild der Leser in Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“, Seite 34 und 35, findet). Die meisten Arten waren von kleiner Gestalt und geringer Bewegungsfähigkeit, bei denen das Wirbeltierprinzip nicht recht zur Geltung kommt. Aber die +Schreckensfische+ der +Devonzeit+ (Dinichthys und Titanichthys) waren Riesen von 6 Meter Länge und meterlangem Kopf. Indessen auch sie vermochten sich nicht lange zu behaupten und starben noch in der Devonzeit aus. Dem Panzerfisch erging es wie dem treulosen Knappen in Uhlands Ballade: „Und wie er rudert und wie er ringt, der schwere Panzer ihn niederzwingt.“
Erfolgreicher waren die +Haie+, die sich des starren, hindernden Panzers entledigten und die Haut nur mit zahnartigen Stacheln schützten, dafür aber an Beweglichkeit, Furchtbarkeit des Gebisses und Schärfe der Sinne eine solche Vollkommenheit erlangten, daß sie sich zu Herren des Ozeans emporschwingen konnten; sie sind die „Könige“ der Fischwelt geblieben bis auf unsere Tage. Leider eignet sich ihr Körper nicht für den Versteinerungsprozeß, da ihr Skelett aus leicht vergänglichem Knorpel besteht und nur Zähne und Flossenstacheln verknöchert sind. Diese finden sich in manchen Gesteinschichten geradezu massenhaft und lassen auf gewaltige Ungeheuer schließen. Der +sägezähnige Riesenhai+ (~Carcharodon megalodon~) der Braunkohlenzeit, ein Koloß mit 15 Zentimeter langen und ebenso breiten dreieckigen Zähnen, mag seine heutigen Vettern an Größe noch übertroffen haben und darf wohl den gewaltigsten aller Geschöpfe zugezählt werden.
[1] Die voraufgegangenen beiden Bändchen der +Geschichte der Erde+ enthalten: Erster Teil, +Wie Berg und Tal entstehen+ (Nr. 15 der „Kleinen Bibliothek“); zweiter Teil, +Die Weltalter+ (Nr. 21 der „Kleinen Bibliothek“).
Amphibien oder Lurche.
Eidechse und Salamander ähneln sich derart, daß man beide für Angehörige derselben Familie halten könnte, etwa wie Katze und Tiger; allein das Studium ihres Körperbaus und ihrer Entwicklung hat ergeben, daß sie zwei verschiedenen Klassen angehören und nicht näher miteinander verwandt sind als Walfisch und Fledermaus. Die Salamander bilden mit den Blindwühlen, Kiemenmolchen, Fröschen und Kröten die Klasse der +Amphibien+, deren Junge echte Wassertiere und gleich den Fischen mit Kiemen ausgerüstet sind. Manche behalten die Kiemen zeitlebens, andere verlieren sie und atmen im erwachsenen Zustand durch Lungen. Sie machen eine Verwandlung durch, was oft mit einer auffallenden Änderung der ganzen Gestalt und Lebensweise verbunden ist (Kaulquappe und Frosch). Doch gibt es auch Ausnahmen.
Die Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen, Krokodile und Schildkröten stehen entschieden höher; sie atmen niemals durch Kiemen und machen keine Verwandlung durch. Man hat sie daher von den echten Amphibien getrennt und zur Klasse der +Kriechtiere+ oder +Reptilien+ vereinigt.